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Full text of "Der salutismus, eine sozialwissenschaftliche monographie über general Booth und seine Heilsarmee"

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R SALUTISMUS 



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SCHRIFTEN ZUR 
SOZIOLOGIE DER KULTUR 

HERAUSGEGEBEN VON 
ALFRED WEBER=HEIDELBERG 



II. BAND 



VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS 

JENA 1913 



RA GLASEN 

DER SALUTISMUS 

EINE SOZIALWISSENSCHAFTLICHE 
MONOGRAPHIE ÜBER GENERAL 
BOOTH UND SEINE HEILSARMEE 




VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS 

JENA 1913 



688309 



Gehe hinaus an die Wege und Zäune, 
und nötige sie, hereinzukommen. 

Liik. 14, 23, zitiert nach der Vulgata 



ALLE RECHTE / 

INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG / VORBEHALTEN 

COPYRIGHT BY EUGEN DIEDERICHS IN JENA 1913 



VORWORT 

Der Gedanke, ein Werk über die Heilsarmee zu schreiben, kam mir vor 
einigen Jahren, als mich mein lebhaftes Interesse für soziale und ge- 
werbliche Fragen und die sozialstudentische Bewegung in eines ihrer 
Männerheime führten. Nun liegt es vor und es ist bei der Fülle des Stoffes 
eher eine Sammlung von Material als eine erschöpfende Arbeit geworden. 
Aber trotz oder auch wohl wegen dieser Gedrängtheit ist es umfassender 
als alle ihm vorangehenden Veröffentlichungen und kann gewissermaßen 
als ein Heilsarmee-Handbuch und wegen des beigegebenen Personen- und 
Sachregisters auch als ein Heilsarmee-Wörterbuch betrachtet werden. Es 
stellt den ersten Versuch dar, unseren Gegenstand sozialgeschichtüch, rassen- 
und kulturpsychologisch wie überhaupt wissenschaftlich-systematisch zu 
erfassen. Man wird mir deshalb einige Nachsicht schenken müssen, zumal 
bei den tausend einschlägigen Fragen und Wissenszweigen ein ganz selb- 
ständiges Urteil nicht in allen Stücken möglich war. Begeisterte Lobes- 
erhebung und Verehrung von der einen — kleinliche Nörgelei und Haß 
von der anderen Seite erschweren es, aus der bis jetzt vorhandenen Literatur 
ein klares Bild zu gewinnen. Das Schimpf wörterlexikon, sagte der Be- 
gründer der Heilsarmee selber (142, 219), hat man an mir erschöpft. Aber als 
er starb, wetteiferten selbst regierende Fürsten, ihr Beileid auszudrücken. 

Ich habe aus Anerkennung ebenso wie aus Tadel die Wahrheit herauszu- 
schälen versucht, unbekümmert, wie sie schmecken würde. Doch lasse ich 
mich deshalb in diesem Buche nicht in eine Polemik ein, weder mit den 
Freunden noch mit den Gegnern der Heilsarmee. Wozu die Öffentlichkeit 
mit Auseinandersetzungen belästigen, die letzten Endes doch nur einen ganz 
kleinen Kreis interessieren ? Um ein doppelt so starkes Buch herauszugeben ? 
Wer sich so ernstlich mit mir befaßt, daß er meine Quellen nachprüft, wird 
wohl auch die Gründe finden, weshalb meine Darstellung von der herkömm- 
lichen so vielfach abweichen mußte; ich glaube das von jedem behaupten zu 
dürfen, der auch nur einen kleinen Bruchteil der Zeit auf diese Arbeit ver- 
wendet, die sie mich gekostet hat. Übrigens bin ich bereit, jeden Satz weiter 
zu verteidigen und gegebenenfalls auch — zurückzunehmen. Nicht darauf 
kommt es an, daß meine Ansicht durchdringt, sondern daß die Allgemeinheit 
den Salutismus endlich einmal erkennt, wie er ist. 

Getragen von solcher Auffassung und von der Hoffnung, auch einen Bau- 
stein zu dem eben erst erstehenden Gebäude der Sozialwissenschaften zu 
liefern, habe ich mich der Mühe dieser Arbeit unterzogen, und es ist mir eine 
angenehme Pflicht, allen zu danken, die an ihrem Zustandekommen mit- 

VII 



gewirkt haben: den Herren Prof. Dr. A. Weber, Heidelberg, dessen großes 
Interesse mir immer wieder neue Anregung gab; Prof. Dr. Th. von Kolde, 
Erlangen, Dr. M. Gerhard, Prüm, und Ob. F. F. Fornachon, Paris, für die lie- 
benswürdige Überlassung von Literatur oder urkundlichem Material ; ferner 
W. Bramwell Booth, dem jetzigen obersten Leiter der Armee, der ebenso wie 
General William Booth, der weltbekannte Gründer, die Freundlichkeit hatte, 
mich verschiedentlich zu empfangen und mir über mancherlei Fragen eine 
autoritative Auskunft zu geben; den Kommandeuren W. J. MacAlonan, 
Berlin, R. J. Sturgess, London, und Ob. F. W. Pearce, London, die sich 
mit beispielloser Bereitwilligkeit in meine Dienste stellten ; Ob. Henry Bul- 
lard, früher Tokio, Kom. David C. Lamb und Ob. W. L. Simpson, alle drei 
London; den Stabsoffizieren /os. und besonders CJ-Goiiflars, Rotterdam und 
Berlin; Haines, London; Linacre, Glasgow; dem General der Volunteers of 
America, Ballington Booth, New York; dem Leiter der Church Army, 
W.Carlyle, London, und vielen anderen, die mir wertvolle Einzelauf Schlüsse 
gaben. Und dann noch an letzter Stelle, aber nicht zuletzt Herrn Bibliothekar 
H. Auer, Freiburg i. B., und den beiden deutschen Offizieren /. Hein und 
F. Rothstein, denen ich, jedem in besonderer Weise, verpflichtet bin. 

Ich weiß mich mit all diesen Herren eins in der Liebe zur Wahrheit, so ver- 
schieden auch unsere Anschauungen sein mögen, und so hoffe ich, daß die 
Lektüre dieses Buches ihnen allen wenigstens die eine Befriedigung bringt, 
ihr Wohlwollen nicht an einen Unwürdigen verschwendet zu haben. 

Düsseldorf, im Herbst 1913 Dr. Clasen 



7~^iß benützte Literatur ist nach der im Verzeichnis getroffenen Numerie- 
1 y rung zitiert. Die zweite Zahl bedeutet stets die Seite, z. B. 1,18 = H. 
Andrae, Lieben und Leiden . . . Seite 18. Nur beim Kriegsruf und anderen 
periodischen Schriften ist eine Ausnahme gemacht, so dass z. B. 1908, 41, 
5 bedeutet: Deutscher Kriegsruf Nr. 41, Seite 5. 

T~\as Wort Heilsarmee ist in H., die Wörter Salvation Army in S. A. 
X-^ und der Name des Gründers und seiner Familie in B. abgekürzt. Die 
Offizierstitel sind meist nur mit Anfangsbuchstaben gegeben, z. B. Gen. = 
General, Kom. = Kommandeur, Ob. = Oberst, Adj. = Adfutant, Kap. = 
Kapitän usw., St.O. = Stabsoffizier, F. 0.^ Feldoffizier, L . . = Lokaloffi- 
zier, H.Q. = Hauptquartier. Die Erklärung dieser Ausdrücke findet dxr Leser 
in dem I. Hauptstück: Organisation der Heilsarmee, Seite 19 ff. 

7~^as Nationale Hauptquartier der Heilsarmee für Deutschland zu Berlin C 19 
J_^ hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, etwaige Zuschriften 
an die jeweilige Adresse des Verfassers weiterzugeben. 

VIII 



INHALTSÜBERSICHT 

Vorwort VII 

1. Literatur- und Quellen XIII 

2. Einleitung 

Grundanschauungen — England und die Soziologie — Das Interesse der Allge- 
meinheit an dieser Veröffentlichung — Das Prinzip für die äußere Stoffein- 
teilung — Bestimmung des Fragepunktes — Einteilung nach inneren Gründen i 

3. Literatur- und Quellenbesprechung 

Kolde, Gerhard und die Theologen überhaupt — Nichtsalutistische, amtliche 
Darstellungen — Das Schriftwesen der Heilsarmee — Offizielle Schriften und 
solche der Familie Booth — Schriften von Freunden — Belletristik und Jour- 
nalistik über die H. — Schriften von Gegnern — Persönliche Kenntnisnahme 
des Verfassers 5 

ERSTER TEIL 

ORGANISATION, RELIGION UND GESCHICHTE DER 

HEILSARMEE 
L HAUPTSTÜCK. ORGANISATION DER HEILSARMEE 

1. Allgemeiner Teil 

Wesen der Organisation — Herkunft der Offiziere — Einteilung und Rang — 
Materielle Lage 15 

2. Besonderer Teil 

a) Einzelorgane: Der General — Der Stabsoffizier — Der Feldoffizier — Der 
Lokaloffizier 22 

b) Gesamtorgane: Rekrutierung — Finanzierung und Vermögensverwaltung — 
Die Handelsabteilung — Wohlfahrtseinrichtungen 25 

II. HAUPTSTÜCK. RELIGION DER HEILSARMEE 

1. Dogmatik 

a) A llgemeiner Teil: Der christliche Synkretismus der H. — Die Glaubensquellen 3 1 

b) Besonderer Teil: Theologie, Anthropologie, Christologie, Pneumatologie und 
Soteriologie — Ekklesiologie, Eschatologie und Mariologie der H 32 

2. Ethik 

a) Allgemeines: Der Begriff von Tugend= Altruismus = die H.-Religion — Der 
Begriff von Pflicht und Sünde, im besonderen von Alkohol- und Tabak- 
genuß — ,,Der Jesuitismus" 34 

h) Das sittliche Einzellehen: Das Verhalten des Salutisten gegen sich selbst, 
gegen den Nächsten, gegen Gott 3^ 

c) Das sittliche Gemeinschaftslehen: Der Salutismus und die Familiengemein- 
schaft — Der S. und die kirchliche Gemeinschaft — Der S. und die staatüche 
Gemeinschaft — Der S. und die Kulturgemeinschaft 39 

3. Liturgik 

a) Versammlungen und Feste 44 

b) Zeremonien und Gebräuche 51 

IX 



III. HAUPTSTÜCK. GESCHICHTE DER HEILSARMEE seite 

1. Die H. wird geboren 55 

2. Die H. in England, Schottland und Irland 58 

3. Die H. in den Ver. Staaten von Nordamerika 70 

4. Die H. in Australien 76 

5. Die H. in Frankreich 79 

6. Die H. in Kanada 82 

7. Die H. in Ostindien und Ceylon 84 

8. Die H. in der Schweiz und Italien 89 

9. Die H. in Nordeuropa 97 

10. Die H. in Südafrika 103 

11. Die H. in Deutschland 105 

12. Die H. in Holland iii 

i'^.'Dxe 11. in Westindien und Mittelamerika 114 

14. Die H. in Südamerika 115 

15. Die H. in Java 116 

16. T)i&}l. in Japan, Korea und den versprengten Gebieten 117 

ZWEITER TEIL 

DIE HEILSARMEE ALS SOZIALE ERSCHEINUNG 

I. HAUPTSTÜCK. SOZIALRELIGIÖSE VORBEDINGUNGEN FÜR 
DIE ENTSTEHUNG DER HEILSARMEE 

1. Die soziale Reformation des Christentums, nachgewiesen 

a) am Katholizismus 123 

b) am Protestantismus 131 

c) am Anglikanismus 138 

2. Englisches Christen- und Kirchentum 

a) Allgemeinkirchliches über die Heimat des Salutismus 144 

b) Das Quäker- und Methodistentum, seine Vorläufer 147 

IL HAUPTSTÜCK. SOZIALGESCHICHTLICHE DARSTEL- 
LUNG DES LEBENSGANGES DER H.-GRÜNDER 

1. Die Jugend von General W. Booth 153 

2. Die Jugend von Frau Cath. Booth 162 

3. Gegenseitiger Einfluß und gemeinsames Wirken bis 1861 ...... 166 

4. Die Vorgeschichte der Heilsarmee von 1861— 1878 172 

5. Charakteristik von William und Cath. Booth 181 

X 



III. HAUPTSTÜCK. SOZIALKULTURELLE BETRACHTUNG 
DES BOOTHSCHEN LEBENSWERKES seite 

1. nach seinen wesentlichen Eigen tümhchkeiten 

a) Das Religiössoziale als Wesen des Salutismus und seine Quellen 187 

b) Der Salutismus als Kirchentum des „Versunkenen Zehntels" 195 

c) Der Salutismus als Morgenröte des konfessionslosen Christentums .... 200 

2. nach seinen formalen Eigentümlichkeiten 

a) Gleichstellung der Geschlechter 206 

b) Militarismus und Autokratie 211 

c) Methodik in der Heilsarmee 214 



DRITTER TEIL 

DIE SOZIALE BETÄTIGUNG DER HEILSARMEE 

I. HAUPTSTÜCK. DIE SOZIALTHEORETISCHE BETÄTIGUNG 
DER HEILSARMEE: DAS „DARREST ENGLAND SCHEME" 

1. Einführung 

a) Grundlegende Gedanken 233 

b) Das Dunkelste England 236 

2. Der eigentliche Sozialplan 

a) Die Stadtkolonie 240 

b) Die Farmkolonie 243 

c) Die Überseekolonie 246 

3. Besondere Reform vorschlage 

a) Ein neuer Kreuzzug 247 

b) Hilfe allgemeiner Art 250 

4. Schlußbetrachtungen 

a) Die Ausführung des Planes 252 

b) Einwürfe und Widerlegungen 253 

c) Praktische Folgerungen 254 

IL HAUPTSTÜCK. PRAKTISCH-SOZIALE BETÄTIGUNG 
ALLGEMEINER ART 

1. Die ,, Stadtkolonie" 

a) Die H.-Herbergen 256 

b) Blackfriars, Freies Frühstück 259 

c) Spa Road, das Vorbild eines Arbeitsheimes 264 

2. Die „Farmkolonie" 

a) Hadleigh in Essex, England 266 

b) Die anderen H.-Kolonien 270 

3. Die „Überseekolonie" 272 

XI 



III. HAUPTSTÜCK. PRAKTISCH-SOZIALE SONDERBETÄTI- 
GUNG FÜR BESTIMMTE KLASSEN UND NOTSTÄNDE seite 

1. Die mehr aggressive Tätigkeit 

a) Der organisierte Kampf gegen den Alkoholismus 275 

b) Der organisierte Kampf gegen die Prostitution 2S1 

c) Der organisierte Kampf gegen Verelendung überhaupt 287 

2. Die mehr präventive Tätigkeit 

a) Fürsorge für Wöchnerinnen und Jugendliche 293 

b) Fürsorge für Gefangene und Stellenlose 298 

c) Fürsorge für Vermißte und Lebensmüde 304 

SCHLUSSWORT 
ZAHLENBILDER, PERSONEN- UND SACHVERZEICHNIS 

1. Schlußwort 

Gründe für die rasche Ausbreitung der Armee 313 

Bemerkungen zu den statistischen Tafeln 316 

Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse 317 

2. Zahlenbilder 320 

3. Personen- und Sachverzeichnis 324 

Qui hene distinguit, bene docet! 



XII 



LITERATUR UND QUELLEN 

Die Werke sind im allgemeinen alphabetisch nach Verfassern geordnet mid 
dabei die salutistischen mit einem * versehen ; also hat z.B. Charles Booth 
nichts mit der Familie des ersten H.-Generals zu tun. Erscheinungsort ist 
London, wenn nicht anders angegeben. Wo das Druckjahr fehlt —bei einigen 
unbedeutenden Büchern, die nur noch durch die K. selber zu erlangen sind — 
war es nicht bestimmt zu ermitteln. Wichtiges ist durch Versaliendruck, be- 
sonders Wichtiges dazu noch durch fetten Satz der Nummern hervorgehoben 
W'eitere Literatur siehe im Text! 

1. H. ANDRAE, Lieben und Leiden einer Magd des Herrn (= Frau Cath. B.) 
Schwerin 1909. 228. 

2. ATTENTATS aux droits constitutionels en Suisse. Publications de la Ligue du 
Droit commun, No. 3. Lausanne 1885. 188. 

3. H. AUER, Carl Hilty. Bern 1910. 218. 
H. BEGBIE, 

4. Eroken Earthenware. London 19 10. 192. 

5. Other Sheep. London 191 2. 344. 

6. *S. BRENGLE, The Army'Drum. 1909. 180. 

(*)Mr. BALLINGTON BOOTH, 

7. From Ocean to Ocean : or, the March from the Atlantic to the Pacific. New York 
1891. 200. 

8. New York's Inferno. Ebd. 1893. 100. 

9. A Three-fold Präsentation of the Volunteer Work. Ebd. 191 2. 24. 

IG. (*)Mrs. BALL. BOOTH (=Maud Charlesworth), Beneath Two Flags. New York 
and London 1889. 288. 

*BRAMWELL BOOTH, 

11. Books that Bless. 1899. 191. 

12. Friends of the Poor. 1901. 64. 

13. Light in Darkest England. 1895^. 150. 

14. Our Master. 1908. 168. 

15. Servants of All. 1900^. 167. 

16. SOCIAL REPARATION. 1899. 124. 

17. THE ABANDONED CHILD, a Plea for the Amendment of the Industrial Schools 
Act. 1908. 76. 

♦CATHERINE BOOTH (= Mrs. WILLIAM B.) 

18. AGGRESSIVE CHRISTIANITY. 193. 

19. GODLINESS. 177. 

20. LIFE AND DEATH. 206. 

21. POPULÄR CHRISTIANITY. 198. 

22. PRACTICA L RELIGION. 214. 

23. THE S.A. IN RELATION TP THE CHURCH AND STATE. 92. 

XIII 



24- CHARLES BOOTH, Life and Labour of the People in London. 1892 ff. Viel- 
bändiges Sammelwerk. 
♦WILLIAM BOOTH, (Werke unpersönlichen Charakters siehe unter H. !) 

25. Emigration and the S. A. Eine Ansprache, gehalten im Februar 1906 zu London 
vor dem Royal Colonial Institute. 46. 

26. Emigration — Colonisation, one permanent Remedy. 1905. 54. 

27. IN DARREST ENGLAND AND THE WAI OUT. Nov. 1890. 285 u. XXXI. 

28. Purity of Heart. 118. 

29. Rehgion for every Day. 2 vol. in i Bd. mit je 190 oder getrennt; vol. 2 dann mit 
dem Titel: Love, Mariage and Home. 

30. Salvation Soldiery. 156. 

31. Sergeant-Major Do-Your-Best; or, The Inner Workings of a S. A. -Corps. 287. 

32. The Generals Letters. 204. 

33. The S. A. and POOR LA W REFORM. 64 mit XXX. Einführung von Bramwell B. 

34. The Seven Spirits; or, What I Teach my Officers, 112. 

35. The Training of Children. 260. 

36. THE VAGRANT AND THE UNEMPLOYABLE; a Plea for the Compulsory 
Restraint of Vagrants and their Employment in Labour Colonies. So. 

Traktate : 

37. A Ladder to Holiness. Auch deutsch. 

38. Holy Living. 32. 

39. How to be saved ? Auch deutsch. 

40. Visions. 160. Deutsche Ausgabe von Pfarrer Bucher mit LXV Seiten. 

41. RUNDSCHREIBEN an seine Offiziere, bislang ungesammelt. 
(*)Mr. A. S. BOOTH-CLIBBON, 

42. IG Jahre Krieg in Frankreich und der Schweiz. Berhn 1891. X (von Railton) u. 148. 
Auch englisch und französisch. 

43. Plus qua Vainqueur. Paris. 331. Auch deutsch als ,, Sieger". Zürich 1895. CCXIIC. 

(*)Mrs. A. S. BOOTH-CLIBBORN (= CATHERINE B. junior), 

44. Miracles. Paris. 2 vol. 202 u. 252. 

45. II vous la faut. Paris 82. 

46. *E. D. BOOTH-HELLBERG, Der soziale Zweig der ersten christlichen Kirche. 
Bern 1904. 25. Auch englisch. 

*F. DE LAUTOUR BOOTH-TUCKER, 

47. The Consul (= Emma B. Tucker). London 1904^. 150. 

48. THE LIFE OF MRS. BOOTH, THE MOTHER OF THE S.A. 2 vol. 1832. XXI 
u. 457, XXI u. 494. 

49. Dasselbe in Form eines Auszuges. 18^3^. 536. 

50. What the S. A. is doing in India and Ceylon. Simla 191 1. 60. 

51. Wilham Booth. New York 1898. 128. 

52. Colonel Weerasooriya. 1905. 114. 

53. L. BRENTANO, Die christlich-soziale Bewegung in England. Leipzig 1883. 

54. A. BRÜCKNER, Erweckungsbewegungen. Hamburg 1909. 191. 

55. L. BRUYERE, Les oeuvres philantropiques de TArmee du Salut en 1905. Paris 
1906. 21. 

56. H. TH. BUCKLE, Geschichte der Civilisation in England. 2. vol. Leipzig und 
Heidelberg 1870*. 

XIV 



57- TH. F. G. COATES, THE PROPHET OF THE POOR, THE LIFE-STORY OF 
GENERAL BOOTH. London 19052. 354. 

58. L. COLZE, Die H. und ihre soziale Arbeit. „Sozialer Fortschritt", Heft i^. Leip- 
zig 1905. 16. 

*W. CORBRIDGE, 

59. Battle Array: The Salvation and Ruination Armies. 

60. Salvation Mine : Down to Death, Up to Glory. 

61. The Up Line to Heaven, the Down Line to Hell. Drei Broschüren 1881. 

62. CORRESPONDANCE respecting the expulsion from the cantons of Geneva and 
Neuchätel of certain British subjects. Presented to both Houses of Parliament 
by Command of Her Majesty. 1884. 127. 

63. *U. COSANDEY, The S. A. in France, Italy and Belgium. Paris 1904. 66. 

64. CH. DICKENS, Londoner Skizzen. Reclam, Universalbibliothek Nr. 1157— 1160. 

65. E. DÜHREN, Das Geschlechtsleben in England mit besonderer Beziehung auf 
London. 3 vol. Berhn 1903. 

66. F, ENGELS, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. Stuttgart 1892^. 
M. FASSBENDER, 

67. General Booth im Zirkus Busch in Berhn. ,, Caritas", X. Jalirg. Freiburg i. B. 
1905. 81 u. 116. 

68. Der Salutismus. Kritik und Würdigung der H. ,, Hochland", IX. März- und April- 
heft 191 2. 

69. J. FEHR, Die H. ,, Frankfurter zeitgemäße Broschüren" Bd. XII, 289—369 = Heft 
9 u. IG. Frankfurt a. M. 1891. 

70. *F. FORNACHON, L' Armee du Salut en France et en Belgique. Paris 1909. 60. 

71. H. FRIEDERICHS, Entwicklung, Organisation und Methode der H. Frankfurt 
a. M. 1908. 205. (Aus dem Engüschen: The Romance of the S. A.) mit XXXVIII. 
\''orwort von W. Booth. 

72. H. FUCHS, Heilsarmee. Jena 1910. 240. 

•JT,. O. FUNCKE, Englische Bilder in deutscher Beleuchtung. Bremen 1883. 190. 
7^. A. DE GASPARIN, Lisez et jugez Armee soi-disant du Salut. Courts extraits 

de ses Ordres et Reglements. Genf 18846. yj. 

Von den zahkeichen gegen die Gräfin und überhaupt in den Schweizer Wirren 

erschienenen Schriften seien angeführt: 

75. Sautter de Blonay, In Sachen der H. Offenes Sendschreiben an Gräfin Gasparin. 
Bonn und Gernsbach 1883. t,o. 

76. *Jugez l'Armee du Salut, teile qu'elle est (wahrscheinlich von Railton). Paris. 
yj. Lettre ä mes concitoyens par Aime Humbert. Neuchätel 1883. 

78. Le crime des Salutistes. Genf 1883. 40. 

79. Impartiahte. Noveaux et importants documents concernant l'Armee du Salut. 
Genf 1883. 24. 

80. L'AUiance evangelique et la liberte religieuse. Neuchätel 1890. 15. 

81. *La liberte de sauver. Genf 1890. 36. 

82. Rapport du conseil federal ä. l'assemblee federale sur les petitions concernant 
l'armee du salut, 2. juin 1890. 

83. M. GERHARD, DER RELIGIÖSE CHARHKTER DER H. Breslauer Disser- 
tation. Bonn 1906. 81. = IV. Kapitel seines bisher unverö ff enthchten Werkes, das 
folgenden Inhalt erhalten soll: i. Kap. Selbstzeugnis, Ziel und Methode der H. — 
2. Kap. Lebensgang, Entstehung, Organisation und Ausbreitung — 3. Kap., Das 
soziale Programm — 4. Kap. Religiöser Charakter — 5. Kap. Ursachen des Er- 
folges — 6. Kap. Eigenurteil über die H. und Vergleich mit ihrem Selbstzeugnis. 

XV 



84. R. GIFFEN, The Progress of the Working Classes. London 1884. 

85. CHR. A. G. GOEDE, England, Wales, Irland und Schottland. Dresden 18032, 
H. R. HAGGARD, 

86. REPORT OF THE S. A. COLON lES in the U. St. A. and at Hadleigh, England, 
with Scheme of national land settlement. Presented to both Houses of Parliament 
by Commaud of His Majesty, June 1905. 74. 

87. Dasselbe als illustrierte Volksausgabe unter dem Titel ,,The Poor and the Land". 
London 1905, 157. 

88. REGENERATION , being an account of the social Works of the S. A. in Great 
Britain. London 19 10. 264. 

HEFTE der freien kirchlich-sozialen Konferenz. 

89. Heft 26: NATHUSIUS, Christhche Liebe und soziale Hilfe. 

90. Heft 33: BERNSTORFF und STOECKER, Heranziehung von Frauen an die 
kirchliche Arbeit. 

91. Heft 44: MAHLING, Die soziale Bedeutung der christlichen Gemeinde. 

*HEILSARMEESCHRIFTEN 

I. DRUCKSACHEN.: 

92. DIE KRIEGSARTIKEL. 

93. DAS KANDIDA TEN FORMULAR. 

94. Offiziersregresse. 

95. Vordrucke für Rapporte. 

96. FINANZBERICHTE und öffentliche Quittungen. 

n. ALLGEMEINE BUCHSCHRIFTEN OFFIZIELLER NATUR: 

97. URKUNDLICHE TEXTE und gerichthche Entscheidungen. Bisher nicht ge- 
sammelt. 

QS. DIE STATUTEN DER {deutschen) H., Zweck und Organisation der Be- 
wegung. 14 §§. 
99. La verite ä l'egard de l'Armee du Salut. 56 Erklärungen. Paris 1881. 32. 
100. THE WHY AND WHEREFORE. Für Kadettenschulen. Deutsche Bearbeitung 

als: 
loi. Frage und Antwort über die H. Beide 100 Seiten. 

102. Liederbücher und Musikalien. 

103. The S. A. Directory No. i. Katechismus für Kinder bis zu 12 Jahren. 29, 

104. The S. A. Directory No. 2. Katechismus für Kinder bis zu 14 Jahren. 65. 

105. Wegweiser. Deutsche Übersetzung von Nr. 2. 

106. Helps to the Directory. Für Lehrer und Eltern. 

107. The Doctrines of the S. A. 119 Seiten. Deutsch als: 

108. DIE LEHREN DER H., zusammengestellt für Kadettenschulen. 104. 

109. The S. A. Soldiers Guide. A Bible-Reading for the Morning and Evening of every 
Day in the Year. 460. 8^. 

III. ORDERS AND REGULATIONS: 

110. FOR SOCIAL OFFICERS. 464 u. LXIII. I. Buch. Principles of Organization; 

II. The Mens social Work; III. The Womens social Work; IV. The investigation, 
prisoners friend and general Information department; V. Criminals; VI. Neglected 
Children; VII. The slum Operations; VIII. Miscellaneous. Eine Ausgabe in 2 vol. 
wird in kurzer Zeit erscheinen. 

XVI 



111. For the S. A. Part I. (Die anderen Teile nicht erschienen, Ausgabe vom Oktober 
1878.) London. H.-Q. 272. Whitechapel Road E. 124 Seiten S^. Price two pence. 
Einleitung von XII Seiten. I. Kap. Wie erkundet man das Land? II. Wie man die 
anzugreifenden Städte auswählt, III. die Städte nimmt, IV. behauptet, und V. ein- 
teilt. VI. Eine eroberte Stadt. 

112. For Staff Officers. 280. 

113. For the Training of Field Officers. 98. 

ll*. FOR FIELD OFFICERS. I.Buch: Responsibilities, II. Organisation, zusammen 
633 Seiten. Das I. Buch deutsch als: 

115. Regeln und Verordnungen für F.-O. 432. 

116. Talking. Some Preliminary Suggestions for F. O. 191 1. 20. 

117. Faith Healing. Memorandum for Officers. 1892. 

118. FOR SOLDIERS OF THE S. A. Zitiert ist die deutsche Ausgabe von 109 Seiten. 

119. For Localoffizers. Zitiert ist die deutsche Ausgabe von 46 Seiten. 

120. For Treasures and Secretaries. 32 Seiten. 

121. For Bands (auch deutsch). 28 Seiten. 

122. For Circle Corps. 20 Seiten. 

123. For Ward Sergeants. 18 Seiten. 

124. For the RoU-Book (auch deutsch). 16 Seiten. 

125. Of the Probation System. 20 Seiten. 

126. For the Junior Soldiers V/ar. 34 Seiten. 

127. For the Young Peoples Legion and Corps Cadets (auch deutsch). 24 Seiten. 

IV. VON ZEITSCHRIFTEN SEIEN ANGEFÜHRT; 

128. The Emigration Gazette, ohne festen Erscheinungstermin. 

129. Effata (für Taubstumme), ohne festen Erscheinungstermin. 

130. ALL THE WORLD für das Missionswesen, 50 Seiten, Monatsschrift. 

131. The Deliverer für das Frauensozialwerk, 16 Seiten, Monatsschrift. 

132. The Musical Salvationist, 16 Seiten, Monatsschrift. 

133. The Warrior for young People, 30 Seiten, Monatsschrift. 

134. The Field Officer (auch deutsch), 30 Seiten, Monatsschrift. 

135. „THE WAR CRY". Deutsch als ,,Kj-iegsruf", französisch als ,,En avant" usw. 
Wochenblatt. 

136. ,,The Young Soldier". Deutsch als ,,Der junge Soldat". Wochenblatt. 

137. ,,The Social Gazette". 4 Seiten, großes Format. Wochenblatt. 

V. JAHRESBERICHTE UND WERBESCHRIFTEN: 

138. Apostolic Warfare. 1899. 96. 

139. The Progress of the S. A. during the Year. 1891. 88. 

140. An der Arbeit. Für 1904. Bern 34. 

141. Precipices. Für das Sozialwerk. 1904/05. 108. 

142. Essays and Sketches 1906. 272. 12 Aufsätze und Reden von Außenstehenden. 

143. Im Kampfe. Für 1906. Bern 56. 

144. Sketches of the S. A. Social Work. Für 1906/07. 94. Von H. -Freunden. XXII von 
W. B. 

145. Zwölf Monate Krieg und Sieg. Für 1907. Berlin. 86. 

146. More Salvation V/ar Despatches. XII (von W. B.) und 108. 

147. Deutschland für Gott. Für Berlin. 1908. 88. 

148. Help. Für das Frauensozialwerk. 1908. 68. 

149. Inasmach. Für Australien. Melbourne 1908. 50. 

150. Was ist, was will, was tut die H. ? Für 1909. Bern. 152. 

XVII 



151. The Surplus. Für das Auswandererwesen. 1909. 92. 

152. Lights Ahead. Für das Frauensozialwerk. 1909. 44. 

153. THE YEAR BOOK (1906, 1908) 1910. 112. (Das letzte, Jan. 1913 erschienen, 
konnte nicht mehr benutzt werden.) 

154. Be Pitiful. Für das Frauensozialwerk. 1910. 25. 

155. Menschen und Schicksale. Für Berlin. 191 1. 92. 

156. Phases of the Work of the S. A. 191 1. 32. 

157. Look (mit Look Supplement für Schottland). Für das Frauensozialwerk. 191 1. 
40 (und 32). 

158. L' Armee du Salut en France. Paris 191 1. 48. 

159. The S. A. in India and Ceylon. Simla 191 1. 8. 

160. Meine Meinung über die H. Berlin 1912. ed. B. 32. 

161. Letters to the Centre. 1912. 32. 

162. Allerlei Interessantes aus den Berliner Anstalten der H. 1912. 32. 

163. A Word to Women. Vom Auswandererbureau London. 40. 

164. Launching. Vom Auswandererbureau London. 28. 

165. Sonderberichte, gewöhnlich mit Jahresabschlüssen, werden von zahlreichen Sozial- 
anstalten alljährlich herausgegeben. 

166. A. HELD, Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands. Leipzig 1881. 

167. T. H. HUXLEY, Social Diseases and Worse Remedies. London 1891, 148. 

J. JÜNGST, 

168. Wesen und Berechtigung des Methodismus. Gotha 1876. 

169. Die evangelische Kirche und die Separatisten und Sektierer der Gegenwart. 
Gotha 1881. 

*J. JUNKER, 

170. Das dunkelste England und der Weg heraus. Berlin 1891. (Ein Auszug aus Nr. 27.) 

171. Die H. und der Trunksuchtsgesetzentwurf. Berlin 1891. 34. 

172. Offizierinnen der H. 1891. 34. 

173. E. KALB, Kirchen und Sekten der Gegenwart. Stuttgart 1907^. 

174. TH. KOLDE, DIE H.JHRE GESCHICHTE UND IHR WESEN. Erlangen und 
Leipzig 1899-. 204. Inhalt: i. Kap. Gottesdienst. 2. Geschichte und Ausbreitung 

3. Gesch. u. Ausbr. von 1884 (dem Erscheinungsjahr der ersten Auflage) bis 1898. 

4. Prinzipien und Methode. 5. Lehre und Riten. 

175. E. KEER, The S. A. in India. 1894. 56. 

176. W. LIESE, Drei Artikel über die H. in „Soziale Kultur", XVI, 86, 167 u. 553 ff. 
M. -Gladbach 1906. 

177. CHR. MALVERY, Im Sumpfe der Weltstadt. Berlin 1910. 240. 

178. J. MANSON, The S. A. and the Public. A rehgious, social and financial study. 
London 1910*. 198. Dagegen die Verteidigungsschrift der H. : 

179. *A Calumny exposed. 1908. 56. 

180. K. MARX, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. 3. vol. Hamburg 1867. 

181. F. A. MCKENZIE, Waste Humanity. London 1908 09. 114. 

182. *THOS AND MARIE MCKIE, Real Restorations. Social Report for 190405. 
Melbourne 64. 

183. R. NEITZKE, Hinter den KuUssen der H. Berhn 1905. 16. 

*W. E. OLIPHANT, 

184. Cath. Booth. 290. 

XVIII 



185. Savonarola. 235. 

186. Joh. Fr. Oberlin. 130. 

187. Gerh. Tersteegen. 170. 

188. Völliger Sieg. 100. 

189. Salutismus. Praktische Winke für Seelenretter, ■]6. Alle Berlin. 

J. PAGE, 

190. General Booth, the Man and his Work. s. a. 160. 

191. The Christianity of the Continent. s. a. 160. Beide London. 

192. H. PESCH, Die soziale Befähigung der Kirche. Berlin 191 13. 

193. J. PESTALOZZI, WAS IST DIE H.l Halle 1886. 280. 

194. K. PETERS, England und die Engländer. Berhn 1904. 

195. E. PEYRE-COURANT, L' Armee du Salut ä Paris. Paris 1889. iio. 

196. *A. PEYRON, Reflexions et Experiences d'un Salutiste. Paris 1895. 347. 

*G. S. RAILTON, 

197. Heathen England and the S. A. 1884^. 192. — i ed. von 1877. 

198. Twenty-One Year's S. A. 1886. 

199. Day by Day in the S. A. 19 10. 114. 

200. GENERAL BOOTH. 1912. 312. 

201. John Allen, the salvation navvy. 

202. Peter Cart^\Tight, God's rough-rider. 

203. Commissioner Dowdle, the saved railway guard. 

204. Life of the presbyterian salvationist : G. C. Finney, 

205. George Fox and his S. A. 200 Years ago. 

206. Salvation in the Convent: Life of M. Guyon. 

207. Colone] Junker (deutsche Ausgabe von 178 Seiten ist zitiert). 

208. The Life of Gideon Ousley, an old-time Irish Salvationist. 

209. Captain Ted (= Edward Irons). Alles erbauliche, kleine Lebensbeschreibungen. 

210. G. RASCH, London bei Nacht. Berün 1873. 

211. G. RATZINGER, Geschichte der kirchlichen Armenpflege. Freiburg i. B. 1884^ 

212. A. RÖSLER, Die Frauenfrage. Freiburg i. B. 1907 2. 

213. A. ROLLIER, Warum habe ich Gemeinschaft mit der H. ? Zürich 1889^. 

214. W. RÖSCHER, System der Armenpflege und Armenpoütik. Stuttgart igo6^. 

215. *ST. L. ROUSSEL, Der religiöse und sittüche Unterricht der Jugend, s. a. 32. 
Berhn. H.-Q. 

216. A. RUTARI (= Arthur Lewi), General Booth und sein Werk. s. a. 32, Berlin, 
H.-Q. 

217. F. SCHAUB, Die katholische Caritas. M.-Gladbach 1909. 

A. SCHINDLER, 

218. Die Gefahren der Kirche. Ascona 1900^. 210. 

219. Die evangehsche Kirche und die H. Basel 1900^. 138. 

220. Reich und Arm. Basel 1901. 32. 

221. Die soziale Not unserer Zeit und die H. Basel 1902. 40. 

GH. VON SCHMIDTZ-HOFMANN, 

222. H. und Gesellschaft. Ascona 19056, 34. 

223. H. und Staat. Ascona 19056. 34. 

224. R. SCHRAMM, Das Heer der Sehgmacher oder die H. in England. ,, Deutsche 
Zeit- und Streitfragen". XII. Heft 178. Berhn 40. 

XIX 



225. G. VON SCHULZE-GÄVERNITZ, Zum sozialen Frieden. Eine Darstellung der 
sozialpolitischen Erziehung des englischen Volkes im ig. Jahrhundert. 2. vol. 
Leipzig 1890. 

226. (*)F. SMITH, The Salvation War in America for 1885. New York 186. 

227. E. SPILLER, Slums. Erlebnisse in den Schlammvierteln moderner Großstädte. 
Aarau 191 1. 188. 

G. F. STEFFEN, 

228. Aus dem modernen England. Stuttgart 1896^. 

229. Studien zur Geschichte der englischen Lohnarbeiter. 3 vol. Stuttgart 1902^. 

230. England als Weltmacht und Kulturstaat. 2 vol. Stuttgart 1902^. 

231. Lebensbedingungen moderner Kultur. Jena 1909. 

232. Die Demokratie in England. Jena 191 1. 

233. Der Weg zur sozialen Erkenntnis. Jena 1912. 

234. *A. SWAN, The Outsiders: being a sketch of the social work of the S. A. 1905/06. 
140. 

A. TILLE, 

235. Th. H. Huxley, Soziale Essays. Dazu LXXVI Seiten Vorwort. Weimar 1897. 

236. Aus Englands Flegeljahren. Dresden und Leipzig 1901. 

237. *P. E. TURNER, Indian Medical Manual for S. A. Officers. London 1905. 22. 

238. G. UHLHORN, Die christliche Liebestätigkeit. 3 vol. Stuttgart 1882, 1884 u. 1890. 

239. S. WEBB, Socialism in England. London 1890. 

240. A. WHITE, The Great Idea. London 1910-. 86. 

241. A. ZIMMERMANN, J. Wesley und W. Booth. Eine historische Parallele. Hist.- 
Polit. Blätter. CXL, Heft 7. München 1907 (Seite 481 — 490), 

242. O. ZÖCKLER, Handbuch der theologischen Wissenschaften. 4 vol. Nördlingen 
18852. 



XX 



EINLEITUNG 

Heute gibt es nur wenige ernste Denker, die in der Heilsarmee nicht eine un- 
schätzbare, soziale Hilfe sehen; eine Kraft für das Gute, die wirkungsvoll in 
jenen Regionen arbeitet, wo außer ihr nur das Böse machtvoll ist. 

Theodor Roosevelt. 160, 10. 

Das Zeitalter der neuen Technik und der neuen Wirtschaft, der sozia- 
listischen Ideen und der demokratischen Wirklichkeit, kurz, das 
19. Jahrhundert ist auch das Jahrhundert der Gesellschaftsforschung ge- 
worden. Heute gilt es als selbstverständliche Tatsache, daß alle Kultur- 
entwicklung an Gesellschaftsleben, alles Gesellschaftsleben an Massenbe- 
wegung gebunden ist ; daß wir also der Gesellschaftsforschung bedürfen, um 
unsere Kiiltur völlig und restlos zu verstehen. Die ohne weiteres wohl von 
jedem anerkannte Eigenschaft der Menschen, ein Gesellschaftswesen zu 
sein — und schon Aristoteles hat den Begriff der xoivcovia = societas — , nimmt 
erst in unsern Tagen den ihr gebührenden zentralen Platz im Bewußtsein 
der Geister ein. Immer klarer erkennt man, wie das innere Leben des ein- 
zelnen ganz anderer Art sein würde, wenn das Gesellschaftsleben fehlte. 
Die Gesellschaft ist vielleicht weit mehr in dem einzelnen, als der einzelne 
in der Gesellschaft; was der Mensch jemals war, was er heute ist, das ist 
er in ihr geworden. Soweit aber wäre unsere soziale Theorie nicht gediehen, 
so einfach sie auch ist, wenn die soziale Praxis sie nicht getrieben hätte. Die 
Menge brennender, sozialer Fragen droht uns über dem Kopf in einer Lohe 
zusammenzuschlagen, und die brennendste von allen, fast ,,die" soziale 
Frage, ist die Frage, wie die handarbeitenden Klassen zu heben sind. 

Das ist die quinta essentia der Anschauungen, welche dieser Schrift zu- 
grunde liegen und welche mir hoffentlich nicht als materialistisch-mecha- 
nistisch etikettiert werden. Ich führe meine Leser in das Land, von dem jene 
wirtschaftlichen, technischen und sozialen Umwälzungen ausgingen, welche 
zusanmien mit der französischen Springflut alles Alte niederwarfen und be- 
gruben. In diesem Lande, dem Patmos oder, wenn man will, dem Tuskulum 
der Könige, fanden Karl Marx und Friedrich Engels nach vielerlei Odysseus- 
fahrten eine Heimstätte, und die Ideen dieser Sozialisten von der Verände- 
rungs- und Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen, von der Einwirkung 
der sozialen Umgebung auf den einzelnen, von der teilweise untergeordneten 
Bedeutung des freien Wettbewerbes und des Privateigentums für Wohlstand 
und Fortschritt, ihre Anschauung von der Notwendigkeit, Individualismus 
durch Kollektivismus und diesen durch Soziahsmus zu ergänzen, dieser freiere, 
tiefere Blick von Marx und Engels für Mensch und Gesellschaft hat der moder- 

I Clasen, Der Salutismus X 



nen Wirtschaftswissenschaft und Soziologie viele ihrer wertvollsten Anre- 
gungen gegeben. England brachte ferner jene beiden Männer hervor, welche 
auf soziologischem Gebiete mit Recht den Namen von Entdeckern verdienen : 
Carlyle, der das Soziale mit der Kultur, Ruskin, der es mit der Kunst in Bezie- 
hung setzte. Über diese beiden werden wir einen dritten stellen, einen Lands- 
mann und Zeitgenossen, welcher den größten und bedeutungsvollsten Schritt 
tat, nämlich den von der christlichen Caritas zum caritati ven Christentum. Und 
dieser Mann ist?— Tr^'/ZiflWjBoo^Ä, der Gründer und erste General der Heilsarmee. 

Ich wüßte keine ähnliche geschichtliche Bewegung und keinen Mann, die 
ein so großes Interesse verdienten. Naturgemäß wurden zuerst die Theologen 
auf die neue Erscheinung aufmerksam. Ihnen brachte die Heilsannee das 
Schwert, d. h. sie schied die Theologen in zwei Teile — , die auch mit dem 
Herzen theologisierten, sind ihre warmen Freunde geworden; ich nenne Tau, 
den Erzbischof von Canterbury und Kardinal Manning; die Kopftheologen 
aber wurden ihr ebenso bitter feind ; ein solch ehrwürdiger Mann wie Kollier, 
Pfarrer von St. Aiihin in der Schweiz, wurde von ihnen gezwungen, sein Amt 
niederzulegen, was er freilich lieber tat, als von der Heilsannee lassen. So 
haben sich die zünftigen Theologen an der Heilsarmee die Zähne ausgebissen ; 
sie können sich nicht einmal selber einigen, wieviel weniger anderen zu einem 
eindeutigen Urteil verhelfen. Nun versuchen wir Sozialwissenschaftler es, und 
sie werden uns dankbar sein müssen ; denn sich mit der Heilsarmee befassen, 
heißt eine hervorragend kirchlich-soziale Tätigkeit darstellen, und an solchen 
Einzeldarstellungen fehlt es ja, wie sie einmütig klagen, z. B. Marx, Lehr- 
buch der Kirchengeschichte, Trier 1908^, 20. 

Das mag auch wohl ein Grund sein, weshalb die Sozialpolitiker das reli- 
giöse Element so gerne unterschätzen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht 
heiß. Caritas und Sozialpolitik sollten sich die Hände reichen. Sie ergänzen 
sich gegenseitig, die eine auf der Liebe, die andere auf der Gerechtigkeit 
fußend ; die eine mehr den einzelnen, die andere mehr die Gruppen ins Auge 
fassend; die eine mehr die Gegenwart, die andere mehr die Zukunft in Be- 
tracht ziehend. Für uns Deutsche, von denen manche so gerne alles Heil von 
der Wilhelmstraße erwarten, ist darum ein Gang in das Heimatland von 
William Booth, in jenes Land der Selbsthilfe und darum auch des Sozialreli- 
giösen der Caritas, ebenso reizvoll wie notwendig. Man denkt nirgendwo mit 
mehr Klarheit über die 4 250 329 Stimmen nach, welche am 12. Januar 1912 
für die sozialdemokratische Partei abgegeben wurden, als etwa auf einem 
Wege durch die Londoner Hintergassen, den man mit einem Mädchenoffizier 
der Heilsarmee macht. Vielleicht wird darum diese Arbeit über die Heils- 
armee günstiger aufgenommen, als ich erwarte. 



„Bei der Erfolglosigkeit so vieler politischer Maßnahmen, bei der immer 
neuen Enttäuschung, das Allheilmittel gefunden zu haben, durch all das 
Rufen „hie ist Christus, der Retter, dort ist er!" setzt allmählich und mit 
Recht ein gewisser Unglaube ein. Gegenüber der Stakkatofolge entgegen- 
gesetzter Überzeugungen, in der sich das geistige Leben gerade der aufge- 
wecktesten und vorurteilslosesten Menschen heute vielfach abspielt — heute 
iVjig^^scÄßs Herrenmoral, morgen To/s^ow Liebesanarchie, übermorgen //'fl(3C/%g^s 
Deszendenztheorie und dann wieder F. W. Foerster oder Maeterlinck — , ge- 
winnt die geistige Physiognomie derjenigen, die in ihren Meinungen tradi- 
tionell gebunden und eingeschränkt, aber doch wenigstens konsequent und 
einheitlich sind, so sehr, daß sich heute schon unter Gebildeten eine rück- 
läufige Bewegung zu konservativen und orthodoxen Anschauungen vollzieht" 
(Bäumer, Die soziale Idee, Heilbronn 1910, 7), und dies gilt besonders auf 
sozialem Gebiet. 

Ein trefflicher Beweis dafür ist in den vielen Ehrungen zu erblicken, deren 
der Gründer der Heilsarmee, wie vielleicht kein zweiter seiner Art, sich rüh- 
men durfte. Alles hat sich für ihn und sein Werk interessiert, und er hat 
keinen enttäuscht. Der eine fand in ihm den Rassenengländer, ein zweiter 
den Religionsstifter, ein dritter den Organisator, ein vierter den Autokraten, 
ein fünfter den Kaufmann, ein sechster den Menschenfreund, ein siebenter 
den Befreier, ein achter den Vorkämpfer für Frauenrechte, ein neunter den 
Alkoholgegner, ein zehnter den Vegetarianer, und so fort. Und ebenso in- 
teressant, wie er, sind seine Offiziere. Er hat sie sich geholt aus den sonnigen 
Gegenden der Antipoden, aus den Regionen des ewigen Schnees in Alaska, 
aus den Reisfeldern Ceylons, aus den Orangenhainen Jamaikas, aus den 
Ranchebenen Argentiniens, aus den Weilern Labradors, aus den Kralen 
Südafrikas, aus den Wigwams der Indianer, aus den Fjorden Skandinaviens, 
aus Deutschland, Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark, kurz aus allen 
Himmelsgegenden . 

Es erübrigt nun noch, die Einteilung des Buches darzulegen. Ich gehe da- 
bei von dem Prinzip aus, daß sozialgeschichtlich jede Bewegung von zwei 
Seiten betrachtet werden kann : 

1. Die Bewegung erscheint als Wirkung sozialgeschichtlicher Vorbedin- 
gungen — das ist ihre passive Seite; 

2. Die Bewegung tritt als Ursache auf, sie ist Trägerin sozialer Vorgänge, 
macht selbst Sozialgeschichte — das ist ihre aktive Seite. 

So ergeben sich die zwei großen Teile meiner Schrift : Die Heilsarmee als 
soziale Erscheinung und die soziale Betätigung der Heilsarmee. Diesen beiden 
mußte aber ebenso natürlich ein dritter vorangehen, der mit dem Gegenstande 



bekannt macht, gleichsam den Körper Hefernd für die anatomisch-soziolo- 
gische Betrachtung und Sezierung. Er umfaßt in gedrängter Kürze die Or- 
ganisation, Religion und Geschichte der Heilsarmee. Dabei ist mir die Ge- 
schichte weit über den Umfang der andern Hauptstücke hinausgewachsen. 
Schriftstellern geht es oft wie dem Goethe sehen Zauberlehrling. Aber bei der 
Unzulänglichkeit aller bisherigen geschichtlichen Darstellungen über die 
Heilsarmee blieb mir keine andere Wahl, als etwas über den Rahmen dieser 
Arbeit hinüberzugreifen. 

Es gibt Leute, die nur zufrieden sind, wenn sie alles in das Prokrustesbett 
einer Definition gezwängt sehen. Das ist nicht meine Art. Wenn ich also den 
Fragepunkt dieser Schrift dahin formuliere ,,was ist die Heilsarmee?", so 
meine ich damit nicht ohne weiteres, wie lautet ihre Definition ? Bei geschicht- 
lichen Bewegungen läßt sich schlecht eine Begriffsbestimmung geben. Was 
soll man auch definieren? Was sie gestern war? Das ,, Heute" aber ist kaum 
festzustellen, und während man es feststellt, geht die Bewegung vorwärts 
und ist vielleicht schon etwas ganz anderes geworden. Immerhin ist jetzt, 
nach dem Tode der Gründer, wenn auch eine Fortentwicklung, so doch keine, 
das Wesen berührende Änderung in der Heilsarmee mehr zu erwarten, und 
deshalb werden wir, ehe wir unsere Betrachtungen abschließen, versuchen, 
die gewonnene Erkenntnis in einer Begriffsbestimmung festzuhalten. 

Das erste, was wir untersuchen, wird die Organisation der Heilsarmee sein. 
Wir vertiefen dann stufenweise unsere Anschauung, indem wir zunächst den 
religiösen Ideengehalt und die geschichtliche Auswirkung dieser Ideen ver- 
folgen. Darauf kann unsere eigentliche Arbeit beginnen. Wir setzen den Spa- 
ten an und stoßen zunächst auf die religiösen Vorbedingungen, ohne welche 
der Salutismus nicht denkbar wäre : nämlich auf die soziale Umformung, zu 
welcher sich die großen christlichen Konfessionen gezwungen sahen, um 
lebenskräftig und lebenspendend zu bleiben, und zweitens auf die eigentüm- 
lichen, kirchlichen Verhältnisse Englands, insbesondere auf die großen Er- 
weckungsbewegungen des 17. und 18. Jahrhunderts, aus welchen der Salutis- 
mus geboren wurde. Auf diesem Hintergrunde wird uns erst das Bild seiner 
Gründer verständlich sein, das wir dann zu entwerfen haben, immer darauf 
achtend, wie die wirtschaftlichen Verhältnisse sie beeinflussen und drängen 
mußten, ,,wie sie wuchsen mit ihren größeren Zwecken" (Schiller). Die Seele 
des Generals mag uns dann als die Linse vorkommen, welche die Ausstrah- 
lungen einer ganzen Welt sozialer Not in sich auffängt und wiederum proji- 
ziert, und diese Projektion ist sein Lebenswerk, seine „Armee des Heils" oder, 
wie man auch sagen kann: die Fleischwerdung unseres modernen Massen- 
elends. Als solche betrachten wir dann die Heilsarmee selber und, nicht zu- 



frieden damit, nehmen wir jede Seite der Bewegung unter die Lupe. Wer 
einmal das Religiössoziale als das Wesen des Salutismus erkannt hat, dem 
öffnen sich alle Türen, und die ganze soziale Tätigkeit, welche wir in den letz- 
ten drei Hauptstücken schildern, kann ihm nicht anders denn als notwendige 
Lebensäußerung der Heilsarmee erscheinen. Er wird sich nicht verwundern, 
daß sie, die keine Dogmatik kennt, ein soziales Programm hat, das bis ins 
kleinste außgearbeitet ist und das sie als ein Palladium hütet, ebensosehr wie 
sie alles Dogmatisieren haßt. Es ist ihm selbstverständlich, daß eine solche 
Organisation mit Feuereifer an die Ausführung ihres Programms gehen 
mußte. Blackfriars, Spa Road, Hadleigh, die 20 andern Heilsarmee-Kolonien 
und die Zehntausende, denen die Heilsarmee jedes Jahr zur Auswanderung 
verhilft, werden ihn erstaunen, aber nicht ungläubig lächeln lassen. Millionen 
von Nachtlagern hat die Heilsarmee den Ausgestoßenen gewährt und noch 
mehr Millionen von Mahlzeiten. Weit über 50 000 Prostituierte und gefährdete 
Mädchen gingen durch ihre Heime. Mitten in Not und Elend schiebt sie ihre 
,,Slum"-Posten vor, sorgt für die Wöchnerinnen und Kinder, nimmt sich der 
Kranken und Altersschwachen an, empfängt den Häftling und Stellenlosen, 
schlingt ihre Arme um den Lebensmüden und sucht auf den Straßen und 
Gassen unserer Hafen- und Großstädte nach den Vermißten, kurzum lädt 
alle zu sich ein, die irgendwie mit einem Mühsal beladen, um allen alles zu 
werden. Und nun auf zu dieser geistigen Wanderung durch so vielerlei In- 
teressantes, und zwar wie es sich bei einer wissenschaftlichen Arbeit von 
selber versteht: Sine ira et studio! 



LITERATUR UND QUELLENBESPRECHUNG 

Die Heilsarmee hat schon ganze Regimenter von Federn in Bewegung gesetzt, 
und Ströme von Tinte sind um sie vergossen worden. 1908, 27, 6. 

Des vielen Büchermachens, seufzt schon Salomo, ist kein Ende (Pred. XII, 
12), und es ist, um ein Wort Spinozas zu gebrauchen, ein tröstlich Ding, 
schon in so alter Zeit einen Leidensgefährten zu haben. 

Unter den wenigen zur Beachtung zwingenden Werken muß dasjenige von 
Dr. V. Kolde, Professor der Kirchengeschichte an der evang.-theol. Fakultät 
der Universität Erlangen, in jeder Beziehung an erster Stelle genannt werden. 
Von Seiten der Heilsarmee wird hauptsächlich gegen das Buch ins Feld ge- 
führt, es sei durch die Tatsachen überholt (145, 8) und es hafte zu sehr am 
Äußern, statt auf den Geist und auf die Beweggründe einzugehen (207, VI); 
beides nicht mit Unrecht. Kolde empfing vor 1884 in England seine ersten 



Eindrücke von der Armee, die inzwischen ein Menschenalter weiter ist, wäh- 
rend Kolde bei seinem Urteil blieb. Ja, die zweite Auflage ist für das Ver- 
ständnis des Salutismus noch weniger geeignet als die erste, weil in dieser 
die wertvollen Schlußerwägungen allgemeiner Art teils verstreut, teils aus- 
gelassen sind. So kommt es, daß in unsern lexikalischen Werken noch immer 
die ,, Golgathakanonen" donnern und die ,,Hallelujamädchen" als Zigeune- 
rinnen tanzen, während sie mit dem Tamburin Lieder von Jesus begleiten. 
Über solche Dinge aber lächelt der Salutismus von heute, so etwa, wie ein 
gereifter Mann über die Überschwenglichkeit seiner Jugend. Doch kommen 
wir auf Kolde zurück. Schindler wirft dem Werke ,, burschikos-spöttische und 
ironische Sprache" vor und sagt, es trage ,,den Stempel eines doktrinären 
kirchlichen Parteistandpunktes" (219, 10), das Buch sei aus Eifersucht gegen 
die Erfolge der Heilsarmee geschrieben und enthalte eine Menge unrichtiger 
Zitate (174, 58). Ich habe die Zitate nachgeprüft und muß meinerseits sagen, 
daß sie durchaus zuverlässig sind; ich glaube ferner unbedingt, daß Kolde 
nach bestem Wissen und Gewissen vorgegangen ist ; ihm Eifersucht zu unter- 
schieben, ist unhaltbar. Was die Sprache angeht, so hätten freilich einige 
Ausdrücke wie ,, ödeste Karikatur des Christentums" (Seite 60), ,, Brutalität 
des Generals" (Seite 79) u. a. m. ebensogut fehlen können. Aber in der Brust 
von Professor Kolde wohnen eben zwei Seelen, diejenige des Geschichtsfor- 
schers und diejenige des streng orthodoxen lutherischen Theologen, und an 
diesem Dualismus krankt seine Arbeit. Da heißt es einmal, das Geizen nach 
eitler Ehre sei das innerste und letzte Motiv für den Predigtdrang von Frau 
W. Booth gewesen (Seite 175), und an anderer Stelle spricht er von ihrem 
,, sittlichen Ernst und ihrer wahren Liebe zu den Verlorenen" (Seite 18 und 
119). Soweit der Geschichtsforscher in Frage kommt, ist die Arbeit vorzüg- 
lich. Etwas Besseres war mit der dürftigen Literatur und den vielen Zeitungs- 
notizen, worauf der Verfasser angewiesen war, überhaupt kaum zu liefern. 
Wo aber der Theologe in die Erscheinung tritt — und das ist überall da der 
Fall, wo es sich nicht mehr um die Feststellung der Wahrheit, sondern des 
Wertes dreht — dort fordert sie den Widerspruch heraus. 

Wie Kolde vom protestantischen, so behandelt Dr. Gerhard die Heilsarmee 
vom katholisch-theologischen Standpunkte, und zwar beschränkt sich die 
Dissertation auf den religiösen Charakter der Armee ; die andern angekündig- 
ten fünf Kapitel sind bis jetzt nicht erschienen. Gerhard rügt es besonders, 
daß Kolde die Christologie der Heilsarmee ganz totschweige und so Anlaß zu 
argen Mißdeutungen gebe (Seite 42), und diesem Mangel abgeholfen zu haben, 
ist dem Verfasser als Verdienst anzurechnen, der auch sonst auf jede unnütze 
Polemik verzichtet und sich einer objektiven Darlegung befleißigt. Dafür 

6 



lobt ihn Oliphant (145, 10), wobei er irrtümlich von zwei Dissertationen 
spricht. 

fv^Von beiden Werken ist zu sagen, daß sie des Rätsels Lösung nicht bringen. 
Sie stehen vor dem Berge und finden den Zauberspruch nicht, der ihn öffnet. 
Für den Theologen ist nämlich, eben durch seine dogmatische Stellung, das 
Urteil ohne weiteres gegeben, wie es auch nur für den Kreis seiner Glaubens- 
genossen praktische Bedeutung hat. Außer Kolde und Gerhard sind Brückner, 
Fehr, Funcke, Gasparin, Kalb, Pestalozzi, Schramm und Zöckler dafür schla- 
gende Beweise. Eine theologische Untersuchung ist also für die Allgemein- 
heit von verhältnismäßig geringem Werte. Aber ganz abgesehen davon, weiß 
ich auch nicht, was die Heilsarmee grundsätzlich und letzten Endes mit 
Theologie zu tun hat. W. Booth ist, wir werden das noch sehen, nichts weniger 
als ein Religionsstifter im landläufigen Sinn und verwahrt sich mit Recht 
feierlich dagegen, irgend etwas Neues zu lehren. Selbst ein oberflächlicher 
Kenner wird ihm zugeben müssen, daß seine Lehren so alt sind wie das 
Christentum oder doch mindestens wie der Methodismus. Wenn Kolde trotz- 
dem die Heilsarmee ein ,, vollständiges Novum" nennt (Seite 119), so liegt 
dieses Neue eben nicht in ihrem religiös-dogmatischen, sondern religiös-ethi- 
schen oder schärfer religiös-sozialen Charakter. Bei einer Gemeinschaft, deren 
Entstehen freilich innig verknüpft ist mit dem englischen Sektenwesen, die 
jedoch, wie sie uns heute erscheint, begründet und groß geworden ist allein 
durch und in den Sozialverhältnissen unserer Zeit ; bei einer Bewegung, die 
alle theologischen Haarspaltereien aus ganzer Seele verabscheut, aber ein voll- 
ständiges soziales Programm entwickelt und aufgestellt hat — bei einer sol- 
chen Erscheinung hat nicht der Theologe, sondern der Soziologe das letzte, 
entscheidende Wort. Er muß, mag der Theologe ihm auch die Fackel halten, 
hinabsteigen in den Schacht der dunklen Vergangenheit, dort den Ereig- 
nissen und Ursachen nachspüren und das blanke Gold wahren Verständnisses 
zutage fördern. 

Vorzügliches Material, allerdings nur für einzelne Zweige der Heilsarmee- 
arbeit, bringen einige amtliche Schriften, zunächst die von R. Haggard, der 
als Kommissär der englischen Regierung einige Kolonisationsunternehmun- 
gen der Heilsarmee studierte, die Ergebnisse in einem Blaubuche (Nr. 86) 
niederlegte und seitdem, wie sein neueres, sehr lesenswertes Buch ,, Regenera- 
tion" (Nr. 88) über die Heilsarmeesozial arbeit beweist, der Armee sehr freund- 
lich gesinnt ist. Ein weiteres Blaubuch ist über die Schweizer Vorgänge er- 
schienen (Nr. 62), welche auch zur Bildung einer Ligue du Droit führten, die 
über dieselben Ereignisse urkundliches Material herbeischafft (vgl. Nr. 2). 

Was die Heilsarmee selber angeht, so ,, schreibt dort alles und zwar über 



alles" (193, 253). Besonders gilt das von der Familie Booth, über die wir noch 
einige besondere Worte zu sagen haben; dann aber auch von Railton, der 
früher das ganze Schriftwesen unter sich hatte, und von 0/i/)Äflw^, der, als er 
in Deutschland kommandierte, jedes Jahr ein Buch auf den Markt brachte. 
Neben ihnen sind in salutistischen Kreisen bekannt Allen, Douglas, Bates, 
Brengle, Howard und die Jugendschriftstellerin Duff. Für andere Namen ver- 
weise ich auf das Literaturverzeichnis, das wohl alles irgendwie Bemerkens- 
werte enthält. 

Früher befand sich die Heilsarmeedruckerei, anfangs nur für den War Gry 
bestimmt und eingerichtet, in London, Clerkenwell. Aus ihr entwickelte sich 
das gegenwärtige Unternehmen, das man aus dem Bevölkerungszentnim 
hinaus nach St. Albans, der alten Bischofsstadt, verlegt hat, welche mit Lon- 
don in vorzüglicher Bahnverbindung steht. In der ersten Zeit wurde ein Teil 
der Überschüsse aus dem Verkauf des Kriegsrufs als Geschäftskapital zurück- 
gelegt. Jetzt wirft das Unternehmen noch einen hübschen Gewinn ab. Unter- 
gebracht ist es in einem dreistöckigen, von Licht durchfluteten Neubau mit 
100 m Straßenfront. Es besitzt die besten amerikanischen Rotations- und 
Setzmaschinen und die neuesten Schnellpressen aus Frankenthal, Als Kraft 
dient Elektrizität. Die Leistungen der Druckerei kann man in einem Aus- 
stellungsräume bewundern, wo sich unter anderm die prachtvollsten Drei- 
farben-, Chrom- und Steindrucke finden, dazu Meisterwerke der Bindekunst. 
Das Werk beschäftigt 250—300 Leute ; 50% davon und (zur Zeit meines Be- 
suches) alle Vorarbeiter sind Salutisten, obschon das in keiner Weise ge- 
fordert wird. Gefordert wird nur von allen, daß sie Teetotalisten sind. Sie 
stehen augenscheinlich mit der Leitung im besten Einvernehmen, sind alle 
Gewerkschaftsmitglieder und erhalten Tariflöhne, arbeiten aber anstatt der 
gewerkschaftlich festgesetzten 54 Stunden nur 50^2 Stunden wöchentlich 
und haben jedes Jahr 8—14 Tage Ferien. Das Tagewerk beginnt mit einem 
kleinen Gottesdienst in der Hauptmaschinenhalle um 8 Uhr morgens. Als 
Besonderheit sei noch erwähnt, daß ich die Leute alle in hellen Schürzen ar- 
beiten sah; sie waren also zu der allenthalben herrschenden Sauberkeit ge- 
zwungen. 

Mit der Druckerei in 5^. Albans, England, und anderen Druckereien wirft 
die Heilsarmee, welche natürlich auch für andere druckt, jedoch nichts, was 
mit Alkohol, Tabak, Wette, Spiel und Theater zu tun hat, jährlich eine Flut 
von Schriften in das Volk; denn ,,sie fühlt sich ebensosehr verantwortlich, 
durch Zeitungen und Bücher das Heil zu verkünden wie von der Plattform 
(loi, 31). 1910 waren es 76 Periodika, welche in einer Auflage von i 083 966 
Exemplaren erschienen; die Jahresauflage belief sich auf 57 Millionen. Die 

8 



erste Stelle unter den Periodika nimmt als offizielles Organ der Kriegsruf ein, 
wovon allein in Deutschland 2 Millionen jährlich gedruckt werden. Die Re- 
daktionen der einzelnen Länder sind voneinander unabhängig, Inhalt und 
Umfang des Blattes ist verschieden. Die erste Seite zeigt immer ein oft 
drastisches Bild, und auch auf den anderen wird damit ebensowenig gespart 
wie, entsprechend dem Familiencharakter der Zeitung, mit den Bildern von 
Salutisten. (Wenn also Frau Oliphant als Kommandeurin und Verfasserin 
vieler Artikel früher in dem deutschen Kriegsruf so oft erschien, so hatte das 
nichts damit zu tun, daß sie eine ,,so ausnehmend hübsche Dame" ist, wie 
ich irgendwo las.) Es wird nach englischer Art Blatt für Blatt verkauft, und 
das hat mancherorts zu Anklagen geführt, wobei aber die Angeklagten fast 
immer freigesprochen wurden, weil der Gewinn nicht ihnen, sondern carita- 
tiven Zwecken zufließt. In einigen Staaten ist der Verkauf ausdrücklich 
steuerfrei genehmigt. Der Kriegsruf hat sich überall noch als der beste Pio- 
nier erwiesen und Tausenden die erste Kenntnis vom Salutismus gebracht 
(z. B. Booth-Tucker und G. J. Govaars). Das entsprechende Wochenblatt für 
Kinder ist ,,Der junge Soldat" ; über die Sozialarbeit im besonderen gibt die 
große vierseitige ,, Social Gazette" Aufschluß. Monatsblätter sind die vor- 
nehm gehaltenen und besonders den Missionen gewidmeten Hefte ,,A11 the 
World", nur für Offiziere ist ,,Der Feldoffizier" bestimmt, und ,,The Deli- 
verer" ist das Organ für das Frauensozial werk. Zu diesen periodischen Schrif- 
ten kommen alljährlich noch eine Reihe Jahresberichte und Propaganda- 
literatur. 

Sehr wichtig darunter ist das seit 1906 herausgegebene H. -Jahrbuch wegen 
seines statistisch-lexikalischen Charakters. Neben ihm und dem Kriegsruf 
sind als offizielle Buchschriften noch besonders hervorzuheben die vier Kate- 
chismen der Armee Nr. 103, 104, 106 und besonders 107; ferner „Frage und 
Antwort" (Nr. 100) für die Kenntnis der Organisation. Von ganz besonderer 
Bedeutung aber sind die vielbändigen „Regeln und Verordnungen" (Nr. iio 
bis 127), unter denen uns natürlich diejenigen für Sozialoffiziere besonders 
interessieren. 

Die von den Boothschen Familienmitgliedern herausgegebenen Bücher 
haben meist ein asketisches Gepräge, so alle von Frau W. Booth, die jeder ge- 
lesen haben muß, der sich ein Urteil über die Heilsarmee bilden will. Einige, 
wie „Das heidnische England", ,,21 Jahre Heilsarmee" und ,, General Booth'\ 
alle drei von Railton — der als langjähriger Hausgenosse mit zur Familie 
gezählt werden kann — und alle Bücher von Booth-Tucker, darunter die hoch- 
wichtige Lebensbeschreibung der ,, Heilsarmee-Mutter", sind für den Ge- 
schichtsforscher von besonderer Bedeutsamkeit. Als Sozialschriftsteller hat 



sich besonders der H. -Gründer, aber auch sein Sohn, der jetzige General, be- 
tätigt. Unerläßhch ist vor allem die Kenntnis des Werkes „Im dunkel- 
sten England und der Weg heraus" (Nr. 27), von dem kurz nach dem Er- 
scheinen 200 000 Stück verkauft waren und das in die verschiedensten Spra- 
chen übersetzt wurde. Der Stil des Heilsarmeegründers ist, obwohl zuweilen 
dunkel, überaus volkstümlich und frisch. Lebhafte Fragen wechseln mit 
packenden Bildern, die Schriftsprache wird mit Sorgfalt gemieden und aller 
Wert darauf gelegt, den Ton der Umgangssprache zu treffen. Aus jedem Satz 
leuchtet dem Leser eine große und feurige, um die Menschheit sich tief 
sorgende Seele entgegen. 

Kein Wunder also, wenn W. Booth selber begeisterte Lebensbeschreiber ^ 
gefunden hat, so Coates und Page. Die offizielle Biographie der Heilsarmee, 
vorläufig durch ein 312 Seiten starkes Buch von Railton ersetzt, steht noch 
aus. Zuverlässig ist trotz des pietistischen Titels die Booth-Tucker über- 
setzende Lebensbeschreibung der Frau W. Booth durch Hedwig Andrae. 
Weiter müssen Hulda Friederichs und White als englische, Rollier, Schindler 
und Schmidtz-Hoffmann als deutsche und Tomioka mit einem 750 Seiten 
starken Buche als japanischer Schriftsteller genannt werden. Beghie mit seiner 
Unterhaltungslektüre ,, Scherben" verdient einen besonderen Platz. Das Buch 
ist 191 1 in französischer und 1912 gar in japanischer Sprache erschienen und 
hat einen Riesenerfolg gehabt. Es bringt Typen von Heilsarmeebekehrten. 
Anerkennend äußern sich in gelegentlichen Bemerkungen Auer, F. W. Foer- 
ster^, Hilty^ und Peters; letzterer im Gegensatz zu Steffens, obwohl auch 
dieser sich jahrelang in England aufhielt. Gewöhnlich läßt sich feststellen, 
daß die Hochachtung vor der Heilsarmee in demselben Maße wächst, als 
man sie kennen lernt, was man besonders bei Prof. Dr. Hilty beobachten kann. 

Journalistischen Charakter trägt die Arbeit von Malvery, die freilich nur 
in einigen Abschnitten über die Sozialarbeit, aber in ihrer vorzüglichen Art 
schreibt. Sie nachgeahmt, aber bei weitem nicht erreicht, hat Fräulein Spiller, 
welche sich nur mit der Heilsarmee befaßt. Gelegentliche Aufsätze sind be- 
sonders in Steads geistreicher Review of Reviews erschienen, und in diese 
Klasse guter Journalistik gehören die Aufsätze und Studien von Colze, Liese, 
Rutari, S. Schultz^ und Zimmermann und vor allem von Faßbender^, der 

1 Erwähnt sei noch: H. von Redern, „William Booth" Gießen 1913, 146, eine erbau- 
liche Lebensbeschreibung. 2 Vgl. z. B. Schuld und Sühne, München 1911, S. 93, 100, 
103, 31, 202. 3 Vgl. z. B. Glück, 3 Vol. Leipzig iSgiff. und Jahrbücher, Bern 1886 
bis 1909. Der beste Weg, s. a., Berlin, H. -Verlag. * Das soziale Werk der H. in London, 
Preuß. Jahrb., Bd. 136, 290 — 310. ^ Vgl. auch noch: Staatslexikon der Görresgesell- 
schaft II' 1205 ff. und ,,Laienapostolat und Volkspflege auf Grundlage der christl. 
Caritas." s. a., Freiburg i. B. 

10 



tiefer als alle eindringt, welche bis jetzt über die Heilsarmee geschrieben 
haben. Eine Reihe guter englischer Essays sind ferner in Nr. 142 enthalten. 
Ein gewisser Fuchs hat in der Heilsarmee den Stoff zu einem Dutzendro- 
man gefunden, und der ,,Zehngebote-/fo//maw«"hat neben seiner aufreiben- 
den Tätigkeit für Stadt und Reich sogar noch Zeit gehabt, ein Theaterstück 
zu schreiben, in dem die Heilsarmee vorkommt. Auch die Operette ,,Miss 
Helyett" und die Posse ,,Die Schöne von New- York" oder das ,, Mädchen 
von der Heilsarmee" sind Beweise für die Volkstümlichkeit der Salutisten, 
denen Bernard Shaw mit seinem Schauspiel ,, Majorin Barbara" beinahe die 
deutsche Bühne erobert hätte. Steffens erklärt diese Dichtung für sein reif- 
stes Werk, worin ich ihm freilich sehr schlecht beistimmen kann; ich hoffe, 
daß Shaw Reiferes geschrieben hat. Das Stück sollte in Düsseldorf zur Auf- 
führung gelangen, und man hatte die Heilsarmee um Uniformen gebeten. Der 
Plan aber hat sich dann zerschlagen. Sich mit der Heilsarmee befaßt oder 
sich über sie geäußert haben ferner Nietzsche, Björnson, Twain, Daudet, Sar- 
say, Raabe, Viehig, Dehmel, Obst, Popert u. a. m. 

Endlich noch ein paar Worte über die Heilsarmeegegner. Sie scheiden sich 
in Theologen und Sozialisten. Die Namen der ersten habe ich schon erwähnt. 
Da ist z. B. ein Pestalozzi, ,,der auf dem Standpunkt eines Christen steht, 
welcher seinen Glauben bedroht sieht" (193, Vorwort), schließlich aber doch 
,,die Heilsarmee unendlich viel höher schätzt als die christliche soziale Be- 
wegung Stoeckers" (193, 255). Prof. Dr. F^Ar schreibt Pestalozzi und Kolde ab. 
Fast nur die katholische Formulierung des Verdammungsurteils ist auf seine 
eigene Rechnung zu setzen. Von Gräfin Caspar in und Prof. Huxley werde 
ich noch zu reden haben. Die feindliche Stellung von Prof. Steffens, die wohl 
mit seinen sozialistischen Aspirationen in Zusammenhang steht, erwähnte 
ich eben. Sozialistische Machenschaft ist auch offenbar hinter dem Namen 
Manson zu suchen ; ein großer Unbekannter, dem wir die umfangreichste 
Gegenschrift gegen die Heilsarmee ,, verdanken". Ebenso wie Gasparin ar- 
beitet er mit offenbaren Lügen. Noch unter ihnen steht Neitzke, der ,, Vor- 
sitzende des Vereins ehemaliger Heilsarmeeoffiziere" (?) mit seiner kleinen 
Schmähschrift niedrigster Sorte. Ihnen allen, wie gewissen Zeitungen, ist die 
Heilsarmee sehr dankbar. ,,Sie leben," sagt ihr Gründer (in, 70), ,, haupt- 
sächlich von Streitigkeiten, und deshalb drucken die Herausgeber fast immer 
gerne alles, was irgend etwas verteidigt oder verurteilt. Es liegt im Interesse 
des Werkes, in den Spalten so oft wie möglich, gleichviel aus welchem Anlaß 
und in welcher Weise zu erscheinen." 

Getreu diesen Worten ist man mir überall sehr entgegengekommen. Ich 
darf ebenso wie Kolde versichern, keine Mühe und keine Arbeit gescheut zu 

II 



haben. Wer die Heilsarmee kennen lernen will, so schreibt er, müsse in eine 
Arbeiter- und Fabrikstadt gehen wie Manchester oder an ihren Geburtsort 
London. Ich bin dort und in loo anderen Städten gewesen. Deutschland, 
Holland, England, Schottland, Irland, Frankreich und Belgien sind mir aus 
persönlicher Anschauung bekannt. Hier und da bin ich sogar in der Uniform 
eines Heilsarmeeoffiziers gegangen. Sie fällt noch etwas auf, aber es lacht 
niemand mehr. Die höheren Stände benehmen sich achtungsvoll, die niede- 
ren vertrauen einem wie dem Freunde. Was das bedeutet, ermißt nur der- 
jenige, der es wagt, zu nächtlicher Stunde die Verbrecherkeller der Niederen 
Straße in Hamburg aufzusuchen oder zu London im Reiche Jacks des Auf- 
schlitzers zu pirschen oder im Apachenviertel von Paris sich herumzu- 
treiben. An allen Orten habe ich unangemeldet und unerkannt H. -Versamm- 
lungen beigewohnt, habe Hunderte von hohen und niedrigen Offizieren ge- 
sprochen; wie ich nun bekenne, nicht ohne alle Arg- und Hinterlist. Aber um 
so tiefer ist heute meine Überzeugung von der reinen Absicht, welche in der 
Heilsarmee herrscht. Ganz besonders habe ich mir einen Einblick in die 
sozialen Unternehmen zu verschaffen gesucht, mit dem Erfolge, mehr davon 
gesehen zu haben als irgendein Nichtsalutist, ja mehr als selbst die meisten 
Salutisten. So habe ich von Not und Elend, aber auch von Liebe und Opfer- 
sinn tausend unvergeßliche Eindrücke in mich aufgenommen. Daneben war 
ich auf meinen Reisen immer bedacht, mir Literatur zu verschaffen. Die 
Sammlungen der Heilsarmee in London und Berlin sind mir in liebenswürdi- 
ger Weise zur Verfügung gestellt worden ; anderes kam von da und dort, so 
daß noch niemand die in Betracht kommende Literatur so vollständig hat 
verwerten können. Das sage ich nicht, um andere herabzusetzen, ohne deren 
mühevolle Vorarbeit doch meine Schrift unmöglich gewesen wäre, sondern 
nur, um den Leser zu überzeugen, daß ich mein Bestes getan, zu einer mög- 
lichst objektiven Kenntnis des Salutismus zu gelangen. 



12 



ERSTER TEIL 



ORGANISATION, RELIGION UND 
GESCHICHTE DER HEILSARMEE 



/. HA UPTSTUCK 

ORGANISATION DER HEILSARMEE 

In den Offizieren der Heilsarmee sehe ich eine heilige, selbstverleugnende Be- 
geisterung, die heutzutage auf keinem anderen Gebiete ihresgleichen findet. 

J. Moorhouse, Lordbischof von Manchester, 1910, 6, 4. 

Die H.^, so heißt die offizielle Erklärung, ist eine Streitmacht von Män- 
nern und Frauen, verbunden in hl. Liebe und Gemeinschaft, um die 
Menschheit dahin zu bringen, daß sie sich Gott unterwirft und die ihr von 
Christus gebotene Rettung ergreift. Eine Armee wird sie genannt, weil sie 
organisiert ist und geleitet wird nach dem Muster der großen, stehenden 
Armeen der Welt, jedoch mit dem Unterschied, daß ihr Zweck nicht ist, zu 
töten, sondern Menschen zur rettenden Erkenntnis der Wahrheit zu führen, 
welche ist in Christus Jesus (loo, i). In diesen fundamentalen, einfachen 
Sätzen ist die organisatorisch eigenartigste Erscheinung gekennzeichnet, 
welche auf christlichem Boden erwachsen ist. Aufgebaut auf dem Grundsatz 
unbedingten Gehorsams nach oben und unbedingter Machtvollkommenheit 
nach unten, ähnelt sie ebensosehr der hierarchischen Ordnung der katholi- 
schen Kirche und ihrer Orden wie der Heereseinrichtung aller Völker und 
Zeiten. Sowohl in Hinsicht auf das Ziel als mit Rücksicht auf die Erfolge der 
Armee darf man ihr zugestehen, ,,daß sie die denkbar weiseste Art der Führer- 
schaft besitzt" (ii8, 62). 

W. Booth ist nicht nur seinem persönlichen Lebenswandel nach, sondern 
auch als Organisator durchaus über John Wesley zu stellen als des großen 
Vaters größerer Sohn, als ein glänzender Vertreter der, selbst die römische an 
Organisationstalent weit überragenden britischen Nation und als der reli- 
giöse Doppelgänger seines unsterblichen Zeitgenossen auf politischem Ge- 
biete, unseres Bismarck. Gewaltiger noch erscheint einem das Werk, wenn 
man erwägt, daß es aus einer Konfession herauswächst, welche die Freiheit 
des Christenmenschen zum Losungswort gemacht hat ; daß es dazu in einer Zeit 
geschaffen wird, welche mit tausend Zungen die Selbstherrlichkeit des ein- 
zelnen predigt ; daß es endlich in einer Nati onentsteht, welche den Ruf hat, von 
allen zivilisierten Nationen die freieste und ungebundenste zu sein. Der Salu- 
tist findet an seiner Organisation hundert Vorzüge : einfach und j edermann ver- 
ständlich sei sie ; ferner sei sie machtvoll, denn sie gebe dem mit unzähligen 
Armen arbeitenden Willen des einzelnen und Oberen eine ungeheure Kraft ; 
sie sichere Einigkeit und Harmonie, weil sie jede Uneinigkeit im Keime er- 
1 Für die Abkürzungen sei auf Seite VIII noch einmal hingewiesen. 

15 



sticke; sie biete jedem Gelegenheit, sich emporzuarbeiten und an diejenige 
Stelle zu rücken, wo er sich am besten entfalten könne; sie sei endlich allen 
Klassen und Charakteren der Menschen anzupassen, ohne daß sie wesentlich 
geändert werde (loi, 2—3). 

Da fand ich z. B. in der Queen Victoria Street zu London in enger Redak- 
tionsstube eine Mildred Duff, aus der bekannten schottischen Aristokraten- 
familie der Duffs, dazu eine berühmte Schönheit. Sie hat jetzt Titel und 
Nebenamt einer Reisekommandeurin. Da ist ferner eine M. Murray, die 
Tochter eines englischen Generals, Leiterin der H.-Liga für Soldaten und 
Matrosen, immer auf Reisen, bald in Hongkong, bald in Gibraltar. Eine 
Schwester von Lord St. Leonard heiratete den Leiter der H. von Kalifor- 
nien. Lady S. Sladen hat sich der Straßenjugend, Mrs. Bird, die Gattin des 
früheren ersten Ministers von Tasmanien, die Gefängnisse für ihre Arbeit 
ausgewählt. Die Tochter einer Lady Galt wirkt in Kanada zusammen auf 
einem bescheidenen Posten mit Miß Macdonald, die aus einem Millionenhaus 
in Toronto stammt. Dort war auch die durch einen Wagenunfall später ums 
Leben gekommene Tochter eines Bankiers von Neuyork, Fräulein van Nor- 
den, tätig und auf den westindischen Inseln arbeitete eine Nichte des Grafen 
von Onslow, während ihre Schwester unter den Zulu lebt. Salutistinnen waren 
oder sind auch die Gräfin von Seafield und ihre Tochter Lady /. E. Ogilvie-Grant, 
ebenso die Fürstin Ouchtomsky mit ihrer Tochter. Diese heiratete Dr. von Ta- 
vel aus Bern, der auch in die H. eingetreten war. Der ehemalige Artillerie- 
offizier Schock aus altholländischer Patrizierfamilie scharte sich sogar mit 
seiner ganzen Familie, mit Gattin, vier Töchtern und zwei Schwiegersöhnen 
unter die blau-gelb -rote Fahne. Auch die Aristokratie des Geistes fehlt nicht. 
Wie Frau Bramwell Booth, die Gattin des jetzigen Generals, so ist auch Kom. 
Cox (nunmehr die alleinige Leiterin des Frauensozial Werkes in England), eine 
Frau von ungewöhnlicher Bildung und Begabung und mit Frau Ballington 
Booth eine Pastorentochter. Sie ist nicht zu verwechseln mit Blanche B. Cox, 
jetzt in Honolulu auf Posten, früher Studentin in Girton College, Universität 
Cambridge. Sodann gehören hierhin E. Swift, jetzt Frau Oberst Brengle, und 
5. Swift, die Töchter eines amerikanischen Bankiers, ehemals Studentinnen 
der Harvard-Universität. Der schon erwähnte Doktor der Botanik, von Ta- 
vel, heiratete zuerst die Finnin von Haartmann, welche den Heilskrieg in 
ihrer Heimat eröffnet hatte. Dr. med. Ruth Wilson wirkt neben ihren männ- 
lichen Kollegen Dr. Turner, Dr. Andrews, Dr. Mumford und Dr. Wille, und 
so Heße sich die Aufzählung fortsetzen. Eine Reihe weiterer durch Geburt 
oder Stellung ausgezeichneter Persönlichkeiten wird uns ohnehin noch im 
Verlauf der Darstellung begegnen. 

16 



Aber „die größten Triumphe hat die Armee unter den armen und ausge- 
stoßenen Klassen zu verzeichnen" (loo, 4). Ich fand, sagt der General W. Booth 
(71, X), wie der beste Weg, mit dem Evangelium an die breiten Massen 
heranzukommen, darin liege, jene als Werkzeug zu benutzen, die einst selbst 
den gleichen Schichten angehört hatten. Darin lag, was man so den Keim 
der H. nennen kann . . . Ich beschloß, daß keine Makel der Geburt, der Er- 
ziehung oder gesellschaftlichen Stellung jemanden . . . von der Aufnahme 
in die Liste der Mitstreiter ausschließen solle. Als die Mission wuchs und 
Zweigstellen errichtet werden mußten, fragte ihn jemand, woher er die Pre- 
diger nehmen wolle. Aus den Wirtshäusern, lautete die augenblickliche Ant- 
wort, und wer die Vergangenheit vieler der opferfreudigsten Off iziere kennt, 
wird diese Antwort begründet finden, sagt die genau unterrichtete Fm^/^ncÄs 
(71, 17). Ich kann ihr nur beipflichten. W. Booth betraute den kleinen ßVZ/, 
den früheren Inhaber des Bethnal Green Bordells mit der Aufgabe, sich ganz 
besonders an die Trunkenbolde zu wenden und die bekehrten Säufer scharf 
im Auge zu behalten, und Drummer Bob, der Verbrecher, führte gegen die 
Betrüger, Diebe und Mörder den Heilskrieg. Die ersten Helfer sind fast alle 
den untersten Schichten und Berufen entnommen, und auch die junge Gene- 
ration der Offiziere ist noch stark mit solchen durchsetzt. Ich verweise auf 
einen so hervorragenden Mann wie Major Bell, dem augenblicklich die Sozial- 
anstalten von Glasgow unterstehen. Da Haggard ihn schon erwähnt (88, 172), 
darf auch ich wohl sagen, daß er als gänzlich heruntergekommener Trinker 
in der Armee vor beinahe 20 Jahren gelandet ist. Wie mir gesagt wird, kom- 
men von den Sozialoffizieren ^l^—^U ^^n der Straße, und in einer Schrift (130, 
1899, 36) der H. findet sich die Geschichte eines jungen Menschen, der sein 
ganzes Vermögen verschleuderte, dann zum Falschmünzer wurde, 5 Jahre 
Zuchthaus verbüßte, in ein Häftlingsheim der Armee kam und jetzt — ein 
tüchtiger Offizier ist. Dazu wird ausdrücklich versichert, daß so etwas durch- 
aus kein Ausnahmefall sei. Bekannt als ein solcher ,, Selfmademan" ist vor 
allem Kom. Cadman, der erste H. -Kapitän. Sein Vater war ein Trinker und 
starb ebenso wie die Mutter sehr früh. Elias C. kam daher ins Armenhaus. 
5^2 Jahre alt, wurde er ,, ausgemietet", d. h. er mußte für einen Kaminfeger 
das Brot verdienen. Damals wurden in England die Kamine noch durch 
kleine, hindurchkletternde Kinder geputzt, und die Meister sorgten schon, 
daß sie zu solchem Geschäft nicht zu dick wurden. Bald sah C. seinen Körper 
mit Hautabschürfungen und Brandwunden bedeckt; denn wenn das Loch 
sehr klein war, mußte er nackend kriechen. Wie ein Hündlein trottete er 
hinter seinem Meister her, seine Hose am Knie mit den Händen abhaltend, 
damit sie die Wunde nicht scheure. War der Meister gut gelaunt, so packte 

» C lasen, Der Salutismus I7 



er ihn an den Füßen und warf ihn über die Schulter. Bei Erscheinen des Ge- 
setz-Erlasses, daß nur Leute von 21 Jahren die Kamine kehren dürften, wurde 
C. kurzerhand 8 Jahre älter gemacht. Als er 17 Jahre alt war, brach der Haß 
gegen den Meister sich Bahn. Er fiel eines Tages über ihn her und ließ ihn 
vermeintlich als Toten liegen. Dann schlug er sich mit allerlei Gesindel durch 
die Welt, wurde Faustkämpfer und Zureiter. In einer methodistischen Ver- 
sammlung bekehrt, änderte er sofort sein Leben, lernte aus der Bibel lesen 
und schreiben und kam nach seiner Heirat nach London, wo er mit W. Booth 
zusammentraf, der gleich den richtigen Mann in ihm erkannte und fürder- 
hin gemeinsame Sache mit ihm machte. Nach seinem Bericht (1912, 30, 3) 
wurden ihre Fahnen oft zerrissen, die Lampen zerschlagen, und um die Köpfe 
krachte es manchmal. Eine kräftige, bekehrte Frau brachte dann mit einem 
Bratspieß wieder Ordnung in die Versammlung. Die Wohnung C.s wurde oft 
angegriffen, die Fenster zertrümmert und anderer Schaden getan; aber das 
belebte seinen Eifer, sich gerade diesem Pöbel zu widmen. Er wurde Divi- 
sionsoffizier in Yorkshire und übernahm darauf die Leitung der soge- 
nannten Stadt- und Landkolonien. Dann besuchte er in besonderem 
Auftrag Südafrika, Amerika, Kanada, Westindien, Austrahen und die 
verschiedenen europäischen Länder. Mit welchem Erfolge er tätig war, 
zeigt die Tatsache, daß er einmal in 6 Wochen 1200 Leute sich bekehren 
sah (1912, 32, 7). 

So trägt also, um ein napoleonisches Wort zu gebrauchen, in der H. jeder 
den Feldherrnstab im Tornister, und es wäre lehrreich, wenn man über diese 
große soziale Leistung der H. an ihren eigenen Offizieren eine Statistik geben 
könnte. Was würde ein solcher ,, Blick hinter die Kulissen" die Welt er- 
staunen machen! ,,Hier findest du," sagt der Kriegsruf (1901, 7, 3), ,, einen 
bekehrten Anarchisten, dort eine bekehrte Schauspielerin; Atheisten, Frei- 
denker und Ungläubige arbeiten Schulter an Schulter mit geretteten Trunken- 
bolden, Taschendieben, Spielern und Schwindlern für das Heil anderer und 
geben alle durch ihre tägliche Arbeit das Zeugnis von Aufrichtigkeit und 
Reinheit des Lebens." Und das ist das einzige, was man verlangt; je größer 
die Umwandlung, desto stärker müssen die Beweise dafür sein. Diese grund- 
sätzliche Stellungnahme gilt aber in der Praxis nur für die männlichen Offi- 
ziere; die weiblichen müssen aus naheliegenden Gründen durchaus unbe- 
scholtenen Lebenswandels sein und sind es mit sehr wenigen Ausnahmen. 
In Deutschland werden auch vorbestrafte Männer nicht leicht als Kadetten 
angenommen, weil unsere Behörden oft Schwierigkeiten machen, wenn solche 
Leute in leitende Stellung kommen. 

Die eigentlichen Offiziere — es sind nunmehr 16000 — werden unter- 

18 



schieden nach ihrer Tätigkeit oder nach ihrem Rang. Nach ihrer Tätigkeit 
in Stabs-, Feld- und Sozialoffiziere. Die Stabsoffiziere sind meist als Verwal- 
tungs- und Aufsichtsbeamte tätig. Die Feldoffiziere haben die unmittelbare 
Leitung der Korps, wie man die salutistischen Gemeinden nennt. Sie können 
sein und sind in großer Anzahl dem Range nach schon Stabsoffiziere ; denn 
kein Titel ist an eine bestimmte Tätigkeit geknüpft. Zuverlässige und treue 
Offiziere steigen, aber ihr Arbeitsfeld wird nicht vergrößert, wenn sie nicht 
dazu auch erfolgreich sind. 

Lokaloffiziere nennt man die unbesoldeten, ehrenamtlich angestellten Hel- 
fer in dem Korps. Dem Range nach unterscheidet man: General, (Stabschef), 
Kommandeur, Oberst, Oberstleutnant, Brigadier, Major, Stabskapitän, Ad- 
jutant und Ensign als Stabsoffiziere, Kapitän, Leutnant und Kadett als 
Feldoffiziere. Dazu treten in großen Korps oft 20—30 Lokaloffiziere. Auch 
die Musiker, deren die Armee jetzt 23 000 zählt, werden als L.-O. gerechnet, 
so daß die H. jetzt auf einem Unterbau von 85 000 L.-O. ruht. Jedem Korps, 
das groß genug erscheint, wird sodann ein Junior-(Kinder-)Korps angeglie- 
dert, das von erwachsenen L.-O. und den F.-O. geleitet wird. In England 
ist diese Juniorarbeit, deren sich der jetzige General mit besonderer Liebe 
angenommen hat, großartig organisiert. Aus ihr gehen meist die L.-O., die 
Musiker und F.-O. hervor. 

Einige besondere Bezeichnungen der Rangstufen gibt es vor allem in der 
Sozialarbeit, die übrigens keine gesonderte Organisation besitzt. So hat z. B. 
der jeweilige General immer Titel und Amt eines Direktors des ,, Dunkelsten 
England-Plans". Dervielgebrauchte Ausdruck ,, Sekretär" bezeichnet ein Amt, 
aber, wenigstens für gewöhnlich, an sich noch keinen Rang. Alle Grade sind 
kenntlich an der Uniform, wenn ich dieses Wort gebrauchen soll; denn wir 
Deutsche verbinden damit leicht den Begriff des Auffallenden, statt es wört- 
lich als ,, Einheitskleidung" zu nehmen. Weder der Schnitt noch die blaue 
Farbe der H.-Uniformen ist aber auffällig, und auch die oft getragenen, roten 
gestrickten Jersey-Unterjacken können nicht auffällig genannt werden, nach- 
dem der weiße und bunte Sweater sich den Kontinent erobert hat und wir 
durch unsere Damenmoden an ganz andere Dinge gewöhnt sind. Am Kragen 
trägt der einfache Salutist rechts und links über der Schulter je ein S aus 
Messing. Beim Leutnant sind die Buchstaben gelb, beim Kapitän rot, beim 
Ensign, Adjutant und Stabskapitän silbern und bei den letzteren noch 
mit einem bzw. zwei Sternchen versehen. Die höheren Grade tragen an der- 
selben Stelle neben den.S das mit Silberfaden gestickte H. -Wappen je nach 
Rang auf verschiedenfarbigem Grund. Es zeigt einen Strahlenkranz (Licht 
des hl. Geistes); am inneren Rande steht die Inschrift: Blut (Jesu Christi) 

2* 19 



und Feuer (des hl. Geistes) ; in der Mitte ein Kreuz, worum sich ein S schhngt 
(Salvation) und dadurch zwei überzwerch gestellte Schwerter (Heilskrieg). 
Über dem Ganzen ruht eine Krone (der ewigen Seligkeit). Dies Wappen findet 
sich auch auf der Fahne eines jeden Korps, deren Fläche rot, gelb und blau 
gehalten ist (Christi Blut, Geistesfeuer, Seelenreinheit). 

„Gehalt im gewöhnlichen Sinne kennt die H. nicht" (114, 496), ebenso- 
wenig und aus demselben Grunde wie etwa die katholischen Orden. Hier 
ließe sich eine hübsche Betrachtung einflechten über die grundsätzliche An- 
erkennung von Armut, Keuschheit und Gehorsam in allen asketischen Be- 
wegungen der Menschheit. ,,Kein Offizier hat die geringste Garantie für Ge- 
halt und kann nie Anspruch darauf von irgend jemand erheben" (loi, 57); 
denn in dem von ihm unterzeichneten Revers steht, ,,ich verstehe genau, daß 
mir kein Gehalt garantiert ist", und er verspricht unbedingte Weigerung, Ge- 
schenke für sich anzunehmen und womöglich soll er es nicht einmal zu einem 
Anerbieten kommen lassen. Nur im Notfall ist es ihm erlaubt, für die dring- 
lichsten Bedürfnisse Lebensmittel zu empfangen (114,623). Auch die von den 
Hauptquartieren — so nennt man die Landesverwaltungen — festgesetzten 
Staffeln lassen den Begriff des Gehaltes durchaus nicht aufkommen. Alle 
Offiziere, vom General angefangen bis zum untersten, erhalten nicht mehr 
und nicht weniger als das zum Leben Notwendige, so z. B. in Deutschland 
der verheiratete Adjutant 21, der ledige männhche 14, der weibliche 13; der 
verheiratete Ensign 20, der ledige männliche 13, der weibliche 12; der ver- 
heiratete Kapitän 19, der ledige männliche 12, der weibliche und alle Leut- 
nants II Mark wöchentlich. Darüber hinaus für jedes Kind bis zu 7 Jahren 
I Mark, bis zu 14 Jahren 2 Mark. Eine möblierte Wohnung hat jeder frei. 
Salutist werden bedeutet also arm werden, heißt verzichten und zwar nicht 
nur für sich, wie bei den MitgUedern katholischer Orden, sondern auch für 
die Nachkommenschaft ; denn weitaus die meisten Offiziere haben kein Pri- 
vatvermögen ; es bleibt also ihren Kindern nur die Wahl, entweder als Offizier 
oder sonstwie ihr Brot redlich zu verdienen, weil eben mit solchem Gehalt 
die Lebensbedürfnisse bestritten, aber keine Rücklagen gemacht werden kön- 
nen. Wenn also der General in der Vorrede zu einem Leben des hl. Franz von 
Assisi von St.-O. E. Douglas schreibt, nicht weniger weit zu gehen in den 
Forderungen freiwilliger Armut als er, so ist das mehr als wahr. Ich weiß, daß 
viele, Railton sagte 1891 ,,die meisten" (42, IX), zuweilen mit noch weniger 
als 3 Mark wöchentlich für ihren Unterhalt auskommen und daß sie von 
ihrem kärglichen Gehalt immer noch Ärmeren etwas abzugeben wissen. Es 
ist wahr, heißt es offiziell (100, 58), daß viele Offiziere um der Rettung der 
Seelen willen ,,etwas" Entbehrung zu erdulden haben, und auf die Frage, ist 

20 



es wahr, daß Offiziere nicht genug zu essen haben ? wird geantwortet, in man- 
chen Fällen sind die Offiziere auf „sehr einfache und sehr wenig" Nahrung 
beschränkt gewesen. Aber das war entweder durch eigene Wahl oder Schuld. 
Sie haben vorgezogen, um ihres Herrn willen zu leiden, und freuen sich viel- 
mehr, als daß sie sich beklagen, oder sie haben es freiwillig unterlassen, ihren 
Divisionsoffizier davon in Kenntnis zu setzen, der verpflichtet ist, unter 
solchen Verhältnissen (wo das Korps den Unterhalt des Offiziers nicht auf- 
bringt) zu helfen. So fällt den Offizieren der Verzicht auf Alkoholika, Gesell- 
schaft und Theater nicht schwer ; und wenn man für Pflanzenkost eintritt, 
so hat das, wie mir eine Offizierin mit bedeutsamem Lächeln sagte, seinen 
guten Grund. Die Gehaltsfrage kann nur vom religiösen Standpunkte aus 
betrachtet und gewürdigt werden. Nimmt man diesen aber ein, so ist zu 
sagen, daß sie nicht anders geregelt werden durfte. Der Gründer ist seinen 
Offizieren freiwillig mit dem Beispiel größter Bedürfnislosigkeit vorange- 
gangen — eine geröstete Brotschnitte war sein Leckerbissen — und was sollte 
aus der H. werden, wenn die Offiziere mehr als ihren Unterhalt bezögen ! Sie 
würde Geschäftssache, und um ihre Ideale wäre es geschehen. Ja, es ist zu 
fragen : Dürfte die Armee, welche doch ihre Einkünfte meist von armen Leu- 
ten und immer für arme Leute empfängt, ihren Offizieren mehr als das Not- 
wendige geben? Die Gehaltsfrage ist mehr als eine Frage der Zweckmäßig- 
keit ; es ist eine Frage der sittlichen Gerechtigkeit, und wenn der Salutismus 
Tausende Offiziere hat, die sich solche Opfer auferlegen, so ist das neben 
vielem anderen ein herrliches Zeugnis, daß wir uns in einer Zeit religiösen Auf- 
schwunges, nicht aber Niederganges befinden. Manche werden freilich ge- 
neigt sein, in all diesen Männern und Frauen abnorm empfindende Menschen 
zu sehen, und mir selber war dieser Gedanke anfangs nicht fremd ; denn neuro- 
pathische Krankheiten folgen dem eisernen Fuß unserer modernen Zeit in 
schillernder Mannigfaltigkeit. Aber statt der ,, Neuropathie" (vgl. 228, 352 ff.) 
fand ich Männer von Stahl, statt der ,,schamanistischen" Fanatiker einfache 
und treuherzige Seelen, statt ,,Phrenesie und hypnotischer Verzerrung" stille 
Sorge und liebevolles Mitleid in Blick und Mienen. Der Wahrheit muß man 
die Ehre geben, auch wenn sie weniger interessant ist. Wer Großes und Nach- 
haltiges für die Armen leisten will, der muß selbst arm werden . . . muß sich 
ganz opfern (Hettinger). Dies ist ein Hauptgrund für die Erfolge der H. und 
für die Tatsache, daß sie in ihrem Sozialwerk mit den denkbar geringsten 
Unkosten arbeitet. ,,Die H. macht aus 20 Mark so viel als der Armenpfleger 
aus 60" (180, XVni). Die Stärke der Armee liegt in ihren Offizieren, und 
keiner, der die Mühe scheut, sie kennen zu lernen, wird ihnen seine Hoch- 
achtung versagen, so anders er in religiöser Hinsicht auch denken mag. Man 

21 



darf die Offiziere nicht mit ihren Schützlingen verwechseln. Unter diesen 
finden sich, weil eben die H. das Sammelsurium für allen menschlichen Aus- 
wurf ist, die absonderlichsten Leute. Ein Mann, namens How z. B., ver- 
weigerte 1906 die Annahme einer Erbschaft von fast 5 Millionen Mark mit 
der Begründung, er habe das Geld nicht verdient. Er verbringt 16 Stunden 
täglich in den armseligsten Vierteln von St. Louis, wo er allgemeine Brüder- 
lichkeit predigt, schläft in einer Nachtherberge der H., bereitet sich sein 
Essen auf einem Petroleumkocher und gewinnt seinen Unterhalt durch Ge- 
legenheitsarbeiten . 



Die oberste Leitung derH. liegt bei ihrem General, dessen Befugnisse in der 
Gründungsakte vom 7. August 1878, niedergelegt beim Obergerichte in 
London, fest umgrenzt sind. Demnach hält er alle Besitztitel über alles Eigen- 
tum der H. Ebenso hat er in versiegeltem Schriftstück seinen Nachfolger zu 
ernennen. Die Person des neuen Generals wird, wenn auch nicht, wie der 
Gründer mehr im Scherze sagte, mit demselben Draht, so doch zur selben 
Zeit bekannt gegeben wie der Tod des Vorgängers. Alle Offiziere vom Rang 
eines Majors und darüber werden von ihm ernannt und bestallt. Bei Appella- 
tionen ist er die höchste Instanz, und er entscheidet insbesondere über die 
Interpretation der,, Lehren" und der ,, Regeln und Verordnungen" (114, 563). 
Als zweite Gründungsakte kann die Urkunde vom 30. Januar 1891 gelten. 
Sie erklärt den jeweiligen General zum Direktor des ,, Dunkelsten— England- 
Plans". Als solcher ist er Vertrauensperson über die zum Besten der Sozial- 
arbeit getätigten Schenkungen, für die er die volle Verantwortung trägt, 
über die er andererseits aber auch innerhalb der festgesetzten Schranken 
volle Freiheit hat. Von größter Wichtigkeit ist endlich die Vertrauensurkunde 
vom 26. Juli 1904. Sie trifft Bestimmungen über die Absetzung und Erwäh- 
lung eines Generals durch das ,,High Council". Es besteht aus dem Stabs- 
chef, dem Sekretär für auswärtige Angelegenheiten und allen aktiven Kom- 
mandeuren und Territorialleitern. Abgesetzt ist der General, wenn ^/j der 
Konzilsmitglieder ihn für geistesgestört oder anderweitig für geistig und 
körperlich amtsunfähig erklären oder wenn ^/jq ihm wegen Bankrotts, Zah- 
lungsunfähigkeit, Pflichtverletzung, offenkundig schlechter Führung oder 
anderer Umstände den Generalsrang absprechen. In Deutschland fungiert 
seit dem 13. April 1897 als juristische Person die H.-Grundstücksgesellschaft, 
worin der jeweilige General kraft seiner Stellung Hauptteilhaber ist. Ähnlich 
ist man in allen anderen Ländern vorgegangen, je nach der Landesgesetz- 
gebung. 

22 



Der oberste Stabsoffizier trägt den Namen Stabschef. Er ist der berufene 
Vertreter des Generals und teilt dessen Arbeiten. Ganz besonders ist ihm die 
Kontrolle des Internationalen „Hauptquartiers" (= I. H.-Q.) anvertraut. 
Bramwell Booth, der erste Stabschef, bezog ein Gehalt von 400 Mark monat- 
lich und hatte dazu eine Dienstwohnung von 8 Zimmern. Seitdem er seinem 
Vater im Amt gefolgt ist, bekleidet Kom. Howard diesen Posten. Der erste 
General hat kein Gehalt bezogen, sondern noch den Erlös aus seinen Werken 
restlos der H. überwiesen. Er lebte von den Zinsen eines kleinen Kapitals, das 
ihm von einem Freunde eigens dazu geschenkt war, ihn unabhängig zu 
machen, um so jeder üblen Nachrede von vornherein allen Boden zu ent- 
ziehen. Das ist freilich trotzdem, wenigstens für die erste Zeit, nicht gelungen. 
Unter dem Stabschef stehen die Kommandeure, augenblicklich 16 männ- 
liche und 4 weibliche, darunter 3 aus der Familie Booth. Wenn man dem 
Gründer ,,Boothismus'' vorgeworfen hat, so war das sicher ungerecht. Seine 
Söhne und Töchter hatten dasselbe Recht auf einen hohen Posten wie z. B. 
der Kaminfeger Cadman, vorausgesetzt, daß sie eben so tüchtig waren; das 
aber haben sie glänzend bewiesen. Und wenn Bramwell Booth heute General 
ist, so hat das nichts damit zu tun, das er den Gründer zum Vater hatte. 
Wer auch nur ein wenig die Geschichte der H. kennt, dem ist das selbstver- 
ständlich, und ebenso konnte für den Posten eines Stabschefs ernstlich kein 
anderer in Frage kommen als Henry Howard. Die meisten Kommandeure 
sind als Territorialleiter in den einzelnen Ländern tätig; sie bestallen dort die 
Offiziere der niederen Grade und sind dem General verantwortlich für den 
Fortgang des Werkes, das Eigentum und alles andere. Der Kom. gibt oder 
versagt bei Verlobung oder Verheiratung der Offiziere die EinwiUigung und 
hält, wenn nötig, ,, Kriegsgericht"; denn selbst von den Soldaten heißt es, 
daß sie in keinem Fall in gewöhnlicher Weise Prozesse miteinander führen 
dürfen (118, 55). Ferner soll er die einzelnen ,, Divisionen" seines Landes 
jedes Vierteljahr persönlich prüfen, was aber in großen Ländern nicht gut 
möglich ist. Da helfen ihm die Offiziere seines Hauptquartiers, an deren 
Spitze der Chef Sekretär steht. Die Einrichtung der Landeshauptquartiere 
entspricht genau demjenigen in London, wo 300 Angestellte tätig sind. In 
demselben Maße, wie die Arbeit wächst, schafft man Einzelabteilungen und 
teilt das Land in Divisionen ein, über denen ein Divisionsoffizier steht. Er 
soll wenigstens einmal in 6 Wochen in jedem Korps seiner Division eine Ver- 
sammlung leiten. Wo es zweckdienlich erscheint, kann zwischen dem H.-Q. 
und einer Gruppe von Divisionen eine Provinzialleitung eingeschoben werden. 

Die größere Hälfte der Offiziere — augenblicklich 8680 — sind „im Felde''' 
tätig. Sie bleiben i, höchstens 2 Jahre in ihrem Korps, das in den Gebieten 

23 



der Heidenmission auch vielfach „Sozietät" betitelt wird. Jede Woche ist ein 
schriftlicher Rapport auszufüllen für den D.-O., der seinerseits wieder an das 
H.-Q. rapportiert. Nach dem von jedem Offizier zu unterzeichnenden Revers 
haben sie wenigstens 9 Stunden täglich für die Armee tätig zu sein, 6 Stunden 
wöchentlich auf den Verkauf des Kriegsrufs und 18 für Besuche zu verwen- 
den. Sie dürfen keinerlei Geschäft treiben und auch nichts veröffentlichen, 
es sei denn für die H. und mit Erlaubnis ihrer Leiter. Jedes Jahr sollen sie 
14 Tage Urlaub nehmen und sich entweder zu Angehörigen und Freunden 
oder in eines der Ruheheime der Armee für erholungsbedürftige Offiziere be- 
geben. Verheiratete Offiziere sind stets gemeinsam tätig, und man erwartet 
von der Frau, daß sie alle verfügbare Zeit für die Zwecke der Armee ver- 
wendet. Im Range steht sie, wenn sie nicht eine außerordentliche Erlaubnis 
hat, die höhere Rangwürde zu führen, immer dem Manne gleich. 

Wenn man gewissen Schmähschriften glauben wollte, träten mehr Offiziere 
aus als ein. Jedoch mag die Zahl der Austretenden ziemlich groß sein. In der 
ersten Begeisterung und ganz erfüllt von Idealen ist man leicht geneigt, die 
rauhe Wirklichkeit zu übersehen. Und der Salutismus fordert große und dazu 
ungewöhnliche Opfer. Ein Nachlassen des Eifers, ein Überdrüssigwerden ist 
da nur zu leicht verständlich. Manchen Offizieren fehlt es auch, trotz besten 
Willens, am nötigen Talent, so daß man sie schweren Herzens entlassen muß. 
Doch ist die größte Vorsorge getroffen, daß dabei keine Willkürlichkeiten vor- 
kommen können. Jeder Offizier hat im Entlassungsverfahren Gelegenheit 
sich auszusprechen und zu verteidigen: i. beim Divisionsoffizier, 2. beim 
Provinzialoffizier, 3. vor einem Gerichtshof von drei fremden Offizieren, wel- 
cher auf Antrag die namhaft gemachten Zeugen hören muß, 4. vor dem 
Kommandeur, der 5. eine erneute Sitzung anberaumen wird, wenn ihm die 
Sache nicht ganz klar scheint; endlich 6. kann er sich auf den General be- 
rufen, in dessen Namen alle Offiziere entlassen werden. 

Dem Feldoffizier zur Seite stehen in jedem Korps die ehrenamtlich tätigen 
Lokaloffiziere. Kleine K. haben einen Schatzmeister, einen Sekretär, einen 
eigentlichen Sergeantmajor, einen für Kinder und ein paar Werbeoffiziere; 
große K. dazu einen Korpskadettenführer, Kapellmeister, Quartiermeister, 
Schriften-, Bezirks- und Musiksergeanten usw. Alle Ein- und Ausgaben sind 
vom Feldoffizier wie vom Schatzmeister und Sekretär zu unterzeichnen. Vom 
Schatzmeister beziehen die F.-O. ihr Gehalt. Dem Range nach aber steht 
er hinter dem Leutnant und Sergeantmajor; dieser letztere muß immer ein 
besonders erfahrener, frommer und zuverlässiger Mensch sein und vertritt 
den F.-O., hat aber keinerlei finanzielle Verantwortung. 



24 



Die Erwähnung des Korpskadettenführers bringt uns auf das Rekrutie- 
rungswesen der Armee. Er hat die Pflicht, Kadetten für den Offiziers- 
dienst zu gewinnen und die als Kadetten angenommenen zu beaufsichtigen. 
Jede Woche hält er mit ihnen Klasse, wobei zuerst Askese gepflegt und dann 
Schule gehalten wird. Den Kandidaten werden von Zeit zu Zeit gedruckte 
Lektionen und Fragebogen geschickt. Ist der Termin des Eintritts in eine 
der 37 Kadettenanstalten der Armee gekommen, so wird eine besondere Ab- 
schiedsversammlung anberaumt. Unter 21 Jahren wird selten jemand in die 
Anstalt aufgenommen. Dort findet sich gewöhnlich eine nach Alter, Beruf 
und Lebensstellung sehr gemischte Gesellschaft. Die Dauer der Ausbildung 
beträgt in Deutschland augenblicklich 6, in England 10 Monate und wechselt, 
je nachdem der Bedarf an Offizieren mehr oder weniger dringend ist. 

Sie ist für die heutigen Verhältnisse und für die jetzige Stellung der Armee, 
wie der beigefügte Wochenplan^ beweist, recht kümmerlich, und die letzten 
Sorgen des Stifters zielten auf eine bessere und angemessenere Vorbereitung 
seiner Offiziere, für die er gerne eine ,, Universität der Menschlichkeit" ge- 
schaffen hätte, wie sein Schlagwort lautet. Deshalb forderte sein Sohn, der 
jetzige General, im September 1912 alle diejenigen, welche das Andenken des 
großen Verstorbenen ehren wollten, auf, zu einer Spende von 3 Millionen bei- 



1 Wochenplan 



KADETTENSCHULE BERLIN 
II. — 18. Dez. 1905 



Montag 


Dienstag 


Mittwoch 


Donnerstag 


Freitag 


Samstag 


Sonntag 


VORMITTAGS : 


s 


Gebetstunde 


Desgl. 


Desgl. 


Desgl. 


Desgl. 


Desgl. 


Bibel 


Desgl. 


Desgl. 


Desgl. 


Desgl. 


Hausarbeit 


ÖD 

a 


Lektion 
ausarbeiten 


Vortrag 


Lektion 
ausarbeiten 


Vortrag 


Desgl. 






Reg. u. Ver. 


Lehren d. H. 


Reg. u. Ver. 


Lehrend. H. 


Reg. u.Ver. 




in 


für F.-O. 




für F.-O. 




für F.-O. 




> 

in 

i-i 


NACHMITTAGS : 


Rechnen 


Briefe 




Rapporte 


Desgl. 


Baden 


Frage und 
Antwort 


Reg. u. Ver. 
für F.-O. 


Felddienst 


Feldübung 


Grammatik 




•0 


Gebet fürs 
Feld 


Reg. u. Ver. 
für F.-O. 


im 
Korps 


Gebet fürs 
Feld 


Desgl. 


Desgl. 


3 

in 

pq 


Briefe 


Heiligungs- 
versammlg. 




Kriegsruf- 
verkauf 


Lesen 


Kriegsruf- 
verkauf 





Reg. und Ver. für F.-O. = Nr. 115 

Lehren = Nr. 108 

Frage und Antwort = Nr. 10 1 



vergl, 1906, 3,5 
1908, 42,3 



35 



zutragen, welche nötig wären, das Kadettenschulwesen der H. (in England 
allein) zu reformieren. Das sei das würdigste und den Wünschen seines Vaters 
am meisten entsprechende Denkmal. 

Nach Abschluß der Vorbildung wird der Kadett als Probeleutnant einem 
Korps zugewiesen und betritt damit die eigentliche Offizierslaufbahn. Lon- 
don hat jetzt eine ähnliche Schule für Stabsoffiziere und ebenso besteht dort 
seit 1902 eine solche für Sozialoffizierinnen. Für die Sozialoffiziere beiderlei 
Geschlechts finden überdies jährlich wochenlange Tagungen statt, verbun- 
den mit Besichtigung der eigenen Anstalten in Altengland. Offiziere, welche 
in dem einen oder anderen Zweige besondere Erfahrungen besitzen, halten 
die Vorträge. 

Hochinteressant ist das Finanzierungswesen der H., wie ihr Gründer, ,,der 
königliche Kaufmann" {Kappstein), es geschaffen und der jetzige General es 
ausgebildet hat. Auch Frau W. Booth war für unbedingte Anwendung kauf- 
männischer Grundsätze (23, 45). Kolde (174, 86) und einige andere nannten 
W. Booth eines der größten Finanzgenies aller Zeiten. Doch liegt seine Größe 
nicht so sehr in der Herbeiziehung unregelmäßiger großer Unterstützungen, 
sondern in der Organisierung kleiner und kleinster Beiträge. Ein ,,Gold- und 
Silberregen" (224, 7) ist selbst in der H. etwas Seltenes, und weitaus das 
meiste Geld kommt von denen, welche es sich vom Munde abdarben. So be- 
richtet Railton (76, 20), daß im Jahre 1882 die Armen Englands i 780 000 
Mark, die Reichen aber nur 780 000 Mark beisteuerten, und Schindler be- 
rechnet für die Schweiz, daß sich die finanzielle Opferwilligkeit der Salu- 
tisten zu derjenigen der evangelischen Landesbevölkerung verhalte wie 24 
zu I (219, 67). Nach dem ersten General gibt es ,, Tausende von Soldaten, 
welche von 25 Mark Wochenlohn 5 Mark hergeben" (178, 22). Die Einnah- 
men der einzelnen Korps fließen i. aus dem Patronengeld (Patronen nennt 
man die jede Woche von dem K.-O. den einzelnen K. -Mitgliedern = Soldaten 
eingehändigten und leer oder mit einem Beitrag verschlossen wiederzugeben- 
den Papierhüllen), 2. aus den Kollekten, welche in jeder Versammlung ge- 
halten werden. Empfangenes Geld wird stets im Beisein von mehreren ge- 
zählt und in die Bücher eingetragen. Alle Kosten für Miete, Feuerung, 
Licht und Reinigung des Versammlungsraumes, ,,der Halle" (,, Zitadelle", 
,, Baracke") sind zu bezahlen oder zurückzulegen, ehe der K.-O. sein wöchent- 
liches Gehalt ausgezahlt erhält. Überschüsse verbleiben in Verwaltung der 
K. Ein Zehntel der Einnahmen ist an den D.-O. abzuführen zur Erhaltung 
des D.-PL-Q., zur Unterstützung armer Korps, zur Ausdehnung des Werkes 
usw. Dieser hat wiederum einen Teil der Einnahmen an das H.-Q. des Lan- 
des zu zahlen. Giimdsätzlich hätten die einzelnen H.-Q. ihrerseits durch 

26 



einen Beitrag das I. H.-Q. in London zu erhalten. Doch hat man darauf ver- 
zichtet, um dem Vorwurf zu begegnen, der z. B. auch in Deutschland ge- 
wissenlos verbreitet wird, es gehe Geld nach England. England erhält sich 
nicht nur selber, trägt nicht nur allein die Kosten des I. H.-Q., sondern unter- 
stützt die Außenländer, darunter auch zeitweise Deutschland, zum Teil mit 
gewaltigen Summen. Da überhaupt das I. H.-Q. von dem englischen N. H.-Q. 
schlecht reinlich zu scheiden ist, wird es wahrscheinlich auch niemals da- 
zu kommen, daß jedes Land, was doch die Gerechtigkeit forderte, seinen Teil 
an den allerobersten Verwaltungskosten trägt. Jedes Jahr ist von den Län- 
dern, Divisionen und Korps ein Budget aufzustellen und von der unmittel- 
baren Oberleitung zu genehmigen, was General, Kommandeur, Divisionsof- 
fizier usw. nur tun, wenn das Äußerste geschehen ist, Ein- und Ausgaben in 
Verhältnis zu setzen. Der wöchentliche Rapport läßt die Ausführung des 
Budgets klar überschauen. Er muß von zwei L.-O. gegengezeichnet werden. 
Außerdem soll an jedem Quartalsende in einer Soldatenversammlung die 
Quart alsbilanz laut verlesen werden. Jede Unehrlichkeit ist deshalb so gut 
wie ausgeschlossen, da es der jeweiligen höheren Stelle auffallen muß, wenn 
der rapportierte Betrag unter dem Durchschnitt bliebe. 

Zu diesen mehr festen Bezügen treten die größeren, aber schwankenden 
Einnahmen. Da ist z. B. die Danksagungsbüchse, welche in befreundeten 
Famihen auf dem Tisch und oft auch, z. B. in Dänemark allgemein, in Ge- 
schäften aufsteht. Sie wird von einem besonderen Offizier jedes Vierteljahr 
geleert und versiegelt. Da gibt es ferner für besondere soziale Zwecke Ver- 
eine, z. B. in Deutschland den 1901 von Frau Oliphant begründeten „Gebets- 
und Hilfshund''', in England die 1887 gegründete „Auxiliary League". Da- 
neben haben sich die im Frühjahr gehaltene Selbstverleugnungswoche und 
das Erntedankfest {„Nationaler Aufruf") im Herbst zu einer besonderen Ein- 
nahmequelle gestaltet. Durch diese besonderen Anstrengungen persönhchen 
Entsagens und Kollektierens sucht man vor allem die Mittel für das Sozial- 
werk, die Heidenmission und ähnliches zu gewinnen. Jedem Lande, jeder 
Division, jedem Korps, jedem Mitglied, selbst den Kindern in den einzelnen 
Familien wird von der nächsthöchsten Instanz eine Summe (= ,,Ziel", 
„Scheibe") festgesetzt, dieerreicht („getroffen") werden muß. 1911 , .erzielte" 
man in der Selbstverleugnungswoche fast 3 1/2 Milhonen Mark, was, auf den 
Kopf des aktiven Offiziers ausgerechnet, 223 Mark ergibt. 

Große Beträge werfen auch ab die H. -Druckerei in St. Albans (das einzige, 
wenigstens teilweise rein geschäftliche Unternehmen), die Handelsabteilungen 
der einzelnen Länder und die H. -Treubank. 

Die Verwaltung des Geldes ist folgendermaßen geregelt: Die Höhe jedes 

27 



Beitrags und seine Bestimmung werden gebucht. Weder der General noch 
sonst ein Offizier kann ohne schrifthchen Antrag einen Pfennig erhalten. 
Diese Anträge und alle Forderungen werden von einem Ausschuß von wenig- 
stens drei Offizieren geprüft und gegebenenfalls bewilligt, ehe sie zur Aus- 
zahlung durch den Rechner gelangen können. Dieser Ausschuß ist dem Kom. 
bzw. Stabschef verantwortlich, die besondere Finanzbeamte, internationale 
und nationale Rechnungsrevisoren schicken, welche auf beständigen Reisen 
die einzelnen Länder bzw. Divisionen und Korps besuchen und die Bücher 
prüfen. Die Hauptbücher werden dazu von jedem Lande öffentlichen, ver- 
eidigten Bücherrevisoren unterbreitet, so in England seit Jahr und Tag den 
Herren Knox, Cropper 8c Co., den Rechnungsrevisoren der Midland-Eisen- 
bahngesellschaf t, und in Deutschland dem vereidigten Bücherrevisor Zwic^aw. 
Finanzbericht und Ergebnis der Revision werden von den H.-A. ver- 
öffentlicht und auf Verlangen jedermann postfrei zugesandt, und wenn je- 
mand will, stehen ihm auch zu ernsten Zwecken die Bücher selber zur Ver- 
fügung. Das ganze bewunderungswürdige Finanzwesen der Heilsarmee be- 
ruht also auf dem Grundsatz vollster Öffentlichkeit und bietet nach allen 
Seiten hin jede denkbare Sicherheit gegen Veruntreuung, wie immer sie ge- 
artet sei. Gewöhnlich hat man an Bilanzen auszusetzen, daß sie zu sehr für 
das Publikum geschrieben sind, daß sie die Dinge ,, verschleiern". Bei den 
Finanzberichten der H., besonders den deutschen ist es umgekehrt. Sie 
sind zu wenig für das Publikum zugeschnitten, doch wird jeder, der meine 
Darlegungen aufmerksam gelesen hat, imstande sein, ein klares Bild aus 
ihnen zu gewinnen. 

Nicht unmittelbar, aber doch in innigem Zusammenhang mit dem Finanz- 
wesen der H. steht die H .-Treubank in England. Ihre Vorgängerin ist die 
1884 begründete ,,H. -Grundstücksgesellschaft", welche den Zweck verfolgte, 
zu annehmbaren Bedingungen Kapital zu beschaffen und durch Verleihung 
von Geld auf Grundstücke und Gebäude (von Korps) die Ziele der Armee zu 
fördern. Das Grundkapital war in 10 000 Aktien zu je 100 Mark geteilt, 1896 
erhöht auf 2 Millionen Mark mit 18 000 Anteilen zu 100 Mark und 10 000 
von 20 Mark, alle in Händen von General, Stabschef, Offizieren, Korps und 
Freunden. Die GeseUschaft wurde auf Beschluß der Aktionäre aufgelöst, weil 
die nichtsalutistischen Geschäftsführer meinten, die Armee böte nicht mehr 
die nötige Sicherheit für Zinszahlung und Beleihung. Die letzte Mitglieder- 
versammlung war im Januar 1899. Die Aktionäre erhielten für je 20 Mark 
noch einen Bonus von 9,25 Mark. Von Verlust ist also keine Rede. Neben 
dieser Einrichtung bestand seit 1890/91 ein bankähnliches Institut, das sich 
am 28. Dezember 1890 als Reliance Bank Ltd. konstituierte mit einem Ak- 

28 



tienkapital von 2 Millionen Mark, zerlegt nach Londoner Brauch in Pfund- 
shares = Anteilscheine von 20 Mark, wovon 40 000 Scheine ausgegeben 
wurden ; 39 993 soll W. Booth in seiner Eigenschaft als General besessen 
haben, Bramwell Booth und sechs andere Offiziere als Direktoren der Bank 
die sieben übrigen. Der Name ,,Bank" bürgt schon in jeder Hinsicht; denn 
die Londoner Banken sind im Gegensatz zu den kontinentalen niemals spe- 
kulative Geldinstitute. Sie befassen sich nicht mit Kreditoperationen, Staats- 
anleihen, Gründungen u. dgl. — solche Unternehmen dürfen den Namen 
Bank nicht führen — , sondern sind wesentlich Depositenbanken. So auch die 
H. -Treubank, welche eine vorteilhafte Verwendung und Verwaltung der H.- 
Kapitalien zum Zwecke hat. (Augenblicklich beläuft sich der Wert des Armee- 
Eigentums auf 17 Millionen Mark.) Daß es sich auch hier nicht um , .regel- 
rechte Geldgeschäfte" handelt, zeigt der Umstand, daß bei meinem Besuche 
unter den 4 Offizieren und 7 Soldaten, welche dort tätig waren, sich kein ein- 
ziger fand, der eine banktechnische Bildung außerhalb der Armee genossen 
hatte. Die Bank gibt für Depositen 2^2—4^0 ^^^^ hatte 1911 einen Jahres- 
umsatz von 6^4 Millionen Mark. 

Bedeutender als der Gewinn aus diesem Unternehmen ist der aus der Han- 
delsahteilung der Armee. Die Londoner befindet sich jetzt in einem neuen Ge- 
bäude bei Kings Gross, wo andauernd 250—300 Leute beschäftigt sind. Dort 
ist alles zu haben, was die Korps für ihre Hallen und Offizierswohnungen und 
was die Offiziere an Uniformen gebrauchen, dazvi die Großkonsumartikel wie 
Tee und Kakao. Die Musikinstrumente fabriziert die Armee selber in St. Al- 
bans in einem Gebäude gleich neben der Druckerei, wo ich etwa 30 Instru- 
mentenmacher beschäftigt fand. Der Wert der in der H. gebrauchten Instru- 
mente wurde schon 1906 auf fast 2 Millionen Mark geschätzt. Ebenso werden 
alle Frauenhüte und ein großer Teil der Uniformen in Kings Gross bzw. den 
H.-Q. der einzelnen Länder angefertigt. Doch steht es den Offizieren frei, ein- 
zukaufen und schneidern zu lassen, wo sie wollen. Von der ..fabrikmäßigen 
Herstellung von allem und beinahe jedem" kann keine Rede sein. Von den 
„Heilskämmen", „Heilsscheren" und ,, Heilsarmeeseifen" mit dem Bilde des 
Generals mitten in jedem Stück und all den anderen schönen Sachen habe 
ich nichts entdeckt. Von den H.-Handtüchern mit der Aufschrift ,,Das Blut 
Ghristi macht uns rein von aller Sünde" hatten die ältesten Herren von Kings 
Gross keine Erinnerung. Von Bettdecken, Bettvorlegern, Tischdecken mit 
frommen Sprüchen habe ich freilich gehört ; aber eine fabrikmäßige Herstel- 
lung ist schon wegen Mangels an Einrichtungen gänzlich ausgeschlossen. 
Diese Feststellungen haben mich so sehr enttäuscht, daß mir alle Lust be- 
nommen war, nach den kleineren Geschäftsleuten und Kolonialwarenhänd- 

29 



lern überhaupt zu suchen, deren die H. so viele ruiniert haben soll, daß sie 
eigentlich haufenweise auf den Straßen Englands betteln müßten, wenn man 
den Berichten glaubte. Musikinstrumente, Hallelujahüte und Heilsarmee- 
uniformen sind jedenfalls noch unschuldigere Produkte als Benediktiner, 
Chartreuse oder Niedermendiger, und ich denke, wir wollen den braven Leut- 
chen von der H. ebensowenig gram sein, als wir es den guten Mönchen und 
der frommen Brudergemeinde sind. 

Endlich haben wir noch die Wohltätigkeitseinrichtimgen der Armee für ihre 
eigenen Offiziere und Soldaten zu erwähnen. Als solche rechne ich die H.- 
Lebensversicherung, die Heime für beurlaubte und erholungsbedürftige Offi- 
ziere, die Witwen und Waisenfürsorge und die Altersversorgung der Armee. 
Die Lebensversicherung, begründet 1867 als ,,The Free Methodist and Ge- 
neral Benefit Society Ltd.", dann als The M. and G. AssuranceS. Ltd." be- 
kannt, ging 1891 mit allen Rechten und Privilegien der Gesellschaft an die 
H. über, und diese wandelte das Unternehmen 1893 in eine reine Lebensver- 
sicherung um, so daß Januar 1894 die erste Police ausgestellt werden konnte. 
Die Salvation Army Assurance Society Ltd. hat seitdem, namentlich seit 
1904, ,, brillante" Fortschritte gemacht. Betrug Dezember 1894 das Prämien- 
einkommen 8400 Mark bei 2474 Policen, so war das Prämieneinkommen 1909 
auf 5Y4 Millionen Mark, die Anzahl der Policen auf 530 000 gestiegen bei 
einem Stammkapital von 11 Millionen Mark. Die Versicherung erfreut sich 
auch in nichtsalutistischen Kreisen des größten Vertrauens und beschäftigt 
2000 Angestellte. Direktor ist bis jetzt Kom. Carleton. 

Ruheheime für invalide Offiziere, berichtet Pestalozzi schon 1886, sind an 
manchen Orten entstanden. Die englischen befinden sich in Brighton und 
London, Victoriapark ; das deutsche in Eberswalde. Die größeren H.-Länder 
sammeln zurzeit einen ,, Pensions fonds^\ und dem werden in Deutschland von 
je IG verkauften Kriegsrufen 5 Pfennig überwiesen. Dazu kommen Stiftungen 
von Freunden und eine kleine Einzahlung von selten jener Offiziere, die regel- 
mäßig ihr volles Gehalt haben. Die Witwen und Waisen von aktiven Offi- 
zieren, auch die Angehörigen von solchen, die wegen Krankheit ausscheiden, 
erhalten Beschäftigung und Unterstützung. Für kranke Offiziere muß der 
D.-O. unverzüglich sorgen. Neuerdings hat man auch Vorkehrungen getrof- 
fen, daß die Kinder jener Offiziere, die in schnellem Wechsel auf überseeischen 
Missionsposten wirken, in London eine geregelte Erziehung und gründlichen 
Unterricht genießen. Auf die Dauer werden alle diese Einrichtungen feste 
Gestalt gewinnen; vorläufig herrscht noch das rein patriarchalische Verhält- 
nis vor, das freilich bei dem Charakter der Armee niemals ganz schwinden 
kann (vgl. 114, 589; 100, 51 ff.). 

30 



II. HA UPTSTÜCK 

RELIGION DER HEILSARMEE 

I. DOGMATIK 

Was unsere Lehren angeht, so laßt es mich klar sagen, daß wir uns nie eingebil- 
det haben, es wäre noch etwas Neues hei uns zu lernen, und daß wir auch gar 
nicht erwarten, noch etwas Neues lehren zu können. Wir halten die drei Glaubens- 
bekenntnisse (= das apostolische, nicänische und athanasische) von ganzem 
Herzen. W. Booth, Contemporary Review XLII, 176. 

Mit beispielloser Ausspannungskraft hat der Salutismus sich über die Welt 
verbreitet und bietet heute schon eine Art Gegenstück zu dem profan- 
geschichtlichen, britischen Imperium mit seiner meerebeherrschenden Flotte 
und seinem „polypenartigen" {Schiller) Wirtschaftskörper. So hat er die Vor- 
trefflichkeit seiner Organisation glänzend erwiesen, und das ist um so be- 
merkenswerter, als ihm ebenso wie dem Methodismus eine feste dogmatische 
Form fehlt. Man hat geradezu Abneigung gegen alle ,, Religionstheorien" (35, 
71). Theologie ist nach H. -Anschauung oft die bitterste Feindin wahrer 
,, Herzensreligion" (1905, 44, 8). Die ,, lebendige Tat", von Prof. D. Seeberg 
auf dem kirchlich-sozialen Kongreß zu Hannover gefordert (91, 10): die ist 
es, die der H. über aUes geht. 

Auf solche Art ist sie zu der unbewußten, aber trotzdem haarscharfen 
Unterscheidung zwischen Religion und Konfession gekommen. Die H. ist 
nach einem Ausdruck, den der Kriegsruf sich zu eigen macht, auf allgemeiner 
christlicher Grundlage konfessionslos (1908, 45, 7), und bei Gründung des 
Bonner Korps sprach der leitende D.-O. von der interkonfessionellen Gesin- 
nung der H. (1907, 10, 9). Die H., betont Oliphant, verhält sich allen kirch- 
lichen Unterschieden gegenüber neutral (1907, 47, 7), und mit Pfarrer Oberlin 
sagen die Heilssoldaten von sich, daß sie ebensosehr katholisch als prote- 
stantisch seien (186, 115). Und das sind nicht etwa Entgleisungen. Es ist 
der reine Ausdruck des vom ersten General und seiner Frau mit Überlegung 
gepflegten christlichen Synkretismus; denn ,,in der Schlichtheit des Glaubens- 
bekenntnisses" meint man ,,das festeste Band der Einigkeit" zu haben (W. 
Booth, 71, XX). 

Frau Cath. Booth ist wohl in der H. die Hauptträgerin dieser Gedanken ge- 
wesen. Nach ihren Worten kümmert die H. sich sehr wenig um Glaubens- 
bekenntnisse und glaubt dasselbe von Gott (23, 29). Ein Mensch ist entweder 
gerettet oder nicht. Diese Tatsache ist ganz unabhängig von seiner Theorie, 
und es ist von verhältnismäßig geringem Wert, was für eine (dogmatische) 

31 



Theorie er besitzt, wenn er gerettet ist. Daher haben sich manche Heiden 
schon der Gewißheit des Heiles erfreut, während viele Evangelische sie nie 
gekannt haben (i8, III, 6; 184, 143). Und ihr Gatte machte das seinen wilden 
Ostendern folgendermaßen klar: Wesley hatte einst einen Traum und stand 
an den Pforten der Hölle. ,,Sind dadrinnen auch Kirchenleute?" fragte er. 
O ja, sehr viele Kirchenleute. ,,Sind Lutherische da?" Ja, viele Lutherische. 
,,UndKalvinisten?" Ja. ,, Und Baptisten?" Ja. ,,Sind auch Methodisten da?" 
fragte er weiter in großer Spannung. Ja doch, es sind auch Methodisten da, 
war die Antwort. Geängstigt ging Wesley nun an die Pforte des Himmels 
und fragte Petrus: ,,Habt Ihr Kirchenleute da drinnen?" Nein, nicht einen 
Mann. ,, Lutherische?" Keinen. ,, Auch nicht Kalvinisten?" Nein, nicht einen, 
,,Aber doch Methodisten?" und sein Herz klopfte. Nein, keinen einzigen Me- 
thodisten. ,,Wen habt Ihr denn im Himmel ?" fragte er in großer Bestürzung, 
und Petrus antwortete : ,,Wir haben nur solche, die gewaschen sind im Blute 
des Lammes. Hier oben fragt man nicht danach, was sie unten gewesen sind" 

(I903> 35, 5). 

Als Glaubensquellen werden von der H. die Bibel und die persönliche Inspi- 
ration angesehen. Ihr Gründer warnt (108, 98—99) vor Überschätzung der hl. 
Schrift ebenso wie vor Unterschätzung. Derjenige aber überschätzt ihren 
Wert, welcher sie als das einzige Mittel ansieht, durch das Gott zu den Men- 
schen spricht. Diese Ansicht setze an Stelle des lebendigen, tätigen Ein- 
greifens Gottes ein totes Buch. Immerhin sei die Bibel als der von Gott auf- 
gestellte Maßstab anzusehen. Was ihr entgegengesetzt ist, muß als falsch 
betrachtet und über Bord geworfen werden. In frommer, evangelischer Weise 
liest der Salutist täglich in der Bibel, trägt wenigstens einen Teil immer bei 
sich, und manche legen sie sogar nachts unter ihr Kopfkissen. 

Über die Lehre der H. von Gott, vom Menschen, von Christus und vom hl. 
Geiste ist nicht viel zu sagen. Es deckt sich durchaus mit den allgemeinen 
christlich-dogmatischen Anschauungen. Ich hoffe, daß die Geistlichen und 
sogar Kirchenlexika, welche das vor einigen Jahren noch nicht wußten, nichts- 
destoweniger aber tapfer darüber redeten und schrieben, inzwischen den 
einen oder anderen Kriegsruf oder gar einen H.-Katechismus zu Gesicht be- 
kommen haben. 

Dagegen müssen wir bei der Lehre von der Heilsaneignung etwas länger 
verweilen, die, noch stark methodistisch gefärbt, nicht hinlänglich bekannt 
sein dürfte, andererseits in mancherlei Beziehung wichtig ist. Die Bedingun- 
gen der Heilsaneignung sind Buße vor Gott und Glauben an unseren Herrn 
Jesum Christum (108, 40 und 44). Die ,,Glaube-nur-Theorie'^ ist auf das ent- 
schiedenste zu verwerfen ; ohne Bußwerke gibt es keine Rettung (108, 23 bis 26.) 



Die Rettung selber (= Salvation) umschließt i. die Vergebung oder Recht- 
fertigung (io8, 44), 2. die Wiedergeburt oder Bekehrung (io8, 46). Sie tritt 
augenblicklich ein, wie der Tod, dem wir unter Tränen und Schmerzen näher- 
kommen, um schließlich doch in einem Augenblick zu sterben (189, 51). 
Ebenso weiß man meist Tag, Stunde und Ort dieser im Augenblick bewirkten 
Rettung anzugeben (108, 54). Von dem einfachen ,,saved" (= gerettet) muß 
man aber noch unterscheiden das ,,fully saved" (= völlig gerettet). Es kann 
beides zusammenfallen, doch gelangt man zu der letzten Stufe gewöhnlich 
Schritt für Schritt. Aber selbst auf ihr ist noch ein Herunterkommen (108, 
86—89) und ebenso ein Fortschreiten möglich (115, 187), und sie bedeutet 
durchaus nicht ,, sündlose Vollkommenheit; denn ein unvollkommenes Ge- 
schöpf wie der Mensch kann einem vollkommenen Gesetze wie demjenigen 
Gottes nicht völlig gehorchen" (108,58). Die Früchte derHeihgung sind über- 
aus kostbar und mannigfaltig : Friede, Freude, Vertrauen, Ergebung in Got- 
tes Willen, völliges Aufgehen im Dienste Gottes, völliger Sieg über jede sünd- 
hafte Neigung usw. Wenn man von anderer Seite ,,die aufopfernde Unter- 
ordnung unter den Willen des Oberen" als höchste Frucht genannt hat, so ist 
das ein Superlativ, der sich in keiner Weise aus der angezogenen Stelle (108, 
84) rechtfertigen läßt (vgl. auch 188, 12 ff.). 

Die Auffassung der H. von der Kirchengemeinschaft ist durch ihren synkre- 
tistischen Charakter gegeben. Sie erkennt nur eine ideelle Kirche an, welche 
empirisch in vielerlei Kirchen in die Erscheinung tritt (vgl. 1903, 50, 7; 1909, 
14, 8; 178, 112). Wir sind keine Kirche und wollen keine sein, erklärt W.Booth, 
wenn sich jemand einer solchen anzuschließen wünscht, nun, es gibt reiche 
Auswahl für jeden (iii, 4). Doch nimmt er für seine nichtempirische Kirche, 
wovon er nur ,,der menschliche Begründer ist" (iii, 11), die ganze göttliche 
Autorität und alle geistlichen Vorteile in Anspruch, welche die Kirchen und 
anderen religiösen Gemeinschaften besitzen. Jeder getreue Offizier ist ebenso 
gut imstande, geistliche Segnungen zu erteilen, wie irgendein Pfarrer oder 
anderer Verkündiger der Religion (105, 61—62). 

Im Gegensatz zu Luther ist W. Booth ein unbedingter Anhänger der Anni- 
hüationstheorie. Die Erde wird zerstört werden (108, 92). In betreff der 
chüiastischen Anschauung, daß Jesus vorher wiederkommen wird, die Welt 
persönlich zu regieren, will er nichts Bestimmtes behaupten (108, 92—93). 
Sonst wäre über die H.- Lehre von den letzten Dingen nichts Besonderes 
mehr zu sagen, hätte man den General nicht angeklagt, die sinnlichsten 
Vorstellungen seiner Leute zu fördern (174, 177). Dieser Vorwurf trifft, 
wenn man sich die Belege ansieht, nicht ihn, sondern die Bibel (vgl. Offen- 
barung 14, 10 und 21, 8; Matth. 25, 30). In den offiziellen Katechismen, 

3 Glasen, Der Salutismus 33 



sü kann ich nur erklären, fehlt von Anklängen an sinnliche Vorstellungen 
jede Spur. 

Die Marienverehrung ist ein besonderer Streitpunkt der großen Konfes- 
sionen. Sie hat dem Katholizismus die Begeisterung weitester Kreise ein- 
getragen ; ich erinnere nur an die Romantiker. Nicht wenige hat die lächeln- 
de und ihr Kind herzende Madonna sogar aus dem einen Lager in das an- 
dere hinübergelockt. Es ist deshalb Dr. Gerhard zu danken, daß er über die 
Stellung der H. in dieser Sache einige Bemerkungen gemacht hat (83, 43). 
Doch geht er, wenn er auf Grund einer anmutigen Schilderung von der Anbe- 
tung der Weisen und der Gefühle der j ungen Mutter und auf Grund eines ebenso 
allgemeinen und vereinzelt dastehenden Ausspruches von Oliphant meint, die 
H. als solche behalte die Marien Verehrung bei, viel zu weit . Sie lehnt die Marien- 
verehrung nicht ab, das ist wohl das Alleräußerste, was sich behaupten läßt. 

2. ETHIK 
Die H. stellt an das sittliche Lehen der einzelnen die höchsten Forderungen. 

Dr. M. Gerhard 83, 78. 

Pur die Forschung bietet die Dogmatik der H. wenig Ausbeute. Anders 
ist es mit ihrer Ethik. Sie führt schon viel tiefer in das Verständnis ein 
und enthüllt geradezu den innersten Kern der H. -Religion; denn diese ist ja 
wesentlich „fractical religion^'' (Nr. 22). Der einzige Glaube, dem wir uns 
hingeben, sagt W. Booth, ist derjenige, welcher sich im Pflichtgefühl, in der 
Selbstlosigkeit, in der Reinheit des Herzens und in der Liebe zu Gott und 
den Menschen offenbart (71, XX), und von dieser ethischen Seite möchte der 
Salutismus selber auch gerne beurteilt werden (207, VI). 

Christ sein, heißt W. Booth wie allen Pietisten von Thomas von Kempen 
bis auf Tersteegen und den heutigen Tag, Christo als dem höchsten Persön- 
lichkeitsideal nachfolgen. Von ihm aber steht geschrieben : ,, Wohltaten spen- 
dend, ging er einher" (act. apost. 10, 38) und: ,,da er die Seinigen . . . liebte, 
so liebte er sie bis zum Äußersten," nämlich bis zum Tode am Kreuze (Joh. 
13, i). In Übereinstimmung mit diesem Verhalten stellte er die Gottes- und 
die Nächstenliebe als unzertrennlich nebeneinander (Matth. 22, 37) und gibt 
überdies ausdrücklich den Befehl, „ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr 
euch untereinander liebet. Wie ich euch geliebt habe, so sollet auch ihr ein- 
ander lieben. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid. .." (Joh. 
13. 34—35)- So wandelt sich, was auf den ersten Blick befremden könnte, bei 
der H. die kontemplative Mystik in aktive Nächstenliebe, ja, diese wird ge- 
radezu zur Rehgion. Bezeichnet nämlich Religion das Verhältnis des Men- 

34 



sehen zu Gott, äußert sich dieses Verhältnis in der Liebe zu ihm und ist 
wiederum die Nächstenhebe der Pmfstein der Gotteshebe, so muß diese 
Nächstenliebe, praktisch genommen, das innere Wesen der Rehgion sein. 

Das ist der Weg, auf dem der Salutismus zu seinem Religionsbegriffe kommt. 
,,Wahre Religion ist Barmherzigkeit^^ erklärt W. Booth, „oder Wohlwollen oder 
Liehe. Sie ist die Hingabe des ganzen Wesens, um Gutes zu tun und andere glück- 
lich zu machen. Die Religion Jehovas ist : Gott ist die Liebe. Die Religion Jesu 
Christi war: Ihr wisset die Gnade unseres Herrn, der, obgleich er reich war, 
um euretwillen arm wurde, damit wir durch seine Armut reich würden" (io8, 
II— 12). ,,Das Wesen der wahren Religion ist Liehe . . . Die Liehe ist das Wesen 
aller wahren Religion . . . Unter Liebe verstehen wir Wohltätigkeit . . . Jede 
Anstrengung, die nicht den wirklichen Segen für andere im Herzen hat, ja, 
die nicht gerade zu diesem Zweck angefangen und hinausgeführt wird, ist 
falsch oder unchristlich" (ii8, i6). ,,Wir lehren alle geretteten Männer und 
Frauen, daß sie sogar ihr Leben hingeben müssen für das Heil anderer, daß 
Nachfolger Christi sein, heißt : alle unsere Interessen und Genüsse und Be- 
sitztümer, selbst unser Leben aufopfern, um eine rebellische Welt zu retten" 
(W. B., Contemporary Review XLII, 176). ,,0 laßt uns beten und predigen, 
sie (die Mitmenschen) besuchen und zu überreden eifern, damit am jüngsten 
Tage unsere Kleider rein befunden werden möchten von ihrem Blute" (108, 39 
und 104). ,, Geheiligt sein heißt, seinen Nächsten so zu lieben, daß man sich 
selbst und alles, was man hat, zur Förderung für des Nächsten Wohl hingibt" 
(115, 188). 

Diese Auffassung von Religion und Heiligkeit, welche die Quelle aller 
Großtaten der H. ist, hat selbst auf ihre Gegner oft einen tiefen Eindruck 
gemacht, und wenn Prof. Dr. Zöckler ,,6iQ H. eine häßliche Karikatur gerade des 
Edelsten am Christentum" (242, II, 237) nennt, oder wenn Dr. Swohoda meint 
(,, Großstadtseelsorge", Regensburg 1909, 105), die H. stehe nicht mehr auf 
dem Boden des Christentums, so muß das jedem unverständlich erscheinen, 
der mit mir in dem Gesetz der Liebe den Brennpunkt christlicher Ethik sieht. 

Mit dem Tugendbegriff der H. ist eigentlich auch schon ihr Pflichthegriff 
und ihr Begriff von der Sünde erklärt. Lehren von einer standesgemäßen 
Vollkommenheit zu entwickeln, das überläßt die H. grübelnden Moralisten. 
Ihr gilt es als selbstverständlich, daß jeder ebensosehr zur Heiligkeit berufen 
wie verpflichtet ist. Das Spekulativste, was W. Booth geschrieben haben mag, 
ist, daß der Egoismus das innerste Wesen der Sünde sei und der Teufel der 
Inbegriff aller Selbstsucht (108, 11). 

Zur Sünde aber rechnet der Salutist neben der Übertretung des Dekalogs 
auch den Gebrauch von berauschenden Getränken und Tabak. Derjenige, sagt 

3* 35 



ihr Katechismus (io8, 84 ff.), der an der Bußbank gekniet iind die Rettung 
gefunden hat, wird für gewöhnhch von selber ein Licht bekommen, was er 
vom Tabak zu halten hat. Wenn's aber nicht so ist, soll man ihn darüber 
beraten? Ja, denn es kann wenige geben . . ., die ruhig rauchen und trinken 
können, ohne dabei das Gefühl zu haben, daß es Verschwendung, der Seele 
und der Gesundheit nachteilig und eine unsaubere Angewohnheit ist, und 
wenn sie dies Gefühl haben, oder auch wenn sie die Erlaubtheit dieser Dinge 
in Zweifel ziehen, dann müssen sie dieselben sofort aufgeben, denn ,, schon 
wer zweifelt, wird verdammt werden". Es gibt Bibelstellen genug, welche 
zeigen, daß diese Gewohnheiten unrecht und unwürdig sind. ,, Sondert euch 
ab, spricht der Herr, und rührt kein Unreines an" (108, 69). Will der Be- 
kehrte Salutist werden, so erhält er nach einer Probezeit die Regeln für Sol- 
daten, wo die Erklärung gegeben wird, es kann niemand Heilssoldat sein 
oder bleiben, der berauschende Getränke zu sich nimmt. Was den Tabak 
betrifft, so denke der Soldat daran, daß sein Gebrauch der Gesundheit schäd- 
lich, unsauber, Geldverschwendung, eine Belästigung für seine Umgebung 
und eine unnatürliche Gewohnheit des Nachgebens gegen sich selbst ist. In- 
dessen ist es keine Regel, daß niemand Soldat sein soll, der raucht. Aber es 
verschließt dem Soldaten die Möglichkeit, befördert zu werden (118, 28—29). 
Ist der Rekrut mit diesen Regeln einverstanden, so unterzeichnet er die 
Kriegsartikel, worin es heißt: ,,Ich erkläre hier in dieser Stunde, daß ich 
mich des Gebrauchs aller berauschenden Getränke enthalten will, auch kein 
Opium, Laudanum, Morphium und andere giftige Sachen gebrauchen will, 
wenn nicht ein Arzt sie mir als Arznei verordnet." Von Lokaloffizieren muß 
dasselbe Versprechen bezüglich des Tabaks gegeben werden, und bei allen 
besoldeten Offizieren zieht die Übertretung dieser Verbote sofortige Ent- 
lassung nach sich. 

Der schwerste moralische Vorwurf, den man, zum Teil von beachtens- 
werter Seite, gegen die H. erhoben hat, ist der des Jesuitismus'^. 

Ich muß deshalb wohl oder übel zu den Unterlagen dieses Vorwurfs Stel- 
lung nehmen, ehe ich den allgemeinen Teil der Ethik beschließe. Nach Zöck- 
ler (242, III, 324) umschließt der Begriff ,, Jesuitismus" drei Moralprinzipien: 

I. Den Prohabilismus = der Grundsatz, in sittlich zweifelhaften Fällen 
das Handeln von der Autorität kirchlicher Lehrer abhängig zu machen, so 
zwar, daß auch schon ein einziger ausreicht, eine Ansicht zu einer Sententia 
probabilis zu machen. Moral der H. : ,, Zweifelhafte Handlungen sind solche, 
bei denen wir Zweifel haben, ob sie recht oder unrecht sind. Zweifelhafte 
Handlungen sind Sünde" (108, 56). 
1 Vgl. 74; 167; 174, 36, 122 und 127; 178; 183; 193, 221; 224, 11; 242, II, 365. 

36 



2. Die Reservatio mentalis = die willkürliche Beschränkung eines Wortes 
durch stillschweigends hinzugedachte Bedingungen, Einschränkungen usw., 
was erlaubt ist : ex justa causa. Moral der H. : Lügen ist, einer Meinung Aus- 
druck verleihen, welche der Wahrheit zuwider läuft, mag diese Meinung 
durch Schweigen oder Handlungen ausgedrückt werden (105, 57). 

3. Die Methodus dirigendae intentionis = das Prinzip, der Zweck heiligt 
die Mittel. 

Dieses dritte Prinzip scheint mir vor allem gemeint zu sein und man glaubt 
es einerseits in der Praxis, andererseits in der Theorie der H. zu finden. Für 
den Beweis ,, jesuitischer Praxis" müssen besonders die Regeln und Verord- 
nungen vom Jahre 1878 (= Nr. iii) herhalten. Wer das Büchlein verstehen 
will, muß einmal wissen, welchen Ränken und Verfolgungen die Armee in 
jener Zeit ausgesetzt war, dann zweitens, wie eigentümlich im Lande der 
Beef-eaters die kirchlichen Verhältnisse liegen, wie frisch dort gepredigt und 
wie munter drauflos missioniert wird. Schon Christus gab seinen Jüngern 
für die Evangelisation den Rat, klug wie die Schlangen und einfältig wie die 
Tauben zu sein (Matth. 10, 16) und Paulus ließ den Thimotheus beschneiden 
,,der Juden wegen, welche an jenem Ort waren" (act. apost. 16, 3), obwohl 
er doch selber eben vorher auf dem Apostelkonzil gegen die Notwendigkeit 
der Beschneidung geeifert hatte. Ebensowenig kann ich es dem General ver- 
denken, und haben es ihm selbst englische Bischöfe verdacht, wenn er seine 
Mitarbeiter ermahnt, bei Gründung eines Korps doch ja vorsichtig zu sein, 
den Ortsgeistlichen am besten ganz aus dem Spiele zu lassen, ihm jedenfalls 
nicht zu sagen, daß es sich um die H. handle usw. Mit Taubeneinfalt waren 
diese ehemaligen Bahnschaffner und Kaminkehrer wenigstens ebenso reich- 
lich gesegnet wie die galiläischen Fischer. Diese Tugend brauchte er also 
nicht besonders in Erinnerung zu bringen. Daß ein solches Vorgehen dem- 
jenigen, auf dessen Kosten evangelisiert, dem also das Fleisch gewissermaßen 
aus dem Leibe geschnitten werden soll, echt ,, jesuitisch" vorkommt, das 
ist sehr gut zu verstehen. Aber, so muß man billigerweise fragen, hätte der 
General sich denn etwa bei der Geistlichkeit und bei den Predigern der ein- 
zelnen Gemeinschaften Erlaubnis und Rat holen sollen, bevor er in einem 
Ort begann ? 

Was die ,, jesuitische Theorie" angeht, so kommt da nur ein Satz von Frau 
Cath. B. in Frage. Kolde meint ihn richtig verstanden zu haben, wenn er 
ihn „jesuitisch" deutet. Der Leser mag selber urteilen! Der Satz lautet in 
Koldes getreuer Übersetzung aus dem Original: ,,Wir glauben, daß alle ver- 
nünftigen Maßregeln, alle diejenigen, welche die Menschen mit Rücksicht auf 
diese Welt einschlagen, wenn sie gesetzlich und gut sind, vermöge der Heih- 

37 



gung, die in den Motiven liegt ,und mit der Veränderung, die der Zweck er- 
fordert, auf das Reich Gottes übertragen werden dürfen" (23, 47). Frau B. 
fordert also in dem etwas langatmigen Satze, daß eine weltliche Maßregel 
vernünftig, gesetzlich, gut und angepaßt sei, dann dürfe man sie auch für 
kirchliche Zwecke gebrauchen, weil sie in diesem Falle durch die Motive 
geheiligt werde ; das heißt, auf einen moralischen Lehrsatz gebracht : sittlich 
indifferente oder gute Mittel werden durch einen heiligen Zweck geheiligt. 
Ich für meine Person unterschreibe das, MÖirde aber, auch wenn ich das nicht 
könnte, aus einem einzelnen, hingev/orfenen Satze immer noch nicht einer 
ganzen, großen, sich in dem Dienst des Nächsten verzehrenden Gesellschaft 
einen Strick drehen, ganz abgesehen davon, daß dann dieser Satz aus tausend 
anderen Aussprüchen derselben Frau als Entgleisung nachgewiesen werden 
könnte (vgl. 23, 87—92). 

Heilkunst und Religion sind sich verwandter, als man gewöhnlich glaubt. 
Sie berühren sich, nicht nur auf caritativem Gebiete— Scharen von Nonnen 
und Diakonissen und mächtige Spitalbauten reden hier eine deutliche Spra- 
che—sondern auch auf spekulativem. Der Grieche hatte seinen Gott Äskulap, 
der Wilde hat seinen Medizinmann. In unserer Zeit sind Pfarrer Blumhardt 
in Bad Boll (1805— 1879) und Kneipp in Wörrishofen (1821— 1897) ein Zeug- 
nis für diese Wahrheit geworden, ganz zu schweigen von Dowie, dem Gesund- 
beter, und Eddy, der Gesunddenkerin. Auch W. Booth ist ein Gesundheits- 
reformer, aber einer von hausbackener Art. Die Spelunken, in denen er 
predigen mußte, das schreckliche Elend, das er gesehen, das hat ihn dazu ge- 
macht. Ohne Körper können wir in der Welt nicht vorankommen. Ein Ge- 
sunder wird sich ernster an das Werk der Seelenrettung machen. Reinlich- 
keit kommt gleich nach Frömmigkeit. Das sind kurz und bündig seine Grund- 
sätze, und deshalb gibt er seinen Salutisten sehr eingehende gesundheitliche 
Ratschläge für ihr persönliches Verhalten^. Der 80 jährige, die Welt be- 
reisende und dabei von Äpfeln und abgekochtem Gemüse lebende Greis, seine 
Vorschriften für Wohnungen, Hallen und Sozialanstalten, die Hinneigung 
der Salutisten zur IMäßigkeit, zu reiz- und fleischloser Kost, ihre Freude an 
Wasser, Luft und Licht, ihre einfache und praktische Kleidung, ihr Kampf 
gegen Alkohol, Tabak, Prostitution, Schmutz und Verkommenheit, das alles 
würden hübsche Bausteine zu einer H.-Sozialhygiene geben. 

Was den Nächsten angeht, so glauben die Salutisten fest daran, daß sie 
Rechenschaft für ihre Brüder abzulegen haben (108, 104), und wehe, wenn 
ihre Kleider am jüngsten Tage nicht rein befunden würden von deren Blut 
(108, 39). Wie da erst recht jede unmittelbare Versündigung gegen den 
^ Vgl. 118, 26 — 29; 115, 56 — yy; 29, I, 177 — 190; 222,26. 

38 



Nächsten betrachtet wird, braucht kaum gesagt zu werden. Ein wahrer 
Salutist ist in Handel und Wandel der treueste und zuverlässigste Mensch 
von der Welt^. 

Das Verhältnis des Menschen zu Gott findet seinen kindlichen Ausdruck im 
Gebete. Ein Ablesen aus Büchern kennt man nicht, weil man das mehr als 
ein Hindernis, denn als ein Beförderungsmittel wahrer Andacht ansieht. Wer 
beten will, kann auch beten. Die Behauptung aber, die H. habe das Vater- 
unser abgeschafft (174, 186), ist ein Irrtum. Es steht in allerhöchster Ach- 
tung, wird im Wegweiser Bitte für Bitte erklärt (105, 46—49) und gerade bei 
den feierlichsten Gelegenheiten gebraucht^. 

Familie, Kirche und Staat, die galten schon Luther als ,,die drei Gottes- 
stifte", in welchen sich alles sittliche Gemeinschaftsleben abspielt. Dazu 
tritt, besonders heutzutage, als vierter Kreis die Kulturgemeinschaft. Be- 
trachten wir zunächst das ethische Verhalten des Salutismus zur Familie. 
Ehelosigkeit und Ehe werden in ihrem Werte nur danach bemessen, wie man 
Gott am besten dienen und am meisten Seelen gewinnen kann. Das ist 
das große Ziel des Lebens, nicht aber verheiratet oder ledig sein. Über Ver- 
lobung und Heirat bestehen für die Offiziere strenge Vorschriften. Ohne 
Erlaubnis darf kein Offizier eine Verlobung eingehen, und diese wird in jedem 
Falle versagt, wenn der Offizier noch nicht Kapitän ist. Schamlose und 
herzlose Erweckung falscher Hoffnungen hat sofortige Entlassung zur Folge. 
Die Heirat wird gewöhnlich erst nach vier Dienst] ahren gestattet; ein Jahr 
muß seit dem Verlöbnis verstrichen und der männliche Offizier 22 Jahre 
alt sein (115, 80—89; ^^^> 34—38)- 

In der Ehe selber, so war es die Absicht Gottes, sollte weder Mann noch 
Frau, sondern die Liebe herrschen. Aber wenn diese fehlt, so bleibt der Frau 
keine Wahl, sie hat nachzugeben. Was W. Booth an verschiedenen Stellen 
über die Ehepflichten sagt, gehört mit zu dem Schönsten, was über diesen 
Gegenstand geschrieben sein mag. Ein Hauch eigenen Erlebens liegt darüber, 
und die Seligkeit seiner eigenen Ehe und der ganze Sonnenschein seines häus- 
lichen Glückes leuchtet aus jeder Zeile (118, 43). In der Kinder er ziehung be- 
tont W. Booth besonders den Gehorsam (Nr. 35; 118, 44). 

Ein warmer Anwalt ist er sodann für die Dienstboten im weitesten Sinne. 
Auch wenn sie krank und alt sind, soll die Herrschaft für sie sorgen. Es ist zu 
fürchten, daß einige Leute mehr Achtsamkeit dieser Art für ihr Vieh haben. 
Wie die staatlichen Erhebungen beweisen, ist die heidnische Behandlung 
vieler Dienstboten einfach entsetzlich. Sieben Tage in der Woche müssen sie 
sich plagen und haben kaum eine andere Zeit zur Erholung als die Abend- 
^ Vgl. 118, 33—34, 34— SS; 119, 6, 9—10. 2 Vgl. 1912, 9, 4; War Gry 1885, 4. 

39 



stunden, welche ihnen häufig ungern gewährt und oft verweigert werden. 
Freihch, sagt er, müssen auch die Dienstboten so viel Arbeit tun, als sie tun 
können, nicht aber, als verlangt wird, und auf jede rechte und verständige 
Art das Beste ihres Herrn suchen (ii8, 47; 32, 62). 

Die Mitglieder kirchlicher Gemeinschaften werden besonders begierig sein, 
etwas über die Vorschriften zu erfahren, wie die Offiziere sich ihnen gegen- 
über verhalten sollen. Es ist außerordentlich wünschenswert, sagen die Re- 
geln und Verordnungen (115, 332ff.), daß die H. so wenig wie möglich Un- 
annehmlichkeiten verursacht. Es ist aber ganz unmöglich, in eine Stadt zu 
gehen und eine große sittliche und geistliche Umwandlung unter den Leuten 
hervorzurufen, ohne bis zu einem gewissen Grade den Frieden zu stören und 
vielleicht einigen Anstrengungen guter, christlicher Leute in die Quere zu 
kommen. Der Feldoffizier darf niemals Geistliche oder andere Personen, seien 
sie Christen oder Weltmenschen, lächerlich machen, verfolgen oder, wenn es 
in seiner Macht liegt, ihnen schaden, weil sie mit den Grundsätzen der Armee 
nicht übereinstimmen oder ihre Methoden nicht billigen. Er darf sich niemals 
erlauben, weder öffentlich noch privatim etwas über Geistliche oder Reli- 
gionslehrer zu sagen, was dazu dienen könnte, ihren Einfluß und ihre Macht, 
Gutes zu tun, zu verringern. Selbst wenn sie denen beistehen, die ihn ver- 
höhnen, verleumden und verfolgen oder Hand in Hand mit denen gehen, die 
gegen ihn auftreten und ihn gefangen setzen, so darf er diesen Würdenträgem 
doch nichts nachreden. Er darf sich in keinen Streit über die Lehren, Sakra- 
mente, Zeremonien und Gebräuche einer Kirche, Sekte oder religiösen Ge- 
meinschaft einlassen. Das ist nutzlos. Er darf nie zugeben, daß durch seinen 
Gottesdienst, seine Märsche oder anderen Unternehmungen der Segen und 
die Wirksamkeit einer anderen religiösen Organisation gefährdet wird. 

Der Feldoffizier soll überall, an jedem Orte und unter jeder Nation, seine 
größte Aufmerksamkeit den Leuten schenken, die sich außerhalb des Arbeits- 
feldes der christhchen Konfessionen befinden. Seine Mission gilt weniger 
denen, welche den freudigen Ton gehört haben und den Heilsweg wissen, als 
vielmehr denen, die noch nichts vernommen haben und folglich im Dunkel 
und Schatten des Todes sind. Anstatt die Punkte hervorzuheben, in denen 
sich die Christen von ihm unterscheiden, sollte er, wie wichtig ihm diese 
Punkte auch vorkommen, vielmehr jene heraussuchen, in denen er mit ihnen 
übereinstimmt. Er wird leicht imstande sein, seine Erfahrungen mit einzu- 
flechten und die Frage stellen können, ob sie in ihrer ReHgion dieselbe glück- 
liche Gewißheit haben. Findet er heraus, daß sie mit ihm im Herzen eins 
sind, merkt er, daß sie den Geist Gottes besitzen und bestrebt sind, die Men- 
schen aus der Sünde und der Gewalt der Hölle zu retten, so tut er besser, 

40 



jeden Versuch, sie zu seinen Ansichten zu bekehren, zu lassen und ihnen 
Gottes Segen zu wünschen, ganz gleich, an was für Ansichten sie festhalten 
oder welche äußeren Zeremonien und Methoden sie gebrauchen mögen. Wird 
der F.-O. von Katholiken gefragt, ob er Protestant sei, dann gebe er zur Ant- 
wort, er sei Heilssoldat und seine hohe Aufgabe sei, während er gegen alle Sünde 
protestiere, durch Wort und Wandel zu «/testieren, daß J esus bereit sei, j eden zu 
retten. Er darf sie nie wegen ihres Glaubens oder ihrer Zeremonien angreifen 
oder sie daran hindern, den Vorschriften ihrer Religion nachzukommen i. 

Soviel aus den amtlichen Vorschriften ! Der Vorwurf der Proselytenmache- 
reP erledigt sich damit von selber. Die Geschichte der H. wird erweisen, daß 
er auch aus dem tatsächlichen Verhalten der Armee nicht begründet werden 
kann. W. Booth hat sich nicht nur als Pfarrer der ,,St. Niemandspfarrei" be- 
zeichnet, sondern auch betragen, wie auch seine Methode nur für die Pfarr- 
kinder von ,,St. Niemand" zugeschnitten ist. Aber selbst von diesen ,,Nie- 
mandsschäflein", die er auf seinen Schultern aus der Wüste herausrettet, 
schließt sich nach genauer Feststellung höchstens von etwa 14 eines seiner 
Herde an; die anderen kehren dahin zurück, wo sie abgeirrt waren. Dabei 
lassen wir noch zwei Fragen unerörtert: i. ob mit dem Anschluß des einen 
notwendig ein Bruch mit der alten Gemeinschaft verbunden ist und 2. ob 
die Rückkehr der 13 bei den alten Gemeinschaften begrüßt wird. Diese 
Schäflein sind nämlich vielfach von solchem Wesen und solchem Fell, daß 
die meisten Geistlichen in großem Bogen um sie herumgehen würden, statt 
sie, wie W. Booth, in die Arme zu schließen. Jedenfalls ist die Bußbank, wenn 
man die Sache recht betrachtet, für die H. selber eine unvorteilhafte, für die 
Konfessionen und Gemeinschaften aber eine sehr gewinnbringende Einrich- 
tung. Aber Urteile lassen sich widerlegen, Vorurteile niemals, und so wird 
die Schauermär weiter verkündet werden, daß, wer an die Bußbank tritt, 
„fortan mit Leib und Seele der Armee verfallen ist" (174, 161; vgl. 23, 27 ff.; 
War Gry 1886, 5). 

Es gibt femer Leute, welche in den Salutisten eine moderne Art von Hus- 
siten versteckt glauben, deren radikaler Teil in der hl. Schrift ohne weiteres 
das Gesetz für das bürgerliche Leben sah. Der radikalste Flügel, die Tabo- 
riten, erklärten sogar, die Bibel enthalte auch für Justiz und Verwaltung das 
allein maßgebende Recht. Nun, daran ist doch wenigstens ein Körnchen von 
Wahrheit, aber auch nur ein Körnchen. W. Booth möchte, daß die Liebe, 
Christi neues Gebot, zur Grundlage aller staatlichen Aktionen gemacht würde. 
^ Über das Verhältnis des Katholizismus zur H. siehe 1907, 46, 8; über die Sympa- 
thien der Juden für W. B., den ,, Freund Rothschilds", 1908, 34, 6; 1908, 41, 8; 191 1, 39, 
6; 1912, 39, 5; War Cry 1883, II. ^ Vgl. 1902, 41, 7; 1907, 46, 8; 1908, 41, 8; I9"> 
39, 6; 118, 4S; 155, 72. 

41 



In seinem Aufsatze, was er tun würde, wenn er König sei, den er nach einer 
Audienz bei Gustav V. von Schweden auf dessen Bitte schrieb, wird das wohl 
der rote Faden des Ganzen gewesen sein. Seinen Offizieren schärft er folgende 
grundsätzhche Gedanken ein : 

,,Das Verhältnis der H. zu den Regierungen wird durch die Erwägung be- 
stimmt, daß der Salutist nicht von dieser Welt ist" (115, 350). ,,Der Heils- 
soldat hat kein Interesse an Regierungsformen" (118, 57), kurz gesagt, die 
H. ist international. ,,Aber dennoch", fährt der Kriegsruf fort, ,,ist die Liebe 
zum Vaterlande in keinem Herzen größer als in dem des Salutisten" (1908, 12, 
6). Man wird vielleicht darin eine Phrase sehen. Ich nehme es ernst. Der Salu- 
tist ist eben nicht nur in seiner Religion, sondern auch in seiner Vaterlands- 
liebe ein moderner Mensch. Die Vaterlandsliebe alter Völker beruhte auf dem 
engen Begriff des starren National- und Stadtstaates gegenüber der rechtlos 
machenden Fremde. In ihm allein konnte der Freie die Bedingungen seines 
bürgerlichen Lebens finden : Schutz seiner Freiheit, seines Besitzes und seiner 
bürgerhchen Ehre. Egoismus war also die Triebfeder dieser Vaterlandsliebe. 
Dagegen erkennt der moderne Patriotismus im nationalen Rechtsstaat dar- 
über hinaus eine sittliche Macht als Ausfluß natürlicher und göttlicher Ord- 
nung; er steigt also mit steigender Kultur und Religiosität Für die H. aber 
ist jede Obrigkeit von Gott (23, 10), und demnach sprechen die Regeln nicht 
von der Nützlichkeit, sondern von der Pflicht der Offiziere, jeder Regierung, 
gleichviel, welche Form sie haben mag, Gehorsam zu leisten und, soweit es 
an ihnen liegt, auch andere dazu anzuhalten^. Wem aber könnte dieses Ge- 
bot leichter fallen als gerade den Salutisten deutscher Nation! ,, Nächst un- 
seren Bestrebungen für die Sache Gottes, erklärt ausdrücklich der Kriegsruf, 
kennen wir kein höheres Ziel als deutsch zu sein, deutsch zu denken und 
deutsch zu fühlen" (1908,39,6). Das sind Worte von Bedeutung, kein Hurra- 
patriotismus ; denn hinter ihnen stehen nationale Taten ersten Ranges, näm- 
lich die Sozialarbeit, welche mit Bewußtsein von dieser Seite aus betrachtet 
und verrichtet wird (1908, 39, 4; vgl. 155, 45—50). 

Weitere unklare Vorstellungen verwechseln die soziale Richtung der H. 
mit einer sozialistischen. Darauf ist zu antworten: Erstens der Sozialismus 
ist ein erklärter Feind der H., wie Oliphant bezeugt 2, und die H. ist ein er- 
klärter Feind des Sozialismus. W. Booth hat immer gegen den Sozialismus 
gesprochen und geschrieben^. Wie sollte auch die fromme H. mit der Pha- 
lanx dts Darwinismus Hand in Hand gehen können! Noch ist das Zeitalter, 

^ IIS, 350, vgl. 1909, 22, 2: Ein deutscher Deserteur wird Salutist und stellt sich frei- 
willig in Konstanz beim Militär. ^ j^ß^ ^^ vgl. 1910, 42, 3; 178, 68; 41 vom 80. Ge- 
burtst. 2 Vgl. den ersten deutschen Kriegsruf 1887, i, i. 



in dem das Lamm wohlgeborgen in den Pranken des Löwen schläft, nicht an- 
gebrochen. Zweitens ist zu sagen, daß den Salutisten überhaupt jede partei- 
politische Betätigimg streng verboten ist mit wenigen Ausnahmen, welche 
die Regeln genau angeben (115, 351 ff. ; 1909, 31, 6) und daran hat man fest- 
gehalten, wenn die Versuchung fürs Gegenteil zuweilen auch noch so nahe 
lag. Derjenige General, der sonderbarerweise mit politischen Aspirationen 
käme, würde bestenfalls als geistig nicht normal angesehen und sofort abge- 
setzt werden. Die H. ist englischen Ursprungs, und in England ist kein Geist- 
licher irgendeiner Gemeinschaft für das Parlament wählbar. Politik ist, 
wenn nicht ein sündhaft, so doch wenigstens ein weltlich Ding. So ist dort 
die Volksanschauung, und so denkt man in der H. Darum muß sich Savona- 
rola, der Parteipolitiker in der Mönchskutte, von Oliphant auch scharfen 
Tadel gefallen lassen (185, loi und 118). Die Sehnsucht der H. nach einem 
ewigen Völker frieden (Nr. 23, 11 ; 35, 147), gepaart mit Verwerfung von Krieg 
und Duell (207, 133), ist durchaus harmloser Art und wird außerhalb der Ge- 
betsversammlungen nicht laut v/erden^. 

So wären wir zum letzten Punkt unserer H. -Ethik gekommen : Der Salutis- 
mus und die Kulturgemeinschaf i. Vieles ist, da ich ja in der Dogmatik sowohl 
als in der Ethik nur das notiere, was abweicht oder nicht gerade selbstver- 
ständlich ist, nicht darüber zu berichten. Die sogenannten Adiaphora oder 
Mitteldinge, ein alter Zankapfel zwischen Pietisten und Orthodoxen, werden 
radikal verworfen, wie überhaupt alles, was nicht mit dem Heilskrieg in Ver- 
bindung steht. Der Heilssoldat wird der Welt mit all ihren Moden, Torheiten, 
Reichtümern und Freuden entsagen und sich nicht nur aus Pflicht, sondern 
weil er kein Vergnügen daran findet, von ihr trennen (118, 20) ; er hat ebenso 
die Pflicht, sein Geld zur Ausbreitung des Reiches Gottes zu verwenden, wie 
er die Pflicht hat, die Gabe des Redens, Denkens oder irgendeine andere 
diesem Zwecke unterzuordnen (118, 56). Der Besuch von Theatern, Bällen, 
Musikhallen, Konzerten, kurz von Versammlungen jeder Art, wo unbekehrte 
und weltliche Menschen sich zusammenfinden zum Zwecke des Gewinnes 
oder Vergnügens, ist verboten (118, 11). Die H. läßt keine Kunst gelten, sie 
stehe denn unmittelbar im Dienste Gottes, und fast ebenso geht es mit der 
Wissenschaft (118, 19); denn Wissen ist zwar Macht, aber es muß von der 
richtigen Art sein. Mit Nutzen kann der Heilssoldat lesen: die Bibel, den 
Kriegsruf, Lebensbeschreibungen hl. Menschen, auch Bücher über Geschichte, 
Geographie, Kunst und Wissenschaft, wenn sie Fähigkeiten entwickeln, wel- 
che der Armee nützen und dem Nächsten zugute kommen. In die Zeitung 
kann er sehen, um zu wissen, was Gott auf Erden tut oder die Menschen tun 
^ Vgl. War Gry vom 19. Okt. 191 2, Seite 10. 

43 



läßt. Aber das muß mit Maß geschehen, sonst wird es ihm zur Schlinge (ii8, 
lo). Da aber der Kriegsruf eine Spalte „Wöchentliche Chronik" bringt, ist 
auch das eigenthch überflüssig (vgl. 22, 51; 141, 40). 

3. LITURGIE 

Es gibt keine stehende und verbindliche Form des Gottesdienstes, welche in dem 
neuen Testament vorgeschrieben wäre. Die einzige Vorschrift ist die, aller Gottes- 
dienst muß den Umständen angepaßt sein. 

These v. Frau C. Booth, 18, III Adaptation of measures. 

Was der Evangelische und besonders, was der Katholische Gottesdienst 
nennt, wird man bei der H. vergebens suchen. Sie hat die Lehre vom all- 
gemeinen Priestertum und lebendigmachenden Geiste am gründlichsten in 
die Wirklichkeit umgesetzt und bezeichnet somit in dieser Hinsicht die letzte 
Möglichkeit reformatorisch-protestantischer Entwicklung. Noch mehr als der 
Ausdruck ,,H.-Dogmatik" ist also derjenige einer ,,H.-Liturgik" cum grano 
salis aufzufassen. Der Salutismus ist eine Art Janus, aber mit drei Gesichtern, 
dem eines Kindes, eines Mannes und eines Weibes; das will sagen: in der 
Dogmatik Hegt seine Schwäche und Hilflosigkeit, in der Ethik seine Kraft 
und Stärke, in der Liturgik seine Mütterlichkeit und sein Anpassungsver- 
mögen. Gesandt, den Ärmsten das Evangelium zu verkünden, hat er tausend 
Arten erfunden, an diese Klasse heranzukommen, und tausend Formen ge- 
schaffen, ihre einfachen, religiösen Bedürfnisse zu befriedigen. Betrachten 
wir, vim mit der Liturgik ein abschließendes Bild über die religiöse Seite der 
H. und das grundlegende Verständnis für die späteren Hauptstücke zu ge- 
winnen, also noch einerseits die Versammlungen und Feste, andererseits die 
Zeremonien und Gebräuche der H. ! 

Um uns aus dem Wirrsal all der Versammlungsbezeichnungen herauszu- 
finden, teilen wir die Versammlungen ein in Draußen- und Innenversamm- 
lungen {open air- und indoor-meetings). Draußen Versammlungen, haupt- 
sächhch Straßen-, dann aber auch Hinterhof- und Waldversammlungen sol- 
len wenigstens 7 mal die Woche stattfinden und sind als Gelegenheits- oder 
für gewöhnlich als Vorversammlungen aufzufassen. Man legt ihnen den größ- 
ten Wert bei; denn erklärt W. Booth, „das Freie ist die Kathedrale der H.," 
(114, 396), und es werden zurzeit wöchentlich 32 000 solcher Versammlungen 
gehalten vor etwa 2 Millionen Zuhörern (156, 9). Den eigentlichen Gottes- 
dienst bilden, wenn wir das Singen, Predigen und Beten in Höfen und Wirt- 
schaften außer acht lassen, die Innenversammlungen, wie der Gottesdienst 
in der Halle genannt wird. Man spricht dabei von Heils- {Salvation-) und 
Heiligungsversammlungen {Holiness meetings), die nach der Teilnahme wie- 

44 



der als Rekruten-, Soldaten-, Offiziersversammlungen usw. bezeichnet wer- 
den. Heilsversammlungen finden täglich statt, mit Ausnahme des Abends 
für die Heiligungsversammlung (der Bekehrten) und eines zweiten Abends 
für die Soldatenversammlung, die keinen rein rehgiösen Charakter hat. 
Wenn die Kirchen geschlossen werden und die Menge sich in die Alkohol- 
tempel drängt , also zwischen 8 und 9 Uhr abends, dann gerade beginnt 
die H. -Arbeit. Der Sonntag soll nach den Regeln folgendermaßen aus- 
gefüllt sein: 7 Uhr morgens Gebetsübung (= Knee-Dnll), 10 Uhr Draußen- 
versammlung, II Uhr Heiligungsversammlung, 2 Uhr Draußenversammlung, 
3 Uhr zwanglose religiöse Zusammenkunft, in der jeder, der will, etwas Er- 
bauliches sagen mag, (= Free and Easy), 6 Uhr Draußenversammlung, 
7 Uhr Heilsversammlung und daran anschließend Gebetsversammlung. Je- 
des Korps mag auch alljährlich eine Gebetsnacht {All night) von lo^o Uhr 
abends bis 5 oder 6 Uhr morgens und etwa vierteljähriich, aber nur für Sol- 
daten, eine halbe Gebetsnacht {Half -night) von 7— 11 oder 12 Uhr nachts 
halten. Zu Neujahr wird überdies wohl überall eine Wachnacht {Watch- 
night) gefeiert. 

Sehen wir uns nun den Gottesdienst an, wie er nach den Regeln sein soll 
und nach meiner Erfahrung ist und nehmen wir bei der Schilderung, bei wel- 
cher man mir, späteren Ausführungen vorgreifend, eine kleine Milieuzeich- 
nung erlaube. Abstand von dem durch Nationalcharakter der einzelnen Län- 
der oder durch besondere Veranlassung bedingten Abweichungen. Vor der 
persönlichen Untersuchung stellen sich die Zeitungsberichte meist als maß- 
lose Übertreibungen heraus, die impressionistisch-bunten Bilder der meisten 
Schriftsteller erblassen dabei zu einem im ganzen stimmungsvollen Gemälde 
voll eigentümlichen, aber doch zu Herzen gehenden Reizes. Weder von Kolde 
noch Pestalozzi, noch irgendein anderer ernst zu nehmender Schriftsteller 
hat jene ,, Extravaganzen" gesehen, von denen man ihnen erzählt hatte. Mir 
ist es ebenso gegangen, und ich glaube, je mehr man Versammlungen der H. 
beiwohnt, um so weniger sieht man von diesen Dingen. Pestalozzi erhielt in 
England ,, durchaus keinen unangenehmen Eindruck", und es gab in der 
Regent Hall zu London ,, Augenblicke, wo er sich tief ergriffen fühlte" (193, 
136). Ebenso von Kolde. Sein erster Eindruck war ,, kein geradezu ungünstiger" 
(174,2), und die erste Innenversammlung, die er besuchte, hatte eine „ver- 
hältnismäßig ruhige Form" (174, 7). Dann freihch kommt die prickelnde 
Ausmalung, wie es damals im „Griechischen Theater" zuging. Besuchen wir 
also, diese Berichte ergänzend und korrigierend, unsererseits eine solche 
Londoner H. -Versammlung. Aufmerksam gemacht durch ein Plakat oder 
auch ahnungslos schlendern wir durch Whitechapel. Es ist ausnahmsweise 

45 



ein schöner Abend. Auf der Straße rattern die Omnibusse und die elektri- 
schen Straßenbahnwagen, das Verdeck voll Leute. Auf den breiten Bürger- 
steigen drängt sich die Menge. Der Arbeiter schleicht müde nach Hause. 
Fabrikmädchen stolzieren Arm in Arm daher. An einem Kino steht man zu 
zwei und zwei hintereinander und erwartet Einlaß. Auf den Fensterbänken 
der niedrigen, mit hebräischen Schriftzeichen bedeckten Läden hocken aller- 
lei Gestalten, viel junges Volk und dazwischen Alte. Sie wissen nicht, wo 
sie diese Nacht schlafen werden. Sie stieren mit stumpfem Blick in den gegen- 
überhegenden Bratfischladen eines Italieners, in dem nacktbeinige Kinder 
und auch schon einmal eine solche Frau sich ,,für einen halben Pfennig Ab- 
fall" in die Hände geben lassen. Bessere Gäste verlangen ,,für zwei und einen 
(= für 2 Penny Fisch und i Penny Kartoffeln) !" Sie bekommen sogar Mes- 
ser und Gabel, aber mit der Gravierung: ,, Gestohlen bei Frau Miotto." Wir 
gehen weiter. Dirnen niedrigster Sorte stehen an den Bordsteinen oder lun- 
gern um die Branntweinschenke an der Ecke, wo sich das Volk mit einem- 
mal staut. Ein Deutscher — ich traf einen Elsässer — mit zwei Töchtern musi- 
ziert. Andächtig hört man dem fremden Gesang zu. Eben stimmt das ältere 
Mädchen ,, Zu Straßburg auf der langen Brück" an, und der Vater will Geld 
einsammeln. Da ertönen aus der dämmernden Nebengasse Blasinstrumente. 
Die große Trompete gibt den Takt ; Lederschlägel und Fell müssen sehr dar- 
an glauben. Es zieht auf uns zu. Drei Männer an der Spitze, dahinter eine 
Fahne, von einer kräftigen Frau getragen, dann Musiker und Leute. Wir er- 
kennen sie als Salutisten. Ein Ring wird gebildet, ein Lied gesungen, und bald 
ist ein Offizier, stehend auf einem über die Trommel gelegten Brette, mit 
mächtigen und lebhaften Gesten am Reden, während außerhalb des Ringes, 
wo der Deutsche am Schimpfen ist, der Kriegsruf verkauft und kollektiert 
wird. Wahrscheinlich geht aber alles ohne Störung ab, vielleicht johlt aber 
auch ein betrunkenes Weib dazwischen, wie Funcke es erlebte (73, 127). Ein 
handfester Bierkutscher gibt ihr einen Faustschlag ins Gesicht, daß sie heu- 
lend abzieht. ,, Drache," schreit ihr der Edle nach, ,,wenn du nicht hören 
willst, so kriech in deinen Bau. Man muß jeden lassen, wenn er auch Unsinn 
redet." Die Menge spendet lauten Beifall und drängt sich aufs neue um den 
Prediger, der eben zu der Versammlung einlädt, welche wir vielleicht auf 
dem Plakat gelesen. Der Divisionsoffizier sei diesen Abend da, und es würde 
vom reichsten Mann Londons gesprochen werden über die beste Art, reich 
zu werden. Eine Soldatin singt ein Solo, zwei der Musiker bezeugen in weni- 
gen Sätzen ihre Rettung, und unterdessen zählt man, recht, damit es alle 
sehen, auf der Trommel das Ergebnis der Sammlung, das laut verkündigt 
wird. Dann stimmt man ein Lied an, und fort geht es zur Halle, ein Haufen 

46 



Volk hinterdrein. Vor einem undefinierbaren Gebäude mit der Aufschrift 
„The Salvation Army" bilden die Musiker Späher. Wir werden vom Strome 
mit in die Halle gerissen, deren einziger Schmuck ein paar Bibelsprüche bil- 
den von der Art wie : „Gott ist die Liebe" usw. Draußen spaziert neue Musik 
auf, und neues Volk drängt herein. Wir merken, das Korps hat sich in ,, Kom- 
pagnien" geteilt, um zugleich in mehreren Straßen Versammlungen zu halten. 
Bald ist der Raum ,, gepackt" voll. Vor uns auf ansteigenden Sitzen sind etwa 
150 Salutisten in Uniform, zwischen uns und ihnen eine Plattform mit einem 
Pultbrett in der Mitte. Ein Offizier verkündigt, daß die Versammlung mit 
einem Liede beginne. Es stehe in dem neuen Kriegsruf, letzte Seite. Wer noch 
keinen habe, solle ihn schnell kaufen, und wer dazu kein Geld habe, möge be- 
sonders achtgeben; in der H. werde alles Strophe für Strophe vorgelesen. 

„Jesus, Jesus über alles, 

Über alles in der Welt, 

Der für uns am Kreuz gestorb'ne, 

Auferstand'ne Siegesheld! 

Wohnt er schon in deinem Herzen, 

Ist die Welt daraus verbannt, 

Oder hast du deine Sünde 

Ihm bisher noch nicht bekannt?" 

Die Melodie wird jedem deutschen Leser klar sein, und sie wird herunter ge- 
sungen und gespielt, als wenn die siegreichen Heere in Paris einzögen. Bei 
den letzten Versen, die mehrmals wiederholt werden, setzen noch eine An- 
zahl Salutistinnen mit dem Tam.burin ein. Die zweite und dritte Strophe 
wird von denen gesungen, die gerettet sind. 



,, Viele Dinge gibt's auf Erden, 
Die des Menschen Herz erfreu'n 
Und auf eine kurze Weile 
Ihn ermuntern und zerstreu'n; 
Aber in der Sterbestunde 
Tröstet uns kein irdscher Tand, 
Alles wird im Stich uns lassen, 
Jesus nur allein hält stand!" 



,, Wahres Glück und wahre Freude 
Fand ich bei dem Heiland mein. 
Darum soll er mein Begleiter 
Durch das ganze Leben sein. 
Was der Feind des Lichts mir täglich 
Hindernd in den Weg auch stellt : 
Jesus, Jesus über alles, 
Über alles in der Welt!" 



Der Endreim wird einige Male wiederholt, und schließlich bittet der Offizier, 
die letzte Strophe noch einmal zu singen, die ihm in früheren Jahren eine 



47 



Inspiration geworden sei. Dann erwartungsvolle Stille. Der Offizier am Pult 
überschaut die Versammlung und sagt: „Ich bitte alle, Platz zu nehmen. 
Schwester soundso wird beten." ,,0 Gott, unser Vater," hebt die Stehende 
mit geschlossenen Augen an, ,,wir danken dir, daß du uns heute abend Ge- 
legenheit gegeben hast, uns zu deiner Ehre hier zu versammeln; die einen, 
um dich für ihre Rettung zu preisen; die anderen, um durch das kostbare 
Blut deines Sohnes gerettet zu werden. O Herr, laß Ewigkeitsarbeit an die- 
sem Abend geschehen. Sende Segen, Ströme des Segens auf uns, auf diese 
Stadt, auf die ganze Erde; Ströme des Segens besonders für diejenigen aus 
uns, die noch in den Ketten des Satans sind." In dieser Art betet sie, immer 
eindringlicher werdend, erhobenen Hauptes und vielleicht sogar mit leb- 
haften Gebärden, von der Versammlung durch Amen- und Hallelujarufe be- 
gleitet. Eine Offizierin trägt mit süßer und zu Herzen gehender Stimme ein 
Solo zur Mandoline vor. Den Kehrreim singen alle mit. Jetzt erst geht der 
leitende Offizier dazu über, aus den Briefen Pauli jene Stelle Phil. 4 zu lesen, 
wo zur Freude aufgefordert wird, dabei allerlei Zwischenbemerkungen ma- 
chend, was man in England ,,sandwich" (= belegtes Brot) nennt. Er ent- 
puppt sich als der reichste Mann Londons, weil er das von Paulus beschrie- 
bene Glück besitze, und jeder könne noch diesen Abend ebenso reich werden. 
Jesus rette alle. Jesus sei ,,jetzt" bereit zu retten. Er bitte alle niederzuknien 
und im Herzen mit ihm zu beten, damit die ganze Versammlung dieses 
Glückes teilhaftig werde. Nach dem Gebete kündigt ein anderer Offizier die 
Kollekte an. An jedem Pennystück seien nach Ansicht der Gelehrten Mil- 
lionen Bazillen. Er habe sogar gefunden, daß sehr oft der Teufel daran hafte. 
Man möchte sich also der gefährlichen Stücke entledigen. Das Korps sei arm, 
die Miete der Halle hoch, das Gas teurer als bisher. Einige Hallelujamädchen 
sammeln ein und bieten auch Liederheftchen an für das Lied, das eben ge- 
sungen wird. Dann folgen die Zeugnisse (testimonies), zu welchen der leitende 
Offizier auffordert. 

Nr. 1. Eine Frau sagt : Ich will Gott preisen all mein Leben lang, weil er 
mich in erlöstem Zustand hält Tag für Tag. Ich ging oft zur Kirche ; aber 
niemals ward ich gerettet, bis ich Gott in der Armee mein Herz gab. 

Nr. 2. Vor sieben Wochen verdiente ich noch die Hölle. Aber ich fand 
Jesus. Ich hatte keine Kleider zum Wechseln; aber heute habe ich einen 
anständigen Anzug; und meine Frau und meine Kinder sind auch ordent- 
lich gekleidet. 

Nr. 3. Kameraden, ihr wißt, ich bin ein Trunkenbold und Dieb gewesen 
und habe meine Frau verhauen. Aber Jesus hat mich von allem erlöst. Ich 
bin glücklich, Jesus lebt in mir. 

48 



Nr. 4. Ich war ein Trinker und alles, was schlecht ist ; aber jetzt bin ich 
errettet und habe ein gutes Heim, gute Kleider und gutes Essen. Ich bin ein 
lebendiger Zeuge von der erlösenden Kraft unseres Gottes. 

Nr. 5. Gott sei Dank, Freunde, auch ich bin gerettet. Tische und Stühle 
kommen mir nicht mehr in den Weg, und am Zahltage trage ich nicht mehr 
in der einen Hand das Geld für den Schnapswirt, in der anderen das für 
meine Frau. Meine Wohnung war die eines Trunkenboldes. Aber, Dank sei 
Gott, alles ist verändert, und ich suche nicht mehr in den Kamin zu steigen, 
wenn ich ins Bett will. 

Der leitende Offizier stellt vor: 

Nr. 6. Stotternd: Freunde, ich danke Gott, daß ich heute hier bin. Am 
letzten Sonntag war ich der miserabelste Mensch von der Welt. Ich ging 
nachmittags von Hause fort, ohne zu wissen, wohin und was ich machen 
sollte, und ich war nahe daran, meinem elenden Leben ein Ende zu machen, 
als ich die Musik hörte. Ich folgte hierhin und kam abends wieder und ich 
kam an die Bußbank und bin froh heimgegangen. Mein Weib liegt krank und 
sagte : Was hast du ? Du bist in der Kirche gewesen. Nein, sagte ich, bei der H. 
Gott sei Dank, ich bin gerettet. Es wird alles gut werden. Und Tränen laufen 
dem schmächtigen Mann die Backen herab. 

Diese Zeugnisse, zum größten Teil aus der Zuschauermenge herausgegeben, 
machen ersichtlich Eindruck. Hatte man sich anfangs noch ziemlich laut 
unterhalten und einer mit der Zigarre im Mund von ganz hinten auch schon 
einmal dazwischen gerufen — was man einfach übersah oder überhörte — so 
war jetzt alles gespannt aufmerksam. Der Offizier fordert auf, sich des- 
selben Glückes teilhaftig zu machen. Es sei vielleicht das letzte Mal, daß 
Gott diese Gnade anbiete. Man habe sich nicht gescheut zu sündigen, so 
brauche man sich auch nicht zu scheuen, seine Sünden zu bekennen. Um es 
jedem leicht zu machen, lasse er jetzt ein Lied singen, alle möchten sich da- 
bei erheben. Das Lied besteht aus dem immer wiederholten Verse : 

,,Des Heilands Herz ist offen — 
Offen Sünder jetzt für dich — 
Des Heilands Herz ist offen — 
Zu ihm flüchte dich." 

Seine Frau schlägt den Takt zu dem Gesang, während er selber zu dem eben 
erwähnten Störenfried geht, der hinter uns sitzt. So viel wir sehen können, 
legt er den Arm um seine Schultern, setzt sich mit ihm und redet auf ihn 
ein. Ähnliches spielt sich im ganzen Saale ab. Die Plattform ist halb leer, 
alle sind am ,, Fischen". Die Halle dröhnt. Der Takt wird mit den Händen 

4 Clasen Dei Salutismus AQ 



geklatscht und sogar getrampelt. Dazwischen ruft die Offizierin : „Nun komm' 
doch, komm' doch zu deinem Heiland," und läßt den Chor spielen: ,,0 Hei- 
land, ja ich komme, ich kommxC, ich komme — ich komme jetzt zu dir." 
Unsere Spannung wächst. ,,Wer mag die erste Seele sein?" Da kommt sie — 
es ist der Störenfried; den Zigarrenstummel hat er verlegen noch in der 
Hand. An der vor der Plattform hinlaufenden, rechts und links nur eine 
Stiege freilassenden Bank {Penitent form, familiär auch Mercy-Seat), der 
Bußbank, kniet er mit dem Offizier nieder, während die Musiker den Chor 
anstimmen : 

,,Der siegreiche Heiland, er bricht jedes Band — 
Und führt uns zum Siege mit mächtiger Hand." 

Die Versammlung schwenkt dabei mit den Taschentüchern. Der Zigarren- 
stummel wird von den Offizieren gezeigt. Noch ein Dutzend Leute kommen 
heraus „an die Gnadenquelle". Einen sieht man heftig weinen, und durch 
den Gesang dringt zuweilen ein Schluchzen. Die Salutisten haben glänzende, 
frohe Gesichter; denn im nächsten Kriegsruf wird es heißen: ,, Großer Sieg 
in Whitechapel. Major und Frau schwangen das Schwert des Glaubens. 13 
Seelen unter dem Kreuze. Gott war mit uns. Wir fühlten seine Nähe. Halle- 
luja!" Die Menge beginnt sich zu zerstreuen. Mit den Neubekehrten wird 
gebetet, und wenn wir bleiben, sehen wir vielleicht, wie einer auf Zureden hin, 
sich umdreht und halblaut bekennt, in dieser Stunde ein anderer Mensch 
geworden zu sein. Die Personalien der einzelnen werden notiert, am nächsten 
Tage besucht man sie und läßt sie nicht mehr außer acht, bis ihr ganzes 
Leben geordnet ist. 

Das ist der gewöhnliche Verlauf einer Versammlung, die freilich auf 
tausend Arten variiert werden kann; denn die Offiziere sind ganz frei — 
ich bitte das ,,ganz" nicht mißzuverstehen — wenn sie nur Seelen für Gott 
gewinnen. 

Darum hat man auch keine besonderen Festtage, sondern feiert, d. h. hält 
sonntäglichen Gottesdienst, wenn die Geschäfte ruhen und die Leute zu 
haben sind : Weihnachten, Ostern und Pfingsten und z. B. in England an den 
Bankfeiertagen, wo alles auf der Straße liegt, trinkt, tanzt, sich liebt und 
prügelt ; denn sie gelten nicht als Sonntage — in Deutschland an dem soge- 
nannten Bußtag, an dem man sich für die verbotenen, gewöhnlichen Genüsse 
durch allerlei Wohltätigkeitsrummel und Konzerte schadlos hält — in Frank- 
reich am Nationalfest, wenn die Nachkommen blutrünstiger Freiheits-, Gleich- 
heits- und Brüderlichkeitsverkündiger in Alkoholverzückung sich küssend in 
die Arme fallen. Die Teefeste und Ausflüge der Salutisten dienen an erster 

50 



Stelle der Geselligkeit. Als besondere Zeiten sind noch zu erwähnen: die 
Selbstverleugnungswoche (Seif Denial Week) und das Erntedankfest (Harvest 
Thanksgiving) ; die eine in einer März- und das andere, noch nicht überall 
eingebürgerte, in einer Hochsommerwoche gefeiert. Beide gehen auf biblische 
Vorbilder zurück, sind aber ursprünglich aus finanzieller Not eingeführt 
worden, so die Selbstverleugnungswoche 1886, gehalten vom 4. bis 11. Sep- 
tember, als man sich wegen der ständigen Neueröffnungen und der regel- 
recht unternommenen Sozialarbeit in großer Verlegenheit befand. Das Er- 
gebnis waren 95 000 Mark; die zweite im Frühjahr 1888 brachte schon 
242 000 Mark ein. Wer geprüft hat, unter welchen Entbehrungen der aller- 
größte Teil, um nicht zu sagen alle Salutisten ein jeder ,,sein Ziel" zu er- 
reichen sucht, kann nur die höchste Bewunderung für sie empfinden. Prinz 
Max von Sachsen, der in Ost-London tätig war, bekannte in einer Rede, daß 
,, hinsichtlich des wirklichen, praktischen, persönlichen Opfers, die Opfer der 
Selbstverleugnungswoche alle ähnlichen Anstrengungen der gesamten katho- 
lischen Kirche, deren Priester er sei, beschämten" (1904, 11,6). Während der 
,,Salvation Smith^\ ein Herr aus der Londoner Börsenwelt, seine 20 000 Mark 
jährlich im Finanz viertel sammelt, wissen die Kinder der Familie Booth, 
obwohl sie von Wasser und Brot leben, nicht anders ihr Ziel zu erreichen, als 
daß sie schnell eine Versammlung bekanntgeben, zu welcher der General 
eingeladen sei und auf dieser erklären sie dann ihre Verlegenheit. 

C^akramente, wie schon erwähnt^, hat der Salutismus nicht, oder besser, 
j^ er hat sie nicht mehr; denn die Regeln von 1878 schreiben noch (iii, 72) : 
,,Das Abendmahl sollte im letzten Teil der (Eröffnungs-)Versammlung dar- 
geboten und womöglich auf Mitternacht verschoben werden, damit es auf 
alle einen tieferen Eindruck macht." Von der Taufe ist W. B. noch früher 
abgekommen : denn er hat nur noch seinen ältesten Sohn, die anderen Kinder 
nicht mehr getauft. Dagegen findet sich eine Art Zugeständnis an das, was 
die Katholiken ,, Letzte Ölung" nennen. Die Regeln für F.-O. sagen unter 
Berufung auf Jak. 5, 14—15 : Wenn Soldaten oder andere im Gebet vor Gott 
gebracht werden möchten, um durch den Glauben geheilt zu werden . . . , so 
sollen folgende Winke beachtet werden: Das Salben mit öl ist offenbar 
Nebensache . . . Wenn die Leute darauf bestehen, so braucht nur die Stirn 
gesalbt zu werden . . . nicht die leidende Stelle . . . Wenn aber die Kranken 
das verlangen, so müssen Männer von Männern, Frauen von Frauen gesalbt 
werden, die fest an Gebetsheilung glauben (115, 77). 

^ Vgl. 18, Adaptation of measures; ferner Ob. Th. Kitching, „Sacraments", der be- 
sonders die Aufgabe von Taufe und Abendmahl geschickt zu rechtfertigen sucht. Im 
übrigen ist das Schriftchen eine regelwidrige Verirrung, die nur dadurch entschuldigt 
wird, daß es nur für Offiziere bestimmt ist. 

51 



So bleiben als feststehende Gebräuche: die Kinderdarstellung, die Sol- 
dateneinreihung, öffenthche Gelöbnisse, Heirat und Begräbnis. — Die Kin- 
derdarstellung, nur auf Wunsch der Eltern vorgenommen, bedeutet das Hin- 
geben des Kindes an Gott und die Armee. Den Wunsch haben die Eltern in 
einer zu dem Zwecke festgesetzten öffentlichen Versammlung zu erklären. 
Dann nimmt der K.-O. das Kind auf seinen Arm, erhebt es und beginnt ein 
Gebet : ,,0 Herr der Heerscharen, nimm dieses Kind — folgt Vor- und Zu- 
name — zu eigen an"; fährt mit einem Stegreifgebet fort und schließt, das 
Kind den Eltern zurückgebend : ,,Im Namen des Herrn und des N. N. Korps 
der H. habe ich dieses Kind angenommen, welches von seinen Eltern völlig 
für das Heil der Welt dahingegeben worden ist. Gott erlöse, segne und be- 
wahre das Kind! Amen! Ich verpflichte euch, ihr Eltern, vor Gott und die- 
sem H. -Korps zur Erfüllung der Versprechen, welche ihr heute in bezug auf 
dieses euer Kind gemacht habt." Er hält dann noch eine kleine Ansprache 
und schließt mit dem dreifachen Segenswunsche: ,,Gott segne diese Eltern, 
Gott segne dieses Kind, Gott segne die H.", worauf die ganze Versammlung 
jedesmal mit ,,Amen" antwortet. 

Die Soldaieneinreihung findet ebenfalls in öffenthcher Versammlung statt. 
Der Offizier, der sie vornimmt, liest zuerst aus der Bibel einige entsprechende 
Stellen, z. B. Eph. 6, ii— 17. Ein Lied wird gesungen, und er redet die Einzu- 
reihenden folgendermaßen an: ,, Erklärt ihr in Gegenwart Gottes, dieser Sol- 
daten und des hier versammelten Volkes, daß ihr mit seiner Hilfe euch be- 
streben wollt, euer Leben und Werk als Heilssoldaten gemäß den ,, Kriegs- 
artikeln" einzurichten, die ihr gelesen und unterzeichnet habt? Wenn ja, so 
reicht eure Rechte und saget ja." Während das geschieht, wird in England 
gesungen: ,,Ich will sein — treu zu den Farben — meinen Farben rot, gelb, 
blau." Sodann ermahnt der Offizier die Neusoldaten an ihre Pflichten und 
schheßt: ,,Im Namen des Generals akzeptiere ich eure Erklärungen und 
nehme euch auf als H.-Soldaten und Kameraden unter die Blut- und Feuer- 
fahne (die während der Feier über die Offiziere gehalten wird), und als Aus- 
weis über die Aufnahme überreiche ich euch einen Abdruck der Kriegsartikel" 
(114, 597ff.). 

Die feierlichen Gelübde, ein Holiness Covenant und ein War Covenant, 
werden besonders gern mit ganzen und halben Gebetsnächten oder mit be- 
sonderen Versammlungen verbunden. Sie enthalten nichts von allgemeinem 
und besonderem Interesse (114, 600 ff.). 

Mit großer Feierlichkeit werden gewöhnlich die Hochzeiten begangen, und 
das Volk strömt in der Meinung, es gebe etwas Außergewöhnliches zu sehen, 
meist in Massen herbei. Der leitende Offizier liest den natürlich in H.-Uni- 

52 



form erschienenen Brautleuten zuerst die „Heiratsartikel" vor, die eine Hin- 
gabe an Gott und die Armee enthalten. Dann haben Braut und Bräutigam 
getrennt zu erklären, daß ihnen kein gesetzliches Ehehindernis bekannt ist, 
daß sie sich zur Ehe nehmen wollen nach Gottes Ordnung, sich lieben, trösten 
und halten in Krankheit und Gesundheit und niemals einander hindern wol- 
len, alles, was in eines jeden Macht steht, für die H. zu tun. Der Bräutigam 
nimmt dann die rechte Hand seiner Braut, sprechend: ,,Ich rufe die hier 
gegenwärtigen Personen als Zeugen auf, daß ich, N. N., dich N. N. nehme als 
mein gesetzliches, ehehches Weib und steten Kamerad in diesem Krieg, dich 
zu haben und zu halten von diesem Tage an in guten wie in bösen Tagen, in 
Reichtum wie in Armut, in Krankheit wie in Gesundheit, dich zu lieben und 
wert zu halten, bis der Tod uns scheidet nach Gottes hl. Ordnung, und das 
erkläre ich auf mein Ehrenwort als ein treuer Soldat Jesu Christi." Nach- 
dem die Braut dasselbe getan, steckt ihr der Bräutigam an den vierten 
Finger der linken Hand den Ring mit den Worten: ,,Ich stecke diesen Ring 
an deinen Finger als ein beständiges Zeichen, daß wir verheiratet sind unter 
der feierlichen Verpflichtung, die wir heute gegeben haben, zu leben und zu 
kämpfen in den Reihen der H." Der Offizier legt die Hände beider zwischen 
die seinigen und erklärt die Brautleute im Namen Gottes als Mann und Frau. 
Was Gott verbunden habe, soll der Mensch nicht trennen. Er schließt : ,,Gott 
segne euch — und die eurigen — Gott segne die Armee." Die Anwesenden 
antworten jedesmal mit Amen (114, 606 ff.). 

Dies Ritual gilt, einige kleine Änderungen ausgenommen, seit der Hoch- 
zeit des jetzigen Generals. 

Die Begräbnisieierlichkeiten sollen eine entschiedene Verwahrung gegen 
alle sonst üblichen Gewohnheiten sein ; denn der Tod eines treuen Heilssol- 
daten ist weiter nichts als ,,eine Beförderung zur himmlischen Herrlichkeit". 
An dem Sterbehause und der Korpshalle mag ein Kranz von Immergrün 
aufgehangen werden und ein Schild, N. N. sei zum Himmel eingegangen und 
das Begräbnis finde da und dann statt. Bis zum Sonntag darauf trägt man 
um den linken Arm eine weiße Binde mit einem roten S und einer Krone 
darüber, die Flagge erhält weiße Bänder, und auf dem Sarge liegen Mütze, 
Bibel und Gesangbuch des Verstorbenen. Durch die Gelegenheit soll man so- 
viel zu erreichen, d. h. so viele Seelen zu gewinnen suchen als nur möglich. 
Deshalb wird der mit den Heilsfarben umhüllte Sarg — in England sind Blu- 
men und Kränze verpönt — durch recht viele und belebte Straßen geführt. 
Während man ihn in die Gruft senkt, wird das Lieblingslied des Verstor- 
benen gesungen. Ansprachen und Gesänge folgen, und dann sagt der lei- 
tende Offizier, während ein zweiter Erde auf den Sarg wirft: ,, Nachdem es 

53 



Gott dem Allmächtigen gefallen hat, unseren treuen Kameraden N. N. von 
seinem Platze in dem N. N. -Korps zu der für ihn bereiteten Wohnung zu 
promovieren, übergeben wir seinen Leichnam diesem Grabe, Erde zu Erde, 
Asche zu Asche, Staub zu Staub, in der sicheren und festen Hoffnung des 
Wiedersehens am Auferstehungsmorgen." Dann folgt die Aufforderung, sich 
Gott zu weihen und wiederum der Schlußsegen : „Gott segne und tröste alle 
Hinterbhebenen, Gott helfe uns Zurückbleibenden, treu zu sein bis in den 
Tod, Gott segne die H.", und alles Volk antwortet jedesmal: Amen. 



54 



///. HA UPTSTUCK 

GESCHICHTE DER HEILSARMEE 

Solange das Christentum besteht, hat es . . . noch keine in ihm und aus ihm ent- 
standene Bewegung gegeben, die in so kurzer Zeit so kolossale numerische Er- 
folge aufzuweisen gehabt hätte als die Heilsarmee. Prof. Dr. von Kolde 174, 44. 

I. DIE HEILSARMEE WIRD GEBOREN 

Als Geburtsjahr der H. wird von ihr selber, wie von Außenstehenden das 
Jahr 1865 angegeben, in dem W.B., ein Methodistenprediger, wie so viele 
andere, in Ost-London zu missionieren begann, in tiefster Seele erschüttert 
von dem geistigen und leiblichen Elend, das seine Augen sahen. Ich kann 
mich diesem Brauche nicht anschließen, muß vielmehr 1878 als Geburts- 
jahr vorschlagen; nicht weil die H. erst damals ihren Namen empfing, auch 
nicht weil sie bis dahin nicht militärisch organisiert war. Das sind nur 
Zeichen des inneren Vorgangs, ist nicht der Vorgang selber. Es gibt eben bis 
zu den 80 er Jahren keine H. Der ganzen Bewegung fehlt die selbständige 
und unabhängige Existenz; sie ist mit der Person des ersten Generals un- 
trennbar verbunden und deshalb in seiner Lebensgeschichte zu behandeln. 
Zu dieser Unselbständigkeit tritt als weiterer entscheidender Grund, daß die 
Bewegung auch ihren heutigen Charakter noch nicht hat. Die ,,Christnche 
Mission für Ost-London" oder die ,.Chr. M.", wie man später kurzweg sagte, 
ist ein rein sektenhaftes Gebilde. London, allenfalls noch England, sind die 
Wirkungskreise, welche man sich von der Vorsehung gesteckt glaubt, und 
darüber hinaus gehen auch die kühnsten Träume nicht. Da bricht mit dem 
Jahre 1877 die große Pfingstzeit an und bringt die vollständige Umwandlung 
nicht nur der äußeren Erscheinung, sondern auch des Geistes der Mission 
(vgl, 153, 90). Mit dem Siegel der KathoHzität auf der Stime und dem Wahl- 
spruch „Die Welt für Jesus" auf ihrer Fahne, geht die H. aus ihr hervor; die 
Sekte ist zur geschichthchen Bewegung, der methodistische Eigenbrödler zu 
der aller Welt bekannten historischen Person geworden. 

Eingeleitet wird dieser denkwürdige Vorgang durch die im Januar 1877 
tagende, von W. Booth einberufene Konferenz. ,, Lange Zeit schon fühlte er, 
daß ein so agressives Werk, wie er es im Sinne hatte, keine gesellschaftliche 
Form der Leitung brauchen könne" (100, 2). Dazu sagten ihm seine treuesten 
Gehilfen wörtlich: ,, Diese Arbeitsmethode wird Satans Reich niemals er- 
schüttern. Wir gleichen nur den Gemeinschaften um uns herum, und zwar 
mit jedem Tage mehr. Viel Gutes und alles Besondere an unserer Arbeit geht 
uns verloren. Eine weitere Sekte zu bilden, können wir nicht wünschen" (71, 

55 



XII). Der Generalsuperintendent entwickelt also seine Pläne, mit dem bis- 
herigen demokratischen System zu brechen (49, 246). Große Erfolge seien 
durch eine Organisation nur zu erzielen, wenn die Leitung einheitlich gestal- 
tet sei, und zu dem Zwecke lege man sie am besten in die Hand eines einzigen. 
Wenn man einen Tunnel bohre, eine Brücke schlage oder eine Nation unter- 
werfe, wähle man auch kein Komitee (23, 48). Oder ob ein solches die Arche 
erbaut oder die Israeliten aus Ägypten befreit und sie später regiert habe ? 
Ein schlechter Leiter sei besser als zwei gute, und nur das ,Ein-Mann-Sy- 
stem' sei das rechte. Wo 20 Köpfe seien, da seien auch 20 Sinne und 20 Me- 
thoden. Und das Ende? Unterschied in der Meinung, im Fühlen, in der Aus- 
führung und Tätigkeit, Überdruß, Durcheinander, Trennung und Untergang" 
(11, 3). Seine Mitarbeiter sprachen sich ebenso aus, ,,und so beschloß man 
einstimmig unter seiner Leitung fernerhin zu wirken, und er wurde damit, 
wenn auch nicht dem Namen nach, so doch in der Tat ihr , General'" (100, 2). 
Immerhin brachten die folgenden Monate noch ,,eine Reihe sorgenvoller Be- 
ratungen" (49, 260), während in derselben Zeit Cadman seine Versamm- 
lungen in Whitby an der Küste von York als ,,Kriegin W." durch die ,,Halle- 
luja- Armee" ankündigte (man rechnete damals allgemein in England mit 
einem russisch-türkischen Zusammenstoß). Der ,, Generalsuperintendent" er- 
scheint auf den Plakaten schon als ,, General"; ein Titel, den übrigens Rail- 
ton schon in einem Briefe vom Jahre 1872 gebrauchte und den er unter- 
zeichnete als sein ,, Leutnant". Der Titel ,, Reverend" war von der Konferenz 
den Evangelisten untersagt worden, und so nannten die braven Fischerleute 
von Whitby ihren Cadmann kurzerhand ,, Kapitän"; ein Wort, das im Eng- 
lischen nicht nur in der Seemannssprache üblich ist, sondern auch einen mili- 
tärischen Rang bezeichnet, von den Bergleuten dem Obersteiger beigelegt 
und überhaupt viel verwandt wird; Carlyle z. B. fordert in seinen Schriften 
,, Industriekapitäne". Man hatte auf diese Weise teils durch biblische Bilder, 
teils durch Umstände schon allerlei Militärisches in sich aufgenommen, ohne 
sich dessen bewußt zu werden. So kam der Oktober 1877. W. B. war mit 
dem jetzigen General und dem Sekretär Railton zusammen, um den jähr- 
lichen Weihnachtsaufruf abzufassen. ,,Was ist die Christhche Mission", lautete 
die Fragestellung, und Railton setzte als Antwort hin, ,,eine Freiwilligen- 
armee". Da nahm der Gründer, der auf und ab ging, die Feder zur Hand, 
strich das Wort ,, Frei willigen" aus und schrieb darüber ,, Heils"; denn, sagte 
er, wir sind keine Freiwilligen, weil wir fühlen, daß wir das, was wir tun, tun 
müssen und dazu verpflichtet sind. Und so lautete die Erklärung jetzt: „Die 
Christliche Mission ist „eine Heilsarmee" von bekehrtem Arbeitervolk" (197, 
22 ; 49, 248 ; 57, 102). Allen dreien erschien das Wort sogleich als eine Inspira- 

56 



tion. Die Briefköpfe trugen fortan die Namengebung „The Christian Mission 
or the Salvation Army" und einige Monate später schon „The S. A. com- 
monly called The Chr. Mission". Nach und nach drang die neue Bezeichnung 
durch. Zuerst brauchte sie Kap, Dowdle in Plymouth auf Anschlagzetteln. 
Dann ließ Bramwell B., der jetzige General, sie in der White-Chapel Halle 
mitten auf die Frontwand malen zur Verwirrung einiger, alter Mitglieder, die 
sich von der Änderung nichts Gutes versprachen. Aber das Gegenteil war 
der Fall: die Anzahl der , .Stationen" stieg bis zum Hochsommer 1878 von 
29 auf 50. Die Anzahl der Evangelisten von 31 sogar auf 88. Eine beispiellose 
Begeisterung, Freude und Arbeitslust war die Folge dieser ,, wunderbaren" 
(iii, 59) Ausbreitung, und man ging auf dem einmal eingeschlagenen Wege 
immer weiter. Die Stationen wurden in Korps umgetauft und noch 1878 die 
erste Flagge gebraucht und das Wappen eingeführt. In den ersten Tagen 
vom August des gleichen Jahres fand die große konstituierende Versamm- 
lung statt, welche die organisatorische Umwandlung sanktionierte, beschickt 
von Abgesandten aller Korps, und am 7. August übergab man dem obersten 
Gerichtshof eine Grundakte, welche den Bestand der Armee für alle Zeiten 
sichern sollte, ihre Entstehung kurz darlegt, die Glaubenslehre im Auszug 
bringt, dem ,, Generalsuperintendenten der Christlichen Mission" alle Ge- 
walt in die Hände legt und W. B. als solchen bestimmt. Der Ausdruck ,, Heils- 
armee" ist in der Urkunde noch nicht gebraucht. Schon im Oktober erschei- 
nen die Regeln und Verordnungen für die H., welche bezüglich des Militäri- 
schen sich an das ,, Handbuch für Soldaten der britischen Armee" anlehnen 
(verfaßt von General G. Wolseley, t 1913, dem späteren Sieger über Arabi 
Pascha bei Teil el Kebir) (vgl. iii, 9). Der Gründer hatte bei der Veröffent- 
lichung offenbar die Not der Stunde im Auge; denn das Büchlein bringt 
einerseits die Verherrlichung und vollständige Durchführung der militäri- 
schen Organisation, andererseits gibt es einige noch ganz auf englische Ver- 
hältnisse zugeschnittene Anweisungen, wie das Werk auszubreiten sei. Am 
23. Oktober macht Frau C. Booth in einem Briefe Mitteilung von der Namens- 
änderung, spricht von ,, Offizieren", sieht keine Grenzen für die Ausdehnung 
der Armee und erwartet noch größere Dinge für die Zukunft. Im November 
meldet sie den endgültigen Beschluß, Uniform zu tragen. Das Jahr 1879 
brachte ein weiteres großartiges Anwachsen, und als aus verschiedenen 
großen Städten eine Abnahme der Polizeivergehen gemeldet wurde, setzte 
die Presse (wohl durch Stead) das mit der Tätigkeit der H. in Verbindung, 
wodurch sich das Ansehen der Bewegung gewaltig steigerte. Die ganze 
Umformung findet ihren Abschluß mit dem 24. Juni 1880, an dem man 
der Grundakte eine Zusatzurkunde beifügte, welche die Identität der Christ- 

57 



liehen Mission mit der H. und des Generalsuperintendenten mit dem 
General erklärt. 

Schon im Januar waren die ersten Offiziere nach den Vereinigten Staaten 
gegangen und hatten damit das große Jahrzehnt der Ländereröffnung be- 
gonnen. Auf die Vereinigten Staaten folgten 1881 Austrahen und Frankreich, 
1882 Kanada, Indien, die französische Schweiz und Schweden ; 1883 Neusee- 
land und Südafrika; 1885 die deutsche Schweiz; 1886 Deutschland; 1887 
Italien, Holland und Dänemark; 1888 Westindien, Nor^vegen und Irland; 
1889 Argentinien, Uruguay, Belgien und Finland. Nur Java und Japan, ab- 
gesehen von kleinen Eröffnungen, folgten später, nämlich beide 1895; für 
China, Rußland und Spanien, die bis heute noch nicht eröffnet sind, wurde 
damals schon gesammelt (138, ^y), und so konnte sich der Salutismus, der jetzt 
unter 58 Völkerschaften vertreten ist und in 34 Sprachen predigt, schon 1890 
als dritter Kosmopoht neben den Katholizismus und Protestantismus stellen. 

2. DIE HEILSARMEE IN ENGLAND, SCHOTTLAND UND IRLAND 

Wie ich schon sagte, bietet die H. um das Jahr 1880 in England ein Bild fa- 
belhafter Tätigkeit und gewaltigen Wachstums. Frau W.B. veröffent- 
hchte 1879 ihre Schrift „Die H. in ihrer Beziehung zu Kirche und Staat". Das 
monathch erscheinende ,,Christhche Missionsmagazin" hatte denNamen ,,Der 
Salutist" erhalten und erscheint seit dem 23. Dezember 1879 wöchenthch 
als „Kriegsruf", in den 80 er Jahren sogar einige Zeit zweimal wöchenthch. 
Bailington B. machte damals in Manchester Anstrengungen, systematisch 
Offiziere heranzubilden, und das führte 1880 zur Gründung der Kadetten- 
schule für Männer und Frauen in London. Im Herzen der Riesenstadt, Queen 
Victoria Street loi, wurde das H.-Q. errichtet, und 1881 fanden in Exeter 
Hall jene glänzenden Demonstrationen statt, die sich seither in jährlicher 
Wiederholung einander überbieten. 1882 erwarb man das Londoner Waisen- 
haus für die Summe von 455 000 Mark, welche vor Eröffnung des Hauses ge- 
zeichnet war. Die zwei großen Seitenflügel beherbergen jetzt getrennt die 
männlichen und weiblichen Kadetten ; der Mittelbau, mit ionischen Säulen 
geziert, enthält die Kongreßhalle, die rund 5000 Personen faßt. 1903 wurden 
die Schulen vergrößert, so daß sie statt der bisherigen 230 Kadetten 500 auf- 
nehmen können. Auch erwarb man 1882 den ,, Adler" mit dem anstoßenden 
,, griechischen Theater", eine berüchtigte Kneipe und ein Ort zweifelhafter 
Volksbelustigungen. Die Kaufsumme behef sich auf 355000 Mark, und der 
Erzbischof von Canterbury setzte seinen Namen an die Spitze der Sammel- 
liste. Eines Sonntags morgens im Oktober zogen 900 Salutisten in die City 
Road, um von der neuen Halle Besitz zu ergreifen, und statt des Kehrreims 

58 



„Jesus ist mein" ließ der General in seiner Freude singen ,,der Adler ist mein". 
In solcher Siegesstimmung beging man am 3. Juli vorher im Alexandra- 
palaste das 17. Jahresfest. 20—30 000 Menschen, nach anderen Berichten 
sogar 70 000, nahmen teil, und der Zudrang war so groß, daß man das Ein- 
trittsgeld auf Leintücher werfen ließ, die man am Boden ausgebreitet hatte. 
Dazu kollektierte man noch 60 000 Mark für den Adler, und der General 
konnte ein Schreiben vorlesen, worin die Königin durch ihren Sekretär be- 
dauern Heß, keinen Beitrag für den Adler zeichnen zu können; im übrigen 
aber äußerte sie sich nur anerkennend über die H. 

Die Folgezeit brachte v/eitere Anerkennungen von Erzbischöfen und Bi- 
schöfen, den beiden Parlamenten, den verschiedensten Gerichtshöfen und 
Obrigkeiten, veranlaßt durch die Verfolgungen gegen die H., welche inzwi- 
schen überall einsetzten. So schreiben z. B. der Bürgermeister, 4 Parlaments- 
mitglieder und 12 Magistratspersonen von Newcastle: ,, Die Unterzeichneten 
meinen, freilich ohne damit alle Maßregeln der H. zu billigen, folgendes er- 
klären zu sollen: i. Daß die H. Massen von Personen um sich geschart hat, 
die niemals einen Gottesdienst besuchten; 2. daß viele der schlimmsten 
Taugenichtse unserer Stadt offensichtlich gebessert sind dank ihrem Ein- 
flüsse. Deshalb halten wir dafür, daß besagte Armee nicht zum Vorteil der 
Unruhestifter im Stich gelassen werden darf, im Gegenteil verteidigt und 
beschützt werden muß." Im Jahre 1882 zählte die Armee 665 Soldaten, dar- 
unter 251 Frauen und 23 Kinder, die vom Pöbel niedergestoßen und mit 
Füßen getreten, und 52 Gebäude, die von ihm beschädigt worden waren. 
Durch die Schankwirte kam es zur Bildung von Banden, welche planmäßig 
die Umzüge der Salutisten störten. Einen Totenkopf mit zwei Knochen dar- 
unter führten sie als Wappenbild und erhielten deshalb die Bezeichnung 
,, Skelettarmee"'. Besonders bekannt geworden sind die Tumulte von Shef- 
field, dort wurden die Salutisten auf einem Marsch durch die Straßen mit 
Steinen, Schmutz, faulen Eiern und Tierkadavem beworfen. Doch behielt 
der General bei allem seine Ruhe. Als die Seinen nachher mit blauen Augen, 
blutigen Gesichtern, schmutzbedeckt und zerrissen an ihm vorbeischritten, 
meinte er: ,, Jetzt ist der rechte Augenblick gekommen, euch photographieren 
zu lassen." Einzelne Städte verboten einfach die Straßenumzüge; aber die 
Salutisten gingen lieber ins Gefängnis, als daß sie sich fügten, und sie hatten 
dabei die Genugtuung, daß sich schließhch Parlament und Bischöfe auf ihre 
Seite stellten und der königHche Gerichtshof zu ihren Gunsten entschied. 

Die Zahl der Offiziere versiebenfachte sich von 1881— 1884, die Zahl der 
Korps wuchs auf das Neunfache. 1882 wurden ernste Bestrebungen von 
den Bischöfen unternommen, die Bewegung zu verkirchlichen. Der Erzbischof 

59 



von Canterbury wohnte mit seinem Sohn einer H.- Versammlung bei und um- 
armte nachher den jetzigen General mit den Worten : „Mein Bruder, Ihr habt 
den Geist Gottes. Niemals habe ich mich ihm so nahe gefühlt als heute bei 
Euch!" Im November brachten die Zeitungen die Nachricht, daß die H. in 
der ,,Church Army'''' eine Nachbildung erfahren habe. Der General war ge- 
fragt worden, ob ihm die Sache recht sei, worauf er die Antwort gab, daß 
er für seine Person kein Patent auf eine militärische Organisation habe. 
Wenn sie dadurch Seelen gewännen, so möchten sie es doch tun. Das Unter- 
nehmen, von Preb. Wilson Carlüe, der in den Westend- Versammlungen von 
Frau C. Booth für die Ideen der H. gewonnen war, ins Leben gerufen 
und bis heute von ihm mit großer Aufopferung und Hingebung geleitet, hat 
sich über ganz England ausgedehnt und stellt sich als ein Kompromiß dar 
zwischen der Methodik der H. und den altkirchlichen Anschauungen des 
Anglikanismus. Es steht bei dem Klerus hoch in Gunst und zählte 191 1 alles 
in allem 488 Evangelisten, 388 Missionsschwestern, 52 Kadetten, 53 Sozial- 
anstalten für Männer und 31 für Frauen^. 

Abgestoßen durch die Gewißheit, die H. -Bewegung nicht in die Kirche 
überleiten zu können, und durch den Übereifer der Armee in der Militari- 
sierung und Evangelisierungsanpassung, begannen die hochkirchlichen Kreise 
seit 1883 zurückhaltender zu werden. Im Volke aber gewann sie immer mehr 
Boden. Das letzte Jahr hatte 8 Millionen Mark Einnahmen gebracht, und 
am 16. April 1883 sammelte man in Exeter Hall in einer einzigen Ver- 
sammlung 200 000 Mark. 846 Hallen wurden gekauft oder gebaut, und die 
Armee missionierte schon in 245 englischen Dörfern. 1884 fanden die sozial- 
caritativen Anschauungen der H. ihren ersten organisatorischen Ausdruck. 

In einem Seitengäßchen in Whitechapel, London, lebte nämlich in einem bau- 
fälligen Häuschen von vier Stuben ein armer Schriftsetzer. Ich traf den 
Mann zufällig in Hadleigh, Essex, auf dem Kirchhof und sprach mit ihm. 
Sein Weib hatte als Bußbanksergeantin in einem Korps die Obliegenheit, die 
Adressen der Neubekehrten aufzuschreiben, um sie später besuchen zu können . 
Dadurch machte sie die Erfahrung, daß eine große Anzahl von den bekehrten 
Mädchen und Frauen zu denen gehörten, von welchen man nur mit achsel- 
zuckendem Mitleid als von den „Gefallenen" spricht. Sorgenden Herzens 
nahm sie seit 1880 zuerst die eine oder andere zu sich in ihr kleines Vorder- 
zimmer, den Stolz ihres bescheidenen Haushalts. Aber es stellten sich ihrer 
immer mehr ein, so daß man schließlich an höchster Stelle trotz Geldsorgen 

1 Vgl. The Church Army Blue Book 191 1. 30. Jahresbericht. London W. 55 Bryanston 
St. Marble Arch, und : Münsterberg, H. und Kirchenarmee, Schriften d. deutsch. Ver. 
f. Armenpflege u. Wohltätigkeit, Heft 59, Leipzig 1901, S. iio — 116. 

60 



nicht anders konnte, als die Sache in Angriff nehmen. Der Schriftsetzer zog 
aus, und seine Wohnung wurde das erste Magdalenenheim. Florence Soper, 
seit 1882 Frau Bramwell Booth und jetzt an der Spitze der Armee, die Tochter 
eines Arztes in Wales, erzogen in London und bekehrt in einer Westend- Ver- 
sammlung von Frau W. B., nahm sich der Sache mit besonderer Liebe an. 
Am 7. Januar 1885 konnte der General bei einer Feier in Exeter Hall auf 
weitere Einrichtungen verweisen: Die Trinkerrettungsbrigade, die nachts 
die Betrunkenen auf der Straße aufliest; die Gefängnisbrigade, welche am 
Tor des Zuchthauses den entlassenen Sträfling erwartet ; die Slumschwestern, 
welche mitten in dem Großstadtelend ihre Wohnung nehmen und in den 
Senkgruben menschlicher Verkomm. enheit nach Perlen suchen. 

Dann gab der Zufall den Anstoß zu einer besonderen Anstrengung. In 
früher Morgenstunde erschien am H.-Q. ein i7Jähriges Mädchen in wunder- 
lichem Aufputz. Als Bramwell B. kam, klagte sie ihm, daß sie aus einem 
schlechten Hause entflohen sei. Er möge sich ihrer doch annehmen. Sie kenne 
in London keinen Menschen und habe die Adresse auf einem Liederbuch ge- 
sehen. Auf eine Zeitungsanzeige hin sei sie in die Stadt gekommen, einen 
Dienst anzunehmen, und ihre Dame habe sie sehr freundlich aufgenommen. 
Sie habe schreckliche Tage hinter sich. Diese Nacht sei sie vor einem Herrn 
in die Küche geflüchtet, habe sich dort verbarrikadiert, sei um 4 Uhr mor- 
gens aus dem Fenster gesprungen und von Pimlico nach Queen Victoria 
Street gelaufen. Ihre Mitteilungen über das haarsträubende Vorgehen der 
Mädchenhändler erwiesen sich als wahr. Bramwell B., W. T. Stead, damals 
Redakteur an der Fall Mall Gazette, Josephine Butler, die edle Vorkämpferin 
für die Arbeit unter den Prostituierten und Begründerin des internationalen 
Vereins zur Aufhebung der staatlichen Reglementierung, ebenso wie Stead 
durch Frau C. B. gewonnen, verbanden sich zu einer Untersuchungskom- 
mission. Hervorragende Kirchenfürsten, so Kardinal Manning, sagten ihre 
Unterstützung zu, und eine eben bekehrte Bordellinhaberin, R. Jarret, leistete 
kundige Hilfe. In sechs Wochen hatte man ein furchtbares Material zusam- 
men, das in drei Juli- Artikeln, betitelt ,,Die Jungfrauenopferung im modernen 
Babylon", in der Pall Mall erschien. 

,,Der Schacher mit frischem Menschenfleisch", las man da, ,,ist zu einem 
blühenden Industriezweig geworden ; denn die Käufer der Ware gehören den 
reichsten und vornehmsten Kreisen an, welche gut, nobel und brillant be- 
zahlen. Mit der scheußlichsten Raffiniertheit werden jene unerfahrenen Ge- 
schöpfe, die schönen Kinder der Armut, in die Sümpfe des Lasters gelockt 
und auf eine Bahn geführt, auf der sie an Leib und Seele zugrunde gehen 
müssen. Und wozu ? Um die unnatürhchen Begierden blasierter Wüstlinge 

61 



zu stillen, welche den Kelch der natürlichen Freuden schon im frühen Lebens- 
alter bis auf die Hefe geleert haben, die ohne Arbeit, ohne höheres Lebens- 
ziel die Leere ihres Daseins nicht anders auszufüllen wissen, als durch raffi- 
niert sinnliche Lüste." 

Das brachte die Volksseele zum Kochen. Das Polizeiverbot kam zu spät. 
Die Zeitung war schon in ganz England gelesen. Der General schlug eine 
Massenpetition ans Parlament vor, und in 17 Tagen waren 343000 Unter- 
schriften auf einer Rolle von 3 1/2 km Papier gesammelt, die, mit der Armee- 
flagge umwunden, auf einem von vier weißen Pferden gezogenen Wagen, den 
150 Salutisten begleiteten, nach Westminster ins Parlament gebracht wurde. 
Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung ging die Criminäl Law Amen- 
dement Act durch, welche das Schutzalter von 13 auf 16 Jahre erhöhte. Die 
Petition hatte das 18. Jahr verlangt. Doch hatte die Sache noch ein gericht- 
liches Nachspiel. Um nämhch zu beweisen, daß schon 100 Mark ein guter 
Marktpreis für ein unberührtes Mädchen sei, hatte man die Probe gemacht 
mit einem Kinde, das später den Eltern zurückgegeben wurde mit einem 
ärzthchen Attest seiner Unverletztheit. Hier war die AchiUesverse, und hier 
setzten die Gegner ein, erklärten die Veröffenthchung dieses Falles durch 
Stead als Selbstbezichtigung eines Verbrechers und verklagten ihn und eine 
Reihe anderer wegen Freiheitsberaubung. Auch Bramwell B. mußte vor das 
Polizeigericht in der Bow Street und soll seit jenen Tagen das schneeweiße 
Haar haben. Er und die Schweizerin Combe wurden freigesprochen, Stead, 
die Jarret und drei andere Angeklagte verurteilt. 

Aber die Armstrong-Geschichte — Elise Armstrong hieß das Mädchen, um 
L das es sich handelt - „brach der H. den Hals nicht". In Großbritannien 
wurden im selben Jahre 165, im Auslande 247 neue Korps errichtet und 912 
neue Offiziere bestallt. Neue Mittel wurden ersonnen, das Heil überall zu 
verkünden. Am 29. Mai 1885 verheß (wie das auch von englischen Abstinenz- 
lern gehandhabt wird) der erste Kriegswagen, ,,Fort Victory", Clapton mit 
12 Salutisten, Kleidern, Lebensmitteln, Büchern usw. in der Richtung auf 
Camberwell, Woolwich, Rochester, Chatham und den Süden und kam am 
7. Juni zurück, nachdem er 160 km zurückgelegt und eine ganze Schar ,, Ge- 
fangene" gemacht hatte. Denselben Zwecken sollte die Dampfyacht „lola" 
dienen, die aber bald unterging und von dem Stifter, Herrn Cory, durch ein 
zweites Schiff „Vestal''' ersetzt wurde. Über das Ausland brachte von nun an, 
weil der Kriegsruf zu wenig Raum bot, die vornehme, von Frau Swift ge- 
leitete Monatsschrift ,,A11 the World" Bericht, und um dieselbe Zeit erschie- 
nen die Regeln und Verordnungen für F.-O., ein Buch von 600 Seiten und 
für alle Zeit von größter Bedeutung. 

62 



Die soziale Tätigkeit hatte sich daneben schon recht gut entfaltet. 1886 
besaß die Armee bereits 12 Magdalenenheime in England, die 839 Mädchen 
aufgenommen und 724 dauernd gebessert hatten. Auch begann der General 
damals mit seinen Weltreisen, indem er für drei Monate Kanada und Ame- 
rika besuchte. Nach seiner Rückkehr tagte vom 28. Mai bis 24. Juni der erste 
internationale Kongreß der Armee, auf dem 16 Nationalitäten vertreten 
waren, Extrazüge brachten die Teilnehmer von allen Seiten nach London, 
und als 50 Ausländer nach der Tagung eine Reise durch die Provinzstädte 
machten, erzielte man noch einen Überschuß von 54 000 Mark. 186 Offiziere 
wurden in dem Jahre in die verschiedensten Länder geschickt, und der Ge- 
neral besuchte auch zum erstenmal Frankreich und im folgenden Jahre, 
1887, Dänemark, Schweden und Norw^egen. Auf seiner Amerikareise war ihm 
beim Anblick der weiten, wogenden Kornfelder zuerst der Gedanke gekom- 
men, diesen Überfluß an Getreide und Früchten zu seinen verhungernden 
Ost-Londonem zu leiten, und so richtete er im Winter 1887/88 die erste 
Suppenküche in Limehouse ein ; ein ähnlicher Versuch war schon 1870 ge- 
macht worden. Auch das Slumwerk wurde fest organisiert, und der Suppen- 
küche folgten bald Nachtherbergen. 

In Torquay kam es im März 1888 über der Frage, ob die H. auch Sonntags 
Straßenzüge veranstalten dürfe, zum Konflikt mit den Behörden. Eva Booth 
und neun andere Salutisten wurden verurteilt ; aber 11 Parlamentsmitglieder 
— die Sache ging nämhch bis ans Unterhaus — zahlten das Strafgeld. Im Juni 
darauf setzte die H. zuerst ihren Fuß nach Irland, indem man in Dublin ein 
Korps errichtete, und im Dezember unterbreitete der General dem Minister 
des Innern eine Bittschrift „betreffend die staatliche Unterstützung des H.- 
Sozialwerkes", worin er darauf hinwies, daß die Armee in den letzten neun 
Monaten 275 000 Nachtlager und 470 000 Speisungen zum Preise von 2 bis 
8 Pfennig gewährt habe. Im Jahre 1889 brachte er wieder eine Petition im 
Unterhause ein, diesmal mit 436 500 Unterschriften, um die sonntägliche 
Schließung der Wirtshäuser durchzusetzen. Um die mancherlei Verfolgungen, 
welche die Armee zu erdulden gehabt, vor Augen zu führen, veranstaltete 
er in Exeter Hall eine große Demonstration, bei welcher 100 bestrafte Salu- 
tisten in Sträflingskleidern erschienen. Bedeutende Ereignisse brachte das 
Jahr 1890. Am 4. Oktober starb die Mutter der H., die edle Frau C. Booth, 
infolge eines Krebsleidens in Clacton-on-sea. Ein ehrenvolleres Begräbnis und 
ein größeres Grabgefolge hat wohl niemals eine einfache Frau gehabt {Kolde). 
Was der Salutismus ihr alles verdankt, werden wir später noch zu betrachten 
haben. Das Wort ,, Mutter der H." faßt es wohl am besten zusammen. Ende 
November erschien dann jenes hochbedeutsame Buch des Generals ,,Im 

63 



dunkelsten England und der Weg heraus", das seinen Plan zur sozialen Er- 
lösung des „versunkenen Zehntels" enthält und dem wir noch ein besonderes 
Hauptstück in dieser Schrift widmen werden. 

Hier müssen wir innehalten, um jener Anschauung gegenüberzutreten, als 
habe der General damit „neue Bahnen" eingeschlagen (174,87). Schon 
rein geschichthch betrachtet — und mit dieser Seite haben wir hier nur zu 
tun — ist das ein fundamentaler Irrtum. ,,Die Armee ist entstanden, den 
Armen Wohltaten zu spenden für diese Welt wie für jene, und so hat sie 
es gehalten von Anfang an; das ist der Beginn der Sozialarbeit", erklärt 
W. B. (loo, 96). In der Tat, von seiner ersten Schrift „Wie erreicht man die 
Massen mit dem Evangelium ?" im Jahre 1870 und von den ersten Jahres- 
berichten aus den 60 er Jahren, die, wie ich mich überzeugt, mit naiver Selbst- 
verständlichkeit über die Verwendung von Geld für sozial-caritative Zwecke 
berichten, bis zum „Dunkelsten England" läuft ein durchaus gerader Weg. In 
der Arbeit für die Prostituierten waren, nach einem in demselben Jahre er- 
schienenen Bericht (138, 76), 1889 schon 160 Offizierinnen beschäftigt, das 
Werk bestand schon in 5 Ländern und zählte in 33 Heimen über 2000 Magda- 
lenen. In den Nachtherbergen und Suppenküchen von London — Limehouse, 
Burne-Street, Clerkenwell, Hanbury-Street — waren bis zur selben Zeit schon 
2000000 Menschen gespeist worden, und jede Woche beherbergte man etwa 
3500 Leute zu 24—32 Pfennig die Person und die Nacht (ebd. 77). Auch be- 
standen schon 33 Slumposten und ein Trinkerheim in Clapton (ebd. 82 und 
83), 10 Gefängnisbrigaden, 2 Arbeitsvermittlungsämter und i Arbeitsheim 
(wahrscheinlich Hanbury Street [27, Anhang III]). Den unmittelbaren An- 
stoß zur Veröffentlichung seines Werkes erhielt der General durch den Er- 
folg aller dieser Unternehmungen, das trieb ihn dazu, einen großartigen und 
umfassenden Plan zu entwerfen (100, 96). Es bedeutet also nicht eine ,, Ver- 
werfung" (174,94), sondern die Krönung,, des bisherigen Systems", bringt es 
doch nur die Kodifizierung der inzwischen gereiften Anschauungen und stellt 
es doch gerade wie die Regeln von 1878 nicht so sehr den Anfang, sondern 
weit mehr das Ende einer Entwicklung dar. 

Das Buch ,,Darkest England" hatte einen Riesenerfolg, zumal sowohl 
Stead als die Armee in geschickter Weise dafür Stimmung machten. Schon 
im Juli hatte der General auf einem Kongreß seinen Offizieren von dem 
Plane gesprochen und daß 2 000 000 Mark zur Ausführung nötig sein wür- 
den, und Slead schrieb einige Tage vor dem Erscheinen in seiner damals 
eben begründeten Review of Reviews von dem ,, großen Apostel unserer Zeit, 
vor dessen Plan die soziale Revolution zurückebben würde". In kürzester 
Zeit waren 200 000 Exemplare abgesetzt ; alle Zeitungen brachten spalten- 

64 



lange Artikel; in Amerika wurden lo ooo Exemplare davon verkauft; in 
Australien und Neuseeland fanden Massenversammlungen statt ; in Kanada 
konnte man der Nachfrage nach dem Buche nicht genügen ; in Indien erschien 
von Booth-Tucker eine Parallelschrift „Im dunkelsten Indien" ; in Deutsch- 
land ein Auszug von Junker usw. Aber auch die Gegnerschaft blieb nicht aus, 
merkwürdigerweise unter Hegemonie eines Mannes, der sich bisher nicht um 
die H. gekümmert hatte, nämlich von dem als Naturforscher, Physiologen, 
Darwinianer und Bekämpfer der orthodoxen-enghschen Hochkirche bekann- 
ten Professor T. H. Huxley, 1825— 1895, von dem mir der jetzige General 
mit bedeutungsvollem Lächeln sagte, er hätte ihn lieber zum Feinde als zum 
Freunde gehabt, denn Huxley war bei allem geistigen Reichtum ein Kriti- 
kaster. Noch im November ^vurden ihm von einem Freunde 10 000 Mark für 
den General zur Verfügung gestellt, wenn er dessen Werk billige. Das, sagt 
Dr. R. Tille (235, Vorwort), wurde für Huxley der Anlaß zu einem gründ- 
hchen Studium der H. Nun, mit der Gründlichkeit kann es nicht weit her 
sein, selbst wenn Huxley seine Vorlesungen aufgegeben und Tag und Nacht 
studiert hat; denn schon am i. Dezember teilte er durch die Times, welche 
das Wort ,, General" immer noch in Anführungszeichen druckten, dem 
Freunde sein Gutachten mit : ,,Für 50 Pfennig Gutes und für i Mark Übles" 
(167, 58). Auch der zweite Brief von Huxley läßt noch nicht vermuten, daß 
er vom General etwas anderes als ,Darkest England' gelesen hat ; der erste 
Brief knüpft sogar ganz augenscheinlich nur an jenen Abschnitt des Buches 
an, wo der General den Namen Huxleys erwähnt (27, 158). Dann erhielt er 
einen Schwärm von Briefen und Flugschriften, meist von Exoffizieren, wel- 
che den Stoff zu den weiteren Artikeln abgeben. Sie bringen nichts Grund- 
sätzhches mehr, Huxley wird persönlich. Hatte er vorher die Ehrenhaftig- 
keit des Generals unbedingt festgehalten (167, 57), so spricht er schon in 
seinem dritten Brief davon, daß dieser auf Kosten seiner oft hungernden 
Offiziere in Komfort, wenn nicht in Luxus lebe (167, 73). Heute, nach fast 
25 Jahren, ist es wohl überflüssig, auf Huxleys Prophezeiungen sowohl als 
seine persönlichen Angriffe einzugehen. Die Geschichte hat ihr Urteil dar- 
über gesprochen. Nicht die Abneigung gegen das ,,korybantische", sondern 
überhaupt gegen alles positive Christentum, ist der tiefste Grund für Huxleys 
Stellungsnahme. Kardinal Manning schrieb damals, er habe nicht die Geduld 
gehabt, Huxleys Briefe — im ganzen 12, der letzte vom 22. Januar 1891 — 
zu lesen; daß Menschen mitten in London verhungerten, sei gewiß und er 
verstehe nicht, wie man jemand hindernd in den Weg treten könne, der es 
unternähme, solchen Leuten Nahrung und Hilfe zu spenden. Neben Huxley 
war es dann vor allem Loch, der Sekretär der Londoner Charity-Organisation 

3 C 1 a s e n , Der Salutismus Ö^ 



— das Amt erklärt wohl alles — , der gegen den General anging. Seine Statistik 
sei unzuverlässig, er übersehe die große Liebesarbeit anderer und setze end- 
lich in optimistischer Weise voraus, daß alle arbeiten wollten ; denn darauf 
stütze sich der ganze Plan. Aber trotz dieser Gegenbemühungen waren die 
vom General für den Darkest-England-Plan geforderten 2 000 000 Mark und 
noch 120 000 Mark damber bald gezeichnet. F. W. Farrar, später Dekan von 
Canterbury, Dr. Parker, CUfford, Berry, Holmes und andere gefeierte Geist- 
liche traten für den General ein und gingen mit namhaften Spenden voran. 
Doch erreichte Huxley wenigstens so viel, daß der General, um der öffent- 
lichen Meinung zu genügen, am 30. Januar 1891 in der St. James Hall die 
schon erwähnte Vertrauensurkunde unterzeichnete, welche den endgültigen 
Abschluß der H. -Entwicklung bedeutet und ihren sozialen Charakter neben 
dem religiösen für alle Zeit festlegt und sichert. 

Die Urkunde von 1904 bildet den äußeren Schlußstein der ganzen Organi- 
sation, und ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich darin eine Nachwirkung 
der von Huxley vertretenen Ideen erblicke, die Kolde übernommen hat. Die 
H. hat also alle Veranlassung, sich mit Dank dieser Männer zu erinnern; sie 
zwangen die Armee, ihre Organisation nach allen Seiten hin zu einem fest- 
gefügten, mächtigen Bauwerk auszubauen, das geeignet erscheint, auch 
schweren Stürmen spielend Trotz zu bieten. Huxley und Kolde sind zu weit 
gegangen, aber sie haben dem Salutismus trotzdem mehr genutzt als so 
mancher, der nur Lobeshymnen zu singen wußte. 1891 setzte eine allgemeine 
Zeitungshetze in England ein, die zur Bildung einer Untersuchungskommis- 
sion führte. A . White begutachtete die finanziell-administrative, F. Peek die 
soziale und F. W. Farrar die religiöse Seite der H. Alle drei rechtfertigten 
die Armee in glänzender Weise. 

Seit der Veröf fenthchung des ,,Darkest England" hat sich der soziale Zweig 
der H. neben dem geistlichen gewaltig entwickelt. Sie ist, was die Anzahl der 
Offiziere angeht, eine große, und was die Mannigfaltigkeit ihrer Einrich- 
tungen betrifft, die gi'ößte soziale Macht der Gegenwart. — 

Es genügt, die weiteren Geschehnisse unter allgemeinem Gesichtspunkt zu- 
sammenzufassen, weil mit dem Jahre 1890 die innere Entwicklung der H. 
vollständig abschließt. Auf das Jahrzehnt der Expansion folgte eine Periode 
der rastlosesten Tätigkeit, die Organisation überall zu sichern und zu festi- 
gen. So ist die Geschichte des englischen Salutismus seit jener Zeit zugleich 
auch die Geschichte der H. überhaupt. England, besonders London, ist 
das Herz, von dem aus allen Teilen Blut und Leben kommt. Der General ist 
fast beständig auf Reisen; während er agitiert, geht die eigentliche Leitung 
immer mehr in die Hände seines Sohnes, des jetzigen Generals über. 1891 

66 



und 1892 finden wir ihn in Deutschland, Kapland, Australien, Amerika und 
Indien, 1894 und 1898 ist er wieder in der Union, Dazwischen liegen be- 
ständige Reisen nach dem Festland. Über die Reisen im letzten Jahrzehnt 
seines Lebens gibt die Übersicht im Anhange Aufschluß. Rastlos wie nur ein 
K5n:os, Alexander, Karl der Große und Napoleon ist er durch die Lande ge- 
zogen, freilich nicht mit dem Schwerte in der Faust, sondern mit der Friedens- 
palme und zum Segen erhobener Hand. 

Wie diese Reisen, so sollten auch die alljährlichen großen Kongresse der Pro- 
paganda und Vereinheitlichung dienen. So der große internationale Kongreß 
1894 und der vom 24. Juni bis 5. Juli 1904, für dessen Eröffnungsfeierlich- 
keiten die Alberthalle und für dessen Schlußakt sogar der Krystallpalast ge- 
mietet war. 7000 H.-Musiker gaben Konzert, 24 000 Offiziere und Salutisten 
defilierten vor dem General, König Eduard VIL und Königin Alexandra 
sandten Glückwünsche. Dem Sozialwerk im besonderen dienten die Kongresse 
vom 7. Juli 1891 und 9. Mai 1911, auf denen in der Alberthalle die ganze 
Sozialarbeit der H. praktisch vorgeführt wurde. Immer wieder frisches Blut 
und neue Kräfte in die Kommandos der einzelnen Länder zu bringen und die 
Einheit zu wahren, bezweckten große Versetzungen. 1896, als Bailington 
sich in Amerika vom Vater trennte, erhielt Booth-Tucker sein Kommando; 
Booth-Clihhorn, bisher in Frankreich, erhielt das von Holland und Belgien, 
Herbert Booth das von Australien, Eva Booth das von Kanada und Booth-Hell- 
berg das von Frankreich und der Schweiz. Ein zweiter großer Stellenwechsel 
erfolgte Ende 1904. Booth-Tucker wurde Sekretär des Auswärtigen am I. H.- 
Q., Eva Booth rückte von Kanada an seine Stelle in die Union; Howard, der 
bisherige Sekretär des Auswärtigen, übernahm die Londoner Kadettenschu- 
len; Kom. Rees tauschte diese Anstalten mit der Leitung in Schweden; 
Mac Alonan wanderte von Schweden nach der Schweiz; Kilbey von Afrika 
nach den Vereinigten Staaten, deren westlichen Teil er unter Oberleitung 
von Eva Booth übernahm. Kom. Booth-Hellberg wurde gesundheitshalber 
beurlaubt. Oberst Richards vertauschte Dänemark mit Südafrika, Oberst 
Sowton seine Provinz in Nordamerika mit Dänemark, Kom. Coombs Kanada 
mit England. 

Daneben hat man unablässig daran gearbeitet, die Organisation den Re- 
geln und Verordnungen gemäß auszubauen; Großbritannien ist da wieder 
als Musterland zu nennen. Es besitzt jetzt 25 Divisionen, davon 3 in London, 
aber nur i in dem katholischen Irland, mit dem D.-H.-Q. in dem mehr prote- 
stantischen Belfast. Korps mit 1000— 1500 Soldaten sind in England nichts 
Seltenes. Die englische H. umfaßte 1910 1447 Korps, 7538 Offiziere, darunter 
besonders viele Schotten, 16 467 L.-O. und 14 034 Musiker. Der Salutismus 

5* 67 



hat dort so festen Boden gewonnen, daß er bereits mit dem nationalen imd 
religiösen Leben durchaus verwachsen erscheint. Wie die Hochkirche für die 
oberen Zehntausend, so ist die H. das Selbstverständliche für das ,, versunkene 
Zehntel". Was von diesem Zehntel überhaupt religiös erfaßt werden kann, 
das erfaßt sie bereits, und so kommt es mir vor, als wenn sie sich in England 
den Grenzen ihrer Ausbreitung näherte, wenn man von dem sozialen Zweige 
absieht, für den sich freilich noch unbegrenzte Möglichkeiten eröffnen. 

Bei der großen Notlage im Osten Londons 1891 gab die H. 250 000 freie 
Mahlzeiten ; 1893 unterstützte sie bei einem Streik in Oldham täghch 500 
Familien; bei dem großen Kohlenstreik 1912 verteilte die Armee täglich 
5448 Liter Milch, dazu an 20 ooo Kinder und 7000 Frauen von 220 Nieder- 
lagen aus Suppe und Brot. 

In fast allen Zusammenstößen mit der Polizei blieb die H. letzten Endes 
Sieger. So setzte sie es 1891 durch, in Irland Draußenversammlungen halten 
zu dürfen; 1891 kam es in Eastburne, 1906 in Widness, 1907 in MotherweU, 
1908 in Dartford und 191 1 noch in Hastings zur Gefangennahme von Salu- 
tisten, die aber von höherer Instanz aufgehoben wurde. 

Welche Macht die H. bereits erworben, zeigen deuthch die Schriften, durch 
welche sie bei einigen Gesetzesvorlagen eingriff, so die von Bramwell B. 
1908 herausgegebene mit dem Titel ,,Das verwahrloste Kind" und die beiden 
von W. B. 1909 herausgegebenen Schriften ,, Landstreicher und Unbeschäf- 
tigte" und: ,,DieH. und die Reform der Armengesetzgebung". Seit 1912 ist 
sogar das Amt eines ,, Parlamentssekretärs" eingerichtet und Oberst Uns- 
worth übertragen, der bei sozialpolitischen Maßnahmen der Regierung die H. 
vertritt, z. B. bei der am i. Januar 1913 in Kraft getretenen Vorlage über 
den weißen Sklavenhandel. 

Gerade ihrer sozialen Tätigkeit verdankt es die Armee, daß sich seit etwa 
1900 die Welt, mit Ausnahme vielleicht der Gastwirte und Sozialisten, ihr 
freundlich gegenüberstellt. Alle die Ehrungen, mit welchen W. B., der erste 
General, seit jener Zeit überschüttet wurde, gelten ja wenigstens ebensosehr 
dem Werke als seiner Person; sie seien also kurz hier aufgezählt : 1902 durfte 
der jetzige General in Vertretung seines Vaters in Uniform der Krönung 
Eduards VII. beiwohnen; 1903 wurde der General vom Präsident Roosevelt 
in Cleveland, Ohio, empfangen, und gleich darauf am 13. Februar 1903 er- 
öffnete er den amerikanischen Senat mit einem feierlichen Gebet ; am 24. Juni 
1904 empfing ihn König Eduard VII. und am 23. Juli die Königin Alexandra 
im Buckingham-Palast ; seit dem 26. Oktober 1905 prangt sein Name neben dem 
eines Wellington, Nelson, Peel, Gladstone, Disraeli und Kitchener in der Ehien- 
bürgerhste der Weltstadt London, und am 6. November darauf erwies die 

68 



Geburtsstadt des Generals, Nottingham, „ihrem berühmtesten Sohn" die- 
selbe Ehre. Der Oberrabbiner von London, Dr. Adler, bat den General, der 
Feier des Versöhnungstages beizuwohnen; der Philanthrop George Herring 
stellte ihm 2 000 000 Mark für Heimkolonisation zur Verfügung; igo6 folgte 
Kirkaldy in Schottland und Boston in der Union dem Beispiele Londons und 
Nottinghams; 1907 im Februar gaben die Könige von Dänemark und von 
Norwegen ihm Audienz und im Mai darauf auch der Kaiser von Japan. Zu- 
rückgekehrt nach London, promovierte ihn Oxford zum Dr. jur. h. c. und 
später Brüssel zum Dr. sc. Das Jahr 1909 brachte wieder Ehrungen von 
regierenden Fürsten und höchstgestellten Personen in England, Norwegen, 
Schweden und Rußland, die ihn empfingen oder sonstwie ihm ihre Aner- 
kennung ausdrückten. 

Dann, mitten in der Arbeit traf es ihn ; er mußte sich einer Augenoperation 
unterziehen, und wenn er auch nach kurzer Zeit seine Reisen wieder auf- 
nahm und in seinen Reden gern sagte, er habe sich entschlossen, solange als 
möglich zu leben und dabei stehe ihm eine 80 jährige Erfahrung zur Seite; man 
behandele ihn freihch wie einen alten Mann, er aber fühle sich wie ein Junge 
— so erkannte doch seine nächste Umgebung die zunehmende Gebrechlich- 
keit. Das rechte Auge erblindete ganz, und auch auf das linke senkte sich jene 
Nacht, auf die kein irdischer Morgen mehr folgen sollte. An seinem letzten 
Geburtstage, 4 Monate vor seinem Tode, sprach er mir noch davon, sich 
einer erneuten Operation zu unterziehen, und dann wolle er, nachdem er so- 
lange gealtert habe, wieder einmal anfangen jung zu werden; aber die Star- 
operation am 23. Mai 1912 mißlang. Er hatte vorher in öf fenthcher Versamm- 
lung gemeint, ,,er gehe ins Dock, um repariert zu werden", aber es ging in den 
Hafen der Ewigkeit. Die völlige Erblindung überwand er nicht. Schlaflose 
Nächte folgten, und nervöse Störungen stellten sich ein. Am Sonntag, den 
18. August, verheß ihn das Bewußtsein, am 20. August, abends 10 Uhr 
13 Min. hauchte er in dem kleinen, schHchten Häuschen zu Hadley Wood bei 
London seine adelige Seele aus. 

Ich habe einige tausend Zeitungsausschnitte über dies Ereignis durch- 
sehen können, die in allen Sprachen der zivilisierten Welt alle in dem einen 
Punkt übereinkommen, daß die Menschheit mit seinem Tode einen gewal- 
tigen Verlust erlitten, daß die Welt durch seinen Verlust ärmer geworden 
sei. Von den ungezählten Anerkennungen, darunter der meisten regierenden 
Fürsten, sei nur die Botschaft des Königs von England erwähnt, der an 
Bramwell Booth schrieb : ,,Ich bin über die traurige Nachricht von dem Tode 
Ihres Vaters sehr betrübt. Die Nation hat einen großen Organisator und die 
Armen haben einen warmherzigen und aufrichtigen Freund verloren, der sein 

69 



Leben weihte, ihnen in praktischer Weise zu helfen. Erst in Zukunft werden 
wir über das Gute uns klar werden, das er für seine Mitmenschen getan hat." 
Wo man die Namen der Edelsten von dieser Erde nennt, da wird der 
seinige genannt werden. Ein William Boofh ist unsterblich. Sein Geist wirkt 
fort in seiner Schöpfung, und seine Taten leben fort in dem Andenken einer 
dankbaren Nachwelt. Dienstags starb er. Mittwochs erschien der Rechtsan- 
walt Dr. Ranger auf dem I. H.-Q. vor den versammelten Kommandeuren. 
Der vöUig erblindete Herr zog ein Schreiben aus der Tasche und Ueß alle 
sich überzeugen, daß die Siegel unverletzt seien. Auf dem Umschlag stand: 
Ernennung meines Nachfolgers. W. B. 21. August 1890 (also genau 22 Jahre 
vorder Verlesung niedergelegt). Es konnte nur einen'^a.men enthalten; den 
Namen dessen, der in der Tat längst als General fungierte. Würde es ihn ent- 
halten? Es enthielt den Namen „Bramwell BootK\ und mit der Trauerkunde 
trugen die Kriegsrufe es in alle H. -Lande und über die Erde: Der General 
ist tot ; es lebe der General ! 

3. DIE HEILSARMEE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN VON 

NORDAMERIKA 

Das erste fremde Land, wo der Salutismus Wurzeln schlug, war die Union. 
Noch zur Zeit der ,,Christhchen Mission", nämlich 1869, hatte ein junger 
Mann in Cleveland, Ohio, von der Bewegung gelesen oder sonstwie davon 
gehört. Voll Eifer, etwas für die um ihn lebenden Massen zu tun, faßte er sich 
ein Herz und schrieb an den Generalsuperintendenten Booth, er möchte doch 
Arbeiter in den verlassenen Weinberg schicken. Der aber hatte in England 
Arbeit genug, und zudem lag ihm damals noch jede internationale Ausdeh- 
nung vollständig fem. Mehrere Jahre später wanderte ein junger, von der 
Christlichen Mission bekehrter Londoner nach Kanada aus und kam nach 
Cleveland, wo er sich niederzulassen gedachte. Die ersten beiden Sonntage 
forschte er vergebens nach einer ihm zusagenden Andachtsstätte. Am dritten 
fand er ein Haus mit der Inschrift über der Türe: ,, Christliche Kapelle. — 
Den Armen wird das Evangelium gepredigt." Er trat ein und fand etliche 
Farbige dort, die ihn baten, ob er ihnen nicht predigen wolle, falls ,,ihr junger 
Mann" sich nicht einfände. Dieser aber kommt, sie werden miteinander be- 
kannt, und der ,, junge Mann" entpuppt sich als der Schreiber des eben er- 
wähnten Briefes. Sie machten also gemeinsame Sache, und schickten neue 
Briefe nach London, so daß der General anfing, seine Gedanken über den 
Ozean zu richten. 

Das war 1872. Im Jahre 1879 zog ein englisches Ehepaar, der Werkmeister 
A . Shirley mit seiner Frau und seiner einzigen Tochter über den großen Teich 

70 



nach Philadelphia. Sie waren in Coventry Mitglieder der H. und die Tochter 
schon in der Offizierslaufbahn gewesen. Mit Gleichgesinnten versammelten 
sie sich in einer halbverfallenen Stuhlfabrik zu gemeinsamem Gebet, während 
draußen der Pöbel johlte. Bei der ersten Draußen Versammlung regnete es 
Kartoffeln, Maiskolben, Schmutz und Steine ; aber sie hielten aus und setzten 
das Werk fort. Dann bemächtigten sich die Zeitungen der Neuigkeit, und 
so drang die Kunde vom ,,Hallelujazirkus", ,,den Weiberpastoren und der 
Heilsfabrik" bis zum General, der nun glaubte, nicht länger zögern zu sollen. 
Im Februar 1880 wurde Railton mit 7 Offizierinnen und 2 Fahnen abge- 
schickt, die eine für das erste Korps in Philadelphia, die andere für das erste 
in Neuyork. Männliche Offiziere wollte Railton sich nicht mitgeben lassen, 
weil bei dem damaligen großen Wachstum daran schrecklicher Mangel war. 
Alle waren neu ausgestattet und trugen die volle, vor Jahresfrist eingeführte 
Uniform. Wegen stürmischen Wetters dauerte die Überfahrt auf der ,, Austra- 
lia" 25 statt IG Tage, und bei den Versammlungen in der dicken Luft des 
Zwischendecks machte man gleich einen Bekehrten. Er hatte die Fahne, als 
sie sofort nach der Landung in Neuyork am Dienstag, den 15. März zu Castle 
Garden in der Rotunde eine Draußenversammlung abhielten. Die Zollbeam- 
ten nämlich meinten, sie sollten sich doch einmal hören lassen, vielleicht 
neugierig gemacht durch die schon einige Tage vorher von der Stadtbehörde 
erlassene Verfügung, welche der H. im voraus jede Versammlung im Freien 
verbot. Die Blätter brachten lange Besprechungen dieser Versammlung in der 
Rotunde, und am anderen Morgen war die H. in Neuyork berühmt. Der erste 
eigentliche Gottesdienst wurde Sonntags darauf in der Hudson-River-Halle 
gehalten unter echtem H.-Pubhkum : Negern, Prostituierten, Tagelöhnern und 
Tagedieben, einigen Philanthropen, Geistlichen und Berichterstattern, und 
zu Beginn brach sich noch ein Weib Bahn mit blau geschlagenem Gesicht, über 
und über beschmutzt und mit klebrigem, hängendem Haar. Montags lud 
man die Salutisten ein nach Harry Hill, einem bekannten Vergnügungslokal 
niedrigster Sorte, halb und halb in der Meinung, man habe es mit einer Art 
herumziehender Truppe zu tun. Railton ging hin und holte sich bei diesem 
,, Gottesdienst" den ersten amerikanischen Bekehrten, den späteren Kap. 
Kemp. In den ersten 7 Monaten errichtete man 7 Korps und zählte 1500 Be- 
kehrungen. Dann, am 15. Februar 1881, mußte Railton die Rückreise an- 
treten, weil er in London nicht mehr länger entbehrt werden konnte. Major 
Th. Moore wurde an seiner statt geschickt ; doch liefen über ihn nach einiger 
Zeit Gerüchte wegen nicht ordnungsgemäßer Finanzführung ein. Der General 
sandte zwei Offiziere zur Untersuchung, und am 26. Oktober 1884 wurde 
Fr. Smith, neben Railton damals einer der tüchtigsten und angesehensten 

71 



Offiziere, zum Leiter ernannt. Moore aber weigerte sich, das Eigentum der H. 
herauszugeben, und riß die Mehrzahl der Salutisten in Amerika mit sich fort; 
nur wenige Korps verbheben der H. Die anderen organisierten sich als ,, Ame- 
rican Anny". Das Durcheinander und der Skandal war groß. Wahrscheinlich 
ist es dieselbe ,, American Army" oder ,,Incorporated Army", wie Moore 
selber sie nennt (226, 16), von der Railton 1910 berichtete, daß sie der H. 
immer wieder zu schaffen gemacht, z. B. durch Kollektieren bei Freunden der 
eigentlichen Armee, weshalb man gerichtlich gegen sie vorgegangen sei (199, 
66). Die Sache, wahrscheinlich verschleppt, wie das so in den Vereinigten 
Staaten Brauch ist, ging bis an den höchsten Gerichtshof und endigte damit, 
daß der Konkurrenz die Berechtigung abgesprochen wurde, sich den Namen 
,,H." beizulegen. Fr. Smith verstand es, die Armee in 14 Monaten wieder auf 
143 Korps und 290 Offiziere zu bringen, obwohl es auch noch sonst allerlei 
Schwierigkeiten gab; denn seit Railtons Abreise hatte die H. sich der be- 
sonderen Aufmerksamkeit der Polizei zu erfreuen. In Keesport (Pa.), Day- 
ton (O.), Plymouth (Pa.), Utica, Schenectady (N. Y.), Augusta (Me.) und an 
manchen anderen Orten mußten Offiziere, meist wegen Draußenversamm- 
lungen ins Gefängnis, wurden aber in Berufungsinstanz immer freigespro- 
chen. 1886 kam der General für 5 Wochen, und Moore, der verkündigt hatt( , 
ihm kühn gegenüberzutreten, ließ sich nicht blicken. Kurz nach der Ab- 
reise des Generals schied auch Smith ^, dessen Gesundheit durch dii Über- 
anstrengung gelitten hatte. 

Tyallington Booth, der zweite Sohn des alten Generals, und seine Frau 
JD Maud geb. Charlesworth, welche am 17. September geheiratet hatten, 
übernahmen die Leitung. Mit frischem Opfermut gingen sie an die Arbeit. 
Das H.-Q., von Railton in Philadelphia errichtet, wo die Straßenpre- 
digt erlaubt war, dann unter Moore nach Brooklyn verlegt, befand sich 
seit einiger Zeit in Neuyork, und obwohl die Armee weiterhin Verfolgungen 
aller Art von Behörden wie vom Pöbel zu erdulden hatte, zählte sie bereits 
1889 in 31 Staaten der Union 922 Offiziere und 215 Korps. Der General be- 
suchte das Land ziemlich alle 4 Jahre; denn er war überzeugt, daß kaum 
ein anderes so große Entwicklungsmöglichkeiten biete. Aber es hat ihn auch 
kein anderes so viel Kummer und Herzblut gekostet. Von Anfang an hatte 
die H. dort stark unter Vorurteilen wegen ihres englischen Ursprunges zu 
leiden. Schon Railton ließ deshalb in einer Ecke der Korpsfahnen das ameri- 
kanische Wappen anbringen, und Moore versuchte aus diesem Vorurteil 
^ Er war einer der ersten Kommandeure und resignierte 1890 in England; daß dafür 
auch bei ihm ,, amerikanistische" Ideen zugrunde lagen, kann ich nur vermuten. Er soll 
in der Meinung gegangen sein, daß er den Armen als Parlamentarier besser helfen könne, 
und war später Mitglied des London County Council. 

72 



Kapital zu schlagen, indem er die neue Bewegung „Amerikanische Armee" 
nannte. Ball. B. und Frau ließen sich, um es abzuwehren, naturalisieren und 
suchten es auf jede Art zu bekämpfen. Ihrer ausgezeichneten Beredsamkeit, 
ihrem propagandistischen Talente und großem Eifer gelang es auch, einen 
vollständigen Umschwung der öffentlichen Meinung herbeizuführen, der bei 
des Generals zweitem Besuch, 1891, schon offen zutage trat. 1896 erhielt 
Ballington mit 20 leitenden Offizieren anderer Länder Abschied und sollte 
einen neuen Posten übernehmen, aber er wollte das Kommando über die 
Union behalten, um dort der Armee den Charakter zu geben, dessen sie nach 
seiner Meinung bedurfte, um in diesem Lande erfolgreich tätig zu sein. 

Es handelte sich, wenn man die Sache mit Schlagwörtern wiedergeben soll, 
um eine Amerikanisierung, Demokratisierung und Ritualisierung : Tenden- 
zen, welche zur selben Zeit dort in der katholischen Kirche auch hervortraten 
und von Leo XIIL als ,,Amerikanismus" zum größten Teil verworfen wur- 
den. Der General stand vor der Frage, einen Sohn oder seine Prinzipien auf- 
zugeben, entweder General oder Vater zu sein. Er wählte das erste, und Bal- 
lington B., der im Januar 1896 zurücktrat, gründete die ,,Volunteers of Ame- 
rica". „For God and the country" ist ihr Motto, und nach dem dritten Artikel 
ihrer Konstitutionen sind und wollen sie immer sein ein Institut, das den 
Geist und die Rechte der Verfassung in den Vereinigten Staaten erkennen 
läßt. Wie man sieht, die einfache Anwendung der Monroedoktrin auf das 
religiöse Gebiet. Die Vorgesetzten werden durch Abstimmung gewählt, und 
nach Art. 4 soll das Prinzip der Selbstregierung unabhängig von jeder aus- 
ländischen Macht überall zur Geltung kommen, wo die Bewegung auch Fuß 
fasse. Tauf, und Abendmahl wurden eingeführt und für die Offiziere ein be- 
sonderer theologischer Bildungsgang vorgeschrieben. Ballington B. selber 
ließ sich durch den Bischof Fallows von der reformierten Episkopalkirche 
ordinieren und ordinierte selber seine Offiziere. Dem Wunsche von Herrn 
Ballington Booth entsprechend, betone ich, daß es sich bei dem ganzen Vor- 
gang in keiner Weise ,,um persönliche oder familiäre Zwistigkeiten, sondern 
um tief sitzende Prinzipien" gehandelt hat. Man hat gleich in der ersten 
Zeit jede öffentliche Erörterung des Streites unterlassen und ist, wenigstens 
von Seiten der H., ruhig seines Weges gegangen. Eine Aussöhnung ist nicht 
zustande gekommen, und Ballington war beim Tode des Generals von dem 
Erbe als einziges Kind ausgeschlossen, was sehr zu Ungunsten Ballingtons 
spricht. Kurz vorher soll Eva Booth noch vergebens eine Verständigung 
versucht haben. Zahlen über den Bestand der Abzweigung kann ich nicht 
geben, wenigstens nicht solche, die ein genaues Bild ermöglichen, weil sie 
nicht publiziert werden. Sie scheint also keine rechten Fortschritte zu machen. 

73 



Bailington B. hat den Salutismus vor die schwerste Krise gestellt, welche er 
bis jetzt erlebte, aber sie wurde spielend überwunden. Andere Länder als 
dieUnion wurden von der Bewegung überhaupt nicht ergriffen, und in Amerika 
selber war man bald darüber hinweg. Booth-Tucker, der Schwiegersohn des 
Generals, erhielt den schwierigen Posten. Er und seine Frau, ,,die Konsulin", 
brachten von Indien eine reiche Erfahrung mit, und es gelang ihnen, jede 
größere Absplitterung zu verhüten und den alten Stand schnell wieder zu 
erreichen, ja bedeutend zu überschreiten. 1896 beschäftigte das Werk in der 
Union 2000 Offiziere, 1903 aber 3284; die Korps wuchsen von 700 auf 911, 
die Nachtherbergen von 2 auf 76, die Arbeitsheime von i auf 53, die Heime 
für Frauen und Kinder von 2 auf 8, die für Prostituierte von 6 auf 21, durch 
welche jährlich 2000 Mädchen gingen; die Ausgaben für diese Anstalten 
wuchsen von 80 000 auf 3 200 000 Mark im Jahr. Dazu besaß die Armee noch 
3 Ansiedlungen, Fort Romie in Kalifornien, Fort Amity in Colorado und Fort 
Herrick in Ohio. Am 24. Januar 1903, während der General einen mehrmonat- 
lichen Feldzug durch alle bedeutenden Städte der Union machte, konnte 
Frau Booth-Tucker das ganz aus Stahlschienen errichtete, feuerfeste Ar- 
beiterhotel in Neuyork eröffnen, 10 Stockwerke hoch mit 505 Betten zum 
Preise von 60—100 Pfennig die Nacht. Es ist neben dem 1906 in Boston auf- 
geführten ähnlichen Gebäude das komfortabelste Männerheim der H. und 
seine Vollendung die letzte große Leistung der Konsulin. 

Emma Booth-Tucker war keine Durchschnittsfrau. Kurz vor ihrer Geburt, 
1860 veröffentlichte Frau C. B. ihre Flugschrift ,,Über das Recht der Frau 
zu predigen", und kurz nachher machte sie von diesem Recht Gebrauch. 
Auch Emma hatte eine ungewöhnliche Rednergabe und dazu eine klangvolle 
und deutliche Stimme. Im zehnten Jahre befiel sie ein Nervenleiden, das sie 
hinderte, so früh wie ihre Geschwister tätig zu sein. Mit 20 Jahren übernahm 
sie die Leitung der 20 weiblichen Kadetten an der neugegründeten Schule 
in Clapton und heiratete 8 Jahre später, am 10. April 1888, Frederic de Lau- 
tour Tucker, mit dem sie von 1888— 1891 in Indien weilte. Zwischendurch 
pflegte sie einige Monate ihre sterbende Mutter. Halbtot kehrte sie von In- 
dien nach London zurück und blieb dort, weil die Arzte unter keiner Be- 
dingung die Rückkehr erlauben wollten, bis sie im März 1896 nach Amerika 
kam, wo sie sich in unermüdlicher Tätigkeit aufrieb. Besonderen Anteil nahm 
sie an der Sozialarbeit und erwies sich so ihres indischen Namens würdig, 
der Nahiman lautet = Barmherzigkeit. Sie war das zweite große Opfer, wel- 
ches der General für Amerika brachte. Bei einer Entgleisung auf der Atchison 
— Topeka- und Santa-Fe-Eisenbahnlinie zu Dean Iowa erlitt sie so schwere 
Verletzungen, daß sie einige Stunden nach dem Unglück starb. Ein Jahr 

74 



später verließ auch ihr Gatte die Union, um in London die Geschäfte des 
Sekretärs für auswärtige Angelegenheiten zu übernehmen. Seither hat Eva 
Booth, des Generals zweitjüngste, unverheiratete Tochter, das Kommando. 
Mit und unter ihr befehligt Kom, E still den Westen. Wie in England ein Still- 
stand, so ist in Amerika ein Rückschritt der geistlichen Arbeit zu verzeich- 
nen, wenn man die Anzahl der Korps von 1910 mit früher vergleicht. Doch 
glaube ich, daß er rein zahlenmäßig ist. Wir werden noch davon zu sprechen 
haben. Jedenfalls hat die Sozialarbeit einen weiteren, großartigen Aufschwung 
genommen. Daß die geistliche harten Boden findet, betont auch Railton; er 
schreibt, daß in keinem Lande der ,, Kampf, den Massen Geschmack an 
ewigen Dingen beizubringen, verzweifelter sei, als in der Union", und er 
führt das auf religiöse Gleichgültigkeit und Vergnügungssucht zurück. 
Wie dem auch sei, an den Salutisten liegt es wenigstens nicht, wenn die 
Union nicht religiöser ist. Sie arbeiten unermüdlich unter allen Ständen 
und Nationalitäten. 

Für die Italiener errichtete man im Zentrum der Stadt Neuyork ein Korps, 
und der Offizier Castagna, welcher dreimal in der Woche die Stadt- 
gefängnisse besuchte, hatte z. B. 1904 von seinen Landsleuten 300 an der 
Bußbank. Für die Skandinavier bestanden schon 1901 rund 60 Korps, davon 
9 Korps und das D.-H.-Q. in Chikago, wo mehrere 100 000 Skandinavier 
wohnen. Als 10 dieser Offiziere 1907 von Rhode-Island nach Neuyork zu 
einem Kongreß fuhren, ging der Dampfer, der sie trug, infolge eines Zu- 
sammenstoßes unter. Sie machten keine Anstalten, sich zu retten; sondern 
singend und betend ließen sie die Wellen über sich zusammenschlagen, wäh- 
rend die übrigen Reisenden mit Einschluß der disziplinlosen Schiffsmann- 
schaft \\de wilde Tiere untereinander um ihr Leben kämpften und Frauen 
und Kinder von den Rettungsboten wegtrieben. Die Larchmontkatastrophe 
war der letzte große Schmerz, aber auch die letzte große Freude, welche die 
Union dem General brachte ; denn die Namen der 10 werden von den Salu- 
tisten immer mit Bewunderung als diejenigen von Helden genannt werden. 
Besonders erwähnenswert ist auch noch die Arbeit der H. unter den Chi- 
nesen in den Opiumhöhlen von San Francisco. Ein chinesisches Korps 
wurde dort 1896 eröffnet, und gleich bei der ersten Versammlung gewann 
man 9 Bekehrte, denen bis 1906 noch 1444 andere folgten. 

Mehr aber als dies alles interessiert an dieser Stelle die Arbeit unter den 
Deutschen, welche in der allerersten Zeit schon aufgenommen wurde. In 
den 8oerJahrenwirkteKapitän5cAflfl^, der späterDeutschlanderöffnete, unter 
seinen Landsleuten. Planmäßig scheint man die Arbeit aber erst 1892 durch 
Eröffnung eines besonderen Korps in Buf falo N.- Y. unternommen zu haben. 

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Bald folgten Korps in Neuyork (Jersey City, Brookl5m und West-Hoboken). 
Adj . Jäger sammelte schon einige Kadetten um sich. Dann bekam Oberst 
Holz die Leitung. 1906 besaß die Armee schon 16 deutsche Korps, welche 
seit 1903 in 2 Divisionen gegliedert waren. Die Ostdivision mit den H.-Q. 
in Brooklyn unter St.-O. Dürr, die Westdivision mit den H.-Q. in Cleveland 
unter St.-O. Rehkugel, dazu ein deutsches Seemannsheim in Hoboken, ge- 
schenkt von dem Millionär R. Stevens. Ein Anbau dient als Versammlungs- 
und Turnhalle. Das Haus besitzt auch einen Lesesaal mit deutscher Biblio- 
thek und Schreibstube. Die oberen Stockwerke enthalten Schlafsäle, die 
1906 im ganzen von 1862 Seeleuten benutzt wurden. Ob es noch besteht, 
weiß ich nicht. 

Zu Amerika gehört auch, politisch wie salutistisch, Hawai, wo die Armee, 
unterstützt von der Regierung, seit 1894 mit ausgezeichnetem Erfolge 
in Honolulu tätig ist. Es folgten dann Korpseröffnungen für die Chinesen 
auf der Insel Kunai, für die Japaner in Hilo usw., meist von Landsleuten 
als Offizieren geleitet. 

4. DIE HEILSARMEE IN AUSTRALIEN 

Die Eroberung von Australien gleicht aufs Haar der von Amerika. In 
jenem bettelarmen Viertel von London, wo die Firmenanzeigen in allen 
möglichen Sprachen gehalten sind und die Kinotheater heute ihr Programm 
in hebräischer Schrift bekanntgeben, war eines Tages die gewöhnliche 
H.-Versammlung. Die Halle war auch wie gewöhnlich zum Ersticken voll. 
Selbst auf der Straße drängte sich noch Volk und rief Beifall. Ein junger 
Milchmann kam vorbei, vergaß seine ,, frische Milch" auszurufen und bahnte 
sich mit den Ellbogen einen Weg durch die Menge, der ein hochgewachsener 
Mann mit der Bibel in der Hand die Geschichte vom Gekreuzigten erzählte. 
John Gore (gestorben 1911) hatte sich bis dahin um Pfarrer nicht gekümmert, 
aber von da an setzten ihm Unruhe und Gewissensnöte bitterlich zu. Eng- 
land wurde ihm zu eng. Er ging nach Australien, dort ein neues Leben an- 
zufangen. 

Um dieselbe Zeit ließ sich ein junger, leichtsinniger und lebenslustiger 
Mensch, der wie alle Yorkshirer Vorliebe für Musik hatte, durch die heiteren 
Töne einer Geige anlocken, welche aus einer Halle der Christlichen Mission 
drangen. Er ging hinein, um sich die Sache anzuhören und einmal nach 
Herzenslust mitzusingen und mitzutun. Noch am selben Abend kam er an die 
Bußbank und ließ sich sofort als Mitglied eintragen. Auch er gelangte, ich 
weiß nicht wie, nach Australien, wo er bald nach seiner Ankunft in Adelaide 

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seine Frau verlor. Als er in äußerster Verzweiflung umherirrte, stieß er auf 
einen kleinen Versammlungsraum und hörte eine helle Stimme mit unver- 
kennbar englischer Betonung rufen : „Wohlan, ich bin gerettet und glücklich. 
Gott hat mich durch die Christliche Mission in der Heimat auf andere Wege 
geführt", worauf es von der Türe her klang: ,, Gelobt sei Gott, so ist er auch 
mir begegnet", und der Milchmann aus Limehouse und der musikliebende 
Baumeister Saunders aus Bradford standen sich gegenüber. Von der Zeit an 
trafen sie sich oft, missionierten zusammen und baten in London flehent- 
lich um Hilfe. Noch ehe diese eintraf, gründeten sie ein zweites Korps in 
Sidney. Im Januar 1881 schifften sich Kapitän Sutherland und Frau an Bord 
der Aconcagua nach Adelaide ein, und kein Land hat die Armee mit so offe- 
nen Armen aufgenommen wie Australien. Behörden wie Private standen 
ihr von Anfang an wohlwollend gegenüber, und auch von inneren Krisen 
blieb der Salutismus in Australien verschont. Dazu bot Australien das denk- 
bar beste Material für den Aufbau einer echten H. nach dem Herzen des 
Generals. Die ersten europäischen Ansiedler waren Sträflinge, deren Einfuhr 
erst 1868 aufhörte, 1851 wurden die ersten Goldfelder entdeckt, und seitdem 
zog das gleißende Metall Scharen von abenteuerlichen Elementen ins Land. 
Eine große Schicht der Bevölkerung ist femer im Bergbau tätig, und die 
schnell anwachsenden Städte lieferten auch ein gut Teil der Massen, welche 
von der herrschenden anglikanischen Hochkirche nicht mehr erfaßt wurden. 
Schon 1883 besaß das Land 50 Offiziere. Bailington B. reiste mit dem da- 
maligen Major Howard zur Inspektion dahin, und im Frühjahr 1884 über- 
nahm Howard das Kommando. Sie fanden alles noch günstiger, als die Be- 
richte es geschildert, und Howa.rd förderte das Werk bis 1885 so sehr, daß es 
169 Korps mit 331 Offizieren zählte. Wie in der Union und im Mutterlande, 
so war man auch in Austrahen von Anfang an sozial tätig. Besonders gedieh 
die von Oberst Barker bereits 1883 unternommene Gefangenenfürsorge. 
Schon 1888 konnte er die zuversichtliche Hoffnung aussprechen, 4535 Leute 
wieder zu ehrlichen und brauchbaren Menschen gemacht zu haben. Dafür er- 
hielt die H. aber auch damals schon von den Behörden 20000 Mark Jahres- 
unterstützung. Ebenso ,, wunderbar erfolgreich" (Mrs. Ball. B.) war die Arbeit 
unter den Prostituierten, von denen im selben Jahre 1024 aufgenommen wur- 
den. 1891 besuchte der General das Land zum erstenmal, und ,,die Geschichte 
dieses wunderbaren Feldzuges liest sich wie ein Roman" {Bramw. B.). 
Selbst nachts drängte sich das Volk zu den Bahnhöfen, die er auf seiner Reise 
berühren mußte, und in seinen Versammlungen präsidierten hohe und 
höchste Regierungsbeamte, die sich in den anerkennendsten Worten äußer- 
ten : ,,Es gibt", sagte der erste Minister von Queenslandz. B. damals, „keinen 

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Menschen außerhalb des Kreises der könighchen Famihe von Großbritan- 
nien, welchem von allen Klassen der Bevölkerung solche Huldigungen dar- 
gebracht worden wären. . . . Überall ist W. B, mit Begeisterung aufgenom- 
men worden, wie der größte Mann des Jahrhunderts, als einer der größten 
Wohltäter der Menschheit" usw. Auf dieser Reise war es auch, wo der Ge- 
neral gezwungen war, zu 4000 Mark einen besondern Dampfer zu mieten, 
um in Melbourne, dem Sitze des H.-Q., eine große Versammlung unter dem 
Vorsitz von Ministern nicht vergebens auf sich warten zu lassen. Andere 
Reisende, denen auch viel daran lag, nach Melbourne zu kommen, erboten 
sich, jeder für die Erlaubnis der Mitfahrt eine bestimmte Summe zu zahlen, 
so daß der General noch ein gutes Geschäft dabei machte. Nichtsdesto- 
weniger hat ihm diese Reise den Vorwurf des Luxus und der Verschwendung 
eingetragen. 

Manches Wissenswerte könnte man noch von der australischen H. berich- 
ten, von ihrer Arbeit in den Hafenstädten — oder unter den Goldgräbern 
— oder unter den Perlenfischern der Insel Thursday — oder in den chinesi- 
schen Opiumhöhlen, — besonders aber von ihrer blühenden Heidenmission 
bei den Maori, einem Volksstamm von 48000 sehr intelligenten Urbewohnern 
Neuseelands, unter denen man die Seefischerei als Erwerbszweig einführte ; 
aber die Kürze zwingt uns, auf Neuseeland im allgemeinen einzugehen. Der 
I. April 1883 war der historische Tag, an dem zwei H. -Offiziere, der 20jäh- 
rige Kap. E. Wright und sein 19 jähriger Leutnant, in Dunedin begannen. 
Aufsehen erregende Plakate hatten die Leute zu Haufen herbeigelockt. 
Ebenso wurden die andern Städte Christchurch, Wellington und Auckland 
genommen. 1912 waren auf den Inseln 254 K. mit 310 O. und 20 Sozial- 
anstalten, so daß man das Land als besonderes Gebiet von Australien ab- 
trennte und Kom. Richards unterstellte. In Australien und Neuseeland zu- 
sammen zählte man 1906 1113 K., 1720 O., 4300 L.-O. und 2336 Musiker, 
550 000 Zuhörer die Woche und dazu in den Sonntagskinderversammlungen 
80 000 Knaben und Mädchen. Daß sich demnach der zweite Besuch des 
Generals 1905 noch großartiger gestaltete als der erste, braucht wohl nicht 
gesagt zu werden. Von Palästina kommend, wo er auf Golgatha die H. -Fahne 
gehißt hatte (dieselbe, die bei seinem Begräbnis vorangetragen wurde), be- 
suchte er zuerst Tasmanien und Neuseeland, darauf das Festland und war 
von Februar bis September von London abwesend. Auf Howard, der von 
1884— 1892 die Leitung hatte, folgte Coombs und dann 1896 Herbert B., der 
jüngste Sohn des Generals, wegen seiner musikalischen und poetischen Ader 
auch wohl der David der H. genannt. Er ist 1901, angeblich gesundheits- 
halber zurückgetreten und seitdem weder in die Öffentlichkeit gekommen, 

78 



noch wird er in den Listen der Offiziere weitergeführt. An seine Stelle rückte 
Kom. McKie, auf den 1909 Kom.i/ay folgte. Soziale Einrichtungen bestehen 
für alle Notstände, und besonders sind diejenigen für Gefangene, für Schwan- 
gere, für die heranwachsende Jugend und für Trunksüchtige hervorzuheben. 
Für die letzteren besitzt die H. zwei Inseln in der Nähe von Auckland. Die 
Behörden unterstützen die H. mit großen Summen, so 1902 mit 60000 Mark, 
und F. Darby, der Justizminister von Neusüdwales, führte die erfreuliche 
Abnahme der Verbrecherziffer an erster Stelle auf die Arbeit der H. 'zurück. 
So ist Australien wohl trotz des kleinen Rückganges der letzten Zeit, den 
man aus den statistischen Angaben schließen möchte, eines der zukunfts- 
reichsten aller H. -Länder. 

5. DIE HEILSARMEE IN FRANKREICH 

Einen Markstein in der Geschichte des Salutismus bildet der April des 
Jahres 1881 ; denn in diesem Monat tat man den ersten Schritt heraus 
aus der angelsächsischen Welt nach dem europäischen Kontinent mit seinen 
fremden Sprachen und Sitten, und was noch mehr bedeuten will, man tat 
den ersten Schritt in ein unbestrittenes Gebiet des Katholizismus. So ist die 
Geschichte der französischen H. aus mehr als einem Grunde besonders in- 
teressant. Briefe aus Paris hatten versichert, daß die Arbeit der H. nirgend- 
wo nötiger sei als in dem Babel an der Seine ; denn keine Stadt könne ver- 
kommener sein, und die Herren Gebrüder Denny zeichneten 4000 Mark, um 
das Werk beginnen zu können. Katharina, die älteste, damals 23jährige 
Tochter des Generals, erbot sich, hinzumarschieren, weshalb der Vater — 
ich bitte die Etymologen, sich nicht zu entsetzen! — sie im Scherze seine 
„Marschallin"' nannte, während die an der Kadettenschule tätige Emma 
seine ,,Konsulin" sei. Sie wurde begleitet von der Gattin des jetzigen Gene- 
rals, Florence Soper, und der schon mehrfach erwähnten jetzigen Komman- 
deurin Adelaide Cox. Die Salutistin Clarke wirkt mit Kochen und Beten 
hinter der Szene. Zwar wurde die Halle in der Rue d'Angouleme bald das 
Stelldichein von allem liederlichen Pack, das sich in der Vilette herumtreibt ; 
aber es schien, als ob auch nicht eine einzige Bekehrung zustande kommen 
solle, bis eines guten Abends eine arme Arbeiterfrau mit ihren schwieligen 
Händen an der Bußbank niederkniete. Der Trubel wurde immer größer und 
nach Aussage eines kundigen Polizeipostens konnte man jeden Abend die 
Hälfte der Kehlabschneider von Paris bei der H. treffen. Ein Herr, der für 
die mutigen Mädchen während einer der unruhigen Versammlungen ein- 
getreten war, wurde von der Menge mit dem Kopfe durch ein Schaufenster 
gestoßen, und es gelang den Nachbarn, die Schließung der Halle durchzu- 

79 



setzen. 7 Wochen lang mußte man sich mit Hausbesuchen begnügen, wobei 
die Marschallin sich in dem heißen Sommer einen Sonnenstich zuzog und zu 
einem Schatten abmagerte. Dann konnte man in nächster Nachbarschaft, 
am Quai de Valmy, ein neues Lokal eröffnen, einen Maschinenraum, indessen 
Torweg 1871 die Kanonen standen und gegen die Aufständischen donnerten. 
Die allgemeine Aufmerksamkeit wurde aber in Paris erst wach, als im Winter 
1882— 1883 die Nachrichten von den noch zu schildernden Schweizer Ge- 
schehnissen durch die Zeitimgen gingen. Da stellten sich die Berichterstatter 
am Quai de Valmy, dem Whitechapel von Paris, ein. A. Daudet schrieb 
1883 seinen Roman ,,L'Evangeliste" — die Eline Ebsen ist Maud Charles- 
worih, welche inzwischen auch von England herüber gekommen war — und 
Sarsay veröffentlichte seine Figaro-Artikel über die H. Es wm-de Mode, die 
schönen englischen Mädchen singen und beten zu hören, und diese Stimmung 
benutzend, mietete man schnell ein elegantes Ballokal am Boulevard des 
Capucines. Ich weiß nicht, wo diese ersten Offizierinnen mehr Heldenmut 
gezeigt haben, ob unter den Operngläsern dieser vornehmen Zyniker der 
Boulevards oder unter den Voyous der Villette, bei welchen das bloße Wort 
,, Liebe" ein brüllendes Lachen hervorrief. Dort antwortete man mit aristo- 
kratischer Gelassenheit : Wir begehren euer Paradies nicht, das ihr uns in 
schlechtem Französisch anpreist, wir ziehen die Hölle vor; der Boden von 
Paris ist der Mutterboden des freien Gedankens ! — hier sprang man auf die 
Bänke und schrie: Bürger, dies alles ist ein Manöver der Jesuiten, es wird 
von neuem Blut in den Straßen fließen! Die Haltung des Pöbels nahm bald 
einen bedrohlichen Charakter an. Im Sommer 1883 wurde die Halle in der 
Villette eine ganze Woche hindurch von 400—500 Leuten belagert, welche 
die Salutisten in den nahen Kanal werfen wollten, mit eisernen Stangen alles 
Erreichbare zerstörten und sich an der eisernen, verrammelten Türe sogar 
mit Dynamit versuchten. Ein starkes Polizeiaufgebot schaffte Ruhe. Der 
jetzige General, der 7 Wochen zur Aushilfe geschickt worden war, ent- 
ging nur mit knapper Not einem Messerstich, und am 29. Januar 1886 
starb in Paris der ,, erste Märtyrer der H.", ein junger Mann namens L. E. 
Jeanmonod, der als Türhüter in jenen Zeiten einen schweren Stoß gegen die 
Brust erhalten hatte und seitdem kränkelte. Doch ich greife vor. 

Die erste Verstärkung war im September 1881 aus England gekommen, 
ein MaLJovClibborn und eine Leutnantin Johns, beide gewiß ohne jede Ah- 
nung, daß sie in Frankreich noch eine leitende Stellung einnehmen würden; 
der eine als Gatte der Marschalhn, die andere als Gattin von Kom. Cosandey. 
Alle Versuche, im ersten Sommer noch in die Provinzen vorzudringen, schei- 
terten. In 4 oder 5 Städten gelang es nicht, von den kathoHschen Bewohnern 

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Hallen zu mieten. Später erhielt man in Valence an der Rhone ein Theater 
imd drang vor in die Ardeche-Berge und zu den Fabrikarbeitern von Les 
Ollieres. Im Süden machte am 24. Juli 1883 Nimes den Anfang; es folgten 
Ganges, St. H5^olyte, St. Jean, dann während der Choleraseuche Marseille, 
weiter Bordeaux, Ariege, Lozere, Dordogne, Lyon und neuerdings Reims. 
Am 8. Februar 1887 vermählte sich die Marschallin mit A. Clihhorn und 
bUeb, einzelne Reisen, darunter eine nach Australien, abgerechnet, bis 1896, 
wo Booth-Hellherg und Frau die beiden ablösten, denen 1901 für ein Jahr 
Railton und dann Cosandey folgte. Seit 1907 ist Oberst Fornachon Leiter. 
Das H,-Q. ist vom Quai de Valmy in die Rue Auber und im September 1905 
in die Rue St. Augustin 43 verlegt worden. Zahlen über das Wachstum lassen 
sich schlecht geben, weil Frankreich zuerst mit der französischen Schweiz, 
dann unter Cosandey mit Italien und Belgien und neuerdings mit Belgien 
allein ein H.-Gebiet ausmacht. Doch ist sicher ein Stillstand, wenn nicht ein 
Rückschritt der geistlichen Arbeit zu verzeichnen. Die Zahl der Offiziere, 
schon auf 250 gestiegen, beträgt jetzt 180. ,, Unsere französischen Kamera- 
den", sagt der Kriegsruf (1911, 18, 5), , .brauchen alle erdenkliche Ermutigung 
und Anregung angesichts ihrer schweren Arbeit. . . . Die Eröffnung neuer 
Korps kommt nicht gerade häufig vor. Der Kampf ist hart, und die Schwie- 
rigkeiten sind groß." Trotz aller Anstrengimgen und allem Opfermut muß 
Frankreich immer noch von England mit Geld unterstützt werden und zählt 
nur 25 Korps und 42 Außenposten, und das, obwohl die Behörden von Anfang 
an sehr freundlich waren. Von der Vorschrift, daß jede Versammlung 24 Stun- 
den vorher angemeldet sein muß, wurde in der Praxis meist abgesehen. Der 
Kriegsruf, der seit Herbst 1882 als ,,En avant" erscheint, konnte ungehindert 
verkauft werden. In den Jahren der jüngsten Ordensvertreibung bot man 
der Armee sogar konfiszierte Gebäude an, was diese natürlich ausschlagen 
mußte. Auch die Verfolgungen der ersten Zeit haben zugleich mit der Sen- 
sation aufgehört. So liegen also die Gründe für das schlechte Fortkommen 
der Armee anderswo. An erster Stelle ist es wohl der Katholizismus, der in 
Frankreich ebenso wie in Italien und Belgien die H. nicht groß werden läßt. 
Aus demselben Grunde ist es in Spanien, Österreich und in dem orthodoxen 
Rußland nicht einmal über die ersten Versuche hinausgekommen. Einzelne 
Geistliche freilich sind immer der H. freundlich gewesen, aber die große 
Menge ist ihr um so bitterer feind, als noch immer die tollsten Anschauungen 
über die Armee verbreitet sind. Dazu tritt als zweiter Grund der französische 
Indifferentismus gegen alles Religiöse, der in manchen Städten — und diese 
kommen doch an erster Stelle als Arbeitsfeld der H. in Betracht — so weit 
geht, daß man die Teilnahme am Gottesdienst ganz der Frau überläßt und 

6 Cl äsen, Der Salutismus Ol 



als eines Mannes unwürdig ansieht. Stille Gegner sind endlich noch wie über- 
all die Soziahsten. Auch mögen die großartigen, alteingebürgerten carita- 
tiven Einrichtungen der Katholiken, besonders in Paris, ein Hindernis ge- 
wesen sein. So hat selbst das Sozialwerk eine, wenn auch stetige, so doch be- 
scheidene Entwicklung genommen; zu großen Unternehmen fehlt ja auch 
das Geld. Das wird vor allem von jenen bedauert, welche nur noch in dem 
Salutismus die Macht sehen, dem Pariser Dirnenunwesen und der unnatür- 
lichen Unzucht erfolgreich beikommen zu können. 

1885 errichtete die H. zu Nimes das erste nichtkatholische Magdalenen- 
heim in Frankreich, dem zwei weitere in Paris und Lyon folgten. Nacht- 
herbergen, verbunden mit Suppenküchen, finden sich in denselben Städten. 
Dazu hat die Hauptstadt noch durch die Freigebigkeit eines englischen 
Lords eine Pension für weibliche Theaterangestellte, vielleicht die einzige 
derartige Einrichtung der Welt. Paris ist eins der härtesten, aber auch der 
glorreichsten Schlachtfelder der Armee, und wenn die Steine der Rue d' An- 
gouleme reden könnten, würden sie reden von Salutistinnen, die abends 
nach den Versammlungen zitternden Fußes über sie hinwegeilten, weil aus 
jeder dunklen Ecke der gezückte Dolch blitzen konnte, und könnten die 
Steine singen, so sängen sie das hohe Lied von Frauenmut und Frauen- 
tapferkeit. 

Ebenso gering wie in Frankreich, sind die Erfolge in dem volkreichen 
Belgien. Von Holland aus wandten sich die Offiziere Hodder und Schock 
dahin und besuchten Brüssel, Antwerpen, St. Nicolas, Gent und Malines, wo 
sich seit 1889 das H.-Q. befand, das 1891 nach Brüssel verlegt wurde. 1910 
zählte man 25 K. mit 33 0. und Kadetten. In Brüssel befindet sich ein 
Magdalenenheim und eine Nachtherberge. Die Behörden kommen den Offi- 
zieren mit großem Wohlwollen entgegen. 

6. DIE HEILSARMEE IN KANADA. 

Auch die Eröffnung Kanadas gibt so recht Zeugnis von dem agressiven 
».Geist, der in der H, herrscht. Anhänger von ihr, einfache Leute, waren 
1882 in das Land gekommen und hatten zu missionieren begonnen und sich 
und andere zu Offizieren gemacht. St. -Kap. Wass wurde von den Vereinigten 
Staaten herübergeschickt und hatte bereits 100 Offiziere bestallt, als im 
Juni 1884 Coombs von London im Auftrage des Generals das Werk regel- 
recht begann. Toronto wurde Mittelpunkt und H.-Q. ; in dem größeren, aber 
katholischen Montreal ist das Werk bis auf den heutigen Tag kleiner, wohin- 
gegen Toronto 13 Korps besitzt, jedes mit wenigstens 500—600 Soldaten, 

82 



darunter, wie mir versichert wurde, ein Korps mit der besten H.-Musikkapelle 
der Welt. Das ganze Land ist, ähnlich wie die Union, in 7 Provinzen geteilt 
mit 60 Divisionen, und ähnlich wie dort hat man für den Westen des Landes 
ein besonderes Chefsekretariat geschaffen. Von 1896—1904 war Eva Booth 
Leiterin, seit November 1904 wieder Kom. Coombs und jetzt wieder Kom. 
Rees. Die Behörden von Kanada sind vielleicht noch freundlicher als die 
von Australien. Seit 1890 können die Offiziere gesetzliche Ehen schließen, 
und die Fürsorge für Gefangene ist in Kanada größer als in irgendeinem 
H.-Lande. Auch hat sich Kanada wenigstens zu einer Art ,, Überseekolonie" 
ausgewachsen, wie der General sie in ,,Darkest England" fordert. Jährlich 
bringt die H. etwa 10 ooo Menschen dahin. 

Um nun das Werk in dem ungeheuer ausgedehnten Lande im einzelnen 
kennen zu lernen, gehen wir zuerst nach Neufundland und Labrador, wo 
der Fang des Stockfisches die Hauptbeschäftigung der Einwohner bildet. Ein 
junges Mädchen, namens Bessie Harries, die ihren Vater in jene Gegenden 
begleitete, brachte die H, dahin. 1903 besaß die H. dort schon 65 Korps mit 
77 Vorposten, i Nachtherberge in St. Johns, i Magdalenenheim und 25 (jetzt 57) 
Tagschulen ; denn die Regierung überläßt das Schulwesen ganz privaten Hän- 
den und leistet nur für jedes Kind einen Zuschuß. Im Sommer zieht man mit 
den Fischern hinaus und kehrt im Oktober mit ihnen zurück. Überfüllte Hallen 
sind die Regel, besonders am Sonntag, der von den Bewohnern sehr streng 
gefeiert wird. So bietet sich der Seelsorge ein zwar schwieriges, aber dank- 
bares Arbeitsfeld. Nur die großen Orte sind mit der Bahn erreichbar; die 
größeren Fischerdörfer ein- oder zweimal die Woche mit dem Dampf boot. 
Von diesen Stationen heißt es dann oft, die eigentliche Reise erst beginnen 
und mit kleinem Boot oder irgendwie zu Lande das Ziel zu erreichen suchen. 
Wenden wir uns nun von der Heimat der Eisberge 20 Grad südlich zu den 
Bermudas, den Märcheninseln, wo die Rosen blühen, wenn in Deutschland 
die Winterstürme brausen und die Bäche in Eis erstarren. Wann und von 
wo der Fremdling auch in das Wunderland kommen mag, immer umfängt 
ihn der Duft von Rosen, Lilien und Oleander. Die Bermudas, mit so viel In- 
seln als es Tage im Jahr gibt, sind englische Flotten- und Kohlenstation; 
Mitglieder des Mihtär- und Marinebundes der H. begannen die Missionstätig- 
keit, die heute 4 Korps und 3 Vorposten mit 8 Offizieren zählt und der 
kanadischen Ostprovinz unterstellt ist. 

Eines der interessantesten H.-Gebiete ist Britisch-Kolumbien. Die H. ar- 
beitet dort seit 1899 an der Pazifikküste unter den Indianern, und zwar 
zuerst in Port Essington, wo bekehrte Indianer aus eigenem Antrieb das Werk 
unter ihren Landsleuten begonnen hatten, dann auch in Port Simpson. Die 

83 



Offiziere Smith und Thorküdsen weihten der Arbeit ihr Leben und begleiteten 
die Indianer auf ihren jährlichen Wanderungen. Inzwischen hatten auch 
einige junge Indianer vom oberen Skeenafluß in Seattle bei der H. ihren 
heidnischen Sitten und dem Feuerwasser abgeschworen. Zurückgekehrt zu 
ihren Stammesgenossen, unter denen Missionäre schon vergebens gearbeitet 
hatten, gelang es ihnen, für das Evangelium Boden zu gewinnen, doch wurden 
sie 1900 infolge eines dadurch entstandenen Zerwürfnisses mit ihren An- 
hängern in die Wälder getrieben. Als sie hörten, daß zu den Indianern an 
der Flußmündung Offiziere gesandt worden seien, wandten sie sich in ihrer 
Not dahin. Thorküdsen reiste zu ihnen vmd nahm sich der Vertriebenen an. 
Er rodete mit ihnen den Wald und legte die hübsche Niederlassung Glen- 
Vowell an, wo heute schon eine Sägemühle in Betrieb ist. 1906 zählte man 
im ganzen unter den Indianern 700 eingereihte Soldaten, 3 Musikkapellen 
und 3 Schulen, ein Erfolg, der neben Thorküdsen und seinen Mitarbeitern 
der Oberleitung von Oberstleutnant Friedrich, einem geborenen Chemnitzer, 
zu danken ist. 

Endlich müssen wir uns noch den Goldsuchern von Klondyke zuwenden 
hoch oben im Norden bei Alaska, wohin Eva Booth, 2 Jahre nach Ent- 
deckung der Felder, nämlich im April 1898, 7 Offiziere schickte. Sie mußten 
noch den Treppenpfad des Chükootpasses hinaufklettern, um nach dem 
Yukon und weiter abwärts nach Dawson City, der Hauptstadt Klondykes, 
zu gelangen. Trotz der schnell wechselnden Bevölkerung ging das Werk 
gut vorwärts. Die Kollekten in Goldstaub waren reichüch, und man er- 
richtete eine Holzzerldeinerung für Arbeitslose, ein Arbeitsvermittlungs- 
amt und ein Bureau für Vermißte. Korps und Vorposten sind jetzt, außer in 
Dawson City, in Sulphur Creek, Eureka Creek, Shagway, Haine, Kluckwan 
und Klowack. 

7. DIE HEILSARMEE IN OSTINDIEN UND CEYLON 

Indien bringt uns etwas in Verlegenheit, denn ,,von der Parteien Gunst und 
Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte" (Schiller). 
Die einen erheben die H. -Tätigkeit in den Himmel; die andern wissen nicht 
Steine genug zu finden, um nach ihr zu werfen. Eine aus persönlicher Kennt- 
nis geschöpfte, ganz sachliche Darlegung tut not. Das Buch von Beghie 
(= Nr. 5), der 1911 Indien bereiste, vermag diese Lücke nicht auszufüllen; 
denn wir brauchen eine kritische Betrachtung, keine Unterhaltungsschrift, 
sicher aber keine, die den Salutismus dadurch zu erheben sucht, daß sie 
die Arbeit anderer Gemeinschaften und Konfessionen herabsetzt. Das hat 
eine Bewegung wie die H. nicht nötig, und diese selber würde, wenn sie 

84 



diplomatischer wäre, Schriften wie Other Sheep^ von Beghie und diejenigen 
von Schindler (f 1913) nicht offiziell vertreiben, so gerne ich diesen Schrift- 
stellern auch zugestehe, daß sie nicht nur ihre ehrliche Überzeugung, sondern 
sogar grundsätzlich durchaus richtige Ideen vertreten. Wir sind also, um 
zur Sache zurückzukehren, auf uns selber angewiesen und wollen uns so 
helfen, daß wir i. die sensationellen Berichte derjenigen ausschalten, welche 
natürliche Gegner der H. sein müssen; 2. die fast immer schlechten Zeitungs- 
artikel ganz beiseite lassen, welche z. B. Kolde, dem nichts Besseres zu Ge- 
bote stand, mancherorts zu schiefen Darstellungen verleitet haben; 3. daß 
wir die Schilderungen der H. selber mit jener selbstverständlichen Behut- 
samkeit verwerten, die man notwendig Enthusiasten, auch den wahrheits- 
getreuesten, entgegenbringen muß. Tun wir das, so wird diese kurze Skizze, 
so fremd auch Indien in allen Beziehungen unserm Gesichtskreis ist, doch der 
Wirklichkeit nahe kommen müssen. 

Als der General begann, hatte er, wie geschildert, ,,in keiner Weise die Idee, 
. Missionäre nach Heidenländem zu schicken. Das Werk war eine Heim- 
mission für die englischen Heiden in den Schenken und Slums" (10, 168). 
Daß er nun auch auf die Heidenmission kam, ist wohl dem Feuergeist des 
Mannes zuzuschreiben, der, in seltsamer Weise gewonnen, die Arbeit in 
Indien eröffnete. Es ist Frederic de Lautottr Tucker, der im indischen Zivil- 
dienst als Richter tätig war und dem der Weihnachtskriegsruf von 1880 in 
die Hände kam. Beim Lesen des Blattes wurde der junge Mann so tief be- 
rührt, daß er Urlaub nahm, in London General Booth zu hören. Gleich nach 
der ersten Versammlung, welcher er beiwohnte, stellte er sich ihm zu Diensten. 
Der General beschied ihn für den andern Morgen aufs H.-Q. und — gab ihm 
den Rat, nicht so ohne weiteres auf seine einträgliche Stellung zu verzichten, 
mit dem Erfolge, daß Tucker nach einiger Zeit wiederkam und ihn vor die 
vollendete Tatsache stellte. Er hatte schriftHch in Indien seinen Austritt 
aus dem Dienste erklärt und wollte nur als Missionär zurück. Tucker ist eine 
ausgesprochen religiöse Natur, synkretistisch gerichtet und mit einer natür- 
lichen Vorhebe für alles der H. Eigentümliche; kurz, er gleicht dem alten 
General so sehr, wie nur ein sanguinischer Charakter einem cholerischen 
gleichen kann. Sie legten also miteinander folgende Grundsätze für die Er- 
oberung Indiens fest : 

I. Auch für Indien gilt : Der Krieg hat den Krieg zu ernähren, ein Satz, der 
bei den leeren Kassen der Armee nicht schwer zu finden war. Es ist in hohem 
Maße aber bei der Armut der Bevölkerung nicht ganz gelungen, ihn in die 

^ Durch die revidierte Neuausgabe von 191 3 unter dem Titel ,,The Light of India" 
sind diese Bemerkungen gegenstandslos geworden. 

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Wirklichkeit umzusetzen. Das Land erhält unter allen Ländern immer noch 
die größte Unterstützung vom LH.- Q. in London; 1912 z. B. 500000 Mark. 

2. Das Werk ist unter den niedersten Klassen zu beginnen. Daran hat die 
Armee unentwegt festgehalten. Sie arbeitet vornehmlich unter den Kasten, 
die kein Doktor behandeln und denen kein Briefträger die Briefe abgeben 
will, damit er sich nicht verunreinigt. 

3. Um erfolgreich zu sein, soll man sich in Kleidung, Gewohnheiten und 
Gottesdienst ganz diesen Kasten anpassen. So berichtet Eliza Keer, die Frau 
eines indischen Generals und eine Gönnerin der H., wie sie zugesehen, daß 
indische Männer als Bekehrte ihren heidnischen Schwerttanz nunmehr zu 
Ehren Gottes aufführten (175, 24). 

Cjyakir Singh, wie sichTucker dementsprechend nannte, landete am 19. Sep- 
1 tember 1882 mit 3 andern Offizieren in Bombay. Wie einst der General 
in London, so schlugen sie gegenüber Crawford Market ihr Missionszelt auf, 
da wo heute das Präsidium der Pohzei steht, die jetzt ebenso freundlich ist, 
als sie damals feindlich war. Alle Versammlungen und Aufzüge auf offener 
Straße wurden verboten, und einige Zeitungen befürworteten die Deportation 
der Offiziere als lästiger Ausländer. Als diese sich an nichts kehrten, ging 
man mit Verhaftungen gegen sie vor. Major Fakir Singh wanderte bald für 
einen Monat ins Gefängnis, in dessen Nähe, vor der Mündung von 5 Straßen, 
sich heute die H. -Kadettenanstalt erhebt. In der Gebetshalle dieser Anstalt 
kann man nunmehr Mohammedaner und Hindu, Marathen und Gudschraten, 
den Borah und den arabischen Händler, Parsen, Studenten, Schiffsvolk und 
Soldaten, Anglo-Indier und Europäer sich drängen sehen, alle unter dem 
freundlichen Schutze derselben Polizei. Einer ihrer Distriktsoffiziere, ein 
Saulus von ehemals, bat sogar vor einiger Zeit auf dem Sterbebette, die H. 
möchte doch vor seinem Fenster einige fromme Lieder singen. Fakir Singh 
erregte bei der Menge einen ungeheuren Zulauf. Der weiße Sahib mit seinen 
Offizieren, der die Sprache der Eingeborenen redete, barfuß über Land zog, 
die Kleidung der verachteten Klasse trug, seinen Reis an den Türen bettelte 
und mit den Fingern aß und nachts im Schatten der Dorfbäume schhef , war 
überall der Bewunderung sicher. Einladungen der höheren Kasten nahm er 
nur an, wenn diese den niederen ungehinderten Zutritt gestatteten; sonst 
kehrte er lieber in eine vielleicht von Ungeziefer wimmelnde Hütte ein. Das 
Volk ergriff seine Partei, ein Teil der Missionspresse trat auch für ihn ein, 
und ein alter Bekannter und Ratgeber von ihm, Bahu Keshub Shunder Sen 
1838— 1884, berief in Kalkutta eine große Versammlung ein, welche beim 
Vizekönig Verwahrung gegen die Polizeimaßnahmen einlegte. Es ist sehr be- 
merkenswert, daß gerade dieser Führer der Brahma Samadsch, der Gesell- 

86 



Schaft des äußersten Unionismus und Synkretismus, die H. in seinem Blatte 
so warm begrüßte und sich ihrer so eifrig annahm, und zwar mit dem Erfolge, 
daß nach 8 Monaten die Draußenversammlungen geduldet wurden. Seitdem 
hat sich das Werk staunenswert entwickelt, freilich nicht ohne ebenso er- 
staunlichen Aufwand an Mühe und Menschen, 1886 kamen 40 und 1887, als 
ein Freund aus China 100 000 Mark spendete, 50 enghsche Offiziere nach^ und 
zugleich organisierte Tucker einen großen Stab einheimischer Offiziere. 

Einer, Arnolis Wirasuriya, gestorben Mai 1888, ein hochgebildeter Singha- 
lese von Ceylon, brachte es sogar zum Oberst, und als Fakir Singh sich 
1888 in England aufhielt, wo er am 10. April des Generals zweite Tochter, 
Emma, heiratete, leitete er bis zur Ankunft des jungen Paares die Geschicke 
der indischen H. Gleich nachher raffte die Cholera diesen Mann hinweg, der 
sicher für Indien die beste Errungenschaft jener Zeit gewesen ist. Ist es schon 
an und für sich unsinnig, von einer solch asketischen Gemeinschaft wie der 
H. anzunehmen, daß sie sich bei ihren Bekehrten mit einem äußerlichen 
Christentum begnügt, so ist erst recht ein Mann wie Wirasuriya ein schlagen- 
der Gegenbeweis. Die Preisgabe des Taufzeremoniells mag in der Heiden- 
mission ihre bedenkliche Seite haben ; aber das von der H. dafür geforderte, 
öffentliche Bekenntnis des Übertrittes und der Hingabe an Gott scheint mir 
doch ein vollständiger Ersatz des sonst durch die Taufe vollzogenen Bruches 
zu sein. Obwohl für mich mit dieser Erwägung der Vorwurf erledigt wäre, 
habe ich doch noch den jetzigen General daiüber befragt, der in christlicher 
Liebe manche Mißdeutungen dieser Art darauf zurückführt, daß oft der eine 
oder andere Indier sich zur H. rechnet, ohne von ihr selber als eigentliches 
Mitglied gezählt, aber auch ebensowenig verstoßen zu werden. Noch un- 
sinniger ist der Vorwurf, daß die H., die in andern Ländern die Leute aus- 
saugen soll, sich in Indien Proselyten kauft. Dazu müßte man, um von 
tausend andern Dingen zu schweigen, schon den Nachweis bringen, daß die 
Offiziere, vom General angefangen bis zum untersten Leutnant in Indien, 
Schurken sind. Ich habe im Gegenteil die Überzeugung, daß die Leute mit 
ihrem Übertritt meist schwere Opfer bringen. Bei den höheren Kasten be- 
darf das keines Beweises, weil die indische H. sich vornehmlich aus den un- 
teren und untersten Schichten des Volkes zusammensetzt. Für den Paria 
aber bedeutet der Übertritt zum Christentum zugleich auch den Übergang 
zu geordneter Tätigkeit und zu schweren moralischen Verpflichtungen. 
Dazu kommt noch, daß oft die höheren heidnischen Kasten ihn ausschließen, 
ihm keinen Verdienst mehr geben oder als Dorfälteste gegen ihn arbeiten. 

^ Während der Drucklegung gingen 100 Offiziere in die Heidenmission; die Aus- 
sendung weiterer 100 ist noch für das Jahr 191 3 geplant. 

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Gewiß hilft ihm die Armee und bedauert es herzlich, nicht noch mehr helfen 
zu können ; aber es gibt in Indien ebensowenig wie anderswo bei der H. einen 
Pfennig ohne wirkliche und tatsächliche Gegenleistung. Doch kommen wir 
auf die einheimischen Offiziere zurück, die sich zu den ausländischen ver- 
halten wie 10 zu I. Ein eigenes Auslesesystem bringt die Kinder aus den 
Tagesschulen in die Zentralkadettenschule nach Madras; die L.-O. sind na- 
türlich alle dem Volk entnommen. Madras, Bombay, Kalkutta, Ahmedabad, 
Amritsar, Bareh, Trivandrum, Kandy und Colombo, das sind die Städte, 
wo die H. tätig ist; im übrigen arbeitet sie mehr in den Dörfern, worin von 
den 315000000 Bewohnern Indiens 284000000 wohnen. Seit 1907 hat 
Booth-Tucker wieder die oberste Leitung mit seiner neuen Gattin Minnie 
Reid, der Tochter eines früheren Gouverneurs von Bombay, welche als Offi- 
zierin in Italien, Belgien, Frankreich und Deutschland tätig war. 1891 mußte 
er, wie schon früher berichtet, wegen Kränkhchkeit der Konsulin Indien 
mit England vertauschen und war dann nach der Union gekommen. 

Das Werk in Indien ist vielseitiger als das irgendeines andern Landes. Es um- 
faßte 1911 2263 Offiziere, Kadetten und Angestellte, welche in 12 Spra- 
chen und 13 Gebieten tätig waren ; 2574 Korps und Außenposten ; 409 Tages- 
schulen mit 9412 Kindern, welche die Regierung unter dem Vorbehalt unter- 
stützt, daß ein gewisser Bildungsgrad erreicht wird, 20 gewerbliche Schulen 
mit Kindern, die man in den Zeiten großer Hungersnot aufgenommen, 
II Zeitungen mit 14 000 festen Abnehmern, 5 Farmkolonien mit 560 ha an- 
gebauten Landes ; 3 Seemanns- und Militärheime ; 8 Spitäler und Apotheken 
unter Oberleitung der Offiziere Dr. Andrews, Dr. Turner und Dr. Mumford; 
20 ganz nach den Grundsätzen unserer Raiffeisengenossenschaften seit dem 
Besuche des Generals (Januar 1896) eingerichtete Dorfkassen mit einer 
Zentraldarlehnskasse ; i Fabrik für Handwebstühle, begründet von Adjutant 
Maxwell in Ahmedabad, mit 6 Webeschulen, darin 130 der vielfach prä- 
müerten Handwebestühle in Betrieb ; 4 Seidenfarmen und endlich 8 acker- 
bautreibende und gewerbliche Niederlcissungen für 2300 Leute aus den Ver- 
brecherstämmen der Doms, Bhatus, Huburahs, Beriahs, Sansias und Pakhi- 
waras, welche man auf 3 000 000 Köpfe schätzt. Diese letzte Arbeit, längst vom 
General gewünscht, wurde vor einigen Jahren auf Betreiben und mit Unter- 
stützung der Regierung von der H. unternommen, welche sich auch sonst als 
soziale Hilfe erweist durch Begünstigung der Geflügelzucht, durch Vermittlung 
von Saatkorn, von billigen Futtermitteln usw. Sie lehrt die Eingeborenen für 
die regenarme Zeit Kaktus anbauen, hält jährhch einen „Pflanztag", an dem 
jeder Nutzbäume pflanzen soll, feiert den ,, Malariatag", an dem man das 
Gegenmittel Eukalyptus in die Gärten säet, und den „Pesttag", an dem die 

88 



Eingeborenen über die Gefahr der Pest aufgeklärt und ermahnt werden, 
sich Katzen zu halten, welche man auf einer Farm eigens züchtet. Den ersten 
Bestand ließ man sich von London kommen, wo sie am rechten Themse-Ufer 
in den Stapelhäusem auf städtische Kosten gefüttert werden. Jede Woche 
kann man dort zwischen Blackfriars und Towerbridge Männer sehen, welche 
mit dem Rufe : ,, Katzen, Fleisch, Fleisch, Katzen, Fleisch !" Scharen der Tiere 
herbeilocken. Endlich gründete die H. in den indischen Dörfern ,,Bildungs- 
vereine", welche im allgemeinen den Zweck verfolgen, bessere Anschauungen 
über Gesundheitspflege zu verbreiten. Bei Hungersnöten unterstützt sie das 
Volk stets in umfassender Weise, so z. B. igoo, wo sie 25 Kornspeicher er- 
öffnete und je nach Bedürfnis das Getreide bis zu 25% unter dem Marktpreis 
und in besondern Fällen sogar unentgeltlich abgab. So hat sich die H. in In- 
dien die Achtung aller Stände, insbesondere diejenige der Regierung er- 
worben, welche sich nicht selten mit ihr über soziale Maßnahmen berät und 
Booth-Tucker kürzlich eine besondere Auszeichnung zukommen ließ. 

Organisiert ist die indische H. augenblicklich so, daß sie 6 Provinzen bildet 
mit dem Zentral-H.-Q. in Simla. Das Werk auf der Insel Ceylon, ,,der Perle 
des Meeres," unter den buddhistischen Singhalesen mit ihren Männern von 
weiblichem Gepräge, hat sein H.-Q. in Colombo; das unter den dunklen, 
lockigen Tamulen, 1890 begonnen, zu Nagercoil in Südtravancur ; das unter 
den Telugu, einem Stamme kleiner, braunschwarzer Drawiden in Madras an der 
Koromandelküste ; das unter den kriegerischen Marathen, Gudschraten und, 
seit 1890, unter den in der Präsidentschaft Bombay wohnenden, schwärzlichen 
Bhils hat zwei H.-Q., eins in Puna und eins in Ahmedabad ; das unter den Stäm- 
men der Pandschabebene hat sein H.-Q. in Lahor und schließlich das der Ver- 
einigten Provinzen in Bareli am Rhamganga. Unter den H.-Ländem steht 
Indien in bezug auf die Anzahl der Offiziere an dritter, in bezug auf die An- 
zahl der Korps sogar an erster Stelle. Allerdings sind darunter sehr viele von 
L.-O. verwaltete Außenposten ; aber eines ist doch gewiß: Indien mit seinen 
Millionen und Abermillionen ist für die H. das Land der Zukunft und der 
Siege. 

8. DIE HEILSARMEE IN DER SCHWEIZ UND ITALIEN 

Mit dem Worte Republik verbindet man gewöhnlich die Idee der Frei- 
heit; aber die Tyrannei eines einzelnen, wie z. B. Neros, ist beschränkt; 
jedoch diejenige eines republikanischen Pöbels kennt keine Grenzen" [Booth- 
Tucker). ,,Die Brutalitäten, denen die Heilssoldaten in der freien Schweiz 
ausgesetzt waren, bleiben ein Schandfleck in der Geschichte des Landes" 
(Kolde). Vom Dezember 1882 bis November 1885 sind von den Kantonen 

89 



47 salutistische Versammlungen gesprengt worden, und zwar sehr oft ge- 
waltsam; in 32 Fällen wurden die Leiter persönlich angegriffen, und einige 
Male kam es dabei zu blutigen Auftritten ; öffentliche Säle und Privatwoh- 
nungen, in denen man betete, wurden gestürmt ; 9 mal gab sich sogar die Polizei 
dazu her, Versammlungen auseinanderzutreiben ; 40 Ausweisungen wurden 
verhängt ; Vorladungen vor Gericht gab es ohne Ende, und was die Personen 
angeht, die wegen ihrer rehgiösen Überzeugung Schimpf erlitten, so ist ihre 
Zahl Legion. Entgegen andern Darstellungen ist unbedingt festzuhalten, daß 
die Salutisten, ganz wenige Fälle abgerechnet, sich in jeder Weise bemühten, 
diese Behandlung nicht irgendwie herauszufordern, so erklärten die Haupt- 
beteiligten, die Marschallin z. B. sogar vor Gericht, daß man Trommeln, 
Flaggen und alles Aufsehenerregende zu Hause gelassen habe, als man die 
Schweiz eröffnete, und was die „Blut- und Feuerplakate" angeht, so bin 
ich in der Lage, den Wortlaut dieser kleinen Zettel, die man sich übrigens 
von der Pohzei in vorsichtiger Weise genehmigen ließ, durchaus zuverlässig 
wiederzugeben. 

Der I. Zettelanschlag lautete: Großer Reformationssaal — Sonntag, den 
10. Dezember, 8 Uhr abends — Konferenz von Oberst Clibhorn über die De- 
vise — Blut und Feuer — Eintritt frei — Die Türen sind von ^/gS Uhr an ge- 
öffnet. (Es folgen eine Bemerkung über den Kriegsruf verkauf in Genf und 
einige statistische Angaben über die H.) 

Nr. 2 ist ebenso harmlos. Auch Nr. 3 konnte nach den voraufgegangenen 
Vorträgen nicht mehr mißverstanden werden. Er lautete: ,,Die H. wird 
ihre ersten Schlachten im Kasino von St. Pierre schlagen" — Freitag, den 
22. und Samstag, den 23. Dezember 8 Uhr abends — Die Marschallin wird 
den Angriff leiten — Eintritt frei — Man komme, um Platz zu erhalten, um 
V28 Uhr. 

Denselben Wortlaut tragen die Zeitungsanzeigen. Man kann die erste Ge- 
schichte der H. in der Schweiz nicht besser als in chronologischen Angaben 
schildern. Sie geben den schnellsten und wahrheitsgetreuesten Überblick, 
Einige Bemerkungen gestatte ich mir hier und da hinzu zu notieren : 

1882. 4., 10. und 15. Dezember. Die ersten Salutisten kommen von 
Paris nach Genf. Sie nehmen Wohnung bei einem Arzt, einem Mitbegrün- 
der des Roten Kreuzes, drei Häuser von demjenigen entfernt, wo Kalvin 
wohnte. 

IG. und 13. Dezember. Clibborn hält Vorträge in der Reformationshalle 
zu Genf. 

22. Dezember. Die erste Versammlung im Genfer Kasino. 12 Leute an der 
Bußbank. Treppe und Straße voll von Leuten. Lärm und Beschimpfung. 

90 



23- Dezember. Zweite Kasino Versammlung. Verfolgung Heimkehrender 
durch die Straßen. Schlägerei. 

25. Dezember. Erste Versammlung in der Reformationshalle, 40 Leute 
an der Bußbank, darunter der spätere Oberstleutnant Roussel. Lärm und 
Schlägerei. 

26. Dezember. Dieselbe Unordnung im selben Saale. Die Salutisten fliehen 
in den kleinen Saal nebenan. 

27. Dezember. Versammlung im kleinen Reformationssaale. Die Fenster- 
scheiben werden eingeworfen. Die Offiziere nachher mit Steinen verfolgt. 

29. Dezember. Versammlung im großen Reformationssaale, nur gegen 
Karten zugänglich mit dem Aufdruck: ,, Inhaber dieser Karte verpflichtet 
sich, allen Einfluß aufzubieten, die Ordnung aufrecht zu erhalten." Dieselben 
Auftritte. 

1883. Januar. Ganz Genf in Bewegung. Einladungen zu Festessen tragen 
den Vermerk: ,,Es wird gebeten, nicht über die H. zu sprechen." 

21. Januar. Die erste Versammlung von Salutisten in Neuenburg im Mont 
Blanc Hotel, geleitet von Kap. Becquet. 

1. Februar. Der Staatsrat von Neuenburg suspendiert die Abendversamm- 
lungen — Clibbom in Genf mit Schmutz beworfen; zwei andere Offiziere 
mit dem Ruf: ,In die Rhone' durch die Straßen gejagt. Das H.-Q. der H. 
vom Pöbel auf Anstiften und Bezahlung von Bordellinhabem gestürmt. 

2. Februar. Die Übungen der H. vom Genfer Staatsrat suspendiert. 

8. Februar. 908 Genfer Bürger legen ohne Erfolg im Namen der Verfassung 
gegen die Aufhebung der Religionsfreiheit Verwahrung ein. 

11. Februar. Maud Charlesworth, die, erst 17 Jahre alt, mit vollem Ein- 
verständnis des Vaters die Marschallin begleitete, aus Genf ausgewiesen, was 
ihren Vater gegen die H. verstimmt. Ebenso werden ausgewiesen der deut- 
sche Salutist Zitzer und die französischen Vinot und Boillat. 

12. Februar. Auch die Marschallin hat vor 6 Uhr abends Genf zu verlassen. 
Josephine Butler,^ die sich gerade in Genf aufhält, nimmt sich ihrer an. 

19. Februar. Der englische Gesandte in Genf beklagt sich ohne Erfolg über 
die Ausweisung von Engländern. Die Genfer Theaterzeitung schreibt: ,, Unser 
Theater hat seinen gefährlichen Nebenbuhler verloren, und die Menge be- 
ginnt bereits, ihren Weg zurückzufinden." 

25. Februar. Die Marschallin hält in einer Höhle am Fuße des Grand 
Saleve vor Sonnenaufgang Truppenschau über die Genfer Korps. 

^ Nachgetragen sei hier noch ihr 300 Seiten starkes Buch: The Salvation Ärmy in 
Switzerland, London 1883. 

91 



7- April. Neuenburg verbietet auch die Versammlungen am Sonntag — 
Ostermontag landen 47 Salutisten in Nyon, Kanton Vaud, ohne daß Un- 
ordnungen vorfallen, und Ende Juni kommt die H. nach Rolle. 

4. Mai. Eine Versammlung von wenigstens 600 Personen tagt in Neuen- 
burg. Man sammelt im ganzen Kanton zusammen 9944 Unterschriften für 
eine Adresse, welche die H. zu unterdrücken bittet. 

22. Mai. Der Staatsrat von Neuenburg untersagt den Salutisten jede Ver- 
sammlung, wie und wo immer sie gehalten werden soll. Das Dekret über- 
nimmt zum Teil wörtlich die Anklagen der Gräfin Gasparin. 

Wir müssen hier in der Chronologie einhalten, um über Gasparin und 
ihre Schmähschrift einige Worte zusagen. Valerie Gasparin, geborene 
Boissier, 1813— 1894, ist die Witwe des bekannten französischen Politikers und 
Schriftstellers Agenor de Gasparin, 1810—1 871. Auch sie selber veröffenthchte 
allerlei und ist wegen ihres, allerdings unglücklichen Feldzuges gegen die 
Diakonissensache in manchen Kreisen übel angeschrieben. Ihre Schrift hat 
zum großen Teil die Verfolgungen in der Schweiz heraufbeschworen und er- 
schien schon Mitte Februar in dritter Auflage; von einem eingehenden Stu- 
dium der Armee kann also ebensowenig wie bei Huxley die Rede sein. Dann 
benutzt sie, wie der Titel es schon andeutet (vgl. Nr. 74) als Unterlage für 
ihre Anschuldigungen nur das kleine Büchlein der Regeln und Verordnungen 
von 1878 (vgl. iii). Aus diesen „Monita secreta" (= Geheimvorschriften), 
die zum Preise von 16 Pfennig für jedermann in England käuflich waren 
und gegen die bisher selbst anglikanische Bischöfe nicht das geringste ein- 
gewendet hatten (vgl. 23, 87-92), stellt sie einen „kurzen Auszug" her. Wie 
objektiv dieser ausfallen muß bei einer Person, welche das S der Salutisten 
als ,, Serpens" (= Schlange) und ,, Satan" deutet (74, 55) und diese selber 
mit Mohammedanern vergleicht, die sich zu Füßen des heiligen Pferdes in 
Mekka gesegnet fühlen, oder mit Fakiren, die sich zu Ehren des Wischnu 
zerfleischen (74, 64), ist leicht zu denken. Schmähung an Schmähung wird 
gereiht und das alles gespickt mit Sätzen, oder für gewöhnlich nur Satz- 
stücken, welche völlig willkürlich aus dem Text herausgerissen sind. Mehr 
noch! Die Gräfin, welche auf der zweiten Seite betont, daß man ,, selbst 
die Anforderungen der französischen Sprache geopfert habe zugunsten 
einer wortgetreuen Übersetzung", übersetzt auch noch mit Absicht 
falsch: denn trotz Gegenschriften und öffentlicher Aufforderung stehen 
die Falschübertragungen noch in der mir vorliegenden sechsten Auflage. 
Einige Beispiele! 

Orders 71 : He will, especially if any who were Christians before he came 
to the town are present, make clear the difference between Army and 

92 



Church, and say plainly that any one may withdraw who is not fully prepa- 
red to act under Orders. 

Gasparin 23 : II dira net, que quiconque n'est pas r^solu ä obeir aux ordres 
doit (!) se retirer. 

Orders 95 : The essence of skill in management is attention to little things, 
and this can only be attained by a System which brings every little thing 
under some one person's care, the C. O's attention being occupied with the 
keeping up of the System by which every little thing is attended to by the 
particular person responsible for it. 

Gasparin 28: On n'y peut arriver que par un Systeme qui met chaque 
petite chose sous la direction de la meme personne (!) 

Aber wir wollen ebensowenig wie die Salutisten der verewigten Gräfin, 
die in christlicher Demut vor ihrem Ende alles Geschehene zurückge- 
nommen haben soll (219, 10), etwas nachtragen und zur chronologischen 
Darstellung der weiteren Vorgänge zurückkehren. 

8. Juni 1883. 59 Geistliche vom Kanton Neuenburg reichen eine Petition 
um Aufrechterhaltung der religiösen Freiheit ein. 

15. Juni. Der große Rat von Neuenburg bestätigt das Verbot des Staats- 
rats vom 22. Mai. 

4. Juli. Der Staatsrat von Vaud verbietet die H.-Versammlungen. 

23. Juli. Bern verbietet auch jede private H.- Versammlung. 

24. Juli. Der Bundesrat verwirft die am 19. Juli von der Marschallin ein- 
gereichte Berufung und macht sich in der Urteilsbegründung die Erklärung 
des Genfer Staatsrats zu eigen, daß die Armee „yon der Ausbeutung Leicht- 
gläubiger lebe und daß diese Ausbeutung den Charakter einer beständigen 
und geordneten Einrichtung trage". 

30. August. Geheimer Kriegsrat der Marschallin und Offiziere in einem 
Schlosse des Kantons Vaud. 

6. September. Die Korps von Genf und Rolle fahren über den See und 
halten Versammlungen in dem französischen Thongues. 

9. September. Die MarschaUin kommt von Frankreich und hält zum ersten 
Male seit dem 22. Mai eine Versammlung und zwar im Walde von Rochefort, 
Kanton Neuenburg. Der Präfekt von Boudry, welcher durch Verletzung des 
Briefgeheimnisses von selten der Post Kenntnis davon erhalten, verhaftet 
sie und den Kap. Becquet, entläßt die Marschallin aber gegen Kaution, und 
diese reist mit Josephine Butler am andern Morgen nach Genf. 

10. September. Die Marschallin wohnt in Genf einem von Clibbom ge- 
leiteten, salutistischen Leichenbegängnis bei, in das der Bürgermeister zwei- 
mal störend eingreift. 

93 



15- September. Die Marschallin und Becquet stellen sich in Neuenburg. 
i6. September. Die Marschallin hält eine zweite Waldversammlung. 

17. September. Sie und Becquet werden in Untersuchungshaft geführt. 
Die Kapitänin Patrik wird der Marschallin zu Dienstleistungen beigegeben. 

27. September bis i. Oktober. Schwurgerichtliche Verhandlung gegen die 
Marschallin und 5 andere Salutisten. Der Staatsanwalt liest einmal 20 Mi- 
nuten aus Gasparin vor. Der Anwalt der H., Dr. Monnier, erklärt, die Armee 
habe in England keine Korporationsrechte, sei also nicht als Korporation 
zu betrachten. Alle 6 Angeklagten werden nach einstündiger Beratung frei- 
gesprochen. 

4. Oktober. 43 Genfer Salutisten beklagen sich wegen Hausfriedensbruchs 
durch die Polizei und weisen auf ihre konstitutionellen Rechte hin, sich zu 
versammeln, eine Vereinigung zu bilden, zu reden und Gottesdienst halten 
zu dürfen. Sie erhalten am 16. Oktober die Antwort, daß die H. den , .Skandal 
suche". 

8. Oktober. Die Evangelische Allianz appelliert an das schweizerische Volk, 
die verfassungsgemäße Freiheit der Rehgion aufrecht zu erhalten. Die 
Polizei in Genf verweigert die Erlaubnis, den Appell öffentlich anzuschlagen. 

18. Oktober. Kapitänin E. Clarke aus Neuenburg ausgewiesen. 

1884. 7. Februar. Eine Versammlung bei Pfarrer Kollier in St. Aubin von 
Polizei und Pöbel gestört und die Teilnehmer nachher verfolgt. 

12. Februar. Die schweizerische Kapitänin Wyssa aus Neuenburg aus- 
gewiesen. 

20. März. Schwerer Straßenüberfall auf Salutisten, die von Montalchez 
nach Hause zurückkehren. Schwere Verletzungen. Da die Verletzten keine 
Klage erheben wollen, reichen ihre Ärzte Klage ein. Einige der zu Boden Ge- 
schlagenen hatte man in das Haus von Pfarrer Rollier getragen. 

29. April. 82 Salutisten vor dem Friedensrichter in St. Blasien bei Neuen- 
burg. 

21. Juni. Endgültige Gründung einer Ligue du Droit commun zum Schutze 
der rehgiösen Freiheit und der persönlichen Rechte. 

9. JuH. Die Chefs der Polizei von Neuenburg, Bern und Vaud beschließen, 
gemeinsam in Bern die erlassenen Verbote auf ,,öff enthebe" Versammlungen 
zu beschränken. Das Wort ,, öffentlich" wird näher umschrieben und der H. 
für alle andern Versammlungen der gesetzliche Schutz zugesichert. 

Damit war der Weg geebnet, der nach und nach zur Duldung der H. führte, 
und damit legte sich auch allmählich die Wut des Pöbels, die, meist 
künstlich mit Branntwein entfacht, vorerst noch zu schweren Ausschrei- 
tungen führte. 

94 



Mit Pfeffer, Schmutz, Peitschen, auch oft mit Dolchstichen, einmal mit 
einer Feuerspritze und ein andermal sogar mit Dynamit rückte man den 
Salutisten zu Leibe. Einen jungen Mann wies man vom Staatsexamen zurück, 
weil er Salutist sei; einen andern brachte man aus demselben Grunde ins 
Irrenhaus ; aber der Direktor weigerte sich nach einigen Tagen, in diese Frei- 
heitsberaubung einzuwilligen. Je mehr man die Bewegung zu unterdrücken 
suchte, um so siegreicher drang sie vor und wurde 1885 auch hinüber in die 
deutsche Schweiz getragen, nachdem schon 1884 in Genf ein deutsches Korps 
errichtet war. Darüber noch einige Notizen ! 

1885. 15. Juni. Die erste Anzeige für eine H. -Versammlung in der 
deutschen Schweiz erscheint im Züricher Tageblatt. 

28. Juni. St.-Kap. Fritz Schaaff, der sich schon seit einiger Zeit in Schlieren, 
einige Stunden von Zürich, aufgehalten, leitet die erste Versammlung im 
„Grünen Hof" zu Hottingen. Bei den folgenden ,, religiösen Übungen" kommt 
es zu Zusammenstößen. 

3. Juli. Die Polizei beschließt die ,, Übungen" als Schaustellungen zu be- 
trachten und Schaaf in Strafe zu nehmen, weil er keinen Erlaubnisschein 
habe. Dieser soll ihm auf Verlangen verweigert werden unter Benifung auf 
die Vorschrift, daß nur solche Schaustellungen genehmigt werden dürfen, 
die Wert und Interesse haben, keine moralischen Anschauungen verletzen 
und der Bettelei nicht als Deckmantel dienen. 

7. August. Die Polizei konfisziert alle H. -Schriften, welche sich im ,, Grü- 
nen Hof" finden. 

8. August. Die von Schaaff durch den Advokaten Dr. Curii eingebrachte 
Beschwerde wird vom Staatsrat verworfen. 

12. August. Der Staatsrat verbietet alle öffentlichen H.- Versammlungen. 
26. September. Die Polizei schließt wegen Ausschreitungen des Pöbels 
den ,, Grünen Hof". 

Die weitere Entwicklung ist schnell erzählt. Schon am 3. Juni 1885 gewann 
der schweizerische Bundesrat die Auffassung, das Vorgehen der einzelnen 
Kantone nur als provisorisch anzusehen und von Neuenburg Gründe ein- 
zufordern, wenn es die Ausnahmegesetze gegen die Salutisten weiter auf- 
recht erhalten wolle. In Zürich selber kam es 1886 (6. Februar bis 11. März) 
zu einem großen Prozeß, in welchem die H. als religiöse Gemeinschaft an- 
erkannt und Störungen ihrer Versammlungen als Religionsstörungen quali- 
fiziert wurden. Zürich und Vaud waren überhaupt die ersten, welche jede 
Ausnahmegesetzgebung fallen ließen. Appenzell dagegen trat noch 1888 in 
einer Petition mit 1134 Unterschriften für die Anwendung des Jesuiten- 

95 



Paragraphen ein (:= § 51 der Bundesverfassung). Das war freilich verlorene 
Mühe; dagegen schlug der Fall Stirling, der endgültig 1889 vom höchsten 
Gerichtshof entschieden wurde, zu Ungunsten der Salutisten aus. Die Kapi- 
tänin mußte nach den Buchstaben des Gesetzes, weil sie unter Minder- 
jährigen Propaganda getrieben, nach Chillon ins Gefängnis, wo der General 
sie besuchte. Im allgemeinen aber wurden die Zeiten ruhiger. L. Ruchonnet 
selber, der Bundespräsident, ein Mann von starkem Gerechtigkeitsgefühl 
und anfangs der H. nicht geneigt, trat in seinem Berichte vom 2. Juni 1890 
für sie ein, und im Frühjahr 1891 konnte der damalige Major Fornachon 30 
deutsch-schweizerische Korps im Züricher Park aufstehen unter der fried- 
lichen Aufsicht eben des Polizeihauptmannes, der fünf Jahre vorher seine 
Leute gesandt hatte, H. -Versammlungen aufzuheben. Zwei seiner Beamten 
zertrümmerten damals an einem Sonntagmorgen um 5 Uhr mit einer Axt die 
Türe eines Saales, worin die Salutisten zusammen beteten. 

Dieselbe Wendung wie bei Ruchonnet ist bei Atme Humbert, dem Präsi- 
denten von Neuenburg, und bei dem gefeierten Staatsrechtslehrer Prof. Dr. 
C. Hilty, Bern zu beobachten. Dieser sah die Armee noch 1891 als eine zum 
Teil ärgerhche Ausartung des Christentums an, gehörte aber doch zu den 
Verteidigern ihres Versammlungsrechtes. Seit der Mitte der 90er Jahre trat 
er offen und warm für sie ein, — ,,und"— versichert sein Biograph Auer — ,,wir 
wissen, daß die schweizerische H. durch seinen Tod einen ihrer besten 
Freunde und stillen Wohltäter verloren hat" (3, 135). Die endgültige Auf- 
hebung aller Ausnahmegesetze wurde durch ein Kreisschreiben des Bundes- 
rates vom 14. Februar 1893 eingeleitet, worin die in der Darstellung erwähn- 
ten Kantone aufmerksam gemacht wurden, daß nach Ansicht des Bundes- 
rats alle Maßregeln gegen die H. zurückgezogen werden könnten; Bern frei- 
lich zögerte noch bis 1897 und Genf sogar bis 1898, dieser Ansicht völlig zu 
entsprechen. Im selben Jahre hielt der General in der letzteren Stadt eine 
große öffentliche Versammlung in demselben Schwurgerichtssaal, der Zeuge 
so mancher Verurteilungen gegen die H. gewesen war, und schon gegen 1890 
kamen die bis heute üblichen Zeltversammlungen am Himmelfalurtstage auf. 

Seit 1901 ist die Schweiz als besonderes Gebiet von Frankreich getrennt 
und wurde Booth Hellberg übertragen, auf den 1904 MacAlonan und 1909 Oli- 
phant folgte, der zugleich auch das Kommando über ItaUen erhielt. Dort 
wirkte seit 1887 ein Salutist, und zwar bis Herbst 1890 auf eigene Faust. 

Es bekehrte sich nämlich 1882 in London bei Eröffnung der Regent-Hall ein 
junger Waldenser, namens Fritz Malan, aus der gleichnamigen bekann- 
ten Waldenser Familie, der sich studienhalber in London aufhielt. Als sein Va- 
ter davon hörte, mußte er schleunigst nach Hause, wo er später auf seine Art 

96 



das zu tun anfing, was er in London bei der Armee gesehen. So standen die 
Dinge, als Major Jeanmonod ahnungslos in das stille Waldensertal kam, um 
sich zu erholen. Man begann zuerst mit der Arbeit unter den Fabrikarbei- 
terinnen von Torre Pellice, und dort errichtete man auch das jetzt in Mai- 
land befindhche H.-Q. Inzwischen, nämhch am lo. Februar 1887, hatte sich 
St. -Kap. Vint mit Frau von dem 1886 gegründeten, ersten italienischen 
Korps in London nach Rom begeben und in der Via laPrincipessa Margherita 
nahe beim Bahnhof, unter den gewöhnhchen Belästigungen und Störungen 
des Pöbels das Werk eröffnet. Die Polizei stellte sich auf selten der Salutisten, 
und bald konnte Vint von 20 Bekehrungen berichten. Sein früher Tod aber 
machte dem jungen Unternehmen ein rasches Ende. Auch sonst sind die Er- 
folge in Italien sehr bescheiden. Erst konnte der General auf seinen Reisen 
nicht einmal Herberge finden und war gezwungen zu Privaten zu gehen. 
Allerdings wurde er dafür 1911 entschädigt: Oberbürgermeister Nathan von 
Rom empfing ihn im Kapitol, der König sandte ein Begrüßungstelegramm, 
und Majetti, einer der ersten Richter Roms, hielt eine temperamentvolle 
Rede und küßte den General vor der ganzen Versammlung die Hand. Eigent- 
liche Sozialanstalten hat Italien noch nicht; man hält mit Mühe die paar 
Korps aufrecht. In der Schweiz dagegen blüht das Sozialwerk ebenso wie die 
geistliche Arbeit. Besonders erwähnt sei das Heim für entlassene Sträflinge 
in Köniz, wofür Hilty 40 000 Mark gab. Nach Schweden und Deutschland 
ist die kleine Schweiz das blühendste, nicht englisch sprechende H.-Land, sie 
hat viele Sympathien unter den besseren Ständen. Manche Behörden, wie die 
Kantonalregierung von Zürich, gewähren ihr feste Unterstützungen. So hat 
sich, mutatis mutandis, wieder einmal das Wort Tertullians bewahrheitet : 
sanguis martyrum — semen christianorum. 

9. DIE HEILSARMEE IN NORDEUROPA 

Eine der besten Freundinnen von Frau W. Booth aus späterer Zeit war 
Frau Billups, die Gattin eines reichen und bekannten Eisenbahn-Bauun- 
ternehmers, der 1878 geschäftshalber nach Schweden ging und den jungen 
ruhebedürftigen Bramwell B., den jetzigen General, mit sich nahm. So kann 
man sagen, daß die H. auf der Lokomotive in Schweden eingeschmuggelt 
worden ist. Bramwell B. leitete in Privathäusern und in Missionssälen Hei- 
ligungsversammlungen, und bei einer solchen fand sich auch Hanna Ouchter- 
lony, die Tochter eines Bankiers, ein und wurde gerettet. Von den Gefühlen 
der Verantwortlichkeit für ihre Nation getrieben, bat sie den General immer- 
fort in Briefen, Hilfe herbeizusenden, und kam schließlich persönhch nach 

7 Glasen, Der Salutismus Oy 



London. Aber bei dem großen Offiziersmangel konnte die Antwort nicht 
anders lauten als „Geh und rette Du selber Dein Volk !" Sie tat so und kehrte 
mit einigen Bekehrten zurück, um in die Kadettenschule einzutreten. Ende 
1882 wurde sie dann mit 3 oder 4 Offizieren nach Stockholm gesandt. In der 
„Reitschule" focht sie die ersten öffentlichen Kämpfe aus; 5000 Menschen 
drängten sich dort Abend für Abend, und sie konnte von ,, ellenlangen" 
Reihen Bußfertiger berichten. Allein, das Glück war von kurzer Dauer. Bald 
erhielt man keinen Versammlungsraum mehr, weil die Besitzer die Unord- 
nungen des teilweise soziahstischen Pöbels und die darauf einschreitende 
Polizei fürchteten. So war man einige Zeit bei der bitteren Kälte des nordi- 
schen Winters auf Straßen Versammlungen angewiesen. Trotzdem ging das 
Werk, ähnlich wie in der Schweiz, rüstig vorwärts. Noch 1883 kam die 
Frälsnings- Armen (= Heilsarmee) nach Gothenburg, Norrköping und Upsala, 
dann nach Malmö, Viborg, Sundwell und Wisby , Versammlungen nach 8 oder 
9 Uhr waren bis 1889 verboten, und in dem letzterem Jahre wanderten noch 
20 Offiziere wegen Übertretung dieser Vorschrift ins Gefängnis. Seitdem sich 
der König damals ins Mittel legte, ist ein vollständiger Umschwung des 
öffentlichen Verhaltens eingetreten, so daß jetzt Schweden das Dorado der 
H. auf dem Kontinent ist. 

Auf den ersten BHck könnte es bei dem kühl denkenden, lutherischen 
> Schweden auffallen ; näher besehen aber ist es die natürlichste Sache von 
der Welt, wenn die schwedische H. von Ystadt im Süden bis Kirna im Norden 
tätig ist, nach der englischen H. unter allen europäischen Ländern die meisten 
Offiziere hat und immer noch Missionare für andere Länder abgibt. Schwe- 
den hat von Anfang an vorzügliche Leiter gehabt; bis 1892 die Komman- 
deurin H. Ouchterlony, die auch einige Zeit in Amerika weilte, um die skan- 
dinavische Division in die Höhe zu bringen, dann Oliphant, MacAlonan, 
1904 Rees, 1909 McKie und seit 191 1 Oegrim. Es ist der dritte Schwede, 
der den Rang eines H.-Kom. bekleidet. Ein zweiter, nämlich Kom. E. Booth- 
Hellberg, ist am 5. Juni 1909 in Berlin auf der Durchreise nach Kopenhagen 
gestorben. Seit 1894 hatte Hellberg des Generals jüngste Tochter Lucy 
als Gattin und war in Upsala als stud. math. et philos. mit zwei anderen 
Studenten an die Bußbank gekommen. Er allein blieb fest und weihte trotz 
Kränklichkeit der H.-Sache sein Leben. Die beiden andern fielen ab; der 
eine starb als Selbstmörder, der andere wurde durch die Armee, nachdem er 
lange Zeit im Gefängnis gewesen, noch einmal für ein neues Leben gewonnen. 
Den vorzüglichen Leitern standen sodann vorzügliche Offiziere und Sol- 
daten zur Seite. Besonders ist der Eifer der L.-O. beispiellos. Nicht wenig 
zu dem glänzenden Erfolge hat aber auch die Teilnahme der gebildeten 

98 



Stände beigetragen. Berühmt geworden ist jene Studentenversammlung von 
Maud Charlesworth in Upsala. 

Cives academici, lautete ihr Plakat an die Herren Akademiker, — cras, 
Dominica — hora IV postmeridiana — in „salvationem" — vos omnes 
venitel — Maud Charlesworth — Britanna illa, quae gloria belli Helvetici 
floruit, publice loquetur — Nemo nisi civis academicus in ,,Arcam" (,, Arche" 
hieß die neue H. -Halle) aditum habebit. 

Ebenso wie dort, wohnten in Linköping die Studenten in großer Zahl den 
Versammlungen bei und als das Kuratorium das verbot, kamen sie zu den 
Offizieren in die Häuser. In jüngster Zeit haben sich der Armee auch einige 
Studentinnen angeschlossen. Dazu wetteifern die weltlichen Behörden mit 
den geistlichen an Freundlichkeit. Stockholm überließ der H. 1900 ein Volks- 
bad, dessen Einrichtung 300 000 Mark kostete, seit 1906 verwaltet sie auch 
ein Dutzend Milchautomaten und 1909 schenkte ihr die Stadt ein Grund- 
stück für ein Magdalenenheim. 

Eine besondere soziale Tätigkeit ist die von der Offizierin Esther Carlson 
geleitete Taubstummenfürsorge in Stockholm, Norrköping und Jönköping, 
der eine besondere Zeitung ,,Effata" dient. Bischöfe, so 1910 der von Visby, 
wohnen H.- Versammlungen bei und 1906 wurde Kom. Rees auf seiner Reise 
überall eingeladen, in Kirchen und Kapellen zu sprechen. Draußenversamm- 
lungen können, obwohl sie gesetzlich verboten sind, meist unbeanstandet 
gehalten werden, und selbst beim höchsten Adel genießt die H. die größte 
Achtung. Eine schwedische Prinzessin gab ihre Juwelen her, um ein H.- 
Spital für Frauen zu errichten, und als sie Tränen in den Augen der Kranken 
sah, die ihr dankten, soll sie gesagt haben, da finde ich meine Perlen wieder. 
Als warme Freunde der Armee sind auch zu nennen Prinz und Prinzessin 
Bernadolte. Fast alljährlich besuchte der General das Land, 1907 von der 
Königin Witwe Sophie und 1909 vom König Gustav V. empfangen. Beide 
spendeten der H. 1912 je 562 Mark, um die Insel Kuron als Trinkerheilstätte 
zu erwerben, und auf Empfehlung des Königs bewilligte der Reichstag zu 
diesem Zweck 13000 Mark. 

Alle diese Gründe für das Aufblühen des Salutismus in Schweden habeii 
aber, wenn ich so sagen soll, wieder ihre Gründe: i. in der tiefen Religi- 
osität der Skandinavier, 2. in ihrer Sympathie mit der Frauenbewegung und 
3. in den dort herrschenden Bestrebungen gegen den Genuß berauschender Ge- 
tränke. Der Staat ging mit einschränkenden Gesetzen schon lange gegen die 
Branntweinbrennereien vor. Als die Gothenburger sahen, daß sie verarmten, 
und eine Kommission die übergroße Zahl der Schenken als Giiind bezeich- 
nete, die zwar jährlich der Stadt 24 000 Mark Steuern einbrachten, gesellte 

99 



sich dazu die Selbsthilfe. Eine aus Bürgern gebildete Aktiengesellschaft 
unternahm es, das Schankgewerbe dem öffentlichen Wohle unterzuordnen, 
erwarb das gesamte Schankrecht von der Stadt und von den 6i Schenken 
gleich 40 und 1868 auch noch die übrigen 21, 1875 hatte die Gesellschaft auch 
alle Rechte für den Ladenverkauf an sich gebracht. Nur 40 Schenken ließ 
man bestehen, und zwar so, daß die Geschäftsführer kein Interesse an dem 
Verkauf hatten. Der Reingewinn floß der Stadt zu und betrug 1876 750 000 
Mark, obwohl man 26 Schenkbewilligungen nicht benutzte und 10 Schenken 
an Vereine und Speisewirte verpachtet waren. 1877 folgte Stockholm dem 
Beispiel Gothenburgs, und bis 1883, als die H. im Lande erschien, hatten 
57 weitere Städte in Schweden und schon 19 in Norwegen das System ein- 
geführt. Vivant sequentes! 
In Dänemark wurde die Fahne im Mai 1887 aufgepflanzt unter allgemei- 
nem Zulauf . Der ersteTagin Kopenhagen brachte 4 Seelen ,,an den Gnaden- 
thron". Am nächsten Abend standen einige 1000 Personen vor der Halle, 
entschlossen, hineinzukommen, obwohl diese nur 500 fassen konnte. Am 
dritten Tage vermochten nicht einmal 25 Polizisten die Ordnung aufrecht zu 
erhalten. In den ersten 5 Wochen zählte man 120 Bekehrte. Der General hielt 
mit Fritz Schaaff aus Stuttgart am 5. November in der großen Methodisten- 
kirche in Kopenhagen besondere Versammlungen. Mehr als 1000 Personen 
mußten dabei wegen Raummangels weggewiesen werden. Bald nachher 
konnte man in der Stadt schon das dritte Korps errichten. Das Schauspiel 
wiederholt sich Anfang 1888 in Aalborg und dann in Odense, wo gleich bei 
Eröffnung des Korps 77 Seelen zur Bußbank kamen. Im Juni wurde im ver- 
kommensten Viertel von Kopenhagen das fünfte Korps errichtet, und in 
dieser Art ist die Armee weitergegangen und heute in Dänemark wennmög- 
lich noch geachteter als in Schweden. Sie ist auf dem Lande bei dem kleinen 
Pachtbauer ebenso heimisch wie z. B. in Kopenhagen, das die Miete für das 
Magdalenenheim der H. bezahlt. Das Landesgefängnis gibt der Anstalt die 
Wäsche. Zu Korso überließen Bürgermeister und Stadtrat der H. einen Saal 
im Rathaus zu ihren Versammlungen, natürlich gegen Miete, wie das Gesetz 
es verlangt; sie beträgt jährlich — i Mark. Der königliche Hof bezeugte sein 
Interesse bei tausend Gelegenheiten. Wenn die frühere Zarin ihre Heimat be- 
sucht, sendet sie vor der Abreise nach Rußland stets ihre Gabe an das H.-Q. 
in Kopenhagen. König Friedrich VIII. besichtigte die Sozialanstalten, sprach 
oft mit Salutisten auf der Straße, kaufte sich den Kriegsruf und hatte sogar 
einen Salutisten als Chauffeur. Kurz vor seinem tragischen Tod in Hamburg 
1912 gestattete er noch, daß die H. aus Anlaß ihres silbernen Jubiläums im 
ganzen Lande eine Sammlung für ihre Kadettenschulen veranstaltete, und 

100 



bei dieser Gelegenheit hielt Bischof Koch in Riebe eine Ansprache. Chri- 
stian X., der neue König, tritt, wie das aus seinem bisherigen Verhalten zu er- 
warten war, was die Hochschätzung der H. angeht, ganz in die Fußtapfen 
seines erlauchten Vaters. 

Zu dem vulkanischen Island, dem Lande ohne Zölle und ohne Schulden, 
kam die H. im Mai 1895, also eben zu Beginn des drei Monate dauernden 
Tages, vertreten durch Major Eriksen und Frau aus Dänemark, wohin das 
Eiland auch politisch gehört. Anfangs herrschte über den Einfall einer Armee 
große Bestürzung. Ein auf seinen Nutzen bedachter Bauer scheint noch am 
ehesten über den Schreck hinweggekommen zu sein. Er meldete sich bei 
Eriksen, ,,um die Fleischlieferungen für die Truppen zu übernehmen." Wie 
es nunmehr, nachdem Eriksen 191 1 gestorben ist, unter den hochgebildeten 
Isländern um die H. steht, ersieht man daraus, daß sie 1912 in der Domkirche 
zu Reykjavik ihren Jahreskongreß abhielt. Außer in Reykjavik, wo die H. 
auch eine Fischerherberge leitet, finden sich noch Korps in Hafnarfjord, 
Isafjord und Akureyri. 

In Norwegen, dem Lande der Mittemachtssonne, hißte Kom. Ouchterlony am 
22. Januar 1888 die H. -Fahne. Die Entwicklung ist ganz gleich derjenigen 
in Schweden und Dänemark. Das H.-Q. befindet sich in der Hauptstadt 
Christiania, die augenblicklich 8 blühende Korps besitzt. 1905 brach in der 
Stadt eine große Erweckung aus, wie sie drüben in Wales häufig sind, hervor- 
gerufen durch den Seemann Lunde, der in einer H.- Versammlung zu Amerika 
bekehrt wurde und dann mit dem berühmten Methodistenprediger Moody in 
Berührung kam. Als die Bewegung auch auf das Land übergriff, unternahm 
der Heiligungsprediger der H., Oberst Brengle, 1907 einen Erweckungsfeld- 
zug, in dem ganze Scharen dieses ,, religiösesten Volkes Europas" zur Buß- 
bank kamen. Ebenso erfolgreich wie die geistliche Arbeit ist die soziale, deren 
weiblicher Zweig von der rührigen Ottilie Tonning geleitet wird, einer frü- 
heren Sozialistin, jetzt Mitglied des Stadtrats von Christiania und vom 
König durch Ordensverleihung ausgezeichnet. Einige Besonderheiten des 
Werkes müssen hier noch angeführt werden : 

Um den norwegischen Kabeljaufischern, besonders denen an den Lofoten 
zu Hilfe zu kommen, ließ Kom. Ouchterlony 1900 von der Firma Collin 
Archer, welche auch dem Nordpolfahrer F. Nansen die ,,Fram" lieferte, ein 
Rettungsboot bauen, das man ,,Cath. Booth" taufte zum Andenken an die 
Mutter der H. und dem 191 1 ein weiteres Rettungsboot in der Union folgte. 
Die Cath. Booth, befehligt von dem St.-O. Ovesen, bewahrte in den ersten 
10 Jahren 370 Fischerkähne mit 1500 Leuten vor mehr oder weniger großer 
Gefahr. Daneben dient ein Motorboot, ,, Königin Maud" ausschließlich der 

lOI 



religiösen Versorgung der Fischer. Wie man aus diesen kurzen Angaben 
schon schheßen kann, ist die H. in Norwegen nach der Landeskirche weitaus 
die volkstümHchste, rehgiöse Gemeinschaft, sie steht im könighchen Palaste 
ebenso in Ansehen wie in der ärmsten Hütte. Der Boden, worauf Halle 
und Kadettenschule in Christiania sich erheben, sind auf einem von einer 
Gräfin geschenkten Grundstücke gebaut. Der Ministerpräsident Knudsen 
überwies der H. Weihnachten 1908 ein beträchtliches Geldgeschenk und 
wohnte zugleich mit König Haokon VII. und dem Bischöfe der Stadt 
im folgenden Jahre dem Vortrag des Generals bei. Der König kollek- 
tierte bei dieser Gelegenheit in seiner Loge für die Zwecke der H., und 
im Frühjahr 1912 redete die Gattin des jetzigen Generals als erste Frau im 
Dome zu Bergen. 

"YV" rie in Schweden, so wurden auch ini^t««/a«idieAnf angskämpf e von einer 
W vornehmen, einheimischen Dame, der späteren Brigadierin von Tavel- 
Haartmann ausgekämpft. Seit jenem November 1889 hat sich das Werk im 
Lande der Seen und Sümpfe trotz mancherlei Schwierigkeiten bescheiden, aber 
stetig fortentwickelt . Die politischen Wirren und Russif izierungsbestrebungen 
blieben dabei ohne störenden Einfluß; denn die höchsten Behörden aller 
Parteien waren stets freundlich. Dagegen machen die Ortsbehörden auf den 
Dörfern heute noch oft Schwierigkeiten; die städtischen und kirchlichen, 
neuerdings sogar die griechisch-orthodoxen haben allmählich Verständnis 
für die H. gewonnen. Die Stadt Helsingfors, die noch 1891 den Kriegsruf 
unterdrückte und der Presse Anweisung gab, die H. totzuschweigen, jetzt 
der Sitz des H.-Q. und der Kadettenschulen, bewilligte 1908 für die H. -So- 
zialanstalten 15 000 deutsche Mark und 1910 wieder 5000 Mark für das Werk 
unter den Arbeitslosen. Neben Helsingfors seien noch als Hauptsitze der H. 
Wiborg, Skargard, Björneborg und aus letzter Zeit Kittila im äußersten 
Norden genannt. 

Unter den eigentlichen Lappländern ist die H. seit 1899 tätig. In der schwe- 
dischen Stadt Gefle, wohin die Lappen im Sommer zum Einkauf kommen, 
wurde sie zuerst mit ihnen bekannt. Der Offizier Lanier und ein paar andere 
haben sich mit gutem Erfolg dem Werke gewidmet. Sie ziehen den Leuten 
nach von Ort zu Ort, im Sommer bei dem blutigroten Scheine der Mitter- 
nachtssonne über rauschende, hochgeschwollene Flüsse und Bäche, im 
Winter bei flammendem Nordlicht durch die tote Einsamkeit von Schnee 
und Eis. Möchte es ihnen ebenso wie ihrem Landsmann Thorkildsen unter 
den Thlinget-Indianem gelingen, die Schuld des weißen Mannes, der ihnen 
mit dem Feuerwasser den Tod brachte, einigermaßen zu sühnen. 



102 



10. DIE HEILSARMEE IN SÜDAFRIKA 

Für Afrika ist das Kap der Guten Hoffnung Einfallstor der H. geworden, 
und gleich der Beginn des Kampfes hat seine heitere Seite, ähnlich wie in 
Island. An einem glühend heißen Nachmittage im Frühjahr 1883 wurde in 
Kapstadt der Dampfer signalisiert, welcher die ,, Armee" aus England 
herüberbringen sollte, und die Berichterstatter eilten an den Strand, um 
einen interessanten Artikel über die Ausschiffung der ,, Truppen" bringen zu 
können. Einer vermochte es nicht einmal so lange aushalten, ließ sich mit 
einem Boot zum Schiffe rudern, kletterte schweißtriefend an Bord und ver- 
langte keuchend zum ,, Oberbefehlshaber" geführt zu werden. Man wies ihn 
an eine in aller Ruhe dasitzende kleine Gruppe, bestehend aus einem Mann, 
zwei Frauen und einem Schoßkind, und als der Herr fürchterlich enttäuscht 
nach den Soldaten fragte, erfuhr er, daß er sich damit gedulden müsse, bis 
man sie aus den Wirtshäusern, Spelunken und Gefängnissen des Kaplandes 
herausgeholt habe. So begann der Heilskrieg in Südafrika, der bis heute den 
Charakter eines Kleinkrieges bewahrt hat. Marktschreierische Erfolge sind 
ja auch bei der vielsprachigen und entweder sehr dünnen oder sehr wech- 
selnden Bevölkerung ausgeschlossen, zumal es sich in der Hauptsache um 
Heidenmissionen handelt. Wie alle Missionsländer, erfordert Südafrika jähr- 
liche Zuschüsse, obwohl die Regierung regelmäßige, beträchtliche Unter- 
stützung gewährt, 1903 z. B. 28000 Mark, und die armen Leute ebenso wie 
in Indien ihr Äußerstes beisteuern. Dort hat man besondere Büchsen, um 
Reis zu kollektieren, hier gibt es Gemüse, Perlen, ein oder zwei Zuckerrohr- 
stengel und ähnliches. Von besondern Verfolgungen ist mir nichts bekannt 
geworden, und das Werk breitete sich zusehends aus sowohl in Kapstadt, wo 
sich das H.-Q. befindet, als im Hinterlande. Da brach der Burenkrieg aus 
und die Zahl der Korps sank von 81 auf 34; ein schwerer Schlag, wenn auch 
die finanzielle Lage sich in jener Zeit eher verbesserte als verschlechterte. 
Die schon erwähnte Murray war mit 10 Hilfsoffizieren während des ganzen 
Krieges im Felde tätig, erntete allseitig höchstes Lob und empfing von 
Eduard VII. das militärische Ehren- Abzeichen. Die H.-Mission ist die einzige, 
welche unter den Buren selber Anhänger hat und daran hat selbst der er- 
bitterte Krieg nichts geändert. In der Halle von Kapstadt konnte man in 
jener Zeit in großer Schrift auf der Wand lesen : Unter unserm Banner sind 
alle Nationen eins. Besonders manche Geisthche der holländischen refor- 
mierten Kirche sind sehr freundlich, und andere Missionsbestrebungen haben 
sich schon den Namen H. beigelegt, um Nutzen aus deren Ansehen zu ziehen. 
Die Offiziere können gesetzlich gültige Ehen schließen und vielleicht noch 
freier als in Kanada unter den Sträflingen wirken. Jugendliche bringt man 

103 



statt ins Gefängnis bei der H. in Fürsorgeerziehung, und seit Februar 1903 
ist den entlassenen Gefangenen eine Zuflucht geboten in der Rondebosch- 
Farm in der Nähe von Durban, dessen Bürgermeister durch eine Anzahlung 
den Kauf des 1200 ha großen Besitzes ermöglichte. Die Regierung von Natal 
gibt jährlich 8000 Mark Zuschuß. Den Weißen ist die Armee bei Ausbruch 
des Gold- und Diamantenfiebers in die unwirtlichsten Gegenden nachge- 
zogen, und auch der Schwarzen hat sie sich in den Städten von Moritz- 
burg, Durban, Port Elizabeth, King Wilhamstown, ebenso wie unter den 
Saisonarbeitern der Kimberley- und Johannisburgminen sehr früh ange- 
nommen. Seit 1887 hat man die eigentliche Heidenmission planmäßig be- 
gonnen : 

I. unter den Eingeborenen auf den großen Farmen, so auf derjenigen des 
Farmers Boshoff, ,,Bramwell-B.-Niederlassung" genannt; nordöstlich davon 
aber noch in demselben Besitztum die Florence-B. -Niederlassung; femer 
2. unter den Eingeborenen in noch unangebauten, aber Weißen zugehörigen 
Landstrichen, z. B. die Lewis-Niederlassung in Help Makaar, Natal ; die Jim- 
Osbom-Niederlassung im Vryheidbezirke, Transvaal ; die Bath- und Hulett- 
Niederlassung und die Niederlassung inNieder-Tugela; 3. unter den Urein- 
wohnern z. B. in der Catherine-B,-Niederlassung im Zululande, in Egwaba, 
Tschoxa und in Mazoe Valley, 29 km von Salisbury, wohin man 1891 zur 
Bekehrung der Maschona und Matabele zog und von 1200 ha Land Besitz 
ergriff. 1894 richtete eine Feuersbrunst gewaltigen Schaden an, und 1896 bei 
den Eingeborenen-Aufständen wurde Kap. Cass ermordet. Seitdem geht das 
Werk gut voran. Im Bacalande, hißte Oberst Pearce 1904 die Fahne, und 
wahrscheinlich wird man in nächster Zeit auch unter den hochentwickelten 
Basutos eine planmäßige Tätigkeit entfalten. 

Der Kriegsruf wird in Englisch, Kapholländisch und in der Eingeborenen- 
sprache, und zwar durch eigene Druckerei herausgegeben. Seit dem Besuche 
des Generals im Herbste 1908 ist das ganze Missionswerk einheitlich organi- 
siert und dem Oberstl. /. A. Smith unterstellt worden, der augenblicklich 

29 europäische und 59 eingeborene Offiziere, 212 L.-O. und 3000 Soldaten in 
34 Niederlassungen (so werden in der Kapmission die Korps genannt) und 

30 Gesellschaften (societies = Außenposten) unter sich hat. Ein Emlungis- 
weni {— Ort, wo man besser gemacht wird, Kadettenschule) befindet sich in 
Tschoxa bei King Williamstown. Das alte Ausreitersystem hat man neuer- 
dings straff geregelt, indem man je 4—5 Dörfern oder Farmen in einem Um- 
kreis von 65 km einen Offizier gegeben hat, der über ein Pferd und einen 
Kapwagen verfügt, jenem von den Holländern eingeführten Ochsenvehikel. 
Die Schwarzen selber brachten 191 1 für die Mission der H. die für ihre Ver- 

104 



hältnisse gewaltige Summe von 14 480 Mark auf. Sie hängen an der ,,Bum- 
Bum-Religion" (1909, 18, 5 = Religion mit der Trommel) und den Offizieren 
mit zäher Liebe. So schickten die Zulu beim Abschiede des Kom. Kilhey 
1905 folgende Botschaft: „Wir grüßen euch. Wir erinnern uns euer mit 
großer Freude. Wir werden in der Armee kämpfen. Wir werden durch 
die Kraft Gottes siegen. Gehet in Frieden, Häupter des Volkes! Mögen 
die Winde des Lebens freundlich über euch wehen ! Möge Gott euch segnen ! 
Gehet, gehet in herrlichen Frieden!" Augenblicklich steht Kom. Eadie an 
der Spitze der H. in Afrika, die trotz einer Erkundigungsreise von Kom. 
Railton nicht über den Süden hinausgekommen ist^. Das immerhin ge- 
waltige Gebiet ist in 4 Divisionen eingeteilt, die von Rhodesia, Zululand, 
Hosa und Transvaal. 

II. DIE HEILSARMEE IN DEUTSCHLAND 
71 merikas Salutisten grüßen ! Die erste deutsche Batterie am Sonntag in 
„x~v Neuyork eröffnet. Glorreiche, große Feier!'' Mit diesem Telegramm be- 
glückwünschte Railton am 18. Juni 1880 den General zur silbernen Hochzeit. 
Drei Jahre später begann man in London ein deutsches Korps zu bilden, das 
1884 verlegt wurde von Marchmont Street nach der Cooper-Hall, Commer- 
cial Road, nahe dem Mittelpunkt der deutschen Bevölkerung Ostlondons. 
In beiden Städten war der jetzt als Kaufmann tätige Fritz Schaaff die Seele 
des deutschen Salutismus, und die Eroberung Deutschlands wurde allmäh- 
lich beschlossene Tatsache. Schon 1884 teilte Kolde das für diesen Zweck 
gedichtete Lied mit, und daß unter diesen Umständen der von Hofprediger 
Stoecker dem General persönlich erteilte Rat, doch ja aus Deutschland weg- 
zubleiben, nichts fruchtete, ist erklärlich. W. B. hat vielleicht nach keinem 
andern Lande so sehnsuchtsvoll ausgeschaut, wie nach demjenigen Luthers; 
andere sind ihm in den Schoß gefallen oder wurden ihm aufgenötigt ; unser 
Vaterland hat er haben wollen. Nicht weniger als 24 mal ist er nach Deutsch- 
land gereist ; in allen größeren Städten hat er gesprochen, und auf dem Sterbe- 
bette hatte er den Wunsch, nur noch einmal in den Zirkus Busch nach Berlin 
zu kommen. Auch die erste Auslandreise seines Sohnes, des jetzigen Generals, 
galt wiederum Deutschland. Wir haben gesehen, daß Fritz Schaaff 1885 das 
Werk in der deutschen Schweiz begann, und zwar, wie der War Gry damals 
berichtete, um von dort aus den Weg nach Deutschland zu ebnen. In dem 
seit dem i. März 1885 erscheinenden, deutschsprachlichen Kriegsruf machte 

^ Abgesehen von Deutsch-Südwest-Afrika, wo der deutsche H. -Offizier Schade aus 
Anlaß des 25 jährigen Regierungs Jubiläums unseres Kaisers die Arbeit nunmehr be- 
ginnen wird. 

105 



er bekannt, man habe die Absicht, das Werk über die ganze Schweiz und 
Deutschland auszudehnen ; darum würden Hallen oder Räume wie Fabrik- 
säle und Magazine gesucht, die in geeignete Versammlungslokale umge- 
ändert werden könnten. Mißstimmungen zwischen Schaaff, der ,, friedlich mit 
der Kirche zusammenwirken und sich näher an sie anschließen wollte"^, und 
den leitenden Offizieren verzögerten aber die Eröffnung Deutschlands bis 
zum 14. November 1886. An diesem Tage wurde die erste öffentliche H.-Ver- 
sammlung auf reichsdeutschem Boden zu Stuttgart in einem Hinterhause 
Eugenstraße 6 gehalten. 

Die Geschichte des deutschen Salutismus weist drei sich deutlich vonein- 
ander abhebende Perioden auf, die erste von 1886— 1894 reichend, wo 
Mc Kie, die zweite von 1894— 1901, woOliphant, die dritte von 1901— 1909, wo 
MacAlonan die Leitung über die deutsche H. erhielt. Schaaff hatte bis Herbst 
1889 das Kommando, und daß er gerade im Züricher und Baseler Lande und 
dann in Stuttgart begann, hatte seinen guten Grund. Basel und Zürich sind 
von altersher Sitze pietistischer, herrenhutischer und mystischer Kreise ge- 
wesen. Württemberg aber und besonders seine Hauptstadt war schon in den 
dreißiger Jahren Vorort für die Bestrebungen der Inneren Mission in Deutsch- 
land. 1889 trennte sich Schaaff von der Armee, weil er sich mit London „über 
die Art und Weise, wie das Werk in Deutschland geleitet werden sollte", 
nicht einigen konnte, wie er in dem ,, Vorwärts", dem Organ seiner Neu- 
gründung, erklärte. Es wäre interessant, wenn man die Zusammenhänge 
aufdecken könnte, welche sehr wahrscheinlich zwischen diesem Vorgange 
und den in Amerika geschilderten Schwierigkeiten bestehen. Offenbar war 
Schaaff von amerikanistischen Ideen angesteckt worden. Übrigens verhef 
die Neugründung bald im Sande, während die H. langsamen, aber festen 
Schrittes weiter ging. 

März 1890 wurde Railton, die beste verfügbare Kraft, zu dauerndem 
Aufenthalt nach Deutschland geschickt. Er war der rechte Mann für jene 
Zeit, wo man an den meisten Orten die Fenster der Hallen mit Brettern ver- 
nageln mußte, weil pöbelhaftes Volk und halberwachsene Bengel sie doch 
immer wieder einwarfen. In Elberfeld setzte es einmal, als man zur Halle 
ging, Stöße und Schläge, und die Mütze Railtons flog auf die Straße. Die ganze 
Erwiderung, welche der Kommandeur dafür hatte, war, daß er lächelnd zu 
seinem Angreifer sagte: ,,Gott segne Sie!" Er reiste viel, und zwar immer in 
der untersten Wagenklasse, ausgerüstet wie auf seinen späteren Weltreisen 
mit einer Decke, einem Feldstuhl, einer Anzahl Kriegsrufen und einer kleinen 
Tasche. Dabei war er ein Fakir an Genügsamkeit, ein zweiter Franziskus 



1 Züricher Tageblatt, 6. August 1886. 
106 



von Assisi, was für einen damaligen Kommandeur von Deutschland beson- 
ders in die Wagschale fiel ; denn man wollte von England soviel als möglich 
unabhängig sein, und die eigenen Mittel waren schmal. „So herrhch auch der 
Eifer und die Selbstverleugnung gewesen ist", schrieb er damals, sich selber 
bescheiden aus dem Spiele lassend (42, VIII), „von denen ich unter meinen 
Kameraden in andern Ländern Zeuge gewesen bin, so habe ich doch nie 
irgend etwas gesehen, was mir mehr Hoffnung eingeflößt hätte als die ein- 
fache, demütige und selbstvergessene Arbeit, durch welche meine Kame- 
raden hier in Deutschland unser Werk in einer Stadt nach der andern be- 
gründet haben." 

Zu den Angriffen des Pöbels und dem bittern Mangel an Geld kam als 
dritte Schv/ierigkeit die große Gleichgültigkeit breiter Volksschichten gegen 
alles Religiöse. Berlin mit einigen Millionen Einwohnern soll in seinen Kir- 
chen nur Platz für 70 000 Menschen haben, und dieser Raum reicht nicht nur 
hin, sondern ist, wie ich mich überzeugt habe, wirtschaftlich verschwendet; 
denn die Kirchen stehen mehr oder weniger leer, ausgenommen die katholi- 
schen zur Zeit des sonntäglichen Hauptgottesdienstes. Da wundert man 
sich nicht, wenn selbst der General, der freilich die spätere Zeit am ,,Booth- 
Tage" (= Bußtage) regelmäßig seine 5000 Zuhörer im Zirkus Busch hatte, 
damals bei einer Gelegenheit zu 27 Leuten, darunter 12 diensttuenden 
Schutzmännern, geredet haben soll. Damals tat die Polizei noch mancher- 
orts ihr Bestes, die H. zu unterdrücken. In Stuttgart durfte sie Sonntags 
nur morgens von 8—^/211 und nachmittags um 3 Uhr Gottesdienst halten. 
In Kiel wurden Railton und etwas später auch eine schweizerische Offizierin 
als lästige Ausländer ausgewiesen. Dann begann dort 1888 der Offizier 
Treue das Werk, der in England gewesen, aber die deutsche Staatsangehörig- 
keit noch nicht verloren hatte, eingeführt von dem Methodistenprediger Dr. 
Lüring. Später gelang es dem holländischen Offizier Schock, die Polizei gün- 
stiger zu stimmen. Eine Tochter von ihm leitete 1890 das erste Korps in 
Hamburg. Stettin wurde 1889 eröffnet, und in den ersten 6 Wochen kamen 
170 Leute an die Bußbank. Dann wurde die Halle wegen der Straßenaufläufe 
pohzeilich geschlossen, und Kap. Treite konnte erst nach drei Monaten eine 
neue in der ,, alten Kettenschmiede" eröffnen. In Memel wanderte eine Reihe 
von Salutisten ins Gefängnis, weil sie trotz polizeilichen Verbotes bei ihren 
Versammlungen musizierten, und vor nicht allzulanger Zeit zertrümmerten 
dort noch irgendein paar kräftige Fischerarme mit einem Beil die Hallentür. 
Das Kunstvollste aber hat, freilich erst in neuerer Zeit, die Kunststadt 
Dresden geleistet. Es steht dem Züricher Schildbürgerstückchen in nichts 
nach. In Dresden nämlich mußte die H. nach Gründung des Korps 1904 für 

107 



ihre Versammlungen — Vergnügungssteuer entrichten. Railton hat zeit- 
lebens Deutschland eine besondere Liebe bewahrt. Es war, wie er selbst sich 
ausdrückt, seine Sehnsucht, Deutschland solle die Welt zum richtigen Glau- 
ben zurückführen, und gleich anfangs hatte er die Überzeugung, daß dieses 
Land entweder dem Katholizismus oder der Heilsarmee anheimfallen müsse. 
Er starb am 19. Juli 1913 zu Köln auf dem Hauptbahnhof, in dem Zuge nach 
Amsterdam, den er in Eile soeben bestiegen hatte, an einem Schlaganfall. 
, , Railton wird bei mir sein' ' , hat der alte General kurz vor seinem Tode gesagt . 

Im Dezember 1894 wurde Railton abgelöst durch Thomas McKie, einen 
Engländer aus Newcastle. ,,Mit diesen Augen könnten Sie doch wohl etwas 
für Gott tun", hatte der General gesagt, als er zum ersten Male den leuchten- 
den Blick des jungen Mannes sah. Seine Mahnung war nicht vergebens, und 
die Offizierslaufbahn von McKie hat etwas Meteorartiges. Die berühmtesten 
englischen Korps wurden ihm anvertraut, und er erzielte durch seine Hingabe, 
Festigkeit und Unerschrockenheit die größten Erfolge. Er verstand es, die 
eigenen Leute zu entflammen und mit sich fortzureißen. Diese Eigenschaften 
haben McKie für ein Menschenalter hinaus die Liebe und Anhänglichkeit der 
deutschen Salutisten gesichert. Die Lage war bei seiner Ankunft ziemlich be- 
trübend. Railton war, um unnütze Ausgaben zu vermeiden, gezwungen ge- 
wesen, 6 Korps aufzugeben und die Zahl der Offiziere war um 33 gesunken. 
Dagegen hatte Melde einen Mann zur Seite, der in seiner Person diese Nach- 
teile und den Verlust Schaaffs mehr als ersetzte: Jak. Junker, 1849— 1 901, 
seit 1875 Direktor der Bismarck-Kohlenbergwerke in Ruhrort, dann Direk- 
tor der Zementwerke in Weissenau bei Mainz, ein so aufrichtiger und lau- 
terer Charakter, daß einige Deutsche H.-Kritiker sich durch ihn hätten ver- 
anlaßt fühlen sollen, mit ihrem Verdammungsurteil vorsichtiger zu sein. 
Durch einen deutsch-schweizerischen Kriegsruf aufmerksam gemacht, 
wohnte er zuerst in Basel einer Versammlung bei, dann kam er mit Schaaff 
in Stuttgart zusammen. Das dürftige Leben, welches dieser mit seiner Fa- 
milie und seinen Offizieren führte, obschon sie bessere Verhältnisse gewöhnt 
waren, machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Dazu gewann er aus seiner 
Einsichtnahme in die Buch- und Rechnungsführung unbedingtes Vertrauen 
zu der verachteten Gemeinschaft. Als Schaaff und Railton am 26. Februar 
1888 zu Berlin, Kommandantenstraße, in der Ressource die erste Versamm- 
lung hielten, bezahlte er die Saalmiete und spielte den Türhüter. ,, Beutel- 
schneider oder Schwärmer" urteilten damals die Berliner Zeitungen, ,, jeden- 
falls aber in Deutschland überflüssig." Junker war nicht so schnell mit 
seinem Urteil fertig, sondern ging nach London, um der Sache auf den Grund 
zu kommen, mit dem Ergebnis, daß er dort — er sprach geläufig englisch und 

108 



französisch — am 7. Oktober 1889 in die Kadettenschule eintrat. Im April 
1890 kam er nach Stuttgart und stieg schnell bis zum Oberstleutnant und 
Chef Sekretär und hatte bis zum Kom. nur noch einen Schritt — da traf ihn 
am 10. März 1901 ganz unversehens bei dem Begräbnis einer Offizierin ein 
Herzschlag und machte diesem Leben der Aufopferung ein Ende. Um besser 
für Gott arbeiten zu können, war Oberstleutnant Junker unverehelicht ge- 
blieben, und sein Vermögen von 120000 Mark vermachte er der deutschen 
H. für ein H.-Q. Unter ihm und wahrscheinlich auch mit seinem Gelde be- 
gann man mit der Sozialarbeit ; Railton war darin über schüchterne Versuche 

— er hatte im Winter die Versammlungshallen heizen und ähnlich wie in 
Paris und anderswo die Obdachlosen nachts auf den Bänken schlafen lassen 

— nicht hinausgekommen. So hinterließ McKie bei seinem Abschied 8 Sozial- 
anstalten, 310 neue Offiziere und 106 neue Korps, wofür der Hagestolz von 
Deutschland als Gegengeschenk eine Gattin und ein Töchterchen erhielt, 
,,die kleine Grefe", das Kind eines armen verlassenen Dienstmädchens, das 
Weihnachten 1898 in dumpfer Verzweiflung auf der Straße stand und von 
einer Dame auf die H. aufmerksam gemacht wurde. Sie kam eben, als man 
im H.-Q. die Kerzen des Tannenbaumes angesteckt und einen kleinen Brand 
erlebt hatte. Die Gattin ist die lange in Deutschland tätige Majorin Mei- 
dinger, die erste und vorläufig die einzige deutsche Kommandeurin, Das 
junge Paar, das sich von der kleinen Grefe ebensowenig trennen konnte, als 
dieses von ihm, übernahm die Leitung von Australien. Deutschland wurde 
Oliphant unterstellt, der am 11. September 1901 in Berlin eintraf. 

Mit ihm folgt auf die erste Zeit des allerbescheidensten Anfangs und die 
zweite des vor der Öffentlichkeit verborgenen großen Fortschrittes eine 
dritte, charakterisiert durch den Umschwung der öffentlichen Meinung und 
durch das großartige Aufblühen der sozialen Tätigkeit. W .Elwin Oliphant, ehe- 
mals Geistlicher der englischen Hochkirche und durch Frau Cath . B . gewonnen , 
ist ein guter Redner und fruchtbarer Schriftsteller. Er begann die Arbeit im 
großen Stile zu organisiren und bekannt zu machen, unterstützt von seiner 
feingebildeten, vornehmen und liebenswürdigen Gattin, die ihm an Uner- 
müdlichkeit gleichkommt und ihn als Rednerin noch übertrifft. Gerade 
die Sozialarbeit, mit der die Namen der jetzigen Stabsoffiziere F. Rothstein 
in Köln und 0. Bohzin in Hamburg unzertrennlich verknüpft sind, bahnte 
ihnen den Weg zum deutschen Volke. Wie an einem Thermometer die Wärme, 
so kann man diese steigende Achtung an der Haltung der Behörden und der 
Presse ablesen. Dieselbe Presse, welche ehedem aus losem Geschwätz und 
abenteuerlichen Vorstellungen, aus wohlfeilen Witzen und albernem Unsinn 
und, wenn sie es ausnahmsweise einmal ernst nahm, aus Kolde und Pestalozzi 

109 



ihre Berichte über die H. zusammenarbeitete, gedachte des toten Generals 
mit Worten warmer Anerkennung und hoher Achtung; Konkurrenten na- 
türhch wie die Sozialdemokratie und die Orthodoxie sind immer ausgenom- 
men. Verkörpert ist dieser Umschwung z. B. in dem verewigten Pastor 
Funcke, der zuerst scharfe Kritik an der Armee übte, 1905 aber von seinem 
Richterstuhl herunterstieg und drei Aufsätze: ,,Zu den Füßen des Generals 
Booth" schrieb. Die pohzeilichen Behörden waren anfangs, vielleicht auch 
ein wenig durch das Vorgehen der schweizer Kantone beeinflußt, sehr zu- 
geknöpft oder sogar feindlich. Vielen Mißhelligkeiten entzog das Reichs- 
gericht den Boden, indem es am 5. Oktober 1900 entschied, daß die H. ,,eine 
in Preußen bestehende Religionsgemeinschaft sei"^ Dieser rechtlichen An- 
erkennung sind freiwiUige in großer Zahl gefolgt. Königsberg, Leipzig, 
Straßburg, Mülhausen, Düsseldorf, Köln und vor allem Hamburg unter- 
stützen das Sozial werk, Hamburg in den letzten Jahren mit ig 000 Mark jähr- 
hch. Die Hansastadt hat 4 Männer- und i Magdalanenheim. In Mainz nimmt 
die H. gegen Entschädigung die ihr von der Polizei überwiesenen Obdach- 
losen auf, und nach einem Bericht des Bürgermeisteramtes hatten sich die 
Verhaftungen und Bestrafungen der Obdachlosen dadurch um 70% ver- 
mindert. Mehr aber als alles dies will uns Deutschen der prachtvolle Kranz 
weißer Lihen besagen, welchen der Kaiser an der Bahre von W. Booth nieder- 
legen ließ. 

Damit sind wir schon in die Amtsperiode von W. J. MacAlonan gekommen, 
die seit dem 11. Dezember 1909 läuft. Er war früher Kaufmann in Belfast, 
trat zusammen mit seinem Prinzipal Carleton in die H .ein und v/ar mit ihm lange 
Zeit in der Leitung der Handelsabteilung tätig. Dann wurde er Untersekre- 
tär des Auswärtigen, Leiter von Schweden und schheßhch von der Schweiz. 
Bescheidenheit, Fürsorge für seine Offiziere und eine ganz hervorragende 
Verwaltungstüchtigkeit zeichnen ihn aus. So hat er bis jetzt mehr an der 
Entfaltung dea^nneren Lebens und Ausbaues gearbeitet. Dabei hat sich der 
soziale Zweig, der seit den Tagen Ohphants Träger der Hauptentwicklung 
ist, weiter ausgedehnt und wird sich weiter ausdehnen, weil weder Protestan- 
tismus noch Katholizismus der eigenthchen H. -Sozialarbeit irgend etwas 
Gleichwertiges gegenüberstehen können, wenn auch einige kleine Versuche, 
die H. nachzuahmen oder gar zu verdrängen, gemacht worden sind, so z. B. 
durch die protestantische innere Mission und auf selten des Katholizismus 
in Köln durch ein von Ordensbrüdern geleitetes interkonfessionelles und von 
der Stadt unterstütztes Obdachlosenheim. Deutsche Kommunalverwaltun- 
gen waren die ersten, welche die H. unterstützten, und ich denke, daß die H. 
1 II Str. S. V. vom 5. Okt. 1900, g, G. D. 2686cx3. 

HO 



ihr Vertrauen in immer höherem Maße rechtfertigen und erwerben wird. 
Über die Sozialarbeit im besondem berichtet die seit Januar 1912 erschei- 
nende kleine Monatsschrift: „Strahlen im Dunkeln". 

Der geistliche Zweig ist zurzeit in 9 Divisionen organisiert. Die Holstein- 
sche, die Mitteldeutsche, die Sächsische, wozu auch Gablonz in Böhmen ge- 
hört, die Süddeutsche, die Berliner, die Essener, die Rheinländische, die 
Schlesische und endlich die Nordost division, welcher die meisten Offiziere 
entstammen. In Bayern ist es bis jetzt noch nicht über je eine Versammlung 
hinausgekommen, welche Railton früher in München und MacAlonan in 
Nürnberg hielt. Es kann keinem Zweifel unterhegen, daß gerade MacAlonan 
Gaben hat, die ihn ganz besonders zur Leitung in Deutschland befähigen und 
die auf allen Punkten einen stetigen Fortschritt gewährleisten. 

12. DIE HEILSARMEE IN HOLLAND 

Die Gründungsgeschichte der H. in Holland knüpft sich an drei Namen; 
Tyler, Govaars und Schoch. Tyler, ein englischer H. -Offizier, kam in Wa- 
les mit Holländerinnen zusammen, welche sich dort zur Erholung aufhielten, 
und dadurch reifte in ihm der Wunsch, das holländische Volk für die H. zu 
gewinnen. G. J. Govaars, ein junger holländischer Lehrer, war inzwischen 
durch einen Dekorateur, der in Paris die H. kennen gelernt hatte, für das 
Werk begeistert worden und hatte im Kriegsruf zuerst von ihm gelesen. An- 
fang 1886 besuchte Railton Holland mit der Absicht, ein Liederbuch für 
Südafrika, das eben eröffnet wurde, drucken zu lassen. Mit ihm kam Govaars 
zusammen, und auf seine Veranlassung reiste dieser nach London, wo er die 
Bearbeitung des Liederbuches in Holländisch für die Kapkolonie übernahm. 
Dann trat er ganz in die Armee ein und wurde mit Tyler für Holland be- 
stimmt, ging aber, weil dieser erkrankte, vorerst zu Schaaf nach Stuttgart. 
Schoch, geboren in Amsterdam, erzogen in Schaffhausen und bis 1869 Artil- 
lerieoffizier in Breda, ein Mann aus alt angesehener Familie in Holland, ar- 
beitete seit 1883 mit anderen christlichen Leuten in Amsterdam, und das 
jetzige Korps I in dieser Stadt hat noch den von Schoch damals benutzten 
Versammlungsraum. Durch Berichte aufmerksam gemacht, ging er nach 
England, die Armee kennen zu lernen, und bot sich 1887 bald nach der Er- 
öffnung von Holland durch Tyler und Govaars als Offizier an. Erst noch 
Kadett, war er einige Wochen in Stuttgart, dann in Nottingham tätig. Als 
Adjutant bereiste er mit Railton Deutschland und Belgien, kam wieder nach 
Belgien und in der Folge nach Italien, Finnland, Norwegen, Schweden, der 
Schweiz, Deutschland und noch einmal nach Belgien. Jetzt lebt er auf seinem 
Ruhesitze in Holland. Alle 4 Töchter von ihm sind Gattinnen bekannter und 

III 



schon erwähnter Salutisten, Cornehe jetzt Frau Herbert Booth; Celestine 
jetzt Frau Ohphant; Wilhelmine jetzt Frau Malan; Henriette jetzt Frau 
L. Roussel. 

Tyler und Frau erhielten 1887 ihre Bestallung nach Amsterdam ; Govaars 
begleitete sie als Leutnant ; Schoch und Frau halfen, und dieses hielten a-m 
8. Mai in der Gerard Donstraat die erste Versammlung, die, wie überhaupt 
die Versammlungen der ersten Zeit, einen stürmischen Verlauf nahm. Doch 
tragen alle diese Unruhen einen ,, ländlich-sittlichen" Charakter, veranlaßt 
vom rauflustigen Volke; die Polizei trat überall gegen die Ruhestörer auf 
und nahm wie in Vlissingen eher Mihtär zu Hilfe, als daß sie der H. Be- 
schränkungen auferlegte. Diesem Vorgehen ist es wohl zu danken, daß sich 
die Zwischenfälle bald legten. Im November gründete man das zweite Korps 
in Haarlem, und Ende 1888 war die Armee schon in allen größeren Städten, 
zählte 20 Korps und ist heute so volkstümlich, wie sie nur in England und 
Skandinavien sein mag. Als sie 1898 in der Nacht vor der Krönung der 
jungen Königin mit Musik und Gesang — und die Holländer sind dabei nicht 
sparsam mit dem Atem — durch Amsterdam zogen, da jubelte ihnen alles 
zu, und die Salutisten rühmen selber den guten Besuch ihrer Versammlungen. 
Doch hält es schwer, die Leute an die Bußbank zu bringen ; sie schämen sich 
wie Kinder vom Lande, so empfänglich sie andererseits auch sind für die 
freie und ungezwungene Art, mit welcher die H.-Religion sich darbietet. Die 
meisten Korps haben einen festen und ansehnlichen Bestand von Soldaten, 
und alljährlich wandern holländische Offiziere als Missionäre in fremde 
Länder, besonders nach Holländisch- Indien ; ich erinnere nur an die Offiziere 
Luppeus, Mellema, Palstra, Scheffer, De Vas, Volten, Wolters und vor allem 
an van Rossum und den älteren, eben erwähnten Govaars, jetzt Chef Sekre- 
tär von Deutschland ist. Das läßt darauf schließen, daß die Niederlande 
als von der H. vollständig erobert gelten können. Eine weitere Entwicklung 
der geistlichen Arbeit, wenigstens nach der Breite hin, ist nicht mehr wahr- 
scheinlich. Finanziell ist Holland seit der allerersten Zeit von London unab- 
hängig, und die 48 Mark, womit Tyler begann, sind wahrscheinlich alles, was 
,,Het Leger des Heils" (= Heilsarmee) den Engländern gekostet hat. In 
allerletzter Zeit hat man, so gut steht sich Holland, 400 000 Mark für den 
Bau neuer Hallen verausgabt. Auf alle mögliche Weise sucht man die unteren 
Klassen mit dem Evangelium zu erreichen. Weil Draußen Versammlungen 
eigentlich gesetzlich unstatthaft sind, haben die findigen Salutisten von 
Utrecht und Haag einen Marktstand gemietet, wo sie Bibeln und H.-Schrif- 
ten verkaufen und dabei — nach Herzenslust predigen. Auch schwimmt seit 
einiger Zeit ein zweites mit einer Halle ausgestattetes Missionsboot auf den 

112 



holländischen Kanälen. Den ersten Schleppkahn, „Hoffnung für alle", zieht 
Kap. Wynhold schon seit Jahren an einem über die Schulter gelegten Seile 
von Ort zu Ort, während seine Frau an der Pinne ist und steuert. Daß die 
Armee überall in höchster Achtung steht, ist nach alledem wohl überflüssig 
zu bemerken. Die Königin, meines Wissens die erste gekrönte Abstinentin, 
folgt treu dem Rate, welchen die Körügin Mutter gelegenthch eines Emp- 
fanges ihr gab : „Diesem Salutisten.Wilhelminchen, mußt Du immer gut sein !" 
Die Sozialarbeit begann wie in Frankreich und Deutschland damit, daß man 
1891, als die Zeitungen von erfrorenen Leuten meldeten, die Versamm- 
lungsräume heizte und die Obdachlosen aufnahm. Die Magdalenenarbeit 
konnte dadurch begonnen werden, daß eine Dame, welche an dem ihr die- 
nenden Mädchen den guten Einfluß der Armee beobachtete, ihr Testament 
änderte und ihren Landsitz in Hilligersberg bei Rotterdam den Salutisten 
vermachte. Ebenso stellte ein Herr seine Villa in Bussum für ein Kinderheim 
zur Verfügung. In Berg en Dal ist ein besonderes Kindergenesungsheim, und 
die Farmkolonie Lunteren, 1909 vom Prinzgemahl besucht, bietet entlasse- 
nen Gefangenen eine Zuflucht. Leiter der holländischen H. waren der Reihe 
nach: Tyler, Hodder, French, Oliphant, Booth-Clihhorn, Cosandey, Estill 
und jetzt ist es Koni. Ridsdel. Die Oberleitung von Booth.CUhhorn und der 
Marschallin, die doch so viel für die Armee erduldeten, nahm ein trauriges 
Ende. Ihre Schwägerin, Frau Percy Clibborn, starb am 5. Dezember 1901 
nach langer Krankheit und muß sich wohl den Vorwurf gemacht haben, der 
ärztlichen Kunst mehr als Gott vertraut zu haben; jedenfalls ist sie irgend- 
wie die Veranlassung geworden, daß Booth-Clibborn zu der Lehre von Dr. 
Dowie'^, dem Begründer der Zionisten hinneigte und vom General verlangte, 

^ J. A. Dornte, geb. 1846 in Edinburgh, in Australien kongregationalistischer Pre- 
diger, dann Missionar auf eigene Faust, erregte 1893 auf der Weltausstellung von Chi- 
kago großes Aufsehen durch seine angeblichen Gebetsheilungen. Seit 1896 erschien die 
Monatsschrift Leaves of Healing in englischer, seit 1 899 in deutscher und holländischer 
Sprache und wurde an Kranke und auch an sämtliche H.-Offiziere geschickt. Seit der- 
selben Zeit besteht auch Dowies ,, Christliche apostoüsche Kirche", gewöhnlich Zion ge- 
nannt. 1901 erklärte er sich als Elias III. oder ,, Wiederhersteller". Am Michigan-See er- 
wuchs mit amerikanischer Geschwindigkeit ,,Zion City". Tabak, Alkohol, Arzeneien und 
Schweinefleisch waren in der Stadt bei Strafe verboten. Man berichtete von Tausenden 
von Heilungen; aber die einzige Tochter Dowies starb an Brandwunden, welche sie beim 
Brennen ihrer Locken erlitten, ,,weil sie gegen das Verbot des Vaters eine Alkohol- 
(Spiritus-) Lampe dazu benutzt hatte." 1901 war der Prophet in Zürich und 1904 wieder, 
taufte im städtischen Schwimmbad und legte 1060 Kranken die Hände auf. Seit 1904 
bezeichnete er sich als ersten Apostel Jesu Christi und trieb es so, daß seine Anhänger 
darunter sogar Sohn und Gattin, ihn 1906 als abgesetzt erklärten, und in dem nachfolgen- 
den Prozeß in Chikago zeigte sich, daß 20 000 000 Mark, darunter 2 000 000 deutsches 
und schweizerisches Geld, vollständig verschwunden waren. 

Verwandt mit der Sekte Dowies ist eine andere der Amerikanerin £^iy, 1820 — 1906, 

S Cl äsen. Der Salutismus ^^3 



daß er solche Ideen (Gesundbeten, Antimilitarismus) in die Regeln und Ver- 
ordnungen aufnehme. Als dieser in seinem gesund-rehgiösen Empfinden 
sich sträubte, weiterzugehen, als er gegangen war (vgl. 117 und 114), kam 
es im Januar 1902 zum offenen Bruch. Booth-Clibbom — wie die Marschallin 
denkt, ist mir nicht bekannt; im Testamente ist sie nicht ausgeschlossen wie 
Ballington — ging zu Dowie über, gab aber — wahrscheinlich hat er gleich 
den Schwindel durchschaut — bald darauf im Amsterdamer Handelsblatt 
bekannt, daß er nicht wohl getan, und ist jetzt in der Pfingstbewegung tätig. 
Möge das Beispiel des ersten Generals dahin wirken, daß die H. alle Elemente 
unnachsichtlich ausscheidet, die sektenhaften Anschauungen huldigen, 
welchen Rang sie auch immer bekleiden! In demselben Maße, als ihr diese 
Ausscheidung gehngt, wird sie blühen und auch die Achtung jener kirch- 
Uchen Kreise erringen, die jetzt noch zu ihren Gegnern zählen. 

13. DIE HEILSARMEE IN WESTINDIEN UND MITTELAMERIKA 

In Westindien und Mittelamerika wurde Kingstown, die Hauptstadt der 
britisch-protestantischen Kronkolonie Jamaika, der Ausgangspunkt für die 
H.-Tätigkeit. Schon 1885 hatte der General Einladungen dahin erhalten; 
doch brachte erst Oberstl. Cooke, der auch mit seiner Frau die Slumarbeit 
begonnen, im Jahre 1888 die Eröffnung. Die Entwicldung ist seitdem nicht 
über bescheidenen Umfang hinausgekommen, was seinen Grund in der zer- 
streuten, vielfach katholischen und stark mit halbzivilisierten Negern 
durchsetzten Bevölkerung hat. Gleichwohl hat sich das Werk doch schon 
ausgedehnt über eine ganze Reihe der kleinen Antillen — im engsten Sinne 
— so über Antigua, St. Lucia, St. Vincent, Barbados mit einem Seemanns- 
heim in Port of Spain, Grenada, Tobago, Trinidad und sogar auf das westlich 

welche durch Versenkung in die hl. Schrift 1863 geheilt wurde und nach 3 Jahren zu 
der Gewißheit kam, daß alles, was ist, in und durch Gottes Geist, also geistig und des- 
halb die Materie nur Schein ist, daß in Gott alles vollkommen ist, Krankheit und Sünde 
also in Wahrheit nicht bestehen, sondern auf den Irrtum der Menschen zurückzuführen 
sind. 1875 gab sie ihre durch Vernunft, Experiment und Offenbarung gewonnene Weis- 
heitin einem Buche ,,Wissenschaft und Heilung mit Schlüssel zur hl. Schrift" zum besten, 
das nicht aus dem Englischen übersetzt werden darf, und eröffnete 1881 in Boston 
U. St. A. das ,, metaphysische Kolleg", das eine Jahreseinnahme von 735 000 M. er- 
zielte. Frau Eddy verkündet, daß nicht nur alle Krankheit, sondern auch der Tod auf- 
hören wird, sobald es den Menschen gelingt, nicht mehr zu denken, daß sie sterben 
müssen. Die Kunst muß selir schwer sein, da es ihr selber nicht gelungen ist, sich damit 
am Leben zu erhalten, und sie bei Lebzeiten es vorzog, sich die Zähne — nach der schmerz- 
losen Methode ziehen zu lassen. Ihre Lehre, ein Wirrsal von Pantheismus, Gnostizis- 
mus, Doketismus, Mystizismus, Spiritualismus und anderen „ismen", ist das Christen- 
tum der Szientisten oder Gesundbeter, wie man sie fälschlich nennt; denn es sind eigent- 
lich Gesunddenker. 

114 



liegende Festland, so nach Brit. -Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama 
und weiter nach Brit.-Guayana. In Costa Rica (seit 1907) kommt nur die halb- 
jamaikanische Stadt Limon, in Panama (seit 1906) nur die Kanalzone in Be- 
tracht, besonders Colon mit seinen Stadtteilen Cristobal und Ancon. Von den 
Behörden wird die H. sehr geschätzt, man stellt ihr Säle für Versammlungen 
zur Verfügung und gewährt den Offizieren freie Fahrt. Außer dem Männer- 
heim in Colon bestehen in dem ganzen, 1908 von dem schweren Erdbeben 
heimgesuchten Gebiete noch 7 ähnliche Einrichtungen und dazu eine Farm auf 
Jamaika in Boy Walk, 30 km vom Sitze des H.-Q, in Kingston mit 120 ha 
bestem Weideland, das eine ausgezeichnete Milchwirtschaft ermöglicht. 

14. DIE HEILSARMEE IN SÜDAMERIKA 

In Südamerika, und zwar ausgehend von Argentinien und Uruguay, be- 
steht das Werk seit dem Spät] ahr 1889. Zwei Kapitäne und ein Leutnant er- 
öffneten es in Buenos Aires, obwohl sie des Spanischen unkundig waren. Ein 
Übersetzungsbüro hatte die Lieder übersetzt, und zwar ohne jedes Metrum, 
wovon die Sänger natürlich nichts wußten, und der Bericht von der ersten 
Versammlung erzählt, ,,es machte sich ein guter Einfluß in den Strümpfen 
(sollte heißen in der Mitte) der Erschienenen bemerkbar." Trotzdem ging die 
Sache gut voran, und 1891 besaß man schon drei Männerheime mit Speise- 
küchen, wie überhaupt das Werk anfangs mehr sozialen und keinen Missions- 
charakter getragen hat. In Ensenada, dem eigentlichen Hafen von Buenos 
Aires, Montevideo und Ingeniero White leitet die Armee Seemannsheime ; die 
geistliche Arbeit ist, wie sich das bei der katholischen Bevölkerung von selbst 
versteht, klein geblieben. Noch von 1908— 1910 hat man 10 Korps eingehen 
lassen. Doch ist man inzwischen nach Chile und Peru vorgedrungen, nach 
Chile am 27. November 1909, also an demselben Tage, an dem die Arbeiter 
des berühmten Andentunnels sich bei der Durchbohrung in der Mitte be- 
gegneten. Santiago stellte das erste, Valparaiso das zweite Korps. Peru 
wurde im März 1910 von Adjutant Thomas mit einem Korps in Lima er- 
öffnet. Die Art der Missionierung ähnelt derjenigen in Südafrika. Wie dort, 
hat man Ausreiter, welche hoch zu Roß über die Pampas jagen, um den 
Gauchos die frohe Botschaft zu verkünden. Buenos Aires zählt jetzt drei 
Korps. Die Behörden sind von Anfang an sehr freundlich gewesen. Kom. 
Cosandey wurde auf einer in letzter Zeit unternommenen Reise fast überall 
offiziell empfangen, und 1910 erhielt die Armee von der Stadt Buenos Aires 
bei der Hundertjahrfeier der Republik 12000 Mark für Armenunterstützung 
und 1912 weitere 10 000 Mark als Beitrag für das neueröffnete Männerheim. 
Der jetzige Leiter ist Oberst Mapp. 

8- 115 



15. DIE HEILSARMEE IN JAVA 

Das holländische Java, das „Wunderland" oder auch das Land des ewigen 
Sommers genannt, hatseitiSgs seineH. Ein Mischung, welcher durch die 
H. in Paris aus einem Atheisten ein gläubiger Christ und in Holland H. -Offi- 
zier wurde, gab die Veranlassung, das Werk zu beginnen, das aber trotz der 
großen Einwohnerzahl — 33 000 000 mohammedanische Javaner, Chinesen, 
Araber und 62000 Europäer — bis jetzt sehr klein geblieben ist und mit dem 
von Belgien, Italien und Südamerika auf einer Stufe steht. Über die Schwie- 
rigkeit der Christianisierung von Mohammedanern herrscht nur eine Stimme. 
Dazu tritt als Hauptgrund die Schwierigkeit, welche Klima und Sprache 
bieten. Europäer schädigen sich durch längeren Aufenthalt meist schwer in 
ihrer Gesundheit, und aus diesem Grunde mußte Govaars noch vor einiger 
Zeit die Leitung niederlegen. Der Grundsatz aber, Eingeborene zum Offiziers- 
dienst heranzuziehen, ließ sich noch wenig durchführen, weil der Kultur- 
zustand ganz anders ist als z. B. in Indien. Dazu ist die javanische Sprache 
sehr schwer. Sie hat 5 Wortgruppen : in Ngoko redet der Höhergestellte den 
Niederen und diese sich untereinander an; in Krama spricht der Niedere 
zum Höheren; in Madja verkehren die Bessergestellten; in Krama inggil 
betet man zu Gott, und in dem Basa kedaton wendet man sich in Gegenwart 
eines Fürsten an nichtfürstliche Personen. So steckt die geistliche Arbeit der 
H. in Java noch in kleinen Anfängen, dagegen ist die soziale Tätigkeit schon 
verhältnismäßig bedeutend, und zwar widmet man sich, weil eben die H. 
überall dort einspringt, wo die Not am größten ist, vornehmlich der Kranken- 
pflege, welche man in den zivilisierten Ländern der caritativen Fürsorge der 
großen Konfessionen überläßt. Die Offiziere haben immer Verbandzeug bei 
sich aus den Niederlagen, welche die Regierung auf ihre Kosten bei jedem 
Korps unterhält, und die Eingeborenen hegen das größte Vertrauen zu ihrer 
Kunst, denn die Anschauung, daß die Zeremonien der eigenen Priester- 
ärzte Hokuspokus und Humbug sind, hat sich heute selbst in dem ent- 
legensten Desa (= Dorfe) verbreitet. Mit tiefer Verbeugung treten die höf- 
lichen Javaner vor den weißen Mann und legen ihm mit der selbstverständ- 
lichen Voraussetzung seiner Allmacht ihre Krankheit dar. Alle Stände bis 
hinauf zum Generalstatthalter sind der H. gewogen. Der Sultan von Solo 
sandte Knaben, damit die H. sie auf seine Kosten erziehe; die Eisenbahn- 
gesellschaften gewähren Freikarten; van Rossum, der Vorgänger von Go- 
vaars, war sogar Stadtratsmitghed in Semarang, und 1909 übertrug die Re- 
gierung der H. die Fürsorge für eine Aussätzigenkolonie mit 100—150 Leuten 
in Pelantongan, wofür sie jährlich bis 86 000 Mark zur Verfügung stellt. 
Das Werk ist der H., wie der Statthalter sich später ausdrückte, ,, herrlich ge- 

116 



lungen." Eine zweite Kolonie auf Sumatra nahm die H. 1910 an, mußte sie 
aber inzwischen aus Mangel an Offizieren wieder aufgeben; sie soll aber jetzt 
wieder übernommen werden. Der Mittelpunkt der H.-Tätigkeit und Sitz des 
H.-Q. ist nicht die Hauptstadt Batavia, sondern Semarang, wo die Armee 
eine ganz eigenartige caritative Einrichtung unterhält. Bei einer großen 
Überschwemmung wurden nämhch durch die öffentliche Wohltätigkeit 
ganze Scharen halbverhungerter Menschen versorgt. Daraus erwuchs dann 
eine ständige Einrichtung, und diese wurde der H. übertragen. Es sind zwei 
Gebäude mit Raum für je 200 Personen ; Krankenhäuser könnte man sie noch 
am ehesten nennen. St.-O. Dr. Wille, dessen Wunder auf der ganzen Insel 
gepriesen werden, ist als Augenarzt berühmt und hat besonders mit Tra- 
chomkranken zu tun. Auch behandelt man jährlich 1500 Wundfälle. Ein 
Magdalenen- und ein Kinderheim ist in Semarang und ebenso sind dort 
zwei Waisenhäuser, eins für Knaben und Mädchen. Mihtärheime der H. finden 
sich in Semarang, Batavia undSoerabaja. Danebensei noch die Gefangenen- 
fürsorge hervorgehoben. Das H. Q. ist seit Mai 1913 in Bandoeng; denn seit 
1905 bildet das Land ein eigenes H.- Gebiet, bis dahin war es dem H.-Q. 
Australiens unterstellt. Auf Celebes wird die Arbeit demnächst begonnen. 

16. DIE HEILSARMEE IN JAPAN, KOREA UND DEN 
VERSPRENGTEN GEBIETEN 

Einige christhche Leute - einer davon hatte „Darkest England" gelesen — 
unterhielten in J apan ein Heim für 2000 Kinder, und diese Leute bewogen 
den General im Jahre 1895, 13 Offiziere zu senden, darunter als Leiter jenen 
Wright, den wir bei der Eröffnung Neuseelands schon kennen lernten. Sie 
kamen am 4. September in Tokio an, und noch vor Ende des Jahres waren 
Korps auch in Yokohama, Kobe und Osaka eröffnet. Aber obgleich man 
ganz ungehindert Draußengottesdienst halten und mit den Trommeln über 
die Straße marschieren konnte und obwohl die Offiziere sich in allem den 
Japanern anpaßten und wie die Einheimischen auf dem Boden aßen und 
schrieben, sich im Winter ohne Ofen behalfen, den Reis ohne Salz herrich- 
teten usw., waren die Erfolge in den ersten 5 Jahren gering. Doch machte 
man ähnlich wie in Indien und Deutschland dadurch einen unschätzbaren 
Gewinn, daß sich ein geborener Japaner von Rang für die Armee begeisterte. 
Yamamuro, Wirasuriya und Junker sind drei Männer von auffallender 
Übereinstimmung. Alle drei gehören den gebildeten Ständen an, sind vor 
ihrem Eintritt in die H. und ohne sie zu kennen schon bekehrt, tragen in 
sich jene Ideen für die Volksmissionierung, wie sie in der Armee verwirkhcht 

117 



sind, schließen sich ihr gleich in der ersten Zeit an, wo sie in ihrem Mutter- 
lande auftritt und werden schnell Schriftleiter des Kriegsrufes und Vertreter 
des obersten Leiters. Wirasuriya und Junker starben dazu beide im besten 
Mannesalter nach kurzer Tätigkeit. Dagegen scheint Yamamuro berufen, 
in der japanischen H. die Rolle zu spielen, welche dem jungen Theologie- 
studenten Railton in der Allgemeingeschichte der H. zugefallen ist. Von 
armen buddhistischen Eltern geboren und von einem wohlhabenden Onkel 
als angenommenes Kind erzogen, wandte er sich sehr früh, wie die meisten 
Japaner von Bildung, dem Konfutsianismus zu. Als sein Onkel ihn von der 
Schule nahm, entfloh er, von Wissensdurst getrieben, nach Tokio, wo er 
unter christliche, aber anscheinend darbystisch-methodistische Einflüsse 
kam. Er predigte selber an Straßenecken, und es festigte sich bei ihm die 
Überzeugung, daß man sich bei der Christianisierung mehr dem gewöhnlichen 
Volk anpassen müsse. Unter großen Entbehrungen vollendete er seine Stu- 
dien an der Universität Kioto und erhielt in dieser Zeit durch des Generals 
Buch ,,Darkest England" die erste Kunde von der H. Dann kam er nach 
Tokio zurück, wo er die Armee selber kennen lernte und einer ihrer ersten 
japanischen Kadetten wurde. 

Es ist bemerkenswert, v/elche Bedeutung das Soziale in den beiden nach 
1890 eröffneten Ländern gehabt hat und noch hat. In Java ist die starke 
Hälfte der Offiziere sozial tätig; in Japan, dem Lande der Kirschblüte und 
der Erdbeben, gab die soziale Tätigkeit den Anstoß zur Entfaltung. Auf 
Wright folgte nämlich im Februar 1898 Bullard, der zu den Offizieren gehört, 
die mit Booth-Tucker Indien eröffneten, als Leiter von Japan und wurde 
von den sittlichen Zuständen des Volkes tief ergriffen. Die Prostituierte darf 
dort ihr Gewerbe ausüben, ohne deshalb gesellschaftlich irgendwie gebrand- 
markt zu sein. Manche Japanerin sieht es vielleicht sogar als ihre Pflicht an, 
ihren verarmten Eltern so zu Hilfe zu kommen, und diese sind weit davon 
entfernt, dem Kinde deshalb gram zu sein. Ganze Stadtviertel — in Tokio 
sechs, das größte ,,Yoschiwara = Bordellstadt" mit 6000 Mädchen — werden 
von den Prostituierten mit behördlicher Genehmigung bewohnt. Das Ge- 
werbe bedeutete für die ungemein zierliche, behende und zärtliche Japanerin 
noch eine ganz besondere Art von Knechtschaft. Hinter den vergitterten, 
großen Schaukasten von dreistöckigen Häusern sitzend, kommen sie einem 
vor wie gefangene Vöglein. Die Eltern verkauften sie um 600—1200 Mark an 
den Bordellwirt, der ihnen Kleidung und Unterhalt gibt. Dafür fließt alles 
Verdienst in seine Tasche, und er hat das Recht, das Mädchen weiterzuver- 
kaufen. Auch können die Eltern nur durch Rückgabe des Kaufpreises ihre 
Tochter wiedergewinnen, die sie meist sehr schnell aus den Augen verlieren, 

118 



weil sie von einem Bordell ins andere verschachert wird, dabei im Preise be- 
ständig sinkt und schließlich — die meisten freilich sterben auf diesem Wege 
— vor die Türe gesetzt wird. Solcher Prostituierten gibt es in Tokio 12 000, 
in ganz Japan 60 000. Unter ihnen begann Bullard 1901 das Rettungswerk, 
anfangs ohne Erfolg. Dann druckte man einen besondem Toki-no-Koye 
( = Kriegsruf) und sorgte für weiteste Verbreitung, so daß die Prostituierten 
massenhaft an die H. schrieben, sie gäben gerne ihr Gewerbe auf, aber sie 
wüßten den Kaufpreis nicht zu beschaffen, ohne diesen aber wollten die 
Bordellinhaber von einer Herausgabe natürlich nichts wissen. Da brauchten 
die Offiziere in einigen besonders verzweifelten Fällen Gewalt. Hunderte 
von Zuhältern — jedes Mädchen hat gewöhnlich einen besonderen — und 
Hauswirten liefen zusammen, und alles ging drunter und drüber. Bullard 
wurde bestürmt von Berichterstattern, und in langen Artikeln nahmen die 
Zeitungen für die bis dahin einflußlose H. Partei. Einige ließen sogar mehr- 
mals am Tage Sonderausgaben erscheinen, während die Bordellbesitzer mit 
allerlei Gesindel die Druckereien belagerten und die Maschinen zerstörten. 
Es war das erstemal, daß die Öffentlichkeit überhaupt auf die Sache auf- 
merksam wurde, und die Unruhen dauerten 6 Monate. Unter dem Drucke 
der öffentlichen Meinung wurde die Sache schließHch als dringende, nationale 
Frage durch kaiserliche Verordnung und nach dem Zusammentreten der 
Kammern durch den Reichsrat endgültig geregelt. Nach dem umfangreichen 
Gesetz, dessen Richtlinien hier nur angedeutet werden können, ist heute 
jedes Mädchen frei. Jederzeit kann sie auf der nächsten Polizeistation um 
Schutz bitten, wenn man sie gegen ihren Willen zurückhalten sollte. Infolge- 
dessen sank die Zahl der Prostituierten innerhalb eines Jahres um 12 000 
und im folgenden Jahr um weitere 1700. Die Eltern erhalten keinen anstän- 
digen Kaufpreis mehr für ihre Töchter, und so ist wenigstens die alte bar- 
barische Art der Prostitution in Japan durch die H. beseitigt worden. 1906, 
als im nördlichen Japan Hungersnot herrschte und Mädchen sogar schon 
für IG Mark verkauft wurden, setzten die Offiziere wieder nachdrücklicher 
ein. In den ersten fünf Tagen brachten sie 106 der armen Geschöpfe als 
Dienstmädchen unter und veranlaßten die Regierung zu sofortigen, strengen 
Maßnahmen. 1912 beim Brande des Yoschiwaraviertels in Osaka stand sie 
1400 obdachlosen Mädchen bei, und auf ihr Betreiben hin ist der Wieder- 
aufbau der 4000 Häuser untersagt worden. 

Seit die Armee sich der Prostituierten angenommen, hat sie auf allen Ge- 
bieten Fortschritte zu verzeichnen. 1901 zählte sie nur 300 Soldaten, wäh- 
rend sie z. B. allein 1903 deren 1314 gewann. Der Russisch- Japanische Krieg 
1904 — 1905 hat, wenn auch einige Salutisten dabei fielen, der Entwicklung 

119 



keinerlei Eintrag getan, und 1905 hatte man schon 73 Offiziere, darunter 
60 Eingeborene, 80 L.-O. und 39 K. Augenblicklich sind allein in Tokio, dem 
Sitze der H.-Q., 14 K. Ein von der H. ins Leben gerufener ,, Barmherzigkeits- 
bund" der japanischen Frauen arbeitet ganz wie der kathohsche Ehsabethen- 
verein. Besondere Anstrengungen macht man auch, um den Selbstmorden 
zu steuern. Die Reise des Generals im Jahre 1907 durch das Land war ein 
Tritmiphzug. Bei seiner Landung in Yokohama brannte man zu seiner Ehre 
Feuerwerk ab. In Tokio am Bahnhof staute sich eine Menge von 25 000 
Menschen, und die Spitzen der Stadt erwarteten ihn. Der Mikado selber 
empfing ihn in Audienz. Der erste Minister Baron Oyama und Graf 
Okutna heßen sich mit ihm photographieren. Graf Okuma unterzeichnete 
auch als erster den zur Errichtung eines H.-Krankenhauses für Arme in 
Tokio 191 1 erlassenen Aufruf. 100 000 Mark hatte der General zur Verfügung 
gestellt, das andere sollte durch freiwiUige Spenden gedeckt werden. Auch 
eine Volksapotheke ist geplant und ein Wöchnerinnenheim schon in Betrieb. 
In Japan hat die Armee ganz gewiß noch eine große Zukunft. Das kürzlich 
in Yokosuka eröffnete Seemannsheim der H. — für fremde Seeleute besteht 
schon seit Jahren ein Heim in Yokohama — und das auf 80 Studenten ein- 
gerichtete Heim in Tokio, 1908 eröffnet, werden der Armee weitere Sjon- 
pathien gewinnen, und es ist nicht zu verwundem, wenn man bald von großen 
Erfolgen lesen sollte. Die Leitung hat augenbhcklich Henry Hodder. 

Im November 1908 brachte Oberst Hoggard die H. auch nach Korea oder 
Cho Seil, wie das „Land der Morgenstille" jetzt als japanische Provinz 
heißt. Das Werk begann in Seoul und ist bis jetzt rein geistlicher Art. Im 
Dezember war die Armee schon in den verschiedensten Teilen des Landes 
mit 40 Korps vertreten, und die weißgewandigen Koreaner drängen sich in 
großer Zahl zu den Versammlungen. 

Nach China, wohin der sterbende General mit verlöschendem Blick ge- 
schaut hat, ist man bis jetzt nicht vorgedrungen. Ebenso haben Ruß- 
land, Österreich, Spanien, Palästina, die Türkei und die Balkanstaaten noch 
keine H., obwohl Railton fast alle diese Länder bereiste, bei einigen die Er- 
öffnung schon gesichert schien und der Kriegsruf sie sogar schon verkün- 
dete. Doch gibt es noch eine Reihe nicht erwähnter Orte, z. B. St. Helena, 
Malta und Gibraltar, wo die Armee neben Seemannsheimen blühende Korps 
besitzt, welche unmittelbar vom I. H.-Q. in London abhängig sind. 



120 



ZWEITER TEIL 



DIE HEILSARMEE 
ALS SOZIALE ERSCHEINUNG 



I. HAUPTSTÜCK 

SOZIALRELIGIÖSE VORBEDINGUNGEN 
FÜR DAS ENTSTEHEN DER HEILSARMEE 

Wir glauben, ein Hauptmoment des Boothschen Riesenerfolges . . . in dem Um- 
stand zu erkennen, daß die geistige Weltatmosphäre seit J ahr zehnten unter einem 
Druck seufzt, dessen Warum und Woher sie seihst nicht klar erkannte; eine At- 
mosphäre, die aber schließlich mehr oder weniger deutlich als die Geburtswehen 
einer neuen sozialen und religiösen Periode empfunden wurde. 

A. Schindler 1906, 26, 7. 

Ein Ding verstehen heißt so viel, als es in seiner Entwicklung begreifen 
(Schulze-Gävernitz), und wenn war den Veranlassungen nachgehen, wel- 
che zur Gestaltung der H. führten, so stoßen wir zuerst auf die sonderbaren, 
immer wieder in neuen Sektenbildungen sich äußernden, englisch-kirchlichen 
Verhältnisse. Wer diese nicht kennt, wird kein Urteil über die H. gewinnen 
können. Diesem Umstände hat man bis jetzt zu wenig Beachtung geschenkt ; 
die englischen Schriftsteller, weil sie den Dingen zu nahe, die nicht englischen, 
zumal die deutschen, weil sie den Dingen zu ferne standen. Prüft man nun 
weiter, weshalb gerade das Gebilde sich entwickelte, das wir heute Salutis- 
mus nennen, das will sagen zur Religion erhobenen Altruismus, so öffnet sich 
uns ein weiter Blick in das ganze religiöse Leben unserer christlichen Gegen- 
wart. Soviel auch kurzsichtige Leute über den Niedergang dieses religiösen 
Lebens klagen mögen; seit einem Jahrhundert etwa ist ein gev/altiger Um- 
schwung zum Besseren unverkennbar. Eine neue Reformation ist ange- 
brochen, keine dogmatische, sondern eine ethische. Die alte, erste, wirkte 
trennend; sie schied Katholiken und Protestanten und diese wieder in 
Lutheraner, Reformierte, Zwinglianer, Kalvinisten usw. Sie drückte den 
Fürsten das blutige Schwert in die kriegerische Faust, und hüben wie drüben 
erscholl das brutale Hermwort: ,,Cujus regio, ejus et religiol" — Die neue, 
zweite Reformation wirkt einigend und versöhnend; denn sie ist wesentlich 
sozial. Die Ethik ist ein Gebiet, auf dem sich alle als Biiider in die Arme 
fallen können, und darum kommt die neue, soziale Reformation mit dem 
Ölzweig und der Verkündigung : Ein Gott, ein Volk!, so dem: ,, Cujus regio, 
ejus et religio!" einen wunderbaren, tiefen und neuartigen Sinn gebend. 

Große Ereignisse werfen lange Schatten voraus. Sekunde muß sich zu 
Sekunde, Minute zu Minute, Geschehnis zu Geschehnis fügen, wenn der 
Stundenzeiger und wenn die Geschichte einen Schritt weiterrücken; Bein 
muß sich zu Bein schmiegen, wenn auf dem dürren, knochenbesäten Feld 

123 



sich Leben regen und in tausend Gestalten erstehen soll. Wir haben also 
ziemlich weit zurückzugehen und müssen zunächst unseren Blick auf die 
soziale Reformation der Religion wenden. Mitten auf diesem Felde der Um- 
gestaltung erhebt sich das Gebäude des Salutismus und zwar, wie wir in 
einem zweiten Abschnitt sehen werden, aus Steinen erbaut, welche sich auch 
bei anderen Gemeinschaften finden, von diesen vielleicht zugehauen und 
dann doch liegen gelassen. 

Zunächst haben wir den Katholizismus zu betrachten, das der H. am fern- 
sten liegende Gebiet. Zwar handelt es sich da weniger um den Übergang 
zu etwas Neuem als vielmehr um das Wiederaufleben alterund uralter Einrich- 
tungen. Auch sind ganze Gruppen, nicht wie beim Protestantismus Einzel- 
persönlichkeiten, die Träger der sozialcaritativen Um- und Fortbildung. Im 
übrigen aber läßt sich zwischen den beiden Konfessionen eine vollkommene 
Parallele ziehen. Unter den katholischen Ländern ist es Frankreich, unter 
den protestantischen England, die zuerst ein Wirtschaftsleben modernen 
Charakters entwickelten. Aller Fortschritt aber, sowohl materieller als inteUek- 
tueller Art, ist kein ungemischtes Gut und kann nur mit jenen tausenderlei 
Notständen erkauft werden, gegen welche die christliche Caritas ankämpft 
und die wir in beiden Ländern finden. Darum hat die katholische Liebes- 
tätigkeit mittelbar oder unmittelbar ihre Wurzeln in Frankreich, wie die 
protestantische von England abhängig ist. Auch das ist hervorzuheben, daß 
auf beiden Seiten die erste Hälfte des Jahrhunderts mehr der Vorbereitung 
dient, während die zweite erst die eigentliche Umwälzung bringt, und daß 
für beide Konfessionen das Jahr 1848 den Markstein bildet. 

Auch die Zeit der Aufklärung hat auf beide Teile gleicherweise lähmend 
gewirkt. Vor ihrem Hauche verdorrte die zarte Blume der Caritas. Dann 
kam die französische Revolution, welche nur humane Phrasen und der katho- 
lischen Liebestätigkeit sogar Blutzeugen brachte. In Paris und Marseille 
peitschte man Nonnen mit Ruten ; in Angers starben die Schwestern Mari- 
anne und Ottilie unter dem Henkerbeil. Aber Napoleon, der ihr stilles Wirken 
auf manchem Schlachtfeld gesehen und bewundert hatte, rief schon als Kon- 
sul die Vertriebenen zurück und als Kaiser schenkte er ihnen noch größere 
Gunst. Erwähnt sei nur das Dekret vom 3. Februar 1808, das den Schwestern 
eine jährliche Unterstützung von 104 000 Mark sicherte. Mit der Restaura- 
tion setzte dann ein großartiger Aufschwung der katholischen Kirche ein, 
und damit war auch das Aufblühen ihrer Liebestätigkeit gegeben. Die alten, 
zur Hebung geistlicher, sitthcher, sozialer und physischer Notstände gegrün- 
deten Orden und Kongregationen erwachen zu neuem Leben und wachsen 

124 



besonders nach der Februarrevolution in rascher Folge, während die be- 
schaulichen entweder bescheiden weiterleben, zehrend von dem Ruhm und 
der Größe vergangener Tage, oder wie z. B. die Trappisten aus Selbsterhal- 
tungstrieb sich in tätige Gemeinschaften umzuformen suchen. Von den Bene- 
diktiner stiften blieben nur einige wenige übrig; in Frankreich sind sie seit 
1880 ganz geschlossen. Die Zisterzienser sind auf 25 Klöster, die Klarissen 
von 900 zur Zeit Luthers auf 144, die Kartäuser im letzten Jahrhundert von 
135 auf 28, die Augustiner-Eremiten auf 200, die Serviten auf 64, die Prämon- 
stratenser gar auf 22 Klöster zusammengeschmolzen. Heute wird wohl kaum 
noch ein rein beschaulicher Orden von Rom seine Bestätigung erhoffen dür- 
fen, und das bedeutet einen Wandel, wie er größer nicht wohl gedacht werden 
kann und bezeugt die alte Tatsache, daß sich das katholische Christentum 
trotz allem Konservativismus in hervorragendem Maße die Anpassungsfähig- 
keit an veränderte Verhältnisse bewahrt hat. 

Doch kehren wir zu Frankreich zurück, das mit Belgien und dem Aachener 
Gebiet die Heimat der meisten Neugründungen wurde, deren man im 19. Jahr- 
hundert etwa 400 zählt ; davon sind von 1816— 1865 in Rom 198 belobt oder 
bestätigt worden. Die Schulbrüder haben unter schweren Verlusten Revolu- 
tion und Säkularisation überdauert und bilden (i. Januar 1900) mit 20 457 
Mitgliedern die größte männliche Genossenschaft. Eine ähnliche Blüte war 
den verschiedenen Gemeinschaften der Schulschwestem beschieden. Für die 
Magdalenenarbeit entstanden 1809 die Sceurs de Notre Dame de charit6 de 
Refuge in Nantes; 1827 die S. de St. Elisabeth de R. in Lyon, und 1829 ^^^ 
größte Genossenschaft dieser Art, die S. de N. D. de eh. du Bon Pasteur, 
hervorgegangen aus einer seit 1644 bestehenden ähnlichen Kongregation und 
begründet von einer Oberin derselben, der Schwester E. Pelletier in Angers. 
Nunmehr ist der Orden, der seit der Bestätigung durch den Papst im Jahre 
1835 einen großen Aufschwung nahm, in fünf Erdteilen verbreitet und be- 
sitzt (1904) 248 Häuser mit 7307 Ordensfrauen, 2308 Magdalenenschwestem 
und 42 000 Büßerinnen und Zöglingen. 

In Italien knüpft sich das Wiedererwachen caritativen Lebens an den 
Namen von /. B. Cottolengo, 1786— 1842 Kanonikus zu Turin, den ,, Apostel 
der Nächstenliebe im 19. Jahrhundert". Er gründete mehrere religiöse Ge- 
meinschaften, hauptsächlich zur Leitung eines von ihm 1827 in Turin errich- 
teten Asyls für Kranke und Hilfsbedürftige allerart. Gleichzeitig wirkte 
in der Stadt die Gräfin Julia von Barolo als ,, Engel der Gefängnisse". 

Sehen wir uns nun die katholische Liebestätigkeit an, wie sie etwa 1848 
sich darbietet, und zwar wollen wir zuerst die außerdeutschen Länder be- 
trachten. In Irland entfaltet der Kapuziner Th. Mathew, 1790— 1856, eine 

125 



große Tätigkeit unter den durch Trunkenheit tiefgesunkenen Volksschichten. 
Er durchzieht das Land, predigt im Freien und läßt seine Bekehrten Zeugnis 
geben, ähnlich wie es nun die H. übt. Die von ihm ins Leben gerufenen Mäßig- 
keitsvereine zählten schon 1844 rund 5 500 000 Anhänger und verbreiteten 
sich nach England, Schottland und Amerika. 1839, als er seine Wirksamkeit 
begann, wurden in Irland 52 210 000 1 Schnaps verzapft, aber schon 1841 nur 
noch 31 270 000 1, und die Zahl derUntersuchungsgefangenen sank von 36392 
auf 21 790, diejenigen der Verurteilten von 12 049 auf 9297. 

Unterdessen wirkte in der Schweiz ein Ordensbruder von ihm, Th. Floren- 
tini, 1808— 1865, seit 1845 Pfarrer und später Generalvikar in Chur. 1844 
gründete er eine jetzt etwa 1000 Schwestern zählende Genossenschaft zur 
Erziehung der weiblichen Jugend in Menzingen, 1852 in Chur das Kreuz- 
hospital und die Kreuzschwestern (jetzt 808 Anstalten imd 4149 Schwestern) ; 
1855 ein Rettungs- und Waisenhaus zu Ingenbohl und 1856 das Kolleg 
Mariahilf in Schwyz. Mit seinen aus rein caritativen Gründen unternom- 
menen, industriellen Unternehmungen aber hatte er kein Glück. 

In Italien sah Cottolengo noch seinen Nachfolger in der Liebe zu den Ar- 
men, nämlich G. Bosco, 1815— 1888, der sich in Turin der Erziehung vei'wahr- 
loster Knaben widmete. Unter unsäglichen Schwierigkeiten gründete er ein 
Haus für sie und stiftete verschiedene Genossenschaften : 1855 die Salesianer 
(1906 : 302 Häuser, 4000 Mitgheder, 225 Patronagen, 40 Gymnasien für ältere 
Priesteramtskandidaten, 75 Seminarien, 33 Lyzeen, 7 Lehrerbildungsanstal- 
ten, 280 Konvikte, 16 technische, 240 andere Schulen, 3 Fabriken, 76 Werk- 
stätten, 32 Druckereien, 23 Verlagsanstalten, 29 Buchhandlungen, 7 Spitäler 
und weit über ^/g Million Zöglinge) ; 1874 stiftete er die Töchter Mariae zur 
Leitung von Kinderasylen und ähnlichen Einrichtungen (1906: 229 Nieder- 
lassungen mit 2200 Mitgliedern) ; endlich 1874 die Salesianischen Mitarbeiter, 
einen frommen Verein (1906 etwa 300000 Zugehörige). In Florenz entstanden 
1848 die Stigmatinnen, die schon beim Tode ihrer Stifterin, der Witwe A. Sa- 
pini, im Jahre 1860 in 37 Häusern 360 Schwestern zählte. Die führende Rolle 
aber hatte immer noch Frankreich. Da sind zunächst zu nennen die Petites 
Sceurs des Pauvres zu St. Servan in der Bretagne, deren Stifterin, dem frühe- 
ren Dienstmädchen /. Jugan, 1845 von der Akademie der große Montijou- 
sche Tugendpreis zuerkannt wurde. Die Schwestern haben keinerlei Besitz. 
Jeden Morgen gehen nach der Regel je zwei Schwestern aus, um für die 
Bedürfnisse des Tages Geld und Naturalien zu sammeln. Ebenso fährt ein 
Wagen auf den Markt, und die Gasthöfe bewahren den ,, Kleinen Schwestern" 
die Reste auf, welche dann im Kloster alle sorgsam gesondert und verwandt 
werden. Sie unterhalten auf diese Weise allein in Paris 27 000 alte Märmer 

126 



und Frauen, sind über die ganze Erde verbreitet und besaßen 1900 277 Häu- 
ser mit 5200 Schwestern. Eine ebenso eigentümliche Erscheinung bildet die 
in derselben Zeit gestiftete und emporblühende Association des Dantes du 
Calvaire zur Pflege der Kranken, besonders der Krebskranken. Die Schwe- 
stern, alle Witwen, leben teils im Hospital, teils kommen sie unter Tags. 
Sie legen kein Gelübde ab, sondern bilden einen freien Verein. Femer seien 
noch erwähnt die Soeurs de Marie Auxüiatrice, gestiftet 1854, ^e Logier- 
häuser für Arbeiterinnen und Ladnerinnen unterhalten ; die Dames auxilia- 
trices des ämes du Purgatoire, gestiftet 1856, die für Hauskranke sorgen und 
die von A . Bergunion 1853 gestifteten Schwestern vom hl. Paul zur Pflege 
der Bhnden. 

Hundert andere wären noch zu nennen; aber allein die Aufzählung der 
Namen würde schon zu weit führen. Also nur noch ein paar Worte über den 
großen Vinzenz von Paul, 1576— 1660, und das herrliche Aufblühen seiner 
Genossenschaften. Erst Viehhirt, dann Priester und von Seeräubern nach 
Tunis entführt, darauf über Rom nach Paris zurückgekehrt und dort Seel- 
sorger, hatte er Gelegenheit, alle Arten menschlichen Elendes kennen zu 
lernen. Von ihm kann man ohne Übertreibung sagen, daß jeder Schlag seines 
Herzens der leidenden Menschheit gehört hat. Über 40 000 000 Mark Al- 
mosen sollen durch seine Hände gegangen sein. 1885 wurde er vom Papste 
zum Patron aUer caritativen Vereine erklärt. Zahlreiche Söhne und Töchter 
von ihm vermehren täghch die Schuld, welche die Welt gegen ihn hat. 1624 
gründete er die Lazaristen, deren 40 Häuser freilich in den Stürmen der Re- 
volution untergingen, die aber seit der Mitte des Jahrhunderts rasch wieder 
emporkamen und 1904 über 3407 Mitglieder und 333 Klöster verfügten. 1633 
folgt die Gründung der Vinzentinerinnen oder Barmher zigenSchwestern, jetzt 
die größte weibliche Kongregation mit allein schon 33000 Klosterfrauen und 
3000 Häusern. 1808 wurden sie durch Clemens August von Droste-V ischering 
nach dem Münsterlande verpflanzt unter dem Namen der Klemensschwestern, 
die 1904 als gesonderten Zweig 1126 Mitglieder und 81 Häuser aufwiesen. 
1832 kamfen die Vincentinerinnen nach München, 1834 nach Fulda und haben 
zurzeit in Deutschland allein über 600 Niederlassungen, vorzüglich für Kran- 
ken- und Armenpflege. Das durchschnittlich erreichte Alter der Schwestern 
beträgt nach einer Statistik 36 Jahre, wobei in Betracht zu ziehen ist, daß 
nur vollständig gesunde Personen angenommen werden. Endlich sei noch 
eine andere Stiftung erwähnt, welche den Namen des großen Mannes trägt, 
ich meine den Vinzenzverein, entstanden aus einer von dem Literarhistoriker 
F. Ozanam, 1813— 1853, in seiner Studienzeit 1833 gegründeten caritativen 
Studentenvereinigung zu Paris. Die Mitglieder gehen gemäß ihrer Ver- 

127 



pflichtung persönlich zu zwei und zwei zu den Bedürftigen, denen sie aber 
nur ausnahmsweise Bargeld übermitteln. Gewöhnlich bewilligt die wöchent- 
lich tagende „Konferenz" nur Lebensmittel und ähnliches. Die Einnahmen 
fließen aus der am Schlüsse jeder Sitzung abgehaltenen Sammlung, den Bei- 
trägen der inaktiven Mitgheder, Geschenken, Stiftungszinsen usw. Jährlich 
viermal treten die verschiedenen Konferenzen einer Stadt zur gemeinsamen 
Beratung zusammen, und in Frankreich bildete sich schon früh ein General- 
rat, nachdem sich zuerst in Paris die Notwendigkeit einer Zentrahsation fühl- 
bar gemacht hatte. Dort, wo das Werk besonders ausgebildet ist, umfaßt es 
Patronate über Waisen, Schüler, Studierende, Lehrhnge, Fabrikkinder, 
jugendliche Sträflinge, Handwerkergesellen und Arbeiter, Armenadvokatur, 
Krankenbesuch, Kleider- und Weißzeuganstalt, Sparkasse, Armenapotheke, 
Armensparherde, Bibhotheken usw. 191 1 zählte der ganze Vinzenzverein 
etwa 7000 Konferenzen, die eine Jahresausgabe von 12 480 000 Mark hatten. 
Die erste deutsche Konferenz trat 1845 in München ins Leben; heute zählt 
Deutschland über 665 Konferenzen (darunter 20 akademische) mit 14 905 
tätigen und 61 707 Ehrenmitgliedern. Die Jahreseinnahme dieses deutschen 
Zweiges beläuft sich auf fast i MiUion Mark, die zum Wohle von etwa 
16 160 Armen verwandt werden, und zwar meist in der Form von Naturahen- 
Unterstützung. Als weiblicher Zweig des Vereins kann der Elisabethenverein 
angesprochen werden, der 1843 in Barmen begründet wurde. Er hat zurzeit 
etwa 500 deutsche Konferenzen und beispielsweise allein in der Diözese Köln 
und Paderborn eine Jahreseinnahme von 275 000 Mark. Mit diesen beiden 
Vereinen könnte in kathohschen Gegenden die Armenpflege kirchlicher Ge- 
meinden in mustergültiger Weise gelöst werden. Prof. Dr. Faßbender schlug 
seinerzeit eine Verschmelzung der Grundgedanken des Vinzenzvereins und 
des dritten Ordens vom hl. Franziskus vor, um so eine ,, katholische Heils- 
armee" zu schaffen (vgl. 67). So finden wir um 1850 überall frisches carita- 
tives Leben ; und es wäre ein leichtes, diesen Eindruck durch eine Betrach- 
tung Hollands, Spaniens, Portugals und Nordamerikas zu vervollständigen. 
Doch wollen wir bei Deutschland bleiben, das mit 1848 in den Brennpunkt 
kirchlich-sozialer Bestrebungen, sowohl katholischer als protestantischer, 
rückt. 

Im Gegensatz zur großen französischen Revolution hat die Februarrevolution 
1848 keinen wesentlich kirchenfeindlichen Charakter. Die Revolutionäre 
selber trugen in Paris mit Ehrfurcht das Kruzifix aus den erstürmten Tuile- 
rien nach dem nächsten Gotteshaus. In Deutschland fegten die darauf folgen- 
den Märzrevolten den Polizei- und Diplomatenstaat vom Erdboden und 
brachten den Konfessionen Freiheit in der Seelsorge, der Presse, dem Ver- 

128 



eins- und Ordenswesen und damit überhaupt einen bedeutenden Aufschwung 
kirchlichen Lebens. Zum Schutze dieser Freiheit bildete sich noch im März 
zu Mainz unter Katholiken der Piusverein und ebenda wurde, aus den Ver- 
sammlungen des Vereins hervorgehend, der erste Katholikentag gehalten: 
für die kathohsche Liebestätigkeit ein Ereignis ersten Ranges; denn gleich 
bei der ersten Tagung stand die soziale Frage als Beratungsgegenstand auf 
der Ordnung, und so ist es seitdem geblieben. Hier fanden die Anwälte der 
Armen für ihre Propaganda den günstigsten Resonanzboden, hier holten sie 
sich Anregung und Förderung. 

Ehe wir aber diese allgemeine Entwicklung weiter verfolgen, wollen wir 
uns noch kurz die anderen, sozial bedeutsamen Geschehnisse um das Jahr 
1848 vergegenwärtigen. Von der Einführung der Vinzenzkonferenzen ist 
schon gesprochen worden. Angeregt durch sie trat Maignen der Hebung der 
arbeitenden Klassen näher durch Gründung eines Lehrhngsvereines, dem 
1855 der erste kathohsche Arbeiterverein folgte. Ähnhche Bestrebungen ver- 
wirklichten die beiden Geistlichen Roussel und Bervanger in Paris. Die größte 
soziale Tat aber aus jener Zeit stellt der kathohsche Gesellenverein dar. 1845 
hatte der frühere Schustergeselle und damahge Kaplan Kolping einen Elber- 
felder Jünglingsverein in einen Gesellenverein umgewandelt. Der Verein war 
bis dahin eine reine Standesorganisation katholischer Art gewesen nach dem 
Vorbilde der protestantischen in der dortigen Gegend. Winter 1848/49 kam 
Kolping als Domvikar nach Köln, legte dort 1849 in der kleinen, bedeutsamen 
Schrift ,,Der GeseUenverein" seine Ideen nieder, gründete 1851 einen großen 
Gesellenverein und 1852 das erste Gesellenhospiz. 1853 waren schon 300 
weitere Vereine entstanden und zusammengeschlossen, und 1864, ein Jahr 
vor seinem Tode, gab er seiner Gründung die im wesenthchen noch heute 
bestehende Organisation, welche 1900 in den verschiedensten Ländern 1058 
Vereine mit über 80 000 Mitghedern umfaßte und heute allein in Deutsch- 
land 921 Vereine mit 60 742 aktiven Mitghedern und 265 Hospizen zählt 
(jährlich etwa looooo Passanten. 1910: 570 Sparkassen, Einnahme 1 900000 
Mark im Jahre und 5 400 000 Mark Bestand). 

Der um die gleiche Zeit wie der Gesellen verein, hauptsächhch von A . Rei- 
chensperger, ins Leben gerufene Borromäusverein bezweckt die Verbreitung 
und Förderung guter Schriften und unterhielt am 31. Dezember 1911 über 
4241 BibHotheken für 223 403 Mitgheder. Der Bonifatiusverein (1910 mit 
3073036 Mark Einnahme), das Gegenstück des Gustav- Adolf -Vereins, und 
die im Anschluß daran wirkenden, teilweise sozialen Institutionen wie der 
Bonifatiussammelverein verdanken ihr Entstehen dem bekannten Theologen 
/. Döllinger, der 1849 auf dem Regensburger Kathohkentag die Gründung 

9 C 1 a s e D , Der Salutismuä I2Q 



anregte. Luise Hensel, die Dichterin und Konvertitin, ist merkwürdiger- 
weise Erzieherin von drei Ordensstifterinnen geworden : Franziska Schervier, 
1819— 1846, wurde die Mutter der Armen Schwestern vom hl. Franziskus; 
Klara Fey, 1815— 1894, trat m.it drei Gefährtinnen zur Kongregation der 
Schwestern vom armen Kinde Jesu zusammen, und Pauline v. Mallinckrodt, 
1817— 1881, gründete die Töchter der christhchen Liehe. Alle drei Genossen- 
schaften sind um dieselbe Zeit entstanden und zählten 1905 jede über 1500 
Mitglieder. Ein noch größeres Aufblühen war den Dienstmägden Christi und 
den Grauen Schwestern beschieden. Die ersten, 1848 zu D».mbach in Hessen- 
Nassau von der Bauerntochter und Dienstmagd M. K. Kasper für Kranken- 
pflege gegründet, besaßen 1912 in 250 Niederlassungen 3177 Schwestern und 
pflegten z. B. in Chicago im Jahre 1894 2789 Blattemkranke ; die letzten, 
nach vielen Schwierigkeiten 1850 imter Maria Merkert in Schlesien organi- 
siert, entfalteten vor allem auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen eine 
segensreiche Tätigkeit und verfügten 1912 über 326 Häuser mit 3040 Mit- 
gHedem. Noch etwas mehr Mitglieder zählen die aus Elsaß stammenden 
Niederbronner Schwestern, die ein von Jugend auf kränkliches Mädchen, 
E. Eppinger, im Jahre 1849 stiftete; sie üben vor allem die Hauskranken- 
pflege. 

Betrachten wir mm die allgemeine Entwicklung seit 1848. Die Katholiken- 
tage galten, wie schon gesagt, in hervorragendem Maße den sozialen Fragen, 
einige — besonders der zu Frankfurt a. M. 1863 — standen ganz unter diesem 
Zeichen. Auf der Mainzer Tagung 1871 wurde durch Cahensly der Raphaels- 
verein zum Schutze der Auswanderer gegründet, der seit 1883 auch in Ame- 
rika, seit 1887 in Belgien, seit 1889 in Österreich, seit 1890 in Itahen und seit 
1906 in Ungarn tätig ist. Auch der Kathohkentag selber wurde vorbildüch 
für das Ausland, und heute finden ähnhche Tagungen statt in Österreich, der 
Schweiz, Itahen, Spanien, Amerika, Austrahen und HoUand, überallhin die 
Ansätze tragend für Zentralisation auf caritativem Gebiete. In Deutschland 
sind dazu bereits die letzten, entscheidenden Schritte getan. Der Volksverein, 
1890 auf Anregung von Windthor st entstanden, bezweckt insbesondere die 
Belehrung des deutschen Volkes über die aus der neuzeitlichen Entwicklrmg 
erwachsenen sozialen Aufgaben und unterhält zu diesem Zwecke eine Aus- 
kimftsstelle und Bibliothek mit großer Druckerei. Für alle Berufsstände 
werden praktisch soziale Kurse gegeben. Er hat weit über eine halbe Million 
Mitgheder. Auch die ebenfalls von M .-Gladbach ausgehende, erst einige 
Jahre alte, sozial studentische Bewegung, von Dr. Sonnenschein inauguriert 
und geleitet, hat schon eine große Ausdehnung gev/onnen. Die führende 
wesentlich caritative Organisation verkörpert seit März 1897 der all- 

130 



gemeine Caritasverband für das katholische Deutschland unter der Leitung 
des verdienten Gründers, des Prälaten Dr. Werihmann mit dem Sitz in Frei- 
burg i. B., jedes Jahr wird eine besondere Tagung abgehalten, und ebenso 
wie im Volksverein verfügt man über eine reichhaltige BibHothek usw. 

Als Bahnbrecher für das soziale Empfinden ist unter den Bischöfen Frei- 
herr E. von Ketteier, 1811— 1877, zu nennen, der 1848 im Dome zu Mainz 
seine Predigten über die soziale Frage hielt. Ein Jahr nach seinem Tode be- 
stieg der „Arbeiterpapst" Leo XIII. den Stuhl Petri, 1810— 1903, der in 
seiner Enzyklika Rerum novarum vom 17. Mai 1891 die Richtlinien einer 
katholischen Sozialpolitik festlegte und, wie tausend Züge aus seinem Leben 
beweisen, alle sozialcaritativen Bestrebungen aufs wärmste förderte. Pre- 
vost, nach Ozanam einer der ersten Förderer der Vinzenzkonferenzen, kam 
durch seine Armenbesuche zu der Überzeugung, daß an Stelle der ehren- 
amtlichen Armenpflege eine berufliche treten müsse. Er gab deshalb seine 
Stellung im Ministerium auf, ließ sich zum Priester weihen und gründete 
eine Genossenschaft von Priestern und Laien, um die Pfarrgeistlichkeit in 
den Groß- und Industriestädten bei der Seelsorge zu unterstützen. Die Laien- 
mitglieder sind außer dem Hause nicht einmal an geisthche Tracht gebunden. 
Als der spätere Generalobere Ledere über das Wirken der neuen Kongrega- 
tion Bericht erstattete, antwortete Leo XIII. hocherfreut: „Ihr Institut ist 
providentieU. Ihr vollbringt, was ich in meinen Enzykliken verlange." Mit 
ähnlichen lobenden Worten gedachte PiusX., der jetzige Papst, der Vinzenz- 
brüder, und der Apostolische Stuhl erkannte sie, obwohl Laien Vollmitgheder 
sind, als Institutum sacerdotale an. 

Im Protestantismus bringt der Pietismus die Abkehr vom unfruchtbaren 
Dogmatisieren und die Wendung zum praktischen Christentum. VnteiSpe- 
ners Mitwirkung \vurde zuerst in Frankfurt a. M., dann in Berlin das Armen- 
wesen neu geregelt. A. H. Francke erhob den Pietismus zu einer Macht. Aus 
seiner Armenschule in HaUe erwuchs ein großartiges Waisenhaus, an das 
sich andere Einrichtungen anschlössen. Freilich zu einer caritativen Umge- 
staltung des Protestaatismus kam es auch durch die Franckesche Bev/egung 
nicht, wenn auch in einem Dutzend Städten ähnliche Anstalten geschaffen 
wurden. Sie verlief vielmehr wie der Pietismus selber in kleinem Kreise. 

Bald nachher setzte mit der Zeit der Aufklärung jene Dürre und Nüchtern- 
heit ein, der jede Aufwallung des warmen Herzens als Torheit erschien, die 
aber dennoch die Humanitätsidee gebar, die Vorläuferin zumal der prote- 
stantischen Caritas. ,, Menschenfreundlichkeit", ,, Mildtätigkeit" und „Ge- 
meinnützigkeit", d. h. der nackte Eudämonismus einer ,, auf geklärten" Ethik 

9« 131 



trat auf den Plan. Bürgers Lied vom braven Mann, Lessings Nathan der 
Weise, Goethes Hermann und Dorothea, Schillers Don Carlos wurzeln in dieser 
Gedankenwelt. An erster Stelle in der humanitären Versorgung wie jetzt an 
Nutzbarmachung salutistischen Wirkens steht Hamburg. 1788 wurde die 
Stadt in 5 Bezirke geteilt mit je 12 Armenquartieren und 180 Armenpflegern. 
Arbeit geben und nicht Almosen, war der Grundsatz, und die Stadt wurde 
für viele andere vorbildlich. Der Kaufmann Voght, der mit dem National- 
ökonomen Busch die Reorganisation durchgeführt hatte, wurde vom Kaiser 
nach Wien berufen und in den Freihermstand erhoben. Selbst Napoleon holte 
seinen Rat ein. 

Vor allem ist aber auf Pestalozzi hinzuweisen, den großen Pädagogen mit 
seiner Bettelkinderanstalt in Stans, ohne den alles, was später Falk, Zeller 
und Wichern schufen, unmöglich gewesen wäre. 5. L. Heinicke eröffnete in 
Leipzig die erste deutsche Taubstummenanstalt, in der nach der Lautier- 
methode unterrichtet wurde, und Pfarrer Oberlin in Steinthal, Elsaß, die 
erste Kleinkinderschule. John Howard, der englische Philanthrop, bereiste 
damals ganz Europa, um den Zustand der Gefängnisse und Irrenhäuser zu 
untersuchen. Die protestantisch-sozialen Bestrebungen staken demnach noch 
in den kleinsten sporadischen Anfängen, als die französische Revolution am 
28. Mai 1793 in der Erklärung der Menschenrechte den Satz aufstellte: ,,Die 
öffentliche Armenpflege ist eine geheiligte Schuld", und dazu etwas später 
die Erläuterung: ,,Die Gesellschaft schuldet ihren unglückhchen Bürgern 
den Unterhalt, sei es, daß sie ihnen Arbeit verschafft, sei es, daß sie dem dazu 
Unfähigen die Existenzmittel liefert." Die Taten, welche diesen Worten 
folgten, sehen allerdings ,wie schon ervvähnt, kläglich aus. Sehr weit über die 
Zerstörung der alten Einrichtungen kam man nicht hinaus ; neue entstanden 
nicht, und glänzender als je war die Unentbehrlichkeit der Caritas neben der 
Humanität erwiesen. So ist das Bild der Liebestätigkeit beider Konfessionen, 
von der Schwelle des 19. Jahrhunderts aus gesehen, fürwahr trüb und dunkel. 
Erst allmählich erwacht der Glaube wieder und damit auch die Caritas; doch 
geht, wie schon gesagt, nicht in Deutschland, sondern westlich in England 
die Sonne christlich-protestantischer Barmherzigkeit auf. 

Schon Urlsperger war durch seine Reisen nach dem Inselland geführt wor- 
den, und Steinkopf, der Sekretär der von diesem begründeten Christentums- 
gesellschaft, siedelte sogar nach London über als Pastor der deutsch-luthe- 
rischen Kirche. Er ist seitdem das Band zwischen englischer und kontinen- 
taler Liebestätigkeit, und zwar kommen von England sowohl die Anregungen 
als die Geldmittel ; so erhielten z. B. Falk und von der Recke von England ihre 
Barunterstützungen, und Rautenberg gründete mit englischer Hilfe und nach 

132 



englischem Muster die Hamburger Sonntagsschule, die wiederum der Aus- 
gangspunkt für Wichems Tätigkeit werden sollte. Ferner gehörte zu den 
ersten Mitgliedern der 1799 entstandenen englischen Traktatgesellschaft der 
Kaufmann Kießling aus Nürnberg, und bald war das Werk dieser Gesell- 
schaft in ganz Deutschland in Blüte. Ich werde bei Gelegenheit noch auf 
diese Bedeutung Englands aufmerksam machen. 

Als Zeller 1816 einen Besuch im Baseler Missionshause machte, kam er im 
Gespräch mit Spittler von der äußeren Mission auf die innere zu sprechen, 
und die beiden begannen einen Plan zu entwerfen, wie den vielen Waisen 
aus der Kriegszeit Hilfe zu bringen sei. Die Hungerjahre 1816/17 trieben zur 
Tat. Am 17. Mai 1820 zog Zeller mit 5 verwahrlosten Kindern in die pacht- 
weise übernommene ehemalige Komturei des Deutsch ordens Beuggen. Stein- 
kopf aus London war zugegen, und 1826, ein halbes Jahr vor seinem Tode, 
kam Pestalozzi zu Besuch. Die Anstalt blühte rasch empor und diente vielen 
anderen zum Vorbilde oder gab ihnen den Hausvater. Auch Graf von der 
Recke steht mit ihr in Verbindung, und Wichern schickte an Zeller den Plan 
für das Rauhe Haus zur Begutachtung. Recke sammelte mit seiner Gemahhn 
Mathilde, geb. von Pfeil, in dem ehemaligen Trappistenkloster des Düssel- 
tales Kinder um sich. Seine Erziehungsmethode wie seine Schriften sind 
pietistisch, sein Einfluß groß. Freilich für die Entwicklung der Rettungs- 
häuser wurde der Lutherhof in Weimar von Joh. Falk von entscheidender 
Bedeutung. Er gründete die ,, Gesellschaft der Freunde in der Not", suchte 
sich die verwaiste oder verwahrloste Jugend und gab sie zu Pflegeeltern und 
Handwerkern oder beschäftigte sie selber in ,, Spinn-" oder ,, Arbeitsschulen". 

Aber alles das ist mehr oder weniger immer noch unzusammenhängende 
und unsystematische Liebestätigkeit, bedeutet also noch nichts wesent- 
lich Neues. Sollte es zu einer reicheren, der katholischen irgendwie ebenbür- 
tigen Caritas kommen, so mußte eine Schar von Arbeitern und Arbeiterinnen 
erstehen, welche berufsmäßig sich dem Dienst des Nächsten widmete. Diese 
zu schaffen, war Fliedner auf Kaiserswerth und Wichern in Hamburg vor- 
behalten, und besonders Wichern kann als der auf deutsche Verhältnisse 
übertragene William Booth gelten. Booth, Wichern und Fliedner: das sind die 
sozialen Reformatoren des Protestantismus. 

Th. Fliedner, 1800— 1864, ist ein Mann von schöpferischem Geiste, und 
durch ihn ist die kleine Rheinpfarrei Kaiserswerth bei Düsseldorf ein Aus- 
gangspunkt des Segens für die ganze protestantische Welt geworden. Durch 
die Armut seiner Gemeinde sah er sich gezwungen, auf Kollekten auszugehen 
und lernte in Holland das bei den mennonitischen Gemeinden noch be- 
stehende Diakonissenamt und in England die Bestrebungen der Quäkerin 



E. Fry kennen. Der Einfluß des katholischen Vorbildes wird von Katholiken 
scharf betont, von Protestanten verschwiegen, wie es bei Kolping umgekehrt 
der Fall ist. Zurückgekehrt, brachte er am 17. September 1833 in seinem 
kleinen Gartenhause die erste entlassene Gefangene unter, und am 13. Ok- 
tober 1836 entstand daneben unter ebenso bescheidenen Verhältnissen das 
erste Diakonissenhaus, von seiner Frau geleitet. Später gliederten sich noch 
andere Unternehmen an: Krankenpflege, Kleinkinderschule, Arbeit in der 
Gemeinde unter den Magdalenen u. a., und bald schon hatte Kaiserswerth 
Schwestern in allen Weltteilen, in London, Philadelphia, Konstantinopel, 
Alexanrdia, Jerusalem, Beirut usw. 1912, am 13. Oktober, dem 75. Jahres- 
tage der Gründung des ersten Diakonissenhauses, zählte der Kaiserswerther 
Verband rund 21 000 Schwestern in 87 Häusern. Daneben wirken vielleicht 
noch 7000 Diakonissen in anderen Organisationen, z. B. in dem von Prof. 
Dr. Zimmer 1894 begründeten evangelischen Diakonieverein mit dem Sitz 
in Berhn-Zehlendorf, der alle Zweige weiblicher Hilfstätigkeit zu organisie- 
ren sucht und nur der Besonderheit wegen erwähnt sei. 

Vor Fliedner treffen wir übrigens auch schon ähnliche Bestrebungen z. B. 
bei Amalie Sieveking, der unvergeßlichen Tochter der Hansestadt Hamburg, 
die, auch angeregt durch E. Fry, sich 1831 im Choleraspital dem Kranken- 
dienste widmete. Ihr Aufruf zur Mitarbeit war ihr übel aufgenommen wor- 
den ; aber nach der Seuche gelang es ihr, Gefährtinnen zu sammeln. Durch 
Goßner verschafft sie sich die Regeln der Barmherzigen Schwestern, woirde 
aber in der Gründung einer ähnlichen Institution von Fliedner^THit denr sie 
in Bemhrung trat, überholt. So ist also erst im letzten Jahrhundert dem 
weiblichen Geschlecht auch im Protestantismus jener Platz auf dem Arbeits- 
felde der barmherzigen Liebe angewiesen worden, der ihm natürlichei"weise 
wie durch neutestamenthches Vorbild zusteht, und durch Fliedner hat die 
protestantische Liebestätigkeit einen Fortschritt erfahren, wie sie ihngiößer 
vielleicht nicht mehr erleben wii"d. 

Das Mittelglied zwischen Fliedner, der nur weibliche, und Wichern, der 
nur männliche Hilfskräfte für die innere Mission lebendig machte, bildet 
W. Lohe, 1808— 1872, der in Neuendettelsau eine Anstalt zur Heranbildung 
beider begründete. Auch seien hier noch angeführt Barth in Calw, Härter in 
Straßburg, Kapf in Württemberg und Friedrich Wilhelm IV., der in Berlin 
das als Diakonissenzentrale gedachte Haus Bethanien eröffnete. 

Ganz wie bei Fliedner, so hegt auch bei /. H. Wichern, 1808— 1881, der 
englische Einfluß klar zutage. Wie schon bemerkt, war er zuerst in der nach 
englischem Muster von Rautenberg eingerichteten Sonntagsschule zu Ham- 
burg tätig. In dem damit verbundenen Besuchsverein lernte er noch als 



Theologiestudent die Not und die sittliche Verkommenheit in seiner Vater- 
stadt kennen, und als er 1833 im Auktionssaale der Börse seinen Plan dar- 
legte, da dachte er nicht an ein Waisenhaus, sondern schon weiter an ein 
Rettungsdorf. Die fehlende Familie sollte durch Bildung von Familiengrup- 
pen ersetzt werden. Ein Bruderhaus sollte die Famihenväter hefem. Endlich 
aber müsse man die Ursachen selber zu heben suchen, welche Rettungshaus 
und Diakonie zur traurigen Notwendigkeit machten. Wucherte nicht, be- 
sonders in großen Städten, von der Kirche unerreicht und unerreichbar, 
Jammer und Elend allerart! So schließt sich an die zwei ersten Forderungen 
für ihn noch eine dritte nach innerer Mission an, vielleicht nicht klar erkannt, 
aber gedanklich doch schon damals vorhanden. Das Rettungsdorf ward 
unter hochherziger Hilfe besonders vom Syndikus Sieveking im Anfang der 
40er Jahre geschaffen. Dann kam das Jahr 1848, ,,wo die Not des Volkes 
offenbar wurde gleich einem durch einen Blitzstrahl plötzlich enthüllten 
Abgrund", wie Wiehern auf dem Wittenberger Kirchentage in demselben 
bedeutsamen Jahre erklärte. Es gelang ihm damals, nachdem er aus Zeit- 
mangel fast nicht zu Wort gekommen wäre, die breite Öffentlichkeit für 
sich zu gewinnen. Sofort 1848 erfolgte die Begründung eines Zentralaus- 
schusses für innere Mission und gleichzeitig die Umgestaltung des 1842 be- 
gründeten Brüderseminars in die erste Brüderanstalt des Rauhen Hauses. 
Nach diesem Vorbild sind bis jetzt 10 weitere Anstalten entstanden, die 1907 
zusammen 2645 Brüder zählten. Auf den folgenden Kirchentagen tat sich 
Wiehern hervor durch Erweckung und Pflege des religiösen Sinnes. 1857 
wurde er Oberkonsistorialrat und Vortragender Rat im Ministerium für Ge- 
fängnis- und Armenwesen, legte aber 1872 seine Ämter nieder und übergab 
1873 auch die Leitung des Rauhen Hauses seinem Sohne Johannes. 

Wiehern selber definierte die ,, Innere Mission" auf dem Stuttgarter Partei- 
tage in ausdrücklicher Weise als ,,die Entfaltung und Betätigung der Glau- 
bens- und Liebeskraft der ganzen wahrhaftigen Christenheit in Kirche, Staat 
und aUen Gestalten des sozialen Lebens". Tatsächlich ist die Innere Mission 
zu einem Vereinigungsgebiet der verschiedenen protestantischen Richtungen 
geworden. Sie begreift heute in sich Krippen, Kleinkinderschulen, Kinder- 
gottesdienst und -beschäftigungsanstalten, Lehrlings-, Jünghngs- und Jung- 
frauenvereine, Haushaltungs-, Mägde- und Erziehungsanstalten, Vereine der 
Freundinnen junger Mädchen, Bahnhofsmission, Arbeiterinnenheime, Her- 
bergen zur Heimat, Arbeiter- und Arbeiterinnenkolonien, Seemanns-, Fluß- 
schiffer-, Kellner- und Soldatenmission, Siechen-, Alters- und Taubstummen-, 
Bhnden-, Idioten-, Epileptiker-, Krüppel-, Erholungs- und Beschäftigungs- 
heime, Suppenanstalten, Volkskaffeehäuser, Magdalenenhäuser, Bimd vom 



weißen und Verein vom blauen Kreuz, Fürsorge für entlassene Sträflinge 
usw. Die Ausgestaltung und Ausdehnung des Arbeitsgebietes der Inneren 
Mission knüpft sich an die Namen von Prof. Perthes, Pastor v. Bodelschwingh 
und Hofprediger Stcecker; von kleinen Unternehmen, wie z. B. einem im 
Jahre 1848 unternommenen Versuche A. Hubers, das Genossenschaftswesen 
einzuführen, sehen wir dabei ab. 

Prof. Dr. A. Perthes, 1809— 1867, begründete 1854 i^ Bonn die erste , .Her- 
berge zur Heimat" und legte 1856 seine Ideen in der Schrift ,,Das Herbergs- 
wesen der Handwerksgesellen" nieder. Sein Streben ging dahin, dem wandern- 
den Handwerker in einer von einem christlichen Hausvater nach einer Haus- 
ordnung geleiteten Herberge gutes Unterkommen zu bieten. Unmäßigkeit, 
Kartenspiel usw. sollte verboten, die Teilnahme an der jeden Abend abzu- 
haltenden Hausandacht aber jedem freigestellt sein. Der Gedanke fand An- 
klang. Anfangs langsam, dann rascher und rascher entstanden die Häuser. 
1899 waren es 457 mit rund 18 000 Betten, welche i 654 000 Wanderer in 
3 178 000 Nächten aufnahmen. Neuerdings ist mit vielen Herbergen eine 
Stellenvermittlung verbunden und 177 besitzen Sparkassen. 

1881 entwickelte Fr. von Bodelschwingh, 1831— 1910, seit 1861 Pfarrer zu 
Paris in der Villette, seit 1864 Pfarrer in dem Ruhrdörfchen Dellwig und seit 
1872 mit der Leitung der Epileptikeranstalt in Bielefeld betraut, dort auf 
einer Konferenz der Inneren Mission seinen Plan einer Arbeiterkolonie und 
verwirklichte ihn 1882 durch Gründung von Wilhelmsdorf in der Senne. Die 
Kolonie sollte arbeitslosen, aber arbeitswilligen Männern Beschäftigung bie- 
ten und ihnen wieder zu einem ehrlichen Lebenserwerb verhelfen. Bereits 
1883 wurden 5 weitere Kolonien eröffnet. 1900 waren es 29 ländliche mit 
Ackerbau und 3 städtische mit industriellem Betriebe. Sie schlössen sich mit 
dem ihrem Beispiel nachfolgenden katholischen Gründungen zu Elkenroth, 
Maria- Veen usw. zu einem Verbände zusammen, der ein eigenes Blatt heraus- 
gibt. Der Versuch von Pastor Cronemeyer in Bremerhafen, die Kolonisten 
dauernd anzusiedeln, ist nicht durchführbar gewesen. Dagegen hat Bodel- 
schwingh im Wietingsmoor eine ,, Freistadt" begründet, die bei industriellen 
Notlagen großen Massen von Arbeitslosen Arbeit bieten soll. 1884 begann 
er mit Errichtung von Verpflegungsstationen, die gegen Arbeit jedem mittel- 
losen Wanderer Nachtlager und Beköstigung gewähren, 1890 stieg ihre Zahl 
auf 1957, die aber bis 1900 auf 1287 zurückging. Man hat versucht, Bodel- 
schwingh und Booth gegeneinander auszuspielen, aber sehr mit Unrecht. 
Bodelschwingh sandte kurz vor seinem Tode, als der General in Bielefeld 
redete, noch seinen Sohn, dem ,, lieben Bruder Booth" die besten Grüße zu 
überbringen. Und in der Tat, sie waren Brüder, einmal durch den Kolonisa- 

136 



tionsge danken, der ihr Gott und dem Nächsten geweihtes Leben beherrschte, 
dann aber auch durch ihren frischen Wagemut, ihre Theorienscheu und ihre 
Originahtät. Die Anrede ,,Du" war Bodelschwingh so geläufig wie nur einem 
Quäker und mit Ministem sprach er gerne wie ein Patriarch. 

Neben ihm, dam Sozialpraktiker, glänzt als eigenthcher Sozialpolitiker 
und Großstadtseelsorger A. Stcecker, 1835— 1909. Seit 1874 Hof- und Dom- 
prediger in Berhn, begründete er 1878 die ,, Christlich-soziale Partei" und 
wurde 1890 wegen seiner politischen Tätigkeit entlassen. Im selben Jahre 
rief er, zusammen mit Liz, Weber, M. -Gladbach, dem Abg. Kropatschek und 
Prof. Dr. A. Wagner, den „Evangehsch-Sozialen Kongreß" ins Leben, in 
dessen erster Sitzung zu Berlin am 28. Mai Wagner zum Präsidenten ge- 
wählt wurde. Auf der Tagung in Erfurt 1895 bildete man eine Frauengruppe, 
nachdem Frau Gnauck-Kühne, die jetzt in der katholischen Frauenbewe- 
gung tätige Konvertitin über die soziale Lage der Frauen referiert hatte. 
Auf der Tagung in Stuttgart 1896 legte man Stcecker nahe, das Amt eines 
zweiten Präsidenten abzutreten, weil er zugleich Führer einer politischen 
Partei sei, was sein Ausscheiden und 1897 die Organisierung einer ,, kirchlich- 
sozialen Konferenz" zur Folge hatte, welche „ein Sammelpunkt sein soll für 
evangelische Männer und Frauen, die im Geiste der Reformation danach 
streben, daß das Evangelium immer mehr die bewegende Kraft unseres Volk- 
lebens werde und die um dieses Zieles willen an der Heilung der sozialen Not- 
stände mithelfen wollen". ,, Die kirchlich-sozialen Aufgaben sollen aufhören, 
das Anliegen einer einzelnen Gruppe von Christen zu sein, sie sollen Sache 
der ganzen Christenheit werden." — Stcecker ist der Vater der Stadtmission; 
denn Wichems erster Versuch dazu mißglückte. Erst 1858 kam es zu einer 
geordneten Einrichtung, und unabhängig von ihm schuf 1875 Pastor Brück- 
ner eine gesonderte Organisation, die 1877 beide verbunden wurden. Stcecker 
trat an die Spitze des Werkes. Damals kamen in Berlin 40 000 Seelen auf 
einen Geisthchen, nur 20% der Ehen wurden kirchlich eingesegnet ; 50% der 
Kinder blieben ungetauft. 

Die Stadtmission beschäftigt neben berufsmäßigen Geistlichen noch ,, Stadt- 
missionare", die mit Gehalt angestellt sind, undehrenamthche ,, Laienhelfer". 
Sie besitzt in Berlin 20 Säle. Ihre Knabenchöre, ,,Stoeckers Kanarienvögel", 
singen in den Arbeitervierteln und auf den Höfen rehgiöse Lieder; die 
,, Schrippenkirche" bietet dem Auswurf Berlins Gottesdienst, dem ein Kaffee 
mit Schrippen = Brötchen voraufgeht ; die Nachtmission sucht durch persön- 
liche Zuspräche oder wenigstens durch Überreichung gedruckter Zettel, z. B. 
mit dem Text : Sündigen Sie nicht gegen sich selbst, gegen Ihre Angehörigen, 
gegen den lebendigen Gott! — auf die Prostituierten einzuwirken. Männliche 

137 



und weibliche Hilfsarbeiter der Mission tragen Uniform und gehen nicht nur 
in die Straßen, sondern auch in die Häuser, wo die roten Laternen leuchten. 
Man sieht, die Bekanntschaft Stoeckers mit W. Booth ist nicht ohne Früchte 
geblieben und ich kann Dr. Schramm versichern, daß Stöckers Agitation 
mehr als ,,ein entferntes Analogen" des Salutismus ist. Ihren Unterhalt be- 
streitet die Mission, die nicht zum Kirchenbesuche überreden, sondern auf 
innere Umwandlung des Menschen hinwirken soll, aus dem Betrieb i. von 
Fremdenhospizen, 2. der Vaterländischen Verlags- und Kunsthandlung, 
3. eines Geschäftes für Kirchengegenstände; die meisten Mittel aber werden 
durch freiwillige Beiträge aufgebracht. 

Endlich ist noch neben der Inneren Mission als protestantisches Zentral- 
organ auf etwas anderem Gebiete der ,, Deutsche Verein für Armenpflege und 
Wohltätigkeit" zu nennen, der, wie schon der Name besagt, im Gegensatz 
zur Inneren Mission grundsätzlich nicht über unser Vaterland hinausgeht. 

Man hat in begeisterter Verehrung Wilham Booth den ersten und den ein- 
zigen christlichen Philanthropen der neueren Zeit (und sogar den 
, »letzten Christen") genannt. Das ist Überschwenglichkeit, selbst wenn wdr 
das bisher Gesagte außer acht lassen und unseren Blick ganz allein AemAngli- 
kanismus zuwenden. Eine ganze Anzahl von Bestrebungen sind in England 
tätig gewesen, das Volk dem sozialen Frieden entgegenzuführen; und ein 
W. B. hat es zu seinem Ruhm wahrhaftig nicht nötig, daß man andere tot- 
schweigt oder verkleinert. Im Gegenteil, er kann bei einer Gegenüberstellung 
und Vergleichung nur gewinnen, und ich möchte an die Spitze meiner Aus- 
führungen über die soziale Reformation des Anghkanismus den Satz stellen, 
daß England die meisten sozialen Errungenschaften letzten Endes rehgiösen 
Bestrebungen verdankt, daß es aber auch andererseits in England keine so 
rein sozialreligiösen Bestrebungen gibt, wie jene, die wir bisher betrachteten. 
Das Bild des englischen hochkirchlichen Geistlichen vor 100 Jahren, wie 
es die Romanhteratur jener Zeit entwirft, ist hinlänglich bekannt und hat 
keine ÄhnHchkeit mit dem Geisthchen von heute. Damals soll er ein voll- 
kommener Lebemann gewesen sein, der sein Amt als das betrachtete, als 
was der enghsche Ausdruck es bezeichnet, nämhch als Living = Lebens- 
unterhalt, Pfründe. Meist der jüngere Sohn einer angesehenen Familie, fand 
er als Sachverständiger für Truthahnpasteten und Fuchsjagden nicht seines- 
gleichen. Diese Geistlichen empfahlen nach Carlyle den Glauben an Gott, 
weil er gut dafür war, die Arbeiter in Manchester an die Spinnmaschinen zu 
bannen, und brauchten nach Kingsley die Bibel ,,als Leitfaden für Pohzei- 
diener, als Dosis Opium für Lastträger und als ein Buch, den Armenpöbel 

1^,8 



in Ordnung zu halten". Die Religion war ihnen nur „der überirdische Dünger 
für ihre irdischen Mistbeete." Kein Wunder, daß Ashley im Parlamente 
klagte: „Von wem hätte ich zuerst Hilfe (in meinen Sozialbestrebungen) er- 
warten dürfen ? Doch unzweifelhaft von der Geistlichkeit, zumal derjenigen in 
Industriegegenden. Das Gegenteil ist mir geworden mit äußerst wenigen Aus- 
nahmen, und doch gibt es in unseren Kirchen außer den hohen Würdenträgem 
16000 Pfarrer." Es ist zuzugeben, daß die Staatskirche anfangs wenig und dies 
Wenige nur notgedrungen getan hat, nämlich im Wettbewerb mit den Dissen- 
tem, von denen allein der ganze sozialcaritative Einfluß ausgegangen ist, den 
wir eben bei Betrachtung des deutschen Protestantismus kennen lernten. 

Um 1850, also um dieselbe Zeit, wo überhaupt der Umschwung einsetzte, 
wird das anders. Der Chartismus war der Lächerlichkeit anheimgefallen, 
und die Arbeiterschutzgesetzgebung hatte 1847 ^^^ denkwürdigen Schritt 
zum Zehnstundentag getan. Zur selbigen Zeit setzten auch die englischen 
Gewerksvereine und Genossenschaften ein, die Vorboten und Wegbahner des 
sozialen Friedens in England. An ihnen aber sind religiöse Kreise ursächlich 
beteiligt, ohne deren Wirken sich der englische Arbeiter nicht jener poli- 
tischen, wirtschaftlichen und sittlichen Reife, kurz jener Allgemeinhebung 
rühmen könnte, die ihn heute auszeichnet, und ohne die es keine Lösung 
der sozialen Frage gibt. Es muß einmal mit allem Nachdruck hervorgehoben 
werden, daß Carlyle, Maurice, Ludlow, Kingsley, Hughes, Neale, die Pusey- 
isten und selbst Ruskin und Toynhee in durchaus religiösem Empfinden wur- 
zeln und zum Teil sogar Kleriker sind. 

Th. Carlyle, 1795— 1881, aus einem altschottisch-puritanischen Geschlecht 
starkknochiger Menschen stammend, hat der ganzen viktorianischen Zeit 
den Stempel seines Wesens aufgedrückt und beherrscht das englische Geistes- 
leben bis auf den heutigen Tag. Er ist eben für das Inselreich der Mittelpunkt 
jenes ungeheuren Umschwunges von einer individualistischen zu einer sozia- 
len Gesellschaftsordnung, die das Merkmal des 19. Jahrhunderts bildet. Car- 
lyle aber ist wiederum beeinflußt von A. Comte, 1798— 1857, ^^^^ Vater des 
Positivismus und der neueren Soziologie. — Der Einfluß deutscher Literatur 
und Kultur, besonders der Einfluß Goethes, kommt in diesem Zusammenhang 
nicht in Betracht. — Im Gegensatz zu A. Smith, nach dem der bloße Mangel 
an Wohltätigkeit nie ein wirkliches Übel stiftet, geht einem Comte der Al- 
truismus entschieden über den Egoismus. Seine Sittenlehre gipfelt in dem 
Grundsatze : vivre pour autrui !, das freilich bei ihm auf ganz anderen Voraus- 
setzungen als beim Christentum beruht. Carlyle tut den ersten Schritt zur 
Verchristlichung dieses Satzes dadurch, daß er den Gedanken der Selbstver- 
leugnung hineinträgt und diese ,, Mutter aller Tugenden" an die Stelle der 

139 



utilitaristischen Begründung setzt. Ihm ist Rehgion und Sitte nichts als die 
Verkörperung jenes Gefühls der Verbindlichkeit, welche der Mensch für an- 
dere hat. Da aber nur dieses Gefühl gemeinschaftsbildend ist und auf ihm 
der innere Zusammenhang der Gesellschaft beruht, so fällt für ihn das reli- 
giöse Element schlechthin zusammen mit dem sozialen und ist nichts anderes 
als Altruismus. Selbstsucht ist für Carlyle der Grund alles Schlechten ; ihre 
Überwindung ist ihm Religion und so erschien ihm Christus als der größte 
Gegensatz zu — /. Bentham, dem bedeutendsten Vertreter des Utilitarismus, 
dem scharfen Gegner christlicher Entsagung und begeisterten Anhänger von 

A. Smith und der Freihandelsschule. Diese Gedankengänge kamen, haupt- 
sächlich durch Kingsley, zu jener Gruppe von Männern, welche sich ,, christ- 
liche Sozialisten" nannten, um zu bezeichnen, daß sie nicht Christen und 
Sozialisten, sondern als Christen notwendig auch Sozialisten seien. 

Man hat verschiedentlich und mit Recht auf die Ähnlichkeit zwischen W. 

B. und Ch. Kingsley, 1819— 1875, hingewiesen; besonders und zuletzt ge- 
schah das von Prof. Dr. Böhmert^). Kingsleys feurige Natur, sein leicht be- 
wegliches Gefühlsleben, seine persönliche Anziehungskraft, sein furchtloses 
Auftreten, seine von Überzeugung und Ernst erfüllte Beredsamkeit und sein 
genialer Humor lassen einen Vergleich durchaus passend erscheinen, wenn 
er in manchen anderen Punkten auch stark hinkt. Religiös ist Kingsley ab- 
hängig von /. F. D. Maurice, 1805— 1872, dem eigentlichen Führer der Be- 
wegung. Neben diesen beiden seien noch genannt: /. Ludlow, als Kenner 
sozialer Verhältnisse, Th. Hughes, mit seinem sicheren Urteil, und E. V. 
Neale, welcher den größten Teil seines Vermögens der Sache dienstbar machte. 
Sie gmndeten, darin beeinflußt von Frankreich her, 1850 ,,die Gesellschaft 
zur Förderung von Arbeitergenossenschaften", wie Robert Owen, 1771— 1858, 
sie längst gefordert und zu verwirklichen gesucht hatte, und waren tief über- 
zeugt, daß die Anbahnung des Reiches Gottes auf Erden, das gottgewollte 
Ziel der Menschheit, nur zu erreichen sei, wenn der Grundsatz der christlichen 
Brüderlichkeit über den Gedanken vom wirtschaftlichen Kampfe aller gegen 
alle den Sieg davontrage. Sie und W. Booth formen also die philosophisch- 
ethischen Ideen Carlyles in christlich-asketischer Weise um. Alle drei, Booth, 
Kingsley und Maurice, wurden zuerst nicht beachtet, dann als Sozialrevolu- 
tionäre unter die Ketzer getan und schließlich wegen ihrer Verdienste um 
die Reform sozialer Gedanken verherrlicht. 

Während Maurice und Kingsley, die als Geistliche der Breitkirchlichen 
Partei angehörten, sich an die geistig hochstehenden Arbeiter wandten, 
neigte sich der Puseyismus, d. h. die katholisierende Hochkirchliche Richtung, 
^ „Arbeiterfreund", 50. Jahrg., 3ioff., Berlin 1912. 

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zu den Ärmsten der Armen nieder. E. Pusey, 1800— 1882, Geistlicher und Pro- 
fessor in Oxford, und seine Anhänger haben das unbestreitbare Verdienst : 
I. den besitzenden Klassen ihre Pflichten gegen die Armen ins Gedächtnis ge- 
rufen, 2. durch die Forderung besonderer Heiligkeit für die Geistlichen in der 
Kirche selber das soziale Bewußtsein geschärft und 3. durch Neugründung von 
geistlichen Orden caritativer Richtung {Cowley Väter, Clewer Schwestern) un- 
mittelbar sozial gewirkt zu haben. Der Puseyismus, zumeist vertreten durch 
jüngere Söhne des Adels, hat sich zuerst in jene Verbrecherhöhlen Londons 
gewagt, wo Laster und Elend sich gegenseitig zu übertreffen suchen. Um 
nur einen einzigen unter vielen zu erwähnen, gedenke ich des 1880 verstorbe- 
nen Charles Lowder. Er war im Jahre 1820 geboren und trat in Oxford unter 
den Einfluß Puseys und Newmans. Später besuchte er vorübergehend ein 
katholisches Priesterseminar in Frankreich. 1856, also fast 10 Jahre vor 
W. Booth, übernahm er ein geistliches Amt an einer Kirche unmittelbar bei 
den Londoner Docks gelegen, mitten im Auswurf der menschlichen Gesell- 
schaft. Unter den 753 Häusern seines Arbeitsfeldes waren 40 Schenken und 
154 Bordelle, deren Besitzer Herren der Gemeindeverwaltung waren. 
Sein Vorgänger war innerhalb 7 Jahren nur ein einziges Mal in Person in der 
Kirche erschienen. Lowder lebte hier 21 Jahre, unterstützt von 4 jüngeren 
Geistlichen, die er zuzog. Seine lange, priesterliche Gewandung und seine 
Prozessionen erinnern durchaus an die Riten der katholischen Kirche. 
Lowder soll in manchen Wochen 54 mal Gottesdienst gehalten haben, nicht 
selten unter offenem Himmel an den Toren der Docks vor jenen elenden, 
sich um die Arbeit schlagenden Massen oder ausschweifenden Matrosen. Auch 
gründete er Abend- und Sonntagsschulen, Jünglings- und Arbeitervereine 
und wurde viel von Laien unterstützt, die sich ihm ehrenamtlich zur Ver- 
fügung stellten. Dabei mußte er erst vor dem rohen Pöbel sogar um sein 
Leben bangen. Allmählich gewann er das Vertrauen seiner Pfarrkinder, und 
die Zustände besserten sich so, daß zuletzt nur noch selten eins von ihnen 
aus seinen Versammlungen heraus von der Polizei abgeführt wurde. Er starb 
infolge der Anstrengungen seines Berufes 1880 in Zell am See unter dem Bei- 
stande eines katholischen Priesters, und ich denke, daß die paar Worte über 
ihn einige englische Kritiker der H. -Methodik nachdenklich stimmen wird, 
ebenso wie ich hoffe, daß die deutschen Kritiker sich bei meinen Bemerkun- 
gen über die Stoeckersche Stadtmission sich ihre Gedanken gemacht haben. 
Lowder, wie gesagt, ist keine vereinzelte Erscheinung. Ende der 60 er Jahre 
erwachte in England das ,,Slumfieber", und die gebildeten Stände, die bis 
dahin von den Zuständen in Ostlondon keine Ahnung hatten, betrachteten 
es als eine Art Sport, in den Gassen von Whitechapel sich umzusehen. So 

141 



folgte dem Puseyismus und Salutismus das Studententum, und auch dies 
brachte einige Menschen, denen das große Problem des Ostens etwas mehr 
als sportliche Belustigung bot, nämlich E. Dennison, E. Hollosond und den 
Pfarrvikar Bar nett, der sich auf die gänzlich vernachlässigte Pfarrei St. Jude in 
Whitechapel meldete und sie erhielt. Er hatte mit seiner Frau anfangs eine 
wahre Märtyrerzeit durchzumachen; denn die Kirche spielte in jener Gegend 
nur als Almosenanstalt eine Rolle, und als Barnett nicht mehr wahllos jedem 
gab, der kam, warf man ihm die Fensterscheiben ein und verfolgte ihn auf der 
Straße mit Steinen. Aber er hielt aus, und seine Überzeugung war, daß es mit 
allem anders werden würde, wenn nur eine größere Zahl junger, gebildeter 
Männer so recht von den Dingen wüßten, die er um sich sah. Und so ging er 
1875 mit seiner Frau nach Oxford, um den Studenten und Dozenten von 
seinen Leuten zu erzählen. In den Sommerferien kam eine große Anzahl von 
ihnen zu ihm und einzelne blieben zu einem eingehenden Studium. — Ihre 
Zahl wuchs besonders durch den Einfluß des Dozenten für Nationalökonomie 
A . Toynbee, 1852— 1883, der bald die Seele des Unternehmens wurde und seine 
Ferien regelmäßig in Ostlondon zubrachte, sowohl um selber zu lernen, als 
auch und vor allem, um durch persönlichen Umgang die Arbeiterklasse sittlich 
und geistig zu heben. Leider starb er schon 1883, ohne diesen Ideen eine feste 
Organisation gegeben zu haben. Da hörte Barnett von einigen Studenten des 
St. Johns College in Cambridge, die gerne etwas für seine Armen tun wollten. 
Zugleich v/ar der Plan in ihm gereift, ein Haus in Whitechapel zu mieten 
oder zu kaufen. Ein Ausschuß von Studenten schaffte das nötige Geld, und 
neben St. Jude wurde nach dem Vorbilde der von Maurice 1854 i" der City 
ins Leben gerufenen ,, Volkshochschule" das erste ,,University-Settlement" 
errichtet und „Toynbee-Hall" getauft, in die Weihnachten 1884 die ersten 
,, Settier" oder ,, Residenten" einzogen. Heute gibt es in jedem Arbeiter- 
viertel Londons, in allen größeren Fabrikstädten und schon in den ver- 
schiedensten fremden Ländern solche ,, Settlements". 

/. Ruskin, 1819— 1900, erst Zeichenlehrer, dann Professor der Kunst- 
geschichte in Oxford, der Präraffaelit und Sozialreformer, der freilich schon 
1884 geistiger Zerrüttung anheimfiel, wurde der Prophet der ganzen Bewe- 
gung, und sein Einfluß ist bis heute noch am Wachsen. Carlyle, Ruskin und 
Booth, das sind in England, jeder in seiner Weise, die Propheten des sozialen 
Gedankens, deren reformatorische Bedeutung sich noch gar nicht abschätzen 
läßt, jedenfalls aber noch weit über die Grenzen Englands hinausreicht; ein 
anderes Dreigestirn bildet Booth, um auch das noch aus der ganzen Betrach- 
tung herauszuheben, auf rein religiöscaritativem Gebiete mit Wichern und 
Vinzenz von Paul. 

142 



Im allgemeinen ist noch über den Anglikanismus zu sagen, daß in keinem 
Lande die Anstalten und Vereine freier Liebestätigkeit eine solche Ausdehnung 
gewonnen haben wie in Altengland und besonders in London, mit dem sich 
nicht einmal Paris messen kann. Da gibt es Stiftungen aus uralten Tagen und 
daneben und noch mehr Schöpfungen der Neuzeit mit ungeheurem Vermögen. 
Zahllos, kann man fast sagen, sind die Stiftungen für invalide Arbeiter, für 
Witwen und Waisen, für Kranke jeder Art, und alle diese Stiftungen er- 
scheinen auf englischem Boden in einem Glänze und einer Ausstattung, die 
uns Festlandmenschen ganz kleinlaut und ängstlich macht. Das ist der deut- 
lichste Beweis für die Umwandlung, welche das englische Empfinden nach 
der sozialen Seite hin durchgemacht hat. Heute sehen es alle Leute von Rang, 
Stand und Besitz als ihre Pflicht an, persönlich beizusteuern und mitzuhelfen, 
sei es auch nur als Chairman bei den Festessen der verschiedenen Charities 
oder als Patronesses. Die Zentralisation der Wohltätigkeitseinrichtungen ist 
vorzüglich durchgeführt, und der Frysche Führer durch die Londoner Insti- 
tute vom Jahre 1913 zählt 1207 Anstalten und Gesellschaften auf, die zu- 
sammen eine Jahreseinnahme von 201 665 000 Mark hatten. Für wohltätige 
Zwecke brachte die Staatskirche 1900 mehr als 155 Mill. Mark auf, ein Be- 
weis, daß heute auch der Anglikaner, nicht nur der Dissenter, zu geben ver- 
steht und ein starker Fingerzeig, warum der Salutismus, die Religion des 
Altruismus, gerade von England kommt. 

Überall, sagt M. Kaufmann^ über England, sieht man Anflüge des 
ethischen oder christlichen Sozialismus in mannigfachen, reformatori- 
schen Versuchen mit mehr oder weniger klaren Gedanken . . . aber vom 
Feuer christlicher Liebe und Humanität durchwärmt ... Es ist ein Weben 
und Streben am Webstuhle der Zeit, von dem vielleicht mehr als von 
manchen anderen Bestrebungen die Anbahnung des sozialen Friedens zu 
erwarten ist. 

Das wäre in großen und groben Zügen das Bild von der sozialen Reforma- 
tion der Konfessionen. Blühendes Leben überall. Selbst der Katholizismus 
hat größere Zeiten nicht gesehen. Ziehen wir daraus unsere Schlußfolgerung 
und formulieren wir : Mehr noch als für die alten Konfessionen mußte für eine 
neu entstehende Gemeinschaft die Aufnahme des sozialen Elementes eine Lehens- 
frage sein. Der Salutismus ist notwendigerweise die sozialste religiöse Erschei- 
nung, eben weil sie die modernste ist. Sektenhafte, nur für einen kleinen Kreis 
bestimmte, und in ihm lebensfähige Gebilde, schalten bei dieser Betrachtung 
natürlich aus. Was die H. von ihnen übernommen oder mit ihnen gemeinsam 
hat, das darzustellen, will ich nun versuchen, und zwar ist es dabei angebracht, 
^ Handwörterbuch der Staatswissenscha.ften, 2. ed., Bd. VI, 833. 



zuerst einen allgemeinen Überblick über die kirchlichen Verhältnisse in Eng- 
land zu geben. 

Nicht ganz zwei Drittel, in den Fabrikgegenden vielfach nur die Hälfte, 
der englischen Bevölkerung gehört der Staatskirche an, die sich in vielen 
Stücken katholische Elemente bewahrt hat, z. B. in ihrer Episkopal- und 
Gottesdienstordnung. Man unterscheidet drei Richtungen : die High-, Broad- 
und Low-Church. Die Hochkirchliche, d. h. die hierarchische und herrschende 
Richtung betont vor allem, daß der Übergang von der vor- zur nachreforma- 
torischen Kirche keinen Bruch bedeute, ja sie findet, daß damals ,,mit dem 
Unkraut nicht wenig Weizen ausgerauft worden ist". So haben denn auch 
die katholischen Weihen bei übertretenden Priestern Gültigkeit, die Weihen 
anderer Geistlichen aber nicht. Ganz besonders sind diese Ideen gang und 
gäbe bei der ritualistischen Partei, deren Anhänger Traktarianer oder nach 
dem schon erwähnten Pusey auch Puseyisten genannt werden, und aus denen 
die bekannten Konvertiten hervorgingen : /. H. Newman, 1801— 1890, Priester 
und Oratorianer seit 1847, Kardinal seit 1879 ; und dann jener warme Freund 
des Generals, nämlich H. E. Manning, 1807— 1892, seit 1865 Erzbischof von 
Westminster, seit 1875 Kardinal, Abstinent durch eigenes Beispiel wie durch 
Stiftung des Kreuzbündnisses. Er legte 1890 den Ausstand der Hafenarbeiter 
bei. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an Kardinal H. Vaughan, 
1832— 1903, der freilich nicht Konvertit, sondern aus altenglischer, aber ka- 
tholischer Famihe ist. Alle drei Würdenträger genossen selbst bei den Angli- 
kanem das höchste Ansehen und haben sozialgeschichtliche Bedeutung. 
Übertritte zum Katholizismus aus dem englischen Adel, der Geistlichkeit und 
den Gelehrtenkreisen sind übrigens häufig, und 1903 belief sich die Zahl der 
Konvertiten; die seitdem noch gewachsen sein soll, auf 20 000. Gegen diese 
Richtung stellte sich in den 30er Jahren die Breitkirchliche mit Cambridge 
als Mittelpunkt, je nach der religiösen Stellung des Berichtenden als streng 
protestantisch oder als protestantisch-rationalistisch ausgegeben. Maurice 
und Kingsley, die schon erwähnten großen englischen Sozialrefomier, gehör- 
ten ihr an. Die Nieder kirchliche Richtung geht heute mit der Breitkirchlichen 
zusammen. Sie hatte ursprünglich in besonderer Weise die Toleranz gegen 
die Dissenters auf ihre Fahne geschrieben und betont wie die orthodoxen 
Protestanten in Deutschland mehr das tätige Christentum. 1846 entstand aus 
ihr die noch zu besprechende ,,Evangehsche Allianz", eine Vereinigung der 
Evangelischen aller Länder. 

Auch in Schottland besteht eine Bischofskirche, die mit der englischen an 
den 39 Artikeln festhält, aber nur die Reichen und Vornehmen, etwa 20% 

144 



des Volkes, zu ihren Anhängern zählt. 80% der Schotten sind Presbyterianer, 
von John Knox 1567 organisiert und heute als die Kirche von Schottland 
bezeichnet. Die erste größere Abtrennung vom Presbyterianismus stellt die 
1843 vollzogene Begründung der „Freien Kirche von Schottland" dar, deren 
Seele der Edinburgher Professor der Theologie Th. Chalmers wurde, 1780 
bis 1847, '^^^ noch als Geistlicher der St. Johannespfarre in Glasgow eine 
auf dem Grundsatze der Individualisierung beruhende Armenpflege einführte 
und dann schriftstellerisch vertrat (Übersetzung durch O. von Gerlach 1847). 
Sie lieferte die Grundlage für das ,,Elberf eider System" und die neuzeitiiche 
Armenpflege überhaupt. Aus der Vereinigung kleiner Abzweigungen entstand 
sodann 1847 die ,, Vereinigte presbyterianische Kirche", und beide Sezessio- 
nen taten sich am 31. Oktober 1900 zu der ,, Vereinigten Freikirche von Schott- 
land" zusammen. 

Den Ausdruck Dissenters und Independenten gebraucht man heute durch- 
einander für alle Gemeinschaften außerhalb der Staatskirche. Ursprünglich 
aber war der Ausdruck Independenten auf die Kongregationalisten oder Puri- 
taner beschränkt. Ihre große Zeit erlebten sie, als 0. Cromwell, 1599— 1658, 
das Heft in Händen hielt. Als eigentliche Kirchenmitglieder rechnen sie nur 
die Bekehrten. Die Einzelgemeinde = die ,, Kongregation" ist die höchste 
Instanz, weil sie die Kirche bildet. Ihren Gottesdienst fand ich sehr einfach 
Gebet, Gesang und Predigt wechseln ab, liturgische Kleidung kennen sie 
nicht. 

Ihr erster Vertreter, Roh. Brown, 1549— 1630, empfing seine Anregung von 
einer Baptisten-Gevaemde. Der Name Baptismus selber ist wieder ein Sammel- 
name für geschichtlich auseinanderliegende, sowie nach Wert und Wesen 
sehr verschiedene Gemeinschaften. Man unterscheidet die Wiedertäufer oder 
Anabaptisten, die Mennoniten oder Taufgesinnten und neuerdings auch noch 
die Antimissionsbaptisten, Sechsgrundsatzbaptisten, Sabbatarierbaptisten, 
Siebentagsadventisten, die deutschen Sabbatarier, die Tunker, die Wein- 
brennianer. Christianer und die Kampbelliten. Der Baptist Ch. H. Spurgeon, 
1834— 1892, ist einer der bedeutendsten Kanzelredner und Vorbild für 
W. Booth gewesen. Anfänglich war er der H. abgeneigt, änderte aber später, 
als Frau Cath. B. einen offenen Brief an ihn geschrieben hatte, seine Gesin- 
nung. Zu London in seinem ,, Tabernakel" lauschten Sonntag für Sonntag 
Tausende aus allen Ständen und Religionsgemeinschaften seinen Worten, 
und so fremd sich Baptismus und Salutismus auch auf den ersten Blick er- 
scheinen, so haben sie doch gemeinsam die große Wertschätzung der Liebes- 
tätigkeit. Auch geben die Tunker den Frauen Stimmrecht in Gemeindean- 
gelegenheiten, und die Christianer lassen sie predigen. Die sittlichen Anforde- 

10 C lasen, Der Salutismus ^45 



rungen der Baptisten sind hoch. Die ganze Gemeinde hat über Ausschluß und 
Wiederaufnahme zu befinden, und der letzten geht ein öffentliches Bekennt- 
nis der Aufzunehmenden voraus. Die Adventisten, von dem Baptisten W. Mil- 
ler, 1782— 1850, begründet, begeistern sich in jüngster Zeit für Gesundheits- 
reformen, sind Abstinenzler und Gegner von Tabak, gründen Sanatorien und 
kämpfen für eine Reform der Frauenkleidung. 

Prophetinnen kennt neben den Propheten auch der Irvingianismus, ein 
rein sektenhaftes Gebilde, dem ein schottischer Theologe, E. Irving, 1792 bis 
1834, den Namen gab. Auch bei ihm hat die Taufe an Bedeutung verloren. 
Ganz abgeschafft und in das Belieben der einzelnen gestellt ist sie bei den 
Darbysten, benannt nach dem aus Irland stammenden Theologen /. N. Darby, 
1800— 1882, die mit den Newtonianem und Mülleriten zur Sekte der von 
Frau Cath. B. scharf bekämpften Plymouthbrüder gehören, deren Versamm- 
lungen in schmucklosem Saale stattfinden. ,,Wer vom Geiste getrieben wird, 
ergreift das Wort." Alle Wissenschaft, besonders aber die Theologie ist nach 
Ansicht Darbys Teufelswerk, ebenso ist die Kunst und jedes geistliche Amt als 
Menscheneinrichtung zu verwerfen. Desgleichen kennt die Sekte der Mor- 
monen, gestiftet von Jos. Smith jun., 1805— 1844, in Amerika, kein besonderes 
Predigtamt, weil ,,der Geist sich nicht binden läßt". Ihre Lieder sind so 
lustig und lebendig, wie die H. sie nur jemals gehabt haben mag, ja sie ken- 
nen sogar religiöse Tänze. Von den geschäftlichen Unternehmen in der Mor- 
monenstadt Utah will ich hier nicht reden. Ein solcher Vergleich hieße, soviel 
ich die Niederlassung an dem Salzsee der Verein. Staaten beurteilen kann, 
den salutistischen Einrichtungen Schmach antun. In den sittlichen Anschau-, 
ungen sind die Mormonen, wenn man von der Praxis der Polygamie absieht, 
streng; der Genuß von Alkoholika, Spirituosen, Tabak, Tee, Kaffee und Scho- 
kolade ist verboten und aller Luxus verpönt. 

Doch alle diese Anklänge an salutistische Art sind mehr oder weniger zu- 
fällig, und die ganze Schilderung sollte auch nur dazu dienen, einige allge- 
meine Begriffe über die kirchengeschichtliche Stellung Englands und die 
Unterlagen für die jetzt aufzuwerfende Frage zu geben, warum gerade die 
Länder angelsächsischer Zunge und vor allem England selber seit den Tagen 
der Reformation kirchengeschichtlich ein solch kunterbuntes Durcheinander 
bieten. Der erste Grund ist natürlich im Protestantismus zu suchen ; der Katho- 
lizismus ist, mag man das nun Leben oder Tod nennen, nicht sektenbildend. 
Aber unter den protestantischen Ländern hat England doch wieder besonders 
viele Sekten aufzuweisen, und das muß seinen besonderen Grund haben. 
Zu dessen Erklärung scheint es mir bedeutsam, daß England auch auf wirt- 
schaftlichem Gebiete in neuerer Zeit die führende Rolle hat. 

146 



In Großbritannien gibt es kaum einen Punkt, der weiter als 72 km vom 
Meere entfernt wäre. Der Fischfang, der heute täglich der englischen Volks- 
wirtschaft einen Wert von i Million Mark zuführt, hat seit Urzeiten stark 
für die Kochtöpfe Albions beigesteuert. An den Fischfang aber schließt sich 
naturgemäß die Schiffahrt an. So wird es, sobald der Ackerbau die ange- 
schwollene Bevölkerung nicht mehr zu nähren vermag. Dann lenkt die 
Meeresheimat den Blick in die Feme, hinüber über die blau und silbern 
wogende See. So finden wir es bei den Phöniziern, Griechen, Portugiesen und 
Holländern. Und welchen Unternehmungsgeist mußte es entfachen, als Eng- 
land durch Entdeckung der neuen Länder aus dem Umkreis in den Mittel- 
punkt der Welt rückte! Darum beginnt die Geschichte Englands mit dem 
16. Jahrhundert, etwa mit der Regierung Elisabeths von 1558— 1603, und 
darum ist das konservative England nach seinen wirtschaftlichen und poli- 
tischen Grundlagen durch und durch modern. 

Diese modernen und sich mit Riesenschnelle modernisierenden Verhält- 
nisse stellten aber an die anglikanische Kirche immer wieder neue Anforde- 
rungen, denen sie in ihrer fast sprichtwörtlichen, früheren Verknöcherung 
nicht gewachsen war. In diesem Lichte erscheinen die vielen Sekten und be- 
sonders die nun zu besprechenden zwei religiösen Bewegungen als Akte der 
Selbsthilfe. Quäkertum und Methodismus haben ursächlichen Zusammen- 
hang mit dem Salutismus ; es sind die großen Reformbewegungen der neueren 
Zeit; George Fox brachte dem 17., John Wesley dem 18. und W. Booth dem 
19. Jahrhundert die ,, Erweckung". 

Die Quäker — Zitterer, vielleicht so genannt wegen der Zuckungen, in 
welche sie verfielen, ,,wenn der Geist über sie kam", nannten sich selber 
,, Gesellschaft der Freunde". Ihr Gründer, G. Fox, 1624— 1690, ist ein Mann 
von einfacher Herkunft und trat mit 12 Jahren in der Vaterstadt des Ge- 
nerals bei einem Schuhmacher in die Lehre. 1649 widersprach er aus plötz- 
licher Eingebung dem Geistlichen der Hauptkirche bei der Predigt, und mit 
diesem Tage beginnt sein öffentliches Wirken. Als Wanderprediger, oft in 
freiem Felde nächtigend, von Regen und Hunger geplagt, mit Steinwürfen 
verfolgt und zuweilen sogar blutig geschlagen, durchzog er die nördlichen 
und östlichen Grafschaften. Verfolgung auf der einen Seite, wir haben das 
z. B. auch in der Geschichte der H. gesehen, hat immer noch auf der anderen 
Seite Begeisterung und Fanatismus entflammt, und die Quäker zeigen ganz 
tolle Erscheinungen des Enthusiasmus, worauf erst allmählich eine Ernüch- 
terung einsetzt. Das Sendschreiben der Brüder in London an die im Norden 
vom Jahre 1659 oder 1660 bringt den Übergang zu sozialen und humanitären 



Bestrebungen und den Bruch mit der Sektiererei. In den Tagen der streng- 
sten Verfolgung durch Karl IL ergriff W. Penn, 1644— 1718, ein Sohn des 
englischen Admirals und Eroberers von Jamaika gleichen Namens, während 
er in Oxford studierte, ihre Partei. 1668 schloß er sich ihnen rückhaltlos an 
und ging in der Folge mehrmals für die Sache ins Gefängnis. Dort faßte er 
jene Ideen zu einer Reform der Strafgesetze und des Gefängniswesens, welche 
später jene edle, mit seltenen Geistesgaben ausgestattete Quäkerin Elisabeth 
Fry, 1780— 1845, der ,, Engel der Gefängnisse" in durchgreifender Weise ver- 
wirklichte. Penn unternahm auch Reisen nach dem Festlande, z. B. nach 
Herford, Amsterdam, Frankfurt a. M., während Fox bis nach Westindien 
und Nordamerika hin missionierte. Bei dem Tode seines Vaters erbte der 
erstere ein ungeheures Vermögen und erhielt für seine Forderungen an den 
Staat die Waldgebiete westlich von Delaware, das heutige ,,Pennsylvanien". 
Dort begründete man dann einen Quäkerstaat, dessen Verfassung die Grund- 
lage aller konstitutionell regierten Länder geworden ist. Penn, der Quäker 
in Pennsylvanien, und Lord Baltimore, der Katholik in dem benachbarten 
Maryland, garantierten zuerst die religiöse Toleranz. Die Fürsorge der Quä- 
ker für Arme und Kranke ist vorbildlich; von ihnen hat die Geschäftswelt 
die Gewohnheit übernommen, alle Waren mit festen Preisen auszuzeichnen, 
und ein unvergängliches Ruhmesblatt in ihrer Geschichte bleibt ihr Wohl- 
wollen gegen die in ihrem Gebiet ansässigen Indianer, und ihr Kampf gegen 
die Sklaverei, dessen Sieg in erster Linie ihren Bemühungen zuzuschreiben 
ist. Die Verwerfung alles dogmatischen Zwanges, die Sehnsucht nach einem 
Weltfrieden, die Betonung einer göttlichen Einzeloffenbarung durch ,, inne- 
res Licht", die Ausschaltung der Kirchengebäude für gottesdienstliche 
Zwecke, die Verwerfung der Sakramente und jeglicher Formulare für Litur- 
gie und Gebet, die Gleichstellung des Laienelementes mit den theologisch 
gebildeten Predigern, die Abhaltung der Predigt unter freiem Himmel, die 
ausgiebige Redefreiheit der Frauen, die Begeisterung für die strenge Ent- 
haltung von Alkohol, der große Abscheu gegen weltliche Vergnügen, die Ein- 
fachheit in der Kleidung und Lebensweise, ganz besonders aber die carita- 
tiven Unternehmen — sowohl Fox als Booth gingen mit ihren Vorstellungen 
und Mahnungen bis vor das Parlament — , das alles zeigt die innere Ver- 
wandtschaft der Quäker mit den Salutisten, und beide Teile können stolz 
auf ihre Verwandtschaft sein ; kein Engländer wird einen Quäker oder Salu- 
tisten einer moralisch schlechten Handlung überhaupt für fähig halten., '" 
Diese Verwandtschaft wird zur förmlichen Mutterschaft beim Methodismus^ 
den man noch mehr als das Quäkertum als eine große kirchengeschicht- 
liche Bewegung von hervorragender Bedeutsamkeit ansehen muß, nicht aber 

148 



mit dem Worte Sekte abtun darf. Seine Vorläufer in deutschen Landen sind 
der Pietismus und die Brüdergemeinde. „Die Mystici", so schreibt G. Ter- 
steegen, 1697— 1769, neben Ph. J. Spener, 1635— 1705, einer der bekanntesten 
Pietisten, „machen keine besondere Sekte aus, sie haben keine von anderen 
christhchen Partheyen unterschiedenen Lehrsätze. Unter den Römisch- 
cathoHschen, unter den Protestanten, in der griechischen Kirche usw. kön- 
nen Mystici seyn, ohne Präjudiz ihrer besonderen Lehrsätze und Rehgions- 
übungen." Ebenso dachte Graf N. L. von Zinzendorf, 1700— 1760, mit seinen 
Mährischen Brüdern an keinen Austritt aus der Landeskirche, und noch heute 
haben bei den Herrnhutern, wie man sie nach ihrer ersten Ansiedlung nennt, 
die verschiedensten kirchhchen und theologischen Anschauungen Raum. 
Dogmatische Schriften im eigentlichen Sinne besitzen sie nicht. Auch ver- 
dient die große Liebestätigkeit der Brüder, wie sie sich z. B. in der Pflege 
der Aussätzigen zu Jerusalem äußert, ihr großer Reichtum an Liedern und 
die Eigentümlichkeit bemerkt zu werden, daß sie zugleich eine wirtschaft- 
liche Genossenschaft bilden, welche mannigfaltige gewerbliche Groß- und 
Kleinbetriebe umfaßt und ihnen teilweise die Mittel erwirbt, sich als Frei- 
kirche ohne Staatshilfe nicht nur zu erhalten, sondern auch noch in ausge- 
dehntem Maße für die Verbreitung des Christentums zu wirken. 

Doch kommen wir auf den Methodismus zurück. Sein Begründer ist John 
Wesley, 1703— 1791, der protestantische „Ignaüus Loyola^\ In seinen Ox- 
forder Studienjahren war er der Mittelpunkt eines frommen Zirkels, dessen 
Mitglieder man Sakramentarier vom Sakramentenempfang oder auch Metho- 
disten nannte, weil sie nach strenger Methode ihren sittlichen Lebenswandel 
und ihr religiöses Tun regelten. Stifter dieses frommen Klubs war Charles 
Wesley, 1707— 1771, der einzige Bruder von J. W. und wegen seiner Lieder 
der ,, David des Methodismus" genannt. Neben diesen beiden glänzt noch als 
großer Prediger G. Whitefield, 1714— 1770. Im Jahr 1735 löste sich der Klub 
auf, und die beiden Wesley schifften sich nach Georgien ein, um in dieser 
jungen, englischen Kolonie die Seelsorge zu übernehmen. Auf dem Segler 
trafen sie mit 26 Herrnhutern zusammen; in Savannah machte John W. die 
Bekanntschaft mit dem Bischof Spangenberg, und nach England zurück- 
gekehrt, wurden beide durch den Hermhuter P. Böhler bekehrt, Charles am 
21. Mai und John am 24. Mai 1738 morgens 5 Uhr. 1738 war John zu Besuch 
bei Zinzendorf, aber 1740 kam es über der Lehre von der Heilsaneignung 
zum Bruch. Um dieselbe Zeit begannen J. W. und Whitefield ihre großen 
Predigtreisen in England, und damit beginnt die Machtentfaltung des Metho- 
dismus. Die Kirchen konnten die Zuhörer nicht fassen und wurden ihnen 
übrigens auch bald verschlossen. Als man ihnen mancherorts auch die öffent- 

149 



liehen Plätze versagte, baute man in Bristol das erste Versammlungshaus, 
und in London erwarb man die Foundry, die alte königliche Kanonengießerei. 
So führte der Weg immer weiter ab von der Staatskirche, obwohl die Mission 
sich nur an die ,, verlorenen Schafe" wenden sollte. Als John W. Zuhörer- 
massen von 20—80 000 Menschen sah, war das vergessen, und er tat den Aus- 
spruch, den ich auf seinem Grabstein las: ,, Meine Pfarrei ist die Welt und 
Seelen retten mein Beruf." Bald fehlte es an ordinierten Geistlichen und weil 
der Bischof von London sich weigerte, nahm John W. die Ordination selber 
vor und bestallte 1784, ,,der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", 
den Dr. Thomas Coke zum Superintendenten von Amerika, wo damals eben 
volle Religionsfreiheit erklärt worden war. Dieser organisierte dort die Me- 
thodistische Bischof skirche, heute die größte religiöse Gemeinschaft der Union, 
ein Vorspiel zu dem Vorgehen von Bailington Booth. Ebenso ist der Metho- 
dismus in Cornwall herrschend und in den Fabrikgegenden Englands der 
Staatskirche gleich oder gar überlegen. Den Gegensatz zur Hochkirche hat 
John W. nie gelten lassen wollen. Noch 1790 schrieb er: ,,Die Methodisten 
sind im großen und ganzen Glieder der Kirche von England". Charles aber 
hatte sich schon 1756 wegen des Bruches mit der Mutterkirche zurückgezogen, 
und bei der Ordination des Dr. Coke rief er aus: ,,Mein Bruder hat einen un- 
auslöschbaren Schandfleck auf seinen Namen gebracht!" 

Wenn man von den dogmatischen Streitigkeiten über die Prädestination 
zwischen Lady Huntingdon und Whitefield auf der einen und John W. auf 
der anderen Seite absieht, wurzeln alle nachfolgenden Kämpfe innerhalb des 
Methodismus in dem Bestreben, die Alleinherrschaft der Geistlichkeit zu 
brechen und den Laien eine Berechtigung in der Kirchenverwaltung zu 
geben. So zweigten sich ab : 1797 der Neue Methodistische Bund, 1810 die 
Primitive Meth. Gemeinschaft, 1815 die Bibelchristen, 1816 die Prim. Wes- 
leyanischen Methodisten, 1827 die Wesleyanischen Protestantischen Meth. 
und die Independentistischen Wesley aner, 1834 die Wesl. Meth. Association, 
1848 die Reformer, 1856 die Vereinigte Meth. Freikirche. In Nordamerika 
gibt es alles in allem sogar 23 verschiedene methodistische Kirchen, dar- 
unter drei von den Deutschen Ph. W. Otterbein, Dr. Nast und Jak. Albrecht 
gestiftete. Die Anhänger Albrechts, die sich als , Evangelische Gemeinschaft" 
bezeichnen und die Bischöfliche Kirche missionieren auch in Deutschland, 
und zwar von Stuttgart bzw. von Bremen aus seit 1831 bzw. 1849. 

Die allen gemeinsame Lehre ist in der Dogmatik der H. beschrieben. Doch 
mehren sich die Stimmen, welche in der ,,Salvation" weniger einen plötz- 
lichen Vorgang erblicken wollen und die Lehre von der völligen Heiligung 
im weitesten Sinne ablehnen, wozu man auch wohl die Mehrzahl der Salu- 

150 



tisten rechnen darf. Freilich hat gerade diese Stücke noch in den 70er Jahren 
der Amerikaner Fear sali Smith in ganz Europa gepredigt. Um Dogmatik 
kümmert man sich übrigens herzhch wenig. Sakramente kennt man nicht. 
In Amerika bestimmt das Famihenoberhaupt ganz frei über den Taufmodus, 
und manche Väter lassen ihre Kinder überhaupt nicht taufen. Liebesmahle, 
alle drei Monate bei Wasser und Brot gefeiert, hat man von der Brüder- 
gemeinde übernommen. Reich ist man an Liedern, die vielfach weltliche 
Melodien haben. Die Sonntagsschulen stehen überall in hoher Blüte, und die 
von den Methodisten geübte Wohltätigkeit wird von keiner Kirche über- 
troffen. Wesley gründete 1748 die Armemannsbank, wie der alte General 
sagen würde, 1740 machte er einen Versuch mit einem Arbeitsheim für zwölf 
Männer, 1741 richtete er eine Strickerei für Frauen ein. Kranke und Ge- 
fangene wurden stets besucht, und in demselben Jahre machte er auch den 
Anfang mit einer Armenapotheke. Auch war er persönlich Abstinent und 
forderte von seinen Anhängern die strengste Enthaltsamkeit. So barg der 
Methodismus schon damals die Keime des Salutismus. 

Als Organisator steht Wesley unter allen bisher angeführten Männern ein- 
zig da. Die Grundlage der Verfassung bilden die ,,Societies". Diese sind ein- 
geteilt in Klassen von etwa zwölf Personen, die unter einem Klassenführer 
stehen, sich ihre inneren Erfahrungen mitteilen und in jeder Weise eine geist- 
liche Familie bilden. Über den Klassenführer stehen die ,,Ermahner" und 
die ,, Lokalen Prediger". Verschiedene Gesellschaften bilden einen Bezirk 
unter einem Superintendenten mit einem oder mehreren Predigern, die berufs- 
mäßig ausgebildet und vor ihrer Annahme als Lokale Prediger erprobt sind. 
Weil sie nur wenige Jahre in einem Bezirke bleiben, heißen sie auch wohl 
Reiseprediger. Das ,,Herz" des Methodismus ist die jährliche Konferenz von 
100 Geistlichen, die sich durch Kooptation ergänzen sollen und denen Wesley 
alle seine Gewalt übertrug, obschon er grundsätzlich nicht im entferntesten 
daran gedacht hatte, eine Synode mit Sitz und Stimmrecht zu schaffen. Heute 
sind die Geistlichen nach dem Dienstalter Teilnehmer, neben die ,, legale" 
Konferenz der 100 ist eine ,, repräsentative" von240 getreten, und auch das 
Laienelement hat sich in den Konferenzen durchzusetzen verstanden. 

Von ,, großen Erweckungen", ,, neuen Maßregeln", ,, Lagerversammlungen", 
,, Wachnächten" usw. hört man in neuerer Zeit weniger. Ganz besonders im 
englischen Methodismus hat der ,, Sturm und Drang", der überhaupt mit 
dem des ersten Quäkertums nicht zu vergleichen ist, ruhiger Arbeit Platz ge- 
macht. Der Methodismus ist kirchlicher geworden. Hätte er, sagt sehr richtig 
der Jesuit Zimmermann, welcher den General zu den großen und guten 
Männern zählt, hätte der Methodismus an den alten Methoden, den Er- 



Weckungspredigten und dem auf Aufreizung der Sinne berechneten Schau- 
gepränge festgehalten, so wäre die H. wohl gar nicht ins Leben getreten. Mit 
Wesleys Tod erstarrte der Methodismus; er hörte auf, die Religion der niederen 
und ungebildeten Klassen zu sein und ward die Religion der Mittelklassen. „Ich 
habe das Werk aufgegriffen," sagt der General selber, ,,wo Wesley es ge- 
lassen hat, und die H. stellt das dar, was Wesley gewollt." (57, 7.) Sie steht 
in der Tat auf den Schultern des Methodismus, ist aber nicht eine einfache 
Wiedererneuerung, sondern eine Umbiegimg, Fortbildung und Ausgestal- 
tung. Mehr als Fox und Wesley hat W. Booth für seine Zeit und zur Er- 
weckung des Christentums beigetragen ; „er vor allem hat die Konfessionen 
gezwungen, das Gesicht ihrem eigenen Auswurf zuzuwenden" (/. Douglas). 



15^ 



//. HAUPTSTUCK 

SOZIALGESCHICHTLICHE DARSTELLUNG DES 
LEBENSGANGES DER HEILSARMEE-GRÜNDER 

Die Geschichte der H. ist in gewissem Sinne meine eigene Geschichte; aber sie 
ist mich die Geschichte meiner Frau . . . Kein Schritt wurde unternommen, ohne 
daß sie vollständig einverstanden war. 1907, 46, 7. Die Heilsarmee ist ein Kind 
des 19. Jahrhunderts. Rundschr. an die St. 0. vom Dez. 1900. W. Booth. 

Große Männer sind die Kinder ihrer Zeit ; aber diese Kindschaft kann nach 
den, auch von der Soziologie hochgehaltenen Gesetzen von Wirkung und 
Gegenwirkung doppelter Art sein. Hätte W. B. in positivem Sinne ein Kind 
seiner Zeit werden sollen, so kennten wir ihn heute statt als den Begründer 
des caritativen Christentums als den Gründer einer Religion der Selbstsucht. 
In keinem Lande ist die Nationalökonomie so volkstümlich wie in England ; 
früher vielleicht in noch höherem Maße als jetzt. Die klassische National- 
ökonomie eines A. Smith, 1723— 1790, und seiner Schüler 5. Bentham, 1748 
—1832, und D. Ricardo, 1772— 1823, erhob aber den Egoismus zur Grund- 
lage aller menschlichen Beziehungen. So kam es, daß sich in England das 
Verhältnis zwischen dem ,, wissenschaftlich" denkenden Arbeitgeber und 
dem Arbeitnehmer mit dem Begriff von Warenangebot und Nachfrage er- 
schöpfte, während man doch in Frankreich um dieselbe Zeit, allerdings mit 
dem Fallbeil, die Freiheit und den Selbstzweck des einzelnen predigte. Dann 
trat ein anderer Vertreter des Smithianismus, Th. R. Malthus, 1766— 1834, 
auf den Plan und verkündete, ,, Wohl wollen könne nur ein Attribut der Gott- 
heit sein, weil es, als Quelle des Handelns genommen, eine vollkommene Kennt- 
nis der Ursachen und Wirkungen voraussetze". Nach ihm hat der einzelne 
Mensch überhaupt kein Recht auf seine Existenzmittel: ,,Der Arme kommt 
zu dem fürstlichen Tisch der Natur und findet ein leeres Gedeck für sich." 
Sie befiehlt ihm also, sich zu entfernen; denn er hat ja vor seiner Geburt 
nicht gefragt, ob sie ihn haben wolle. Eine ausgedehnte Armenpflege ist 
schädlich; denn sie nimmt dem Volke die Sorge für die Zukunft. Mit welch 
tiefer Überzeugung muß diese Wissenschaft von den Besitzenden, d. h. von 
den zur Armensteuer Verpflichteten aufgenommen worden sein, zumal die 
Armenlast, die sich 1817 auf 160 000 000 Mark, 1832 auf 120 000 000 Mark 
bezifferte, den Staat zu ersticken drohte. Das Armengesetz der ,, jungfräu- 
lichen" Königin Elisabeth, 1558— 1603, vom Jahre 1601 wurzelte in der Auf- 
fassung, es sei öffentliche Pflicht, den Unterhalt der Armen zu bestreiten. 
Ein Gesetz vom Jahre 1795 gewährte dem Arbeiter sogar, wenn er nicht ein 



gewisses Mindestverdienst erreichte, Lohnzusätze (allowance), abhängig von 
den Brotpreisen und der Kinderzahl. Den Umschwungbringt das Armengesetz 
vom Jahre 1834, das von dem Grundgedanken ausging, von der Armut abzu- 
schrecken. Daher die gesetzliche Allgemeineinführung der Arbeitshäuser für 
Unterstützungsbedürftige (indoor relief). Diese Arbeitshäuser, die noch bis 
auf den heutigen Tag, selbst vom allerärmsten Pöbel als Inbegriff alles 
Schand- und Schreckhaften angesehen werden, unterscheiden sich nicht 
wesentlich von Gefängnissen; ,, Armenbastillen" nennt sie Carlyle. Die herr- 
schende Klasse glaubt damit, wie einst Napoleon mit ähnlichen Maßnahmen, 
den Bettel mit Stumpf und Stiel ausgerottet, aller Not ein Ende gemacht 
und die soziale Frage gelöst zu haben. Tatsächlich war nur das eine erreicht : 
Die Armut war zum Verbrechen gestempelt und England auf dem besten 
Wege zu dem, was Disraeli schon als vollendete Tatsache hinstellte mit den 
Worten: ,,Das Volk zerfällt in zwei Nationen, die sich heute so fremd gegen- 
über stehen, als wären sie in verschiedenen Zonen geboren", nämlich in die 
Armen und die Reichen. Im Verlaufe der Darstellung werden wir diesem 
Bilde noch manchen schwarzen Pinselstrich hinzuzusetzen haben. Als Ein- 
führung möge das genügen. Die Fülle der Zeiten war gekommen. Der Him- 
mel mußte einen Propheten erwecken, der sein Volk aus Ägypten führte. Wo 
die Not am größten, sagt frommer Volksglaube, da ist Gott am nächsten, oder 
in soziologischer Formulierung: Ebenso wie der einzelne, so wird auch ein 
ganzes Volk vom Selbsterhaltungstrieb beherrscht ; aus sich heraus macht es 
und muß es nach dem Gesetze der Selbsthilfe den todesmutigen Versuch 
machen, die Rettung zu zeugen und den Retter. 

1 J '^illiam Booth, ,,der Prophet der Armen", wurde geboren am 10. April 
Vy 1829 zu Sneinton, damals noch eine kleine Vorstadt, jetzt aber von Not- 
tingham, der großen Mutter, verschlungen. Die Stadt, welche nun 240 000 
Einwohner zählt, viermal soviel als damals, ist eine der ältesten Englands und 
unter den Volkswirtschaftlern bekannt als Schauplatz der ersten blutigen 
Arbeiterstreiks. Davon freilich und von den Kanonen, womit die Fabrik- 
herren ihre Gebäude damals noch für den Fall eines Aufstandes bewehrt hat- 
ten, sah der kleine William wohl wenig. Das erste, worauf seine Augen ge- 
ruht haben mögen, sind die malerisch an Sandsteinfelsen gelegenen Häuser; 
über die Landstraße hinaus erblickte er den ,, lieben alten Trent", dessen 
Wasser, später sein beliebter Fischplatz, durch die Weidenzweige blinkten, 
die sich eben mit den ersten Kätzchen und dem ersten strahlenden Frühlings- 
grün schmückten. Den Gesichtskreis begrenzte die Hügellandschaft Rude- 
lingtou mit ihren Windmühlen. Seiner Heimat hat B. immer eine ,,abgötti- 



sehe" Liebe bewahrt. Das ärmHche Geburtshaus, der Teil eines eintönigen 
Häuserblocks von 2^/2 Stock Höhe mit einem Fenster und einer Türe in der 
Breite, ist jetzt nach dem Tode des großen Mannes von der Stadt angekauft 
und der Armee geschenkt worden. Der Schauplatz von des Generals Jugend 
ist also die Bäuerlichkeit und Stille, und so bewahrte er sich ein offenes Herz 
für die furchtbaren Eindrücke städtischen Elends, welche noch auf ihn ein- 
stürmen sollten. 

Dampfmaschine und Webstuhl, die freilich schon als Folgen wirtschaft- 
licher Notwendigkeiten und erst an zweiter Stelle als Ursache sozialer Um- 
wälzungen anzusehen sind, hatten seit 1764 bzw. 1767 daran gearbeitet, die 
Gesellschaftsordnung in England zu durchbrechen. Die Dampfmaschine 
machte die Industrie vom Bache unabhängig. War sie früher auf das Land 
gezogen, um den Augen des Gesetzes zu entfliehen, so zog sie nunmehr zurück 
in die Stadt, wo die Arbeitskräfte durch gesteigerten Wettbewerb um so 
billiger zu haben waren, als das Arbeiterheer sich noch nicht bewußt war, 
welche Macht in Vereinigung und Zusammenschluß liegt. Daher um das 
18. Jahrhundert das ungeheure Anschwellen oft ganz unbedeutender Orte 
und die entsetzliche Lage dieses dort zusammengeballten, wehrlosen Hau- 
fens, ,,auf welchem damals ein Druck lastete, wie er zu keiner Zeit, selbst 
nicht von einer Sklavenbevölkerung erduldet worden ist" (Schulze-Gäver- 
nitz). Neue Mittelpunkte des nationalen Lebens entstanden, in denen Kapital 
und Bevölkerung mit wunderbarer Schnelligkeit zusammenflössen. Von 1801 
bis 1841 vermehrte sich die Bevölkerung fast um 50%, und dieser Überschuß 
wurde ganz aufgesogen von den Städten. Liverpool wuchs von 1801— 1831 
um 138, Manchester um 151, Glasgow um 161%, und die moderne Großstadt 
erblickte damals das Tageslicht. 

Williams Vater war Bauunternehmer. Die Zeit konnte demgemäß nicht 
günstiger sein, und dazu war er ein gewandter und tatkräftiger Herr von 
ausgeprägter Persönlichkeit; Eigenschaften, welche man bei seinem Sohne 
wohl nicht erst nachzuweisen braucht. So war Herr Booth vor seiner Ver- 
heiratung zu Wohlhabenheit, ja Reichtum gelangt. An der Mutter, die ebenso 
wie der Vater aus der Bauernschaft Derbyshires gebürtig war, hat William 
Booth stets mit den zartesten Empfindungen eines Kindes gehangen. Sie er- 
schien ihm ,,als nächste Annäherung an die uns Menschen erreichbare Voll- 
kommenheit" und muß ein außerordentlich mitfühlendes, zartes und geistiges 
Wesen, ein Hauch des Himmels gewesen sein ; jedenfalls hat der General von 
ihr mehr als die Züge geerbt. Neben Mutter und Vater spielt dann noch in der 
Welt des Knaben ein altes, kinderloses Ehepaar, das ihn begönnerte, eine 
Rolle. Die zwei älteren Schwestern Williams werden nicht sonderlich erwähnt. 



Der Knabe hat nicht manches gute Jahr verlebt. Die wirtschaftlichen 
Stockungen jener Zeit brachten dem Vater große Verluste, und durch eine 
zwar edelmütige, aber vertrauenssehge Bürgschaft ging noch in Williams 
ersten Kinder jähren auch der Rest des Vermögens verloren. So fand sich die 
Famihe bei dem frühen Tode des Ernährers vis-ä-vis de rien oder, wie der 
General selber es ausdrückt, ,, absoluter Armut gegenüber". Halb noch ein 
Kind sprang der Dreizehnjährige tapfer in die Bresche, um Mutter und 
Schwestern im Broterwerb zu helfen. Schon kurz vorher hatte der Vater aus 
Mangel an Mitteln ihn von der Schule genommen und zu einem unitarisch 
gesinnten Tuchhändler in die Lehre getan, wo er, ,,wie ein Sklave" arbeiten 
mußte. So wurde ihm also die bitterste Not eine vertraute Erscheinung, und 
er erzählt selber, daß er mit tiefer Ergriffenheit hungernde Kinder um ein 
Stück Brot jammern hörte. Das Elend habe damals seinen Höchststand er- 
reicht. Doch muß er in seinem knabenhaften Sinne und solange er nicht 
bekehrt war, dies alles nicht so recht erfaßt haben; schreibt er doch von 
jener Zeit auch, daß er ein ,, sorgloses Bürschchen" gewesen sei. 

Damals trat das erste Ereignis in sein Leben : Feargus O'Connor, 1794 bis 
1855, redete in Nottingham. Die Chartistenbewegung, 1830— 1850, trägt 
einen revolutionären Charakter. Stets sucht der Engländer, wie groß auch 
der historische Irrtum sein mag, politische Forderungen als Wiederherstel- 
lung alter Rechte zu verteidigen. So stellte man, als Lord Rüssel 1837 '^^ 
berühmte Finalitätserklärung, d. h. die Erklärung abgab, daß die Parlaments- 
reform mit dem Gesetze von 1832 abgeschlossen sei, die sogenannte ,,Volks- 
charte'^ auf. Sie forderte aktives und passives Wahlrecht für alle erwach- 
senen Männer (erst auch Frauenstimmrecht), geheime Abstimmung, jähr- 
liche Parlamente, Diäten für Abgeordnete und gleiche Wahlbezirke, und von 
all diesen Dingen muß man wohl gemeint haben, daß sie in der Magna 
Charta Johanns II. ohne Land vom 15. Juni 1215 enthalten seien. Die Be- 
wegung umschloß zwei Richtungen, die der physischen Gewalt unter O'Con- 
nor und die der moralischen Gewalt = der friedlich Gesinnten unter Lovett. 
Oft kam es mit Polizei und Militär zu blutigen Zusammenstößen. Von den 
Birminghamer Geschehnissen 1839 sagte Wellington: ,,Oft war ich Augen- 
zeuge der Schrecken einer im Sturm genommenen Stadt ; doch habe ich nie- 
mals ähnliche Ausschreitungen gesehen". Hatte die Regierung zuerst peinlich 
die Rede- und Versammlungsfreiheit gewährt, wenn die Arbeiter nachts bei 
Fackelschein zu Tausenden zusammenkamen, so schritt man später gegen 
die Führer, z. B. den Methodistengeistlichen Stephonson und den tüchtigen 
Th. Cooper mit Gefangensetzung und sogar Deportation ein. Vor allem war 
der Vollblut-Ire O'Connor, erst von Beruf Advokat und dann Arbeiterführer 

156 



der nördlichen Grafschaften, die treibende Kraft. Gegen die Bestrebungen von 
R. Cobden, 1804— 1865, und John Bright^, 1811— 1889, welche 1846 durch- 
drangen und doch dem englischen Arbeiter durch Aufhebung der Komzölle 
das Brot verbilligen sollten, legten seine Gesandten Verwahrung ein. Das Volk 
soUte zum Äußersten getrieben werden. Wie mag W. Booth den von Leiden- 
schaft durchglühten Worten dieses politischen Scharlatans gelauscht haben, 
als er in Nottingham gegen jene Elenden donnerte, ,, welche das Blut von 
den Kindern der Arbeiter trinken, wollüstig sind mit dem Elend von deren 
Weibern und fett werden von dem Todesschweiß ihrer FabrikangesteUten" ! 
Ich war für die Chartisten; denn die Chartisten waren für die Armen, so 
kennzeichnete W. B. später selber seine Stellung, und er unterschrieb in 
knabenhafter Begeisterung die zweite Charte, welche mit angeblich 3 300 000 
Unterschriften 1842 im Parlament niedergelegt wurde. 

Das zweite Ereignis, man kann sagen, das Ereignis seines Lebens, trat 
etwa ein Jahr später ein. WilUam kam als 15 jähriger eines Abends an der 
Kapelle der Wesleyaner in der Broad Street vorbei, und weil dort gerade 
besonderer Gottesdienst war, trat er mit seinem Freunde ein. ,,Eine Seele 
noch diese Minute", schallte es an sein Ohr, und er zweifelte nicht, daß dieser 
Ruf ihm gelte, denn sein Geist war schon seit einiger Zeit mit allerlei reli- 
giösen Erwägungen beschäftigt. /. Marsden, ein Lokalprediger, hatte diese 
Worte gesprochen; in jungen Jahren hatte dieser sich als ein wilder, trunk- 
süchtiger und gottloser Taugenichts herumgetrieben ; in seinen Mannesjahren 
war er ein seeleneifriger und dabei auch innerlicher Mensch, obwohl es ihm 
in seiner Eigenschaft als EvangeUst nicht auf allerlei Zugmittel ankam; in 
alten Tagen ist er ein frommer, für die H. begeisterter Greis gewesen. Von 
dieser Zeit an ging William, der bis dahin wie seine Eltern der Staatskirche 
angehört hatte, häufig zu den Wesleyanern. Die klare und einfache Sprache, 
die ganze Art gefiel ihm. Dazu wurde er innerlich tief erfaßt, und nach langen 
Kämpfen, verursacht durch einen silbernen Bleifederhalter, den er nach 
seinen Begriffen auf nicht ganz redliche Art erworben, trat er eines Sonntags 
abends nach der Klassenversammlung gegen 11 Uhr entschlossen an die 
Kommunionbank. Zeitlebens hat er sich der Stunde, des Ortes und der Um- 
stände dieser öffentlichen Hingabe an Gott lebhaft erinnert. Es war eine 
,, Kon Version" in echt Carlyleschem Sinne; eine Entsagung, die nichts Quie- 
tistisches, Mittelalterhches und Buddhistisches an sich trägt, sondern die, 
wie beim echten und wahren Pietismus, wesentlich Überwindung der Welt 
durch Tätigkeit, und zwar altruistische Tätigkeit bedeutet. Er zählte damals 

^ Dieser sagte später einmal zum General: Die Leute, die Sie verspotten, würden 
auch die Apostel selber verspotten. 



15 Jahre und ließ sich kurz nachher, mit Einwilligung seiner Mutter, als 
eigentliches Mitglied aufnehmen mit der ihm selbstverständlichen Voraus- 
setzung, daß sein Leben nunmehr der Rettung anderer geweiht sei; denn, 
sagte er später, eine Bibel oder einen Geistlichen oder eine besondere An- 
regung des hl. Geistes hatte ich dazu nicht nötig. Ich denke, es ist von selber 
klar, daß man Christi Religion nicht haben kann, ohne zugleich diesen Hunger 
nach Seelen zu besitzen (190, 17). 

Einige Zeit nach seiner Bekehrung besuchte der amerikanische Erweckungs- 
prediger 5. Caughey die Stadt und entzündete seinen jugendlichen Eifer zu 
hellen Flammen. Die Straßen hallten damals wider von frommen Gesängen, 
die Leute hielten sich gegenseitig an und fragten, ob sie gerettet seien, kurz 
Nottingham war gewissermaßen in einem religiösen Rausch. 50 Jahre später 
hat W. B. in Amerika neben dem ehrwürdigen Greise gestanden, dem ähn- 
lich zu werden damals sein höchstes Ideal wurde. Vorläufig mußte er zwar 
solche Gedanken zurückstellen. Eine Fieberkrankheit brachte ihn an den 
Rand des Grabes. Aber, kaum genesen, war er in voller Tätigkeit. Es bestand 
an der Kapelle eine Vereinigung junger Leute, welche in methodistischer Art 
sich der Missionierung widmeten. W. B. trat bald nach dem Tode seines 
Busenfreundes an ihre Spitze, und abends um 7 Uhr nach Geschäftsschluß 
plagte er sich, daß er mit der Bibel in der Hand in die schlimmsten Hinter- 
gassenviertel zu Krankenbesuch und Predigt kam. Narrow Marsh, am Fuße 
des Felsens, auf dem das Gefängnis ragte, war sein Gebiet. Auf einem Stuhl 
oder Müllbehälter stehend, schüttete er als Sechzehnjähriger sein Herz 
aus. Aber die Nottinghamer Schäflein bewiesen mit Rasenstücken, toten 
Katzen und sonstigem Werf baren, daß sie ihren ,, guten" Ruf nicht umsonst 
besaßen. Der jugendliche Seelenhirte holte sich dann wohl mit den Händen 
den Schmutz aus dem Kragen, machte einen Scherz und bat, ihm zur Ver- 
sammlung zu folgen. Das ist die Art, mit der man solche Leute heute noch 
in der Armee behandelt und — gewinnt. 

Sehen wir uns nun das Volk an, welches in diesen Fabrikwohnungen von 
Nottingham gewohnt haben mag und das als unmittelbare Nachbarschaft 
des Generals zu denken ist ; denn wegen ihrer Armut blieb der Familie nichts 
anderes übrig, als auch in diese Hintergassen viertel zu ziehen, und hier wurde, 
wie ein Biograph von ihm sagt, W. Booth zum Sozialreformer. 

Der größte Teil der Bevölkerung kam vom Lande und dachte an Wiesen 
und Wälder wie an das verlorene Paradies zurück. Es war nicht nur die In- 
dustrie, welche sie mit unwiderstehlicher Gewalt in ihre eiserne Umklamme- 
rung gezogen, das damalige England = die herrschende Klasse hatte sie ja 
mit geschwungener Geißel von Haus und Hof vertrieben. Weil man Handel 

158 



und Industrie als die eigentliche Leiter zu Macht und Größe ansah, wurde 
die Landwirtschaft erbarmungslos geopfert, die kleinen Eigentümer völHg 
beseitigt, und der Besitz sammelte sich in den Händen weniger an, welche 
die blühenden Felder brach liegen ließen, die Schafe darauf weideten und 
nur gelegentlich zu Fuchshetzen kamen. Das Herz blutet einem, wenn man 
noch heute vom Zuge aus gleich neben und um die Millionen- und Großstädte 
die Wüste sich ausbreiten sieht. 7000 Grundherren, jeder mit mehr als 
4000 ha, besitzen mehr als ^/g des nutzbaren Landes in den Vereinigten König- 
reichen. Halb England ist im Besitze von 150, halb Schottland von 75 und 
halb Irland gar von 35 Personen. Und davon ist auch noch kein Ende abzu- 
sehen ; denn in England hat der Besitz eine große Festigkeit, was besonders 
auf zwei Gründen beruht: i. ist der Familienbesitz durchweg Majorat und 
geht mit dem Titel auf den ältesten Sohn über, und 2. fällt ein großer Teil 
des Vermögens alle 99 oder 49 Jahre immer wieder an die Familie als den 
Ureigentümer zurück (= Leasehold, das Gegenstück des deutschen Fidei- 
kommiß). Wenn der Duke of Westminster wollte, könnte er durch Einziehen 
aller verfallenden Leases das London von heute verschwinden machen. Der 
Familie des Lord Holland gehört das eigenthche Westkensington ; dem Duke 
of Devonshire ganz Eastbourne, und so geht das über ganz England und be- 
sonders Irland, dessen Söhne wir zusammen mit dem ehemaligen, englischen 
Bauer in den Cottages von Nottingham finden. Dieses arme Volk hat England 
wegen seines Glaubens planmäßig zu vernichten gesucht. Noch D. O'Conell, 
1775— 1847, der ,, Befreier Irlands", bat vergebens die Regierung, Vor- 
kehrungen gegen die furchtbare Not zu treffen, durch welche 1845— 1847 
Hunderttausende verhungerten. Millionen wanderten aus, kamen in dicht- 
gedrängten Scharen über den Kanal und halfen den Arbeitgebern die Löhne 
drücken. Branntwein und Kartoffeln waren die einzigen, ihnen bekannten 
Genüsse, ein Stall war ihre Wohnung, und darin hausten sie mit ihren Kin- 
dern und — Schweinen. Sie machten V6~^/4 ^^^ Bevölkerung in den Städten 
aus, vermischten sich mit ihr, und diese ärmste Klasse lieferte den größten 
Teil des Kindernachwuchses. Die amtlichen Berichte erzählen von solchen 
Kindern, daß die Armen Verwaltung sie aus den Findlingshäusern an die 
Fabriken verkaufte, daß sie wegen ihrer Jugend zur Arbeit getragen wurden, 
daß ein Aufseher sie nachts durch Schläge an der Maschine wachhielt, daß 
sie nach der Arbeit vor Ermüdung nichts mehr essen wollten und das Essen 
in den Mund gesteckt erhielten usw. Vielfach saßen die Männer zu Hause 
und kochten und putzten, während Frauen und Kinder mit ihren biUigen 
Händen an den meist ohne jede Schutzvorrichtung gelassenen Maschinen 
standen. Erreichte ein Arbeiter das 40. Jahr, so wurde er wegen ,, hohen AI- 

15.9 



ters" entlassen. Von 1805— 1835 hat sich die Zahl der Kriminalverhaftungen 
in England verfünffacht. In Lancashire verdoppelte sich die Bevölkerung 
in derselben Zeit ; die Zahl der Verbrechen verdoppelte sich aber alle 5^/2 Jahre. 
Die Fabrik war nicht selten der Harem des Inhabers, und die Söhne der 
ersten Generation der englischen Fabrikanten sind größtenteils an Aus- 
schweifung zugrunde gegangen. Eine völhge sittliche und physische Ent- 
artung des Volkes schien den Ärzten und moraHsch denkenden Menschen 
nur mehr eine Frage der Zeit. 

Ganz besonders traurig wird von allen Zeitgenossen die Lage in Notting- 
ham geschildert. Über die Strumpfwirker der Stadt liegt, weil sie in Haus- 
industrie beschäftigt waren, kein amtlicher Bericht vor, und die schauder- 
haften privaten Berichte mag ich, um so objektiv als möghch zu sein, nicht 
wiedergeben. Ich beschränke mich also auf ein paar Worte über die Notting- 
hamer Spitzenfabrikation. Mädchen von 14 Jahren und darüber, ,, winders", 
spulten das Garn und dann wurden die Spulen von Knaben im Alter von 
8 Jahren und darüber in die Maschine gesetzt und eingefädelt, ,,threaders". 
Die Maschine arbeitete Tag und Nacht durch, bedient von 3 Webern, die sich 
alle 3 Stunden ablösten. Das Gewebe kam als breites Tuch heraus. Ganz kleine 
Kinder, ,,lace runners" — einmal fand ein Kommissar eines von 2 Jahren 
an der Arbeit — , zupften dann die Verbindungsfäden heraus, und das Tuch 
zerfiel nunmehr in einzelne Spitzenbänder. Eine bestimmte Arbeitszeit für 
die Kinder gab es nicht. Sie mußten da sein, wenn sie nötig waren. Folge- 
erscheinungen dieser Arbeitsweise: Kurzsichtigkeit, schwarzer Star; allge- 
meine Schwäche, Ohnmächten, Schmerzen in Kopf und Seiten, Rücken und 
Hüfte, Herzklopfen, Übelkeit, Erbrechen, Verkrümmung des Rückgrates, 
Auszehrung; Bleichsucht, schwere Geburt, Abortus, Nichteintreten der Pu- 
bertät; viele 15 jährige Mütter und allgemeinste Sittenlosigkeit. Von den 
II 000 Häusern in Nottingham waren 7—8000 mit der Rückwand aneinander 
gebaut und meistens für beide Häuser nur ein Abort vorhanden. Es ist sehr 
wahrscheinlich, daß auch der General in einem solchen Hause gewohnt hat. 
Bei einer Nachforschung der Behörde fand man viele Reihen Häuser über 
seichten Abzugsgräben errichtet, die nur von den Brettern des Fußbodens 
bedeckt waren. 
,,Tn dem Armenviertel Nottinghams war es, wo ich meine Art und Weise 

1 zu predigen lernte; ich weiß nicht, ob sie gut oder schlecht ist, aber es 
ist meine Art", sagte der General, und ich möchte manche Kritiker seiner 
Methode gerne einmal in dieser Umgebung predigen sehen. W. B. jeden- 
falls hatte Erfolg. Die Leute folgten ihm in die Stube der Arbeiterwohnung, 
wo nach der Straßenpredigt die Versammlung stattfand, und bald knieten 

160 



an dem schweren runden Tisch, mitten im Zimmer Bußfertige, und gaben 
Zeugnis von ihrer Umwandlung. Sonntags marschierte er mit ihnen durch 
die Goose Gate zum Kapellengottesdienst. Aber die ,, respektablen" Gemeinde- 
mitglieder konnten den Anblick dieses Völkchens nicht ertragen. Der Kir- 
chendiener mußte ihnen den Eintritt durch die Haupttüre verweigern, und 
sie konnten es noch als Gnade ansehen, daß sie auf den hintersten Freisitzen 
geduldet wurden — hier trennen sich, mathematisch genommen, schon Metho- 
dismus und Salutismus. — Was mag der spätere General damals wohl gedacht 
haben ? Mit 17 Jahren wurde er Lokaler Prediger, nicht ohne die Ermahnung 
zu erhalten, schön in dem ausgefahrenen Geleise zu bleiben und keine neuen 
Wege zu suchen. Er zog Sonntags mit einem Stück Brot und Käse in die 
Nachbarschaft der Stadt zur Predigt, und auf dem Heimgang dichtete und 
sang er religiöse Lieder. Einer der ersten Briefe seiner späteren Braut mahnt 
ihn, daß er doch nach harter Tagesarbeit sich nicht obendrein bis 12 Uhr 
nachts mit Liedern befassen solle. 

Er ging überhaupt nach seinem eigenen Zeugnis im Methodismus auf. ,,Es 
gab für mich einen Gott, und Wesley war sein Prophet. Um kirchliche 
Glaubensbekenntnisse sorgte ich mich damals wenig. Mein Wunsch ging nur 
nach einer Organisation, welche die Rettung des Menschen als höchstes Ziel 
hätte und sich dabei jener Mittel bediente, die ich selber als erfolgreich er- 
probt hatte." Vorläufig glaubte er noch im Methodismus diese Organisation 
gefunden zu haben. Als er 19 Jahre alt war, drang sein Superintendent 
5. Dünn in ihn, er solle sich zum eigentlichen Geistlichen anbieten. W. B. 
ging darum zu einem Arzte, sich ein Gesundheitsattest zu verschaffen. ,,Um 
Prediger zu werden," sagte ihm dieser Jünger eines Hippokrates und Gale- 
nos, ,, müßtest du eine Lunge haben wie ein Preisfechter und eine Konstitu- 
tion von Stahl und Eisen. Du aber, mein Junge, hast nichts von beiden . . . 
In 12 Monaten würdest du im Grabe landen und vor Gottes Thron die Strafe 
für deinen Selbstmord empfangen." Nun, dieser Herr besaß doch wenigstens 
die Gabe der Offenheit, aber diejenige der Prophezeiung ebensowenig wie 
so viele seiner Standesgenossen. W. B. flehte ihn an, doch keinen so hoff- 
nungslosen Bericht zu machen. Er Heß sich erweichen und erklärte nur, daß 
man ein Jahr warten solle. 

Als dieses vergangen, nämlich 1849, ^^^ aber Booth schon in London, um 
zu Verdienst zu kommen, denn nach seiner 6 jährigen Lehrzeit war er 12 Mo- 
nate ohne Stellung gewesen. Kein Mensch hatte sich im geringsten um ihn 
gekümmert. Es war die ,, trostloseste Zeit seines Lebens". Ohne einen Pfennig 
Geld und ohne irgendeinen näheren Bekannten in dem Häusergewirr zu 
haben, langte er an. ,,Ich bin der einzige Sohn meiner Mutter, und diese ist 

II Cl äsen, Der Salutismus lOl 



eine Witwe", mit diesen Worten hatte er sich bei einem Bruder, wie sich die 
Methodisten nennen, eingeführt. Er bheb in London in demselben Berufe, 
arbeitete auch dort ,,wie ein weißer Sklave", und bald erschallte wie vorher in 
Nottingham die Stimme des jugendlichen Evangelisten in Kennington Com- 
mon, während in seinem Herzen das Heimweh nach der Mutter saß und der 
fürchterliche Druck der Vereinsamung auf seinem Gemüt lastete. Dabei war 
diejenige so nahe, die das köstlichste Gut seines Lebens ausmachen und ihm 
eine Reihe Kinder, Mitkämpfer und Nachfolger schenken sollte^. Nur wenige 
Straßen mögen sie getrennt haben. 

Die Geschichte wird, ich will mich ganz vorsichtig ausdrücken, wenigstens 
ebensosehr von Frauen als von Männern gemacht, und die H. ist, ob- 
wohl man bei ihr bis zur Stunde das ,,cherchez la femme" sehr außer acht 
gelassen hat, dafür ein schlagender Beweis. 

Catherine Mumford, die „Mutter der H." und von Prof. Dr. Hüty unter die 
hervorragendsten religiösen Persönlichkeiten aller Zeiten gerechnet, wurde 
geboren am 17. Januar 1829 zu Ashbourne in Derbyshire, einer der schönsten 
Landschaften Mittelenglands. Drei ältere Brüder starben in frühester Kind- 
heit, der jüngere wanderte, 16 jährig, nach Amerika aus. Wegen ihrer Schwäch- 
lichkeit wurde ,,Käte" viel im Freien gelassen, wo sie eine tiefe Liebe zur 
Natur, dem blauen Himmel, den grünen Wiesen und besonders zu den Blu- 
men faßte, so ein unverdächtiges Zeugnis gebend für ihre Verwandtschaft mit 
allen edlen und warmherzigen Menschen und nicht zuletzt auch mit dem- 
jenigen, der die trostreichen Worte gesprochen hat von den Lilien des Feldes 
in ihrer salomonischen Herrlichkeit. 
^ Stammbaum: 

William Booth, geb. am 10. April 1829 zu Nottingham, gest. Dienstag, den 21. August 
191 2 zu Hadley Wood bei London und 

Catherine Mumford, geb. am 17. Jan. 1829 zu Ashbourne, gest. Sonntag, den 4. Okt. 
1890 zu Clacton on sea, vermählt am 16. Juni 1855. 
Kinder : 

1. Bramwell, geb. am 9. März 1856 zu Haüfax, vermählt seit dem 12. Okt. 1882 mit 
Florence Soper, der jetzige General. 7 Kinder. 

2. Ballington, geb. im Juli 1857 zu Brighouse, vermählt seit dem 17. Sept. 1886 mit 
Maud Charlesworth, gründete 1 896 die Volunteers of America. 

3. Catherine, geb. am 8. Sept. 1858 zu Gateshead, vermählt seit dem 8. Febr. 1887 mit 
Arthur Clibborn. Beiname: Die Marschallin. 

4. Emma, geb. am 8. Jan. 1860 zu Gateshead, vermählt seit dem 10. April 1888 mit 
Frederic de Lautour Tucker, gest. am 28. Okt. 1903. Beiname: Die Konsuün. 

5. Herbert, geb. im Juli 1862 zu St. Ives, vermählt seit 1890 mit Comelie Schoch. 

6. Maria, geb. am 4. Mai 1864 zu Leeds. 

7. Eva, geb. am 25. Dez. 1865 zu London, Hackney. 

8. Lucy, geb. am 28. April 1867 zu London, Victoriapark, vermählt im Okt. 1894 mit 
E. HeUberg und seit dem 5. Juni 1909 verwitwet. 

162 



1834 siedelten die Eltern über nach Boston in Lincolnshire am Washbusen, 
der Geburtsstadt ihres Vaters. Die wogenden Felder dieser Gegend, die wei- 
denden Schafherden, die ruhigen Städte, die friedlichen Einwohner, alles 
bietet einen auffallenden Gegensatz zu dem ungesunden und rastlosen Fabrik- 
leben der benachbarten, nördlichen Grafschaften. Der Lincolnshirer ist ein 
stiller Mensch, religiös ernst in seinen Anschauungen, tapfer in seinem Ver- 
halten, ein geschickter Landwirt und ein Schiffer, so furchtlos und mit so erzge- 
panzerter Brust, wie Horaz ihn beschreibt. Ein Cromwell und T^ßs/^y kam von 
diesem Menschenschlag, und auch Cath. Mumford ist von diesem Blute. 

Ihr Vater, ein Wagenbauer, fand trotz seiner geschäftlichen Arbeiten im- 
mer noch Zeit, die Mäßigkeitsbewegung in einer Weise zu vertreten, daß sein 
Haus der Mittelpunkt dieser Bestrebungen wurde. Käte mit ihrem lockigen 
Haar und jenen schwarzleuchtenden Augen, wie sie jetzt noch in dem mild- 
freundlichen Antlitz des neuen Generals glänzen, nahm trotz ihrer Jugend 
schon lebhaften Anteil an den im Wohnzimmer gehaltenen Sitzungen und 
Wortgefechten, welche sich nicht nur mit Mäßigkeit, sondern auch mit Poli- 
tik beschäftigten. ,, Als ich 12 Jahre alt war," sagte sie selber, ,, hatte ich schon 
meine politische Meinung und konnte mit meinem Vater am Teetisch streiten. 
. . . Ich stand immer auf der Seite des Volkes. Nichts wünschte ich so sehr, 
als die Armen und Leidenden glücklich zu sehen!" Zu jener Zeit war die 
kleine, frühreife Rednerin schon Sekretärin eines Jugendbundes für Mäßig- 
keit. Sie warb Mitglieder und schrieb Fehdebriefe, welche ein erwachsener 
Bekannter unter seinem Namen in die Zeitung schmuggelte, um sie vor dem 
Papierkorb zu bewahren. 

Die Trunksucht, damals und heute noch ein Krebsübel des englischen 
Volkes, muß ihr kindliches Herz mit Entsetzen erfüllt haben, anders ist ihr 
Feuereifer in dieser Sache nicht zu erklären. Aber so groß ihr Haß gegen 
dies Laster selbst auch war, für seine armen Sklaven empfand sie nur Liebe. 
Als sie einmal mit Stock und Reifen auf der Straße spielte, wurde ein Trunken- 
bold von einem Schutzmann zur Polizeiwache geführt. Hinter dem hin und 
her Torkelnden johlte eine Kinderschar. Das verletzte sie. Von einer Art 
Stolz und zugleich Teilnahme ergriffen, nimmt sie ihn bei der Hand und 
führt ihn, obgleich rohe Buben sie wegzustoßen versuchen, bis an Ort und 
Stelle. Wer kennte in dem 12 jährigen Mädchen nicht die Mutter jener Be- 
wegung wieder, deren Anhänger wir nachts von Samstag auf Sonntag mit 
Tragbahren und Laternen ausmarschieren sehen, in den Rinnsteinen die- 
jenigen zu suchen, welche ein erbarmungsloser Wirt vielleicht ausgeplündert 
und dann vor die Türe geworfen hat! 

Käte hatte femer ein angeborenes großes Mitgefühl mit Tieren, welche 

"• 163 



ungebührlich behandelt wurden, eine Eigenschaft, die man auch ihren beiden 
Töchtern, Catherine, jetzt Frau Booth-Clibbom und Emma, der verewigten 
Frau Booth-TnckeT, nachrühmt und die echt englisch ist. Am i. Januar 
igi2 trat in England ein neues Tierschutzgesetz in Kraft, wonach es sogar 
verboten ist, Tiere auch nur zu erschrecken. Hunde dürfen nicht zimi Ziehen 
von Wagen gebraucht werden. Jeder Schutzmann hat das Recht, Schlacht- 
höfe nachzusehen. Jedes einzelne Vieh muß gesondert von dem anderen ge- 
schlachtet werden, damit die lebenden Tiere diesen Vorgang nicht sehen, und 
es darf auch keine Person unter i6 Jahren zugegen sein. Das Gesetz erstreckt 
sich auch auf Geflügel, Vögel, Fische und Reptilien. Wie würde Frau Booth 
sich gefreut haben, wenn sie das erlebt hätte ! ,,Mein kindliches Herz, schreibt 
sie, hatte großes Gefallen an den Betrachtungen Wesleys und Butlers — 
ihre Lieblingsschriftsteller neben Frau de la Guyon und Fenelon —, welche 
die Möglichkeit eines zukünftigen Lebens für Tiere behandeln." Die Esel 
treiber in den englischen Seeorten suchte sie mit Geld und guten Worten zu 
gewinnen, und dem Tode ihres Hundes Waterford hat sie monatelang nach- 
getrauert. Das war ein solch hervorstechender Zug in ihrem Charakter, daß 
der General noch in der Grabrede von semer Frau rühmte : ,,Ich dachte heute 
morgen, daß sie in ihrer Lebenszeit mehr litt durch ihr Mitleid für arme stumme 
Tiere, als manche Doktoren der Theologie wegen der ganzen weiten Welt voll 
sündiger, sorgenvoller Sterblicher." Ihr gebührt unter den großen Männern 
und Frauen des Christentums in dieser Hinsicht ein Ehrenplatz gleich neben 
Franz von Assisi, der die Tiere seine ,, lieben Brüder vmd Schwestern" nannte. 

Eigentlichen, planmäßigen Unterricht genoß Käte nur zwei Jahre, und 
zwar in ihrer Vaterstadt Boston in einer Pension. Weltgeschichte war ihr 
Lieblingsfach. Ihr philosophisch-altruistischer Geist fragte aber immer, war 
dieser Mensch klug und wozu hat er seine Klugheit gebraucht, war er reich 
und was tat er mit seinem Reichtvun? Napoleon haßte sie ,,von ganzem 
Herzen" wegen seiner Selbstsucht. Das Rechnen machte ihr Schwierigkeiten. 

Schwäche im Rückgrat, die sich auch auf ihre Kinder, z. B. auf Catherine, 
vererbte, zwang sie 1843 ihre Studien aufzugeben und zu Hause ganze Mo- 
nate auf dem Krankenbette zuzubringen. Diese Zeit benutzte sie zum Lesen 
theologischer und erbauhcher Werke. Wiederhergestellt war sie nach allge- 
meiner Schilderung ein schönes Mädchen mit so verständigen und lieben 
Augen, daß man ihren Blick nicht vergessen konnte. Doch so mächtig der 
Geist und so eisern der Wille war, ihr Körper blieb im Gegensatz dazu zeit- 
lebens ein gebrechhches Geschirr, daß der geringste Stoß hinreichend 
schien, es in Scherben zu zerschmettern. 

Kurz nach dieser Krankheit, gerade ehe die Eltern nach London zogen, 

164 



kamen einige Vettern zur Familie auf Besuch. Einer von ihnen faßte eine 
tiefe Neigung zu ihr und auch er bheb ihr nicht gleichgültig. Aber es zeugt 
für ihre Charakterstärke, daß sie entschlossen und kurzerhand jeden Verkehr 
abbrach, weil der junge Mann nicht religiös war. 

Mit dem J ahre 1844 und dem Aufenthalte in London kam für Catherine j ene 
Zeit innerer Stürme, welche wir bei allen Menschen finden, die nicht 
eben zur Dutzendware gehören. Bei ihr waren diese, das mannbare Alter ein- 
leitenden Kämpfe, diese Frülihngsstürme des Menschen, wie ich sie nennen 
möchte, natürlich religiöser Art. Ein Wagenunfall, der ihr bald den Tod ge- 
bracht hätte, gab die äußere Veranlassung. Sie wurde nachdenkhch und geriet 
in Zweifel, ob ihr auch ihre Sünden vergeben seien. Wem käme hier nicht 
Luther in den Sinn ? Sechs lange Wochen betete und stritt sie, bis eines Mor- 
gens nach dem Erwachen ihr Blick auf die Verse in ihrem Liederbuche fiel : 

Mein Gott, ich bin dein, wie froh will ich sein! 
Wie köstlich zu wissen, daß Jesus ist mein! 

[Diese Worte drangen wunderbar in ihre Seele, und von dem Augenblick an 
lax sie überzeugt, gerettet zu sein. Freudeüberströmt springt sie aus dem 
Jette und läuft zur Mutter, das frohe Ereignis zu verkünden. Dann heß sie 
ich, es war 1845, in die Bücher der Wesleyanischen Kirchengemeinde von 
^rixton, London, eintragen, der auch ihre frommen methodistischen Eltern 
igehörten; ich sage ,, fromm"; denn auch ihr Vater ist offenbar eine reli- 
iöse Natur gewesen, wenn er auch in jener Zeit nicht kirchlich gesinnt war; 
re Mutter aber war mit ihrem ganzen Denken im Jenseits verankert. 
Es ist hochbedeutsam, wie die damals Sechzehnjährige sich schon allerlei 
iedanken über den Gottesdienst machte, an welchem sie teilnahm. Er gefiel 
[hr nicht. Es wurde wohl viel Kluges gepredigt, aber, wie sie meinte, nichts 
Praktisches erreicht. Im entscheidenden Augenblicke, wenn die Leute er- 
griffen waren, dann wurde die Versammlung entweder geschlossen oder in 
^tumpfer Weise fortgesetzt, und die Leute strömten wieder heraus, wie sie 
gekommen waren. Dasselbe hatte sie an den Bibelstunden auszusetzen, wo 
sie die ersten Kämpfe mit ihrer Schüchternheit bestand. Das laute Beten 
in der Versammlung fiel ihr nämlich sehr schwer. Nach ihrer Ansicht hätte 
[die Leiterin bestimmte und persönliche Fragen stellen müssen und die Stunde 
'zu einer Art öffentlicher Beichte ausgestalten sollen, alles Ansichten, die 
heute in der H. ihre Verkörperung gefunden haben. 

Im Winter 1846/47 war Käte zum zweitenmal bedenklich krank. Sechs 
Monate hütete sie das Haus; große Schmerzen in Brust und Rücken und 
abendhch wiederkehrendes starkes Fieber machten Lungenschwindsucht 

165 



wahrscheinlich, und der Arzt stellte denn auch fest, daß der linke Lungen- 
flügel angegriffen sei. Der Frühling und ein Aufenthalt in Brighton besserten 
den Zustand. Doch schreibt sie noch am 13. Juni in ihr Tagebuch : „Ich ging 
morgens zur Kirche, fühlte mich aber sehr elend und hatte starkes Herz- 
klopfen. Darum blieb ich über den Nachmittag im Bette, lesend und nach- 
denkend. Abends ging ich wieder hin, um das Abendmahl zu nehmen; aber 
ich war so schwach, daß ich kaum bis zum Altar hinaufgehen konnte . . . 
Nachher brachte man mich nach Hause. Die Schmerzen waren aber so heftig, 
daß ich fortwährend auf der Straße innehalten mußte. Kalter Schweiß stand 
auf meiner Stirne." Wie der General aus Armut und Entbehrung, so hat seine 
Frau durch Krankheit und Leiden ihren Weg nehmen müssen. Und es war 
gut so. „Die Tugend übt sich schlecht im Glück. Das Unglück, das ist der 
Boden, wo Edles reift, das ist der Himmelsstrich für Menschengröße" (O. von 
Redwitz). Nur so konnten W. Booth und Frau die Begründer des Salutis- 
mus werden ; denn Salutismus ist zur Religion erhobener Altruismus, und wie 
könnte man den besser kennen lernen als durch Leiden! 

Im Jahre 1848 entstand wieder einmal in der Wesleyanischen Gemein- 
schaft eine große Bewegung, die zur Abzweigung von fast 100 000 Mit- 
gliedern führte. Die legale Konferenz geriet in Uneinigkeit wegen eines ame- 
rikanischen Missionärs. Die Geistlichen der Minderheit, welche gegen den Be- 
schluß mit anonymen Veröffentlichungen vorgingen, wurden ausgestoßen und 
sammelten sich unter dem Namen „Reformer" . Catherine las bis tief in die 
Nacht mit ihrer Mutter die herausgegebenen Schriften und drückte offen ihre 
Neigung zu der neuen Bewegung aus, und als ihre Klassenleiterin ihre Über- 
zeugung nicht wankend machen konnte, wurde ihr die Mitgliedskarte ent- 
zogen. Das war der erste große Schmerz ihres Lebens, über den sie erst all- 
mählich Herr wurde, indem sie ihre Hoffnung darauf setzte, daß die Re- 
former eine reinere, bessere und heiligere Gemeinde bilden möchten. Die 
Halle derselben lag gleich bei ihrer Wohnung m der Binfield-Road. Als 
Klassenleiterin von etwa 15 Mädchen im Alter von 12—19 Jahren konnte sie 
zuerst ihre Ideen verwirklichen und sie schreibt selber: ,,Nach der Klasse 
beteten wir miteinander und wer uns gesehen hätte, würde gemeint haben, 
in einer H.-Heiligungsversammlung gewesen zu sein". 1851 lernte sie dann 
in dem neuen Kreise jenen Mann kennen, der berufen war, mit dem festen 
Willen eines geborenen Feldherrn und einem seltenen Organisationstalent 
ihre schöpferischen Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. 



u 



m die Mitte des 19. Jahrhunderts schien der Untergang der englischen 
Gesellschaft besiegelt. ,,Sie befand sich am Abgrunde und konnte jeden 



166 



Augenblick in den Katarakt hinabschießen." „Die Massen, obschon ge- 
schwärzt von Rauch, Feuer und Kohlen, starben auf der Straße vor Kälte ; 
obschon sie taub wurden von dem Sausen der Spinnräder und dem Gerassel 
der Webstühle, hatten sie keine Kleider, und obschon in den Ländern eng- 
lischer Zunge Millionen von Morgen in reifem, goldenem Getreide wogten, ver- 
hungerten sie, weil sie kein Brot hatten" (/. Ruskin). — ,,Ohne Heim und 
Herd, halbgenährt, in Lumpen, wurden sie getrieben von Verbrechen zu Ver- 
brechen und zu jeder Art Laster, das eine Ausdehnung gewonnen hatte, die 
gänzlich unbekannt war in den weniger erleuchteten, weniger freien und 
weniger begünstigten Königreichen Europas" (S. Smith). — ,,Nie lagen die 
Zeichen des Wohlstandes klarer zutage, nie war das Leben luxuriöser, aber 
auch nie war das Laster so allgemein, das Elend so groß und die Lage der 
Armen so hoffnungslos" (Chamberlain). — „Jack Strike''' war König. In Ash- 
ton, Stalybridge und Dunkinfield drohten die ausständigen Arbeiter die 
Fabrikgebäude zu verbrennen und die Arbeitgeber niederzuschießen. In 
Preston führten sie ihre Drohung aus, bis sie selber von einem Regiment 
Hochländer niedergeschossen wurden. ,,Es war die Zeit, wo die Arbeiter- 
massen an die Gesellschaft das Sphinxrätsel stellten : Was denkt ihr mit uns 
zu tun?" (Carlyle). 

Als 1848 in Frankreich die Republik ausgerufen wurde, durchzuckte der 
revolutionäre Funke das ganze Inselreich und besonders Irland. Die Regie- 
rung hielt es für nötig, London gegen die Chartisten in Verteidigungszustand 
zu setzen, die wichtigsten Punkte mit Geschützen zu bewehren und die 
Themsebrücke zeitweilig zu sperren. Zu dem in London zusammengezogenen 
Militär waren noch 150 000 Ersatzpolizisten eingeschworen. Carlyle schrieb 
seine ,, Pamphlete des jüngsten Tages", Ashley rief warnend im Parlament, 
die Gefahr sei näher, tiefer und drohender als jemals, und F. Engels war tief 
überzeugt, das Ende sei gekommen. Es ist zu spät zur friedlichen Lösung, so 
lauten seine Worte. 1852 oder 1853 wird es losbrechen, wird die Lawine sich 
in Bewegung setzen. Dann allerdings wird der Schlachtruf durch das Land 
schallen, Krieg den Palästen, Friede den Hütten, aber es wird zu spät sein, 
als daß die Reichen sich noch in acht nehmen könnten (Nr. 66, Schluß). 

Blutrot war also der Himmel, der sich über London wölbte, alsW.B. es zum 
ersten Male betrat ; aber dieses Rot hat, wie wir heute wissen, nicht den 
Morgen, sondern den Abend der Revolution angekündigt. B. wird überhaupt 
von allem nicht viel gemetkt haben; er war in eine neue, rein kirchliche Luft 
gekommen. Das Elend im Norden und Süden, vor allem aber im Osten Lon- 
dons blieb ihm, der im Westen wohnte, zunächst wenigstens unbekannt, so 
daß er, wenn er Nottingham mit London verglich, wohl gemeint haben mag, 

167 



in eine andere "Welt versetzt worden zu sein. Sein ganzes Sehnen ging damals 
auf das Predigen, doch schien die Aussicht, jemals angestellter Geistlicher 
zu werden, sich immer mehr zu verschleiern. In London, so sagte man ihm, 
sei kein Bedarf an Geisthchen, und die Nachfrage richte sich nur auf studierte 
und gebildete Leute. Daraufhin plante er, sich auf einem Deportationsschiff 
für Verbrecher als Geistlicher anwerben zu lassen, um so freie Überfahrt nach 
Australien zu haben, wo es leichter sein sollte, Berufsgeisthcher zu werden. 
Da aber trat das Bild seiner Mutter ihm vor die Seele, und — der Plan zer- 
rann. Unterdessen griff die Reformbewegung immer mehr um sich. Booth 
hielt sich von ihr fem, obwohl ihm die einige Monate nach seiner Bekehrung 
erfolgte Ausstoßung Caugheys unverständlich gewesen war und manche 
seiner persönlichen Freunde es mit den Reformern hielten. Er war dann und 
wann mitgegangen in die Versammlungen ; aber darüber hinaus kam es nicht. 
Sine Gedanken beschäftigten sich damit, wie die Massen für das Evange- 
lium zu gewinnen seien ; Organisations- und Verfassungsstreitigkeiten waren 
ihm verhaßt, und um ganz frei wirken zu können, schrieb er, daß er sein Amt 
als Lokaler Prediger niederzulegen, aber Mitghed zu bleiben wünsche. Dar- 
aufhin wurde er von einem Herrn Hall bei der Quart alsrevision ausgestoßen 
mit der Begründung, wenn er nicht wie die 22 anderen Lokalen Prediger der 
Kapelle wirken wolle, könne er auch nicht Mitglied sein. 

Das war Juni 1851 ,und so kam W. B., ohne es zu wollen, zu den Reformern. 
Im Winter 1851/52 predigte er eines Sonntags in der kleinen hübschen Ka- 
pelle zu Binfield Road, Clapham. Frau Mumford und ihre Tochter wohnten 
der Predigt bei, über welche die Meinungen natürlich auseinandergingen. 
Dem einen enthielt sie zuviel Leichengeruch, dem anderen war zu wenig Nach- 
druck auf die Beweisführung gelegt. Als Rabhits, einer der führenden Leute, 
in der Woche darauf Fräulein Mumford befragte, gab sie freimütig zur Ant- 
wort, die Predigt des Herrn B. sei die beste gewesen, die sie bis jetzt in der 
Kapelle gehört habe. Dann traf sie den Prediger wieder bei einem Tee, den 
Rabbits gab, und gleich bei diesem ersten persönlichen Zusammentreffen 
nahmen beide einen so starken Eindruck voneinander mit, daß es bereits Kar- 
freitag, den 10. April i852,Williams 23. Geburtstag, zur stillen Verlobung kam. 
Derselbe Tag brachte auch die Erfüllung seines Lebenswunsches. Herr 
Rabbits löste sein Versprechen ein und garantierte ihm für drei Monate 
wöchentlich 20 Mark, nachdem B. selber nur 12 Mark gefordert hatte, die 
ihm hinreichend erschienen, Brot und Käse für sich zu kaufen. So wurde 
B. wohlbestallter Prediger. Allerdings sich wie ein Polykrates zu fühlen, 
dazu lag kein Grund vor. Es spricht für seine reine Absicht, daß er einen 
sicheren Beruf mit einem solch unsicheren vertauschte. In dem Bezirk 

168 



Walworth mietete er für 5 Mark wöchentlich von einer Witwe zwei Zimmer 
und kaufte sich einigen Hausrat dafür zusammen. Aber das Volk, woraus 
sich seine Gemeinde bilden sollte, wollte nichts mit ihm zu tun haben. ,,Sie 
wünschten keinen Geistlichen und sagten, sie seien alle Geistliche", und 
nach dem Vierteljahr blieb ihm nichts übrig, als seine Möbelstücke wieder 
zu verkaufen und von dem Erlös zu leben. 

So standen die Dinge, als er seine Schritte zu einem gewissen Dr. Campbell 
lenkte, ihm seine Lebensgeschichte erzählte und fragte, ob er nicht bei den 
Kongregationalisten angestellt werden könne. Dieser erklärte ihm, daß er 
dann ein Kolleg zu besuchen und die vorgeschriebenen Prüfungen abzulegen 
habe. Er bewarb sich also um Aufnahme in das Kolleg, und seine Sache kam 
vor ein Komitee, das den Kandidaten einer Prüfung unterzog. Das Ergebnis 
fiel aus, wie bei so manchem großen Manne. Man gab ihm zwei Bücher. 
Diese sollte er durchstudieren und dann nach sechs Monaten noch einmal 
wiederkommen. Als B. zu Hause bei der Lesung dieser Bücher auf die Kalvin- 
schc Prädestinationslehre stieß, warf er sie gegen die Wand ihm gegenüber 
und sagte sich, du willst lieber sterben, als eine solche Lehre verkünden. 
Ausgestoßen von den Wesleyanem, um derentwillen er die Hochkirche ver- 
lassen hatte, von den Reformern ohne Lebensunterhalt gelassen, und von 
den Independenten auf spätere Zeit vertröstet, woraus aber auch nichts 
werden konnte, weil ihm die Predigt solcher Lehren ein Verbrechen dünkte 
— so stand er also vor der Welt und den Kirchen, ohne zu wissen, wohin 
gehen oder was tun oder wovon leben. Sein letztes 50-Pfennigstück hatte er 
einer armen Frau gegeben, deren Tochter im Sterben lag. 

In dieser verzweifelten Lage traf ihn eine Einladung der Methodisten aus 
Spalding, einer ländlichen Gemeinde in Lincoln am Washbusen, nachdem 
er sich noch in den Tagen der Hoffnungen am 15. Mai 1852 mit C. Mumford 
in aller Form verlobt hatte. Die Spaldinger, bei denen er im November ein- 
traf, hingen bald mit unbegrenzter Zuneigung an ihrem jungen Geistlichen, 
der auf Betreiben seiner Braut alle freie Zeit benutzte, sich weiter zu bilden. 
Es herrschte zwischen den beiden das reinste und schönste Verhältnis, was 
freilich nicht hinderte, daß grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten auf- 
tauchten. Aber es gelang Catherine als der intellektuell Höherstehenden 
immer, ihren Verlobten zu ihrer Meinung zu bekehren. Die erste briefliche 
Fehde führte sie mit ihm über die soziale und geistige Gleichstellung von 
Mann und Frau. Williams Ansicht war, daß die Frau ,,eine Ader mehr im 
Herzen, aber eine Zelle weniger im Hirn habe", wogegen seine Verlobte 
scharf und erfolgreich zu Felde zog. Eine kleine andere Meinungsverschieden- 
heit bildete die Alkoholfrage. William hatte nach Vorschrift des Arztes schon 

169 



einmal ein wenig Blutwein genommen und war für Mäßigkeit. Käte verwarf 
Alkohol in jeder Form, auch als Arznei und war unbedingt für Teetotalis- 
mus. Die H. ist auch in diesen beiden Punkten ein bleibendes Denkmal ihrer 
Liebe und Einigkeit. Während W. B. für seine Person in allem durchaus 
nachgab, war Käte später bei Organisierung der Bewegung so verständig, 
ihm nachzugeben. Der Genuß medizinischer Alkoholika ist heute in der H. 
ausdrücklich erlaubt, und die Frau, welche in ihr grundsätzlich dieselbe Stel- 
lung einnimmt wie der Mann, läßt diesem doch den Vortritt bei Leitung ge- 
wisser öffentHcher FeierHchkeiten, wie Kinderdarstellung, Trauung und Be- 
gräbnis, wie es ja auch in der Armee weder formell noch praktisch eine Gene- 
rahn, sondern nur einen General gibt, weshalb man den Ausdruck „Generalin" 
auch besser vermeidet. 

Unter den Reformern herrschten damals allerlei innere Wirren, und B. 
mußte die bittere Erfahrung machen, daß eine demokratische Leitung tyran- 
nischer sein kann als eine patriarchalische Alleinherrschaft. Früher hatten 
die Reformer die Zuständigkeit ihrer ordinierten Geistlichkeit in Frage ge- 
zogen; jetzt weigerten sie sich, selbst solche anzuerkennen, die sie selber zu 
ihren Geisthchen gemacht hatten. Seit jenen Tagen, war es sein Grundsatz, 
daß ,, Ordnung des Himmels höchstes Gesetz" sei. Auch drückte ihn wieder 
die Fessel starrer, hergebrachter Form ; er sah bei einem anderen Geistlichen 
die erfreulichen Ergebnisse einer ganz freien Predigt, ging auf sein Zimmer, 
das über einem Bäckerladen sich befand, und gelobte Gott, durchzugehen 
und keinerlei Rücksichten auf andere und sich selber zu nehmen, und von 
dem Tage an hat er nach dieser Erkenntnis gehandelt. 

1853 wurde lebhaft die Frage erörtert, daß die Reformer sich dem schon 
1787 abgezweigten „Neuen Methodistischen Bund" anschließen sollten, und 
eine solche Vereinigung schien W. B. besonders deshalb wünschenswert, weil 
die Neubündler sich eine größere Freiheit bewahrt hatten. Besonders gefiel 
ihm ihre Art, für die Neubekehrten Sorge zu tragen. Seine Braut teilte diese 
Ansicht, und er legte sie in einem Aufsatz auseinander, der in dem Blatte der 
Reformer veröffentlicht wurde. Allein die Verhandlungen der beiden Gemein- 
schaften zerschlugen sich. B. war dadurch vor eine Prinzipienfrage ge- 
stellt, deren Lösung noch dadurch erschwert wurde, daß sowohl seine Ge- 
meinde als die Neubündler ihm ein höheres Gehalt anboten, damit er heiraten 
könne. Die Spaldinger wollten ihm sogar noch eine möblierte Wohnung mit 
Pferd und Wagen stellen. Aber umsonst! B. trat am 14. Februar 1854 niit 
einigen anderen in das Haus eines Dr. Cooke zu London ein, der die Studenten 
auf ihren Beruf im Neuen Bund vorbereiten sollte. Der General betonte gern, 
daß er kein Musterstudent gev/esen sei und daß die wenigen griechischen 

170 



Wörter, die er gelernt, ihm allerlei Todesangst bereitet hätten. Aus der theo- 
retischen Vorbereitung ist also blutwenig geworden. Am Tage nach dem 
Eintritt, einem Sonntagabend, war er schon auf der Kanzel, schilderte ver- 
gleichsweise einen Schiffbruch und stellte mit seinem Taschentuch dar, wie 
die in die Masten gekletterten Matrosen Hilfe signalisierten. 24 Leute, dar- 
unter die Tochter von Dr. Cooke, kamen an die Bußbank. Immerhin schlug 
ihm das Herz eigentümlich, als er anderen Tages vor den gestrengen Theo- 
logen trat, um seine Kritik zu hören. Sie war kurz und lautete jetzt und stets: 
,,HerrB., ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen. Fahren Sie fort und Gott 
segne Sie!" Ja der gelehrte Herr — und in allen Stücken das gerade Gegenteil 
von ihm — schlug ihn der Konferenz sogar als Superintendenten von London 
vor. B. aber fürchtete die Verantwortlichkeit und wurde deshalb als Assistent 
angestellt. Rabbits, der auch Neubündler geworden war, machte durch ein 
Geldgeschenk die Schaffung dieses Postens möglich. Zugleich gab man ihm 
die Erlaubnis, schon in dem ersten Jahre, statt, wie es Regel war, erst in vier 
Jahren, zu heiraten. Sein Ruf als Erweckungsredner wuchs, und als er im 
Oktober 1854 nach Guernsey geschickt wurde, war es mit dem Studium end- 
gültig aus. Seine Braut machte ihm wohl die Predigtskizzen und schrieb für 
das neubündlerische Blatt. Ihr erster Artikel behandelt die Frage: ,,Wie be- 
wahrt man am besten die Neubekehrten?" und schließt: ,,Sie sollen nicht 
allein für das Reich Gottes wirken dürfen, sondern müssen. Es muß ihnen klar 
gemacht werden, daß jeder Christ ein Stück Verantwortung trägt; daß es seine 
Aufgabe ist, Seelen zu retten. Und dabei gilt kein Unterschied von Mann und 
Weib. Wir alle sollen Arbeiter sein im Weinberge des Herrn." 

Am 16. Juni 1855 war die Hochzeit. Nur Catherinens Vater und eine Schwe- 
. ster des Generals waren zugegen. Das junge Paar ging für eineWoche nach 
der Ins i\ Wight und dann von dort nach Guernsey, wo im Hafen eine große 
Volksmenge auf sie wartete. Ohne es recht zu wissen, war Booth schon wie- 
der in der Missionsarbeit, und von da an ist seine Tätigkeit ein ununter- 
brochener Siegeszug. Als Wanderprediger war er bald hier, bald dort, und 
überall waren Massenbekehrungen zu verzeichnen. Am 29. Mai 1858 wurde 
er in aller Form ordiniert und hatte seitdem das Anrecht auf den Titel ,. Hoch- 
würden". Aber das konnte ihn nicht hinwegtrösten über den Undank, den 
er von der legalen Konferenz 1857 erfahren. Ein Freund schrieb ihm unter 
dem 6. Juni 1857: ,,Ihr Fall — B. durfte in diesem Jahre als nicht ordinierter 
Geistlicher noch nicht teilnehmen — ist heute . . . entschieden worden. Sie 
sollen die Evangelisation aufgeben und eine Pfarrstelle übernehmen. Mit 44 
gegen 40 Stimmen wurde es beschlossen. Die Stimmung ist stark gegen Sie." 
Man schützte die Reisekosten und, als diese von einem Freunde aus Notting- 

171 



ham zur Verfügung gestellt wurden, die Jugend des Predigers vor und trö- 
stete ihn damit, daß er nur für ein Jahr als Pfarrer gehen solle. Dieses Jahr 
brachte er in Brighouse zu. Es folgte ein zweites in Gateshead, und aus dem 
zweiten \vurde ein drittes und viertes, die nach außen in höchst segensreicher, 
aber doch stiller Pastorisation verliefen, die aber für die innere Entwicklung 
des Ehepaares grundlegende Bedeutung haben. Anfang 1860, als die Mis- 
sionärin Frau Dr. Palmer aus Amerika ganz England durchzog und ein 
Pastor Rees diese heftig angriff, schrieb Frau Booth ihre Abhandlung über 
das Recht der Frau zu pr 2digen, begann, einer plötzHchen Eingebung folgend, 
selber in Gateshead zu predigen, und als ihr Gatte längere Zeit krank war, 
vertrat sie ihn auf Bitten der Gemeinde vollständig. Auch nahm sie sich in 
besonderer Weise der Rettung von Trinkern an. Die ersten Monate des 
Jahres 1861 widmete das Paar dem Studium der Heiligungslehre Wesleys. 
Da Heihgung in noch höherem Grade als die erste Hingabe, für den General 
so viel bedeutete, als sich für andere hinopf em, so scheint mir ein ursächhcher 
Zusammenhang zwischen diesen asketischen Betrachtungen und jenem Briefe 
zu bestehen, den er zu Ostern an den Präses der Konferenz richtete und in 
dem er nachdrücklich bat, die Konferenz möge doch endlich ihr Versprechen 
einlösen und ihn wieder als Missionär verwenden. Der Millionär /. Love erbot 
sich, alle Kosten zu tragen. Die Konferenz fand in Liverpool statt, und Frau 
Booth hatte unter den Zuhörern auf der Galerie Platz genommen, während 
ihr Gatte als Teilnehmer unten im Saale saß. Der Antrag Booth wurde stun- 
denlang verhandelt, und schheßlich machte Dr. Cooke den Vorschlag, Booth 
solle noch ein Jahr als Pfarrer wirken, dabei aber Einladungen nach auswärts 
zu Erweckungsgottesdiensten annehmen dürfen; zwei Dinge, welche sich 
schon in Gateshead als undurchführbar erwiesen hatten. Trotzdem \\airde 
der Vorschlag mit großer Mehrheit angenommen. Da konnte Cath. Booth 
das Feuer in ihrer Brust nicht länger zügeln. Alles richtete den Bück auf die 
Frau, welche oben mit blitzenden Augen und glühenden Wangen an die 
Brüstung trat und das eine Wort in den Saal hinein rief: „Niemals."' 

Mit diesem „Niemals" treten wir in die Vorgeschichte der H. ein. Die Kon- 
ferenz war starr, daß eine Frau so etwas wage. Der Präsident griff zur 
Schelle, W. B. zu seinem Hute. Am Fuße der Galerietreppe fiel ihm seine 
Frau in die Arme, und ohne sich um die Ordnungsrufe zu kümmern, wandten 
sie der Versammlung den Rücken. ,,Ein Wille, der nicht will, kann nicht er- 
hegen; vielmehr wie von Natur die Flamme, so richtet er sich tausendmal 
empor trotz allen Zwanges" {Dante). Alle Verständigungs versuche von selten 
der Konferenz wie von W. B., der sie halb gegen den Willen seiner Frau 

172 



unternahm, mißlangen, weil keine Partei meinte, nachgeben zu können, und 
so stand Booth mit seiner stets schwächlichen Frau und vier kleinen Kindern 
auf der Straße. Die Schwiegereltern in London nahmen ihn auf, und gleich 
in den ersten Tagen flatterte auf den Frühstückstisch ein Brief von einem 
seiner früheren Hilfsgeistlichen, der jetzt zu Hayle in Cornwall eine Pfarr- 
stelle innehatte und der Herrn und Frau Pastor dringend zu Erweckungs- 
gottesdiensten einlud. Statt einige Wochen blieb das Ehepaar i8 Monate 
in jenem Dorado des Methodismus, unter dem religiös leicht erregbaren Volk 
der Grafschaft eine große Bewegung hervorrufend. 

In Cardiff war Booth schon gezwungen, einen Zirkus zu mieten, weil die 
Jahreskonferenz verboten hatte, ihm die Kirchen zu überlassen. Zirkusse, 
Theater- und Konzertsäle waren von da an seine Gotteshäuser, und auf den 
Plakaten, welche im Juni 1863 diese Zirkusversammlungen ankündigten, 
liest man auch zuerst von Wilddieben und Faustkämpfern, welche Zeugnis 
von ihrer Rettung geben würden. In dieser Art durchzogen sie die Städte 
Altenglands. Frau Booth hielt besonders Vorträge für Frauen und die ersten 
Nacht Versammlungen mit Dirnen, wobei diejenigen gleich in ein Stift auf- 
genommen wurden, die sich zu einem neuen Leben entschlossen. Diese Ver- 
sammlungen fanden in Rotherhithe statt, nahe der Geburtsstädte der Armee, 
dicht bei den Londoner Docks, wohin Catherine gekommen war, ebensosehr 
einer Einladung als ihrer eigenen Neigung folgend ; denn sie war des Wander- 
lebens überdrüssig und redete ihrem Manne seit langem zu, sich nach dem 
HerzenEnglands zu wenden, wo die Arbeit am nötigsten und aussichtsreichsten 
wäre. Obgleich dieser in seiner Bescheidenheit sich etwas vor der Riesenstadt 
fürchtete, drang seine Frau mit ihrer Ansicht durch ; sie ließen sich in Ham- 
mersmith, Shaftesbury Road im Westen Londons nieder, und ihr Mann 
brachte der Billigkeit halber die Kinder und die Magd zu Schiff von Leeds 
herüber, wo man zuletzt Wohnung genommen hatte. 

Prau Booth mag instinktiv gefühlt haben, daß in London sich erst die 
soziale Frage entwickle, während draußen im Lande schon der Weg 
zur Lösung gefunden war. Die soziale Lage der arbeitenden Klassen etwa 
um 1860 ist ein Mittelding zwischen der ihres Geburts- und Sterbejahres. 
Wir finden aber die Lage gegen 1830 folgendermaßen: schlechte Lohn Ver- 
hältnisse unter den männlichen Land- und Industriearbeitern; verderb- 
liche Arbeitsverhältnisse besonders durch übermäßig lange Arbeitszeit 
und gesundheitswidrige Arbeitsstätten; Zeiten von Arbeitsmangel in fast 
allen Erwerbszweigen; Entartung des häuslichen Lebens, besonders unter 
den Fabrik- und Grubenarbeitern ; zunehmende Trunksucht beider Geschlech- 
ter; wachsende Roheit und Massenarmut. Um 1890 ist die Lage ungefähr so 



verändert : Aufbesserung der Löhne männlicher Arbeit, von denen aber ein an- 
sehnHcher Teil noch Hungerlöhne erhält ; die Arbeitszeit von Kindern ist noch 
immer ungenügend herabgesetzt, was auch von manchen männlichen und 
weiblichen erwachsenen Arbeitern gilt; die Gesundheitsverhältnisse sind 
wesentlich besser, nur in einigen Betrieben, z. B. für Chemikalien und Stein- 
gut, sind sie noch so unheilvoll wie nur je ; die durchschnittliche Lebensdauer, 
die fürchterlich tief gesunken war, hat sich bei allen Klassen der Bevölkerung 
gehoben, die sittliche und geistige Roheit hat bei allen Arbeitern abgenom- 
men; der ästhetische Sinn der Arbeiter und ihre Fähigkeit, selber für ge- 
sunde Zerstreuung zu sorgen, hat sich wahrscheinlich verringert; die Ver- 
brechen haben anscheinend abgenommen, ein sicheres Urteil läßt sich in 
diesem Punkte nicht gewinnen, weil alle Straf bestimmungen gemildert wor- 
den sind, dagegen war, nach allen amtlichen Statistiken zu urteilen, die 
Trunksucht bedeutend größer geworden. Die Zahl der Ortsarmen betrug am 
I. Januar 1849 rund 934 000, am i. Januar 1894 812 000. Der Sparsinn hat 
sich sehr vermehrt. In zwei Punkten ist keine wirkliche Änderung eingetreten, 
in dem Mangel an Arbeitsgelegenheiten und in der Neigung der Fabrikan- 
ten zum ,,Sweating-System", das schlechte Löhne, schlechte Arbeits- und 
schlechte Lebensverhältnisse umfaßt. 

Sehen wir uns nun London, die Wiege und das erste Arbeitsfeld der H. an ! 
Die ungeheuren Massen, welche im Osten, Süden und Norden Londons sich 
zusammendrängen, haben den eben geschilderten Fortschritt, welchen die 
Arbeiter der gelernten Industrie im mittleren und nördlichen England un- 
zweifelhaft errangen, nicht mitgemacht. Während der englische Arbeiter der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie ihn Gaskell in seinen Blaubüchern 
schildert, um 1890 nicht mehr wiederzuerkennen ist, war und ist der Be- 
wohner Ostlondons diesem Bilde ähnlich geblieben oder möglicherweise auch 
erst in das Bild hineingewachsen; er ist gegen den Arbeiter der nördlichen 
Grafschaften um 50 Jahre zurück. 

Nur wer sich diese Tatsache klar macht, versteht die sich widersprechen- 
den Bilder, die man vom enghschen Arbeiter entwirft. Die einen schildern 
ihn als den fortgeschrittensten Typus seiner Klasse, körperlich und geistig 
wohl entwickelt, in mächtigen und besonnenen Vereinigungen organisiert 
und der revolutionären Agitation unzugängHch. Die anderen erzählen von 
Menschen, die Hungers sterben, von Scharen Arbeitsloser, welche die Haupt- 
stadt durchziehen und in den glänzenden Vierteln der Weltstadt ihr Elend 
bloßstellen, die meist freihch in ruhigen und geordneten Zügen marschieren 
und nur durch den Anblick ihrer Not zu wirken suchen, einmal aber doch, 
nämhch am 8. Februar 1886 die Läden in der Piccadilly und May Fair plün- 

174 



derten und mit Steinwürfen die Spiegelscheiben der Klubs in Pall Mall zer- 
trümmerten. Und was begründet diesen gewaltigen Gegensatz? Die Groß- 
industrie erfordert qualifizierte Arbeiter, die Londoner Massen aber bringen 
nichts als die ungelernte Kraft ihrer Hände auf den Arbeitsmarkt. In London 
fließen aus dem ganzen Lande alle Elemente zusammen, die auf der sozialen 
Stufenleiter, sei es durch Schwäche, sei es durch Laster hinabgesunken sind 
und den Bodensatz der enghschen Gesellschaft ausmachen. Daneben besteht 
eine starke Einwanderung mittelloser Arbeiter vom Festlande, welche die 
englischen Arbeiter nicht weniger fürchten als ihre amerikanischen und 
australischen Brüder die Chinesen. Tausende und Abertausende warten auf 
Hafen- oder Gelegenheitsarbeit, und wenn Stürme im Kanal oder widrige 
Winde die Schiffe zurückhalten, so schwingt Hunger und Elend das Zepter 
über Ostlondon. 

Noch gibt es — bezeugt Schulze-Gävernitz für das Jahr 1890 — in London, 
das man fälschlich als den wirtschaftlich entwickeltsten Teil Englands an- 
sieht, zahlreiche Handweber, deren gewöhnlicher Zustand um die Grenze des 
Verhungerns schwankt. Einen bedeutenden Teil zu dem Heer des Elends 
stellen femer die im Bekleidungsgewerbe tätigen Arbeiter. Hier ist das Sweat- 
ing-System in voller Blüte. In Höhlen des Schmutzes und Lasters zusammen- 
gepfercht, sind Männer und Weiber nicht besser daran als Sklaven. Die Ar- 
beitsdauer ist unbeschränkt; nicht selten haben die Opfer ihrem Verleger 
die notwendigen Kleidungsstücke versetzt, so daß sie am Ausgehen verhin- 
dert und buchstäblich der Freiheit beraubt sind. Hierhin gehören auch jene 
Scharen von Mädchen und Frauen, welche trotz härtester und längster Tages- 
arbeit nicht imstande sind, so viel zu verdienen, daß sie auf den nächtlichen 
Nebenerwerb der Straße verzichten können. Während das Durchschnitts- 
alter der höheren Berufe 55 Jahre beträgt, beläuft es sich jetzt noch in dem 
Stadtteil Lambeth, Südlondon, auf 29 Jahre, und die Kindersterblichkeit ver- 
hält sich wie 8 zu 30 ; dagegen verhalten sich die Geburten zwischen Hamp- 
stead und Whitechapel wie 22 zu 37. 

Als W. Booth 1865 sein Werk begann, zählte (die Grafschaft) London 
3 000 000, 1910 aber (der hauptstädtische Polizeibezirk) schon 7 50G 000 Ein- 
wohner, also trotz des Wachstums der übrigen Städte noch mehr als ein 
volles Sechstel der ganzen Bevölkerung Großbritanniens, die auf einen Kreis 
von 30 km Durchmesser zusammengedrängt ist. 

Und nun das London des Generals, sein ,, versunkenes Zehntel", d. h. jene 
Großstadt von Armut, Not und Verbrechen! Sie umfaßte 1888 nach seinem 
auf sozialwissenschaftlichem Gebiete berühmten Namensvetter und Freunde, 
dem alle überragenden Kenner Londoner Verhältnisse, nämlich nach Charles 



Booth, I 290 000 Personen oder nahezu 31% der Stadtbewohner, deren Nah- 
rung, auf den Eiweißgehalt ausgerechnet, bis auf zwei Drittel des zum Leben 
Notwendigen heruntergeht. Weitere 51,5% oder 2 170 000 gehörten den Ar- 
beiterschichten von mittleren und hohen Löhnen an. Fast 90% der ganzen 
Arbeiterbevölkerung wohnt in Ostlondon, ,,dem stets sich dehnenden Svunpf 
von stinkendem Elend und Verzweiflung — von Hungersnot, wenn unbe- 
schäftigt, von physischer und moralischer Erniedrigung, wenn beschäftigt" 
(Engels). 37% der Londoner Bevölkerung weisen nach Ch. Booth die wirt- 
schaftlichen und sozialen Verhältnisse einer Gruppe auf, welche mit dem 
Vorwärtsgehen der übrigen Gesellschaft nicht Schritt gehalten hat, deren 
Hebung daher eine notwendige Bedingung für die Gesundheit und das Gleich- 
gewicht des Gesellschaftsgebäudes ist. 90% der Ostlondoner gingen 1865 in 
keine Kirche, und das in London, ,,der rehgiösesten Stadt der Welt", welche 
1903 2 500 000 Kirchenbesucher zählte, die mit Kirchen und Kirchlein, Ka- 
pellen und Kapellchen übersäet ist, wo man Sonntags familienweise zum 
Gottesdienst geht, weil es eben zur guten Sitte gehört, und wo man es mit 
seiner Vermieterin verderben würde, wenn man sich dieser Sitte nicht fügen 
wollte. 

Booth war 36 Jahre alt, als er das Werk im Osten Londons begann, und von 
diesen Jahren hatte er die eine Hälfte gebraucht. Um einen Beruf, die 
andere Hälfte, imi einen endgültigen Wirkungskreis zu finden, wie er jetzt 
vor ihm lag. Vom bettelarmen Jungen war er hinaufgestiegen zum Geist- 
lichen und gefeierten Erweckungsredner; nun stieg er freiwillig wieder hinab, 
in der klaren Erkenntnis, daß er nur durch selbstgewählte Armut diesen 
^ Armen helfen könne. Um allen alles zu werden, hat er alles geopfert, sich, 
sein Weib, seine Kinder, sein Auskommen, seine Bequemlichkeit, ja seinen 
Ruf, sein Ansehen. Auf einem Bordsteine in Mile End Waste stehend, vor 
dem Wirtshaus zum Weinstock ^, begann er am 2. Juli 1865, einem Sonntage, 
seine Mission. Er folgte dabei einer Einladung der Redaktion des,, Christian", 
die, weil ihr Missionar plötzlich krank geworden, in Verlegenheit war. Heute 
liegt dort in den öden gärtnerischen Anlagen der breiten Straße eine Marmor- 
tafel, gestiftet von einem jüdischen Herrn, das Ereignis im Andenken des 
Volkes wachzuhalten. Einige Minuten davon, auf dem verlassenen Quäker- 
kirchhof an der heutigen Thomas Street, hatte man ihm ein großes Zelt auf- 
geschlagen, und dort hielt er mit dem Lumpengesindel, das ihm vom ,,Wein- 

^ Auch ein Wirtshaus ,,Zum Winden Bettler" spielt in der Anfangsgeschichte eine 
Rolle. Die Biographen widersprechen sich hier und in anderen, sogar wichtigen Punkten 
sehr oft. Bis die große, offizielle Biographie von H. Begbie erscheint, wird man gut tun, 
die hier gegebene Darstellung festzuhalten, die auf Prüfung und Vergleich der bis jetzt 
vorhandenen Literatur beruht, ergänzt durch authentische persönliche Mitteilungen. 

176 



stock" her gefolgt war, die erste eigentliche Versammlung, mitten zwischen 
Akrobaten, Zauberkünstlern, Quacksalbern und Menagerien. Während neben 
ihm die Drehorgel kreischt, die wilden Tiere brüllen und der Hanswurst 
durch fade Witze die Lachlust der Menge zu erregen sucht, ruft er in den 
Volkshaufen hinein Worte göttlichen Zornes und himmlischen Erbarmens, 
seinen geistlichen Freunden ein Ärgernis und den Gelehrten eine Torheit; 
denn die Theologen haben vergessen, daß ein Berthold von Regensburg auf 
den Messen und der Völkerapostel Paulus auf den Märkten predigte. Dabei 
verstanden ihn, wie er selber sagt, seine Zuhörer zuerst nicht. Oft setzte es 
Püffe und Stöße, und die es wissen, erzählen, daß er sich nicht nur faule Eier 
aus dem langen Bart hat streichen müssen, sondern auch schon spät in der 
Nacht mit verbundenem Kopf nach Hause kam, wo sein Weib in Bangigkeit 
seiner harrte. 

Es war nicht von vornherein beschlossene Sache, daß man immer in Lon- 
don bleiben sollte; doch Heß der Beschluß nicht lange auf sich warten. Booth 
kam am selben Abend (oder doch wenigstens in den allerersten Tagen) tod- 
müde nach Hause und sagte zu seiner Frau: ,,0 Käte, ich habe meine Be- 
stimmung gefunden. Dies ist das Volk, nach dessen Rettung ich all diese 
Jahre verlangt. Als ich heute an den Türen der erleuchteten Branntwein- 
paläste vorbeiging, da schien es mir, als rufe mir eine Stimme zu : ,,Wo kannst 
du auf der Welt solche Heiden finden wie diese, und wo ist deine Arbeit so 
nötig!" Und seine Frau, welcher das ja aus dem Herzen gesprochen war, ant- 
wortete: ,,Wir haben uns Gott einmal geschenkt und können es auch zum 
zweiten Male." Sie beschlossen also in jener Nacht, daß ,, dieses Volk von 
Ostlondon ihr Volk und daß ihr Gott der Gott dieses Volkes sein sollte", und 
so ist eigentlich nicht in Mile End und auch nicht auf dem Quaker-Burial- 
Ground, sondern in stiller Kammer zu Westend von diesen zwei Menschen 
zusammen der Grundstein zum H.-Gebäude gelegt worden, das nun tausend 
Hände weiterbauen, heute ebensowenig wissend, wovon sie morgen leben, 
wie damals die beiden es wußten, die miteinander niederknieten, beteten und 
Gott vertrauten. Sie taten damit — die Geschichte fast sämtlicher caritativer 
Institute ist dafür Zeuge — das Beste, was sie tun konnten. Solange die H. 
arm bleibt, wird sie blühen und wachsen. Das ist so sicher, wie Reichtum ihr 
Tod sein würde. 

Am dritten oder vierten Sonntag fand Booth morgens das Zelt am Boden 
liegen, und der Sturm hatte so gründhche Arbeit getan, daß es nicht mehr 
wieder aufgebaut werden konnte. Booth benutzte also, nachdem er sich 
einige Zeit ohne Versammlungsraum beholfen hatte, seit dem 3. September 
einen Tanzsaal, und wenn der letzte Betrunkene hinausgewankt, die letzte 

12 Clasen, Der Salutismus 177 



Schöne von Ostend vor Müdigkeit zusammengesunken imd der letzte Ton 
der Musik verklungen war, dann, Sonntags morgens um 4 Uhr, zog der eigen- 
artige Prediger mit seinen Bekehrten auf, den Saal für den Sonntagsgottes- 
dienst herzurichten. An den Werktagsabenden diente ein alter Wollspeicher 
in Bethnal Green als Betsaal, dessen Fenster die Straßenjugend mit Schmutz 
und Steinen bewarf, sobald der Gottesdienst begann. Zertrümmerte Scheiben 
soll man erst dann ersetzen, wenn die Aufregung der Eröffnung sich gelegt 
hat ; bis dahin soll man die Fenster mit Brettern vernagelt halten, heißt es 
irgendwo in den Offiziersregeln. Diese Vorschrift hält jene erste und seitdem 
oft erneuerte Erfahrung des Generals fest, der als drittes Gotteshaus einen 
unbenutzten Pferdestall gebrauchte, bis der Athleten- und Faustkämpfer- 
klub nebenan gegen die Störung durch fromme Lieder Verwahrung einlegte. 
Darauf wurde in Limehouse eine Zehnpfennigschenke, in Whitechapel eine 
gedeckte Kegelbahn, in Poplar ein zwischen Taubenschlägen und Ställen 
eingekeilter Holzschuppen, in Old Ford eine Zimmermannswerkstatt in Ge- 
brauch genommen. Die Famihe Booth selber war unterdessen im November 
1865 nach dem Stadtteil Hackney gezogen, dicht am Rande jenes Sees voll 
menschhchen Elends, wo der General seine Netze spannte, während seine 
Gattin am entgegengesetzten Ende der Stadt den Reichen predigte, imi — 
das war wenigstens in der ersten Zeit der Grund — Brot für die Kinder zu 
schaffen, wovon das siebente sich Weihnachten einstellte. Der Vater nannte 
danmi gerne die kleine Eva sein Christgeschenk, und ihr Charakter entspricht 
auffallend der großen Zeit, in der sie geboren wurde. 

r^ Morley, ein Parlamentsmitghed, war der erste, der sich des Generals 
JL^' annahm. Persönhch überzeugte er sich von dessen Wirksamkeit, fand 
die Draußenversammlungen unter dem betrunkenen und fluchenden Gesindel, 
die Anschlagzettel, das Zeugnisablegen der Bekehrten, kurz die ganze Art 
den Umständen sehr angepaßt und kargte nicht mit seiner Unterstützung. 
Als Frau Booth einmal in besonderer Geldnot zu ihm ihre Zuflucht nahm, 
gab er sofort 20000 Mark, imd als sie ihm auf die Frage, ob das genüge, ant- 
wortete, das Doppelte würde ihn auch nicht gereuen, legte er ohne weiteres 
noch 20 000 Mark dazu. Weiter sind als Freunde jener Zeit zu nennen : Herr 
Reed und Herr imd Frau Billups, diese noch von Cardiff her. Im übrigen war 
der Anfang keineswegs ermutigend. Fast alle seine bisherigen Mitarbeiter 
verheßen den General in den ersten 14 Tagen. Dann fiel Frau Booth 1866 
in eine schwere Krankheit, die fast ein Jahr währte und Anlaß wurde, die 
Wohnung einige Minuten weiter nach Victoriapark zu verlegen. Dort war es 
stiller, aber auch teurer, und mn die Miete aufzubringen, nahm man einen 
zweiten Pensionär. In diesem Hause wurde am 28. April 1867 Lucy, das 

178 



achte und jüngste Kind des Generals, geboren, die jetzige Witwe Booth- 
Hellberg, die ihn auf dem Sterbebette pflegte. 

Damals errichtete man auch in einem abgebrannten und vsdeder aufge- 
bauten Bieriokale, dem berüchtigten ,, Morgenstern" zu Wlütechapel, das 
erste H.-Q. (jetzt H.-O. der Sozialarbeit für Männer), ohne sich aber noch 
irgendwie bewußt zu sein, daß es sich xma eine neue, selbständige Bewegung 
handle. Das geht schon aus dem Namen hervor, welchen mein sich beilegte, 
zuerst „East London Christian Re\-ival Society", dann „East London Chri- 
stian Mission", dann, als 1869 eine zweite Mission in Croydon, eine dritte in 
Edinburgh usw. gegründet wuLrde, einfach ,, Christian ^lission" und erst 
1877 ,,The Salvation Army". Auch betont Frau Booth : „Der General begaim 
sein Werk in den östhchen Quartieren Londons, ohne im mindesten daran 
zu denken, es über die Grenze einer lokalen Arbeit hinauszuführen . . . Gott 
segnete ihn wunderbar . . . Man kam aus einem Umkreise von 7, 10 und 
15 Meüen, um Bül, Bob oder Jack zu sehen, frühere Professionsfechter . . . 
welche am letzten Sonntag bekehrt sein sollten, und — die Herbeigeströmten 
wurden wieder bekehrt . . . Auf diese Weise -wnichs die ?>Iission . . . Alles wirk- 
hche Leben muß wachsen und sich entvn-ickeln (23, 32 ff.)." Und der General 
selber beteuert: ,,Ich möchte nicht behaupten, daß, jedenfalls während der 
ersten Jahre, nachdem ich die Arbeit in Angriff genommen, entweder ich 
oder einer meiner Mitarbeiter von ihrem gegenwärtigen Umfange eine Ah- 
nung gehabt hätte. Einer zienüich allgemeinen Annahme entgegen schwebte 
mir, als ich zuerst Hand anlegte, ein ausgearbeiteter Plan gar nicht vor. 
Wenig wußte ich von den Problemen, die ich in Angriff zu nehmen hatte. 
Nur sehr wenig Erfahrung besaß ich von der Arbeit unter der armen und 
arbeitenden Klasse oder gar unt.r den Kindern des Elends, welche ich seit- 
dem als die Versinkenden kennen und aufsuchen gelernt habe. Als ich meinen 
irregiilären Feldzug 1865 in WTütechapel begann, war ich von der Gründung 
einer neuen Rehgionsgemeinschaft so weit entfernt, daß mein Vorsatz sich 
auf die einfache Zuweismig meiner Bekehrten an die Ortskirche beschränkte, 
und so habe ich es tatsächhch gehalten. Erst nachdem ich fand, daß meinen 
SchützHngen keine freundhche Aufnahme zuteil ward — um mich höfhch 
auszudrücken — und sie deshalb aus Mangel an Aufsicht und Anschluß in 
Gefahr eines Rückfalles standen, und erst als sich die unumgängMche Not- 
wendigkeit ihrer Mitwirkung herausgestellt hatte . . ., faßte ich den Ent- 
schliiß, sie nach dem besten Vorbilde, das ich damals kannte, in kleine Ge- 
meinschaften zu ghedem (71, VHI)." 

1868 büdete er aus 13 Männern, Geisthchen und Laien ein Komitee, mit 
dem er viele Jahre im besten Einvernehmen \^irkte. Der Januarbericht dieser 

179 



13 von 1869 meldet schon von 13 Predigtstationen, innerhalb Londons mit 
8000 Sitzplätzen. In 140 Versammlungen wurde das Evangelium jede Woche 
etwa 14 000 Leuten gepredigt in Konzertsälen, Theatern, Läden, Stuben, 
gemeinen Lokalen und im Freien ; durch Hausbesuche, Bibelwagen, Verkauf 
von Traktaten, Mütter Versammlungen, Temperenzzusammenkünfte, Bibel- 
stunden, den Hof f nungsbund, dieTraktatgesellschaft, durch Abendunterricht 
im Lesen, Schreiben und Rechnen, Sonntags-, Alltags- und Lumpenschulen, 
Lesezimmer, Pfennigsammelbüchsen, Unterstützung von Bedürftigen, durch 
Verteilung von Brot, Fleisch, Suppen und kleine Geldgeschenke. 

,,Das äußere und innere Elend Ostlondons", sagt man weiter, ,,ist ent- 
setzlich. In anderen Teilen der Metropole und anderen großen Städten un- 
seres Landes gibt es wohl ebenso dunkle und schlechte Gegenden; aber sie 
sind beschränkt, sind gleichsam Inseln in einem Meere von Wohlstand und 
Intelligenz, während Ostend ein weites Festland voll Verbrechen, Laster und 
Elend ist. Aus den Massen der Bevölkerung kommt auf 100 Personen kaum 
eine, die je einen Gottesdienst besuchte. In der Whitechapelstraße allein 
bringen nach statistischer Berechnung 18 000 Personen ihre Sonntage im 
Wirtshaus zu. Die Arbeiter unserer Mission sind aus ihr selbst hervorge- 
gangen; sie wünschen nichts sehnhcher, als anderen zu tun, was an ihnen ge- 
tan worden ist . . . Seit dem Anfang der Bewegung haben sich auf den ver- 
schiedenen Stationen 4000 Bußfertige mit Leib und Seele Gott hingegeben, 
und zahllose andere sind ernstlich erfaßt worden. Viele Tausende verschmach- 
tender Armen sind unterstützt, gefallene Mädchen von den Straßen gerettet 
worden ; für Unzählige vermittelte man Stellen, und vielen verhalf man zur 
Auswanderung. Hunderte von Trinkern haben das Gelübde unterzeichnet 
und das Evangelium wird Scharen von solchen gepredigt, die sonst nie die 
frohe Botschaft gehört haben würden. Die Unterstützung der Mission hängt 
einzig und allein von den freiwilligen Gaben des Volkes Gottes ab. Mehr als 
1000 Mark sind allwöchentlich erforderlich. Bisher hat es Gott noch nie an 
den nötigen Mitteln fehlen lassen." 

Auf Edinburgh folgten noch 1869 Eröffnungen in Brighton, Stoke-New- 
ington und Hastings, alle von Frau Booth geleitet. 1872 sah B. sich durch 
Krankheit gezwungen, für Monate abwesend zu sein, und das Werk, sich selbst 
überlassen, drohte einen sektenhaften Charakter anzunehmen, weil bei seinen 
Mitarbeitern, die allerlei Gemeinschaften entstammten, noch die alten An- 
schauungen nachwirkten. Da fuhr B. mit mächtiger Hand dazwischen, die 
Mission wieder auf ihr ursprüngliches Ziel einzustellen ,,den Massen das 
EvangeHum zu verkünden", d. h. Religion der Alleruntersten zu sein. Der 
Eisenbahnschaffner und spätere Kommandeur Dowdle war schon 1867 ein- 

180 



getreten. 1872—73 gewann man den schon oft erwähnten George Scott Raüton. 
Seine Eltern hatten sich als Missionäre in Westindien kennen gelernt, und 
sein Bruder, ein wesleyanischer Geistl^her, hätte gerne einen Theologen 
aus ihm gemacht, aber davon wollte der junge Student mit seiner Feuerseele 
nichts wissen. Als kleiner Knabe hatte er gesehen, wie seine Mutter die Be- 
züge von den Betten streifte und an die Armen verschenkte und mit ähn- 
licher Bewunderung wie seiner Mutter kam er auch dem General entgegen, 
dessen Schrift „Wie erreicht man die Massen mit dem Evangelium?" (1870 
herausgegeben) er sich verschaffte. So hat die Schrift, die in 5000 Stück ge- 
druckt and mit Mühe abgesetzt wurde, ohne mehr als die Druckkosten 
herauszubringen, wenigstens nach dieser Seite hin einen großen Erfolg ge- 
habt, denn Railton ist ein typischer Altsalutist, der schon vor seinem Ein- 
tritt spanisch gelernt und in Marokko kurze Zeit auf eigene Faust zu missio- 
nieren gesucht hatte. Man kann ihn ebenso wie Booth-Tucker als eine Art 
General in kleinen bezeichnen. Die beiden gleichen W. Booth, um den Aus- 
di'uck zu wiederholen, wie eben sanguinische Temperamente einem chole- 
rischen gleichen können ; doch ist die Ähnlichkeit bei Railton mehr von Natur 
gegeben, bei Tucker beruht sie mehr auf Bewundeiung und Nachahmung. 
Die weiteren Jahre bis 1877 bieten nichts Besonderes mehr. Alles ging still 
seinen Gang. Wie die alten Jahresberichte beweisen, trat die soziale Seite in 
demselben Maße in den Vordergrund, als die künftige H. und ihre Mittel 
wuchsen. Daneben laufen allerlei Versuche, nach methodistischem Vorbilde 
eine Organisation zu schaffen. Wir haben gesehen, wie diese scheiterten und 
so zu einer die Urgedanken Wesleys wieder aufgreifenden, in der Kirchen- 
geschichte einzig dastehenden Lösung führten. Auch an Bestrebungen z. B. 
der Kongregationalisten, Episkopalisten (und später, wie schon erwähnt, der 
Hochkirche), welche die Bewegung in sich aufnehmen wollten, hat es nicht 
gefehlt. Aber die kleine Schar ging unbekümmert um solche Lockungen oder 
um Spott und Verfolgung, an denen es noch weniger fehlte, ihren eigenen 
Weg, und so reifte die Bewegung innerlich und wuchs äußerlich, daß sie 1878 
unter dem Namen ,, Heilsarmee" vor die Welt treten konnte und heute so 
bedeutend ist, daß sich geschichthch und kulturell ihr Wert noch gar nicht 
nach seiner ganzen Größe ermessen läßt. 

Das glänzende J ahrzehnt der Ausbreitung hat Frau Booth, die letzte Zeit frei- 
lich durch Brustkrebs ans Bett gefesselt, noch ganz erlebt. Sie starb am 
4. Oktober i8go, und mit ihrem Tode schließt auch der innere Entwicklungs- 
gang der H. ab. — Diese Tatsache beweist besser als alles andere, was sie der 
H. gewesen ist. Im November darauf wurde das ,,Darkest-England-Scheme" 

181 



veröffentlicht. Sie war es, wie der jetzige General mir noch besonders ver- 
sicherte, die zuerst und nachdrücklich auf die Sozialarbeit hingewiesen hat. 
Kein Gedanke ist in dem Buche, der nicht von ihr durchdacht, kein Satz, 
der nicht mit ihr besprochen worden ist. Liebe ist des Weibes Beruf. Lieben 
und Leben war aber Frau Booth ein und dasselbe. So war sie geboren und 
vorher bestimmt, die Mutter einer Bewegung zu werden, die einzig dasteht 
durch ihre caritative Tätigkeit. Auf dem Altruismus beruht die Größe der 
Heilsarmee, und darauf gründet sich auch die Größe der ,,H.-Mutter" ; das ist 
der Name, unter welchem sie bei den Salutisten fortlebt. Auf dem Sterbe- 
bette hat sie noch die Korrekturen für das Dunkelste England gelesen. Die- 
ses Buch ist folglich in gewisser Weise ihr Vermächtnis. Dem religiössozialen 
Charakter der Armee gehörten die letzten Gedanken und Sorgen ihrer Mut- 
ter; ihm gehört auch die Zukunft. 

Aber nicht nur dem Wesen des Salutismus, auch allen anderen Seiten der 
Bewegung hat sie den Stempel ihrer Person aufgedrückt. Vor allem hat sie 
der Frau in der Armee jenen Platz erkämpft, den sie heute einnimmt; sie 
machte die Heilssoldaten zur Kerntruppe im Kampfe gegen den Alkoholis- 
mus; sie nahm die Mädchen der Schande unter ihren Schutz undeiferte gegen 
die übertünchte Herrenmoral Europas, welche von gefallenen Frauen, aber 
nicht von gefallenen Männern spricht. Klug im Berechnen, scharf im Beob- 
achten, tief im Erfassen, entschlossen und fest im Handeln bis zum (freilich 
immer noch ritterlich und sjnnpathisch bleibenden) Draufgängertum, gren- 
zenlos endlich in ihrer Hingabe, dabei wohlerzogen und gebildet; fromm bis 
in die innerste Seele, von der Natur geadelt sowohl durch eine echt weibliche 
Erscheinung wie durch angeborene Vornehmheit, ist sie zu allen Zeiten und 
auf allen Punkten des Vorgehens von unschätzbarem Einfluß gewesen. Sie 
wußte die Gebildeten für den neuentdeckten Religionsbegriff und seine prak- 
tischen Folgerungen zu interessieren; vor ihren gehaltvollen Darlegungen 
mußten die Kritiker verstummen. Das schreckliche Elend und die ungeheure 
geistliche Verwahrlosung, das reinste und inbrünstigste Erbarmen trieben 
sie, Schüchternheit, Kränklichkeit und sogar ihre Ehre zu vergessen ; denn 
die große Menge weiß nichts von den Tränen der Überwindung, welche ihr 
so manches Auftreten kostete und das ihr trotzdem den Ruf einer Emanzi- 
pierten eintrug. Freilich an ihrem Grabe legten selbst ihre Feinde den Lor- 
beer der Anerkennung und Hochachtung nieder und seit 20 Jahren umleuch- 
tet sie, immer strahlender, der Nimbus der Heiligkeit. 

Die Charakteristik von Frau Booth ist in allen wesentlichen Punkten zu- 
gleich auch die des Generals; denn ,,was du liebst, das wirst du sein". Und 
W. B. hat seine Frau unsagbar geliebt. Seit ihrem Tode sprach er nicht mehr 

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von seinem Heim, sondern nur noch von einem Hause, in welchem er und 
seine Sachen untergebracht wären. In der Liebe zu ihr aber wurzelt sein, 
fester Glaube an sie. Wie der alte Cato mit seinem ceterum censeo Cariha- 
ginem esse delendam so endigte er gerne Beratungen und Beschlußfassungen 
mit den Worten: „Nun wollen wir es noch Mama sagen." Aus diesem Glau- 
ben wiederum kam seine Unterordnung unter ihre Einsicht. Montesquieu 
würde ihm nur die Puissance executive, seiner Gattin die Puissance legislative 
zusprechen. Er schuf mehr das äußere Gebilde ; sie hauchte dem Gebilde die 
Seele ein, und Booth selber nennt sie die ,, gestaltende und treibende Kraft 
in der Geschichte der H." (146, VHI). 

Doch wenden wir uns dem „alten General" selber zu, dessen stattliche Er- 
scheinung wohl allen Lesern wenigstens dem Bilde nach bekannt ist ! In 
seinen Jugendbildnissen wirkt die Adlernase vielleicht etwas störend; in sei- 
nen Mannes] ahren, als er den langen, dunklen Bart trug, und besonders später, 
als sein Haar weiß geworden, gab eben sie dem Gesichte etwas ganz Eigen- 
tümliches und Prophetenhaftes. Raphael hätte so ähnlich wohl den Moses von 
Michelangelo dargestellt, etwas weniger übermenschlich und mehr überirdisch. 
Eine gewisse von der Mutter ererbte Zartheit lag über der hohen, unvergeß- 
lichen Gestalt. Die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, die klaren und 
ruhigen Augen auf die Versammlung gerichtet, Kopf und Oberkörper etwas 
nach vorne geneigt, so begann er seine Reden. Mit einigen Sätzen war er 
stets bei seinem Gegenstande angelangt. Beispiele, humorvolle Wendungen*, 
tiefernste Fragen und Schlagwörter folgten einander, begleitet von wenigen, 
aber großen und sehr bestimmten Gesten und vorgetragen mit stets wech- 
selnder Stimmlage. Der Ton war nicht besonders voll und wenigstens die 
letzten Jahre etwas rauh. In fremden Ländern ließ er sich Satz für Satz über- 
setzen, was den Eindruck eher noch erhöhte als abschwächte. Auch die Hand- 
schrift verrät seine ausgeprägte Eigenart. Ein einziger Brief von ihm, nach 
seiner Weise mit stumpfer Feder und mit seinen von links nach rechts etwas 
liegenden, sauberen, klaren und verbundenen Buchstaben geschrieben, Wort 
für Wort fest und deutlich hingesetzt, würde genügen, nach einem Jahr- 
tausend noch seinen ganzen Charakter zu rekonstruieren. 

Mill teilt mit Carlyle die Definition des ,, großen Menschen". Es ist der 

* z. B. einer Frau telegraphierte er: Wir haben Ihren Mann (einen hoffnungslosen 
Landstreicher) gefunden. Sofort kam die Rückantwort: Sie können ihn behalten. — 
Eine 60 mal vorbestrafte ,,Dame" wird morgens wach und sieht sich sauber gewaschen 
in einem Bette bei der H. Laßt mich hinaus, schreit sie entsetzt, oder ich verliere meinen 
guten Ruf. — Ein Offizier meinte beim General, er hätte an seiner Stelle das schmutzige 
Geld eines gewissen Gebers nicht angenommen. Wenn es schmutzig ist, antwortete die- 
ser, so will ich es mit den Tränen dei: Witwen und Waisen waschen. 

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Mensch, in dem sich die Gattung in besonderer Kraft verkörpert. Er ist nicht 
aus anderem Holz als die anderen, er repräsentiert in seiner Person nur alle 
der Gattung gegebenen Möglichkeiten in größerer Mannigfaltigkeit, und indem 
er so die Anlagen, auf denen die Fortentwicklung der Gattung beruht, in der 
Einheit seiner Person zusammenfaßt, ist es ihm gegeben, Wegweiser zu sein. 
Um ihres sozialen Wertes willen hat die Gesellschaft der starken Individualität 
das Gedeihen zu sichern. — Man darf ruhig behaupten, daß keine Nation mehr 
Dankbarkeitsgefühl gegen ihre Helden, ja gegen einen jeden besitzt, welcher 
der Allgemeinheit dient, als die enghsche. Im Bannkreis der angelsächsischen 
Zunge lohnt es sich, gemeinnützig zu sein. Nirgendwo ist es für eine starke 
Persönlichkeit leichter, für ihre Kraft mehr Spielraum zu finden. Was bei 
den Deutschen den Neid entfacht, das ruft dort nur den Ehrgeiz hervor. 

Booth war ein echter Engländer und — manchen wird das schon in diesem 
Begriff enthalten sein — ein echter Christ. EngHsch ist sein unbeugsamer 
Wille. ,, Vorwärts", das war ein Lieblingswort von ihm und die große Losung 
seines Lebens. Seine größeren Reisen allein ergeben aneinandergelegt 
640 000 km ; rechnet man die kleinen ein, so gibt das eine Strecke von der 
Erde zum Monde und wieder zurück. Sie sagen, daß ich alt werde, rief er noch 
1910 aus; aber ich fühle mich mit jedem Tage jünger. Noch immer, fügte er 
scherzend hinzu, kann ich meinen Sekretär zum Fenster hinauswerfen, wenn 
er nicht schnell genug stenographiert. Unverwüstlich wie diese Arbeits- ist 
seine Lebenslust. So froh wie nur einer hat er alle Fragen des Lebens bejaht, 
und wer sein Leben kennt, muß ihn zu den größten Optimisten aller Zeiten 
rechnen. In dieser Eigenschaft liegt ein gut Stück seines Erfolges; denn ,,wer 
eines großen Gedankens fähig, dem gehört die Zukunft" [Lacordaire). Stets 
war ihm frisch gewagt, schon hsJb gewonnen. Während andere überlegten, 
rechneten und ratschlagten, , .zeichnete er mit Taten die schwindelnden Gleise 
unserer flüchtig entrollenden Zeit" {Salis Sewis) und ließ es nicht selten mit 
kühnem Wagemut auf den Augenblick ankommen; „den mächtigsten von 
allen Herrschern" {Schiller), der fast immer zu seinen Gunsten entschied. Je 
älter er und je hinfälliger sein Körper ward, um so deutlicher prägten sich 
diese Eigenschaften aus. Es entsprach also der -Wahrheit, wenn er sich mit 
jedem Tag jünger fühlte. Echt englisch ist auch sein hervorragend kauf- 
männisches Talent. Mit Reklame, Kalkulation, Wirklichkeitssinn und Tat- 
kraft suchte er das Christentum den modernen Verhältnissen anzupassen und 
verstand sich besonders auf Sensation. Bei seiner Reise nach Australien, auf 
dem Wege von Marseille nach Port Said, hielt er einmal auf dem Dampfer 
einen Sonntagsgottesdienst. Als das Schiff während seiner Rede anfing, heftig 
zu schwanken, wollte Kom. Nicol, sein Begleiter, ihn stützen. Er aber schob 

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ihn beiseite und flüsterte ihm zu: „Sorget nicht um mich! Wenn ich falle, 
wird es um so interessanter". 

Booth aber war vor allem ein echter Christ, würdig den Namen dessen zu 
tragen, der am Kreuze für seine Brüder starb. ,, Liebe allein", schreibt Carlyle 
an Goethe, ,, führt zu vollkommener Erkenntnis. Daher sind in Wissenschaft 
und Leben diejenigen die Großen und die Führer, welche am meisten von 
altruistischen Grundlagen ausgehen." — Er war, so rühmte sein Sohn in der 
Grabrede von ihm, ,,ein Napoleon in dem H. -Kriege der Liebe; aber ein 
Napoleon ohne Napoleons große Fehler: die Selbstsucht. Er wußte über- 
haupt nicht, was Selbstsucht war." ,, Unser Ziel", sagte seine Gattin einmal 
in einer öffentlichen Ansprache, ,,ist die Erleuchtung, Errettung und Ver- 
edelung des Volkes. Dafür haben wir alles geopfert. Wir haben von der Auf- 
richtigkeit unserer Gesinnung den besten Beweis geliefert, indem wir unser 
ganzes Leben diesem Zwecke dienstbar gemacht haben . . . Nie sind Inter- 
essenmotive oder Bequemlichkeit oder Vergrößerungsgelüste oder Popu- 
laritätshascherei unsere Triebfeder gewesen" (23, 40), und er selber beteuert 
als hochbetagter Greis: ,,Vor 65 Jahren erwählte ich die Errettung der Men- 
schen als höchsten Lebenszweck, und von der Stunde meiner ersten Gebets- 
versammlung in dem kleinen Häuschen einer Familie meiner Heimatstadt 
hat dies mein Leben regiert" (Brief vom 80. Geburtstag). ,,So kennen wir 
General Booth als einen der eifrigsten, treuesten, selbstlosesten und uner- 
schütterlichsten Wohltäter der Menschheit" (/ Bucher), und ,,es wird in 
unserer modernen Geschichte das große Verdienst der H. und besonders ihres 
ersten Leiters und seiner tapferen Lebensgefährtin bleiben, dieser Überzeu- 
gung, daß der Welt nur durch Liebe geholfen werden kann, zuerst wieder 
Platz und Geltung in Tausenden von Herzen geschaffen zu haben gegenüber 
einer allgemein verbreiteten, materialistischen Weltanschauung" (C. Hilty). 
,, General Booth hat mehr praktische Guttaten vollbracht als alle gesetz- 
gebenden Körperschaften zusammen" {Lloyd George). 

Aber all dies entsprang religiösen Gründen. Die Bekehrung der Menschheit, 
das war sein einziges Ziel ; jedem sollte Christus zum inneren Erlebnis werden. 
So sprach er mit jedem, ob hoch oder niedrig, über seine Seele, mit dem Hotel- 
jungen im Lift und mit der Gräfin im Expreß. Ich muß nun aussteigen, sagte 
die letztere zu ihm. ,,Wie viel Minuten haben Sie noch?" fragte er. In nicht 
ganz 5 Minuten wird der Zug einlaufen. ,,Gut, knien wir miteinander nieder 
und beten wir für Ihre Seele." So wurden Gräfin und Liftjunge und 10 000 
andere durch ihn zur religiösen Umwandlung geführt, und seine eigene Person 
vergaß er über dieser Arbeit. ,,In meinen ersten Amtsjahren/' soll er einmal 
gesagt haben, „war ich ein schwächlicher Geisthcher, und mein Arzt erklärte, 

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ich müsse mir ein Dorf aussuchen, wo ich außer predigen nur noch Lachse 
angeln und Rebhühner schießen könne. Gott hat mir in unseren Großstädten 
eine solche Pfarrei gegeben. Ich habe ihm manchen schweren Lachs gefangen, 
und wenn ich mich auch nicht rühmen kann, den Teufel ins Herz geschossen 
zu haben, so habe ich ihn doch wenigstens am Schwänze recht oft empfind- 
lich getroffen." 

Einäugig wie einst Hannibal gegen die Römer, so zog er die letzten Jahre 
durch die Welt, weiter den unerbittlichen Krieg gegen alles weltförmige 
Namen- und Formelchristentum, alle Halb- und Hohlheit führend und in die 
Abgründe menschlichen Elends den frohen Ruf hineinrufend: ,,Sein Blut, 
es macht die Schlimmsten rein." Schnelldampfer und Expreßzug, Telephon 
und Telegraph, Stenographie und Schreibmaschine; alles mußte diesem 
Zwecke dienen, und so jagte er, länderdurstiger als Alexander, durch die 
Welt, mit der bis zum Wahnsinn gesteigerten Sehnsucht, Seelen für Gott und 
für ein frohes und friedliches, reines und heiliges, neues Leben zu gewinnen — 
,,ein Narr um Christi willen" (i. Kor. 4, 10). 

Arm und einfach, wie er gelebt, so ist er gestorben. Sein Privat vermögen, 
bewegliches und unbewegliches, betrug alles in allem 9759 Mark und fiel an 
die H., ausgenommen einige Andenken, die er für seine Kinder, besonders 
für Bramwell, bestimmte. Das auf etwa 105 000 Mark geschätzte Vermögen 
des Herrn Reed, von dessen Zinsen er seit Begründung der H. gelebt und noch 
zurückgelegt hatte, teilte er gemäß seiner Vollmacht unter seine Kinder. Reed 
hatte es ihm dadurch möglich gemacht, ohne einen Pfennig aus den Kassen der 
H. auszukommen. Der beträchtliche Verdienst, den seine Schriften abwarfen, 
,,Darkest England" aUein an 120000 Mark, floß ganz und sofort der Armee zu. 

Über die Ehrungen, mit welchen er überhäuft wurde, ist schon berichtet. 
Noch zu seinen Lebzeiten konnte man den Boothschen Charakterkopf am 
Victoriadenkmal zu Lancaster in einem Relief sehen. Eine leitende japani- 
sche Zeitung, die Shin Koran, brachte in ihrer Neujahrsnummer 1910 die 
Porträts von fünf neuzeitlichen Helden, nämlich das vom deutschen Kaiser, 
vom Expräsidenten Roosevelt, vom Grafen Tolstoi, vom Grafen Okuma und 
vom General — W. Booth, und in einem Preisausschreiben der Leisure Hour 
vom selben Jahre, wer der größte lebende Engländer sei, wurde jenem Ein- 
sender der erste Preis zugesprochen, der den Namen von General Booth an- 
gab und das damit begründete, daß alle Welt ihn liebe, während man die 
Könige und Staatsmänner nur schätze und ihnen BeifaU zolle. ,,Bis in die 
weite Zukunft hinaus wird man in der ganzen sozialen Gesetzgebung un- 
verkennbare Spuren des Einflusses seiner großen Leidenschaft für das Wohl- 
ergehen der Menschheit finden" (W. J, Stead). 

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III. HAUPTSTUCK 

SOZIALKULTURELLE BETRACHTUNG DES 
BOOTH'SCHEN LEBENSWERKES 

Die Armee ist nicht nach einem Plane gemacht. Sie ist eine Evolution. 

W. Bootk, 57, 103. 

Brot und Spiele, so schallte einst in steter Wiederholung drohend und ge- 
bieterisch der Schrei des römischen Pöbels, und seitdem ist dieser Schrei 
nicht mehr verklungen. Der Volkshaufen muß etwas haben, für das er sich 
begeistert oder gegen das er wütet. Sensation kommt da gleich nach Brot und 
ist ebenso wie Brot Lebensbedürfnis. Doch nicht nur der Volkshaufen. Waren 
nicht vornehme römische Damen die ersten, welche mit zu Boden weisendem 
Daumen das blutige Ende von so manchem tapferen Gladiator oder be- 
kenntnistreuen Christen besiegelten? Die Arena ist jetzt durch Zeitung und 
Telegraph zur Welt erweitert, und das Todesurteil \vird jetzt in den Salons 
gesprochen, nicht mit stummen Gebärden, sondern mit gespaltener Zunge. 
Solange der Salutismus besteht, ist er für diese Klasse Volk ein Zugstück 
ersten Ranges gewesen, und in dem wunderlichsten Aufputz hat er vor die 
schaulüsternen Augen gemußt. Die Herren Schriftsteller (oder auch Über- 
brettl-Komponisten wie F. Wedekind mit seiner Ballade ,,Die H."), die ihn 
dazu zwangen, mögen es, im Grunde genommen, dabei nicht einmal übel ge- 
meint haben. Aber das Ende war doch schließlich immer dasselbe, bis in die 
neueste Zeit hinein: dem einen erschien der Salutismus als Torheit, dem an- 
deren als Greuel. Als Fakir und tollen Hysteriker, der in religiös-wahn- 
sinniger Verzückung schwelgt, zeigte man ihn unseren Bhcken ; als hageren, 
mittelalterhchen Asketen und finsteren Bußprediger, der das blöde Volk mit 
seinem Gepolter von Tod und Hölle schreckt ; als Bastard zwischen Schran- 
zen- und Gewaltsmenschentum voll byzantinischer Kriecherei und neroni- 
scher W'llkür; als kindischen Alten, der Soldaten spielt und mit seinen hirn- 
verbrannten Ideen zu allerlei Unruhen und Lärm Anlaß gibt, so daß die 
PoHzei einschreiten muß; als langweiligen Komödianten und Hanswurst, als 
gerissenen BeuteLchneider und Bauernfänger; als modernen Warenhaus- 
juden, dessen massenpsychologische Frivolität nicht einmal vor dem Miß- 
brauch des Heiligen und Religiösen zurückschreckt; als Großschwindler, 
welcher den Parias der menschlichen Gesellschaft das letzte Blut aus den 
Adern saugt, während er sich diese humane Tätigkeit von anderen bezahlen 
und als soziales Wunder bestaunen läßt; ja, wenn auch nicht ganz klar, so 
doch liinlänglich erkennbar, durften wir General W. Booth mit einem Crom- 

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wellgesicht und einer Jakobinermütze an dem Fallbeilgerüste stehen sehen, 
Kaiser- und Königskronen und Leichen um ihn her am Boden. 

Stellen wir also auch unsererseits die Frage, was ist eigentlich das Wesen 
desSalutismiis?, undbgachten wir dabei Goethes Mahnung, daß man nicht 
in die Ferne schweifen, sondern das Gute in der Nähe suchen soll. Das Nächste 
ist aber doch, daß man die Salutisten selber befragt und dann ilire Aussagen 
an der Wirklichkeit nachprüft. Besonderer Wert muß dabei den Angaben 
des Gründers zugestanden werden, der von sich selber bei der letzten Geburts- 
tagsfeier sagte, daß er mit der H. ,,closely identified" = vollständig iden- 
tisch sei. Was er glaubte, hoffte und liebte, glaubt, hofft und liebt die H., 
was er war, ist sie. Er aber hat stets mit dem größten Nachdruck den reli- 
giösen Charakter seines Werkes betont. ,,Die H. ist eine religiöse Körper- 
schaft" (1906, 6, 4). ,,Ich mag nicht unter falscher Flagge segeln; I am nothing 
if not religious = ich bin nichts, wenn nicht religiös (144, VII). Das ist das 
Ziel der H., alle Menschen dem Willen Gottes zu unterwerfen" (118, 58). 
Aber ebenso scharf wie der religiöse wird der soziale Charakter der Armee 
hervorgehoben. W. Booth spricht von ihr einfach als ,, unserer großen Orga- 
nisation der Barmherzigkeit" (Brief vom 80. Geburtstag), und anderswo be- 
tonte er, ,,wir sind schlichte Arbeiter der Humanität, glaubend, daß Gott 
uns zum Werke berufen und unserem hl. Dienst seine Billigung und seinen 
Segen gegeben hat" (179, 17). „Die H.," heißt es offiziell, ,, entstand aus dem 
Verlangen, den Armen sowohl für dieses Leben als das zukünftige ein Segen zu 
sein, und es war von Anfang an so" (loi, 97). ,.Der trunk- und händelsüchtige, 
fluchende Pöbel . . ., das ist das Arbeitsfeld der H. und diese Klasse sittlich zu 
heben, ihr Ehrgeiz" (iii, 39). Solcher Beispiele ließen sich Tausend-; anein- 
anderreihen. Fast alle mir bekannten offiziellen Begriffsbestimmungen stellen 
ausdrücklich sowohl den religiösen als den sozialen Charakter der H. fest. 
So wäre also der Salutismus ein Doppelwesen? Weit gefehlt! ,,Wie Leib 
und Seele einen Menschen, so bilden Religiöses und Soziales die eine Heils- 
armee" (114, 576). Es gibt in der H. keine religiöse und keine soziale, sondern 
eine nur religiössoziale Tätigkeit, denn die religiöse ist sozial, und die soziale ist 
religiös. Und der Grund lür dieses Veihältnis? Wir haben ihn in den Lehr- 
anschauungen der H. kennen gelernt. Er liegt in der altruistischen Fassung 
des Religionsbegriffes: ,,Wahre Religion ist Barmherzigkeit, das Wesen der 
wahren Religion ist {Nächsien-) Liebe' \ so der erste General der H. (vergl. 
oben Seite 34— 35) ; ,,das Sozialwerk ist unser ureigenstes Werk, weil es 
dasjenige (Christi,) unseres Meisters war und ist. Unsere Aufgabe ist, allen 
Menschen Gutes zu tun", so der zweite (16, 67, vgl. auch 144, 88 ff.). 

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Prüfen wir nun diese Zeugnisse für den religiössozialen Charakter der H. 
an der Wirklichkeit; wenn das nicht Wasser in den Rhein tragen heißt; 
denn wer kennte die H. nicht als „Mädchen für alles" auf religiössozialem 
Gebiete! (das Wort ,, religiössozial" im weitesten Sinne genommen)! Sie wird 
für alles Denkbare herangezogen : 

Eine adlige Dame kommt und bittet, daß ein H. -Offizier die lo Tage wäh- 
rend ihrer Abwesenheit im Hause wohnen und ihren Sohn beaufsichtigen 
möge. — Was sollen wir mit diesem Manne anfangen ? klagt ein Beamter, der 
mit einem Taugenichts keinen Rat mehr weiß. Versuchen Sie es mit der H., 
antwortet ein Polizist. Nach einigen Wochen ist der Kerl umgewandelt. — 
Eine Mutter grämt sich, ob ihr ausgewanderter Sohn noch am Leben sei. 
Einen Monat darauf hat sie einen Brief von ihm in Händen. Er hatte in Alaska 
im Kriegsruf von ihrem Kummer gelesen. — Es bricht in der Stadt Feuer 
aus. Die Wache allein ist zu schwach. Telephonieren Sie zur H., sagt der 
Bürgermeister. — Ich möchte so gern aus den Klauen des Alkohols und wie- 
der ein ordentlicher Mensch werden, schreibt ein Geschäftsmann. Ein Offi- 
zier erscheint. Sie werden Freunde, und nach einem Monat lacht er, daß 
es Leute gibt, die behaupten, von der Trunksucht nicht loskommen zu kön- 
nen. Schon der Geruch eines Bierlokals ekelt ihn an. — Haben Sie nicht 
einen Offizier, der mir eine Viertelstunde zur Verfügung stehen könnte, fragt 
ein Herr in Frack und Zylinder am H.-Q. Ich bin auf dem Standesamt, aber 
die Trauzeugen bleiben aus. — Was sollen wir nun mit dem Mädchen machen ? 
fragte ein Herr, der das arme schwangere Geschöpf soeben aus dem Fluß ge- 
zogen hatte. Ein Bekannter von mir erinnerte sich der H., und eine halbe 
Stunde darauf lag sie im warmen Bett, den Arzt an ihrer Seite, und für Mutter 
und Kind war gesorgt. 

Gerade diese allseitige vertrauensvolle Inanspruchnahme (vgl. auch 15, 
88) hat die H. zu immer neuen Erfindungen angeregt und dadurch zur viel- 
seitigsten und durch ihre Vielseitigkeit großartigsten rehgiössozialen Orga- 
nisation gemacht, welche die Welt gesehen. Eine Aufzählung ihrer Einrich- 
tungen möge das beweisen. 

' /. Für die kirchlosen Massen: i. Draußenversammlimgen und Aufzüge. 
2. Hausbesuche. 3. Versammlungen in Theatern, Zirkusgebäuden usw. 4.Hof- 
und Wirtschaftsmission. 5. Erweckungsfeldzüge. 6. Lichtbildervorträge. 

II. Für die Heiden: 7. Evangelisation. 8. Erziehung und Untefricht. 
9. Unternehmungen sozialer Art. 

///. Für Notleidende: 10. Freifrühstück für Kinder. 11. Mitternachtsbri- 
gaden für Suppen- und Brotverteilung an Obdachlose. 12. Suppenküchen. 13. 
Brockensammlungen. 14. Milchverteilung an Mütter und Kinder. 

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IV. Füy Unbeschäftigte: 15. Arbeitsvermittlungsämter. 16. Holzhöfe und 
Papierauslesereien. 17. Brigaden für Brockensammlung. 18. Schreinereien 
und Schustereien. 

V. Für Obdachlose: 19. Nachtoffiziere. 20. Schlafstätten, Herbergen, Ar- 
menhotels. 

VI. Für Arme: 21. Besuch von Arbeitshäusern. 22. Armenpflegeramt. 23. 
Kolonien, Farmen und Pachtgüter. 24. Auswanderung und Ansiedlung. 25. 
Slumposten. 26. Brigaden für die erste Hilfe. 27. Armenschwestem. 28. Der 
, , Allerärmstenf onds" . 

VII. Für Kranke: 29. Besuche. 30. Spitäler. 31. Apotheken. 32. Arznei- 
niederlagen. 33. Kolonien für Aussätzige. 34. Taubstummenfürsorge. 35. Heb- 
ammenposten. 36. Wöchnerinnenheime. 

VIII. Für Sträflinge: 37. Gefängnisbesuche. 38. Assistenz bei Jugend- 
gerichtshöfen. 39. Das Werk an den Gefängnistoren. 40. Fürsorgeerziehung. 
41. Beratungsstelle. 42. Häftlingsheime. 

IX. Für Vermißte: 43. Nachforschungsämter. 

X. Für Lehensmüde: 44. Beratungsstellen. 45. Darlehen. 

XI. Für die Trunksüchtigen: 46. Trinkerberatungsstellen. 47. Trinkerret- 
tungsbrigaden. 48. Trinkei-heime. 

XII. FürGefallene undGefährdete: 49. Straßen-, Bordell-, Animierkneipen- 
mission. 50. Tee und Versammlung um Mitternacht. 51. Zufluchtsstätten. 52. 
Magdalenenheime. 53. Näherinnen und Wäscherinnen. 54. ,, Der Aus-Liebe- 
Fonds." 55. Dienstmädchenbrigaden. 56. Die Schäferbrigaden. 57. Mütter- 
heime. 58. Detektivstelle zur gesetzlichen Heranziehung der Väter unehe- 
licher Kinder. 59. Verteilung von Sondernummern des Kriegsrufes an Dirnen. 

XIII. Für Kinder und junge Leute: 60. Tag-, Abend- und Sonntagsschulen. 
61. Pensionen und Waisenhäuser. 62. Ferienzeltlager, Ausflüge und Wande- 
rungen. 64. Erziehungshäuser für schwierige Charaktere. 65. Die Antitabak- 
liga. 66. Der Liebesbund. 67. Die Jungvolkhga. 68. Die Jungvolkbücherei. 
69. Korpskadettenbrigade. 70, Die Heimliga alleinstehender Mädchen. 71. 
Dienstbotenheime. 72. Dienstbotenstellenvermittlung. 73. EinHeim fürweib- 
liche Theaterangestellte. 74. Studentenheime. 

XIV. Für Militär, Matrosen und Hochseefischer: 75 . Militär- und Seemanns- 
heime. 76. Hafenmission. 77. Missionsboote. 78. Rettungsboote. 

Diese Aufzählung ist freilich in keiner Weise vollständig. Sie kann es nicht 
sein, da man sonst eine , .Myriade Aktivitäten" (156, 3) aufzählen müßte. 
Immerhin gibt sie einen Überblick über die ganze, nicht der Selbsterhaltung 
und Selbstverwaltung dienende Tätigkeit der H. und genügt wohl, ihren 
religiössozialen Charakter über allen Zweifel zu erheben. Ich selber habe 

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Verbrecher voraiittags an der Bußbank gesehen; nachmittags waren sie 
schon in einem Arbeitsheime. Dirnen sah ich nachts ihren Lebenswandel ab- 
schwören und fand sie morgens schon in geordneter Tätigkeit. Wo ich das 
schreibe, mag der Verbrecher in Hadleigh den Ackerbau erlernen, die Dirne 
als Dienstmädchen ihren Unterhalt erwerben, und wenn ich im nächsten Jahr 
nach Kanada käme, träfe ich das Paar vielleicht verheiratet in einem Block- 
haus, inmitten wohlbestellter, blühender Felder, und so glücklich und froh, 
wie die zwitschernden Vögel im nahen Busch. 

Gehen wir nun den Spuren nach, auf welchen der Salutismus zu seinem 
altruistischen Rehgionsbegriffe kam und dadurch zu einer wesenthch religiös- 
sozialen Bewegung wurde, so treffen wir zunächst auf theoretische Erwägun- 
gen. „Kein Plan einer sozialen Rettung ist einer Besprechung wert," sagt 
der Gründer, ,,der nicht in demselben Maße wie der Plan einer ewigen Ret- 
tung auf dem Evangelium aufgebaut ist" (27, 35). ,, Meine einzige Hoffnung 
auf dauernde Befreiung der Menschheit vom Elend in dieser Welt wie in der 
anderen ist die Wiedergeburt des einzelnen in der Kraft des hl. Geistes durch 
Jesus Christus" (27, Vorrede). ,, Meine Erfahrung, die von meinen Offizieren 
aus aller Herren Länder bestätigt wird, leitet mich zu dem Glauben, daß es 
keine Möglichkeit gibt, den Menschen so unfehlbar und sicher anzuziehen, 
zu halten, einzunehmen und umzuformen als durch das Evangelium unseres 
Heils" (199, VI). ,, Keine Reformation ohne Regeneration und keine Regene- 
ration ohne Kooperation von Gott und Mensch" (144, VHI). „Wir wissen", 
schreibt MacAlonan, „sehr wohl, daß man auch mit anderen Mitteln an der 
Reformation des Menschengeschlechts zu arbeiten versucht; wir dürfen 
aber diese nicht gebrauchen, weil unsere Erfahrung uns gezeigt hat, daß die 
Besserung der irdischen Verhältnisse an sich nicht imstande ist, einem Men- 
schen dauernd und gründlich zu helfen" (155, 5). 

Alle diese Aussprüche bekunden die tiefwurzelnde Überzeugung von der 
Notwendigkeit des Religiösen für eine ersprießliche soziale Tätigkeit, die 
übrigens bedeutende Nationalökonomen, wie z. B. Röscher teilen (vgl. 214). 
Auf der anderen Seite drängt sich aber auch täghch die Wahrnehmung auf, 
welch ungeheure Stütze die soziale für die religiöse Tätigkeit ist. Sie liefert 
ein gut Teil des Offiziernachwuchses, und zwar nicht den schlechtesten. Es 
ist ja auch leicht verständlich, daß ein Mann, der selber durch die Niede- 
rungen des Lebens gewandert und dem Glücke erst in gereiften Jahren be- 
gegnet ist, mit viel größerem Eifer und Verständnis an der Rettung anderer 
arbeiten wird als jemand, den Glück, Zufriedenheit und Tugend schon in 
der Wiege umarmten, und dem deshalb der rechte Maßstab fehlt, die ganze 
Bedeutung einer inneren Umwandlung zu erfassen. Ganz besonders v>drkt 

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dann auch die soziale Tätigkeit auf die Herbeiziehung von neuen Frauenoffi- 
zieren; denn es ist gerade das Caritative in der Religion, das bei der Frau den 
mütterlichen Instinkt wachruft und sie zu den höchsten Opfern befähigt. 
Die soziale Tätigkeit bringt aber auch zweitens die Freundschaft und Sjmi- 
pathie jener Kreise, deren Aufmerksamkeit und Wohlwollen von allergrößter 
Bedeutung ist, sei es wegen ihres Einflusses oder ihrer Geldunterstützungen. 
„Dem sozialen Zweige der H.", sagt Dr. Colze (58, 2), ,,wird auch der Vor- 
eingenommenste seine rückhaltlose Anerkennung nicht versagen", und wer 
das ohne Beweis nicht glauben will, der lasse sich vom Berliner H.-Q, die 
Aussprüche bekannter Persönlichkeiten über die H. kommen {— Nr. 160), 
und es werden ihm die Augen aufgetan werden. 

Das Religiöse und das Soziale sind also die zwei Pfeiler, auf denen das 
ganze H.-Gebäude ruht. Wankt und stürzt der eine, so wankt und stürzt 
notwendigerweise auch das Ganze. An der H. ist das Bibelwort in Erfüllung 
gegangen, wonach den Kleinen geoffenbart wird, was Gott den Großen ver- 
borgen hat. Diese einfältigen Salutisten haben längst erkannt, was JF. Nau- 
mann 1912 auf dem evang.-soz. Kongreß in Essen ausführte, daß nämlich 
die praktische Bewährung des Christentums im sozialen Leben für den Be- 
stand der Religion notwendig ist. Ist das wahr, so darf der Salutismus zu- 
versichtlicher als irgendeine Konfession oder Denomination den kommenden 
Tagen entgegensehen. Und es ist wahr; denn wo ein Feuer ist, steigt Rauch 
auf, und wo Leben ist, da ist Tätigkeit. An der selbstlosen Liebestätigkeit 
aber erkennt die Welt Christi Jünger; mit dogmatischen Beweisen allein 
wird man die große Masse auf die Dauer weder religiös erhalten noch zur 
Religion zurückführen können. 

Doch nicht nur der Tatbestand, auch der Weiterbau ist allein auf diesem 
Fundament für die H. möglich. Nehmen wir an, sie würde sich auf die rein 
geistliche Arbeit beschränken. Was dann? Sie würde bestenfalls zurück- 
sinken zu einer reinen Erweckungsbewegung innerhalb des Methodismus, wie 
alle solche Bewegungen schnell an Stoßkraft verlierend und — im Sande ver- 
laufend. Und im weniger günstigen Falle? Nun, dann hätten wir eben die 
Sekte und neuen Stoff für die Witzblätter. Ferner aber kann ein Volk aske- 
tische Elemente — und die H. ist ein solches, wie ihre Ethik beweist — nur 
bis zu einem gewissen Prozentsatze aufnehmen, ebenso wie der Acker nicht 
über ein gewisses Erträgnis hinaus gesteigert werden kann, soviel man auch 
düngen und säen mag. Wir werden im Schlußwort sehen, wie in gewissen 
Ländern dieser Zustand der Sättigung schon erreicht ist, wie z. B. sogar 
England jetzt noch etwas weniger Korps zählt als vor 20 Jahren. In katho- 
lischen Ländern aber ist die H. entweder noch gar nicht (Bayern, Österreich, 

192 



abgesehen von Gablonz in Böhmen, Spanien) oder aber sie hat keine nennens- 
werten Erfolge erzielt (Frankreich, Belgien, Westindien, Südamerika). Die 
Geschlossenheit des Katholizismus und die Geschichte des Methodismus in 
katholischen Ländern geben unbedingte Gewähr, daß die H. hier auch in 
Zukunft für die rein geistliche Arbeit nicht viel zu hoffen, der Katholizismus 
aber nicht viel, jedenfalls noch viel weniger als der Protestantismus, zu fürch- 
ten hat. Was also in katholischen Ländern überhaupt einen Fortschritt und 
in protestantischen einen weiteren Fortschritt bringen kann, das ist die 
vorwiegend soziale und nicht die vorwiegend religiöse, kurz die religiös- 
soziale Tätigkeit. Ob es Booth-Clihhorn und Maud Charlesworth, die persön- 
lich die größten Unbilden für die H. ertragen haben, nicht an dieser Er- 
kenntnis gemangelt hat ! Und wie stände es heute in Paris, wenn dort, wie in 
dem katholischen Köln, ein Offizier wie Rothstein gewirkt hätte; wie um 
Frankreich, wenn statt Clibborn ein Sturgess das Kommando gehabt, wie um 
hundert und aberhundert Städte, wenn in jeder ein Bohzin oder Bell tätig 
wäre! Kein Salutist wird ernstlich behaupten, daß dann weniger ,, Ewigkeits- 
arbeit" geschehen wäre und noch geschähe. Was der Welt fehlt, sind nicht 
Theologen, sondern Christen, Männer und Frauen, welche die Religion lieben 
und jenem Christus nacheifern, der , .Wohltaten spendend einherging" (act. 
ap. 10, 38) und auf die Frage des Johannes: bist du es, der da kommen soll? 
dessen Jüngern antwortete : Gehet hin und verkündigt dem Johannes, was 
ihr gesehen und gehört habt! Blinde sehen, Lahme gehen. Aussätzige werden 
rein. Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium verkündet (Luk. 7, 

20f.). 

Durch ihre religiössoziale Tätigkeit füllt die H. nicht nur eine Lücke, son- 
dern einen klaffenden Abgrund aus, der innerhalb der Konfessionen gähnt. 
,,Sie dringt in die Tiefen hinab, vor denen sich die korrekten Priester der 
modischen Denominationen mit Schaudern abwenden. Sie bietet die Stätte, 
wo den Elenden, Verstoßenen und Verkommenen doch wenigstens einmal 
das Wort treffen mag, das ihn über Elend und Schmutz seiner Umgebung 
hinaus auf das Dasein höherer Güter und sittlicher Möglichkeiten weist . . . 
Hier fühlen sich die Ärmsten ganz unter sich, nicht bedrückt durch die Über- 
legenheit des Priesters und die Pracht des Gotteshauses" {Polenz, Das Land 
der Zukunft, Berlin 1903, 341). In der zunehmenden Industrialisierung, 
Fluktuierung, Agglomerierung und Urbanisierung der Völker und in der 
Schwerfälligkeit, womit unsere großen, ehrwürdig alten, christlichen Kon- 
fessionen sich naturgemäß neuen Verhältnissen anpassen, darin liegt die 
Daseinsberechtigung, darin liegen aber auch die glänzenden Aussichten der 
H. ,,Kein Vernünftiger wird bestreiten," sagt z. B. der Jesuit Zimmermann 

13 Clasen , Der Salutismus ^93 



von den katholischen Priestern, ,,daß unsere Sendboten es nicht immer in 
demselben Grade verstehen, sich zu der niedrigeren Klasse herabzulassen 
und sie aus dem Schlamme der Trunksucht und Unzucht und dem Zustande 
der Verrohung herauszureißen wie die Salutisten, die sich ungestraft ganz 
drastischer Mittel bedienen können. Ist dem so, dann haben die katholischen 
Prälaten recht gehabt, welche in ihnen Bundesgenossen gegen den Alkohol 
gesehen und ihr Verdienst auf dem Gebiete der Caritas anerkannt haben" 
(241, 489). 

Damit sind wir unmerklich von theoretischen Erwägungen zu geschicht- 
lichen gekommen, und diese werden uns den letzten und tiefsten Grund 
für den reUgiössozialen Charakter der H. aufdecken. Bis jetzt nämlich ist noch 
weniger das Entstehen als vielmehr das Fortbestehen dieses Charakters er- 
klärt worden. Betrachtet man die H. entwicklungsgeschichtlich, so erscheint 
sie einerseits als ,,ein natürliches Erzeugiüs der sozialen Not unserer Zeit" 
(1909, 12, 10), und in dieser Hinsicht ist sie die höchste Welle in der carita- 
tiven Flut, zu welcher das stagnierende Christentum sich erhob — anderer- 
seits aber erscheint sie den Konfessionen gegenüber als ein ,, Schandmal", 
aufgerichtet zum bleibenden, traurigen Gedächtnisse, wie schwer diese ihre 
Aufgabe erkannt und zu lösen verstanden haben. Man wird dem Verfasser 
in theologischen Kreisen diesen Ausdruck verzeihen; denn er ist nicht auf 
seinem Boden gewachsen, stammt vielmehr von einem katholischen Geist- 
lichen und einem anglikanischen Bischof. Ähnliche Klagen erheben übrigens 
hundert andere, die über jeden Verdacht der untreuen Gesinnung erhaben 
sind, z. B. Kolde, Pestalozzi, Manning. Die Kirchen, welche sich dafür be- 
dankten, die von W. Booth geretteten Trinker und Dirnen aufzunehmen, 
haben die H. geschaffen, nicht W. B. Eine „Trinker-, Dirnen-, Faustkämpfer-, 
Eckensteher-, Verbrecher- und Armeleutsreligion" (W. B.57, 350), eine Reli- 
gion wie die H., welche das ,,Vieh von Trunkenbolden und Ausschweifenden 
moralisch grunzen lehrt", wie Nietzsche sich in der ihm eigenen Terminologie 
ausdrückt (Jenseits von Gut und Böse, Absatz 47), eine solche Religion muß 
notwendig wesentlich sozial sein, genau so wie das Christentum in seinen 
Anfängen, nämlich solange es die Religion von Unterdrückten und Sklaven 
war, in hervorragendem Sinne sozial gewesen ist. 

Dazu war in der Tat wenig Menschenkenntnis nötig, einzusehen, daß die 
Londoner Gelegenheits- und Hafenarbeiter, wenn sie tagelang gehungert, 
kein Interesse an ,,Salvation" hatten. Eine Schüssel dampfender Suppe und 
diese zuerst!, dann waren sie vielleicht auch für ,,Salvation" zu haben. Dies 
erst spricht für das tiefe, psychologische Verständnis des H. -Gründers, daß 
er nicht „Salvation and Soup", sondern ,,Soup and Salvation" zu seinem 

194 



Evangelium machte. „Seelen von der Hölle zu retten," so erklärt die H., 
„dafür begann der General seinen Feldzug; aber bald sahen beide, er wie 
seine Mitarbeiter, ein, daß manche Seele nur gerettet werden konnte, wenn 
man ihre zeitliche Notlage in Betracht zöge. Die weibhche Kapitänin mußte 
es als Hohn empfinden, ihre gefallenen Schwestern zu mahnen, daß sie rein 
sein müsse, wenn sie das arme Geschöpf nicht zugleich auch einladen konnte, 
rein zu werden, dadurch, daß sie ihre Umgebung verlasse und ein neues 
Leben beginne. Um das möglich zu machen, errichtete man Magdalenen- 
heime. Wenn zu unserer Bußbank obdachloses, heruntergekommenes Volk 
oder Sträflinge kamen, schien es uns grausame Unaufrichtigkeit, solchen 
Leuten, denen unbedingt irgendeine Aussicht für diese Welt eröffnet werden 
mußte, vom Himmel zu sprechen. Dieser Erwägung verdanken die Herbergen, 
Häftlingsheime, Arbeitsstätten und anderen Unternehmen ihre Entstehung" 
(156, 28). In diesem Sinne wohl bat mich der jetzige General, doch ja recht 
zu verstehen, daß die Sozialarbeit kein Anhängsel, sondern ein wesenthcher 
Teil des Werkes sei, und ich hoffe, daß ihn diese Ausführungen befriedigen. 
Die einen haben die soziale, die anderen die religiöse Arbeit der H. bekrittelt 
und ungern gesehen; aber ich meine, die H. ist mit Notwendigkeit, das, was 
sie ist. Ihre Vergangenheit wie ihre Zukunft zwingen sie, den religiös-sozialen 
Charakter nicht nur beizubehalten, sondern immer noch schärfer auszu- 
prägen. Jeder Eingriff in dieses natürliche Wachstum hieße notwendiger- 
weise die Axt an ihre Lebenswurzeln setzen. 

Das möge über die Gründe für das Rehgiössoziale im Salutismus genügen. 
Wir verstehen, wenn die H. überhaupt unter dem niederen Volke arbeiten 
wollte, so mußte sie zu dieser Art Kirchentum kommen. Aber das läßt immer 
noch die entstehungsgeschichtliche Frage offen, warum der General sich nun 
gerade an dieses niedere Volk wandte, warum er es seinen Offizieren zur 
Pflicht machte, „den natürlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der 
schmutzigen Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jämmerlich- 
sten Elend zu überwinden, sich hineinzuwagen unter den Auswurf der Mensch- 
heit und Brust an Brust um die Seele der Verworfensten zu ringen" (E. Frei- 
herr V. Wolzogen). Der Salutismus ist die Religion der Parias unter den Men- 
schen, die Kirche des „versunkenen Zehntels''', der in den Sumpf gesenkten 
Steine, worauf das Gebäude unserer Gesellschaft sich erhebt und dessen Be- 
krönung die oberen Zehntausend bilden. ,,Vom ersten Anfang an war es des 
Generals Ehrgeiz, den Kirchlosen eine Kirche, den Heimatlosen eine Heimat, 
den Freundlosen Freundschaft, den schwarzen Schafen eine Hürde zu bieten. 
. . . Er weihte sich, seine Familie und seine Organisation den untergegangenen 

'3' 195 



Massen der Menschheit und opferte dies alles jenem geistigen Niemandsland" 
(51, 8). „Er maß insbesondere den Fortschritt seines Werkes nicht nach 
Ansehen und Würde, sondern nach der Anzahl der Trinker und Dirnen, 
welche er zu neuen Menschen machte" (57, 92). Und gerade dafür möchte ich 
die besonderen Gründe aufdecken ; die allgemeinen sind schon angeführt und 
liegen in der altruistischen Lebensauffassung des Generals, dem „Geistesver- 
wandten Carlyles" und damit erbitterten Gegner der klassisch-nationalöko- 
nomischen Auffassung, die in England herrschte. Sein Altruismus führte ihn 
naturgemäß zu denen, welche durch besondere Not am meisten sein Mitleid 
erregten, und das sind eben in unserer Zeit besonders in England die Dirnen 
und die Trinker. 

Auf den britischen Inseln gibt es keine Prostitution in unserem Sinne. Die 
Gesetzgebung erkennt seit 1545 keine Prostitution mehr an und ergreift des- 
halb auch keinerlei Maßregeln zu ihrer Überwachung. Das bewegt sich bis 
in die allerneueste Zeit alles auf Grundlage der bürgerlichen Freiheit und 
der Habeas-corpus Akte vom Jahre 1679. Die hochkirchlichen Lords lehnen 
jede Einmischung in diese Dinge ab, weil das eine ,, mittelbare Anerken- 
nung der Unsittlichkeit" enthalten würde. Insbesondere hat die Polizei nicht 
das geringste Ausnahmerecht in dieser Sache. Daß dabei die Prostitution in 
üppigster Blüte steht, beweist ein Gang durch Piccadilly oder Soho in den 
Abendstunden, und die Haltung der konservativ-kirchlichen Gesetzgeber 
ist demnach eine Vogel-Strauß-Politik. Im Parlamente eine solche Frage 
auch nur anzurühren, wäre schon ,,shocking", und wenn jemand, wie Frau 
Josephine Butler, sein Leben für die Hebung dieser Zustände einsetzt, so 
kann er sicher sein, daß sich ganz Fromm-England entrüstet. Aber in London- 
West eine Villa für gewisse Vergnügen halten — ich erinnere an ,,Lady" 
Hamilton — , das ist in gewissen Kreisen fast ein Zeichen von Vornehmheit. 

Mit dem ganzen Zorne, der einen gerade denkenden Menschen bei solchem 
Pharisäertum befällt, hat die H. hier eingesetzt. Frau W. B. fordert für ,, ge- 
fallene Männer" die gleiche gesetzliche und moralische Behandlung, wie das 
weibliche Geschlecht sie dulden muß, und in bittere Klagen über diese Zu- 
stände bricht ihr Sohn, der jetzige General aus (16, 25). Besonders aber hat 
seine edle Gattin ihr ganzes Herz den armen ,, Opfern" unserer sozialen 
Verhältnisse geschenkt. Dieser Ausdruck scheint gewagt, entspricht aber im 
ganzen der Wahrheit ; denn wie keine andere morahsche Frage ist die Prosti- 
tution eine soziale Frage. 1910 auf dem internationalen Sitthchkeitskongreß 
zu London hat Frau Bramwell B. die Stellung der H. in diesem Stücke klar 
umrissen. Nach ihrer Meinung und Erfahrung — sie stand damals an der 
Spitze vonetwaii7Magdalenenheimen in mindestens 20 Staaten — verdienen 

196 



diejenigen, die an der Wiederaufrichtung der „zertrümmerten Weiblichkeit" 
arbeiten, die meiste Sympathie unter allen Philanthropen. Und darin hat sie 
recht. Trotz Christentum und Fortschritt stehen wir in unseren moralischen 
Anschauungen über die öffentliche Unsittlichkeit praktisch noch auf dem 
Standpunkte des Altertums. Moses erlaubte den Umgang mit Ausländerin- 
nen, — die Jüdin, welche sich verging, wurde gesteinigt; Solon gestattete 
seinen Mitbürgern den Verkehr mit Sklavinnen und erbaute zu dem Zwecke 
das Dikterion, — aber die Athenerin, die etwa ein ähnhches Recht für sich 
in Anspruch nahm, wurde zur Sklavin degradiert. Was tun wir anders? Das 
Weib wird geächtet, wird als ,, gefallen" etikettiert, wie Frau Br. B. sich 
ausdrückt, aber diejenigen, die mit ihrem Gelde das weiße Sklaventum unter- 
halten, bleiben ,, Ehrenmänner". 

Es hat, sagt ein H.-Bericht (155, 25), lange gedauert, bis man die ganze 
VerächtHchkeit der doppelten Moral anerkannte, und noch heute gehen viele 
mit ängstüch zusammengerafften Kleidern an den armen Opfern der Ver- 
führung vorbei, fast als fürchteten sie, daß die bloße Berührung sie be- 
schmutzen könne; aber einige Stunden später sitzen sie im Ballsaal und 
sehen mit strahlenden Augen, wie Herr H., der als Don Juan bekannt ist, 
ihrer ängstlich behüteten Tochter den Hof macht ; ohne Bedenken geben sie 
ihr Kind einem Lüstling zur Gattin und vernichten dessen Gesundheit 
und Glück nur um der „guten Partie" willen. . . Die H. kennt keine „Ge- 
fallenen", sondern nur Schwestern. . . Sie erinnert sich, wie das erste Wort, 
das über die Lippen des Auferstandenen kam, der Name der großen Sün- 
derin (Maria Magdalena) war („der viel vergeben wurde, weil sie soviel ge- 
liebt"). Ihr galt sein erster Gruß, und sollten da nicht die, welche sich nach 
seinem Namen Christen nennen, seinem Beispiel nacheifern ? . . . Rettet See- 
len und gehet den Schlimmsten nach ! Dieses Leitwort hat uns in die Höhlen 
und die Brutstätten des Lasters getrieben, heraus zu retten, was sich retten 
läßt". So die H., „deren Treiben den entrüsteten Protest aller, Jesu Weg 
gehenden Menschen hervorrufen sollte" (242, III, 276). Wenn ein Mann, 
befiehlt W. B., bevor er Soldat war, sich mit einem Mädchen verlobt und ihr 
die Ehre geraubt hat, so muß von ihm bei seinem Eintritt in die Armee ge- 
fordert werden, daß er dieses Mädchen, wofern sie einwilligt, „heiratet" 
(118, 38). Nun, ich meine, darin liegt mehr Nachfolge Christi als in dem 
„entrüsteten Protest" von jenem Herrn Professor. 

Ebenso möchte ich denen noch ein Wort ins Stammbuch schreiben, welche 
sich über die exegetische Unterscheidung der H. zwischen nichtberau- 
schendem, ungegorenem und berauschendem, gegorenem Wein und das 
Bibel verbot des letzteren lustig machen. Solche Leute haben offenbar keine 

197 



Ahnung, wie es in puncto Trunksucht im Heimatlande von Frau W. B. aus- 
sieht, welche diese Exegese besonders vertrat, und zwar ist diese übernommen 
vom Methodismus, der, nachdem er sich so weit vergessen, daß man die 
methodistischen Kirchen für Temperenzzusammenkünfte geschlossen, sich 
um die Mitte des Jahrhunderts auf Wesleys Beispiel und Vorschrift be- 
sann und jetzt allerorts eine nachhaltige Propaganda für die Temperenz ent- 
faltet. Die ,, unbedingte Zwang- und Gewissenlosigkeit", womit dem eng- 
lischen Volke Wliisky und Bier durch die widerlichste Reklame aufgedrun- 
gen wird, sticht aber auch jedem Fremden in die Augen. Die Bevölkerung 
der Vereinigten Königreiche bezahlte 1907 weit über 3 Milliarden Mark für al- 
koholische Getränke, besonders für Bier (= Stout und Ale) von durchschnitt- 
lich 7—10% Normalweingeist und Schnaps (= Whisky, Rum, Gin, Brandy) 
mit 50% Alkohol. 1900 begann der Bierkonsum relativ zu sinken; die Wirt- 
schaften sind von 1905— 1908 um 5000 zurückgegangen, so daß 24 Konzessio- 
nen auf 10 000 Einwohner kamen = i : 417 (dagegen in Preußen i : 205, 
in Sachsen i : 252, in Baden i : 196, in Bayern i : 171, in Württemberg 
1:128 Einwohner). Doch marschiert Großbritannien im Verbrauch auf den 
Kopf immer noch mit an der Spitze der Nationen, und die großen Brauer 
und Brenner gehören zu den Reichsten im Lande. Mehrere von ihnen 
sind geadelt und sitzen im Oberhause, wo sie mit Maischbottich und 
Hopfenkessel Thron und Altar stützen, Sie retteten 1909 bei der Schank- 
gesetzesvorlage 30 000 Schenken, welche die liberale Regierung zu schließen 
drohte. 

Das ,, Public House" ersetzt in Großbritannien und auf der ganzen angel- 
sächsischen Welt unsere Kneipe. In London sind es Paläste, die an allen 
Straßenkreuzungen in elektrischem Lichte erstrahlen; ,, Menschenfallen" 
nennt sie der jetzige General (16, 21). Sie sind wesentlich kaufmännische Be- 
triebe und wollen nichts anderes sein. Man sitzt dort nicht an Tischen und 
nimmt nicht wie bei uns das Getränk gemächlich zu sich. Es gibt keine Sitz- 
gelegenheit, Stehend vor einer ,,Bar" wird der Alkohol heruntergegossen. 
Der Vorteil dieses Systems liegt darin, daß der Besucher nicht den ganzen 
Abend im Wirtshaus zubringt; denn dazu ist das Stehen zu ungemütlich; 
der Nachteil darin, daß man sich schneller und nachdrücklicher betrinkt, 
zumal bei dem hohen Alkoholgehalt der englischen Alkoholika. Wer ange- 
trunken ist, wird vom ,, Kraftmann" (Hausknecht) vor die Türe geworfen, 
und wer Glück bei seinen Beobachtungen hat, kann sehen, wie ein Mann, 
der aufrecht und stolz in die Schenke eintritt, nach einer halben Stunde auf 
allen vieren herauskriecht. Wegen des raschen Umsatzes sind die ,,Bars" 
wahre Goldminen. 

198 



Wir Deutschen gelten seit den Tagen des sagenhaften Gambrinus als trink- 
fest, und es mag sein, daß nicht nur die Münchener diesen Ruhm verdienen. 
Aber in England ist doch neben der Spielwut auch die Trunksucht noch in 
ganz anderem Sinne ein Nationallaster, und das ist auch ein Beweis, wie treu 
die konservativen Angelsachsen an dieser von Tacitus schon getadelten 
Eigenschaft unseres Stammes festgehalten haben. Mit Funcke, ,,der auf 
Schritt und Tritt Menschen begegnete, die sich in einem geradezu tierischen 
Zustande" befanden (73, 148 ff.), muß ich sagen, daß mir nirgendwo die 
Trunksucht so entsetzlich begegnet ist wie in London, etwa östlich von der 
,, Unterrocksgasse", oder Middlesexstreet wie sie jetzt vornehm heißt. Auch 
in Glasgow am Kreuz kann man betrunkene Weiber nach Dutzenden sehen. 
Am 5. März 1880 äußerte Gladstone im Parlamente: ,,Man hat soeben be- 
hauptet, daß dem Menschengeschlecht durch die Trunksucht ein größeres Un- 
glück zugefügt worden ist als durch die drei Plagen : Krieg, Pest und Teue- 
rung. Ich glaube, dieser Satz ist wahr ; aber in bezug auf wen ? Nicht hin- 
sichtlich der europäischen, zivilisierten Völker im allgemeine^i ... es ist aber 
wahr in bezug auf uns," und Earl Shafteshury spricht von dem Alkoholismus, 
als von dem ,, Unglück, das England entwürdigt". In London trinkt 
man mehr die ganze Woche, in Schottland und Irland dagegen mehr 
von Samstag bis Montag. Wer am Samstag Abend, sagt Pastor Funcke, 
in die Wirtshäuser hineintritt, sieht, wie die Schanktische umdrängt 
sind von männlichen und weiblichen Personen. Was wollen sie? Trinken, 
nur trinken. Ja, wenn das Wort ,, trinken" hier nur passen wollte ! Aber man 
müßte sich hier eines Ausdrucks bedienen, der eigentlich nur von der un- 
vernünftigen Kreatur gebraucht wird. . . . Während die Deutschen beim 
Glase lustig plaudern oder singen oder allerlei Spiele treiben oder die Musik 
pflegen, stürzt der gemeine Mann in England stehenden Fußes, ohne ein 
Wort zu sprechen, ohne ein Lied zu singen, ein Glas nach dem anderen 
herunter, bis er wankt und umsinkt. So kann man denn nur zu viele Männer 
und leider auch Frauen in den Gossen der Stadt liegen sehen. Lärm machen 
diese Betrunkenen freilich nicht. Sie toben selten und singen noch seltener. 
\ Aber wenn der Engländer auch das Gute und das Böse ohne viele Worte 
abmacht, so fehlt es doch in beiden Stücken nicht an gewaltiger Energie. 
Es scheint, daß der Durchschnittsengländer vieles mit Leidenschaft treibt, 
was der Deutsche mit Behagen tut : Spiel, Erholung, Schach, Rudern und 
Reiten. Ohne ein bißchen Leidenschaft geht's nun einmal bei den Söhnen 
Albions nicht, weder beim Trinken noch bei Abstimmung, weder bei der 
Bekehrung der Seele noch bei Feier des Sonntags. Die Teetotalers begnügen 
sich nicht mit haarsträubenden Darstellungen des Alkoholunheils ; sie grün- 

199 



den auch überall gute Restaurationen. Ein neues Mitglied muß mehr als 
ein einfaches Enthaltsamkeitsversprechen geben; auch das Tragen der 
(bei Iren grünen, sonst auch blauen und gelben, bei nur Mäßigen roten) 
Bändchen genügt nicht. Man muß einen Schein unterschreiben, wodurch 
man sich auf Ehre verpflichtet, sich alles Berauschenden zu enthalten. Dar- 
unter liest man: ,,Wenn Du diesen Schein unterzeichnest, so tust Du damit 
das beste Werk Deines Lebens." Vollends wenn man Reden über die Bildung 
solcher Enthaltsamkeitsvereine liest, könnte man meinen, es handle sich 
mn Gründung einer neuen Religion. Fragt man endlich die Bundesmit- 
glieder, ob sie das Trinken von Bier an und für sich für Sünde halten, so ant- 
worten viele ohne Bedenken ja. ... 

Zehntausenden ist die Temperenz bereits das sehgmachende Dogma . . . 
und die Teetotalisten sind zum Teil konsequent genug, bei der Feier des 
Abendmahles den Wein durch Fruchtsaft zu ersetzen. Ähnhch behauptet 
Kolde (174, 117), ,,in der vollständigen Enthaltsamkeit von geistigen Ge- 
tränken sieht ein großer Teil von Engländern nicht nur die Rettung der 
Nation von einem sicheren Untergange ; sondern dieser Teetotalismus ist für 
sehr viele angesichts der allerdings furchtbaren, in allen Ständen, sogar unter 
den gebildeten Frauen, herrschenden Trunksucht geradezu Bekenntnis und 
Evangelium. Er ist, sagt ein englischer Gelehrter, augenblicklich der gemein- 
same moralische Grund aller Sekten, worüber man alle theologischen Diffe- 
renzen vergißt." 

Eine der eigenartigsten Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts ist Graf 
Leo Tolstoi, 1828— 1910, und als er starb, wiesen einige Blätter schüch- 
tern auf die Ähnlichkeit hin, welche zwischen ihm und W. Booth unzweifel- 
haft besteht. In gewissem Sinne kann man sogar von Kongenialität sprechen, 
wenn man über den grundsätzlichen Unterschied wegsieht, daß der eine groß 
ist als Theoretiker, der andere als Praktiker. Die Anhänger des Grafen, die 
,,Tolstowzen", haben bald ihren Organisationsversuch aufgeben müssen. 
Ebenso ist die religiöse Stellung trotz aller sich aufdrängenden Vergleiche 
völHg verschieden. Im übrigen aber ist der Russe ein Bruder des Engländers 
sowohl durch fast vollständige Gleichalterigkeit als äußere Erscheinung. 
Optimisten waren sie beide, B. aus sich heraus, T. durch mühevoll erkämpfte 
Überzeugung. Beide predigten die Rückkehr zur Natur, zur Einfachheit 
und Arbeit, beide verwarfen auf ihre Art Wissenschaft und Kunst. Uns geht 
aber hier nur die Stellung des Grafen zur ReHgion an. Mit großem Ernst weist 
er die Ethiker, Liberalen, Sozialisten und Revolutionäre auf die tiefe Kraft 
hin, welche die wahre Rehgion geben kann. Unter wahrer Religion aber ver- 

200 



steht er, indem er alles hergebrachte und weltförmige Christentum streicht 
und umdeutet, Liebe und Entsagung, Zurücksetzung des persönlichen 
Wohles zum Wohle der Gesamtheit. Der Mensch hat kein Recht, sondern 
nur Pflichten, und zu allen Pflichten und Opfern macht allein die Liehe 
fähig. 

Durch seinen Religionsbegriff ist Tolstoi ,,der einzige Mensch unserer 
Zeit, der mit W. B. in einem Atem genannt werden darf" {A. Holitscher). 
,,Es war nicht meine Absicht," sagt B., „eine weitere Sekte zu gründen. Zu- 
weilen denke ich, die Vorsehung würde dieses Werk meinen Händen nicht 
anvertraut haben, wenn ich nicht etwas Fähigkeit hätte, die Einheit des 
Christentums zu fördern. Nichts lag mir femer, als etwas zu schaffen, was 
die Unterschiede zwischen bekenntnistreuen Christen vergrößerte. Aus 
diesem Grunde sind wir von Sakramentenspendung und von allen rituellen 
Gebräuchen . . . abgekommen. Wir sind keine Kirche." (Daily Mirror Mem. 
Number of Gen. B. 4). In diesen Worten hat der Gründer wohl am klarsten 
den von ihm vertretenen Synkretismus als dessen Art, Grund und Ziel ge- 
kennzeichnet. Wenn ich bei der H. von Synkretismus spreche, so tue ich 
es also nicht in dem tadelnden Sinne von Religionsmengerei, den das Wort 
seit etwa 1650 angenommen, sondern in seiner ursprünglichen Bedeutung. 
Plutarch berichtet in seiner Schrift über die Bruderliebe, daß man es machen 
müsse wie die Kreter, die trotz innerer Zerwürfnisse gegen gemeinsame 
äußere Feinde zusammenhalten. So ist auch der S5mkretismus der H.- 
Gründer praktischer Art, obwohl man das leider weder scharf auseinander- 
gehalten hat noch hält. Doch lassen wenigstens Frau Cath. Booth, die eigent- 
liche H.-Theologin, und der General darüber keinen Zweifel. Das Christentum, 
so etwa sind ihre Gedanken, ist allen Konfessionen und Denominationen 
gemeinsam, also sind wir Brüder und sollten zusammenhalten gegen Laster 
und Sittenlosigkeit. 

In der Tat, die Ethik ist ein neutraler Boden ; es ist jenes geistige Preußen, 
wo die Bundesstaaten sich zu einem Staatenbund zusammenfinden können. 
Was für einen Zweck hat es, sich einander zu bekämpfen, wenn Hannihal 
ante portas ist! Durch ihren Synkretismus ist die H. „die Reaktion des 
lebendigen Gehaltes gegen die tote Form" {H. Laserre). Sie läßt ihren Offi- 
zieren, theoretisch wenigstens, vollkommene Freiheit, entweder sich mit den 
liturgischen H.-Gebräuchen zu begnügen oder ihre Kinder taufen zu lassen, 
zum Abendmahl zu gehen usw. In der Praxis erleidet das freilich einige Ein- 
schränkungen, und besonders wird man auf eine methodistische Fassung der 
Lehre von der Heilsaneignung nicht gut verzichten können. Ohne den Glau- 
ben von der augenblicklichen Befreiung wäre nach meinem Dafürhalten die 

201 



religiössoziale Tätigkeit fast ganz lahmgelegt. Andererseits aber zwingt auch 
wieder gerade die Sozialarbeit zum Synkretismus; denn nur darum ver- 
schließen sich so viele Staaten und Städte bei ihren sozialen Bemühungen 
der religiösen Arbeit, weil sie diese nur in ausschließlich konfessioneller Form 
haben können. Im allgemeinen ist zu sagen, daß die H. auch die letzten Reste 
methodistischen Sauerteigs in demselben Maße ausfegen wird, als die Zahl 
ihrer nicht methodistischen Mitglieder und der Wille zu diesem Wachstum 
wächst. Schon jetzt herrscht in ihr eine Freiheit, die jeden in Erstaunen ver • 
setzt, der die englischen Verhältnisse und den Lebensgang des H.-Gründers 
nicht kennt, welcher zuerst der Landeskirche, dann den Wesleyanem, dann 
fast den Kalvinschen Puritanern, dann den Reformern, dann dem Neuen 
Methodistischen Bund und schließlich keiner Gemeinschaft oder vielmehr 
allen angehörte; denn von überall her lud man ihn ein zur Predigt, bis er 
schließlich, ohne es zu wissen, zum Gründer einer eigenen Gemeinschaft 
wurde. Ehemalige Eisenbahnschaffner und Kaminfeger waren die Missio- 
näre, und daß er mit solchen Leuten, selbst wenn er es gewollt hätte, kein 
theologisches Lehrgebäude aufrichten konnte, bedarf wohl nur des Hin- 
weises, zumal wenn man an das englische Schulwesen denkt, das es in der 
Beschränkung wirklich zur vollendeten Meisterschaft gebracht hat. Bibel 
und Katechismus sind die eigentlichen Lehrzweige, die meisten Schulen 
konfessionell und der Schulzwang erst seit 1876 grundsätzlich eingeführt. 
Noch 1902 konnten in England und Schottland 3%, in Irland 10% der 
Brautleute ihren Namen nicht schreiben. Englisch schreiben ist übrigens 
auch für Engländer eine große Kunst. Das geschriebene A ist ein gesproche- 
nes E, E = i, i = ei, ei = i, usw. Während wir Deutsche die Schrift be- 
ständig den sprachlichen Verschiebungen anzupassen suchen und alle paar 
Jahre eine neue Rechtschreibung lernen müssen, geht in England der un- 
glaublichste, Jahrhunderte alte Schlendrian weiter. Goethe muß irgend- 
wie angelsächsisches Blut in den Adern gehabt haben, als er sein ,,Grau, 
teurer Freund, ist alle Theorie" schrieb. In dem auf das Praktische ge- 
richteten, allem Theoretisieren abholden Sinn des Engländers und in 
dem vielfach autodidaktischen Charakter ihres Wissens sehe ich einen 
Hauptgrund für die Entstehung ihrer vielen synkretistischen Gemein- 
schaften, die sich dogmatisch fast gar nicht und oft nur durch ihre Exegese 
unterscheiden; denn England ist gegen uns darin um 400 Jahre zurück. Um 
die Bibelauslegung wird von reich und arm mit einem Eifer und Ernst ge- 
stritten, wie man bei uns etwa Liebhaberkünste betreibt, und so gilt z. B. 
das erste Buch Moses in wörtlicher Auffassung immer noch als das unfehl- 
bare Dokument naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Da haben wir neben 

202 



den Quäkern, Methodisten und Salutisten z. B, die englischen Deisten, welche 
das Christentum sogar kurzerhand mit allen anderen Religionsformen zu- 
sammenwerfen, seine Ansprüche auf unbedingte Wahrheit unbedingt ver- 
werfen und den Epigonen eines Shunder Sen aus Indien zujubelten. Dann 
die „Christian Endeavor", eine durch Francis Clark, freilich in Portland Md. 
begründete, dogmenlose Kirchengemeinschaft, angebhch mit 4 000 000 Mit- 
gliedern, welche eine ,, evangelisch-katholische" Kirche begründen wollen, 
usw. Auch die sogenannten Konservativen und Liberalen der Hochkirche 
unterscheiden sich mit nichten nach Lehrmeinungen, sondern nach ihrer 
Stellung zu kirchen- und sozialpolitischen Fragen. Ein Fall Jatho oder 
Traub ist in England unmöglich. So ist es auf religiösem und ebenso auf poli- 
tischem Gebiete. Der Angelsachse ist im Gegensatze zu uns Deutschen immer 
mehr geneigt, das Gemeinsame als das Trennende zu betonen. Wir haben 
mehr als ein Dutzend ,, Fraktionen", die Engländer eigentlich nur zwei 
,, Parteien". Staatsmänner wechseln vor aller Öffentlichkeit ihre Anschau- 
ungen und Parteizugehörigkeit ganz gemütsruhig. Gladstone begann als 
Konservativer und wurde Abgott des Liberalismus. Umgekehrt wurde 
Chamberlain, der Repubhkaner und Radikale Hort, des Konservatismus, und 
Churchill und Cecil gingen in unseren Tagen vom Konservatismus zum 
Liberalismus über. So etwas ist, wenn man von einem ganz Großen wie Bis- 
marck absieht, bei uns unerhört. Nicht ohne Bedeutung in diesem Zusammen- 
hang scheint auch der Umstand zu sein, daß die stark zum ,, vorchrist- 
lichen und vormosaischen System" = Synkretismus hinneigenden Frei- 
maurer in London 1717 aus einer Steinmetzzunft hervorgegangen sind. Ihre 
Religion ist, wie sie selber erklären 1, nicht sowohl Gotteserkenntnis als 
praktische Religiosität, d. h. jenes vertrauensvolle, demütige Grundgefühl 
aller religiösen Menschen . . . jener unerschöpflichen Kraft zu allen Taten 
der Selbstverleugnung, der Aufopferung und des reinen Wohlwollens. Religion 
ist kein Wissen. Mit ihnen verwandt sind die Gesellschaften für ethische Kultur, 
die erste 1876 zu Neuyork entstanden. Manche Mitglieder sind erklärte 
Atheisten ; andere halten die Ethik selber für Religion, insofern als redliches 
Handeln das Mittel sei, die endliche Seele mit dem unendlichen Wesen zu 
verbinden. Auf die Berührungspunkte mit der H. macht Prof. Dr. Faßbender 
aufmerksam (160, 7), und es ist darauf hinzuweisen, daß sie auch Frauen 
als aktive Teilnehmer zählen. 

71 lle diese Bewegungen haben das eine Gemeinsame, daß sie das Schwer- 
x~\ gewicht auf ethische, caritative und altruistische Anschauungen legen. 
Damit folgen sie einem allgemeinen Zuge der Zeit. Die meisten modernen Den- 
^ Lennig, Handbuch d. Fr. 2. vol. Leipzig 1900/01, 2^, 331. 

203 



ker sind heterodox; sie stehen aber nur dem kirchlich-dogmatischen Christen- 
tum feindlich gegenüber. Oder sind sich nicht Spinoza, Leibniz, Locke, 
Rousseau, Kant, Fichte, Hegel, Schopenhauer einig darüber, daß ihnen, wie 
sie es auch auffassen mögen, das Christentum d. h. die christliche Ethik un- 
entbehrlich erscheint ? Ein Verlangen nach einem universalen, rein mensch- 
lichen Christentum, sagt Eucken (Lebensanschauungen der großen Denker, 
Leipzig 1897^), beseelt alle neuen Denker, und er selber bej aht in seinem letzten 
Werke mit Begeisterung die Titelfrage: ,, Können wir noch Christen sein?" 
(Leipzig 1911), indem er in scharfem Gegensatz zu dem Dogmatismus und 
Intellektualismus eines Ritschi u. a. in der ,, ethischen Tat" das Wesen des 
Christentums sieht. Unter den Philosophen hat die H. also wahrhaft glän- 
zende Verteidiger. 

Es scheint mir ein auf dem Gegensatz von Theorie und Praxis beruhendes 
psychologisches Gesetz zu sein, daß alle ethisch orientierten Naturen dog- 
matisch zum mindesten indifferent sind, von Christus angefangen, von dem 
sonst nicht alle von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken ver 
künden und glauben könnten, daß sie ihn ganz und wesentlich besitzen, bis 
auf W. B., den Gründer der H. So sind Zeller, Heiding und Lohe der Separa- 
tion sehr nahe gewesen. Pestalozzi vermochte sich nicht zum dogmatischen 
Christentum durchzuringen. Oherlin war nach seinen eigenen Worten Pro- 
testant w«^ Katholik, und Perthes mit gläubigen KathoHken innig befreundet. 
Overherg und Droste-V ischering saßen an seiner Verlobungstafel, und die 
erste Vorsteherin des von Droste-Vischering begründeten Hauses der barm- 
herzigen Schwestern, Maria Alherti, war die Tochter eines protestantischen 
Hamburger Predigers. Wicherns konfessionelle Stellung wird immer dunkel 
und verschwommen bleiben. Bodelschwing hatte freikirchliche Neigungen 
usw. Fast die ganze sozialcaritative Erweckung des Protestantismus und 
sein Wirken bis auf den heutigen Tag hängt tief und unzertrennbar mit der 
pietistischen und deshalb auch synkretistischen Bewegung zusammen ; denn 
Pietismus bedeutet wegen des ihm innewohnenden subjektivistischen Ele- 
mentes die vollste religiöse Freiheit. 

Milton und Cromwell waren, um auch noch einen BHck auf England zu 
werfen, das hier besonders interessiert, für dogmatische Unterschiede nicht 
zu haben ; Cromwell erklärte, alle, die glauben, nicht aber alle, die dasselbe 
glauben, machten die Kirche aus. Carlyle, ihr Nachkomme, verehrte im 
Christentum nur noch die für alle Zeiten maßgebende Macht, welche den 
Altruismus für die Grundlage des menschlichen Daseins erklärt hat. Maurice 
haßte schon das Wort ,, Toleranz", weil dieser Ausdruck bereits einen Mangel 
an Ehrerbietung und ein Gefühl der Überlegenheit in sich schließt. Kingsley 

204 



betrachtete als sein Lebensziel nicht die laute theoretische Lobpreisung 
einer, sondern die stille praktischer Verwirkhchung der Kirche. Toynbee 
schreibt, die Zeit werde kommen, da wir es nicht mehr für notwendig halten 
werden zu sagen, das Christentum steht und fällt mit dem Glauben an die 
Auferstehung, ebensowenig wie es uns heute einfällt mit dem heihgen Bern- 
hard zu behaupten, es stehe und falle mit dem Glauben an die unbefleckte 
Empfängnis. Ihm war nicht das Fürwahrhalten gewisser Lehren, sondern 
die ,, Nachfolge Christi", wie er selbst sagte, echtes Christentum, und weil ich 
das Wort gebrauche, sei noch eben auf die „Nachfolge Christi" von Thomas 
a Kempis einem katholischen Asketen, hingewiesen, nach der Bibel wohl das 
am meisten gelesene religiöse Buch. Auf ethischem Gebiete finden sich eben 
nicht nur die einzelnen christlichen Konfessionen, sondern sogar Christen- 
tum und Buddhismus und darum war es auch nur unter dem milden Szepter 
der Königin Caritas möghch, große und kleine interkonfessionelle Vereini- 
gungen religiöser Art ins Leben zu rufen, z.B. in Deutschland die Schwestern 
vom Roten Kreuz, die Albertinerinnen und die Klementinen, in England die 
Genossenschaften von Pennefather, von der schon erwähnten E. Fry und 
ferner von Florence Nightingale, 1820— 1910, der großen Krankenpflegerin. 
Den augenfälligsten Beweis aber liefert die H. selber mit ihren in jeder 
Weise heterogenen Offizierselementen. 

Das ungefähr ist die Verwandtschaft von Caritas und Synkretismus; so 
notwendig, wie am reiigiössozialen, wird die H. an ihrem synkretisti sehen 
Charakter festhalten, und sie tut es um so mehr, als sie damit neueren Unions- 
bestrebungen entgegenzukommen hofft, wie sie teils aus dem Schöße des 
Protestantismus selber, teils von seinen leitenden Stellen ausgegangen sind. 
Nach Sfahlberg und Reinhardt ist das im Menschen angelegte Menschentum, 
nicht die Bibel, die realste Offenbarung Gottes. Ein einheithches Bekenntnis 
ist wegen der Verschiedenheit des Miheus und der Naturanlagen nicht mög- 
lich und nötig. ÄhnHche Ansichten vertrat M. von Egidy. Er leugnete, um 
zu einem ,, einigen Christentum" zu kommen, alle christhchen Offenbarungs- 
wahrheiten, und betonte neben dem Glauben an Gott und an die Unsterb- 
Hchkeit der Seele vor allem den Glauben an die Menschheit und an die 
Nächstenliebe. Weiter ist an die von Friedrich Wilhelm III. von Preußen 
1817 unternommenen Unionsbestrebungen zu erinnern. Seine Gedanken 
sind nicht nur in weiten Kreise des Volkes, sondern auch unter den Hohen- 
zollem lebendig geblieben, wie ein Ausspruch unseres Kaisers beweist, 
welcher die Einigung der evangelischen Kirchen Deutschlands ein hohes 
Ziel seines Lebens nannte (173, 213). Umfassender aber und nachhaltiger 
sind ähnhche Bestrebungen von englischer Seite geworden. Auf Betreiben 

205 



des schon erwähnten Th. Chalmers konstituierten sich 1846 in London die 
Vertreter von 50 verschiedenen Gemeinschaften, Episkopahsten, Metho- 
disten, Presbyterianer, Independenten, Baptisten, Herrnhuter, Lutheraner 
usw. als ,,EvangeUsche Alhanz" und formaherten ein allgemein evangeli- 
sches Glaubensbekenntnis mit Abstreifung aller konfessionellen Besonder- 
heiten. Der Gedanke fand weithin Anklang und es haben seitdem Tagungen 
in Paris, Berlin, Genf, Amsterdam, Neuyork, Basel, Kopenhagen und 
Florenz stattgefunden. 

Gegenüber all cHesen Versuchen preist MacAlonan die H. als die ,, richtige 
evangelische Allianz" (140, 18), und es ist zuzugeben, daß sie bis jetzt den 
aussichts- und einflußreichsten Versuch einer solchen darstellt. Wenn krieg- 
führende Mächte Frieden schließen wollen, so begeben sich ihre Bevollmäch- 
tigten auf ein neutrales Gebiet. Das neutrale Gebiet der Konfessionen aber 
ist die ethische, caritative und soziale Betätigung, durch welche sich die H. 
über alle diese Unionsbestrebungen erhebt. ,,Ist sie auch kein Versuch der 
Verstandeskultur, sondern ein einfaches Unternehmen zum Bebauen des 
Brachfeldes und der Schauplatz ihrer Tätigkeit die dornenreiche Steppe" 
(75, 17), so erscheint sie doch gerade um dieser einfältigen und treuherzigen 
religiössozialen Betätigung willen als besonders berufen, mitzuhelfen, das 
Christentum zu interkonfessionalisieren oder, mit anderen Worten, als die 
Morgenröte des konfessionslosen Christentums. 

Nach der Lehre des Buddhismus, wie er z. B. in Birma herrscht ^ nimmt der 
Priester von allen Lebewesen die oberste Stufe ein. Auch der einfache 
Mann hat noch einen ehrenvollen Platz. Der heilige weiße Elefant steht fast 
ebenso hoch. Selbst der Ochse kommt noch gut weg. Dann folgen die minder ge- 
ehrten Tiere, Stufe um Stufe, bis zum Hunde und darunter steht — die Frau. 
So hoch wie das Christentum die Frau über den Buddhismus erhebt, so hoch 
erhebt sie der Salutismus wieder über dieses. Die Priesterkaste ist überall 
die höchste Kaste gewesen, wenn auch hier und dort die Regierung in Hän- 
den der Kriegerkaste lag; denn sie hatte die geistige Macht. Alles, Tribunat, 
und Ädilität, Militärtribunat, Quästur, Senat, Konsulat, Diktatur, Zensur 
Prätur, alles befriedigte das römische Volk in seinen Ständekämpfen nicht. 
Es kam erst zur Ruhe, als ihm durch die Lex Ogulnia, 300 vor Christus, auch 
das Priesteramt erschlossen wurde. Das letzte und höchste, was die Frauen- 
bewegung erstreben kann, so hoch, daß man noch kaum daran denkt, ist 
das Priestertum. Der Salutismus hat es ihr gegeben, ,,Frau Booth hat sich 
einmal gerühmt, Tausenden von Frauen das Siegel von den Lippen genom- 
men zu haben und erst die Folgezeit wird erkennen lassen, welch großen 

206 



Schritt vorwärts die Frauenbewegung überhaupt durch diese energische 
Frau gemacht hat." So Kolde (174, 84) und ähnUch W. J. Stead: „Wenn die 
Gesetze der zivihsierten Länder der Frau ihre ganze Freiheit geben, so wird 
man darin ein Zeugnis erbhcken können von der Veränderung in der all- 
gemeinen Schätzung der Frauenfähigkeiten, und diese Veränderung ist zum 
größten Teil durch das Werk der H. hervorgebracht" (1903, 23, 7). 

An verschiedenen Stellen und zu verschiedener Zeit hat Frau Cath. Booth 
ihre Ansichten über die Stellung der Frau niedergelegt, zuletzt und am aus- 
führlichsten in der Abhandlung ,, Female Ministry" (22, 131— 169). Sie be- 
gegnet dort zuerst den Einwürfen, öffentliches Auftreten sei bei der Frau 
unnatürUch und unweiblich, und behauptet das Gegenteil. Gott hat der Frau, 
sagt sie, eine anmutige Form und Haltung, eine gewinnende Art und Weise, 
eine überzeugende Sprache und vor allem eine feine und gefühlvolle Natur 
gegeben. Daß Gewohnheit, Geistesverkümmerung und Vorurteil bis jetzt 
die Frau ausgeschlossen haben von der Öffentlichkeit, beweist an und für 
sich nichts. Sie führt dafür den Ausspruch eines bekannten Quäkers an und 
weist hin auf das Privatleben einer Guyon, Fletcher, Fry, Smith, Whiteman 
und Marsh, welche zu den selbstlosesten, liebreichsten und bescheidensten 
ihres Geschlechts zählen. Also ist der Vorwurf des Ehrgeizes und der Eitel- 
keit unbegründet. Es folgen dann lange und nach meiner unmaßgeblichen 
Meinung sehr treffhche, philologisch-exegetische Ausführungen besonders 
über I. Kor. 14, 34, unterbrochen durch die Widerlegung des Einwurfs, es 
sei nicht nötig, daß auch noch die Frauen predigten. Schließlich weist sie 
auf die erste Zeit des Methodismus hin, wie damals mit den Männern auch die 
Frauen für Gott arbeiteten, und ermahnt alle einflußreichen Personen, in der 
Kirche doch für eine Wandlung der Ansichten einzutreten; denn wenn in 
unserer Zeit alle evangelischen Bemühungen große Mißerfolge aufzuweisen 
hätten, so wäre das zum Teil auch darauf zurückzuführen, daß man die 
Frauen abgehalten habe, ihren Pflichten und Rechten, für Gott zu wirken, 
nachzukommen . 

,,Ohne Zweifel hat die Armee einen großen Teil ihrer Erfolge", so bekennt 
die H. selber (153, 55), ,,der Stellung zu verdanken, welche sie die Frau 
gleich anfangs in ihren Reihen bekleiden ließ." Ich erinnere zum Beweise an 
die Eröffnung Amerikas, Frankreichs, Neufundlands, der Schweiz, Schwe- 
dens, Norwegens, Finlands, an Frau Cath. Booth selber und die ihr so seelen- 
verwandte Schwiegertochter Frau Br. B., an Namen wie Katherine, Emma, 
Eva und Lucy Booth, an eine A. Cox, Ouchterlony , Haartmann, Oliphant- 
Schoch, Duff, Murray, Nurani {= Clara Gase) und Tonning; an Käte 
Shepherd, die heldenhafte Erweckungsrednerin von Rhonda Valley, Wales ; 

207 



an die „glückliche Liese'', die in Nottingham mit Plakaten auf dem Rücken 
und in Marylebone mit der Trommel durch die Straßen zog, in Volksliedern 
verherrhcht wurde und Tausenden des gemeinsten Pöbels die frohe Botschaft 
des Heils brachte, an Chinee Smith, die „Nixe", die erst in der Kadetten- 
schule das Abc lesen und schreiben lernte, dann aber als Predigerin viel- 
leicht manchen Professor und Theologen beschämte. Gräfin Blumenthal hat 
recht: „Die Frauen sind die Seele der H." (i6o, 19). „Eine Frau hat, wie 
die Männer mit Grund behaupten, das Menschengeschlecht ins Unglück ge- 
bracht ; die Welt hat der Frau manchen sittenlosen oder doch wenigstens 
nicht einwandfreien Beruf, z. B. auf der Bühne, gestattet, also mag die Frau 
auch mithelfen im Kampfe gegen die Sittenverderbnis" (vgl. 1912, 8, 3). Das 
ist der Grundsatz der H., und die Frauen haben ihm großartig entsprochen. 
„Wesenthch von der starken Beteihgung des weibhchen Geschlechts rührt 
die Lauterkeit her, welche in der Armee alles durchdringt" {Hilty). 1874 
waren unter den 37 Mitarbeitern des Generals 8 Frauen ; seit der eigentlichen 
Konstituierung der Armee im Jahre 1878 sind sie in der Mehrheit und mögen 
sich jetzt dem zehnten Tausend wenigstens stark genähert haben unter 
16000 Offizieren. 

Frau Cath. Booth führt ihre Anschauungen über die Stellung der Frau auf 
eine ,, Inspiration" (in methodistischem Sinne) zurück, und es ist wahr, 
daß sie selber von Natur sehr schüchtern war. Zu solchen Erklärungen können 
wir natürhch in einer sozialwissenschaftlichen Arbeit keine Stellung nehmen. 
Von unserem Standpunkte sagen wir, daß die H. zu dieser Auffassung ebenso 
notwendig wie zum Synkretismus kommen mußte. Warum das? Wegen ihres 
religiössozialen Charakters. Die Frau übertrifft von Natur aus unstreitig den 
Mann an Rehgion, d. h. an Sinn für den „heben Gott", an Fähigkeit, sich für 
andere zu opfern, wie überhaupt an Fähigkeit zu leiden. Darum hat seit den 
Tagen des Urchristentums die Hauptlast der caritativen Arbeit auf den 
Schultern der Frauen gelegen, und darum hat der Protestantismus trotz 
aller Abneigung gegen Ordenswesen und Beschränkung der persönlichen 
Freiheit sich schließlich doch zur Schaffung von caritativen Frauenorgani- 
sationen bequemen müssen. Wenn z. B. die Arbeit unter den Prostituierten 
eine wesentliche Aufgabe der H. ist, wie konnte diese anders gelöst werden, 
als dadurch, daß man der Frau auch wesentlich dieselbe Stellung wie dem 
Mann einräumte? 

Aber auch allgemeingeschichtliche, wirtschafthche und kulturelle Gründe 
spielen hier mit. Sowohl in der sozialen Reformation der Konfession als auch 
in der Geschichte der Frauenbewegung ist das Jahr 1848 von entscheidender 
und einschneidender Bedeutung. Sollte da nicht ein innerer Zusammenhang 

208 



sein ? Die H. aber entstand, als auf diesen beiden Gebieten die großen Um- 
wälzungen in die Erscheinung traten. So ist sie also in beidem ein lebendiges 
Zeugnis jener Tage. Dazu konnte sie anknüpfen an alte Überlieferungen. 
Weibliche Prediger, wie schon eben bemerkt, waren in der Jugend des Metho- 
dismus nichts Ungewöhnliches. Schon das Quäkertum und der Puritanismus 
weisen ähnliche Erscheinungen auf. Fliedner, der sich seine Ideen auch teil- 
weise in England geholt hatte, war schon mit seinen Diakonissen voran- 
gegangen. 

Dazu kommen die Wandlungen auf wirtschaftlichem Gebiete. 1768 wurde 
in England die erste Baumwollspinnerei gebaut, und schon 1788, also noch 
vor Anwendung der Dampfkraft, gab es in England und Schottland 142 Fa- 
briken, worin neben 26000 Männern und 35000 Kindern 31000 Frauen als 
Spinnerinnen tätig waren. In den dazu gehörigen Webereien und Druckereien 
arbeiteten neben 133 000 Männern und 48 000 Kindern nicht weniger als 
59 000 Frauen. 1881 bezifferte sich die Zahl der erwerbstätigen, weibhchen 
Bevölkerung schon auf stark 3 500 000. 

In den 50 er Jahren, in der Zeit, als Frau Cath.B. zu predigen begann, grün- 
dete Ashley den ersten Frauenerwerbsverein. Rechthch war die enghsche 
Frau tiefgestellt, bis 1870 war sie so gut wie machtlos. Nicht einmal ein 
gültiges Testament konnte sie machen. Dagegen hatte sie es innerhalb der 
lokalen Selbstverwaltung schon sehr früh zu bis heute nirgendwo übertroffe- 
nen Erfolgen gebracht. /. St. Mül, 1806— 1873, der eifrige Kämpe für die 
soziale Befreiung des Weibes und das Frauenstimmrecht, gab 1869 der ganzen 
Frauenbewegung und besonders der englischen mit seinem Buche über die 
, .Hörigkeit der Frau" neue Nahrung. Daneben trat Ashley im Parlamente 
für sie ein , und die Fry, Nightingale und Butler zeigten praktisch , welch 
unschätzbaren Wert Frauenhände besonders in soziale aritativer Tätigkeit 
haben. Für die jüngste Zeit genügt es, auf die in den Tagesblättern immer 
wieder neu zu lesenden Ausschreitungen der Frauenrechtlerinnen hinzuwei- 
sen, sei es, daß sie einem Minister die Nase blutig schlagen oder im Gefäng- 
nisse durch absichtliches Hungern von sich reden machen. Vielleicht darf 
man hier auch darauf hinweisen, daß die englische Ziffer weiblicher Selbst- 
morde sich am höchsten über den europäischen Gesamtdurchschnitt erhebt. 

Wichtig ist auch, daß überhaupt die gesellschaftliche Stellung der Frau 
in England ganz anders ist als bei uns. Man hütet dort nicht das junge Mäd- 
chen vor dem Manne wie das Lamm vor dem Wolfe. Manche deutsche Mutter 
würde sich entsetzen, wenn sie sähe, wie zwanglos junge Leute auf der obe- 
ren Themse im Ruderboot ganze Nachmittage verbringen oder gemein- 
schaftlich ausreiten oder gar, wie die unteren Volksklassen, zusammen auf 

14 Clasea, Der Salutismus 200 



dem Rasen eines öffentlichen Parkes liegen. Der junge Mann kann seine Vei- 
lobte ruhig in ein Seebad mitnehmen und im selben Hause mit ihr wohnen, 
ohne daß Eltern und Tanten ihn bewachen. Jedes Mädchen darf Weih- 
nachten unter den in der Halle aufgehängten Mistelzweigen geküßt werden. 
Und die Moralität leidet unter alledem nicht; denn bis in die Arbeiter- 
familien hinein findet man eine hohe Rücksichtnahme und Ritterlichkeit 
gegen das weibliche Geschlecht. Der weibliche Teil bestimmt die Grenzen 
und der männliche wird für gewöhnlich nicht einmal den Versuch wagen, 
sie zu überschreiten. Es gibt nach Dr. Peters (194, 207) in England weniger 
Verführer als in irgendeinem anderen Lande. Verführung gilt schlechtweg 
als unehrenhaft, und wenn der Deutsche vielfach mit solchen Heldentaten 
prahlt, so wird im Gegensatz dazu der Engländer sich wohl hüten, so etwas 
auch nur seinen nächsten Freunden zu erzählen. Das Bild wird vervoll- 
ständigt durch Pastor Funcke (73, 121). Was gerade die christlichen Frauen 
besserer Stände angeht, so wagen sie, sagt er, in London, was ihre deutschen 
Schwestern niemals unternehmen würden. In die schauerlichsten Schand- 
quartiere, die man nicht näher bezeichnen kann, die aber eine sittliche 
Kloake sind, daß man an die gräßlichsten Schilderungen des alten Rom 
erinnert wird— in diesen Quartieren kann man Damen begegnen, die mit 
einem Neuen Testament in der Hand von Haus zu Haus schreiten, um das 
Verlorene zu suchen. Viele Erscheinungen des christlichen Lebens in Eng- 
land, so fügt er hinzu, kommen uns geradezu anstößig vor, solange wir nur 
den papierenen Bericht darüber haben ; wir finden sie aber viel natürhcher, 
wenn wir sie auf dem Grund und Boden sehen, wo sie gewachsen sind. 

Die Gleichstellung der Geschlechter in der H. ist als eine gesunde Reaktion 
gegen unsere Gesellschaftsverhältnisse anzusehen. Besonders der heutigen 
gebildeten und besitzenden Frauenwelt mangelt das Bewußtsein, daß sie 
nicht bloß mit einem Teile ihrer äußeren Glücksgüter, sondern auch mit ihrer 
persönlichen Befähigung der Gesamtheit und besonders den Armen und 
Hilflosen verpflichtet ist. Warum soUte man das weibliche Geschlecht nicht 
ebenso zur allgemeinen Wehrpflicht heranziehen wie vielfach das männliche, 
es stellen gegen die vielen inneren Feinde, welche die modernen Nationen 
bedrohen und gegen welche die Caritas ihr Banner entfaltet, wie das 
männliche sein Leben einsetzt im Kampfe mit den äußeren Feinden ? Die 
meisten besitzenden Mädchen und Frauen, klagt Dr. Ratzinger (211, 575) 
glauben keinen anderen Beruf zu haben, als sich zu unterhalten und dem 
Vergnügen nachzugehen. Sie sind deshalb auch nicht imstande, den eigenen 
Kindern den Geist der Liebe und Barmherzigkeit einzupflanzen, weshalb 
der heutigen gebildeten Gesellschaft alle Opferkraft und jeder Gemeinsinn 

210 



mangelt. Der Spott des Rodbertus, daß die niederen Klassen Vereine zur 
sittlichen Hebung der höheren Stände bilden sollen, wird immer mehr zur 
bitteren Wahrheit. 

Man sagt, daß die englische Nation mehr als alle andern zivilisierten 
Nationen allem Zwange abhold sei. In der Tat ist ihr individueller Un- 
abhängigkeitssinn ein ganz hervorstechender Zug. In allen englischen Staats- 
gründungen ist das System der organisierten Freiheit durchgeführt. Da 
gibt es Kolonien mit voller Selbstverwaltung wie Australien, Kanada, Ost- 
indien; mit teilweiser Selbstverwaltung wie Malta; ohne Selbstverwaltung 
wie Gibraltar; von privilegierten Kompagnien verwaltete wie Rhodesia; 
förderierte Protektorate wie das Basutoland; Schutzgebiete wie das Somali- 
land ; aber alle diese Hunderte von Staaten und staatlichen Gebilden sind in 
allmählichem Aufstieg zu jener bürgerlichen Freiheit, welche das Mutterland 
selber genießt, und Australien steht schon fast ebenbürtig neben ihm. 
Calviner und Puritaner haben zuerst ihre Kirchen repräsentativ gestaltet 
und diese Gedanken auf den Staat übertragen. So ist England das Heimat- 
land der Volksrepräsentation und damit der staatsbürgerhchen Freiheit ge- 
worden. 

Aber dem Engländer ist doch auch ein wenigstens ebenso starker Sinn für 
Ordnung und Gesetze eigen, ohne welchen Individualismus nicht zur Staats- 
begründung führen kann und ohne den gerade ein Staatswesen wie das eng- 
lische undenkbar wäre. Und wie im politischen, so unterwirft sich der Angel- 
sachse auch im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben dem härtesten 
Zwang. Bedingungsloser als wir vor einem blanken Schutzmannshelm beugt 
er sich vor Sitte, Herkommen und Allgemeinbeschluß. Der Maurer legt unter 
keinen Umständen mehr als 720 Steine täglich. Warum ? Die Gewerkschaft 
befiehlt es so, weil der Stärkere dem Schwächeren das Leben nicht erschwe- 
ren soll. 

Das ist der Grund, weshalb in dem freiheitliebenden England eine so 
autokratische Einrichtung wie die H. nicht nur möglich, sondern erfolgreich 
war. Es macht doch schließlich in betreff des Gehorsams keinen Unterschied, 
ob man als Untertan eines Kaufmannskönigs mit Zylinder und schwarzem 
Rock oder mit H.-Kappe und -Uniform als Offizier des Generals morgens 
um 9 Uhr durch die Queen Victoria Street der Londoner City hastet. Kann 
es überhaupt größere Autokraten geben als diese Citypotentaten oder ihre 
amerikanischen Brüder, die Petroleum-, Stahl- und Eisenbahndespoten! 
Aber, und das ist das Besondere, der Angelsachse weiß ihnen zu dienen ohne 
Servilismus. Gegenseitige Wertschätzung der oberen und unteren Klassen, 

14* 211 



das ist die charakteristische Note des engHschen Verkehrs. Wenn irgendeine 
Nation kein Recht hat, die Salutisten des Kadavergehorsams anzuklagen, 
wahrhaftig, dann ist es die deutsche, die bedenken sollte, wieviel näher sie 
dem alten Byzanz wohnt als die englische. 

Unterordnung, die Seele des Mihtarismus, ist also durchaus nicht uneng- 
lisch; aber auch die militärische Form selber nicht. Ich halte den Briten für 
wenigstens ebenso militärisch wie seinen preußischen Vetter. Militarismus 
und Patriotismus sind untrennbare Begriffe; denn ohne physische Gewalt 
kann ein Staat nicht bestehen. So schheßt die Vaterlandshebe, die sich beim 
Engländer bis zum imperialistischen Rausch steigert, ohne weiteres die 
Liebe zu Militär und Militärischem in sich. 

Man wendet mir ein, daß in England noch das bei uns schon durch Scharn- 
horst 1807 abgeschaffte Werbesystem herrsche, daß selbst die englischen 
Offiziere sich ihrer Uniform schämen und sie nur im Dienste tragen, daß 
selbst eine Küchenmagd sich mit einem enghschen Soldaten nicht sehen 
lassen will, daß England, obwohl es über eine Milharde (= doppelt so viel wie 
Deutschland) für sein Heer ausgibt, nicht nur die schlechtesten Soldaten der 
Welt hat, sondern trotz luftiger und gesunder Kasernen mit Bibliotheken, 
Gesellschaftsräumen und Sportplätzen und trotz vorzüglicher Verpflegung, 
bei einer Mindestlöhnung von i bis 1,75 Mark den Tag nicht einmal genügend 
Rekruten findet. All dies gebe ich zu; aber es gilt nur vom Landheer, das für 
eine Insel wie England überflüssig ist, nicht von der Marine. Die englische 
Marine ist nach Anzahl und Tüchtigkeit sowohl der Schiffe wie der Mann- 
schaften die erste der Welt. An die Stelle unserer Wehrpflicht tritt der natür- 
hche Hang einer seefahrenden Nation. So ist der Marinesoldat nicht nur völlig 
frei von dem Makel, welcher dem Landsöldnertum anhaftet, sondern überall 
geachtet. Für seine Blaujacken ist der Engländer ebensosehr begeistert, wie 
der Deutsche für seine Infanterie, Artillerie oder Kavallerie, und so darf ich 
wiederholen, daß man, wenn auch in anderer Form, jenseits des Kanals 
ebenso militärisch ist, als bei uns. 

Es ist demnach kein Wunder, daß W. Booth und seinen Mithelfern 1878 das 
bloße Wort ,, Armee" zu einer Offenbarung wurde, daß man femer ,,nach 
langem und sorgsamem Studium des Handbuchs der britischen Armee" 
(197, 29) mit kindlich fieberhaftem Eifer daran ging, sich militärisch zu or- 
ganisieren, und auch vor der äußersten Konsequenz, der Uniform, nicht 
zurückschreckte. Daß der eine die, der andere jene Kleidung trug, hatte so- 
wieso schon zu Unträglichkeiten geführt. Eine einheithche Regelung, welche 
der Einfachheit wie der Gesundheit, dem Amte wie den Forderungen des 
täglichen Lebens gleichviel Rechnung trüge, schien erwünscht. Vorbilder 

212 



hatte man genug; Quäker und Puritaner waren vorangegangen. In Westend 
zogen die Herrschaften ihren Bedienten, Pferden und Schoßhunden eigene 
Livree an. Windsor gegenüber, am Themse-Ufer, stolzierte und stolziert heute 
noch der Etonboy und zukünftige Staatsminister mit breitem, emporstehen- 
dem, umgeklapptem Halskragen, schwarzem Jakett und niedrigem Zylinder 
im Schatten der ehrwürdigen Ulmen jenes Stiftes, mit seinen verschnörkelten 
Giebeln, seiner gotische Kirche und dem alten Kreuzgang. An das Heer der 
Angestellten könnte ich erinnern, vom Liftjungen aufwärts bis zum Direktor 
eines Beerdigungsinstituts, an den Speaker im Parlament, der immer noch 
unter der Last seiner Allongeperücke schwitzt, und tausend ähnhche Erschei- 
nungen im englischen Leben. Aber es regt sich ja heute über die bescheidene 
und unauffälhge Kleidung der Salutisten wohl niemand mehr auf. Das war 
einmal, und seltsamerweise war es besonders eine gewisse Dame, welche doch 
in den Ballgarderoben ihrer Kreise einen näherliegenden Gegenstand ihrer 
Kritik hätte finden können. 

Schon Kolde erscheint es nicht unwichtig, zur Erklärung des späteren 
Gegensatzes in der H. gegen alles, was mit Wahl und Abstimmung zusammen- 
hängt, daran zu erinnern, daß W. B. zuerst in einer Organisation gewirkt 
hat, die auf breitester, demokratischer Grundlage beruht (174, 13). Diesen 
demokratischen Charakter hat der Methodismus, wie gesagt, gegen den 
Willen Wesleys allmählich angenommen, und die vielen Spaltungen gehen 
ausnahmslos aus den organisatorischen Streitigkeiten hervor. W. B. hat die 
ganze Schwäche dieses Systems bitter an sich fühlen müssen, erst bei den 
Wesleyanern, dann bei den Reformern und endlich bei den Neubündlem. 
So war es natürlich, daß er in seiner ,, Christlichen Mission" allerlei tastende 
Versuche machte, eine neue Organisation zu schaffen, ohne aber mit den 
methodistischen Überlieferangen zu brechen, auch darin ein echter Englän- 
der, der in seinem Konservativismus ein Meer von Tinte erschöpft, um 
Zeitungsartikel zu schreiben, wenn in einer öffentUchen Anlage ein Baum ge- 
fällt werden soll. Ebenso echt enghsch ist es aber, daß er, als er die Unmög- 
lichkeit einer derartigen Organisation eingesehen und durch eine glückliche 
Idee auf eine neue gekommen war, ohne sich zu besinnen und ganz radikal 
an die Begründung der heutigen, mihtärischen Ordnung ging, die er in etwa 
12 Monaten geschaffen und eingeführt hatte. Die Orders von Oktober 1878 
kodifizieren die Neuordnung, und die Einleitung des Büchleins erhebt sie in 
begeisterten Worten. Mitgespielt hat bei dem ganzen Vorgange und in der 
folgenden Entwicklung ganz sicher auch i. die kriegerische Ausdrucksweise, 
welche die Bibel zuweilen anschlägt, 2. die persönliche Hinneigung des Grün- 
ders zu militärischen Ausdrücken — man lese nur den ersten von ihm er- 

213 



haltenen Brief an einen Freund in Nottingham aus dem Jahre 1849 — 3. und 
vor allem aber sein autokratischer Charakter. Booth kommt auch darin auf 
Carlyle, der von Volkssouveränität nichts wissen will. „Was nützt es dem 
Arbeiter," sagt Carlyle, „daß er den zwanzigtausendsten Teil an dem Natio- 
nalgeschwätz hat ! Die Mannschaft eines Schiffes kann sich nach den besten 
Abstimmungsmethoden der Welt verständigen, es wird darum nicht ge- 
lingen, das Kap Hörn zu umschiffen." Daß die hierarchische Ordnung der 
katholischen Kirche oder gar der Jesuitenorden zum Vorbilde gedient 
habe, ist nicht nur eine unbeweisbare, sondern auch ungereimte Behauptung; 
denn die Gründer der H. kannten diese Institutionen nicht. Die Ähnlichkeiten 
und die Erwähnung der kathoUschen Kirche in der Einleitung zu den Orders 
vom Jahre 1878 sind durchaus zufällig. Besser wäre es gewesen, auf die Un- 
möglichkeit hinzuweisen, der Kirche des versunkenen Zehntels eine demo- 
kratische Verfassung zu geben ; denn die Autokratie eines W. Booth beruht 
letzten Endes ebenso wie diejenige des russischen Zaren auf der Unmündig- 
keit des Volkes, das sie leiten. Wenn W. B. nur Konsistorialräte um sich ge- 
habt, hätte er auf Autokratie gerne verzichtet. Seinen Trinkern und Dirnen 
gelüstete es nicht nach Stimmrecht; körperlich und geistig nicht selten 
minderwertig, hätten sie damit auch nichts anzufangen gewußt. So ist also 
auch hier der religiössoziale Charakter der H. der Schlüssel zur restlosen Er- 
kenntnis, und darum wird auch die H., solange sie H. bleibt, an einer auto- 
kratischen Regierung festhalten müssen. Übrigens ist diese Autokratie nicht 
schrankenlos. Man sorge dafür, sagen schon die Orders vom Jahre 1878, von 
Anfang an jene vollkommene Unbenommenheit und Freiheit in der äußeren 
Form des Gottesdienstes aufrecht zu erhalten, die uns immer eigen war 
(Seite 41). Keine Verordnung soll so aufgefaßt werden, daß sie diese voll- 
kommene geistige Freiheit, die unumgänglich notwendig ist, behindert oder 
beschränkt (Seite 91). Kein K.-O. hat Verurteilung für irgend eine Durch- 
brechung der Verordnungen zu fürchten, wenn es sich erweist, daß diese 
unter dem Einflüsse Gottes geschehen ist und das Werk gefördert hat 
(ebenda). Ich halte es nach alledem mit Prof. Dr. Harnack, der sagt, die H. 
hat Großes erreicht und darf aus ihren Erfolgen das Recht ihrer eigentüm- 
Hchen Konstitution beglaubigen (1910, 6, 4; vgl. auch 160, 15). 

Als letzte und vielleicht auch interessanteste formale Eigentümlichkeit 
Lbleibt nun noch die Methodik der H. zu betrachten, die immer wieder den 
Stoff zu würzigen Zeitungsartikeln und tollen Übertreibungen hat liefern 
und als unchristliches Treiben das schärfste Verdammungsurteil hat ertragen 
müssen. Daß der Kapuziner Mathew und der Hochkirchler Lowder schon vor 

214 



der H. sich dieser Methode bedient, und daß der Anglikanismus sie in der 
Church Army, der deutsche Protestantismus in der Stoeckerschen Stadt- 
mission nachgeahmt hat, und daß Prof. Dr. Faßbender eine Art katho- 
lischer Heilsarmee empfiehlt ; das, um die nächstliegenden Dinge anzuführen, 
hat die Kritiker ebensowenig stutzig gemacht als die ungeheuren Erfolge 
der Armee, die sie selber zugeben, und die doch, wenigstens über die Zweck- 
mäßigkeit, allein endgültig entscheiden. Heben wir die Hauptmerkmale der 
Methodik heraus und betrachten wir den Salutismus der Reihe nach als eng- 
lisches, modernes und freies; aggressives, individuelles und praktisches; 
singendes, musizierendes und predigendes Christentum ! 

Wohlwollende Berichterstatter und nicht zuletzt auch solche, denen wegen 
ihrer farbenreichen Schilderung das Gewissen schlägt, schließen gerne mit 
dem Satze: Mag diese englische Art auch deutschen Gemütern usw. Es ist 
ein wohlfeiles Mittel, seine Unwissenheit dadurch zu verbergen, daß man das, 
was man nicht versteht, hinter dem man aber instinktiv etwas Besonderes 
vermutet, als ,, englisch" ausgibt. Ich gebe zu, daß die H. allerlei Englisches 
an sich hat, und will wie bisher so auch hier gerne nachdrücklich darauf hin- 
weisen. Tief im englischen Volkscharakter liegt der Sinn für das Mechanische. 
Man betrachte nur die uhrwerkmäßige Art, wie im englischen Haushalt 
und seiner Dienerschaft alles geordnet und strenge Arbeitsteilung durch- 
geführt ist. Und so findet man auch auf religiösem Gebiet und gerade beim 
Höchsten und Tiefsten etwas, was wenigstens uns Deutsche an Fabrik und 
Maschine erinnern mag. Jenseits des Kanals herrscht eben der „Common 
sense^^ — der gesunde, nüchterne Menschenverstand auf allen Gebieten. 
Ferner trägt aber auch das ganze kirchliche Leben in England einen eigen- 
tümlichen, sagen wir akuten, drastischen und sensationellen Anstrich, und 
wo wir uns gerne mit unserm Empfinden zurückziehen, spricht der Angel- 
sachse sich mit einer gewissen Naivität offen aus. Erst 1902 starb der Ver- 
lagsbuchhändler Kensit, ein Führer der Niederkirchlichen, an den Folgen 
eines Steinwurfs, den er bei einem Tumult in Liverpool erhielt. Nun führt 
sein Sohn das Werk des Vaters fort und stört den Gottesdienst der Ritua- 
listen, indem er bei Erhebung der Hostie in die Kirche ruft : ,,Das ist Götzen- 
dienst, verlaßt den Balstempel" oder indem er Umzüge hält mit Fahnen, 
auf denen die Sünden der Staatskirche mit den grellsten Farben verzeichnet 
stehen. 

Der Trieb, jedes Ding auf die Spitze zu treiben, d. h. in diesem Fall das 
,,Korybantische Christentum" (Huxley) steckt eben den Söhnen Albions im 
Blute. Ungeheuerlich und grotesk ist sodann auch das englische Reklame- 
wesen und dabei so volkstümlich, daß es niemanden befremdet, es auch in 

215 



dezenter Weise für Religiöses zu verwenden. Die Bahnhöfe sind überdeckt 
mit Plakaten, so daß man die Namen der Stationen nicht findet. Auf Bau- 
stellen erheben sich in den Städten riesenhafte Bretterwände mit gewaltigen 
Bildern und Schriften, und wenn es bei uns schon etwas Besonderes ist, wenn 
ein Geschäft einen Mann mit einem Plakat auf Brust und Rücken durch die 
Straße schickt, so muß der englische Kaufmann, um diesen Eindruck zu er- 
zielen, schon ein Dutzend Leute im Gänsemarsch gehen lassen. Massen- 
versammlungen und Prozessionen im Hyde Park oder auf Trafalgar Square 
gehören zum festen Bestand des Londoner poHtischen Lebens. Musikkapellen 
ziehen voraus, und oft bearbeiten 20—30 Redner zu gleicher Zeit das sich 
drängende Volk. Als 1904 im Frühjahr die Zollreform in Frage war, führte 
eine liberale Massenprozession, gegen Chamberlains Programm Verwahrung 
einlegend, auf einer Picke aufgesteckt einen winzig kleinen Brotlaib, während 
dahinter in schwarzem Sarge das große, bisher gegessene Brot getragen wurde. 

Ohne Zweifel ist die H. durch diese und ähnliche Eigentümlichkeiten be- 
einflußt. Aber das erklärt doch noch verhältnismäßig wenig, und wenn 
Nietzsche vollends den Salutismus als ein letztes Aufflackern von mittel- 
alterlicher, rehgiöser Neurose (Jenseits von Gut und Böse, Absatz 47) erklären 
will, so gibt es dafür keine andere Deutung als die geistige Verwirrung, welche 
schon damals ihre Schatten auf den Philosophen warf, als er dies schrieb. 

Der Salutismus ist im Gegenteil nicht ein Nachwirken früherer Jahr- 
hunderte, sondern „ein Erzeugnis des gegenwärtigen Jahrhunderts, und als 
solches versucht er, sich den Bedürfnissen desselben anzupassen" (1901, 
49, 4) und eine echt moderne Religion zu sein. ,,Die Entstehung der H.," sagt 
Frau Cath. B., ,,war notwendig. Wer das und unser Vorgehen begreif en will, 
der muß vor Augen behalten, welchen Lebensbedingungen die Menschen- 
massen unterworfen sind, unter denen zu arbeiten wir den Ehrgeiz haben" 
(23, i). ,,Aus dem Volke hervorgegangen, geht die H. wieder ins Volk hinein 
mit solchen Methoden, wie sie den Verhältnissen derjenigen entsprechen, die 
sie erreichen und retten will" (Deutsch. Liederbuch, Umschlagseite). Der 
religiössoziale Charakter ist also auch hier wieder das Ausschlaggebende ge- 
wesen. ,,Ich erklärte," sagt der Gründer, ,,dem Könige (Eduard VIL bei 
einer Audienz), wie die Gleichgültigkeit der untersten Klassen gegen die 
gewohnten rehgiösen Veranstaltungen uns dahin geführt haben, zu den Leu- 
ten hinzugehen in Form von Straßenpredigten, Prozessionen und Musik. . . . 
Wohl sahen viele anfänglich alles als ein höchst possenhaftes und extra- 
vagantes Unternehmen an ; aber die Leute, die keine Lust verspürten, in die 
altherkömmlichen, gottesdienstlichen Stätten zu gehen, kamen gerne, wenn 
der Gottesdienst in Theatern und ähnlichen Lokalen abgehalten wurde" (1910, 

216 



23, 7)- ^^t Recht schreibt also die Kölnische Volkszeitung (Nr. 347, 26. April 
1905): „Die Leiter der H. verstehen sich auf Volkspsychologie ; sie wissen 
.... sich den Gepflogenheiten derjenigen Volksklassen anzupassen, auf 
welche ihre Wirksamkeit besonders berechnet ist." Auch der Verfasser gibt 
ihnen gerne Zeugnis, daß sie eifern um Gott, nicht mit Unverstand, wie es bei 
Paulus heißt (Rom. 10, 2), sondern mit großem Verstand ^ Sie dürfen sich 
rühmen, ,,in unserm System liegt mehr Göttliches, als manche glauben, und 
in unsern Methoden mehr Philosophie, als vornehme Kritiker bei oberfläch- 
licher Betrachtung finden" (145, VII). ,,Es kann kein größerer Fehler be- 
gangen werden, als anzunehmen, daß die H. nicht eine Schule des Denkens 
sei," versichert ihr Gründer; ,,wir haben vielleicht mehr Theorien entwickelt 
und mehr Pläne erfunden, als irgendeine andere bestehende, religiöse Be- 
wegung" (Brief vom 80. Geburtstag). Die H. ist eben allen alles geworden. 
Freilich bleibt dabei die Frage offen, ob man in dieser Anpassung nicht zu 
weit gegangen ist. Das allerdings ist wohl für die ersten Jahre nach Kon- 
stituierung der Armee zu bejahen. Man lese nur die Schriftchen von Corhridge 
(Nr. 59, 60 und 61) oder Anzeigen aus jener Zeit. 

Eine z.B. lautet: i. Ausstellung und Vorführung von Hallelujamädchen 
um 7 Uhr, 2. Abhaltung des großen Feuer- und Schwefelgottesdienstes 
7^/2 Uhr, 3. Ausführung des Hallelujagalopps um 8 Uhr, 4. Abfeuerung der 
großen Golgathakanone um 9 Uhr, 5. Herabkommen des heiligen Geistes 
um 10 Uhr, 6. Überwindung des Teufels um 11 Uhr — das ist das kräftigste 
mir bekannte Beispiel (siehe 73, 214). 

Die Gerechtigkeit zwingt jedoch, hinzuzufügen, daß man auch damals 
schon solche Dinge als Entgleisungen empfand und daß z. B. die Gründer in 
jener Zeit selbst den eigenen Sohn Bailington dieserhalb einmal scharf 
zur Ordnung wiesen. 

Vergleicht man den Salutismus mit dem Methodismus und erst recht mit 
dem Quäkertum, so muß man ihm eine geradezu bewunderungswürdige Be- 
sonnenheit nachrühmen, und auch das beruht meines Erachtens wieder dar- 
auf, daß die vorangehenden Bewegungen keine Frau gehabt haben, welche der 
Mutter der H. irgendwie ebenbürtig wäre. 30 Jahre sind nunmehr ins Land 
gegangen, seit Corhridge schrieb und Pastor Funcke diese Plakate las. Die 
heutigen Salutisten kennen solche Dinge kaum noch vom Hörensagen, und 
wer keine schlimmeren Jugendsünden oder besser Überschwenglichkeiten 
zu beklagen hat als die H., gut: der werfe den ersten Stein auf sie! Gerade 
die Theologen sollten die Geschichte ihrer Kirche oder Gemeinschaft zur 

^ Vergl. auch J. O. Bairstow, ,,Sensational Religion", London 1890, 104, eine ge- 
schickte Verteidigung der H. Methode. 

217 



Hand nehmen und — klug schweigen ; denn ich fürchte, daß dort noch ganz 
andere Sünden stehen als die übergroßen Eifers. 

Das dritte Charakteristikum der H.-Methode ist die echt evangelische Fm- 
heü,deT eben Methode Methode, d. h. etwas Nebensächliches ist. ,,Wenn der 
Geist, das Leben der H. einmal erlöschen sollte, so werde ich Gott bitten, daß 
er sie begraben möge," erklärt W. B. (1907, 42, 5). ,, Mögen unsere alten Meth- 
oden vergehen, wenn wir nur bessere an ihre Stelle setzen. Die Art und Weise 
läßt sich ja nach Umständen und Gelegenheiten ändern. Die Grundlagen 
aber sind unveränderlich und ewig" (1903, 30, 5). ,,Wir haben 11 Jahre lang 
verschiedene Methoden versucht und diejenigen sofort über Bord geworfen, 
die unsern Erwartungen nicht entsprachen .... und ich bin heute abend 
hier, um zu überzeugen, daß wir an keinen Plan, an kein System irgend- 
welcher Art gebunden sind" (75, 26). Seine Gattin erklärte kurz und bündig: 
,,Ich bin nicht verheiratet mit irgendeiner Form oder Maßnahme", und sie 
beweist die vollkommene Freiheit in diesen Dingen aus der heiligen Schrift : 
„Alle Formen, Beschneidung oder Nichtbeschneidung, Getauft- oder Nicht- 
getauftsein, zum Abendmahl gehen oder nicht, all das ist nichts ohne den 
Geist. An den leeren Formen festhalten, an dem Glauben an Jesus, ohne 
etwas zu wissen von seinem Geiste, das ist's, was so viele Tausende sogenann- 
ter Christen den Juden gleichmacht, wie sie in den Tagen Jesu waren. Es 
gibt keine ewig bindenden Formen, die im Neuen Testamente vorgeschrieben 
wären" (vgl. 18, Adaption of measures). Dieser Theorie entspricht die Praxis. 

Wenn man schon von den Engländern im allgemeinen sagt, sie seien in der 
Kirche ganz at home {= zu Hause) — man findet z.B. nichts darin, kleine 
schreiende Kinder mit in den Gottesdienst zu nehmen — , so gilt das besonders 
von den Salutisten, denen die Halle ihre eigentliche Heimat ist. Offiziere und 
Soldaten sind jeden Abend und den ganzen Sonntag in demselben Räume; 
einer kennt den andern ganz genau, und so fand ich vielerorts ein gewisses 
Sichgehenlassen bei den Versammlungen, das mehr als überflüssig ist. Über 
diesen Punkt aber sagen schon die Orders vom Jahre 1878: „Es ist ein über- 
aus ernster Bruch der Disziplin, wenn irgend jemand von der Plattform zu 
irgend jemand spricht oder ihm Zeichen gibt . . . jeder einzelne auf der Platt- 
form soll ein Musterbeispiel der Ordnung, der Aufmerksamkeit, des Eifers 
und der Ausdauer für alle Anwesenden sein. Vergeht sich irgend jemand da- 
gegen, so muß man Vorkehr treffen, daß es nicht mehr geschieht" (in, 85), 
d. h. man soll ihm den Aufenthalt an diesem bevorzugten Platz untersagen. 
Ich meine, jede Rücksicht sei da unangebracht, und die Offiziere sollten be- 
denken, wieviel Schaden der Armee dadurch zugefügt werden kann, wenn sie 
durch solche Nachsicht die Gunst auch nur eines einzigen Zuhörers verscherzen. 

218 



Der Ausdruck „aggressives Christentum" ist wohl zuerst von kirchlich- 
soziahstischen Kreisen Englands gebraucht worden. Christus, so sagen 
sie, habe durch seine Wunderkraft hauptsächlich physische Leiden geheilt 
und so seine Gegnerschaft zu der Tatsache bekundet, daß in England ein fast 
20 jähriger Unterschied im Durchschnittsalter der reichen und armen Klasse 
bestehe. So gütig und hilfreich er gegen die Armen gewesen, so streng, ja 
heftig sei er gegen die Reichen vorgegangen, und den politischen Charakter 
dieses ,, aggressiven" Vorgehens beweise jener Hymnus (Luc. I, 51—53) auf die 
soziale Revolution : Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die da stolz 
sind in ihrem Herzen. Er stürzt die Herrscher von ihren Thronen und erhebt 
die Niedrigen. Er füllt die Hungrigen mit Gütern, und die Reichen hat er leer 
weggeschickt (225, II, 166). Von ihnen mag Frau W. Booth den Ausdruck 
übernommen haben. Sie versteht unter ,,agressiv" folgendes: ,,Der Herr hat 
Befehl gegeben : Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium (Mark. 
16, 15). Wie steht es nun mit der Ausführung dieses Befehls? Er ist in der 
schrecklichsten Weise mißachtet worden. Der Satan hat die Christen dahin 
gebracht, das Evangelium mit Glacehandschuhen anzubieten: Wollen Sie 
nicht so freundlich sein, dieses Buch oder jenen Traktat zu lesen? Möchten 
Sie nicht vielleicht jenen behebten und volkstümlichen Redner hören? Er 
wird Ihnen gefallen, auch ganz abgesehen von Religion. Diese furchtsame 
Art, die Wahrheit an die Leute zu bringen, ist gerade das Gegenteil von dem, 
was der Herr fordert : Gehet hin und predigt das Evangelium aller Kreatur ! 
Das heißt nicht: Gehet hin und baut Kirchen und Kapellen und ladet die 
Leute ein hereinzukommen und wenn sie nicht wollen, so laßt sie laufen. 
Nein, du sollst sie aufsuchen. Und wen? Alle Kreatur. Es sollen alle gerettet, 
alle Christo unterworfen werden. Niemand aber läßt sich unterwerfen, wenn 
er es vermeiden kann. Es steht fest, daß ^/^ nicht kommen wollen. Dabei aber 
darf es nicht bleiben, wenn der Befehl des Herrn ausgeführt werden soll. 
Gehe aus auf die Landstraße und an die Zäune und nötige sie hereinzukom- 
men (Luk. 14, 23). Womit? Wodurch? Das ist eine Frage zweiter Ordnung 
und ziemlich gleichgültig, wenn sie nur kommen. Wir müssen und dürfen 
den Leuten keine Ruhe lassen, müssen zur Zeit und zur Unzeit auf sie ein- 
dringen, bis sie sich unterworfen und ihre Seelen gerettet sind, oder mit 
andern Worten, das Christentum muß aggressiv sein, wie es zur Zeit der 
Apostel gewesen ist" (vgl. 18, i. Rede). ,,Man wirft uns Lärm und Eklat vor, 
aber wenn man das Objekt ansieht, wird man erkennen, daß dies unvermeid- 
lich ist, weil wir diejenigen erreichen wollen, die auf andere Weise nicht zu 
erreichen sind. Man denkt gewöhnlich, wir hätten aus Liebhaberei zu unsern 
Methoden gegriffen, und vergißt dabei, daß wir uns ebenso aus Tradition alis- 

219 



mus und Konventionalismus heraushauen mußten, als unsere Ankläger es 
an unserer Stelle hätten tun müssen. Wir waren entschlossen, an das Volk 
heranzukommen, und deshalb haben wir zu den unter diesen Umständen 
allein möglichen Mitteln gegriffen" (23, 26). ,, Wollen die Leute nicht zu uns 
kommen," sagte die älteste Tochter von Frau W. B., ,,so müssen wir zu 
ihnen kommen, und zwar mit dem Benehmen, den Worten und den Methoden, 
die ihre Aufmerksamkeit zu fesseln vermögen" (75, 27). 

Wer also das agressive Christentum der H. verstehen will, muß wissen, 
daß ein tiefes, überwältigendes Gefühl, eine Freude, ein Schmerz, eine Über- 
zeugung unser Benehmen in einer Weise zu beeinflussen vermag, die uns 
selber ganz natürlich, andern aber theatralisch erscheint; er muß wissen, 
daß dieses Vorgehen nicht nur Frau W. B. Tränen der Überwindung aus- 
gepreßt hat, sondern daß heute noch ihre geistigen Töchter, oft frühere 
Dienstmädchen aus bäuerlichen Ständen, zittern und weinen und nur im 
Gebete sich die Kraft für ihr öffentliches Wirken erzwingen. Welcher Mensch, 
der von einer großen Idee beherrscht wurde, ist Philistern nicht wenigstens 
zuweilen lächerlich erschienen! Die Aggressivität der H. ist nicht das läp- 
pische Spiel von Kindern, sondern der Heroismus überragender Menschen. 
,,Seelenretten", sagt der Gründer (Rundschr. an die St.-O. vom Dez. 1900), 
,,hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Mag ich nicht in Demut sagen, daß 
es mich zu dem gemacht hat, was ich als ein Segen für meine Mitmenschen 
bin? Es erhob mich vor andern, als ich noch ein Knabe war. Es sonderte 
mich ab und machte mich zu einer großen Kraft Gottes. ... Es führte mich 
in die Welt hinaus, welche außerhalb der Kirche wogt und kämpft. Es 
machte die Pioniere der H., es macht die H. selbst. Keine Predigten, noch 
Zeremonien, noch soziale Anstalten oder Eifer irgendwelcher Art oder alles 
dies zusammengenommen würde uns, die wir kein Volk waren, zu einem 
Volke gemacht haben oder uns auf den erhobenen Leuchter gestellt haben, 
den wir heute einnehmen, wenn dies alles nicht verbunden gewesen wäre 
mit dem unauslöschhchen Feuer der Liebe für die Seelen." 

Hätte die Welt doch mehr von diesem englischen ,, Spleen"! Das ganze 
rehgiöse Leben trägt dort diesen aggressiven Charakter. In den Wartesälen 
der Bahnhöfe fand Pastor Funcke Bibelräder. Ein Zug am Griff und es er- 
schien irgendein Schriftwort. In den Hotels traf er nicht selten die Bibel 
im Schlafzimmer und an der Wand fromme Sprüche. Riesige Anzeigen laden 
an aUen öffentlichen Plätzen zu besonderem Gottesdienste ein. In der Guild- 
Hall zu London steht an der Wand: Herr, führe Du uns! Wir und alles was 
unser ist, sind des Herrn. Aus dem Giebelfeld der Börse grüßt das Schrift- 
wort: Die Erde ist des Herrn und was drinnen ist. Auf der Straße drückt 

220 



man einem Traktate in die Hand, und an den Ecken sieht man bald 
hier imd bald dort Prediger auf die Menge einreden. Das Auftreten der 
H. mag nicht jedem Geschmack entsprechen; aber über die Zweckmäßig- 
keit kann nur der urteilen, der auf ähnlichen Gebieten gewirkt hat. Die 
H. selber aber weiß jedenfalls sehr wohl, warum sie sich mit Railton den 
aggressiven Geist ängstlich zu wahren und als ein kostbares Himmelsge- 
schenk zu behüten sucht. 

Mit dem Charakteristikum des Aggressiven ist ein weiteres von selbst ge- 
geben : das praktische Christentum. „Daß die Wahl unserer Formen und Zere- 
monien den Bedingungen und Verhältnissen der Zuhörer angepaßt sind, 
das ist das einzige, was der große Völkerapostel verlangt. Was die Leute am 
besten anzieht und zusammenbringt, das wird auch das beste sein. Alle 
Maßregeln, welche die Menschen mit Rücksicht auf diese Welt einschlagen, 
dürfen auf das Reich Gottes übertragen werden, wenn sie nur gesetzlich und 
gut sind." So Frau B. (23, 45) und ähnlich das H.-Q. Berlin : ,,Die H. gebraucht 
jedes erlaubte, anständige und vernünftige Mittel, um die Seelen auf Gott 
aufmerksam zu machen, mag es vorher zu religiösen Zwecken benutzt worden 
sein oder nicht. Wir sehen nicht ein, warum die Rehgion immer als Aschen- 
brödel dabeistehen und zusehen soll, wie die Errungenschaften der Neuzeit 
zu ungöttlichen Dingen mißbraucht werden. Selbst verständhch verbieten 
die Regeln unsem MitgUedern solche Mittel, die geeignet sind, die Gefühle 
Andersgläubiger zu verletzen oder die Sache lächerlich oder verächtlich zu 
machen" (155, 35). 

Dieses praktische Christentum der H. äußert sich vor allem in der hohen 
Wertschätzung der individuellen Tätigkeit. Alles, was die H. unternimmt, 
nicht minder auf religiösem als auf sozialem Gebiet, ist Mosaik- und Gärtner- 
arbeit. Jedem, auch dem Verkommensten, wird ein liebevolles, persönliches 
Interesse, ein warmes Herz entgegengebracht. Freundhch legt man den Arm 
um den an der Bußbank Knienden und betet und bespricht sich mit ihm. 
So wird diese zu einer Art Beichtstuhl, nur daß die Beichte viel rückhaltloser 
und persönlicher ausfallen kann als bei Katholiken, weil sie an keinerlei 
Förmhchkeit gebunden ist. Nicht zuletzt auch durch diese liebevolle Klein- 
arbeit haben die Salutisten sich das Glück in so hohem Maße dienstbar ge- 
macht. ,,Ich glaube," sagt ihr Gründer, ,,daß jene, die mich am besten 
kennen .... meinen Erfolg .... dem Umstände zuschreiben, daß ich ein 
Mann von Gefühl bin .... Meine ganze religiöse Laufbahn ist durch das 
Mitsprechen der Gefühle charakterisiert worden, und ich verdanke dieser 
Tatsache zum großen Teil meinen Erfolg" (Brief vom 80. Geburtstag). Der 
einzige Weg, die Gesellschaft besser zu machen, ist der, ihre einzelnen Glieder 

221 



zu bessern (War Cry 27. Februar 1886). Jene, die in so gewichtigen Worten 
über Demokratie und Menschlichkeit reden, vergessen meist das Individuelle. 
Das Persönliche ist nur ein Glied in der Kette des Lebens, und gar viele 
denken, daß ein Glied nichts zähle In jedem sah Jesus einen unschätz- 
baren Diamanten; ob er unter den Sünden eines Ausgestoßenen hervor- 
schimmerte, ob er inmitten der Lumpen eines Lazarus, oder ob er aus den 
lasterhaften Leidenschaften einer gefallenen Magdalena herausstrahlte; das 
Auge des Menschensohnes sah und schätzte ihn" (155, VI; vgl. 16, 32 ff.). 

Auch Owen glaubt, daß die sozialen Leiden weder durch Gewalt noch 
durch Gesetzgebung beseitigt werden könnten, sondern nur durch innere 
Umwandlung des einzelnen Menschen. Die soziale Frage sei im Grunde ge- 
nommen eine moraHsche Frage. Ähnlich Carlyle und die ganze englische 
Genossenschaftsbewegung, in deren Bannkreis der General offenbar mit 
seinen Gedanken steht. Seine Erfolge und diejenigen vieler sozialer Unter- 
nehmungen z.B. des Elberfelder Armenpflegesystems geben ihm unbedingt 
Recht. Hier liegt der springende Punkt, weshalb die H. so vielfach andere 
religiöse Bestrebungen und immer die staatlichen an Erfolg weit übertrifft. 

Eine besondere Beachtung haben bei allen H. -Kritikern von jeher ihr 
Gesang, ihre Musik und ihre Predigt gefunden ; aber gerade hier hat man 
das Wichtigste für die Beurteilung unterlassen, nämlich sich die Ausnahme- 
stellung klarzumachen, welche das englische Volk in diesen Dingen unter 
den Völkern Europas einnimmt. ,,Was noch am humansten Engländer be- 
leidigt," sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse, Absatz 252), ,,das ist sein 
Mangel an Musik .... Er hat in den Bewegungen seiner Seele und seines 
Leibes keinen Takt und Tanz, ja nicht einmal die Begierde nach Takt und 
Tanz, nach Musik. Man höre ihn sprechen; man sehe die schönste Englän- 
derin gehn; — es gibt in keinem Lande schönere Tauben und Schwäne — 
endlich, man höre sie singen! Aber ich verlange zuviel . . . ." 

Nietzsche schießt gerne übers Ziel hinaus und tut es auch hier. Es ist 
wahr : „Frisia non cantat", und das trifft auch auf den niederdeutschen Stamm 
der Engländer zu, in welchem sich friesisches Blut mit angelsächsischem, 
dänischem und normannischem Blute gemischt hat. „Die Engländer sind 
nicht nur nicht musikalisch, sondern entschieden antimusikalisch" (194, 
29). Doch fehlt es ihnen, wie mir alle Kenner Englands im Gegensatz zu 
Nietzsche zugeben werden, nicht an Liebe zur Musik, sondern, wenn ich mich 
so ausdrücken soll, an Gegenliebe. In unserm Zusammenhang kommen mehr 
die altern Zeugnisse in Betracht (vgl. dafür 65, III, I43ff.)- Jony. Adrian 
und V. Rosenberg machen da interessante Mitteilungen über die außer- 
ordenthch entwickelte Neigung der Engländer für Musik und Gesang. Und 

222 



zwar ist diese bei den untern Klassen in demselben Maße vorhanden, wie in 
den höheren. Goede sagt : „Vorzüglich bemerkt man eine beinahe leidenschaft- 
liche Vorliebe für Musik unter den rohen Volksklassen. Jeder noch so unreine 
Leierton auf einer Londoner Straße lockt den englischen Pöbel aus allen 
Schlupfwinkeln herbei und in wenigen Augenbhcken sieht sich der wandernde 
Musikant von einem Haufen schmutziger Zuhörer umgeben, die mit freu- 
digem Entzücken die Harmonien seines Instruments in sich ziehen." Aber 
hervorragende Komponisten, Musiker und Sänger hat England bis in die 
neueste Zeit nicht hervorgebracht. Dafür jedoch genießt die italienische und 
deutsche Musik die höchste Wertschätzung. Nach dem Berichte Rosenbergs 
hörte man auf jeder Drehorgel und aus jeder Gurgel von alt und jung die 
Weberschen Kompositionen, z.B. Wir winden dir den Jungfernkranz. Händel, 
von den Engländern sehr gefeiert, lebte von 1710— 1759 in England und ist 
in der Westminster- Abtei beigesetzt worden. Musikhallen haben seit den 
Tagen der berühmten und berüchtigten „Folly" — ein Musikschiff auf der 
Themse im 17. und 18. Jahrhundert — bis auf den heutigen Tag die Londoner 
in ihren Bann gezogen. Noch bedeutender aber ist die Rolle der Straßen- 
musik, so daß /. Rodenberg behauptet : ,,Es wird in keiner Stadt der Welt auf 
der Straße so viel musiziert als in London" und Dühren fährt fort: ,, Jeder 
wird bei einem Aufenthalt in London bestätigen, daß dieses vor 50 Jahren 
gefällte Urteil noch jetzt zu Recht besteht. In gewissen Stadtteilen vergeht 
kaum eine Viertelstunde ohne Orgelspiel oder die Töne anderer Musik- 
instrumente, die sich oft in unmittelbarer Reihenfolge einander ablösen. 
Dabei ist es erstaunlich, welch unglaubliche Leistungen sich der Engländer 
gefallen läßt, ja wie er die lärmendsten Dissonanzen mit dem größten Wohl- 
gefallen anhört." Schon Hüttner, ein Deutscher, der in England am Ende des 
16. Jahrhunderts reiste, sagte: ,,Sie lieben ausnehmend jedes Geräusch, das 
sehr ins Ohr fällt; zum Exempel: Das Abfeuern einer Kanone, Trommel- 
schlag und Glockengeläut, so daß sehr oft eine Anzahl von ihnen, wenn sie 
ein Glas getrunken haben, auf einen Turm steigt und zur Bewegung stunden- 
lang läutet." Allerlei bemerkenswerte Einblicke dieser Art gibt auch das 
Buch von Frau Oberst Brengle, The (Salvation) Army Drum = Nr. 6. 

Was nun den Straßengesang betrifft, so geht der in England zurück auf die 
altenglische Ballade, deren tiefsinnige Poesie zuerst Th. Percy, Bischof von 
Drumore, durch seine berühmte Sammlung enthüllte und die so durch Herder 
und Goethe auch für die ganze deutsche Literatur von großer Bedeutung ge- 
worden ist. Die angelsächsischen Barden waren Dichter, Sänger und Harfner 
in einer Person. In Wales hießen sie ,,waits". Mit der normannischen Inva- 
sion kam der französische Ausdruck ,,minstrels" auf. Talvy rühmt in seinem 

223 



„Versuch einer geschichtlichen Charakteristik der VolksHeder germanischer 
Nationen" (Leipzig 1840, Seite 474) die rührende Einfachheit und das tief- 
zarte Gefühl der enghsch-schottischen Balladen; Dühren hebt die süße 
Schwermut und die elegische Romantik hervor. Im 16. Jahrhundert sinken 
die Minstrels in ihrem Ansehen herab zu gemeinen Bänkelsängern und Bier- 
fiedlem ; die besseren werden durch die gewerbsmäßig für den Druck schrei- 
benden und ihre Blätter selbst verkaufenden Poeten verdrängt. Shakespeare 
hat dem Volk noch manches gute Lied abgelauscht und in seine Werke auf- 
genommen. Am tiefsten stand der Straßengesang um die Wende des 18. Jahr- 
hunderts. Goede berichtet von Weibern, die einen Kramhandel mit Gassen- 
hauern treiben, von Haus zu Haus ziehen und ihre beliebtesten Poesien mit 
voller Kehle ausschreien. Wenn eine solche Hexengestalt auftrete und ein 
Solo intoniere, so öffneten sich in wenigen Augenblicken alle Küchentüren, 
jeder wollte eines der Lieder erbeuten, und die Betteljungen bildeten um die 
Virtuosin einen Kreis. ArchenhoUz nennt diese Weiber schamlos und den 
Text ihrer Lieder schmutzig und anstößig. Ein halbes Dutzend solcher Lieder 
reiche vielleicht hin, bei einem Dienstmädchen die guten Grundsätze ihrer 
ganzen Erziehung auszurotten. Talvy fällt um 1840 folgendes Urteil: ,,Die 
Balladen und Lieder sind meistenteils von der allerniedrigsten Art und ver- 
dienen nicht den Namen der Poesie. Manchmal trifft es sich wohl, daß 
irgendein gutes, neueres Lied aus einem gedruckten, populären Liederbuche 
oder irgendeine alte, einst berühmte Ballade sich mitten unter solche Sude- 
leien verirrt. Doch wäre dies bloßer Zufall. ... Je entsetzlicher ein Ereignis, 
je abscheulicher eine Handlung, je paßlicher wird sie für ein neues englisches 
Volkshed gehalten, und der Verbrecher, der sein Leben voller Schandtaten 
am Galgen endigt, wird durch seinen Tod der Bürger einer poetischen Welt 
(vgl. 64, 417). Heute mag es nicht viel besser stehen. Ich gebe zwei seiner- 
zeit in London sehr beliebte Lieder in Übertragung wieder, ein besseres und 
ein anderes. In „Sweet Minnie" kommt die herzliche, zur Sentimentahtät 
geneigte, sächsisch-deutsche Seite zum Ausdruck — man vergleiche den 
Elmar in Webers Dreizehnlinden! — in ,,Polly, won't you try me, oh?" ein 
anderes Merkmal der Londoner Volkspoesie, nämlich die Einschaltung zahl- 
reicher wohltönender, aber nichts bedeutender Worte, so daß einem das 
Ganze wie barer Unsinn erscheint. 

Sweet Minnie : Wenn die Sonne lacht in der Mittagspracht — Und die Luft 
sanft weht durch den Hain ; — Durch den Blütenduft über Wald und Kluft 
— Klingt ein süßer Ton nur herein : — O Minnie, schöne Minnie, komm über 
den Rain ; — Denn die Sonne lacht in der Mittagspracht — Und ein treues 
Herz wartet Dein. 

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In der stillen Nacht, wenn der Mond nur wacht — Und die Sterne mit 
sanftem Schein, — Klingt es leis', kaum gehört, daß es Mutter nicht stört — 
Durch das Fenster ins Kämmerlein : — Minnie, schöne Minnie, komm über 
den Rain ! — Dann flieg' ich von Haus wie ein Vöglein heraus — An das Herz, 
das da wartet mein. 

Polly won't you try me oh?: Drunten in Skytown lebt 'ne Magd — Sing, 
sang, Polly, hast Du mich lieb, oh ? — Buttern tat sie Tag und Nacht — Sing, 
sang ... — Sie hat' einen Burschen und der hieß Will — Sing, sang ... — Tat 
alles, was sein Vater wiU — Sing sang ... — Kimo Keimo. Wo. Ja so, mein 
Berg, mein Tal — Komm herein, komm herein — Ich wink' und blink' mit den 
Augen da — Sing, sang usw. 

Sie brauchte Will auf Leben und Tod, — Sie wollte ihn frein, was der Vater 
verbot, — Sie kaufte ein Messer in großem Gram, — Sie brach ihr Herz und 
das Leben sich nahm — Kimo, Keimo usw. 

Und weil ihr Tod das Herz ihm trifft, — So ging er heim und schluckte Gift, 
— Was das Bauemvolk sehr lustig fand, — Man kommt nicht so leicht ins 
gelobte Land! — Kimo, Keimo usw. 

Diese wenigen Angaben werden uns das Verständnis des H. -Gesanges er- 
leichtem, auf den von der Armee selber ein großes Gewicht gelegt wird. 
Luther und Wesley sind W. B. in dieser Wertschätzung vorangegangen; aber 
der General übertrifft sie noch bei weitem. Mir ist keine religiöse Bewegung 
bekannt, welche dem Salutismus darin gleich käme. Vor etwa 30 Jahren war 
bei einer H.-FeierHchkeit in England ein Pfarrer, Dr. Fulton, zugegen, der 
von dem Jubel und der Freudigkeit der Salutisten einen solchen Eindruck 
bekam, daß er ausrief: Diese Leute werden sich noch um die ganze Welt 
herumsingen. 

25 Jahre später besuchte er in London ein H. -Jahresfest im Krystall- 
palast, und als er dort Salutisten aus aller Herren Ländern sah: Deutsche, 
Franzosen, Schweden, Schweizer, Holländer, Italiener, Amerikaner, Indier, 
Zulus usw. brach er in die Worte aus : Ehre sei Gott in der Höhe, sie haben 
es getan (138, 24; 1911, 46, 8). Augenfälliger als durch eine solche Demon- 
stration kann man auch wohl den Einwürfen der ,,secular Music" (11, 10) 
nicht begegnen. Der Teufel hat nach W. B. kein Recht auch nur auf eine 
einzige Note (ebenda). Die Stärke des Gesanges erscheint ihm ebenso an- 
ziehend wie dessen Liebhchkeit und HaiTnonie (118, 35). Auf Kongressen 
ließ er nicht selten aUe Nationen zu gleicher Zeit dasselbe Lied jede in 
ihrer Sprache singen oder auch 3000 Musiker zu gleicher Zeit spielen. 

'Die Melodien, besonders diejenigen der sogenannten Heilslieder, sind, wie 
überhaupt beim enghschen KirchenUed, sehr frisch und in einem flotten Ton 

15 Clasen, Der Salutismus 22^ 



gehalten. Sehr oft haben sie einen Kehrreim. Funcke sang seinen Kindern 
ein H.-Lied vor, und es saß gleich so fest, daß es von da an beständig aus dem 
Spielzimmer herausschallte {j^, 204). Im Ruhrkohlenrevier kann man heute 
noch nach 10 Jahren jenes in der Zeltmission gesungene Lied mit dem ver- 
ballhornten Text hören: ,, Herein, herein, herein in die Zeltmission! Schon 
wieder eine Seele gerettettettet." 

Für die Behauptung, daß die H. ihren Texten Melodien von Gassenhauern 
unterlege, kann wenigstens ich keinen Beweis erbringen. Ich habe überhaupt 
nur zweimal die Gelegenheit gehabt, die Melodie eines Volkshedes zu hören. 
Allerdings finde ich nach oberflächlicher Zählung im deutschen Kriegsruf 
aus den letzten 10 Jahren zu neuen Texten folgende Melodien angegeben: 
II mal „Lang, lang ist's her", je 5 mal „Es braust ein Ruf wie Donner- 
hall", „Deutschland, Deutschland über alles" und „Freiheit die ich meine"; 
2 mal „Nun ade, du mein lieb Heimatland", je imal „Leise zieht durch 
mein Gemüte", „Ich bin ein Preuße", „Guter Mond, du gehst so stille", 
„O Tannenbaum" und „Morgen muß ich fort von hier". 

Da die H. anfangs keine eigenen Kompositionen hatte, blieb ihr nichts 
anderes übrig, als aus der Not eine Tugend zu machen und Volkslieder zu 
nehmen. So konnte alles Volk gleich mitsingen und lenkte mit besonderer 
Neugier seine Aufmerksamkeit auf die Worte. Darauf aber kam es an : denn, 
sagt General W. B.: ,,Die Wichtigkeit guten Singens braucht keinen Heils- 
soldaten gezeigt zu werden, wenn man einfach die Tatsache feststellt, daß 
Tausende und aber Tausende dadurch zu Christo geführt worden sind" 
(118, 85). Die bedeutende Rolle, welche die oft noch vor dem Kriegsruf er- 
schienenen, kleinen Liederheftchen bei neueröffneten Ländern gespielt 
haben, gibt ihm recht. Im übrigen fordert man die Kritiker der H. -Lieder 
auf, in eine Nachtherberge von Ostlondon zu gehen und dort die Wirkung dieser 
Gesänge zu studieren, und betont, daß keine Woche vergehe, ohne daß nicht 
jemand, der auf der Straße vom H. -Gesänge angezogen würde, dadurch vor 
dem Selbstmorde bewahrt bliebe (138, 23). Alle Teilnehmer einer Versamm- 
lung, ob sie nun aus Andacht oder aus Neugierde gekommen sind, werden 
gedrängt, herzlich mitzusingen, und das ist ein bezeichnender Zug von Psy- 
chologie und Menschenkenntnis; denn die Erfahrung lehrt, daß der Zauber 
in großer Versammlung gesungener Lieder auch bei widerstrebenden Ge- 
mütern eine fast unwiderstehliche Wirkung auszuüben pflegt. 

Die schleppenden, mit Gähnen gesungenen Choräle tragen nach Dr. 
Schramm, Domprediger von Bremen, einen großen Teil der Schuld an der 
Unerbaulichkeit des Gottesdienstes (224, 13). Die Protestanten suchen das 
Würdevolle nicht selten darin, daß sie den Gottesdienst zu einem Konzert 

226 



gestalten; die Katholiken darin, daß sie immer mehr den Gregorianischen 
Choral mit lateinischem Text auszubilden trachten ; beim liturgischen Gottes- 
dienst ist ihnen der Gebrauch der Landessprache überhaupt verboten. Die H. 
hat das Prinzip der Würde beiseite, und das der Zweckmäßigkeit darüber ge- 
stellt. Wer die große Masse in seine Gotteshäuser hinein- bzw. heraussingt, 
das wird die Zukunft lehren, wenn die Vergangenheit es noch nicht deutlich 
genug gezeigt haben sollte. Vorläufig haben die Konfessionen noch Muße, 
an der H. zu kritisieren, statt zu lernen, so daß Booth Clibborn klagt: ,,Die 
Leute sehen ruhig zu, daß die Kirchen nur an Sonntagen es sich angelegen 
sein lassen, die versinkende Seele zu retten, und nichts wollen sie von einer 
Armee wissen, welche jeden Abend den Feind bekämpft. Die Orgel darf ge- 
spielt werden, aber keine andern Instrumente. Die philosophisch klingende 
Glocke darf man hören, aber nicht die an das tägliche Leben erinnernde 
Trommel" (42, loi), deren suggestive Macht man bald nur noch im Kriege 
beim Militär, bei den Wilden Afrikas (vorausgesetzt, daß sich noch einige 
vor unserer Kultur retten) und — bei der H. unter den Wilden Europas 
studieren kann. 

Neben Trommel und Tamburin, zu Solovorträgen auch Ziehharmonika, 
Zupfgeige und dergleichen, hat der Salutismus die Blechmusik für seine 
Zwecke am geeignetsten befunden und großartig ausgebildet. Der Wert der 
bei dem H.-Musikkorps gebrauchten, größtenteils in eigener Fabrik her- 
gestellten Instrumente, wurde schon 1906 auf 1700000 Mark geschätzt, und 
die Musiker selber, jetzt rund 25 000, steuerten zu den Ausgaben 150 000 
Mark aus eigener Tasche bei. Das erste derartige Korps wurde 1879 errichtet. 
Heute trifft man sie in jedem größeren Korps, und neuerdings widmet sich 
in Deutschland MacAlonan in klarer Erkenntnis der besondern Wichtigkeit 
mit großem Eifer der Sache. Nach dem Vorbilde Englands und anderer Län- 
der hat er im H.-Q. zu Berlin eine Stabsmusik gebildet, die auch schon an- 
fängt, von Zeit zu Zeit das Land zu bereisen, und ich glaube, daß MacAlonan 
damit noch viel mehr zur Volkstümlichkeit des Salutismus in Deutschland 
beiträgt als Oliphant mit seinen Reden und Schriften. 

Die H.-Musik hat zwei sehr begeisterte Lobredner gefunden, die mich 
eines Urteils entheben mögen. Roosevelt sagte 1907 bei einer Audienz zum 
General: ,,Es gibt noch keine wirksamere Methode zur Evangelisation der 
Völker als die Blechmusik. Ich gestehe, ich liebe Blechmusik ; ich liebe ihre 
Blechmusik" (1907, 47, 6). Etwas vor ihm, nämlich 1905, schrieb Bernard 
Shaw, der bekannte Dramatiker und Musikkritiker, an den Londoner Stand- 
ard: ,,Ihr Kritiker redet von der ,unharmonischen Musik' der H. Niemals 
wurde eine größere Verleumdung ausgesprochen. Von den ersten Tagen der 

15* 227 



Armee an, als ich zuerst eine H.-Kapelle den Hochzeitschorus aus Donizettis 
Lucia di Lammermoor als Marsch spielen hörte .... bis zu der großen Ver- 
sammlung in der Alberthalle vor zwei Monaten, als die vereinigten H.- 
Kapellen den Totenmarsch aus Saul spielten, der, wie ich glaube, noch nie so 
gespielt worden ist, seit Händel selbst lebte, um ihn zu dirigieren, habe ich 
nie ein H. -Musikkorps gehört, das den Vorwurf ihres Kritikers verdient 
hätte. Ich habe gehört, wie Händeis großer Marsch von gepriesenen Orche- 
stern durchgedröhnt und durchgeheult wurde, bis der Gedanke des Todes 
ganz unerträglich wurde. Ganz instinktiv und wahrscheinlich ebensowenig 
von Händel als von Donizetti verstehend, machten die Heilssoldaten ihn zu 
einem großartigen Päan des Sieges und Triumphes, so daß ich als erprobter 
Musikkritiker mit vielen Jahren Erfahrung vor Begeisterung fast von Sinnen 
wurde" (1912, 20, 8). Das Geheimnis liegt darin, daß der Heilssoldat um 
,, Seelen spielt". Unter vielen Opfern an Zeit und Geld und beständigen Ge- 
beten übt er ein. Daß so etwas anders klingt, als wenn ein Kirchenvorstand 
sich zu einer besondem Feier eine Konzert- oder Theatersängerin ver- 
schreibt, bedarf keines Beweises. 

Mit Gesang und Musik innig verbunden ist in der H. das gesprochene Wort, 
die Predigt. Die einzelnen Strophen der Lieder werden stets vorgelesen und 
oft erklärt und zu Betrachtungen benutzt, die man, ehe man weitersingt, 
schnell anknüpft. Von der eigentlichen Predigt ist zu sagen, daß man ihr 
ebensowenig Kunst nachrühmen kann als den Poesien. Wie es dort manch- 
mal an Reim und Rhjrthmus hapert, so hier an Einteilung, Abwechslung oder 
auch oft sogar an gedanklicher Klarheit und Folgerichtigkeit. Die meisten 
werden die gewöhnlich homiletischen Charakter tragenden Reden entsetz- 
lich finden. Aber in ein ganz anderes Licht tritt die Sache, wenn man sie 
wieder von der Seite des Erfolgs betrachtet und dann einen Vergleich mit 
unsem landläufigen aus einer Sammlung auswendig gelernten geistlichen 
Reden zieht. Offen bekannte Pastor Funcke gerade in bezug hierauf: ,,Mir 
hat die H. trotz aller ihrer Mängel eine eindringliche Bußpredigt gehalten. 
Sie hat mir gezeigt, daß ich während meines amtlichen Lebens in meinem 
Tun und Lassen vieles, sehr vieles hätte anders machen sollen. Es ist mir 
ein tiefer Schmerz, daß ich jetzt am Ende meines Amtes und meiner irdischen 
Wallfahrt kaum noch neue Wege einschlagen kann" (1909, 17, 10). 

Eine Spezialität pietistischer Kreise und besonders der H. sind die Zeug- 
nisse, die noch viel mehr als die Predigten in die allereinfachste Sprache ge- 
kleidet werden. Irgendeiner auf der Plattform oder unter den Zuhörern oder 
der an der Bußbank eben niedergekniete Neubekehrte erhebt sich und teilt 
seine Erfahrung mit. Verba movent, exempla trahunt. Die Zeugnisse sind 

228 



nach meiner Erfahrung mit zu den wichtigsten Hilfsmitteln zu rechnen und 
können kaum genug geschätzt werden, besonders in der Bekehrung von 
Trinkern. Das hatte schon vor dem General der Kapuziner Mathew erkannt, 
der auf großen Plätzen eine Rednertribüne errichtete, auf welcher während 
des ganzen Tages Reden gehalten wurden und um welche sich bis zu loo ooo 
Menschen im Laufe des Tages sammelten. Mathew selber sprach bloß eine 
Viertelstunde. Während der übrigen Zeit redeten andere. Den Inhalt bildeten, 
freihch im Gegensatz zur H.-Methode, die sich auf die ungekünstelte schhchte 
Wiedergabe der Erfahrung ohne Ermahnungen u. dgl. beschränkt, auf die 
Phantasie wirkende Erzählungen, denen häufig, aber nicht immer, die eigene 
Säufergeschichte beigegeben wurde. Während der Reden drängten sich die- 
jenigen, welche dem Mäßigkeitsverein beitreten wollten, in die vorderste 
Reihe, und wenn sich einige hundert angesammelt hatten, nahm Mathew 
ihr Gelübde entgegen und reichte jedem zur Bekräftigung die Hand" (vgl. 
68, 665). 

,,Wie oft," sagt der Kriegsruf (1904, 18, 3), ,, verändert sich das ganze 
Bild einer Versammlung durch die Erzählung aus der Erfahrung eines ein- 
fältigen Nachfolgers Jesu, der in demütigem Geiste von der rettenden 
Macht Gottes zeugte .... und wie oft haben wir die Bestätigung der Worte 
erfahren: Und sie haben überwunden durch das Blut des Lammes und 
durch die Macht ihres Zeugnisses". 

Abschheßend sind noch einige besondere Worte über die Methode der 
Straßenpredigt zu sagen, die in England ganz allgemein im Gebrauch ist. Sie 
bringt etwas Abwechslung in den eintönigen, enghschen Sonntag, an dem 
alle Fabriken und Läden geschlossen sind. Kein Brief und keine gewöhnliche 
Depesche wird ausgetragen oder angenommen ; den ganzen Tag wird kein 
Briefkasten geleert und der Eisenbahnbetrieb aufs äußerste eingeschränkt, 
so daß zwischen 10 und 3 Uhr keine Zü^e von London abgehen. Die Restau- 
rationen sind nur von 1—3 und von 6— 11 Uhr geöffnet ; Theater, Konzert und 
Volksbelustigung kennt man nicht. Die Herrschaften schränken sich sogar 
in ihren Mahlzeiten ein, damit die Dienstboten wenigstens den Nachmittag 
und Abend für sich haben. Das ist die Zeit, wo der Hyde-Park belagert ist 
von Leuten. Hier und dort gestikuliert mitten drin ein Prediger, welcher in | 

leidenschaftlicher Weise die wunderhchsten Behauptungen aufstellt. Neben " 

politisierenden Iren findet man Salutisten und Offiziere der Church Army. 
Auch einen angeblichen Sohn des Generals W. Booth kann man dort treffen, 
der immer wieder seine Abstammung nachweist und die Gründe auseinander- 
legt, warum sein Vater ihn nicht anerkennen wül. Der Mann muß wohl 
wahnsinnig sein; aber man läßt ihn. Sehr oft wird der Nachweis versucht, 

229 



daß die Engländer nicht zu den „Gentilen", sondern zu den lo verlorenen 
Stämmen Israels gehören. Das Publikum läßt sich mit Begier überzeugen, 
daß ihm also nach der Verheißung die Erde und hernach der Himmel gehört. 
Als ^°/i2 des auserwählten Volkes haben die Engländer ^/g, die Juden das 
bleibende Sechstel der Erde und später zusammen den Himmel zu bean- 
spruchen. So ist die Straßenpredigt etwas echt Englisches, auf das aber die 
H. nicht verzichten kann ; denn sie bringt immer wieder neue Zuhörer in die 
Hallenversammlungen und eröffnet somit die Aussicht auf neue BekehiTin- 
gen. Doch brauche ich das wohl nicht näher auszuführen, da ich über diesen 
Punkt schon verschiedentlich gesprochen habe. 

Ich glaube nun in diesen drei Hauptstücken ziemlich alles zusammen- 
getragen zu haben, was in irgendeiner Beziehung für das Verständnis des 
Salutismus wertvoll ist. In manchen Fällen ist der Zusammenhang ziemlich 
leicht zu erweisen; in andern stehen wir vor unverständlichen, losen Tat- 
sachen, an denen vielleicht erst die Zukunft die innere Verbindung erkennen 
wird. Aber auch diese losen Tatsachen haben wir zu beachten und zu sam- 
meln als Bausteine künftiger Erkenntnis. Wir haben sie zu sichten und auf- 
zubewahren, selbst wenn uns die Kausalität dabei nicht klar ist. 



230 



DRITTER TEIL 



DIE SOZIALE BETÄTIGUNG 
DER HEILSARMEE 



7. HAUPTSTUCK 

DIE SOZIALTHEORETISCHE BETÄTIGUNG DER 

HEILSARMEE 

DAS „DARREST ENGLAND SCHEME" 

Es kann kein größerer Fehler begangen werden als anzunehmen, daß die H. 
nicht eine Schule des Denkens sei. Wir haben vielleicht mehr Theorien ent- 
wickelt und mehr Pläne erfunden als irgendeine andere bestehende religiöse 
Bewegung. W. Booth in seinem Briefe vom 80. Geburtstage. 

lohn Stuart Mill sagt in seiner Selbstbiographie, in Carlyle verkörpere 
} sich der Kampf des 19. mit dem 18. Jahrhundert; denn er sah mit 
prophetischem BHck, daß der Philosoph von Chelsea mehr Zukunft in sich 
trug als irgendeiner seiner Zeitgenossen. Eine zweite Verkörperung dieses 
Kampfes, und zwar insoweit er in das religiöse Gebiet überspielt, ist, wie 
schon nachgewiesen, W. Booth. Bei ihm sowohl als bei Carlyle liegt die Ein- 
heit ihrer Weltanschauung und ihrer Stellung zur sozialen Frage in ihrer 
Persönlichkeit. Sie gehören nicht zu jenen Denkern, welche ein System ge- 
schaffen und gewissermaßen von sich losgelöst haben, so daß es dastünde 
als ein Etwas für sich. Sie bringen vielmehr die Einheitlichkeit ihrer Welt- 
anschauung dadurch zum Ausdruck, daß es ihnen gelingt, in der Betrach- 
tung jeder Frage ihre ganze Persönlichkeit sprechen zu lassen. Die Leiden- 
schaft und Inbrunst, mit der sie alle Lebensprobleme tief in sich hinein- 
ziehen und mit dem Herzblut ihres Wesens durchtränken, gibt allen Äuße- 
rungen das Gepräge einer Einheit, die in anderen Momenten als in dem 
logischen und gedankenmäßigen wurzelt. Bei W. B. muß man sich an der 
Persönlichkeit halten ebenso wie bei Carlyle und Ruskin, die alle drei in 
dem einen Punkte übereinstimmen, daß ihr Interesse an der sozialen Frage 
ein gefühlsmäßiges ist; bei Carlyle trägt dieses Interesse ein ethisches, bei 
Ruskin ein ästhetisches und bei Booth ein religiöses Vorzeichen. 

W. Booth hat von Carlyle, wie er selber versichert (27, XXV), nichts ge- 
lesen, und sein Sohn, der jetzige General, erweiterte mir mündlich diese 
Versicherung dahin, daß seinem Vater überhaupt nationalökonomische und 
sozialphilosophische Literatur fremd gewesen sei. Aber das schließt nicht 
aus, daß Carlyles Ideen, die in England gewissermaßen in der Luft hängen, 
den General beeinflußt haben. Tatsächlich sind die Grundsätze, welche 
seinem ganzen, in dem Buche ,,The Darkest England" entwickelten sozia- 

233 



len Rettungsplan^ zugrunde liegen, echt Carlyleschen Geistes. Sie lassen sich 
in die drei Stichwörter zusammenfassen: Religion, Okkupation, Kolonisa- 
tion, 

Über die Bedeutung, welche W. B. dem Religiösen zuschreibt, ist schon im 
letzten Hauptstück eingehend gesprochen worden. Religion ist für ihn 
einfach die conditio, sine qua non, und es genügt, dies hier noch einmal fest- 
zunageln. Aber ebenso ist festzuhalten, daß Religion für ihn nicht Konfes- 
sion ist; alles Konfessionelle wollte er streng ausgeschaltet wissen. 

Zum Belege dafür einige Stellen aus dem hier zu besprechenden Buche 
selber: Seite 98: Es wird absolut kein Zwang ausgeübt (auf die Obdach- 
losen), an der Abendgebetsversammlung in der Nachtherberge teilzu- 
nehmen. Sie brauchen nicht hereinzukommen, bis sie vorüber ist. — 
Seite iio: Kein rehgiöser Zwang wird zugelassen, auch nicht einen Augen- 
blick ; dem Manne, der erklärt, Gott zu lieben und ihm zu dienen, wird wegen 
dieses Bekenntnisses geholfen werden, und dem, der es nicht bekennt, wird 
geholfen werden in der Hoffnung, daß er es noch tun wird. — Seite 138 : Es 
wird kein Versuch gemacht, den Kolonisten die Regeln und Verordnungen 
aufzuzwingen, denen die Salutisten unterworfen sind. Nur das Kolonisten- 
reglement ist verbindlich für sie; in allem andern sind sie frei. — Seite 139: 
Die religiöse Wohlfahrt der Kolonie wird gepflegt von der H. ; aber es wird 
kein Zwang ausgeübt, an den religiösen Veranstaltungen teilzunehmen. — 
Solche Belege ließen sich aus den Reden und Schriften des Generals um hun- 
dert andere vermehren. 

Diese Stellung hängt innig mit den synkretistischen Anschauungen der 
H.-Gründer, insbesonders der H.-Mutter, zusammen, die an dem Dunkelsten 
England-Plan, insofern er auf religiösen Erwägungen beruht, den Haupt- 
anteil hat und eigentlich noch vor W. B. als Verfasserin genannt werden 
müßte. 

Der zweite Grundsatz ist derjenige der Okkupation. Nachdrücklicher und 
konsequenter hat keiner an das Evangelium der Arbeit geglaubt und es 
verkündet als W. B. Nach dieser Seite hin ist der Plan sein ureigenstes 
Werk. Als ein Mann der nüchternen Erwägung haßte er alles Almosengeben, 
und das ist etwas durch und durch Protestantisches ; denn es ist den Pro- 
testanten und ganz besonders den englischen Independenten zuzugeben, 
daß sie vor allem dieser Idee zum praktischen Durchbruch verholfen haben, 

1 Die in Nr. 33 und 36 niedergelegten Ideen übergehen wir der Kürze halber, ob- 
wohl sie von hohem sozialen Interesse sind; wir können es, weil sie mehr ein politi- 
sches als wissenschaftliches Gepräge haben und nur eine Weiterausführung der im 
„Darkest England" niedergelegten Gedanken darstellen. 



wie man den Katholiken zugestehen muß, daß allgemein gesprochen, ihre 
Moralisten stets alles wähl- und planlose Almosengeben verworfen haben. 
Doch wir wollen uns nicht auf ein Gebiet verirren, das allein den Stoff zu 
einem stattlichen Bande liefern könnte. Der Religionsgedanke ist Carlyle 
nicht fremd ; der Arbeitsgedanke gehört sogar zum eisernen Bestände seiner 
Ideenwelt. ,, Arbeit," so sagt er in seiner Schrift über den Chartismus, ,,ist 
die Bestimmung aller Menschen auf Erden. Es wird unter vielen Kämpfen 
ein Tag kommen, langsam aber sicher, wo derjenige, der keine Arbeit zu tun 
hat, möge er heißen, wie er wolle, es nicht ratsam finden wird, sich in unserer 
Gegend des Planetensystems zu zeigen." ,,Wir sind entweder da, um etwas 
zu tun, oder wir sind überhaupt nicht da", sagt er anderswo. Damit knüpft 
Carlyle und somit auch W. Booih an Kant und besonders an Fichte an, der 
kurz und bündig sagt: ,,Wer nicht arbeitet, hat auch keinen rechtskräftigen 
Anspruch auf Nahrung." Das Evangelium der Arbeit ist das Evangelium, 
woran der moderne Mensch glaubt. ,, Geben Sie dem Arbeiter das Recht auf 
Arbeit, geben Sie ihm Arbeit, solange er gesund ist," sagte Bismarck in 
einer am 9. Mai 1884 gehaltenen Rede, und die Thronrede, womit am 15. Ja- 
nuar 1912 der preußische Landtag eröffnet wurde, enthält die Stelle: „Als 
ein lästiger Schaden hat sich namentlich in größeren Städten das immer mehr 
um sich greifende Ausbeuten der Armenpflege durch Arbeitsscheue und 
säumige Nährpflichtige fühlbar gemacht. Dem soll ein bereits fertiggestellter 
Gesetzentwurf zur Einführung des Zwanges zur Arbeit entgegengestellt 
werden." Dieser Entwurf ist inzwischen Gesetz geworden. Ähnliche Be- 
strebungen verfolgte Graf Rumford, 1753— 1814, schon vor 100 Jahren in 
Bayern, worauf W. B. verweist (27, XX). 

Der dritte Grundsatz der Kolonisation ist wieder ein Stück Carlylescher 
(vergl. 27, XXV ff.) und überhaupt moderner Ideenwelt, aber alter Mensch- 
heitssehnsucht. Man sehnt sich nur nach dem, was man nicht hat. In dem- 
selben Maße, als die Utopie wächst, wird die Menschheit Rotisseaus roman- 
tisches ,, Zurück zur Natur" als das große Allheilmittel preisen, und es ist 
bezeichnend, daß von dieser Sehnsucht gerade die englische Nation am 
tiefsten erfaßt ist, sie, die unwiderruflicher als irgendeine andere dazu ver- 
dammt erscheint, in Städten zu wohnen und sich von Handel und Industrie 
zu ernähren. Owen, Carlyle, Mill und Ruskin z. B. haben den Kolonisations- 
gedanken literarisch und zum Teil auch praktisch vertreten, und zwar in 
der Form innerer Kolonisation ; aber auch an Versuchen zu äußerer Koloni- 
sation hat es nicht gefehlt. Die Geschichte all dieser Versuche schreiben, 
heißt eine endlose Reihe von Mißerfolgen aufzählen. Fast alle Staaten sind 
in der neueren Zeit auf den Gedanken eingegangen, und es ist abzuwarten, 

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was endlich daraus wird. Für England jedenfalls ist bei dem Versuch nicht 
viel zu hoffen. Leichter macht man hundert Bauern zu Fabrikarbeitern, als 
einen Fabrikarbeiter wieder zum Bauern, und die englische Rasse hat nicht 
nur an Lust, sondern auch an Fähigkeit zum Ackerbau schon zu viel ein- 
gebüßt, als daß man in dem Punkte noch große Hoffnungen hegen könnte. 
Einige englische Kolonisationsbestrebungen waren dem General bekannt, 
ganz bestimmt z. B, diejenigen von /. S. Vandeleur in Ralahine, Irland, und 
von Dr. Th. J. Barnardo, 1845— 1905, der sie mit den verwahrlosten Knaben 
unternahm, denen er in hochherziger Weise sein Leben widmete. Von an- 
deren Bestrebungen wird W. T. Stead, 1849— 1912, Kenntnis gehabt haben, 
der Sohn eines kinderreichen Dissidenten geistlichen, mit 14 Jahren Lauf- 
bursche in Newcastle und gelegentlicher Mitarbeiter an Zeitungen, dann 
Redakteur des Northern Echo in Darlington, von wo er durch John Morley, 
Vater des jetzigen Ministers für Indien und damals Chefredakteur der Pall 
MaU, 1880 als zweiter Redakteur der Pall Mall nach London kam. 1890 
gründete er die Review of Reviews, und am 15. April 1912 fand er bei dem 
Unglück der Titanic den Tod in den Wellen. Der Kolonisationsplan ent- 
spricht so recht dem romantischen Sinne dieses Vaters der modernen 
Journalistik und Apostels für den Völkerfrieden, und eine spätere Forschung 
wird mir rechtgeben, wenn ich ihm in dieser Hinsicht einen großen Anteil 
an dem „Dunkelsten England" zugestehe. Er war seit 1879 durch Frau 
Cath. B. näher mit der H. bekannt und ein Freund des Generals geworden, 
zu dessen ersten, wärmsten und beständigsten Verteidigern er gehört. 

Gehen wir nun nach diesen grundlegenden Gedanken dazu über, uns den 
Inhalt des Buches selber in großen Zügen vorzuführen. Der Titel ist 
eine Anspielung auf das im selben Jahre von dem Afrikaforscher Stanley 
erschienene, aufsehenerregende Werk: ,,Im dunkelsten Afrika und der Weg 
heraus". W. B. zieht zwischen Afrika und England einen vollkommenen Ver- 
gleich und bezeichnet es als eine Satire auf Christenheit und Zivilisation, 
daß diese himmelschreienden Zustände so wenig Aufmerksamkeit finden 
(Kap. I, 9-17). 

Unter Zugrundelegung der Untersuchungsergebnisse von Charles Booth, 
Chamberlain und Giffen rechnet er aus, daß ein Zehntel der Bevölkerung 
Londons und Englands zu den Versunkenen zu zählen sei, d. h. zu denen, 
welche in der Gesellschaft den Boden unter den Füßen verloren haben, oder 
für die das Gebet „Gib uns heute unser täglich Brot" entweder unerfüllt 
bleibe oder nur durch Vermittlung des Teufels erfüllt werde, nämlich durch 
Laster und Verbrechen. Genauer bezeichnet seien es erstens die, welche ohne 

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Kapital oder Einkommen in einem Monat Hungers sterben würden, wenn sie 
vom eigenen Arbeitserwerb leben müßten, zweitens die, welche bei äußerster 
Anstrengung nicht jene Nahrungsmenge erlangen können, welche das Gesetz 
für die Zuchthäusler vorschreibt. Er fordert, einen Ausdruck Carlyles auf- 
greifend, für jeden Engländer den Standard of life eines — Londoner Drosch- 
kenpferdes, dem man, wenn es fällt, auf die Beine hilft und es wieder vor- 
spannt, nicht um seiner selbst willen, sondern damit der Verkehr nicht 
stockt, das ferner seine Arbeit und dadurch auch Unterkunft und Nahrung 
habe, was Millionen Engländer nicht von sich sagen könnten als arme 
Sklaven des Elends und der Verzweiflung und das mitten in dem Lande, 
das vor 60 Jahren mit einem Kostenaufwand von 800 Millionen Mark die 
Schwarzen von der Sklaverei erlöst habe (Kap, II, S. 17—24). 

Das dunkelste England besteht aus drei konzentrischen Kreisen. In dem 
äußersten wohnen die Darbenden und Obdachlosen, aber ehrbaren Armen. 
Der zweite ist von den Lasterhaften und der dritte und innerste von den 
Verbrechern bewohnt; das ganze Gebiet ist dem Trünke ergeben. — Die 
Grenzen sind nicht scharf gezogen ; sie dehnen sich aus oder ziehen sich zu- 
sammen, je nachdem sich Hausse und Baisse im Wirtschaftsleben ablösen. 
Hunderttausende wohnen ferner in den Grenzgebieten des dunkelsten Eng- 
lands, welche von sich und ihren Kindern mit Gewißheit sagen können, daß 
der Ernährer nur krank zu werden braucht, und sie werden in den Sumpf 
hineingezogen. Die Sterblichkeitsziffer ist ziemlich hoch im dunkelsten Eng- 
land; aber kaum sind die Toten im Grabe, so kämpfen schon Lebende um 
ihre Plätze. Eine Reihe von Beispielen aus der Erfahrung der H.-Offiziere 
beschheßt dieses dritte Hauptstück (Kap. III, 24—32). 
l Das nächste beschäftigt sich mit den Arbeitslosen, und W. B. meint, es 
gebe kaum eine mehr das Mitgefühl erregende Figur als die des starken, 
fähigen Arbeiters, der mitten unter Palästen und Kirchen fortgesetzt nicht 
nach Mildtätigkeit, sondern nach dem Vorrechte dauernder, schwerer Be- 
schäftigung ruft, um den Schrei seiner Kinder nach Nahrung stillen zu 
können. Wie nach einem verlorenen Schatz sucht er nach Arbeit und findet 
sie nicht, bis schließlich seine Kraft erschöpft ist in flehentlichen Bitten und 
er an allem verzweifelt; denn arbeiten können ist nicht nur sein einziges 
Kapital, sondern bedeutet für ihn leben können, und es ist die dringendste 
Aufgabe der Zivilisation, der Vergeudung solch kostbarer Schätze zuvorzu- 
kommen. Hier begegnet W. B. auch schon dem Vorwurfe, daß er in optimi- 
stischer Weise unterstelle, alle hätten auch den Willen zu arbeiten, daß also 
sein Plan hinfällig sei. Seine Erfahrung und das Hauptelement seftier Hoff- 
nung ist, daß die Mehrheit dieser Menschen die Arbeit und nichts als Arbeit 

237 



begehrt. Die meisten von ihnen verrichten schon durch ilir Suchen nach Be- 
schäftigung eine mehr aufreibende Arbeit, als die regelrechten Arbeiter in 
ihren Werkstätten, und tun sie dazu in dem dunklen Zustand der Hoff- 
nungslosigkeit, die ihr Herz krankmacht (Kap, IV, 32—40). 

Das folgende Hauptstück, betitelt ,,Am Rande des Abgrundes", bringt 
den ergreifenden Brief eines Mannes, den dieser, ehe er mit seiner Familie in 
den Tod ging, geschrieben. Es muß etwas geschehen, sagt W. B,, wenn das 
Christentum nicht ein leerer Witz für arme Leute sein soll. Um einen Mann 
vollkommen zu retten, ist es nicht genug, ihm eine neue Hose oder regel- 
mäßige Arbeit oder gar eine Universitäts- (Settlements-) Bildung zu geben. 
Das sind Dinge, welche den Kern der Sache nicht berühren. Alle Arbeit die- 
ser Art ist verschwendet, wenn man den inneren Menschen nicht umgestaltet 
und ihm eine neue Natur aufpfropft, die das Element des Göttlichen in sich 
trägt. Und was hat es für einen Zweck, Leute, deren ganze Aufmerksamkeit 
und Gier darauf gerichtet ist, sich am Leben zu erhalten, schöne Worte vom 
Evangelium zu verkünden. Das heißt einem Schiffbrüchigen statt der Hand 
einen religiösen Traktat reichen, einem Ertrinkenden eine fromme Predigt 
halten (Kap. V, 40—46). 

In dem mittleren konzentrischen Kreise wohnen die Lasterhaften, und 
herrscht Trunkenheit und Fornikation. Das Wort Prostitution ist nicht an- 
gebracht ; denn es bezieht sich nur auf den einen Teil, und zwar den bemit- 
leidenswertesten ; doch kommt sie sozial allein in Betracht. Es ist eine 
furchtbare Infamie vom Manne, daß er die sozialen Folgen der gemeinsamen 
Sünde allein vom Weibe tragen läßt. Für die Bastardtochter einer Dirne, 
geboren im Bordell, gesäugt mit Kartoffel-Fusel, von frühester Kindheit an 
vertraut mit allen Bestialitäten der Ausschweifung, noch vor dem zwölf- 
ten Jahre der Unschuld beraubt und von der Mutter ein bis zwei Jahre 
später auf die Straße getrieben ; welche Zukunft gibt es noch für ein solches 
Mädchen in der Welt! Dieser Fall gehört aber nicht zu den Ausnahmen. 
Mit Knaben ist es fast ebenso schlimm. Tausende werden gezeugt, während 
beide Eltern total betrunken sind; ihre Mütter sättigen sich während der 
Schwangerschaft jeden Tag mit Alkohol. Kann man sich wundern, daß sie 
als Erwachsene das Trinken für unerläßlich halten ? Selbst gegen ihren Willen 
werden sie durch Erschöpfung und mangelhafte Nahrung zum Glase zurück- 
getrieben. Ebenso unlösbar ist die Dirnenfrage. Manches Mädchen mag durch 
angeborene Leidenschaft oder schlechte Erziehung freiwillig das Gewerbe 
treiben. Die Mehrzahl aber nicht. In keiner Industrie kann heutzutage ein 
hübsches Mädchen so viel verdienen als in der Prostitution. Sie allein bietet 
das Maximum am Einkommen dem jüngsten Lehrmädchen. Aber so hoch 

238 



der Preis am Anfang, so schrecklich ist die Strafe am Ende. Die einen sind 
zum Laster geboren, die andern wollten nicht verhungern ; noch andere sind 
zu vertrauenselig gewesen ; alle sind die Opfer von Meuchelmördern. Richtet 
nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden! Nach einer Statistik der H.- 
Rettungsheime und den eigenen Angaben der Mädchen, kamen von loo zur 
Prostitution : 33 durch Verführung, 27 durch schlechte Gesellschaft, 24 durch 
freie Wahl, 14 durch Trunk, 2 durch Armut. Die Kürze ihres erbärmlichen 
Lebens ist die einzige Erleichterung in ihren Leiden ; Freudlosigkeit, Krank- 
heit und früher Tod ist das gewöhnliche Ende (Kap. VI, 46—57). 

Im Zentrum des dunkelsten England wohnen endlich die Verbrecher und 
Halb Verbrecher. Es sind ihrer 90 000, und auf jeden kommen durchschnitt- 
lich eine Frau und ein Kind. Die 88 740 000 Mark sind also nur die unmittelbar 
erfaßbaren Ausgaben Großbritanniens für diese Klasse (Kap. VII, 57—62). 

Das nächste Hauptstück befaßt sich mit den Kindern des untergegangenen 
Zehntels. Das Land, heißt es da, ist der Boden zur Erziehung gesunder 
Bürger. Aber unglücklicherweise ist es im Begriffe, entvölkert zu werden. 
Die Städte dagegen sind vollgepfropft mit unverdauten und unverdaubaren 
Massen von Arbeitsleuten, und darunter leiden gerade die Kinder am 
schwersten. Das Stadtkind hat tausend Nachteile gegen das Landkind; denn 
zur Aufziehung gehört: i. ein Heim, 2. Milch, 3. frische Luft, 4. Bewegung 
unter grünen Bäumen und dem blauen Himmel. Unsere Stadtmädchen 
mögen das Abc besser können, aber sie können nicht mehr backen und 
waschen, was ihre Großmütter konnten, und in der Schule verderben die 
schlechten Kinder die guten. So hört man von Kindern Gespräche, wie sie 
in Sodom geführt wurden. Im zartesten Alter sind sie eingeweiht in all das, 
was zu dem Begriff ,,ein schlechtes Haus" gehört. Sie werden in Arbeits- 
häusern geboren und sind so schon durch die Geburt gebrandmarkt als vater-, 
heimat- und freudlos, mehr verdammt als geboren in diese Welt des Bösen. 
Mit Ekel und Widerwillen erwartet die Mutter ihr Kind, und wenn sie nicht 
den Galgen fürchtete, würde sie es noch in der Stunde der Geburt erwürgen. 
Welche Lebensaussichten hat ein solches Kind? (Kap. VIII, 62—67). 

Ist nun keine Hilfe möglich ? Die englische Gesetzgebung versagt, da man 
sie nur bei ,, äußerster Not", d. h. überhaupt nicht in Anspruch nehmen 
darf. In London gibt es Vorkehrungen zur Aufnahme von sage und schreibe 
1136 Personen. Ebenso versagt die Caritas, weil sie chaotisch geübt wird, 
viel Geld wegwirft und wenig Erfolg hat. Die Gefängnisse endlich sind 
Straf- und nicht Besserungsanstalten, sind die offenen Tore ins Verbrecher- 
land; denn in die Gesellschaft der Verbrecher hineinkommen, bedeutet: 
immer wiederkommen. Auswanderung allein kann helfen. Weite Land- 

239 



strecken schreien nach Bebauung. Aber was soll man mit Mädchen, die nicht 
backen können, mit Männern, die nie einen Spaten in der Hand gehabt? 
Auswanderung an und für sich ist also kein Heilmittel (Kap. IX, 67—82). 

Wie dies Heilmittel beschaffen sein muß, das erörtert Booth in dem 
ersten Hauptstück des zweiten Teiles vom ganzen Buche: 
I. Der innere Mensch ist umzuformen. 2. Auch die äußeren Umstände 
müssen umgeformt werden, wenn darin der Grund des Elendes liegt. 3. Der 
Plan muß großzügig sein und darf den Ozean des Elendes nicht mit einer 
Tasse ausschöpfen wollen. 4. Er muß von dauerndem Wert sein, denn es 
gilt, das Elend der ganzen Zukunft zu heilen. 5. Er muß unmittelbar an- 
wendbar sein. 6. Er darf wie z. B. die bloße Wohltätigkeit keine demorali- 
sierenden, den Empfänger erniedrigenden Folgeerscheinungen haben. 7. Er 
darf, indem er einer Klasse hilft, keine andere schädigen. 

Allen Anforderungen zu genügen, erscheint schwer; aber es gilt nur Kohle, 
Salpeter und Schwefel recht zu mischen, und das Pulver ist erfunden. Mein 
Plan, sagt W. Booth, ist einfach. Was macht man mit einem Arbeitslosen, 
der an der Türe bettelt ; sein Magen ist ebenso leer wie sein Geldbeutel ; seine 
Kleider werden im günstigsten Falle eine Mark einbringen? So also steht 
dein Bruder vor dir ! Er fragt nach Arbeit, die aber, wenn eben möglich, nur 
im Essen und Umkleiden bestehen soll. Man hat ihm auf irgendeine Art 
Nahrung, Obdach und Wärme zu verschaffen und eine Arbeit, die ihn 
daran gewöhnt, mit der Zeit seinen Unterhalt dauernd selber zu erwerben. 
Inzwischen muß man mit allen Mitteln eine Lebenserneuerung anstreben. 
All das schlage ich vor. Mein Plan zerfällt von selbst in drei Teile, von denen 
jeder unerläßlich für den Erfolg des Ganzen ist. In seiner Dreiteilung liegt 
das Geheimnis für die Lösung des sozialen Problems. Die drei Teile aber 
sind : i. die Stadtkolonie, 2. die Farmkolonie, 3. die Überseekolonie (II. Kap. I, 

83-94)- 

Das erste Erfordernis der Stadtkolonie sind Suppenküchen, welche für 
wenig Geld gute Speisen verabreichen. In den schon bestehenden drei H.- 
Einrichtungen gibt es für 4 Pf. Suppe oder Kartoffeln, Kohl, Bohnen, 
Pudding, Reis, Backpflaumen, Semmel mit Marmelade, Brot mit Butter 
oder Marmelade; für 8 Pf. Suppe mit Brot oder Plumpudding, Kaffee, 
Kakao, Tee; für 16 Pf. konserviertes Rind- und Hammelfleisch; für 24 Pf. 
Fleischpudding und Kartoffeln. Von mehr Bedeutung aber sind die Nacht- 
herbergen, denn wenn man den Speisenden für seine Zwecke haben will, muß 
man ihm Unterkunft geben. Wohin soll ein Mensch, der noch einige Pfennige 
hat, gehen? Ins Arbeitshaus darf er nicht, weil er nicht in ,, äußerster Not" 

240 



ist ; ein anderer nimmt ihn nicht. Unsere Naehtherbergen, sagt der General, 
geben Obdach zu jeder Zeit für 32 Pf. 5 Uhr nachmittags sammeln sich die 
Männer, die Frauen noch früher. Sie sitzen in warmen Zimmern, bekommen 
Kaffee, Tee oder Kakao und können sich und ihre Kleider im Waschhaus 
nach Belieben reinigen. Seife, kaltes und warmes Wasser, Bürste, alles ist 
bereit. Um 8 Uhr ist es gedrängt voll, und dann beginnt die Hauptsache : die 
gottesdienstliche Versammlung. Nachher begibt sich jeder in den als Bett 
dienenden Kasten, schläft in dem, um Decken zu sparen, auf 15 V2 Grad C 
geheizten Raum und erhält morgens sein Frühstück — alles für 32 Pf. 
(IL Kap. II, 94-105). 

Was aber, wenn jemand keine 32 Pf. mehr hat? Mit jeder Suppenküche 
und jeder Nachtherberge ist ein Arbeitshof zu verbinden, damit er sich diese 
32 Pf. verdienen kann; denn die Leute sind vor dem erniedrigenden Be- 
wußtsein zu bewahren, Almosen in Anspruch genommen zu haben. Hunderte 
und Tausende von dieser Sorte treiben sich herum, und die Gesellschaft be- 
ruhigt ihr Gewissen dadurch, daß sie solch zerfetzten Lumpen einmal Brot 
und Suppe gibt. Die Polizeiwache behandelt sie als Halbverbrecher, und so 
werden sie, immer tiefer sinkend, an Geist und Körper kranke Geschöpfe, 
starrend vor Schmutz und ohne jedes Streben. Und das Ende? In rohem 
Sarge trägt man sie eilends ins Armengrab. Wie aber soll man einem solchen 
Geschöpf gegenübertreten ? Man soll ihm sagen : Sie sind hungrig. Hier ist 
Nahrung ! Sie sind obdachlos. Hier mögen Sie Ihr Haupt hinlegen ! Aber den- 
ken Sie daran, daß es hier keine Caritas gibt, sondern Arbeit für den Ob- 
dachlosen, Hilfe für den Hilflosen. Verdienen Sie 32 Pf. und kommen Sie 
aus Kälte und Nässe in ein warmes Obdach. Hier ist eine Schüssel Kaffee 
und ein großer Batzen Brot, und ist das vertügt, so findet eine hübsche Ver- 
sammlung statt mit froher Musik und herzlich-menschlichem Verkehr. Man 
wird mit Ihnen cds einem Bruder beten, und Sie werden sich zu Hause fühlen. 
Alsdann können Sie ins Bett. Das Waschhaus steht Ihnen zur Verfügung 
mit Seife und Wasser, soviel Sie wollen; während Sie schlafen, kann Ihr 
Hemd trocknen, und morgen früh erwartet Sie ein Frühstück. Dann mögen 
Sie Arbeit suchen oder, wenn Sie woUen, zurückkehren, bis Sie etwas ge- 
funden haben. 

Aber wo und wie? Betrachten wir den Arbeitshof! Lohn können wir 
natürlich nicht zahlen; denn sobald die Leute Lohn verdienen können, 
sollen sie es draußen tun. Jeder kommt ja freiwillig. Die Offiziere können 
Ausnahmen machen, aber das Gewöhnliche ist: erst arbeiten, alsdann essen! 
Ein bestimmtes Pensum wird streng gefordert. Was für Arbeit ? Nun, solche 
wie die H. sie in Whitechapel hat. Die Höfe sollen auch Männern und Frauen 

16 Clasen, Der Salutismus 24-1 



mit Familie offenstehen, die zeitweilig arbeitslos sind, aber eine Art Heim 
besitzen ; doch kann für solche Fälle auch Heimarbeit, z. B. Anfertigung von 
Zündholzschachteln, eingeführt werden. Das gäbe dem Sweatingsystem 
einen Stoß ; Zwischenhändler und Verleger könnten nicht mehr, ohne dabei 
eine Hand zu rühren, zwei Drittel als Gewinn einstreichen. 

In all diesen Arbeitsstätten wird der Erfolg davon abhängen, in welchem 
Maße es gelingt, die Arbeiter zu gesundem und sittlichem Empfinden, zu 
Hoffnung und Strebsamkeit zu erziehen. Man muß immer bedacht sein, sie 
nicht nur mit Obdach, Nahrung und Kleidung zu versehen, sondern einer 
inneren Umwandlung entgegenzuführen. 

Hat man die Leute so weit, so entsteht die Frage, wie bekommt man sie 
an geregelte Arbeit ? Dafür ist der Arbeitsnachweis da, wo Nachfrage und 
Angebot verzeichnet wird. Bis jetzt behilft man sich mit Zeitungsanzeigen. 
Die Gewerkschaftseinrichtungen kommen nicht in Betracht; denn gerade 
die Verlassensten sind unorganisiert, und dem Sweatingsystem preisgegeben. 
So streicht der Vermittler von Plakatträgern ebensoviel ein, als der Träger 
selber bekommt, der für 1—1,25 Mark den ganzen Tag über die Straße läuft. 
Die Träger sollten eine Kooperativgenossenschaft bilden, und mit jeder 
Nachtherberge eine Brigade verbunden sein. Die Kosten werden sich für 
jede Vermittlung nur auf 8 Pf. belaufen. 

Aber trotz der Tätigkeit der Arbeitsnachweise wird eine Menge Un- 
beschäftigter übrigbleiben. Wenn mein Plan, sagt der General, verwirk- 
licht wird, muß in jedem Bevölkerungszentrum ein Arbeitskapitän sein, 
besonders damit betraut, die unorganisierte Arbeit zu überblicken und den 
Bodensatz der Arbeiter unterzubringen. Der arbeitslose Mann muß an die 
mannlose Arbeit gebracht werden, das ist des Rätsels Lösung. Ich schlage vor, 
in jeder Stadt eine Brockensammlungsbrigade einzuführen, d. h. organi- 
sierte Sammler, die regelmäßig ihr Stadtrevier durchwandern und den Ab- 
fall in den Häusern sammeln. 

Alle meine Vorschläge beruhen auf dem Grundgedanken, in großen 
Städten durch Organisation zu ersetzen, was in kleineren Städten und Dör- 
fern auf unorganisierte Weise von selber geregelt wird ; denn alle Großstadt- 
probleme entstehen aus der Tatsache der Massenansammlung. Am mensch- 
lischen Körper kann kein Glied leiden, ohne daß es nicht der ganze Körper 
fühlt. Anders ist es mit dem Gesellschaftskörper. Der nachbarliche Verkehr 
hat aufgehört, und in unseren Städten kann man nur noch von einer An- 
häufung zusammenhaltloser Menschen auf einem kleinen Flecken Erde 
sprechen. Oft kommt es vor, daß jemand verhungert nur einige Schritte von 
dem Palaste desjenigen entfernt, der ihm gerne mit seinem Überfluß ge- 

242 



helfen hätte. Es muß eine leichte, selbsttätig wirkende Verbindung zwischen 
der Gemeinschaft und dem Einzelwesen geschaffen werden, die künstlich 
der Stadt ersetzt, was das Land natürlicherweise besitzt. London sollte in 
Reviere eingeteilt werden, und die Dienstboten sollten gehalten sein, die 
Überbleibsel der Nahrung, Papierabfälle und abgelegte Kleider getrennt 
irgendwo aufzubewahren, und das müßte nach Bedürfnis jede Woche ab- 
geholt werden durch Leute, die, um einen Mißbrauch auszuschließen, uni- 
formiert und mit einer Nummer versehen wären. Klagen könnte man an den 
leitenden Offizier richten. Lady Wolseley hat in Mayfair eine Brockensamm- 
lung begründet, um damit eine Volksküche zu unterhalten. Das Ergebnis 
war über alles Erwarten günstig. Ganze Hammelkeulen fand man, von denen 
nur ein bis zwei Scheiben abgeschnitten waren. Ich glaube, daß die Küchen- 
abfälle von Westlondon genügten, die Arbeitslosen in unseren Heimen in Ost- 
london sämtlich zu unterhcQten. Was nicht für menschlichen Gebrauch nutz- 
bar wäre, müßte auf dem Wasserwege zur Farmkolonie. Die gesammelten 
alten Schuhe sollten geflickt und wieder verkauft werden. In einigen Städten 
gibt es schon Stiefelniederlagen für arme Kinder. Wenn in London 43 000 
Kinder ohne Frühstück zur Schule kommen, wie viele mögen da ohne 
Schuhzeug sein? Auf dem Lande ist der Schirmflicker eine gefürchtete 
Erscheinung, da seine Frau für Hühner meist eine Vorliebe hat. Ich schlage 
vor, auch Schirmflickereien zu errichten oder ähnlich eine Flaschen- und 
Büchsensammlung. In Frankreich werden gewisse Spielwaren fast nur aus 
alten Sardinenbüchsen verfertigt. In jedem Hause sodann liegen Zeitungen 
und Bücher, die man gerne los wäre. Vieles könnte die Brockensammlung 
verkaufen, vieles nähmen die Hospitäler mit Dank an, alles aber könnte 
man einstampfen. Die Brockensammlungsbrigade würde uns endlich auch 
mit einer Unmenge von Familien in Beziehung bringen und so die Möglich- 
keit geben, wichtige Aufschlüsse zu sammeln, und die Leute der Brigade 
könnten auch Gelegenheitsarbeiten wie Fensterputzen und Teppichklopfen 
übernehmen. Die erste Einrichtung würde, auf das Haus ausgerechnet, etwa 
I Mark, also für London 500 000 Mark kosten. Man könnte ja langsam vor- 
gehen (II. Kap. III, 94—124). 

Wesentliche Elemente der Stadtkolonie sind auch die Rettungsheime für 
Trinker, Sträflinge und Magdalenen, das Amt zur Aufsuchung Ver- 
mißter und die juristische Beratungsstelle für das Volk. Doch geht W. B. vor- 
erst auf die Besprechung der Farmkolonie über. Neben unseren Eisenbahnen, 
sagt er, liegen viele Quadratmeilen Land brach, die leicht mit dem Dünger 
aus der Stadt angebaut und deren Ertrag leicht wieder der Stadt zugeführt 

16* 243 



werden könnte. Wir haben in fast jeder Grafschaft ganz oder zu dreiviertel 
unbewirtschaftete Ackergüter. Warum die Leute über die See schaffen, 
wenn sie im Inlande so gut gebraucht werden können ; warum sie statt eine 
Stunde viele tausend Meilen weit vom größten Absatzgebiet der Welt sen- 
den? Wenn wie einstmals die Sachsenkönige Hengist und Horsa die 
Chinesen nach England herüberkämen, o wie hätten diese Ackerbauer sehr 
bald aus Kent ein Paradies gemacht. Die Schwierigkeit liegt eben nicht im 
Boden und Klima, sondern in dem Mangel an Arbeitsaufwand unter An- 
wendung wissenschaftlicher Grundsätze. 

' Mein Gedanke ist — fährt W. B. fort — , eine Farm von 200 — 400 ha in 
einiger Entfernung von London zu errichten, geeignet für Handelsgärtnerei 
und mit Lehmboden für einige besondere Gewächse, aber auch für Ziegelei. 
Sie müßte nicht nur an einer Eisenbahnlinie, sondern auch am Flusse 
liegen. Berauschende Getränke dürfen innerhalb des ganzen Farmbereiches 
unter keinen Umständen zu haben sein. Das für die eigenthche Farm allein 
durchzuführen, hätte keinen Zweck, wenn man nur einen kleinen Weg zu 
machen brauchte, um beim „Roten Löwen", beim ,, Blauen Dragoner" oder 
bei ,, Georg IV." zu landen. Aus unserer Stadtkolonie holen wir die besten 
Kräfte heraus für die Pionierarbeit. Nicht jeder, der in der Großstadt wert- 
los erscheint, ist es auch in der Tat; ich weiß das aus der Erfahrung mit 
einigen meiner besten Offiziere. Eine ungeheure Menge von Kräften und 
Fähigkeiten liegt in den Kneipen verborgen. Es fehlen nur die Entfaltungs- 
bedingungen. Was, das Stadtpack soll Kulturpionier sein? Sehen wir uns 
das ,, Stadtpack" doch einmal an! Unser Arbeitsamt hat festgestellt, daß 
60% der Arbeitslosen zur Landbevölkerung zu rechnen sind; 20% sind aus- 
gediente Soldaten, Leute, die ihr Leben für das Vaterland in die Schanze 
geschlagen haben, an Gehorsam gewöhnt und deshalb besonders tauglich. 
Den Pionierarbeitern sollen dann andere folgen, die in der Stadtkolonie 
genügend Unten\'ürfigkeit, Arbeitswilligkeit und Ehrgeiz bekundeten. Im 
Sommer geht's gleich an die eigentliche Landarbeit; im Winter mögen sie 
Abzugskanäle, Wege oder Hecken anlegen. Ein Superintendent soll die 
Kolonie leiten, der praktischer Gärtner ist, vertraut mit den besten Methoden 
der Kleinwirtschaft und im Besitze umfangreicher, theoretischer Kenntnisse. 
Alles soll selbst hergestellt und jeder seinen Fähigkeiten entsprechend be- 
schäftigt werden. Für Frauen käme hauptsächlich Obstbau in Betracht, und 
es wäre etwas Wunderbares, wenn die Mädchen der Piccadilly das Straßen- 
pflaster Londons mit den Erdbeerbeeten von Essex oder Kent vertauschen 
könnten. Die geistig und körperlich schwachen Kolonisten könnten in der 
Kaninchen-, Bienen- und Federviehzucht sich nützlich machen. Die Farm 

244 



würde eine landwirtschaftliche, höhere Schule werden und sollte dazu dienen, 
die Leute für eine spätere Tätigkeit auszubilden. 

Neben die Farmkolonie im eigentlichen Sinne müßte das gewerbliche 
Dorf treten. Große Mengen der in der Stadtkolonie zusammengebrachten 
Küchenabfälle könnten, wenn nicht durch menschliche, so doch durch 
tierische Verdauungswerkzeuge verwertet werden, besonders zur Schweine- 
zucht, die alles in Schatten stellen müßte, was man bis jetzt in dieser Art 
gesehen. Das Schwein ist billig und praktisch, es lebt überall, frißt alles, ist 
verwendbar von der Schnauze bis zum Schwänze und liefert außerdem einen 
für die Landwirtschaft wertvollen Dünger. Die Brockensammlung der Stadt 
würde ferner Knochenabfälle liefern. Gegenwärtig ist es in Amerika ein- 
träglich, die Knochen von verendeten Büffeln zu sammeln und zum Zwecke 
der Düngerfabrikation nach dem anderen Ende der Welt zu bringen. Wie 
billig könnten die ungeheuren KnochenabfäUe Londons flußabwärts ge- 
fahren werden zur Knochenmühle. Die Fett-, Talg- und Schmalzabfälle 
wären zur Herstellung von Wagenschmiere und besonders von Seife zu 
verwenden. Die Papier- und Lumpenabfälle wird man zu Papier verarbeiten, 
wovon die H. allein schon 30 1 wöchentlich nötig hat. Das Blech könnte zur 
Fabrikation von Blumentöpfen, Metalleinlagen und Spielzeug dienen, und 
gegebenenfalls könnte man einen Fachmann aus Paris zuziehen. Lese- 
zimmer und Bibliothek sollten den Kolonisten geistig fördern; Blumen-, 
Früchte- und Vieh -Ausstellungen hätten jährlich stattzufinden; an Winter- 
abenden könnten Frauen und Mädchen weben und spinnen; mitten in der 
Kolonie müßte eine Volksschule, eine landwirtschaftliche und eine gewerb- 
liche Schule sein. 

In der Nähe der Farm soll femer Land angekauft werden, um den mehr 
befähigten Kolonisten Parzellen von 1—2 ha mit einer Hütte, einer Kuh, 
Werkzeug u. s. w. zur Verfügung stellen zu können. Jeder Pächter 
wird mit dem Besitzrecht ausgestattet; und seine Verpflichtungen sollen 
sich mit der wöchentlichen Rentenzahlung erschöpfen. Wächst die Zahl 
dieser Pachtgüter, so muß eine Molkerei errichtet werden. Die ursprüngliche 
Farmkolonie soU schließhch nur noch der Mittelpunkt einer ganzen Reihe 
von Einzelfarmen sein, wovon jede auf dem eigenen Grund und Boden ihres 
Bewohners steht, aber von der Nachbarfarm nicht so weit entfernt ist, daß 
die Wohltaten menschlichen Zusammenseins entbehrt werden müssen. 

Endlich schlägt Booth noch, nach dem allerdings mißlungenen Versuche 
in Ralahine, die Schaffung einer Kooperativfarm vor. Kolonisten, die den 
Wunsch haben, ganz selbständig eine neue Farmkolonie zu begründen, 
mögen es in dieser Form tun (H. Kap. HI, 124—143). 

245 



Die Krönung des Dunkelsten-England-Plans bildet die Überseekolonie. 
Manche Einwürfe, sagt der General, werden gegen die Auswanderung er- 
hoben. Die einen wollen die Reihen der Unzufriedenen nicht gelichtet sehen, 
weil sie ihnen gegen die Regierung als Werkzeug für ihren Umsturz dienen 
sollen. Andere wollen dem Engländer sein Vaterland nicht rauben lassen. 
Diesen erklärt der General, daß bei der Auswanderung selbstredend nicht 
der geringste Druck ausgeübt werde, und daß er nie Anteil an der Ausfuhr 
von Menschen haben würde. Auch läßt das fortgestezte Hin- und Herreisen 
zwischen England und den Kolonien diese nur als Teile des großen briti- 
schen Reiches erscheinen. Der Auswanderer findet dort Menschen mit den- 
selben Gewohnheiten, derselben Sprache, kurz sich selber und sein Volk 
wieder. Auch wendet man ein, die Arbeitslöhne in den Kolonien würden 
durch dies fortgesetzte Hinzuströmen neuer Kräfte herabgedrückt. Aber 
das ist doch nur bei ungelernten Arbeitern der Fall, und es soll sich ja nur 
um die Übersiedlung geschulter und erprobter Kolonisten handeln, welche 
die Löhne nicht nur nicht herabdrücken, sondern Handel und Gewerbe durch 
ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit zu neuer Blüte bringen. Man muß 
eben unter den Auswanderungswilligen eine sorgfältige Auswahl treffen 
und darf nur solche schicken, denen man nur die Großstadtluft zu ent- 
ziehen braucht, und sie sind die brauchbarsten Menschen. Es bleiben also 
noch drei Schwierigkeiten zu lösen: i. die Vorbereitung der Kolonie für die 
Leute, 2. die Vorbereitung der Leute für die Kolonie, 3. die Anordnungen 
für die Überfahrt. 

Für die ersten Versuche kommt vor allem Südafrika in Frage. Dort ist 
Land in beliebiger Menge vorhanden, das Klima ist gesund und gut, und für 
den Fall eines Mißlingens ist Arbeit um guten Lohn zu finden. Aber auch 
andere Länder, wie Kanada, Australien, Britisch-Kolumbien, sind sehr ge- 
eignet. Zunächst hat man sich zu unterrichten über die Lage und den Cha- 
rakter des betreffenden Landes, seine Absatzmärkte, seine Verbindung mit 
Europa usw. Dann muß man sich zur Kolonisation geeigneten Boden unter 
günstigen Bedingungen verschaffen, einen passenden Ort für die erste 
Niederlassung ermitteln, Gebäulichkeiten errichten, die Stücke abgrenzen 
und die erste Saat vornehmen. Nach und nach kommen die Kolonisten, und 
das Land wird immer mehr aufgeteilt. Inzwischen muß man auch eine 
starke und wirksame Regierung einrichten mit denselben Gesetzen wie im 
Heimatlande, nur daß sie den veränderten Verhältnissen angepaßt sind. 
Die Kolonisten sind für ihren Unterhalt verantwortlich, können Käufe und 
Verkäufe tätigen, Personal anstellen und überhaupt alle Geschäfte selb- 
ständig regeln. Das Land wird ohne Selbstinteresse an sie verpachtet. Neu- 

246 



ansiedier werden bei der Überfahrt von Offizieren geleitet und finden alles 
so vorbereitet, daß sie gleich an die Arbeit gehen können. Vorher müssen sie 
zu Ehrbarkeit, Wahrheit und Fleiß erzogen und in jeder Weise vertrauens- 
würdig sein, beseelt von dem Ehrgeiz, sich selbst und ihren Mitmenschen 
zu nützen, angelernt für ihren Beruf, sparsam und abgehärtet gegen Müh- 
seligkeiten und Strapazen. Die Überfahrt nach Afrika würde für den Kopf 
einschließhch der Landreise i6o Mark kosten. Die Kolonisten verpflichten 
sich, alle Auslagen zurückzuzahlen, damit von diesem Gelde wieder neuen 
Kolonisten die Übersiedlung möglich wird. Der General besteht im einzelnen 
keineswegs auf der Ausführung seines Planes; er hofft vielmehr, einige Mo- 
nate nach Veröffentlichung von einer Reihe Vorschlägen zur Verbesserung 
berichten zu können. Ein Auskunftsamt in London soll über alle Fragen Rat 
erteilen, die Übersiedlung vermitteln, bei den Dampferlinien und Eisen- 
bahnen Vergünstigungen für die Kolonisten erwirken, sie Beamten und 
Freunden empfehlen usw., besonders aber soll es sich der Frauen und Mäd- 
chen annehmen. Die Personen- und Güterbeförderung zwischen Kolonie und 
Mutterland soll womöglich in eigenem Schiff erfolgen. Am besten und bil- 
ligsten wäre ein Segelschiff, das beständig hin- und herreiste (IL Kap. IV, 
143-156). 



Dieser nun beschriebene, dreifältige Plan dient solchen Versunkenen, 
die verhältnismäßig leicht zu erreichen sind. Aber es ist nicht genug, daß 
ein Mahl bereitet und die Gäste eingeladen sind. An die Hecken und an die 
Zäune muß man gehen und sie nötigen, hereinzukommen. Gewaltsam haben 
Stanley und Emin sich durch Afrika hindurcharbeiten müssen. So muß auch 
die Rettungsarbeit im dunkelsten England ein fortgesetzter, mühsehger 
Kampf sein. Die erste Reihe von kleineren Vorschlägen einer Sozialreform 
faßt W. B. unter dem Titel ,,Ein neuer Kreuzzug" zusammen, und es werden 
von ihm behandelt: 

1. Der „Slumkreuzzug" (Slum = Hintergasse, Spelunke). B. schlägt vor, 
die Zahl der H.-Slumschwestern zu vermehren und ihre Tätigkeit durch un- 
mittelbare Verbindung mit der Stadtkolonie noch segensreicher zu gestalten. 
Er verspricht sich davon a) eine merkliche Besserung in der Reinlichkeit und 
ein Nachlassen der Trunksucht, b) eine größere Achtung des Volkes vor der 
Religion und der H., c) eine viel größere Liebe zu geordneter Tätigkeit, 
d) die Rettung vieler gefallenen Mädchen. Die Obdachlosenfürsorge scheint 
ihm nur eine Entwicklungsstufe der Slumarbeit zu sein. 

2. Das Wanderspital, das von einem Pferde gezogen und einigen Wärte- 

247 



rinnen bedient wird und alles Notwendige zur Behandlung Leichtkranker 
und zum Verbinden von Geschwüren und Wunden enthält. 

3. Die Gefängnistorhrigade, deren Arbeit beginnen soU, wenn diejenige des 
Gefängnisses, die oft auf das Gegenteil von Besserung hinausläuft, aufhört. 
a) Den Leuten muß sofort bei Entlassung Arbeit beschafft werden. Deshalb 
ist, wie die H. es in Kings Gross schon versucht hat, ein Heim mit Arbeits- 
stätten zu errichten, wo der Entlassene bleiben kann, bis Arbeit für ihn 
gefunden ist. b) Um den erstmalig Bestraften vor der Schande und dem 
Schaden des Gefängnislebens zu bewahren, soll er auf Grund eines ,, auf- 
geschobenen Urteils" der H. übergeben werden, c) Die H. soll zu festge- 
setzten Stunden freien Zutritt zu den einzelnen Gefangenen im Gefängnisse 
haben, wie es z. B. in Australien schon geschieht, d) Die H. wird den Ent- 
lassenen am Tore erwarten und in ihren Schutz nehmen, damit er nicht 
gleich wieder schlechten Kameraden zum Opfer fällt, e) Die H. wird ihm 
auch die demütigende Pflicht abnehmen, über sich selbst bei der Polizei zu 
berichten, f) Sie wird unter allen Umständen bereit sein, jedem passende 
Arbeit zu besorgen, g) Bei guter Führung kann der Häftling zur Farmkolonie 
geschickt werden, 

4. Trinkerfürsorge. Ihr Ergebnis ist bisher allgemeine Verzweiflung, etwas 
auszurichten, und doch sind Tausende von Salutisten ehemalige Trinker. 
Indes ihre Zahl ist gering im Vergleich mit der ganzen Million Trunksüch- 
tiger in Großbritannien. Dem Trinker fehlt jede moralische Kraft, sich den 
Klauen des Lasters zu entwinden. Immer wieder verspricht er hoch und 
teuer die Umkehr und macht auch gelegentliche Versuche. Das sicherste 
Mittel, ihm zu helfen, wäre, alle Kneipen zu schließen, und weil das vor- 
läufig nicht geht, muß sich jemand zwischen ihn und die Kneipe stellen. 
Am besten ist für einen solchen, damit er den moralischen Halt wieder- 
gewinnt, ein Rettungsheim. Die bestehenden Heilstätten sind zu kost- 
spielig. Sie müssen auch den Ärmsten zugänglich und die zwangsweise 
Unterbringung nach behördlicher Anordnung gestattet sein. Die Trinker 
beschäftigen fortwährend Polizei, Gerichte und Gefängnisse und bereiten 
der Allgemeinheit große Auslagen, welche durch solche Anstalten vermin- 
dert und zweckdienlicher angelegt würden. 

5. Magdalenenfür sorge. Die Heime, deren die Armee (1890) 13 besitzt, 
müssen vermehrt werden. Bishergab es zwei Schwierigkeiten : a) die Rettung 
war zu kostspielig; b) es war schwer, für die Mädchen Stellung zu finden. 
Bei Ausführung des Planes können die Mädchen der Farm oder Übersee- 
kolonie zugeteilt und so beide Schwierigkeiten gehoben werden. 

6. Fürsorge für gefährdete Mädchen. W. B. erzählt, wie ein Mädchen 

248 



irgendwo in einem Heim für Magdalenen um Aufnahme gebeten hätte, aber, 
weil sie noch nicht gefallen war, nicht aufgenommen werden konnte. Sie 
kam nach kurzer Zeit und erklärte, nun seien die Aufnahmebedingungen 
erfüllt. Es sind, so fordert er unter Hinweis auf die Feststellungen der 
„Gesellschaft für Kinderschutz", Zufluchtsstätten zu schaffen, wohin junge 
Mädchen sich zu jeder Tag- und Nachtstunde flüchten können, 

7. Fürsorge für Vermißte. In London gibt es jährlich 18000 Vermißte, 
wovon 9000, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen, verschwinden. Die 
Polizei hat wenig Erfolg. Ein Privatdetektivinstitut können nur reiche Leute 
in Anspruch nehmen. Die bestehenden H.-Einrichtungen, die mit staunens- 
wertem Erfolge gearbeitet haben, müßten also weiter ausgebaut und ver- 
mehrt werden. 

8. Kinder-Krippen und Kinder -Tagschulen für Kinder, die tagsüber ohne 
Aufsicht der Mütter sind. 

9. Gewerbliche Schulen, zunächst für Knaben, dann aber auch für Mäd- 
chen im Alter von 8—21 Jahren. Die bisherige Schulbildung bringt, wie W. 
B. meint, eine Vergeudung der Kraft und Energie der Kinder mit sich. Der 
halbe Morgen sollte für theoretische und die andere Hälfte für praktische 
Ausbildung dienen, bei gutem Wetter draußen, bei schlechtem im Hause. 
Auf diese Weise wird die Gesundheit gefördert, die Liebe zur Schule ge- 
weckt, die Erziehungskosten werden verbilligt, natürliche Begabung wird 
entdeckt und gepflegt, und das vermieden, was man einen ,, verfehlten 
Beruf" nennt. 

10. Asyle für ,, moralische Irre" . Es gibt solche, die durch Vererbung oder 
Gewöhnung so faul sind, daß keinerlei Arbeit sie anregt, so lasterhaft, daß 
Tugend ihnen ein Abscheu, so unehrlich, daß Diebstahl ihr einziges Begehren 
ist. Es wäre ein Vergehen gegen die Rasse, wollte man solche Menschen sich 
frei in der Gesellschaft bewegen und vermehren lassen. Doch soll vorher 
alles mit ihnen versucht werden, ehe man sie ins Asyl bringt. Erst wenn sie 
weder mit Strafe noch Mitleid, weder durch vernünftigen Zuspruch noch 
durch irgendwelchen menschlichen oder göttlichen Einfluß gebessert werden 
können, soll zu diesem letzten Mittel gegriffen werden. Aber auch dann noch 
sind sie durchaus menschlich zu behandeln. Alle morcdischen, geistigen und 
religiösen Vorteile sollen ihnen zuteil werden, die etwa zu einer Besserung 
dienen können. Jeder wohne in eigener Hütte mit eigenem Gärtchen. Ihr 
Verkehr untereinander muß unbedingt verhindert werden. 

\ Einwurf: Es ist grausam, Menschen ihrer persönlichen Freiheit zu be- 

\ rauben. Entgegnung : Kerkerstrafen oder lebenslängliche Straf arbeit sind 

noch freiheitsraubender. Übrigens kann ein Leben voll Trunkenheit, Ver- 

249 



brechen und Gefängnisstrafen nicht als Freiheit bezeichnet werden. Ein- 
wurf: Die Ausführung des Planes ist kostspiehg. Entgegnung: Wenn sie 
frei sind, legen sie der Nation weit höhere Kosten auf, wogegen sie aus ihrem 
Gütchen ihren Unterhalt ziehen können. Einwurf: Die Ausführung ist un- 
möglich. Entgegnung: Es wäre nur ein entsprechendes Gesetz notwendig 
(II. Kap. V, 156-207). 

Die zweite Reihe kleinerer Reformvorschläge betitelt W. B. „Hilfe all- 
gemeiner Art". Außer den Versunkenen gibt es noch solche, die am 
Rande des Abgrundes sind und durch rechtzeitige Hilfe bewahrt werden 
könnten, ferner solche, die aus dem tiefsten Elend befreit sind, nun aber 
immer noch der Hilfe bedürfen. Ihnen sollen dienen: 

1. Die Wohnungsfürsorge. Für solche, die aus den Nachtherbergen kom- 
men und auf dem guten Wege bleiben wollen, sind Armeleutehotels einzu- 
richten, angenehm und neuzeitlich gebaut, mit Bädern, Lese- und Versamm- 
lungsraum. 

2. Die Mustervorstadtdörfer. Es ist gewiß ein Vorteil und Fortschritt, wenn 
jemand die Straße mit der Nachtherberge und diese mit dem Armeleutehotel 
vertauscht; aber das Endziel muß doch das Eigenheim sein. Weder die 
Hütten- und Kellerwohnungen, noch die Mietkasernen können da in Be- 
tracht kommen. Auf dem Lande in einiger Entfernung von der Stadt an 
der Eisenbahn soll ein Dorf errichtet werden aus kleinen, für 3 Mark wö- 
chentlich zu mietenden Häuschen mit allen Bequemlichkeiten, den Be- 
dürfnissen des Arbeitsmannes angepaßt, 3—4 Zimmer und eine Waschküche 
enthaltend, versehen mit einem Gärtchen. Ein Kooperativ- Warenhaus dürfte 
nicht fehlen; Alkoholika seien zu verbieten. Die Bahnkarte vom Dorfe 
nach London und zurück müßte für 50 Pf. die Woche geliefert werden. 

3. Die Armeleutehank. Ein Unglück im Erwerbsleben des armen Mannes ist 
der Geldmangel. Es sollte darum ein Kreditinstitut für den kleinen Mann 
zunächst auf privater, später auf staatlicher Grundlage geschaffen werden, 
wie man's in Deutschland und Rußland gemacht hat. Der Entleiher müßte 
bis zur Rückzahlung von Kapital und Zinsen seine ganzen Arbeitsprodukte 
der Bank vertraglich verpfänden. 

4. Der Armeleute-Rechtsanwalt. Wenn ein Mann krank ist, kommt er ins 
Spital und erhält ärzthche Behandlung und Medikamente, dagegen läßt man 
die Leute ruhig verelenden und gibt ihnen keinen Rat, wie sie sich schützen 
können. Es soU also eine Beratungsstelle errichtet werden, die Aus- 
kunft gibt über Fragen, welche Person, Freiheit und Eigentum betreffen 
und die auch praktische Hilfe leistet. Das würde besonders den Witwen 

250 



dienen, deren es in Ost-London allein 6000 gibt. Schon das Bewußtsein, daß 
die Armen und Elenden in der H. einen Freund und selbstlosen Ratgeber 
haben, hielte manchen habgierigen Menschen von Ungerechtigkeiten ab und 
würde manchen Vater antreiben, die Sorge um sein uneheliches Kind und die 
arme Mutter nicht leichten Herzens von sich zu werfen. Was geschieht 
ferner für die Leute, die vor Gericht ihre Unschuld beteuern, aber nicht die 
Mittel haben, ihre Sache durchzufechten ? Die Einrichtung soUte also dienen : 
a) als Beratungsstelle für bedrängte und ratlose Menschen ; b) als Rechts- 
beistand; c) als Armenverteidigung vor Gericht; d) als Schiedsgericht auf 
Anruf hin. 

5. Die Soziale Auskunftsstelle. Es fehlt an einer Zusammenstellung dessen, 
was in der sozialen Frage erforscht und mit Erfolg geschaffen wurde, an einem 
Reservoir, in das die Erfahrungen auf sozialem Gebiet zusammenströmen. 
Die soziale Auskunftsstelle soll dazu dienen und ebensogut über Viehzucht 
und Arbeiterwohnungswesen, als über Auswanderung und technische Fra- 
gen Auskunft geben können. 

6. Das Amt für Heiratsvermittlung. W. B. betont dann noch einmal die 
Bedeutung, welche er dem Kooperativsystem zuschreibt, und geht nach 
diesem Zwischenabschnitt dazu über, ein Amt für Heiratsvermittlung zu 
fordern. Auf dem Lande wachsen Burschen und Mädchen miteinander auf, 
finden sich in religiöser Gemeinschaft, bei der Arbeit und auf grüner Flur 
zusammen, lernen sich kennen und können sich nach Wunsch paaren. In 
der Großstadt ist die Heirat mehr eine Gelegenheitssache und ein Sich-Kennen- 
lernen fast nur in Vergnügungslokalen und auf der Straße möglich. Das 
leistet zunächst der Prostitution Vorschub, hat unglückliche Ehen zur Folge 
und vielfache Ehelosigkeit, eine bedauerliche Zeiterscheinung, der viele 
soziale Übel entspringen. Tausende Männer und Frauen würden heiraten 
und glücklich sein, wenn sie sich nur kennen lernten. Die Heiratslustigen 
sollten registriert und im Anschluß an dieses Amt sollte eine Anstalt für 
junge Mädchen unterhalten werden, wo diese auf ihre Haushaltungs- und 
Mutterpflichten vorbereitet würden. 

7. Whitechapel an der See. Unter den Mitteln, die zu einer sozialen Hebung 
der unteren Volksschichten führen, ist die Gewährung von Erholung sehr 
wichtig. Auch unter den Armen gibt es sehr viele, die gern einmal einen 
Tag am Meeresstrande zubringen möchten ; aber die teuren Verkehrs- und 
Lebensverhältnisse erlauben es ihnen nicht. Die Kosten für einen Personen- 
zug betragen auf die Meile 2,56 Mark bei 500—1000 Personen. 140 Meilen 
sind von London zur See und zurück zu rechnen, macht also rund 360 Mark 
Unkosten. Die Eisenbahngesellschaften könnten also ganz gut Rückfahr- 

251 



karten zu einer Mark ausgeben, zumal nicht 500 oder 1000, sondern 200 000 
Londoner von der Gelegenheit Gebrauch machen würden. Die Verpflegung 
am Strande könnten die Suppenküchen in die Hand nehmen, Herbergen zu 
48 Pf. das Bett und die Nacht müßten errichtet werden Gärten, Spiel- 
plätze, Musik, Boote und Badeeinrichtung vorhanden sein, und eine Familie 
mit vier Kindern müßte einschließlich der Kosten für Reise und Verpflegung 
mit 5 Mark den Tag auskommen können (H. Kap. VI, 207—241). 

Kann nun dieser umfassende Plan ausgeführt werden und wie? W. B. 
glaubt fest daran, und zwar sei die H. dazu die gegebene Organisation. 
Die H. setzt sich zusammen aus Männern und Frauen, zahlreich und eifrig 
genug, den Kampf aufzunehmen. Aus dem Vertrauen auf Gott saugt sie 
eine geheimnisvolle Kraft. Sie hat den Armen, Verzweifelten und Gefallenen 
schon wunderbar geholfen und ist darum der Aufgabe gewachsen. Ihre 
Zucht und der Grundsatz unbedingten Gehorsams sichern die genaue Durch- 
führung. Die Ausdehnung endlich und Verbreitung der Armee in aUen Län- 
dern ist dabei ein ungeheurer Vorteil. 

Anfänglich bedarf das Unternehmen selbstredend einer Unterstützung; 
später wird es sich in allen seinen Zweigen selbst erhalten können. Für den 
Anfang sind nur 2 000 000 Mark nötig, während die gesetzliche Armenfür- 
sorge und die caritative Tätigkeit das Zwanzigfache verschlingt; allerdings 
müßten dazu vorläufig noch jährlich rund 600 000 Mark kommen. In der 
Stadtkolonie sind beträchtliche Summen für die Anlage zu verwenden, doch 
handelt es sich dafür in der Folge nur noch um Reparaturkosten. Ziemlich 
kostspielig ist die Magdalenenarbeit, nämlich 12 Mark auf Person und Woche 
ausgerechnet. Aber die Allgemeinheit wird gerade hier gerne helfen. Die 
Trinkerheime unterhalten sich durch die Arbeit der Insassen selbst. Die 
Suppenküchen ebenso, wenn sie einmal eingerichtet sind. Auch die Arbeits- 
höfe werden verhältnismäßig wenig Zuschuß nötig haben. Bei der Farm- 
kolonie stellen sich die Anlagekosten wieder hoch; dann würde sie bei einem 
Umfange von 202 ha wenigstens 750 Personen ernähren, und wenn sie eine 
nahe Stadt als Absatzgebiet habe, würde das Verhältnis noch günstiger sein. 
Die auf dem Boden investierte Arbeit erhöhe fortgesetzt dessen Wert. Auch 
würde die Behörde diese Arbeit wohl unterstützen. Die Brockensammlung 
wird bestimmt Zuschüsse leisten können. Die Überseekolonie koste eben- 
falls nur für den Anfang Geld, dann allerdings eine beträchtliche Summe. 
W. B. zweifelt nicht daran, daß England das Geld aufbringen würde. Der 
Feldzug Wolseleys gegen die Aschanti im Jahre 1869 habe 15000000 Mark, 
der von Lord Napier gegen Abessinien über 180 000 000 Mark, und andere, 

252 



wobei es sich ebenfalls nur um die Befreiung einiger Engländer gehandelt 
habe, hätten ähnliche Summen verschlungen. Jetzt handle es sich nicht um 
einige, sondern um eine Million Leute, und er hoffe, daß John Bull wie immer, so 
auch in diesem Kriege wegen der Kosten sich keine Gedanken machen werde, 

r-'inwürfe: I. Die, für welche der Plan geschaffen ist, werden ihn nicht 
/ -> benützen. Um das festzustellen, ließ W. B. 250 Insassen einer H. -Nacht- 
herberge — alles Leute, die von dem Dunkelsten-England-Plan nichts wußten 
und gelernten Beruf en angehörten — die Frage vorlegen: ,,Wenn man Sie auf 
eine Farm bringen, an irgend eine Arbeit stellen, mit Nahrung, Kleidung 
und Wohnung versorgen oder Ihnen die Aussicht auf Selbständigkeit gäbe, 
würden Sie dann alles tun, was Sie könnten?" AUe 250 bejahten die Frage, 
ein Matrose ausgenommen, der glaubte, die Arbeit nicht vollbringen zu 
können. Auf die Frage, ob sie auch die schwere Landarbeit übernähmen, 
antworteten sie: ,, Warum nicht! Schauen Sie uns an! Kann irgend ein Zu- 
stand elender sein, als der unserige?" 

IL Es werden zu viele kommen. Das ist wahrscheinlich. Aber es gibt ja 
keine Verpflichtung, mehr als rätlich anzunehmen. Je mehr Anmeldungen, 
desto größer die Auswahl und desto größer unser Arbeitsfeld. 

III. Sie werden der H. weglaufen, denn das Leben wird ihnen zu lang- 
weilig, die Arbeit zu ungewohnt, der Verzicht auf die Anregungen und Ver- 
gnügungen der Großstädte unerträglich sein. — Allerdings werden einige 
weglaufen, aber nur ein kleiner Teil, weil den Entbehrungen und Nachteilen 
doch auch große Vorteile gegenüberstehen: Genügende Nahrung, Freund- 
schaft, Aussichten auf die Zukunft, Versammlungen mit Musik usw. Die Er- 
fahrung in der Magdalenenarbeit, die sich mit Wesen befaßt, welche ziemlich 
alle Laster in sich vereinigen, hat gelehrt, daß die Flucht vor Arbeit und 
Ordnung geringer ist, als man annimmt. 

IV. Sie werden nicht arbeiten. — Es ist zuzugeben, daß es nach einem Le- 
ben mehrjähriger Untätigkeit schwer ist, die Leute an die Arbeit zu bringen. 
Aber mit Geduld und guten Worten sind sie allmählich doch zu ändern. 
Ein Teü freilich wird nie wieder zur Arbeit kommen, wird bettelnd umher- 
wandeln und der Öffentlichkeit zur Last fallen. Das wird erst besser, wenn 
Bettelei bestraft wird oder diejenigen, welche durch ihre Unterstützung 
Bettelei, Faulheit und Untätigkeit großziehen, zur Einsicht kommen, daß nur 
der essen darf, der auch arbeitet. Wenn es dazu kommt, wird schließlich 
auch der Faulpelz immer noch die Arbeit dem Verhungern vorziehen. 

V. Sie haben überhaupt nicht die physischen Fähigkeiten, noch draußen 
Arbeit verrichten zu können. — Tag für Tag auf der Straße liegen, ist der 

253 



Gesundheit sicherlich weniger zuträglich als Farmarbeit. Im übrigen kann 
man ja auch die Arbeit den Fähigkeiten und Neigungen des einzelnen an- 
passen, da tausend Möglichkeiten zur Beschäftigung gegeben sind. 

VI. Sie sind aber auch geistig geschwächt und nur halb verständig. — Das 
wird in der Tat eine Schwierigkeit sein. Doch muß der Geist schon ganz 
erloschen sein, wenn man nicht die Woche 4 Mark = die Kosten seines 
Unterhalts verdienen kann bei so vielen Arbeitsmöglichkeiten. 

VII. Ähnliche Versuche, mit Kooperativunternehmen z. B., sind fehl- 
geschlagen. — Sie waren nicht auf christlichen Grundsätzen aufgebaut, Uefen 
diesen sogar vielfach zuwider. Doch hat man trotzdem noch ganz bemer- 
kenswerte Ergebnisse erzielt. 

VIII. Es wird unmöglich sein, unter solchen Leuten Zucht und Ordnung 
aufrecht zu erhalten. — Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Nacht für Nacht 
haben wir in jeder Suppenküche und Nachtherberge 200 Leute niederster 
Sorte. Es ist bis jetzt keine Störung vorgekommen, im Gegenteil, die Leute 
streben danach, das Amt eines Ordners zu erhalten, also den Offizieren zu 
helfen. Auf der Farm- und Überseekolonie waren die Leute an Ordnung 
gewöhnt worden. Deshalb hat der Einwand überhaupt keine Bedeutung. 

IX. Das Unternehmen ist für eine einzelne caritative Gemeinschaft zu 
ausgedehnt. Die Regierung müßte schon Hand anlegen. — Ob die Regierung 
oder eine andere Gemeinschaft sich dazu entschließen wird, ist nicht zu 
sagen. Wahrscheinlich ist es nicht. Die H. ist bereit, mit Gottes Hufe, mit 
Geschick und Erfahrung an die Sache heranzugehen. Bei finanzieller Unter- 
stützung ist ein glänzender Erfolg sicher. 

X. Das versunkene Zehntel ist völlig abgestumpft gegen alle Reformen 
im christHchen Geiste. — Trotzdem kann man, ebensogut wie Heiden und 
Wilde, diese Leute Christo wiedergewinnen, der erklärt hat, für alle zu ster- 
ben, und aus diesen Klassen sind Helden an christlichem Glauben und Leben 
hervorgegangen. 

Mein Plan, so rekapituliert W. B., beansprucht keine Patentrechte. Alle 
Vorschläge sind wülkommen. Wir Salutisten wollen auch gar keine 
Priester und Leviten sein; aber wir können doch wenigstens die Stelle 
des barmherzigen Samariters übernehmen (IL Kap. VII, 241—277). 

Zum Schlüsse betont W. B. die reine Absicht, die ihn bei dem ganzen 
Plane beseelt, dessen Konzeption er dem Einflüsse Gottes zuschreibt. Würde 
die geforderte Summe zusammenkommen, so soUe ihm das ein Zeichen von 
Gottes Willen sein, wie es im alten Testamente für Gideon das mit Tau 
benetzte Fell war (Richter 6, 37 ff.)- 2 Millionen Mark seien nötig. Erhalte 

254 



er die, so wolle er seine ganze Person für die Ausführung einsetzen. Es sei 
bedauerlich und beschämend, wie schwer reiche Leute sich von ihrem Über- 
fluß trennen könnten, während Tausende für Gott und ihre Brüder Hab und 
Gut, ja selbst ihr Leben ließen. Religiöse Unterschiede, sagt er, dürfen nicht 
in Betracht kommen. Wenn man auch mit dem Glauben und der Methodik 
der H. nicht einverstanden ist, so kann man dem Plan doch nur freundlich 
gegenüberstehen. Auch sei es doch immerhin besser, im Salutismus Gott, 
Glauben und Gebet wiederzufinden, als überhaupt nicht. 

Nur zwei gerechtfertigte Einwendungen, sagt W. B., können gemacht wer- 
den: I, Es mag jemand die ehrliche, auf Einsicht beruhende Überzeugung 
haben, daß der Plan nicht mit annehmbarem Erfolge ausgeführt werden kann ; 
2 . es mag j emand mit einem anderen Plan beschäftigt sein, der ebenso wirksam 
zum Ziele kommt. Im zweiten Falle bitte ich, den Plan schnell zu veröffent- 
Uchen. Es darf aber nicht reine Theorie, sondern muß greifbare Wirklichkeit 
sein. Ist der Plan besser als der meinige, so werde ich ihn mit aller Kraft unter- 
stützen und den meinigen an den Nagel hängen. Im umgekehrten Falle aber 
bitte auch ich um Unterstützung. Im ersten Falle kommt es auf die Beweise 
an, welche die Behauptung stützen. Wir, sagt W. B. wieder, stützen uns auf 
zahlreiche, praktische Versuche, und ich lade diese Gegner ein, unsere Ein- 
richtungen zu besichtigen oder durch Beauftragte besichtigen zu lassen. 
Endlich berichtigt sich der General noch in einem Punkt : Ich habe mich in 
diesem Buche immer an die gewandt, die Geld besitzen ; aber so notwendig 
das Geld auch ist, so ist es doch nicht das Notwendigste. Geld ist die Seele 
des Krieges; doch kein Krieg ohne Soldaten. Mehr als nach Geld, viel, viel 
mehr verlange ich nach Männern, und wenn ich sage Männer, so meine ich 
auch Frauen, also Männer von Erfahrung, von Einsicht, von Herz — Männer 
Gottes für den neuen Kreuzzug (IL Kap. VIII, 277—285). 



255 



II. HAUPTSTUCK 

PRAKTISCH-SOZIALE BETÄTIGUNG 
ALLGEMEINER ART 

Es ist, als hätte die Heilsarmee für die hilfsbedürftige Bevölkerung der Groß- 
städte ein neues Gesetz entdeckt, und sie hat zur Handhabung dieses Gesetzes 
neue Methoden gefunden. Prof. Dr. Y. Nielson, Direktor 

des Ethnographischen Museums in Christiania. 

Ob wohl noch ein zweiter so viel menschliches Elend gesehen und den 
Sumpf menschlicher Verkommenheit so nach allen Seiten durchwatet 
und durchkreuzt hat, wie Gen. Booth ? Ich glaube es nicht. Und doch, wie hat 
er an die Menschheit und die Menschen so tief und warm geglaubt! Man hat 
ihm als Sozialreformer Optimismus vorgeworfen, und sicher ist B. einer der 
ganz großen Optimisten; aber gerade darin finde ich die Erklärung für die 
sozialen Wunder, die er gewirkt, und ich bezweifle, ob hundert Pessimisten 
zusammen den hundertsten Teil seiner Arbeit geleistet hätten. Sein Opti- 
mismus hat nichts Phantastisches, er ist wie bei allen Aristokraten der 
Arbeit und des Willens eine ebenso berechtigte als natürliche Erscheinung. 
Übrigens hat er sich nie eingebildet, das ,, Allheilmittel" gefunden zu haben 
(vergl. seine Beteurung 144, XX). Wer das behaupten will, tut gut, seine 
Schriften und besonders Darkest England noch einmal zu lesen und — 
Philosoph zu bleiben, wenn er nicht ein lachendes „0 si tacuissesi" hören 
will. W. B. hielt es mit dem Bibelwort; ,,Amie werdet ihr immer bei euch 
haben", Math, 26, 11 ; er hätte sonst keine ständige Organisation für Sozial- 
arbeit geschaffen. Aber was hilft das alles! Leichtfertigkeit und Böswillig- 
keit werden diese Anschiildigung ja doch weiter erheben. 

Um so mehr woUen wir nach einem sachlichen Standpunkt für unsere 
Kritik suchen. Er kann, auch ganz abgesehen davon, daß der logische Irrtum 
geschichtlich wenigstens ebenso bedeutsam ist wie die logische Wahrheit, 
nicht auf gedanklichem Gebiete liegen; denn, wie der Leser sich überzeugt 
haben wird, der Dunkelst-England-Plan ist kein Denkgebilde, sondern er 
baut sich auf Wirklichkeit und Erfahrung auf. Also kann er am besten an 
dem Maßstab des wirklichen Erfolges gemessen werden und wir dürfen 
diesen Maßstab um so unbedenklicher anlegen, als wir uns dabei ganz offen- 
bar jenseits von allem moralisch Gut und Böse befinden. Nun, der Erfolg 
ist einzigartig, aber — er ist nicht so vollständig, als B. es erwartete. Deficit 
oinne pecu, deficit omne „nia" = Geld regiert die Welt. Die Mindestforde- 

256 



rung von 2000000 Mark wurde allerdings noch überzeichnet; aber es war 
eben die Mindestforderung. Von der laufenden Jahresunterstützung in 
Höhe von 600 000 Mark kam nur ein Bruchteil ein. Doch will ich diesem 
Umstände keine besondere Bedeutung beimessen, weil die (wenigstens in 
den letzten Jahren) für die englischen Sozialanstalten aufgewandten Unter- 
haltungskosten sich über 1000 000 Mark belaufen, Ist der Plan trotzdem 
noch immer nicht vollkommen zur Ausführung gebracht, so geht daraus 
klar hervor, daß die Kalkulation viel zu niedrig war, vielleicht mit Absicht, 
weil B. dachte, ein Spatz in der Hand sei besser als zehn auf dem Baume. 
Jedenfalls haben mehr als der Mammon die Menschen gefehlt; Leute, die 
der Sache ihren Einfluß und ihre Macht liehen und vor allem Offiziere mit 
warmem Herzen und klarem Kopf, So viele dem General auch zu Gebote 
standen, darunter auch manche nicht nur mit gutem Willen, sondern auch 
noch mit einem hervorragenden Talent — um mit soviel Elend zu ringen, 
dafür war das Häuflein doch zu klein und, besonders damals, noch zu un- 
tüchtig. Der Schluß des Dunkelsten England zeigt, wie scharf und klar 
W. B. diese Schwierigkeiten fühlte und voraussah. So hat er sich, obschon 
er bald ein Viertel-Jahrhundert an der Ausführung seines Planes arbeiten 
konnte, damit zufrieden geben müssen, nur die Mehrzahl seiner Wünsche 
erfüllt zu sehen, und statt des Ruhmes, in England, soweit es menschenmög- 
lich ist, die soziale Frage gelöst zu haben, nahm er nur den ins Grab, daß er 
eine caritativ-soziale Institution schuf, wie sie umfassender und erfolgreicher 
in der Welt und vom Christentum bisher noch nicht gesehen worden ist. 

Heben ^ wir das Bemerkenswerteste heraus und beginnen wir mit der 
Stadtkolonie. Alle Herbergen der H. sind nur für Obdachlose bestimmt, 
wenn auch einige den stolzen Namen ,, Hotel" führen. Allerdings darf man 
dabei unter obdachlos nicht ohne weiteres mittellos verstehen. Mittellos 
nämlich sind die Leute, die man in diesen Anstalten trifft, sehr selten; stets 
aber fehlen ihnen die Mittel, anderwärts eine ihnen zusagende Schlafstelle 
bezahlen zu können. Manche Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter sind 
Stammgäste der H.-Herbergen, weil sie dort reinlich, gut und billig Unter- 
kunft finden. Der Preis stellt sich für die Einzelnacht auf 8, 16, 24 und 
32 Pf.; in den ,, Metropolen" oder ,, Hotels" mag er von 32—150 Pf, steigen. 
Für solche, die mittellos sind, können die Offiziere Ausnahmen machen, und 
man wird in der Regel keinen abweisen, der willig und fähig ist, am anderen 

1 Als Stoffquellen kommen besonders in Betracht i. die Regeln für Sozialoffiziere = 
Nr. 110, 2. Abhandlungen und Aufsätze von den verschiedensten Seiten, und das alles 
gemessen, 3. durch das, was der Verfasser an Ort und Stelle gesehen. 

17 Cl äsen, Der Salutismus 257 



Morgen durch Sortieren von Papier oder Holzhacken zu beweisen, daß er 
nichts geschenkt haben mag. Deshalb ist in der Regel mit jeder Herberge 
ein Holzhof oder eine Papiersortierei verbunden, auch eine Suppenküche; 
denn ein Stück Brot ist stets in den Preis eingerechnet (ebenso Wasch- und 
Badegelegenheit). Wer noch 4 oder 8 Pf. besonders anlegt, kann schon unter 
den verschiedensten kulinarischen Genüssen auswählen' Zu einer H.-Nacht- 
herberge gehören also i. Schlafsäle, 2. Waschräume, Bäder, ,,ein Krema- 
torium" und eine Desinfektionsvorrichtung, 3. die Küche, 4. der Versamm- 
lungsraum, worin jeden Tag Abendandacht abgehalten wird und der viel- 
fach zugleich 5. als Speiseraum dient, (6. eine Offizierswohnung). Die 
Speisen werden gewöhnlich mit Dampf zubereitet, und dabei herrscht wie 
überall die größte Reinlichkeit. 

Wenn man gegen Mittag kommt, ist von dem Armeleutegeruch schon 
nichts mehr zu merken; das ganze Haus duftet nach Seife; alle Fenster sind 
geöffnet und eine Reihe von Heiminsassen scheuern auf den Knien Boden 
und Treppen weiß; die Salutisten sind ,, Dunkelheitshasser" (iio, 131) in 
jeder Beziehung. 

Unter diesen ,, Helfern" traf ich in London einen Mann, der weder seinen 
Namen noch Geburtstag kannte, 21 Jahre nicht in einem Bett gewesen war 
und die erste Zeit liegend nicht schlafen konnte. Bis er in die H. kam, war 
ihm eine geordnete Tätigkeit fremd gewesen. Er konnte bis dahin nicht ein- 
mal lesen, wieviel weniger schreiben. Das Lesen lernte er in der Bibel, und 
erst nach einiger Zeit wurde ihm klar, was für eine Bewandtnis es mit Jesus 
Christus habe. Er ist jetzt 5 Jahre Salutist und erzählte mir stolz, der Kom. 
habe gesagt, in seiner Abteilung sei immer alles am schönsten und saubersten 
hergerichtet. 

Es wird streng darauf gesehen, daß die Anstalten nicht die Heimstätten 
solcher werden, die eine bessere Unterkunft bezahlen können. Allein in 
Großbritannien hat die H, (bis zum i. Sept. 1912) 35439668 Schlafstellen 
und 90 642 533 Speisen verabfolgt. 

Es wäre nun interessant, die besonderen Arten von Unterkunft und 
Heimgewährung zu besprechen, zu welchen die H. in den einzelnen Städten 
und Ländern gekommen ist, angefangen von den Hotels für die einkaufende 
Landbevölkerung in australischen Städten bis zu den gastlichen Feuern, die 
sie in bitterkalten Nächten mitten in den Straßen Londons anzündet, damit 
die Obdachlosen sich wärmen können. Obwohl jede der Londoner Anstalten 
viele hundert aufnehmen kann, hängt fast Abend für Abend ein Schild aus 
,,full up" = alles besetzt. Besonders die 8 Pf.-Betten oder vielmehr -Kästen 
sind im Nu vergeben. Auch ein Gang nach 194 Hanbury Street, London E., 

258 



wäre von besonderem Reize. Jeden Nachmittag finden sich dort einige hun- 
dert Frauen in der Herberge ein und darunter nicht eben selten auch schon 
eine, welche in der ganzen, weiten Millionenstadt kein Plätzchen findet, um 
ruhig zu sterben. Sie nehmen ihre letzte Kraft zusammen, daß man ihnen 
nichts anmerkt und sie noch mit einer Überführung ins Krankenhaus plagt, 
und morgens findet man sie tot in ihrem Kasten. 

Aber wir wollen uns beschränken auf die Schilderung des sogenannten 
i.,, Freien Frühstücks" , das jeden Sonntag in Blackfriars, London, statt- 
findet. Die Arbeit wurde begonnen am i. Juni 1901 durch Sturgeß, dem wohl- 
verdienten, leitenden Kommandeur der Männersozialarbeit in der Weltstadt. 
Immer schon hatte er gedacht, für die Obdachlosen etwas Besonderes zu 
tun, aber er wußte nicht was und wie oder vielmehr, er wußte vielerlei, aber 
es fehlte der Nervus rerum. Da träumte ihm, er stände nachts mitten auf 
der Themsebrücke, die Blackfriars mit der City verbindet, und er sieht die 
Brücke und das Ufer belagert von solchen, die vielleicht seit Jahren kein 
Bett mehr kennen, und sagt sich, warum könntest du diese Lazarusschar 
denn nicht für den Sonntagmorgen in die Herberge einladen, die um diese 
Zeit ja frei ist. So kam das Freie Frühstück auf und ist jetzt eine ständige 
Einrichtung. Ich hatte Gelegenheit, es genau kennen zu lernen. Nachts um 
II Uhr machte ich mich auf, traf am H.-Q. die Offiziere gerüstet zur Arbeit, 
erhielt ein Päckchen Karten ^ und zog mit meinem Begleiter nach West- 
minster. Man hatte mir gesagt, ich solle die Karten ganz nach Belieben und 
soviel als möglich an die Notdürftigsten verteilen und niemanden zurück- 
weisen. Die Glocken schlugen eben die Mitternachtsstunde, und das Wetter 
war feucht, aber nicht gerade unfreundlich, wenigstens nicht schlechter, 
als man es in der Übergangsnacht von März auf April erwartet. Ich ging die 
Themse entlang, häufig angesprochen von dunklen Gestalten, welche, irre- 
geleitet durch die Uniform, mich als Salutisten ansahen. Im Trab kamen sie 
zuweilen herangelaufen, wenn ich durch den Lichtkreis einer Laterne schritt. 

An der Mauer des Somer- 
set House standen sie zu 
Dutzenden fest neben- 
einander. Andere saßen 
auf Steinbänken , wor- 
über sie Zeitungen ge- 
breitet hatten. Das soll 
die Körperwärme gegen 
den kalten Stein isolie- 

259 





1 Dem Überbringer, 


W 


ü 


der obdachlos u. hilflos, 


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ist Zulaß zu gewähren am 


:3 


Nächsten Sonntag 


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in 





^ 


die Männer-Nachtherberge d. Heilsarmee 




rt- 


's 


115a Blackfriars Road 


N 




7,30 Morg. Waschen u. Bürsten ] 


c 

1-1 





9 ,, Frühstück > frei 







IG ,, Pennebrüdergottesd. J 


^ 




(Tagesstempel a. d. Rückseite.) 



ren, vvie sie sagen. Wieder andere gingen zu zwei und drei stül fürbaß. Auf 
der Blackfriarsbrücke steckte ich meine letzte Karte einem Manne in die 
Tasche, welcher dort auf einem der runden Marmorsitze lag. Unter uns rollten 
die schwarzen Wogen, über uns wölbte sich der schwarze Himmel. Er war 
nicht wach zu rütteln, und ich bin andern Tags nicht dazu gekommen, in 
den Zeitungen nach einem Totenfund zu sehen. Gegen 4 Uhr trafen wir in der 
Nachtherberge der H. zusammen, wo ich noch einige Stunden schlafen 
konnte, umgaukelt von den Traumbildern, welche diese nächtliche Wande- 
rung heraufbeschworen. 

Als ich nach 7 Uhr auf die Straße sah, stand eine lange Reihe von Männern 
auf dem breiten Bürgersteig und harrte auf Einlaß. Von 7,30 Uhr an — in- 
zwischen hatten die letzten von den 430 Gästen der verflossenen Nacht das 
Haus verlassen —wurde für je 50 Leute das Tor geöffnet. Alle mußten sich 
in den Waschräumen, soviel es ging, in Ordnung bringen, und gegen 9 Uhr 
war die ganze Schar im Versammlungsraum, 392 Mann, oft sind es 800, und 
einmal mußte man noch 600 wegschicken, weü sie auf keine Weise unter- 
zubringen waren. Sie machten bei Tageslicht zum großen Teil einen unver- 
geßlich schrecklichen Eindruck mit ihrem von Alkoholismus, Krankheit 
und Ausschweifung gebrandmarkten Körper, in ihren Fetzen und Lumpen, 
wie ich sie ähnlich nie in einer deutschen oder überhaupt kontinentalen Stadt 
als Kleidungsstücke gesehen, und vor allem mit ihrer schaurigen Gleich- 
gültigkeit. Die größere Hälfte schlief. Nun, da sie im warmen Räume waren, 
konnte nicht einmal der Hunger sie wachhalten. Um 9 Uhr gab es Brot, 
Kuchen und Käse; jedem war sein Anteil in eine Papierhülle getan und so 
reichlich bemessen, daß selbst der Ausgehungertste satt werden mußte. 
Dazu brachte man in großen Eimern Kakao, von dem jeder ganz nach 
Verlangen erhielt. In kürzester Zeit war alles heruntergestopft und geschluckt, 
und wieder lagerte sich die schauerliche Gleichgültigkeit über diese Ver- 
sammlung. Fast alle schliefen. Niemand sprach mit seinem Nachbar. Nie- 
mand nahm von mir Notiz, obwohl mein Auge der Reihe nach auf allen 
haftete. Alle Nationen, Stände, Berufe und Altersklassen waren vertreten. 
Das Elend läßt sich nicht beschreiben. Man muß es sehen, um es zu glauben. 

10 Uhr begann der ,, Pennebrüdergottesdienst" , wie er allgemein genannt 
wird. Brigadier A spinall, wenn ich recht berichtet bin, früher ein Gastwirt 
mit glänzendem Geschäft, leitete ihn. Ich war ziemlich fest überzeugt, daß 
bei dieser Gleichgültigkeit jeder religiöse Einfluß unmöglich sei, fand mich 
aber bald schwer getäuscht. Schon das erste Lied, die bekannte Hymne 
,,Fels des Heils", die stehend gesungen wurde, machte die Schläfer wach. 
Sie entblößten bis auf einen, der anfangs nicht daran wollte, das Haupt. 

260 



O Gott, betete darauf ein Salutist, wir bitten dich, laß deinen Geist auf diese 
Männer herabsteigen. Hüf ihnen, neuen Mut und neue Hoffnung zu fassen, 
den Kampf mit dem Leben aufzunehmen. Wir bitten dich, laß sie diesen 
Morgen noch zu deinen Füßen niederknien, rette sie für alle Ewigkeit und 
wir geben dir alle Ehre! — Es gibt eine Ewigkeit, begann der Brigadier, 
und ihr seid auf dem Wege zu ihr. Er wußte aber bald so viel Humor in den 
Ernst zu mischen, daß die ganze Zuhörerschaft — mir schien es ein Wunder 
— laut lachte. Ein Theologe würde sich über diesen Redner, der versicherte, 
er ginge lieber noch in einem roten Hemde über die Straße als mit einer roten 
Nase, wahrscheinlich entsetzt haben. Bei seinen Darlegungen schritt er auf 
und ab, sprang auch schon mal in die Höhe, schlug mächtig mit der Faust 
aufs Pult, kurz, schonte neben den geistigen auch die leiblichen Kräfte 
nicht, bis alle aufmerkten. Einen fürchterlich verwahrlosten jungen Men- 
schen von i8 Jahren, der offenbar völlig erschöpft war und ganz vorne saß, 
befahl er, ins Bett zu stecken, und legte nach dieser Unterbrechung seinen 
weiteren Ausführungen eine Bibelstelle zugrunde. Dann folgten Lieder und 
Zeugnisse, und die Leute, die eben noch Brot und Kakao ausgeteilt, ent- 
puppten sich als Redner. 

Da sagt der eine: Meine Sünden und meine Torheit haben mich tiefer 
erniedrigt als vielleicht irgend jemanden, der hier sitzt. Aber, Jesus hat 
mich gerettet. — Ein zweiter, rednerischer veranlagt, erzählte, wie er 
von guten Eltern erzogen worden sei. Aber seine Stimme habe ihn ins 
Elend gestürzt. Er habe sich etwas darauf eingebildet, sei in den Bier- 
hallen als Sänger aufgetreten, ans Trinken gekommen und schließlich 
von der H. auf der Straße aufgelesen worden. Seit fünf Jahren sei er 
ein anderer, fröhhcher Mensch. Der Brigadier bat dann den „Yorkshirer 
Kanarienvogel" um ein Solo, und er sang mit prachtvollem Tenor ein Lied 
„Wunderbar sind Gottes Wege". — Dann nahm ein Herr, der neben mir 
auf dem erhöhten Platz gesessen, das Wort, und zu meinem Erstaunen hatte 
auch er einmal da vor mir an der Bußbank gekniet. Er war jetzt in leitender 
Stellung als Kaufmann in der City. — Ein vierter erklärte : In dieser Halle 
und an einem Sonntagmorgen fand ich die Freundschaft mit Gott. Es war 
vor drei Jahren. Ich habe meine Mutter ins Grab gebracht, und meine Familie 
ist durch mich verarmt. Aber jetzt unterstütze ich noch meine kranke Schwe- 
ster. — Ein fünfter erzählt in irischem Dialekt, er habe links in der fünften 
Bank auf dem mittleren Platz gesessen. Wenn die H.-Offiziere ihn nicht in 
jener Nacht gefunden, läge er vielleicht heute irgendwo auf dem Boden der 
Themse; denn er sei fest entschlossen gewesen, seinem Leben ein Ende zu 
machen. — Wer sitzt denn jetzt auf dem Platze?, fragte der Brigadier und 

261 



bat den Mann, aufzustehen. Der Gegensatz konnte nicht größer sein. Der 
eine frisch, gesund und wohl angezogen, der andere, der sich erhob, ein hin- 
fälhger, zitternder Greis in einem Überzieher von unbestimmbarer Farbe, ein 
Ärmel war zur Hälfte abgerissen, an einer Kordel auf dem Rücken bau- 
melten ein paar zusammengebundene Schuhe. 

Die ganze Versammlung war Auge und Ohr. Bei dem ersten Zeugnis hatte 
der letzte Schläfer sich erhoben, hatte sich gereckt und gestreckt, daß die 
Knochen krachten, in den Saal hineingegähnt, verdutzt um sich geblickt 
und — sich achtsam hingesetzt. 

Nach den Zeugnissen nahm der Brigadier wieder das Wort : Ihr seht also, 
daß eine Umkehr möglich ist. Ihr kamt diesen Morgen hierhin und wißt 
nicht wie und warum. Gottes Hand hat euch geleitet. Er will euch retten, 
wenn ihr nur euer Herz nicht verhärten und seine Stimme hören wollt. Ihr 
denkt, es gebe keinen Ausweg mehr ; du erinnerst dich an die Vergangenheit 
und an die vielen Rückfälle. Aber laß doch die Vergangenheit. Gott ist 
immer noch allmächtig. Wenn du nur ernstlich willst, so wird es an ihm 
nicht fehlen. Auch über die Zukunft mache dir keine Sorge. Suche zuerst das 
Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles andere wird dir zugegeben 
werden. Du sollst nicht mehr auf der Straße lungern müssen ohne Heimat 
und ohne Freund. Du hast gehört, was Gott an anderen getan. Er will auch 
dich retten, diesen Morgen, diese Stunde noch. Ich beschwöre dich beim 
Andenken an deine Frau, deine Kinder und deine Mutter. Vielleicht sind 
sie schon im Grabe. Sie flehen dich an : mein liebster Gatte, geliebter Vater, 
herzliebes Kind, brich doch mit diesem Leben. Zuweilen erzählt meine Frau 
hier von dem Unglück, das ein verlorener Sohn oder ein pflichtvergessener 
Vater über seine Familie bringt. Und nun zum Schluß. Ich würde euch alle 
gerne hier halten; aber ihr wißt, daß es nicht geht. Ihr habt also die Wahl; 
dort zur Türe hinaus, in Elend, Kälte, Jammer, Sünde und Verderben ; hier 
zur Bußbank, zu Frieden und Tugend und zum Glück für Zeit und Ewig- 
keit. Was willst du tun, rief der Brigadier — während einige Salutisten sich 
so aufstellten, daß jeder der Anwesenden an ihnen vorüber mußte — , komme, 
komme zu Gott ! Ich kann dir freilich nichts für dieses Leben versprechen ; 
ich kann nur wiederholen, suche zuerst das Reich Gottes und seine Gerech- 
tigkeit und alles andere wird dir zugegeben werden. 

Und nun das Ende des Dramas ! Die Salutisten sangen mit einem Teil der 
Versammlung, der einstimmte; der Brigadier rief dazwischen immer: komme, 
komme doch! Und einer nach dem anderen kam, während 332 hinauswank- 
ten, vorbei an den Offizieren, die jedem Einzelnen zusprachen, hinaus ins 
alte Leben, nicht, weil sie nicht gewollt — sie konnten den Glauben an sich 

262 



nicht wiederfinden. 59 glaubten und knieten an der Bußbank. Ein Mann 
in der Versammlung hatte mich während der letzten Stunde immer ange- 
sehen. Ein Salutist setzte sich nun neben ihn und sprach mit ihm. Er schaute 
aus Verlegenheit wieder auf mich, und ich winkte mehr zufällig als absicht- 
lich mit dem Kopfe. Da ging ein Zucken durch seinen Körper, und er brach 
unter einem Strom von Tränen an der Bußbank nieder. Ich glaube, von den 
59 war kein einziger, dem nicht die Tränen in den Augen standen, ebenso 
manchem von den Hinauswankenden. Ich kann den Anblick nicht vergessen. 
Viele schluchzten laut und riefen Gott an. Gerade die Trinker weinen sehr 
leicht und neigen zu religiösen Absonderlichkeiten. Bei ihnen und nicht bei 
den Salutisten muß man die psychisch-neurotische Entartung suchen, von 
der besonders eine journalistische Aftergelehrsamkeit so gerne faselt. Auch 
die zwei Gemälde von Prof. Dr. Reichert, Königsberg, er nennt sie , .Seelen- 
gebet der H." und ,,H. -Bußbank", scheinen mir diese falsche Vorstellung 
etwas zu begünstigen. Ob er auch von Nietzsche, Shaw und diesem Journa- 
lismus beeinflußt ist, der überall Witterung nimmt, wo es nur etwas Sen- 
sationelles aufzuspüren gibt! Es kann wohl sein, daß Reichert mit seinen 
Gemälden, die 1907 auf der Großen Berliner Kunstausstellung auch die 
Blicke des Kaisers auf sich zogen, der Armee mehr geschadet als genutzt 
hat. Er selber steht ihr freundlich gegenüber. Aber, kommen wir zu unserem 
Gegenstand zurück! Zum Freien Frühstück in Blackfriars finden sich im 
Jahr durchschnittlich 30 000 Männer ein, davon der größte Teil zum ersten 
Male, einige aber immer von neuem, wohl halb aus religiösem Bedürfnis und 
halb aus Gewohnheit; das Frühstück als solches wird gerade diese Klasse 
weniger locken. 2500—3000 Leute kommen an die Bußbank. Bald mit er- 
hobener Rechten, bald mit erhobener Linken, kniend und stehend, geloben 
sie, keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren, zu Frau und Kind sich wieder 
den Weg zu bahnen, mit den Eltern wieder in Verbindung zu treten usw. 
Man betet ihnen das Gelöbnis vor, und alle wiederholen es Satz für Satz, 
in großer seelischer Erregung. Sehr oft werden Schnapsflaschen und Pfeifen 
abgegeben, und es ist auch schon vorgekommen, daß ein Bußfertiger sich 
als ein wanderndes Magazin von allerlei Dingen zu erkennen gibt, die man 
nur ungern erwähnt: Gummi-Präservativmittel und unzüchtige Schriften, 
wie sie einem in Paris täglich von solchen Gesellen angeboten werden; in 
London habe ich die Erfahrung nicht gemacht. Wenigstens 50% der Leute 
werden dauernd gerettet und einem neuen Leben wiedergeschenkt, 10% 
schließen sich der H. an. Von Blackfriars geht's nach Spa Road ins Arbeits- 
heim und von da nach Hadleigh zur Farmkolonie, von dort nach Kanada, 
wenn nicht inzwischen eine Stellung gefunden ist. 

263 



Besuchen wir zunächst Spa Road als ein typisches Arbeitsheim, zu Ber- 
mondsey im südlichen London gelegen. Es ist die größte jener Anstal- 
ten in der H., welche der General ,,Elevatoren" nennt, weil sie bestimmt sind, 
den Verwahrlosten die erste Beschäftigung zu bieten und sie so durch Ge- 
wöhnung an geordnete Tätigkeit wdeder auf die erste Stufe der Zivilisation 
zu heben. Spa Road erscheint als Fabrik mit weitläufigen Gebäuden und 
ist auch ursprünglich und seinem Kern nach eine Konservenfabrik gewesen, 
als die H. das Anwesen erwarb. Die Gebäude sind mehrere Stock hoch und 
stehen auf einem Grundstücke von 4Y2 ha Land. Sie enthalten teils die 
Schlafräume, teils die Arbeitsstätten, den Versammlungssaal, den Eßsaal, 
die Badevorrichtungen, Lager und Stallungen. An 500 Männer sind hier 
beschäftigt. Eine Reihe von Wagen und Pferden schaffen das Abfallpapier 
herbei, das in 20 Sorten ausgelesen wird. 

Vielerlei Versuche haben dazu geführt, daß sich die Armee, in London 
wenigstens, auf diese Art der Brocken-Sammlung und -Verwertung be- 
schränkt. Erst hatte man aus rein sozialen Gründen auch noch eine Bäckerei 
und die Zündholzfabrikation betrieben, ließ aber beide Betriebe bald ein- 
gehen. Auch die Schreinerei beschäftigt nur noch 50 Leute und arbeitet 
wie die räumlich damit verbundene kleine Blechbüchsenindustrie nur für 
den eigenen Bedarf der Armee, damit nach keiner Seite Anstoß erregt wird. 
Gegen das Auslesen von Papier werden hoffentlich die Gewerkschaften nichts 
einzuwenden haben, die anscheinend nur ihren Tarif kennen, aber nichts 
von Leuten wissen, die verhungern. Ihr Gebaren wirkt allmählich schon 
nicht mehr allein auf die Lachmuskeln. Wie kann die H. solchen Leuten, wie 
ich sie gesehen — es handelt sich um die Schreinerei in Hanbury Street — 
Tariflöhne zahlen! Ausgehungert, durch Alkohol und Vagabondieren un- 
fähig zur Arbeit, kommen sie, die natürlich auch nicht alle gelernte Schreiner 
sind, in dem „Elevator" an. Selbst bei gutem Willen ist es ihnen die erste 
Zeit meist unmöglich, überhaupt für ihren Unterhalt eine gleichwertige 
Gegenleistung zu liefern. Nach und nach lernen sie ihr Handwerk wieder und 
gewinnen die physische Kraft, es auszuüben. Aber damit ist auch schon der 
Zeitpunkt gekommen, wo sie durch Vermittlung der H. eine Stellung finden 
und anderem menschlichen Strandgut Platz machen. Hanbury Street ist 
eine Sozialanstalt und keine Möbelfabrik; Bedingung zur Aufnahme ist nicht 
handwerksmäßige Tüchtigkeit, sondern Not und Elend; Zweck der Arbeit 
nicht, möglichst viel aus dem einzelnen herauszuholen, sondern den Kon- 
sumenten in einen Produzenten wirtschaftlicher Werte umzuwandeln. In 
solchen Unternehmen, die nicht als soziale Spitäler anzusehen sind, z. B. in 
der Druckerei, geht die H,, wie wir gesehen, noch über die Gewerkschafts- 

264 



forderungen hinaus. Die Schreinerei würde einträglicher sein als heute, wenn 
man nur vollwertige Handwerker zu Tariflöhnen beschäftigte und die Holz- 
arbeiter, die man auf der Straße aufliest, ebenso wie die anderen Leute in 
Spa Road zur Papiersortiererei verwendete. — 

Das Sortieren erfordert sehr wenig physische und geistige Kraft; es bietet 
also dem ungelernten Arbeiter eine Beschäftigung, die er gut verrichten 
kann. Früher wurde nur geschenktes Material verarbeitet, aber dies reichte 
nicht. Blutenden Herzens mußte man Leute wegschicken, die flehentlich um 
Aufnahme baten. Seitdem kauft man auch Abfälle auf und man konnte es, 
weil die Preise für das ausgelesene Papier infolge der strengen Waldgesetze der 
Union anzogen. Ein eigenthcherGewinn ist bei demUntemehmen bis j etzt nicht 
herauszuschlagen gewesen. Man ist wie überall in der Sozialarbeit schon zu- 
frieden, daß es sich im ganzen selbständig erhält. Die H. ist naturgemäß stets 
der gebende, die Leute sind der empfangende Teil. Die ersten zwei Wochen er- 
halten sie in Spa Road nur Unterhalt und Unterkunft. Das Essen ist vorzüg- 
lich und jedenfalls besser, als es in Deutschland die meisten H. -Offiziere haben. 

Es gab an dem Montag, wo ich Spa Road besuchte, laut der in der Küche 
aushängenden Anweisung, die ich zufällig sah: Um ^g 7 Uhr Haferflocken, 
Büchsenfleisch, Brot, Butter, Tee. —Um 1/3 1 Hammelfleisch in Kohl und Kar- 
toffeln (Irish Stew), Brot, Pudding, Tee. — Um 4 und auch morgens i/gii 
ein Stück Kuchen und eine Tasse Tee. — Um ^j^y Salm, Brot, Butter, Tee. 

Nach 14 Tagen erhält der Arbeiter wöchentlich 6—9 Mark, d. h. so viel, als 
er über die 8,30 Mark hinaus verdient, die er selber der Armee in dieser Zeit 
kostet^. Das erste Geld wird gewöhnlich dazu benutzt, einen Kragen und ein 
Rasiermesser zu kaufen. Aus der auch dort unterhaltenen Brockensammlung 
schafft er sich dann noch für einige Pfennige einen zweiten Anzug an ; denn in 
der neuen Umgebung schämen sich die meisten bald ihrer Lumpen. Die geord- 
nete Tätigkeit und die regelmäßige Lebensweise gibt ihnen Kraft, Mut und 
Selbstvertrauen wieder und die Arbeit, die sie mit dem Papier vornehmen, voll- 
zieht sich gewissermaßen innerlich an ihnen. Der religiöse Einfluß formt sie 
wieder zu neuen Menschen. Höchstens 10% sind als unverbesserlich zu be- 
zeichnen, wenn man bei Landstreichern ein Jahr anhaltender Beschäftigung, 
bei Trunkenbolden drei Jahre Enthaltsamkeit als Beweis der Besserung for- 
dert (iio, 246). Wer auch nur einen Tropfen Alkohol genießt, hat sofortige 
Entlassung zu fürchten. Abends um 6 Uhr (Samstags eher), wird die Arbeit 
ausgesetzt bis morgens 7 Uhr. Die geweckteren Leute verwendet man als 
1 Aisoden Tag nicht ganz 1,20, ein hoher Satz, wenn man bedenkt i. daß alles im 
großen eingekauft wird, 2. daß die Lebensmittel in England bis zur Hälfte billiger 
sind als in Deutschland, 3. daß die Verwaltungskosten bis auf ein Mindestmaß her- 
untergedrückt sind. 

265 



Reisende. Einen Mediziner fand ich, der sogar in Spa Road, wohin er als 
Obdachloser gekommen, zu einer festen Praxis gelangt war. Er unterhielt 
sich mit mir über griechische Philologie. Abends lo Uhr müssen alle zu 
Mause sein. Jeden Tag ist Gebetsversammlung für die, welche beiwohnen 
wollen. Manche, besonders Katholiken, besuchen den Gottesdienst ihrer 
Kirche, und man läßt ihnen dabei, wie die Regeln es ausdrücklich vor- 
schreiben (vgl. HO, 240), vollkommene Freiheit. Alle Nationen und Berufe 
findet man in Spa Road vertreten, besonders viele altgediente englische Sol- 
daten, obwohl auchEngland die Einrichtung desZivilversorgungsscheines hat. 
Aber was will das bedeuten, wenn das Volk darin weniger eine Empfehlung 
als einen Makel sehen will. Einen sehr großen Teil der Papiersortierer liefert 
auch die Kaufmannschaft, während die ungelernten Arbeiter nicht so zahl- 
reich sind; denn sie werden nicht gefragt, wann und wo sie zuletzt ihre Stel- 
lung aufgegeben, passen sich schnell auch schlechten Verhältnissen an und 
finden leichter irgendeine Beschäftigung. 

Ich hatte Gelegenheit, einer Versammlung von 800 Leuten beizuwohnen, 
die durch Spa Road gegangen waren, und traute meinen Augen nicht, wenn 
ich diese Gesellschaft mit jener von dem freien Frühstück in Blackfriars 
verglich. Drei Deutsche stellten sich mir nachher vor, ein Dr. med., der, 
ich weiß nicht wie, vollständig heruntergekommen war, ein Kaufmann, der 
in Monte Carlo sein ganzes beträchtliches Vermögen verspielt, und ein Schiffs- 
heizer, den der Schnaps an den Rand des Grabes gebracht hatte. Ganz frei- 
mütig äußerten sie sich über diese Dinge, sagten aber ebenso klar, daß sie 
nun ordentliche Menschen seien und sein wollten. Nicht gerade selten stößt 
man auch auf Geistliche der verschiedenen Konfessionen, ehemalige Mit- 
glieder katholischer Orden und Leute von hohem Adel. Vertreter all dieser 
Stände habe ich Papier auslesen oder Holz hacken sehen. Wenn die Leute 
wieder ins Leben eintreten, wird die größte Vorsorge getroffen. Haben sie 
sich der H. angeschlossen, so werden sie einem Korps überwiesen und man 
kann ihrer Beständigkeit versichert sein. Ist das nicht der Fall, so gibt man 
den einzelnen einem in der Nähe wohnenden Salutisten in besondere Obhut 
oder empfiehlt ihn der Geistlichkeit und seiner Gemeinschaft, junge Leute 
treten der H.-Liga bei, Trunkenbolde sucht man wenigstens zum Anschluß 
an eine Temperenzgesellschaft zu bewegen usw. 

Manchmal freilich erweist es sich als nötig, die Leute länger zu behalten, 
um eine dauernde Umwandlung zu erzielen. Diese kommen zur nächsten 
Stufe des Regenerationsprozesses, zur Farmkolonie nach Hadleigh in Essex 
an der Themsemündung, 6^/2 km von Bad Southend und 60 km von London. 

266 



Sie umfaßt rund 12 800 ha Land, zum Teil in der Küstenniederung, zum Teil 
in dem welligen Gelände, von wo man einen prachtvollen Ausblick hat auf 
Busen und See und die tausend Schiffe und Kähne, die sich darauf schau- 
keln. Aber so reizvoll die landschaftliche Lage ist, so kahl, hart und unfrucht- 
bar ist der Boden, hier und da unterbrochen von sumpfigen Viehweiden, die 
wenig Nahrung bieten und oft mit Unkraut durchsetzt sind. In dem hoch- 
gelegenen Teile der H.-Farm steht die Ruine Hadleigh, im 13. Jahrhundert 
von dem Justizminister Heinrichs HL, Hubert de Burgh, erbaut und seit 
dem 15. Jahrhundert verfallen. 4000 ha sind durch Obstzucht, Gartenbau, 
Ziegelfelder, Hühnerzucht, Handelsgärtnerei und Weidenpflanzungen aus- 
genutzt; das übrige Land, zum großen Teil der Flut ausgesetzt, dient der 
Graswirtschaft und Fischerei. Die Gesamteinnahmen betrugen schon 1904 
mehr als 660 000 M., und die Ernte für igi2 wird angegeben auf 104 eng- 
lische Tonnen Kartoffeln (= rund 1056 Doppelzentner), 72 t Äpfel, 27 t 
Birnen, 27 t Zwiebeln, 14 t Stachelbeeren, 11 1/2 t Tomaten usw. Das lebende 
Inventar bestand aus 49 Pferden, 166 Kühen (kurzhörnige, rostbraune Liix 
colner Rasse), 234 Schafen, 176 Schweinen und 1675 Hühnern. Bad South- 
end ist der eigentliche Absatzmarkt, und am einträglichsten hat sich neben 
der Ziegelei die Milchwirtschaft erwiesen, während die Geflügelzucht der 
Kolonie den größten Ruf eingebracht hat. Nicht weniger als 1057 Preise 
hat sich Adjutant Richards mit seinen ,,H. -Hühnern", besonders den weißen 
Wyandottes, geholt, und selbst die Farmen eines Cecil Rhodes, der ein guter 
Freund und Anhänger des Boothschen Kolonisationsplanes war, gehörten 
zu ihren Abnehmern. In alle Weltteile werden sie verschickt, und als ich 
die Farm besuchte, sah ich 10 Brutmaschinen, jede mit durchschnittlich 
400 Eiern, in Tätigkeit. Für einen Hahn wurden 500 M geboten ; aber — der 
Adjutant wollte von solch einem Schleuderpreise nichts wissen. 

Das ganze Land war beim Ankaufe — 1000 M pro ha — im Jahre 1890/91 
im Besitz von 7 Bauern und fast unbevölkert. 1905 zählte die Farm allein 
schon 500 Seelen, und in der Nähe war ein Dorf mit 1300 Seelen entstanden. 
Die eigentliche Kolonie kann 200 Leute beschäftigen, und in den ersten 
21 Jahren gingen 6870 Männer durch sie hindurch. Fast ausnahmslos sind es 
wirtschaftlich und moralisch schwache Existenzen, die entweder von der 
H. selbst oder von den Armenverwaltungen oder von Freunden und Ver- 
wandten oder auch in einigen Fällen unmittelbar aus dem Gefängnisse nach 
Hadleigh gebracht werden. Die beiden ersten Klassen legen meist ein red- 
liches Bemühen an den Tag. Die anderen sind Müßiggänger, die ihren Unter- 
halt nicht verdienen. Es handelt sich also auch hier um ein ausgesprochen 
caritatives Unternehmen. Die Verluste haben sich allmählich stark ver- 

267 



mindert, werden aber kaum einmal ganz aufhören, weil man, obwohl jetzt 
keine großen Anlagekosten mehr zu erwarten sind, trotz vortrefflicher Ver- 
waltung und Organisation, stets auf das schlechte und ungelernte Arbeiter- 
material angewiesen ist. Das investierte Kapital soll sich auf 2 600 000 M. 
belaufen, der Wert aber 6 000 000 M. übersteigen. Das die Kolonie um- 
säumende Land war bis 1905 im Werte um das Sechsfache gestiegen. Eine 
der größten Anfangsschwierigkeiten bildete der Wassermangel, so daß man 
gezwungen war, mit hohem Kostenaufwand zwei artesische Brunnen zu 
bauen. Dann hat man einen Damm von 16 Fuß Höhe und 10 km Länge auf- 
geworfen, um das Hinterland gegen die Flut zu schützen. 

Die Leute kommen meist in ziemlich verwahrlostem Zustande an und 
werden in drei Klassen gegliedert. Überall ist es peinlich sauber und gut, 
aber die unterste Klasse hat es nicht so wohnlich, erhält weniger Lohn und 
nicht dieselbe Beköstigung. In derselben Weise, wie die Leute physisch und 
moralisch steigen, erwacht auch das Streben, gesellschaftlich höher zu kom- 
men. Die Löhne bewegen sich zwischen 0,50 bis 5,00 M, der Durchschnitts- 
lohn beträgt 3 M die Woche. Alles Menschennotwendige ist frei, so daß 
dieser Betrag reinen, zurücklegbaren Verdienst darstellt. Wie in allen H.- 
Anstalten, steht es im Belieben eines jeden, innerhalb 24 Stunden die Kolonie 
zu verlassen. In dem Falle erhält der Kolonist das Geld ganz ausbezahlt, 
während ihm bis dahin nur ein Teil zur Verfügung gestellt wird. 

Die H.-Schule, die von 100 Kindern besucht wird, darunter 60 vom Dorfe 
Hadleigh, genießt behördliche Unterstützung. Dicht bei der Schule ist das 
mit 400 Sitzen ausgestattete Gebäude, wo die religiösen Zusammenkünfte 
und des Sonntags nachmittags öffentliche Konzerte abgehalten werden, um 
den 92% Trinkern unter den Kolonisten jede Versuchung zu benehmen. 
Bei der Aufnahme verpflichten sich die Kolonisten schriftlich, zu diesen 
Gottesdiensten zu erscheinen. Da hätten wir also die Prosely tenmacherei ! 
Ich kann keine darin finden : i. weil es sich um Leute handelt, die für Religion 
überhaupt und sicher für eine Konfession weder Verständnis noch Sinn 
haben; 2. weil ja schon wegen des interkonfessionellen, synkretistischen Cha- 
rakters der H. jeder konfessionelle Druck ausgeschlossen ist; 3. weil nur die 
Beiwohnung des Gottesdienstes, nicht aber der Eintritt in die Armee ver- 
langt und beabsichtigt ist. So ist nur ein starkes Fünftel der Arbeiter Mit- 
glied der H., während aber die starke Hälfte ,, bekehrt" ist, und wenn man 
die Vorarbeiter fragt, ob sie Salutisten seien, kann man die Antwort hören : 
Nein. „Warum denn nicht? Sie sind doch Vorarbeiter?" Ja, das hat doch 
damit nichts zu tun. Auch liest man, daß der ,, Superintendent" (= leitende 
Offizier) Sonntags mit 100 Leuten in der Pfarrkirche von Hadleigh gewesen 

268 



sei. Mit den religiösen Gemeinden der Nachbarschaft steht die H. im besten 
Einvernehmen. 

^; Hier einige Unterredungen! I. Mit einem Koch der Kolonie, der in un- 
beschreiblicher Verfassung angekommen sein soll, jetzt aber einen vorzüg- 
lichen Eindruck machte : A. Nun, was waren Sie, ehe Sie zur Kolonie kamen ? 
B. ,, Bürstenmacher in London." A. Sie wurden arbeitslos? B. ,,Ja." A. Und 
blieben dann nicht auf gutem Wege? B. ,,Ich tat schlecht in London und 
in der Umgebung." A. Und dann hat die H. Sie aufgelesen? B. ,,Ja." A. Was 
gedenken Sie nunmehr zu machen? Als Koch zu gehen? B. ,,Ich will dieses 
Frühjahr nach Kanada." — IL Mit einem Landarbeiter: A. Wie lange sind 
Sie hier beschäftigt ? B. ,,4^/2 Jahr." A. Was sind Sie von Beruf ? B. „Gesund- 
heitsingenieur." A. Sie sind wohl einmal vom rechten Wege abgekommen? 
B. ,,Ja, leider." A. Und nun, alles in Ordnung? B. ,,Ja, alles, alles." — 
III. Mit einem Burschen: A. Was für ein Landsmann? B. ,, Londoner." 
A. Was sind Sie von Beruf? B. ,,Ich lag auf der Straße herum." A. Wie, 
haben Sie denn keine Mutter? B. ,,Doch." A. Haben Sie denn die Mutter 
nicht unterhalten ? B. ,,Nein." A. Sie wußten wohl nichts Besseres. Aber wie 
kamen Sie hierhin ? B. ,,Ein Fräulein hat sich meiner angenommen." A.'Wie 
lange sind Sie hier? B. „4 Monate." (Vgl. 86, 66.) 

Etwa 400 Kolonisten gehen jährlich durch die Kolonie. Davon kehren 
91^2% dauernd gebessert ins Leben zurück. Das ist ein außerordentlich 
hoher Prozentsatz und spricht glänzend für die sozialpolitische Bedeutung 
des H. -Grundsatzes, wie ihn Booth-Tucker formuliert: Die brachliegende 
Arbeit ist vermittels des brachliegenden Kapitals auf das brachliegende Land 
zu bringen und so diese unproduktive Dreiheit (Landstreicher, Müll und öd- 
flächen) in eine produktive Einheit zu verwandeln. Das Ödland von Essex 
ist dadurch zu einem fruchtbaren Garten und, was mehr besagen will, zu 
einem „männermachenden", Menschen neugebärenden Erdreich geworden. 
Der Erfolg ist um so bemerkenswerter, als er mit Engländern erzielt worden 
ist, die ich, wie schon gesagt, für schlechte Kolonisten halte. 

Die große Angst der Umwohner, als die H. das Land kaufte und der Plan 
bekannt wurde, ist unnötig gewesen. Hadleigh hat keine Polizei, und Aus- 
schreitungen sind dort unbekannt, trotz der Schufte, Verbrecher, Land- 
streicher und besonders Säufer, die dort zusammenströmen. Das beruht 
einesteils auf der sittlichen und geistigen Umwandlung der Männer, anderen- 
teils auf der straffen Disziplin, die freilich nur 6 Versprechen verlangt, aber 
darunter das eine: ,,Ich verpflichte mich, daß ich mich aller berauschenden 
Getränke enthalte, kein Haus betrete, wo solche verschenkt werden, und 
dafür einstehe, daß auch die anderen Kolonisten so tun." 

269 



Noch 20 ähnliche Kolonien wie Hadleigh besitzt die Armee in Indien, 
Südafrika, Australien, Holland, Westindien, Kanada und den Vereinigten 
Staaten. Sie alle zu besprechen, ist wohl überflüssig. Heben wir also die- 
jenigen heraus, deren Organisation von Hadleigh abweicht, zuerst die kleinen 
Pachtgüter in Boxted (Boxted Small Holdings) ! Sie verdanken ihr Entstehen 
dem verstorbenen Menschenfreunde G. Herring, welcher dem General 1907 
die Summe von 2 000 000 M. für einen besonderen Plan innerer Kolonisation 
auf 25 Jahre leihweise zur Verfügung stellte. Hilfsbedürftigen Familien, 
die in der Großstadt nicht fortkommen, sollte damit eine Gelegenheit ge- 
geben werden, auf dem Lande sich niederzulassen und durch bäuerliche 
Wirtschaft allmählich zu Eigentum zu kommen. Der Gedanke ist schon im 
Dunkelsten-England-Plan zum Ausdruck gebracht (27, 140), und 1892 hatte 
die Small Holdings Act den vergeblichen Versuch gemacht, den ausgerotteten 
englischen Kleinbauernstand zum Leben zu erwecken. 800 000 M wurden 
dazu verwandt, zu Boxted, in Nordessex, 5 km von Colchester, eine Fläche 
von 160 ha mittelguten Bodens zu kaufen, den man in 50 Stücke von etwa 
1I/2 — 2^/4 ha teilte. Im Jahre 1909, als alle Vorbereitungen getroffen waren, 
wählte man von den zahlreichen Bewerbern 46 aus. Jeder Siedler erhielt ein 
modernes Wohnhaus mit einem Gerätschuppen, Geflügel- und Schweine- 
stall, Glasrahmen zur Tomatenkultur usw. Auch 10 Zentner Kohlen, zwei 
Schweine und 20 Hühner gehörten zum Bestände. Die ersten zwei Jahre 
erhielt dazu jeder wöchenthch 10 M für sich und sein Weib und für jedes 
Kind eine weitere Mark. Nach diesen zwei Probejahren kann die feste Über- 
lassung des Anwesens erfolgen, der Siedler beginnt mit der ratenweisen 
Abzahlung und mag das Gütchen für 999 Jahre als sein Eigentum betrachten. 
Dieser Zeitpunkt war 191 1 gekommen. Bei 8 Pächtern erschien ein Erfolg 
ausgeschlossen ; andere wollte man vorerst als landwirtschaftliche Arbeiter 
anstellen. Sie sollten sich weiter ausbilden und dann später wieder ein Pacht- 
gut erhalten. Eine dritte Gruppe war erfolgreich gewesen und erhielt von der 
eingesetzten Kommission das Pachtgut endgültig übertragen. Die ersten 
8 aber weigerten sich, Haus und Hof herauszugeben, und Leute aus der 
zweiten Gruppe schlössen sich ihnen an, so daß es schließlich Anfang 1912 
zu traurigen Auftritten kam. Die H. mußte, nachdem alle Verhandlungen 
nichts gefruchtet, die Leute gerichtlich auffordern, die Heimstätten zu ver- 
lassen. Eine gewisse Presse eröffnete aus diesem Anlaß einen regelrechten 
Feldzug gegen den alten General ; und es fehlte selbst nicht an einem Film, 
der die ,, Vertreibung" vor Augen führte. Auf dringendes Ersuchen des jetzi- 
gen Generals befaßte sich die Kommission für Wohltätigkeitsstiftungen mit 
der Angelegenheit, welche bis dahin trotz der Aufforderung der aufrühre- 

270 



rischen Pächter keinen Grund gefunden hatte, sich in die rechthch ganz 
klare Sache einzumischen, Ihre Entscheidung vom 23. Februar 1912 hat das 
Vorgehen der H. glänzend gerechtfertigt. Was den Kolonisationsversuch 
selber angeht, so ist natürlich noch gar kein Urteil möglich; doch glaube ich 
schon, daß die H. ihn trotz Schwierigkeiten ebenso durchführt wie die Farm- 
kolonie, die manche Erwartungen des Generals enttäuscht, aber noch mehr 
erfüllt hat. 

In den Vereinigten Staaten hat die H. es unternommen, Städter auf Ver- 
langen in eine Kolonie zu schicken, wo sie von der Armee Haus und Acker- 
geräte auf Kredit erhalten. Man hilft ihnen, ihre Erzeugnisse abzusetzen, 
und ist in jeder Weise für sie bemüht. Eine amtliche Darstellung (vgl. Nr. 86) 
gibt der Fachmann für Agrarfragen, R. Haggard, welcher als Kommissär 
der englischen Regierung im Jahre 1905 der Reihe nach Fort Romie in Kali- 
fornien — von der H. 1898 für 104 000 M angekauft — , Fort Amity in Colo- 
rado — 1898 für 190 000 M — , und Fort Herrick in Ohio — 1899 der H. 
geschenkt — besuchte und von dort mit Booth-Tucker nach Ottawa in 
Kanada kam. Die inzwischen fertiggestellten Berichte unterbreitete er dem 
General gouverneur von Kanada und forderte von der Regierung: i. eine 
Abtretung von 360 Quadratmeilen = 240 000 acres passenden Landes, so 
daß bei einem Anteil von 160 acres = 64 ha 1500 Familien zu 7500 Seelen 
untergebracht werden könnten; 2. teilweise Garantie für die Verzinsung 
einer erforderlichen Anleihe. Die erste Forderung wurde zugesagt ; die zweite 
blieb unerfüllt. 

Fort Herrick wird in dem Berichte ziemlich ausgeschaltet, weil es damals 
in Wirklichkeit noch nicht mehr als eine Farm mit einem Trinkerheim war, 
wo man Kolonisationsversuche machte. Bei den zwei anderen Kolonien be- 
mängelt Haggard das Finanzsystem. Er veranschlagt ihren Gesamtverlust 
auf rund 200 000 M, der bei Fort Romie darauf zurückzuführen sei, daß 
man anfing, das Land zu besiedeln, ehe es recht durchwässert gewesen, und 
zwar in einer Zeit großer Dürre. In Fort Amity hätten die ungünstigen 
Bodenverhältnisse unerwartete Ausgaben gebracht. Dann aber habe die H. 
auch für das entliehene Geld einen zu hohen Zins zahlen müssen. Doch hätte 
dieser Verlust nichts zu bedeuten gegen die schon erzielten Erfolge, ja sie 
hätten ganz vermieden werden können, wenn die H. die Kolonisten stärker 
belastet hätte. Der geforderte Preis sei zu niedrig gewesen; denn während 
die H. Schaden erlitten habe, hätten die Kolonisten teilweise sogar beträcht- 
liche Ersparnisse gemacht. 

,,Die Versuche selber aber," so sagt er, ,,sind als außerordentlich erfolg- 
reich zu betrachten. Fort Romie zeigt, wie armes und dürftiges, der Land- 

271 



Wirtschaft entstammendes Volk, angesiedelt, und Fort Amity, wie solche 
Ansiedler sogar mit Erfolg aus Städten genommen werden können unter 
der Voraussetzung, daß sie einen beständigen Charakter haben, mehr das 
Opfer von Mißgeschick und Unglück als von Laster sind, einmal in Ver- 
bindung mit dem Lande waren und den ernstlichen Wunsch hegen, sich und 
ihre Kinder in der Welt weiterzubringen." Mit Roosevelt ist er der Ansicht, 
daß die eigentliche Schwierigkeit darin liegt, aus der Stadtbevölkerung die 
Passenden auszuwählen und die Ausgewählten bis zum endgültigen und 
bindenden Vertrage zu überwachen. Dazu seien so viele Beamten und ein 
solch kostspieliger Apparat nötig, daß ein solches Unternehmen überhaupt 
unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht in Frage kommen könnte, 
wenn nicht eine caritative Gemeinschaft sich aus Pflichtgefühl zu dieser 
Arbeit hergäbe. 

Das ist in der Tat bei allen sozialen Erfolgen der H. der ausschlaggebende 
Grund, und darauf beruht es auch, daß sich das Auswandererwesen der 
Armee so gewaltig entwickelt hat ; freilich in etwas anderer Weise, als W. Booth 
es ursprünglich im Sinne hatte. Er wollte Übersee-Kolonisation und nicht 
Auswanderung ; aber seine Überseekolonie ist bis auf den heutigen Tag noch 
nicht geschaffen. Die Verhandlungen mit der Britisch-Südafrikanischen 
Kompagnie über die Besiedelung Rhodesiens scheiterten an der Kapital- 
beschaffung. In Australien besitzt die Armee 14 000 ha Land, kann es aber 
schon deshalb nicht besiedeln, weü die Regierung dann erst für sie ein Aus- 
nahmegesetz machen müßte ; die in Australien allmächtigen Gewerkschaften 
haben nämlich die Festsetzung eines hohen Mindestlohnes durchgedrückt, 
den die H. ihren Kolonisten unmöglich zahlen kann. In Kanada steht der 
H., wie schon eben erwähnt, ein ganzer Landstrich zur Verfügung; aber es 
fehlt wieder an dem nötigen Kapital. Anerbieten anderer Länder jedoch 
konnte der alte General mit Rücksicht auf das patriotische Empfinden so- 
wohl seiner selbst als des englischen Volkes nicht annehmen. 

So hat man sich bis jetzt auf die vermittelnde Arbeit einer Agentur für 
Auswanderung beschränken müssen, die unter der Oberleitung des hervor- 
ragend tüchtigen jetzigen Kom. Lamb steht. Von den Auswanderungswilli- 
gen wird keine Gebühr für die Vermittlung erhoben. Die Einrichtung erhält 
sich durch die Spesen, welche ihr die Schiffs- und Eisenbahngesellschaften für 
jeden Auswanderer zahlen und durch Zuwendungen von Freunden der 
Arbeit. Mai 1905 stach der Dampfer Vancouver zum erstenmal mit 1000 H.- 
Auswanderern von Liverpool nach Kanada in See. Es war die Zeit, wo 
Kolonisationspläne in der H. wieder besonders eifrig besprochen wurden, 

272 



und der außerordentlich günstige Bericht von R. Haggard brachte Wasser 
auf die Mühlen. Seitdem ist die Arbeit der Agentur gewaltig angewachsen. 
Für das Jahr 1912 z. B. belief sich die Zahl der Auswanderer auf 10 000 
Seelen und schwoll damit auf über 70 000 an, gerechnet von 1905 bis 1913. 
Nebenher sei noch gesagt, daß noch nicht 1% von dieser großen Zahl bis 
jetzt irgendeine Beschwerde hat verlauten lassen, 90% gingen nach Kanada, 
10% nach Australien und anderen Ländern. Als Gründe für diesen Fort- 
schritt möchte ich besonders anführen: i. Die H. besitzt als internationale 
Gesellschaft natürlich eine Reihe von Offizieren, welche für diese Arbeit 
besonders geeignet sind, und kann dank ihrer straffen Organisation alle Aus- 
künfte in kürzester Frist besorgen. 2. Sie genießt wegen ihrer über jeden 
Zweifel erhabenen Uneigennützigkeit sowohl das volle Vertrauen der Be- 
hörden wie der Auswanderer selber. 3. Sie bringt, eben weü sie aus höheren 
Motiven heraus handelt, einer solchen Sache ein ganz anderes Interesse ent- 
gegen, als eine private oder staatliche Einrichtung. 

Den Übersee-Kolonisationsbestrebungen der H. ist viel Anerkennung gezollt 
worden; ich erwähne der Kürze halber nur die Namen von Staatsmännern 
wie Cockhurn, Deakin, Fysh, Grey, Laurier, McBride, Whitney oder des 
Herzogs von Argyll oder der Schriftsteller Beghie, Kipling, McKenzie, Shaw 
imd Swan. Aber wie an Anerkennung, so hat es auch nicht an Befeindung 
gemangelt. Im Mutterlande waren es einige Schreier, welche die H. beschul- 
digten, daß sie der Nation das Blut abzapfe, und in den Kolonien die Ge- 
werkschaften, welche fürchteten, die Einwanderer möchten die Löhne 
drücken. Unbekümmert um diese Angriffe ist die Armee durchgegangen, 
überzeugt, daß eine vollständige Veränderung der Lebenslage für gewisse 
Leute nötig ist, wenn sie auf dem rechten Wege bleiben sollen. Tausende 
leiden ferner nur dadurch, daß in einem Lande oder Arbeitszweige ein Über- 
angebot an Arbeitern besteht. Endlich gibt es auch noch Naturen, die in 
engen Verhältnissen ersticken oder nicht gut tun. Schafft man ihnen Spiel- 
raum, gibt man ihnen etwas zu wagen und zu gewinnen, so werden sie sich 
und anderen zum Segen. Das waren die treibenden Gedanken des H.-Grün- 
ders. Er hielt die Überseekolonisation für ein wesentliches Mittel, die Krank- 
heiten des englischen GeseUschaftskörpers zu heilen. ,,Die Auswanderung 
behauptet das Feld", das war meines Wissens sein letztes Wort in dieser 
Sache. 

Das Auswanderungsamt verrichtet ein hervorragend soziales Werk. Da 
wird nicht eine Fahrkarte ausgestellt, mit allerlei Drucksachen und An- 
preisungen in eine Hülle gesteckt, und der Auswanderer damit seinem Schick- 
sal überlassen. Vielmehr werden eine ganze Reihe Voruntersuchungen an- 



i8 Clasen, Der Salutismus 



273 



gestellt über die materielle, physische und moralische Gesundheit der Aus- 
wanderungslustigen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich habe die Frage- 
bogen eingesehen, welche an die Familie, den Arzt und die Bekannten ge- 
schickt werden, und glaube nicht, daß man noch gewissenhafter vorgehen 
könnte. In Ausnahmefällen streckt man das Geld für die Übersiedlung vor; 
für gewöhnlich aber müssen alle Verhältnisse geregelt sein, und drüben in 
der neuen Welt ist gesorgt, daß der Ankömmling wieder anderen H. -Offi- 
zieren anvertraut und gleich an die Arbeit gesetzt wird. Bei größeren Trupps 
leitet ein Offizier auch die Überfahrt. 15% der Auswanderer sind Salutisten. 
Auf Religionszugehörigkeit wird aber in keiner Weise gesehen. Jeder kann 
derselben freundlichen Sorge versichert sein. In den letzten Jahren hat man 
sich besonders die Auswanderung unverheirateter, weiblicher Personen (bis 
1913 rund 5000) angelegen sein lassen, die in den Kolonien gut bezahlt und 
gerne geheiratet werden. Es handelt sich dabei aber, wie überhaupt bei der 
Auswanderung, nicht um bescholtene Personen. Ziel der H. ist die Refor- 
mation der einzelnen, und die hat mit der Verpflanzung auf anderen Boden 
an und für sich noch nichts zu tun. Im Gegenteil, gerade für eine gesunde 
Kolonisation ist auch ein gesundes oder doch wenigstens ein gesundetes 
Menschenmaterial nötig, und die Kolonien selber würden sich sehr wahr- 
scheinlich auch für ungesundes bei der H. bedanken, statt, wie es jetzt 
geschieht, ihre Auswanderer mit offenen Armen zu empfangen. 



274 



///. HAUPTSTUCK 

PRAKTISCH-SOZIALE SONDERBETÄTIGUNG 
FÜR BESTIMMTE KLASSEN UND NOTSTÄNDE 

Die Leistungen der H. zur Rettung und Hebung der unsozialen Elemente in der 
Gesellschaft werden in immer weiteren Kreisen, auch von staatlichen und kom- 
munalen Behörden anerkannt, wenn auch noch nicht entfernt in dem Maße, in 
dem sie es verdienen. 

Oberfinanzrat Dr. Michaelis, Königl. Preuß. Unter Staatssekretär. 

Sechsunddreißig Jahre habe ich mich mit dem Wunsche getragen, etwas 
für die Trunksüchtigen zu tun; immer wieder habe ich neue Pläne ent- 
worfen, und etwas ist auch wohl durch die Armee getan worden," so W. Booth 
(iio, 447). Bei näherer Untersuchung stellt sich dieses ,, Etwas" als eine 
seiner größten Leistungen heraus^), vorausgesetzt, daß man den Alkoholis- 
mus als ein tiefes soziales Übel ansieht, und das wenigstens wird jeder Ein- 
sichtige zugeben. Täglich bringen die Zeitungen entsetzliche Berichte, z. B. 
wie 1912 in Berlin eine Frau, durch ihren trunksüchtigen Mann und das Elend 
der Familie bis zum Wahnsinn aufgeregt, der Reihe nach ihre 5 Kinder in 
der Badewanne ertränkte und dann, nachdem ihr selbst Lysol Vergiftung 
nicht gelungen war, auch sich zu ertränken suchte. Die H. kämpft gegen alle 
Mittel, welche die Völker erfunden haben, ihren Drang nach Berauschung 
zu befriedigen : Alkohol, Absinth, Opium, Morphium, Kokain, Laudanum 
und wie sie immer heißen mögen. 

Ihre Hauptwaffe dabei ist das religiöse Empfinden. Der Genuß alles Be- 
rauschenden wird als Sünde dargestellt, und exegetisch sind diese Anschauun- 
gen am besten und klarsten vertreten worden von Frau Cath. B. in ihrer 
Rede über starke Getränke (22, 35). Ihr Gatte betont fast nur die sozia- 
len Folgen. ,,Wir leben," soll er in seinem Todesjahr noch gesagt haben, ,,in 
einem Zeitalter der Ausstellungen. Neulich war eine Ausstellung von allen 
vollkommensten und neuesten Maschinen, Werkzeugen und Vorrichtungen, 
deren sich Brauer und Wirte zur Herstellung und zum Verkaufe ihrer be- 
rauschenden Flüssigkeiten bedienen. Ich möchte vorschlagen, daß dieselben 
Herren im nächsten Jahre die Wirkungen veranschaulichen, welche ihre Ge- 
tränke hervorrufen. Sie könnten z. B. aus London und einem Umkreis von 
100 Meilen alle Gefangenen aus den Gefängnissen, alle Wahnsinnigen aus den 

^ Vgl. auch S. und B. W^ebb: ,,Die Geschichte des britischen Trade-Unionismus", 
übersetzt von Bernstein. Leipzig 1895, 162 £f. 



i8* 



275 



Irrenanstalten und alle Armen aus den Arbeitshäusern holen, die in diese 
Häuser durch ihren gewinnbringenden Handel gelangt sind. Um den Effekt 
zu erhöhen, könnten sie tägliche Prozessionen veranstalten von Trinkern, 
Frauen, Witwen und Kindern in ihren Lumpen und ihrem Elend. Und wenn 
sie dann noch einen realistischen Reiz brauchen, könnten ein paar Trinker- 
wohnungen gezeigt werden in ihrer Leere, ihrem Schmutz und Ekel. Um den 
Effekt noch zu verstärken, könnte diese ausgestellte Gesellschaft noch durch 
etwas Alkohol angeregt werden. Sie würden sich dann zweifelsohne in den 
Flüchen und Lästerungen ergehen, die in solchen Kreisen üblich sind. Dar- 
auf würde die übliche Zahl von Schlägereien erfolgen, die mit einem Morde 
oder zweien, einer Gerichtsverhandlung und dem regelrechten Abschluß am 
Galgen endigen könnte. Eine solche Ausstellung dürfte einen sehr wohltäti- 
gen Eindruck auf die Gesellschaft im allgemeinen und auf die Christen im 
besonderen machen i." 

Die H. ist ohne weiteres als Kampf Organisation gegen die Trunksucht an- 
zusehen. Sie hat ihre Korps in manchem entlegenen Erdenwinkel, und man- 
ches davon ist unscheinbar, unbekannt und unbeachtet; aber es gibt kein 
einziges, auch noch so kleines Korps, das nicht schon in der ersten Zeit 
seines Bestehens 2 oder 3 notorische Säufer zu nüchternen Menschen ge- 
macht hätte und sie jetzt zu seinen Mitgliedern zählte. Das Volk braucht 
nur die Uniform zu sehen, und es weiß, hier ist Hilfe gegen Alkoholelend 
zu finden. Wer mag die Tränen zählen, welche die H. in dieser Hinsicht ge- 
trocknet, wer die Segenswünsche, mit welchen darum Tausende ihr Wirken 
begleiten! Nicht nur die 1000 Sozialanstalten, sondern alle 9000 Korps mit 
1^/2 Millionen Gottesdiensten jährlich führen den Krieg gegen den Alkoholis- 
mus bis aufs Messer, und so konnte die Gattin des jetzigen Generals 1903 in 
öffentlicher Sitzung erklären, daß nach zuverlässiger Statistik allein in Groß- 
britannien in den letzten 12 Monaten 5000 Trinker gerettet worden seien. 

Es sei mir erlaubt, in diesem Zusammenhange das Zeugnis von Major 
/. Stoker wiederzugeben, der am 12. Februar 1911 starb, nachdem er von 
der Zeit seiner eigenen Rettung an sich ganz besonders dieser Arbeit gewid- 
met. Es lautet: ,, Einst habe ich an einem Tag 20 Mark verdient; aber ich 
verschleuderte alles mit Trinken, Spielen und Wetten. Auf einem Marktplatz 
sah ich die H. zum erstenmal. Ich hatte keine Schuhe mehr an den Füßen, 
und selbst die Hosen waren geborgt. Aber ich sehnte mich nach Befreiung. 
Ich erinnere mich, daß ich eines Abends zu Hause saß und mir vorgenom- 
men hatte, eine H.- Versammlung zu besuchen. Aber wie zum Ziele gelan- 
gen ? Sechs Wirtschaften lagen zwischen der Halle und mir, und ich fühlte, 
1 Die Alkoholfrage, Jahrg. VIII, 332, Berlin 1912. 

276 



daß ich nicht die Kraft besaß, an ihnen vorbeizugehen. Da faßte ich den Ent- 
schluß, einen Umweg durch die Felder zu machen, kam hin und ging zur 
Bußbank. Aber da war wieder ein Hindernis. Die kleine Leutnantin — die 
der Major später heiratete — verlangte von mir, daß ich betete. Ich hatte 
das aber nie getan und kannte nicht die Worte, die man dabei braucht. Aber 
die Leutnantin war nicht verlegen. Sie wußte, daß ich meine Frau sehr ge- 
liebt hatte, und sagte, gehen Sie nach Hause, nehmen Sie zwei Stühle, einen 
für Jesus und einen für sich, und dann leeren Sie Jesus Ihr Herz aus, gerade 
wie Sie es zu Ihrer Frau tun würden. Ich gehorchte, und was war das für eine 
Stunde! Wie klagte ich ihm all meinen Jammer, mein Elend und meinen 
Kummer; wie seltsam nahe war er mir in jener Stunde. Lacht darüber! Aber 
ich kroch von meinem Stuhle zu dem Stuhle meines Meisters, und so lebendig 
war er mir, daß ich die Hand nach ihm ausstreckte und glaubte, ihn be- 
rühren zu können. Und dieser Gott hat mich 30 Jahre lang gehalten" (1911, 

io> 3)- 

Das als Beispiel, wie die H. die Trinker bekehrt, und jetzt eines, wie sie 
die Bekehrten hält ! Ein Oberst berichtet, wie er einmal aus dem Zuge ge- 
stiegen und einem Feldoffizier begegnet sei. Auf dem Wege nach Hause er- 
zählte dieser ihm, sie hätten gestern abend die Freude gehabt, daß der größte 
Trunkenbold der Stadt, der seit Jahrzehnten als solcher verrufen sei, sich 
bekehrt habe. Er sei — es war Vormittag — diesen Morgen zweimal bei ihm 
gewesen, und er halte sich gut (1903, 31, 4). 

Und endlich noch ein Beispiel, wie man in der H. mit Rückfälligen um- 
geht! Ein Salutist war abgefallen und hatte sich vorgenommen, sich zu 
Tode zu trinken. Eines Sonntags morgens nach Schluß der Heiligungsver- 
sammlung waren noch fünf Soldaten in der Halle geblieben. Gehst du nicht 
nach Hause, Jakob ? sagte einer, der augenscheinlich darauf wartete, daß er 
bald allein sei. Ach nein — ich möchte — ich möchte noch etwas hier bleiben, 
um — zu beten. Ich wollte es auch ! Ich auch, sagte der dritte und vierte und 
fünfte, und so stellte sich heraus, daß sie alle für jenen Rückfälligen beten 
wollten. Nachmittags 1/2 6 Uhr kamen sie vor dem Hause des Trinkers zu- 
sammen. Der erste ging hinein. N. saß an seinem Tische, ungewaschen und 
unrasiert. Ein Krug Bier stand vor ihm. Die vier Draußenstehenden hörten 
eine Flut von Schimpfwörtern losbrechen, und zwei Minuten darauf kam ihr 
Kamerad heraus. Siebeteten, und V4 vor 6 Uhr ging der zweite hinein, kehrte 
aber ebenso schnell wieder, ebenso der dritte. Der vierte flog sogar gegen die 
Gartentür. Gott wird doch siegen, sagte der fünfte und öffnete leise die Haus- 
türe. N. saß da, den Kopf in die Hände vergraben. Er legte ihm schnell die 
Arme um den Nacken und sagte : Karl, wir sind gekommen, um dir zu sagen, 

277 



daß Jesus dich liebt. Und wunderbar! N. sank auf seine Knie, stöhnte und 
rief: Gott, habe Erbarmen mit mir armen Sünder. Ein leiser Pfiff, und 
sechs Männer knieten zusammen um den mit Bier begossenen Tisch. Sie 
kamen zu spät zur Versammlung, aber der Offizier begrüßte das halbe Dut- 
zend mit einem tiefgefühlten ,, Preis Gott!" (1909, 25, 2). 

Zu diesen gewöhnlichen Anstrengungen treten von Zeit zu Zeit außer- 
ordentliche. So kann man im Kriegsruf mit ziemlicher Regelmäßigkeit lesen: 
„Eine gewaltige Demonstration gegen den Alkohol fand letzthin in Neuyork 
statt. Die durch N. N. geführte H. -Parade war eine Meile lang und wurde 
von fünf Musikkorps begleitet. Drei Wagen mit symbolischen Darstellungen 
wurden mitgeführt. Aus den Kneipen rechts und links holte man die Trinker 
herbei und setzte oder stellte die Willigen auf die sogenannten Wasserwagen. 
Tausende frühere Trinker bildeten eine mächtige Gruppe in dem Zuge. Unter 
den Klängen der Blechmusik und unter den Schlägen der Trommel ging's 
durch die geschäftigsten Straßen der Stadt. Alles war auf den Beinen. Eine 
Fahne trug die Inschrift : Ersäuft euch nicht selbst, ersäuft das Böse ! Abends 
füllten Trinker in allen Stadien des Rausches die Halle. Über 6000 Plätze 
waren besetzt. Gegen 1000 Unterschriften wurden von solchen gegeben, die 
dem Trünke entsagen wollten." 

Das ist amerikanisch und würde in Deutschland ebenso wahrscheinlich 
erfolgZos sein, als es bei Onkel Sam eviolgreich ist. Der deutsche Alkoholis- 
mus trägt ein anderes Gepräge, und demgemäß haben die deutschen Salu- 
tisten auch zu ganz anderen Methoden gegriffen ; ich meine die Einrichtung 
der Trinkerrettungsbrigade, die freihch seit Jahr und Tag in der H, einge- 
führt, aber in ihrer jetzigen originellen Ausgestaltung dem früheren H.-Offi- 
zier Kohler zu verdanken ist. Er fand 1904 mit seinen Leuten auf dem inter- 
nationalen Kongreß zu London im Krystallpalaste solchen Anklang, daß 
man seine Art in der ganzen H. nachahmte. Kohler ging mit seiner Brigade 
in Mülheim an der Ruhr jede Nacht von Samstag auf Sonntag aus, den Be- 
trunkenen auf der Straße zu helfen. Ein Stück der Ausrüstung nach der an- 
deren stellte sich dabei als notwendig und nützlich heraus: Laterne, Signal- 
pfeife, Gamaschen, Kaffeeflasche, Stricke und nicht zuletzt auch ein Netz, 
um darin den Gefundenen der Gattin oder H.-Heim zuzuführen; an jeder 
Seite fassen zwei bis drei Mann an. Weil aber die Leute dann leicht in der 
Mitte zusammenkugeln, hat man das Netz jetzt meist durch feste Konstruk- 
tion oder auch durch einen besonderen Handwagen ersetzt, wie z. B. die 
Stadt Köln der H. einen zur Verfügung stellte. Die erste Nachahmung kam 
in Pittsburg auf. 

Neben dieser allgemeinen Fürsorge hat die H. auch die anstaltliche. Augen- 

278 



blicklich unterhält sie, die Neueröffnung in Deutschland eingerechnet, 
10 Trinkerrettungsheime, denen gewiß noch weitere folgen werden. Man legt 
sie, soviel man kann, abseits von den großen Verkehrsadern. In Australien 
und Skandinavien hat man darum für diesen Zweck Inseln erworben. Alle 
Heime sollen wenigstens Blumen- und Gemüsegarten besitzen, worin die In- 
sassen, was man für wichtig hält, Gärtnerarbeiten verrichten und sich er- 
gehen können. Für die Aufnahme gelten drei grundsätzliche Bestimmungen : 

I. Die aufzunehmende Person muß selber danach verlangen, anders zu 
werden, 2. willig sein, sich für eine bestimmte Zeit — ein Jahr — zu ver- 
pflichten, 3. versprechen, während dieses Aufenthaltes allen Regeln getreu 
nachzukommen . 

Wird kein Entgelt bezahlt, so muß die Person sich nach besten Kräften 
bemühen, durch Arbeit im Heim für ihren Unterhalt einzustehen. Es gibt 
drei Klassen, und die erste zahlt soviel mehr, daß die dritte davon unter- 
halten wird. Erste Regel ist, daß unter Androhung sofortiger Entlassung 
kein berauschendes Getränk genossen werden darf. Alles Geld und alle Wert- 
sachen müssen abgegeben werden; alle ankommenden Briefe werden gelesen. 
Neulinge werden zuerst gründlich gebadet, und zwar warm, Schwitzbäder 
hält man die erste Zeit für sehr nützlich. Jedem kommt man mit besonderer 
Liebe und Aufmerksamkeit entgegen, und um dieses möglich zu machen, 
sollen die Heime nie mehr als 50 Personen beherbergen. Besonders sorgfältig 
meidet man es, das Ehrgefühl der Leute zu verletzen. Gelingt es, ihnen den 
Glauben an sich selber wiederzugeben, so hält man alles für gewonnen. Dar- 
auf richtet man also vor allem sein Augenmerk. Die ersten Tage bringen 
oft furchtbare Kämpfe. Manche werden durch den plötzlichen Übergang 
zur Enthaltsamkeit so krank, daß sie 8— 12 Tage das Bett hüten müssen. Die 
Sucht nach Alkoholika wächst dann ins Ungemessene. Man gibt den Kran- 
ken so viel heißen Kaffee, Tee, Zitronenwasser u. dgl., als sie haben wollen. 
Bei Delirierenden hält man ein in Essig geschlagenes Ei für gut. Durch Musik 
und Gesang, durch schnelles Auf- und Abgehen im Garten sucht man die 
von der Sucht Geplagten abzulenken und kniet mit ihnen hin und betet, daß 
Gott helfen möge, über den Anfall Herr zu werden. , .Macht, daß die Leute 
gerettet werden," sagt W. B., ,,ganz gleich, was es kostet." Bemerkenswert 
ist die Tatsache, daß man bei Fleischkost nur 25%, jetzt bei Pflanzenkost 
60% heilt, unter Zugrundelegung einer dreijährigen Beobachtungszeit. Ein 
großer Teil der verheirateten englischen Frauen kommt während der ersten 
Zeit der Mutterpflichten durch den Genuß von Malzbier zur Trunksucht. Das 
erste Heim wurde noch in den 80 er Jahren in London gegründet. Andere, wie 
schon erwähnt, sind gefolgt. Doch hat das Wachstum dieser Anstalten nicht 

279 



mit dem anderer Sozialeinrichtungen gleichen Schritt gehalten. In den meisten 
Fällen behilft man sich ohne ein Heim, und da die Erfolge dabei augenschein- 
lich groß sind, ist das Bedürfnis nach neuen Heimen nicht so dringend. 

Ein Musterbeispiel erfolgreicher Anstaltsfürsorge bietet nach R. Haggard 
(86, 59) die Kolonie Herrick, Ohio. Die Anstalt hat, so berichtet er, im all- 
gemeinen mit zwei Schwierigkeiten zu rechnen: i. mit Überwindung der Ar- 
beitsscheu, 2. mit der Unterbringung von Leuten nach der Behandlung. Bei 
den durch öffentliche oder caritative Fürsorge Untergebrachten handelt es 
sich zunächst um Leute niederen Standes, die auf ihrer Hände Arbeit ange- 
wiesen, ihr aber gänzlich entfremdet sind. Will man sie wieder zu freudiger, 
zielbewußter Tätigkeit erziehen, so muß man ihnen zumeist einen neuen 
Wirkungskreis anweisen, der ihnen Interesse abnötigt, ihren Geist beschäftigt 
und ihren Fähigkeiten entspricht. So züchtet man auf Fort Herrick Tauben, 
kostbare Fasanen, Bienen und Polizeihunde und widmet sich daneben der 
Nutzbarmachung und Entwässerung des Bodens, dem Ackerbau und der 
Forstwirtschaft. Größer ist aber noch die zweite Schwierigkeit. Wer sollte 
sich bei Entlassung des körperlich und geistig geschwächten Mannes anneh- 
men, zumal es sich meistens um industrielle und gewerbliche Arbeiter han- 
delt, von denen überall ein großes Angebot vorliegt ? An eine Selbständig- 
machung aber ist gar nicht zu denken, da sowohl Kapital, als Empfehlung 
und Kunden nicht vorhanden sind. Die H. hebt kurzerhand die Leute voll- 
ständig heraus aus ihrem früheren Wirkungskreis, nämlich der Großstadt 
mit ihren Gefahren und Versuchungen zum Rückfalle, und bringt sie mit 
ihrer Familie in eine Gegend, wo sie alledem nicht ausgesetzt sind. Fort 
Herrick liegt in einem ,, Trockenrevier", im Umkreis von 9 Meilen ist der 
Ausschank von geistigen Getränken verboten. Sie macht sie unabhängig von 
ihrem Beruf oder doch wenigstens von dem Wohlwollen fremder Arbeit- 
geber, indem sie den einzelnen entweder selbst gegen guten Lohn beschäftigt 
oder ihn auf eine Eigenfarm setzt, wo er als freier Mann sich und den Seinen 
eine sorglose, gute Zukunft begründen mag. 

Durch ihr Auftreten gegen den Alkoholismus hat sich die H. viele Feinde 
unter den Wirten gemacht. Bald hetzt man hier und bald dort gegen sie, und 
die treibende Kraft ist immer dieselbe. Doch ist diese Gegnerschaft nicht so 
groß, als man versucht wäre, anzunehmen. Das ist wohl darauf zurückzuführen, 
daß die H. im Gegensatz zu manchen Abstinentenkreisen nicht nur fortissime 
in re, sondern auch suavissime in modo vorgeht, so daß man sie in Anerkennung 
ihrer selbstverleugnenden Tätigkeit in Tausenden von Lokalen ruhig den 
Kriegsruf verkaufen läßt. Das ist ein ehrendes Zeugnis sowohl für die H. als 
für die Wirte selber. 

280 



Die Arbeit unter den Prostituierten ist jedenfalls die schwierigste, und 
wenn man Anstrengung und Erfolg auf diesem Gebiete mit Anstrengung 
und Erfolg auf anderen vergleicht, auch die am wenigsten fruchttragende. Die 
Laufbahn unserer Großstadtdirnen hat etwas Raketenartiges an sich. Die 
Mehrzahl ist nach Erfahrung der H. irgendwie ein Opfer männlicher Ehrlosig- 
keit. Sie werden verführt, geraten in Not und stehen hilflos mit einem Kinde 
da, fortgejagt von Haus oder aus ihrer Beschäftigung. Auch unmittelbar 
tritt die Not an die Mädchen heran. Tausende Londonerinnen verdienen die 
Woche 9 Mark, und wer zählt die, welche diesen Lohnsatz noch nicht einmal 
erreichen? Was also soll ein weibliches Geschöpf machen, wenn es ohne 
Eltern oder Verwandte ist? Es ist ein wohlfeiler Rat, ,,geh als Dienstmäd- 
chen !" ; denn dazu ist eine gewisse Ausstattung, eine gewisse Vorbildung und 
Befähigung, eine gewisse Herkunft und Empfehlung und vor allem eine ge- 
wisse Neigung nötig. Da bleibt als einzige, nächste und reichste Erwerbs- 
quelle die Prostitution. Oft ernähren sie mit diesem Gelde ihr Kind oder ihre 
Kinder und sind sorgfältig darauf bedacht, daß diese nichts von dem Lebens- 
lauf ihrer Mutter erfahren. (So weiß ich von einer Prostituierten, daß sie ihre 
alte Mutter unterhält und ihrem Mädchen in einer klösterlichen Anstalt 
eine gediegene Erziehung geben läßt.) Die Minderheit wird durch Putz- 
und Vergnügungssucht oder auch, aber seltener, von krankhafter Neigung 
dem Gewerbe in die Arme getrieben ; die meisten haben einen leichtfer- 
tigen und oberflächlichen Charakter. Das etwa ist die Summe der H. -Er- 
fahrungen. 

Hübsche Mädchen leben die erste Zeit meistens in glänzenden Verhält- 
nissen. 600 Mark wöchentlich und 20 000 Mark jährlich sind in London 
durchaus kein seltener Verdienst, will auch nicht einmal viel besagen, wenn 
man allein schon für Miete monatlich 480 ]\Iark zahlen muß. Durchschnitt- 
lich beläuft sich der Mietsatz auf 140 Mark monatlich für 3 unmöblierte Zim- 
mer. Ein Teil der Mädchen ist bedachtsam, nimmt ein Bankkonto, macht 
Ersparnisse und sucht sich zu verheiraten. Gewöhnlich tragen sie ihre Bank- 
bücher in den Strümpfen versteckt, die sie unter ihren Verhältnissen wohl 
für den sichersten Aufbewahrungsort halten müssen. Der größere Teil aber 
ist nicht vorsorglich, lebt dem Augenblick und vergeudet mit vollen Händen. 
Wie gewonnen, so zerronnen ! 

Sie halten das Leben meist nicht lange aus, sinken, nachdem sie unter 
dem ,, Schutze" von ein oder zwei Herren gelebt haben, schnell von Stufe 
zu Stufe und stehen endlich auf der Straße. Die Unregelmäßigkeit ihrer 
Lebensweise, die seelische Erregung, vor allem der Trunk und jene Krank- 
heiten, die trotz ärztlicher Kunst und Ehrlich- Hata 606 mit Ausschweifung 

281 



unwiderruflich verbunden sind, bereiten den Unglücklichen ein frühes Grab 
oder lassen sie im Spital oder Armenhaus landen. 

Als Klasse betrachtet, haben die Mädchen viele Tugenden. Sie sind gut- 
herzig und bereit, sich gegenseitig in Not zu helfen. Ihre Kinder lieben sie 
gewöhnlich sehr zärtlich, sind wohltätig gegen Arme und auf ihre Art auch 
religiös. Sonntags gehen sie zum Gottesdienst und lassen (in England) in der 
folgenden Nacht ihr Gewerbe ruhen. Mitten in dem brandenden Leben der 
Prostitution hat die H., wenn ich so sagen soll, ihre Leuchttürme errichtet, 
in London z. B. in der Upper Marylebone Street, im Herzen der Piccadilly. 
Dort wohnen ein paar Offizierinnen, die jede Nacht von 12—2 Uhr die Straßen 
abwandern, um zu sehen, ob sie helfen können. Sie verkaufen den Kriegsruf 
mit aufgestempeltem Text: ,,Wenn Sie da und da vorsprechen, finden Sie 
eine hilfsbereite Freundin," und verteilen Karten —zuweilen, um der Sache das 
Schimpfliche zu nehmen, mit Blumen (iio, 338) — mit dem englischen, fran- 
zösischen und deutschen Aufdruck (iio, 341) : ,,Frau Booth will herzlich 
gerne jedem Mädchen helfen, das eine Freundin nötig hat. Wenden Sie 
sich usw." 

Diese Freundschaft hat die H. oft bewiesen ; ich erinnere an die Bewegung 
gegen den weißen Sklavenhandel im Jahre 1885 und wiede ri9i2/i3, an den 
Feldzug zur Dirnenbefreiung in Japan u. a. Sie beweist sie täglich, indem 
die Offizierinnen jeder Prostituierten, wenn sie die Gelegenheit nur ergreifen 
will, ein Heim bieten. Stets ist ein Zimmer hergerichtet und vollständig be- 
reit. Anderen Tags mag das Mädchen dann ins Rettungsheim eintreten. Auch 
unter Tags erteilen die Offizierinnen Rat, wovon fast 2000 Mädchen jährlich 
Gebrauch machen. Von Zeit zu Zeit unternimmt man ferner besondere An- 
strengungen und zieht mit einer Musikkapelle durch das ^litternachtsge- 
triebe, was in London von der Polizei nicht nur geduldet, sondern sogar be- 
günstigt wird. So hören doch manche Mädchen und auch gewisse Herren ein- 
mal ein religiöses Lied. In Verbindung mit diesen Prozessionen, aber auch 
getrennt davon, hält man besondere Mitternachtsversammlungen, wozu man 
Karten mit der Einladung verteilt: ,,Ihre Freundinnen — die H. -Schwestern 
— laden Sie herzlichst ein, sich mit ihnen zu vereinigen — zu einer — Mitter- 
nachtsversammlung — mit Abendessen am 12,30 Uhr — in der Regent 

Hall, Oxford Street. W." 

Der Verfasser hat als erste männliche Person ungesehen einer solchen \^er- 
sammlung beigewohnt und ist somit in der Lage, einen getreuen Bericht dar- 
über bringen zu können, der besonders die Seelsorger unter seinen Lesern 
interessieren wird. Um 12 Uhr nachts bog ich, als Salutist gekleidet, in die 
Oxford Street. Gleich fragten mich zwei Damen, wo die H. -Halle sei, und ich 

282 ' 



antwortete, ich würde mir die Freiheit nehmen, vorauszugehen, es seien nur 
einige Schritte. Die Halle war noch ziemlich leer, und ich ging nochmals in 
die Umgegend. 5 obdachlose Männer baten mich, ihnen Unterkunft zu ver- 
schaffen. Ich wies sie an den einen männlichen Offizier, der am Eingang der 
Halle stand, machte einen Bogen und kam wieder in die Oxford Street. Ent- 
schlossen gingen die Offizierinnen auf die auffällig gekleideten Gestalten zu, 
flüsterten einige Worte und boten die Einladungskarte an. Die meisten schrit- 
ten mit steinernem Gesicht weiter — wie Leute, die einem unerwünschten 
Bekannten begegnen. Andere stießen die Bittstellerinnen unwillig beiseite. 
Noch andere zögerten und lachten im Weitergehen hellauf. Noch andere ver- 
bargen die kleine Karte still unter Pelz und Spitzen. Je mehr ich mich der 
Halle näherte, desto mehr Mädchen sah ich, oft zusammen mit Offizierinnen. 
Einige der Geladenen kamen bis an den Eingang und liefen dann fort. 
Manche ließen sich erst nach parlamentarischen Verhandlungen zum Ein- 
tritt bewegen. Auch kommt es vor, daß sie die Bedingung stellen, daß ihr 
Begleiter und Freund mit ihnen der Versammlung beiwohnen dürfe. Oft 
kommt man endlich wie zu einer Oper im Hansom oder Auto angefahren. 
Die Versammlung begann 12,45 Uhr, die erste und einzige nach meiner 
Erfahrung, die nicht zur festgesetzten Zeit anfing. 250 Gedecke waren vor- 
gesehen ; 262 Mädchen fanden sich ein. Die weiß überzogenen Tische waren 
mit Blumen geziert und mit Brot, Backwaren, Aufschnitt, Bananen, Äpfeln, 
Birnen, Aprikosen usw. bestellt, alles zierlich und vornehm hergerichtet. 
Nachzügler wurden mit großer Freundlichkeit an Plätze geleitet. Die Gesell- 
schaft kam mir sehr lustig und aufgeräumt vor, und es schien, als hätten 
einige etwas getrunken. Das Benehmen war recht ,,wie zu Hause", und die 
Dienste der Offizierinnen nahm man mit großer Selbstverständlichkeit und 
parvenühafter Achtlosigkeit hin. Kaum die eine oder andere der Erschiene- 
nen war über 19 Jahre alt, und ich kann nicht anders, als neben der Jugend 
auch die ausgezeichnete Schönheit dieser 262 Geschöpfe hervorheben, selbst 
wenn ich die Unterstützung abrechne, welche die Kunst der Natur zu leisten 
vermag und offenbar auch in raffinierter Weise geleistet hatte. Die Jugend 
und Schönheit dieser Gesellschaft mag sich dadurch erklären, daß die Offi- 
zierinnen sich mit Vorliebe an die Neuerscheinungen des Marktes wenden. 
Die Wahrscheinlichkeit, etwas auszurichten, wächst nämlich mit der Jugend 
der Mädchen. Auch kann sich in jenem Stadtteil nur ganz erstklassige, 
jugendliche Wsne halten. Kommandeurin Cox, die mit Frau Bramwell Booth 
gegenwärtig zu den edelsten Verkörperungen des Salutismus gehört, hieß 
alle willkommen. Eine Kapitänin, selbst denjenigen unbekannt, die sehr 
häufig an der Abendgesellschaft teilgenommen, würde das Vorrecht haben, 

283 



ein kleines Solo zu singen, und mit elegischer, süßer Stimme klang es durch 
den Raum: , .Weiter, ja weiter rollet die Zeit." Man klatschte Beifall und 
wiederholte begeistert den von Kom. Cox vorgelesenen Kehrreim. Inzwi- 
schen hatten die letzten Platz genommen. Das Tischgebet wurde, wie das 
in England üblich ist, gesungen, und das Essen begann. Es währte etwa eine 
halbe Stunde, belebt durch Liedervorträge: ,,Im Himmel ist ein liebes 
Heim," mit dem Kehrvers: ,,Dein Heim ist da, o komm doch heim!" oder, 
„Für dich will ich beten — O laß dich doch retten! — Ich flehe zu Gott — daß 
er komme in dein Herz!" Allmählich sammelten sich 30—40 Salutistinnen, 
deren Dienst im Saale nicht mehr nötig war, auf der Plattform, und die Kom. 
entschuldigte die Abwesenheit von Frau Br. Booth, die mit der Oberstin 
Duff noch nicht von Schweden zurück sei. In ihrem Gebet sagte sie unter 
anderem: ,, Einige von uns, o Gott, haben nie deine Stimme gehört, andere 
aber haben sie gehört, als sie noch auf dem Schoß der Mutter saßen, welche 
uns die kleinen Händchen faltete und uns lehrte, uns vertrauensvoll an dich 
zu wenden. Sprich noch einmal zu uns durch deinen Geist, wie du es damals 
vielleicht getan! Ein einzigmal hilf uns, gläubig wie Kinder dir alles zu 
klagen und zu sagen, und unser ist das Himmelreich." Dann wurde wieder 
ein Solo vorgetragen, etwa mit dem Wortlaut: ,, Siehe, ich stehe vor der 
Türe und klopfe und klopfe! Herz, du trauriges und unreines Herz, laß 
ihn doch ein, laß ihn doch ein!" Dieses zarte Werben um Menschenseelen 
hatte etwas so unbeschreiblich Rührendes und Mütterliches, wie ich noch 
nie etwas gehört und gesehen. Eine der Offizierinnen weinte stiU vor sich 
hin, und die Gelegenheit war danach . . . Die Mädchen im Saale hatten sich 
die Tischblumen angesteckt oder sich Sträuße daraus geformt. Die unge- 
teilte Aufmerksamkeit der Versammlung war nicht zu erzielen. Dann und 
wann erscholl ein ausgelassenes Lachen. I\Ian unterhielt sich, und nur bei 
Sologesängen und Ansprachen hielt man aus Höflichkeit darin ein. Die Ober- 
flächlichkeit und Leichtfertigkeit dieser armen Geschöpf e ist eben grenzenlos. 
Ein Spielball der widerstreitendsten Gefühle, werden sie hin und her gewor- 
fen und wissen selbst nicht, was sie wollen oder sollen. Kom. Cox gab eine 
sehr ansprechende Homilie über den reichen Prasser. Ein Zweigesang und 
einige Zeugnisse über innere religiöse Erfahrungen folgten. AUes, auch die 
Aufforderung, sich an der Bußbank Gott zu schenken, wurde mit Hände- 
klatschen aufgenommen. Man benahm sich ganz wie im Theater, nur daß 
man am Schlüsse nicht hinausstürmte, sondern gemütlich sitzenblieb und 
sich sehr allmählich verzog. Die meisten, darunter einige mit wahrnehmbarer 
Absicht, trugen bis zu Ende ein lautes Wesen und übersprudelnde Heiter- 
keit zur Schau, um sich und andere über den Eindruck hinwegzutäuschen 

284 



und die innere Bewegung zu verbergen. Nur wenige wandten keinen Blick 
von der Kommandeurin und schienen sehr mit sich zu kämpfen. Etwas 
Neurotisches konnte ich nicht entdecken, und gerade für diese Frauen Ver- 
sammlung hatte ich mich auf psychopathische Erfahrungen gefreut. Tränen, 
wie schon bemerkt, sah ich nur bei einer Offizierin. Um 3 Uhr morgens ver- 
ließ ich den Saal. Von den 40 Zuhörerinnen, die nach der Versammlung noch 
ausgeharrt, saßen noch 4 oder 5 und besprachen sich mit H.-Schwestern. 
Alle anderen waren vor und nach hinausgerauscht auf die Straße. Da ich die 
Bußbank nicht hatte sehen können, fragte ich nach dem Ergebnis und war 
erstaunt zu hören, 2 Fälle schwebten noch, 4 Mädchen seien zum Rettungs- 
heim. 

Diese Heime befinden sich allerwärts, wo die H. sie unterhält, in den bes- 
seren Stadtteilen, manchmal in den Villenvierteln; oft sind es frühere Herr- 
schaftshäuser, so hat z. B. das Magdalenenheim in Courbevoie bei Paris einst 
der Geliebten eines Königs als Wohnsitz gedient. Die Heime sollen sich 
äußerlich durchaus als Privathäuser ansehen. 1884, als man die Arbeit orga- 
nisierte, besuchte die Gattin des jetzigen Generals und Begründerin dieser 
Tätigkeit die verschiedensten schon bestehenden Anstalten von anderer 
Seite und fand, daß sie alle mehr oder weniger Gefängnisse waren und sich 
auch so gaben. Die Magdalenenheime der ,, marktschreierischen" H. tragen 
darum kein Schild ; nur eine Messingplatte neben der Tür mit der Aufschrift 
„Heilsarmee" ist erlaubt. Von innen soll alles einen wohnlichen Eindruck 
erwecken, deshalb keine Schlafsäle! Es genüge, wenn eine Offizierin auf 
jedem Stockwerk schlafe und nachts die Türen geöffnet seien. Keine Haus- 
ordnung sollte aushängen. Um diese einzuprägen, gebe es bessere Mittel. 
Die Disziplin ist nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck. Alles 
wird getan, das Haus vor der Gefahr zu bewahren, eine ,, Anstalt" zu wer- 
den. Der Eindruck der Abgeschlossenheit muß soviel als möglich gemieden 
werden, und die besten Räume und die Haupttüre müssen den Magdalenen 
ebenso wie jedem anderen gehören. Bett und Bettzeug mag man mit einer 
Nummer versehen, aber beileibe nicht die Personen. Mehr als 30 bis 40 Mäd- 
chen soll ein Heim nicht beherbergen, obwohl eine Zahl von 50 bis 70 wirt- 
schaftlichen Gesichtspunkten am meisten entspräche, alles dies, um den 
Familiencharakter zu sichern. 

Wenn eine Person um Aufnahme bittet, und man hat irgendwie Grund 
zur Annahme, daß es ihr mit der Lebensänderung ernst ist, so wird sie auf- 
genommen, ganz gleichgültig, in welcher Verfassung sie sich findet (Kranke 
werden natürlich erst dem Krankenhause überwiesen), welchen Charakter 
und welches Vorleben sie hat, und ob sie gefallen ist oder nur in Gefahr steht. 

285 



Bei der Aufnahme sollen sich die Mädchen für 3—6 Monate verpflichten, 
können aber, wenn sie darauf bestehen, jederzeit das Haus verlassen. Wer 
nicht in Liebe zu bessern ist, der mag gehen ; Bestrafungen sind verpönt. 
Auf ein Haus mit 20 bis 30 Mädchen mit 300 Entlassenen rechnet man 
a) eine Vorsteherin, die womöglich nicht im Heim schlafen soll, b) eine Heim- 
mutter, c) eine Schriftführerin, d) eine kommandierende Offizierin in Kapi- 
tänsrang und -Stellung, e) zwei Leutnantinnen zur Überwachung der Arbeit, 
f) zwei für Küche und Hausarbeit. Auf 3—4 Mädchen kommt also eine Offi- 
zierin, wodurch ein persönlicher Einfluß gesichert ist. Morgens 7 Uhr ist ge- 
meinsames Morgengebet, Frühstück, geistliche Lesung (aus Nr. 109) und 
Hausarbeit; 10,30—12,30 Erwerbstätigkeit, i Uhr Mittagessen, 2—7,30 Er- 
werbstätigkeit, durch Tee unterbrochen, und dann Abendessen, 9 Uhr soll 
alles zu Bett sein. Der Charakter der Erwerbstätigkeit soll die ,, heimische 
Atmosphäre" und das geistliche Werk nicht störend beeinflussen. Demge- 
mäß wird Weißnähen, Stickerei, Schneiderei und Strickerei, wobei man sich 
mit den Mädchen unterhalten und fromme Lieder singen kann, bevorzugt, 
Wäscherei aber ungern betrieben, zumal es in England Gefängnisarbeit ist. 
Die Produkte werden von weiblichen Reisenden in salutistischen Kreisen ab- 
gesetzt und zu einem festen, aber möglichst niedrigen Preise verkauft. Es 
soll keine versteckte Bettelei getrieben werden. Wer etwas für das Werk 
geben will, soll es unmittelbar für diesen Zweck schenken. 

Alle diese Grundsätze fand ich wörtlich in die Tat umgesetzt. Die H., 
besonders Frau Br. Booth, kann auf ihre Rettungsheime stolz sein. Es ist 
wenig gesagt, wenn ich versichere, daß sie unübertroffen dastehen, sowohl 
in England, als in allen anderen Ländern. Es sind bis zum i. September 1912 
52 299 Magdalenen durch sie hindurchgegangen ; ein glänzendes Ergebnis zu- 
mal im Hinblick darauf, daß man davon 43 929 mit Gewißheit als dauernd 
für ein neues Leben gewonnen betrachten darf. 

Einige Beispiele, wie sie mir gerade zur Hand sind und wie man sie nach 
Tausenden in den von der H. geführten Büchern jederzeit einsehen kann: 

F. W., ein Stadtmädchen, war mit 13 Jahren als Wäscherin verführt wor- 
den, kam dann nach London und wurde Dirne, lebte im Luxus und im Über- 
fluß, bis sie krank wurde. Nur mit großer Mühe und im Alter von 19 Jahren 
bekehrt und jetzt eifrige Salutistin. 

A. B., römisch-katholisch, früh verwaist, kam in schlechte Gesellschaft, 
fiel, kam ans Trinken, sank tiefer und tiefer und verbrachte 7 Jahre im Ge- 
fängnis. Wurde vom Gericht der Armee überwiesen. Gründliche innere Um- 
wandlung. Verdient seit 3 Jahren fleißig ihren Unterhalt (27, 190). 

Alle 2—3 Jahre wechseln die Heime ihre Insassen, die meist als Dienstmäd- 

286 



chen untergebracht werden. Wo die Heime bekannt sind, ist oft die Nach- 
frage nach ihnen größer als das Angebot. Bei der Entlassung erhält jedes 
Mädchen eine Bibel und vollständige Ausstattung mit, die sie allmählich ab- 
zahlen. Wenigstens drei Jahre sorgt man weiter um sie und hält sie in stän- 
diger Fühlung mit dem Heim. Es wird ei-wartet, daß sie die Kosten ihres 
Aufenthaltes zu decken suchen, um damit wieder einer gefallenen Schwester 
zu helfen (= Out of Love Fund) ; denn es ist bis jetzt den Rettungsheimen 
im allgemeinen nicht gelungen, sich ganz selbständig zu erhalten. 

Endlich ist noch zu bemerken, wie man praktisch den konfessionellen 
Schwierigkeiten entgeht. Frau Br. Booth sagte 191 1 auf dem internationalen 
Konzil für Sozialoffiziere — ihre Reden sind mir zugänglich gemacht wor- 
den — : ,,Das Verlangen nach Rettung muß auf vollständig freiem Willens- 
entschluß beruhen. Man soll den Mädchen klarmachen, daß sie, nicht wir 
den Vorteil davon haben. Besonders unter der katholischen Bevölkerung 
müssen wir uns hüten, die religiöse Überzeugung irgendwie anzutasten. Un- 
sere Aufgabe ist es, durch unseren Wandel die Schönheit unseres Glaubens 
zu bezeugen und so das Verlangen danach zu wecken. Das Werk des Hl. 
Geistes könnte durch unser Eingreifen nur gefährdet werden. Den Mädchen 
soll klargemacht werden, daß alle Wohltaten unserer Heime ganz unabhän- 
gig davon mitgeteilt werden, welche religiöse Anschauung jemand vertritt, 
und daß durch eine Wandlung derselben keinerlei Vorteile zu erlangen sind. 
Unser Grundsatz ist, ebenso wie Gott unsere Sonne scheinen zu lassen über 
Gute und Böse." Sie erläuterte das durch ein Beispiel, dessen Tatbestand ich 
in Schottland feststellte. Dort war in einem Heim eine Frau, die 234 mal vor- 
bestraft gewesen, aber streng darauf hielt, gut katholisch zu sein. Jeden 
Sonntag ging sie in offizieller Begleitung vom Heim zur Messe. 

Ä rmut und Not hat es immer gegeben ; aber die Armut und Not unserer 
j(k Zeit trägt doch einen eigenartigen Charakter. Daß dieses Schwesternpaar 
massenhaft auftritt und überall sein Medusenhaupt reckt, will ich nicht als 
etwas Besonderes hinstellen. Mehr oder weniger, bald hier, bald dort, war 
das auch früher so. Aber heute sind es nicht mehr vorübergehende Natur- 
ereignisse; der Mensch hat es verstanden, die daraus folgenden Übelstände 
mit Erfolg zu bekämpfen — heute sind die Ursachen dauernd. Sie liegen in 
dem Wirtschaftsleben, im Großbetrieb, in der Wandlung von Privatwirt- 
schaft zur Weltwirtschaft. Der einzelne, mit Tausenden, vielleicht mit Mil- 
lionen in den Strudel einer Großstadt hineingesogen, heimatlos, familienlos 
und haltlos, deshalb ohne Bodenständigkeit, ohne Sitte, oft auch ohne Moral, 
ist er nicht mitten im reißenden Strom des Lebens verlassener, als jemals der 

287 



Mensch war, — sinkt er nicht tiefer als jemals Menschen gesunken, und ist 
er nicht unwiderruflicher verloren ? Gegen diese dauernde Erscheinung einen 
dauernden, interkonfessionellen, nachdrücklichen, berufsmäßigen und orga- 
nisierten Kampf aufgenommen zu haben, ist das einzigartige Verdienst derH. 
Sie hat ihn unternommen in der richtigen Überzeugung, daß die Armut eben- 
sosehr die Mutter der Lasterhaftigkeit, wie die Lasterhaftigkeit hinwiederum 
die Mutter der Armut ist, und es steht ihr dabei eine der stärksten, wenn 
nicht die stärkste Waffe zu Gebot, die man sich denken kann ; denn ,,nur in 
der Form des aus Liebe neuerzeugten Verkehrs freiwilliger Pfleger mit den 
Armen und der wesentlichen Verknüpfung der äußerlichen Unterstützung 
mit der inneren mag eine richtige, lebenskräftige Armenpflege bestehen" 
{Wichern). 

Die H. bezeichnet ihre Armenpflege mit dem nicht gut übersetzbaren Aus- 
druck ,,Sliimwork" und meint damit nicht die Arbeit in den nur armen und 
volkreichen Vierteln, sondern in jenem, wo die Allerärmsten wohnen, die 
einen, wenn auch noch so armseligen, aber doch regelrechten Lebensunter- 
halt nicht verdienen wollen oder können. Vor allem handelt es sich nicht um 
eine reine Almosenpflege, sondern um einen organisierten Kampf gegen die 
Ursachen des Elends, an welchen Geschenke von Nahrungsmitteln, Klei- 
dung und Geld nichts ändern, die also an zweiter Stelle kommen. Ein guter, 
fleißiger und umsichtiger Charakter, so ist es H.-Überzeugung, wird in jedem 
Lande und unter jeden Umständen sein Auskommen finden. Da also liegt 
das Schwergewicht : der Charakter ist zu ändern, wenn man dem Übel bei- 
kommen und es mit der Wurzel ausrotten will. So betrachtet man das Slum- 
werk als eine Zwischenform zwischen geistlicher und sozialer Tätigkeit, und 
ich teile die Ansicht von Frau Br. B., die 191 1 auf dem Sozialkongreß meinte, 
es könne schlechterdings nicht überschätzt werden. 

Es wird ganz von weiblichen Offizieren geleitet, deren Eifer in ganz be- 
sonderem Maße über alles Lob erhaben ist und die sich oft, wie Frau Br. B. 
selber sagt, weniger schonen, als es im Interesse ihrer selbst, ihrer Schütz- 
linge und der Armee läge. Den besten Einblick in die Tätigkeit gibt wohl 
eine die Wirklichkeit wiedergebende Schilderung, und ich erteile dazu das 
Wort einer mit den Londoner Sozialverhältnissen besonders vertrauten Dame 
aus indischem Fürstenblut, Olive Christ. Malvery, deren Buch eben wegen 
seiner aus persönlicher Kenntnis und Erfahrung fließenden Beschreibung 
1906 ,,die Fenster des Parlaments" erzittern ließ. R. Mackirdy, langjähriger 
Konsul der Vereinigten Staaten in Arabien, fand in den Zeitungen ihr Bild, 
reiste daraufhin nach London und — warb mit Erfolg um ihre Hand, ließ sie 
aber bald schon als Witwe zurück. Den Erlös ihres in 100 000 Stück gedruck- 

288 



ten Buches, worin sie aber nur in einigen Abschnitten über die H, spricht, 
stellte sie dem General zur Verfügung. Die Verfasserin spricht immer von 
einer Offizierin, wozu berichtigt werden muß, daß ihrer stets zwei auf dem 
gleichen Posten sind oder Settlement, wie man neuerdings auch sagt. 

,,Ich weiß nicht," sagte Kapitänin Molly, ,,als wir uns in der düsteren 
Kleidung der H.-Soldaten nach ihrem ,, Posten" begaben, ob es wirklich die 
schlimmste Straße in London (diese Überschrift trägt der Abschnitt bei Mal- 
very) ist ; aber hier in der Gegend wird sie von den Leuten und der Polizei so 
genannt, und ich glaube nicht, daß es eine schlimmere gibt. Wir bahnten uns 
den Weg durch eine enge Straße, zu deren beiden Seiten Stände und Karren 
von allerhand Händlern aufgestellt waren. Ich bemerkte wiederholt, daß die 
Leute uns Platz machten, und Kap. Molly dankte für jede Aufmerksamkeit mit 
einem freundlichen Wort oder mit einem Lächeln. Endlich gelangten wir auf 
einen düsteren Hof, der ein richtiger Seuchenherd zu sein schien; er hieß 
,,Der Grüne Laubengang" und war, wie ich später erfuhr, der Schlupfwinkel 
von Dieben und sonstigem Gesindel. Du meine Güte, was für ein Platz! War- 
um in aller Welt wird er Der Grüne Laubengang genannt ? fragte ich meine 
Begleiterin. Sie lächelte traurig. Wer ihn so genannt hat, hatte wohl seinen 
Spaß an der Ironie, daß der Name gerade das Gegenteil von dem ausdrückt, 
was er ist. Oder vielleicht hat es einmal eine Zeit gegeben, wo es auch hier 
grün und schön war, fügte sie traurig hinzu. 

,,Bei jenem Namen denkt man unwillkürlich an Blumen und Vogelsang. 
Es ist eine Gruppe düsterer, baufälliger, schmutziger Häuser, wo die Sterb- 
lichkeit viermal so groß ist, als in irgendeiner Straße der Nachbarschaft. Ein 
elender Winkel, von allen gemieden, mit Ausnahme der Tiefstgesunkenen ; 
eine Brutstätte des Verbrechens, von Polizisten nur selten und dann immer 
nur paarweise betreten. Die Sanitätsbehörden kümmern sich nur dann um 
den Grünen Laubengang, wenn ihre Krankenträger dort einen fortholen, der 
ein Opfer der vielen Seuchen geworden ist, die hier ihre Brutstätte haben. 
Aus naheliegenden Gründen mag ich die genaue Lage dieses fürchterlichen 
Ortes nur flüchtig andeuten. Er befindet sich im Osten von London und ist 
nur durch einen Zugang von einer bekannten Straße aus erreichbar. 

„An einem lauwarmen Herbstabend betrat ich zum erstenmal diesen Hof. 
Es war, als käme man in einen Ofen hinein. Die Sonne hatte den ganzen Tag 
auf die Häuser gebrannt, und der Aufenthalt in den kleinen, kaum zu lüften- 
den Zimmern mochte unerträglich geworden sein. Die Hitze hatte fast sämt- 
liche Bewohner dieser Spelunken zum Hause hinausgetrieben. Wer nicht in 
der Schenkwirtschaft saß, die links vom Eingang des Hofes lag, hockte auf 
den Stufen vor der Haustüre. Kein Wunder, daß dieser Platz von den ge- 

J9 Glasen, Der Salutismus 200 



meinsten Reden widerhallte. Zankende, schmutzige, halbnackte Kinder krab- 
belten auf dem Hof umher oder saßen auf den harten Steinen ; überall wim- 
melte es von lebenden Wesen, so daß ich mich fragte, wie ich über den Hof 
gelangen sollte, ohne auf jemand zu treten. Wohnen Sie wirklich hier ? fragte 
ich Kap. Molly. Gewiß, sagte sie. Ich folgte ihr über eine ausgetretene Treppe 
in das dritte Stockwerk eines der Häuser. Als wir auf dem kleinen Korridor 
haltmachten, fiel es mir auf, daß dies der einzige saubere Fleck war, den ich 
seit meinem Einzug in den Hof gesehen hatte. Kap. Molly zog ihren Schlüssel 
aus der Tasche und schloß die Türe zu ihrem ,, Posten" auf. Sie bewohnte 
zwei ineinandergehende Räume. An der grüngestrichenen Wand hingen hüb- 
sche Kupferstiche in roten Rahmen. Meine Schwester, Frau X., hat sie mir 
geschenkt, sagte Kap. Molly. Sie nannte einen in der Londoner Gesellschaft 
wohlbekannten Namen. Auf dem braungestrichenen Fußboden lag statt des 
Teppichs nur eine kleine Matte. Die Stühle waren passend zur Wand ge- 
strichen, der Tisch braun wie der Fußboden. Vor dem Fenster hing ein Käfig 
mit einer Amsel. Auf dem Fensterbrett stand ein großer, grüner Kübel mit ein- 
gepflanztem Farnkraut. Das kleine Schlafzimmer war dunkelblau gestrichen 
und enthielt außer einer schmalen Bettstelle und einem kleinen Koffer nur 
wenige Möbel. Über einem hohen Stuhl mit binsengeflochtenem Sitz lag ein 
Teppichstreifen. Auf einem kleineren Tisch waren ein paar Bücher, und an 
der Wand hing ein 6 Zoll hoher Spiegel, gerade groß genug, um darin zu sehen, 
ob der ,,Helm" richtig sitzt, sagte Kap. Molly lachend. Ich bezahle sechs Mark 
Miete die Woche, erzählte sie mir, und habe bessere Zimmer als irgendeiner 
von meinen Nachbarn. 

,,Die erste Nacht, die ich hier verbrachte, werde ich — erzählt Frl. Malvery 
weiter — nie vergessen. Wir besuchten an dem Abend eine Versammlung und 
kamen sehr müde nach Hause; es herrschte aber solch ein HöUenlärm die 
ganze Nacht hindurch, daß wir nicht zur Ruhe kamen. Das allgemeine Stim- 
mengewirr wurde hier und da von fürchterlichen Flüchen und vom Gezeter 
der Weiber und von dem Schreien geängstigter Kinder übertönt. Etwa um 
drei Uhr wurde an unsere Tür gepocht. Draußen stand ein wüst aussehender 
Mann. Er forderte uns auf, sofort mit ihm zu einer Sterbenden zu kommen. 
Auf den Stufen, die zu einem der Häuser hinaufführten, lag ein bös zuge- 
richtetes Mädchen und rang nach Luft. Auf Kap. M. Befehl trug der Mann 
sie in unsere Wohnung hinauf. Sie öffnete noch einmal den Mund und stieß 
mühsam gebrochen hervor : Retten Sie Tom . . ; er ist nicht schlecht. Der 
Mann hörte es und beugte sich über sie. Das Mädchen war tot. Ihrer letzten 
Worte blieb Tom eingedenk. Er Heß sich von der Kapitänin raten und wurde 
später ein wertvoller Helfer für sie. 

290 



,,lE.me der ersten Personen, die ich im Hause kennen lernte, war eine Frau, 
die mit verschiedenen anderen Leuten und einer ganzen Schar von Kindern 
in einem Zimmer neben vms wohnte. Ich war eines Nachts über sie gestolpert, 
als sie auf den Stufen vor unserer Türe ihren Rausch ausschlief. Ich glaubte 
zuerst, sie sei krank, und holte ein Licht, um nachzusehen, ob ich ihr helfen 
könnte. Aber ich bemerkte bald, daß sie besinnungslos betrunken und ge- 
fallen war. Dabei hatte sie sich die Stirn aufgeschlagen und lag in einer 
Blutlache. Dann holte ich Hilfe herbei und schaffte die Frau in ihr Zimmer. 
Durch diesen einfachen Liebesdienst entwickelte sich eine Bekanntschaft 
zwischen uns, der ich viel von den Kenntnissen verdanke, die ich hier sam- 
melte. Vieles von dem, was sie mir erzählte, läßt sich überhaupt nicht wie- 
dergeben. Ich hörte, daß die meisten Männer aus diesem Hause Diebe seien. 
Fast alle hatten sie zeitweilig im Gefängnis gesessen ; mehrere hatten schwe- 
ren Raubes wegen langjährige Zuchthausstrafen verbüßt. 

,,Man muß sich wundern, daß die Behörden solch eine Brutstätte des Ver- 
brechens dulden. Daß sie um ihr Vorhandensein wissen, dafür zeugen die ge- 
legenthchen Besuche der Polizei, die es wohl für das beste hält, daß sich das 
Gesindel in einer Kolonie ansammelt, die sie unter Augen hat. Hin und wi- 
der erschienen mitten in der Nacht mehrere Polizeibeamte, um nach einigen 
bekannten Verbrechern zu suchen. Auf dem Hofe schien kein einziger Mensch 
zu sein, der auf ehrliche Weise seinen Lebensunterhalt verdient. Junge Bur- 
schen zogen morgens truppweise davon, Wölfen gleich, die auf Beute gehen. 
Männer gingen aufs Land, ,,um Geschäfte zu machen", worunter jedoch kein 
ehrlicher Erwerb zu verstehen war, sondern irgendein langerhand vorbe- 
reitetes Verbrechen . . . Jung und alt. Schwache und Starke nahmen teil. 
Die kleinsten Kinder schlichen sich in Läden ein und stahlen die Kassen , . . 
Junge Burschen und Mädchen machten die dunklen Gassen unsicher auf der 
Suche nach betrunkenen Männern oder Frauen, die sie ausraubten, während 
die Graubärte kühnere oder auch feigere Verbrechen planten. Hier kam ich 
zum erstenmal mit Menschen in Berührung, die, wenigstens wenn sie unter 
sich waren, offen zugaben, daß sie Diebe und Verbrecher seien. Die ver- 
brecherischsten Pläne wurden so ruhig und offen besprochen, wie anständige 
Leute von ihren täglichen Geschäften reden. Es erforderte ziemlich viel Ge- 
duld, um das Vertrauen der Leute zu gewinnen ; aber die Freundschaft der 
Kapitänin bürgte für meine Zuverlässigkeit. Außerdem gewann ich mir durch 
einfache kleine Liebesdienste, wie Hilfe bei Unfällen, Ratschläge in Krank- 
heiten das Vertrauen dieser Menschen. Ein gewisser Ehrbegriff ist selbst bei 
Dieben noch vorhanden. So tiefgesunken diese Leute sind, gibt es für sie doch 
noch ein Wesen, daß noch gemeiner ist als sie: das ist der von der Polizei 

19' 2QI 



bezahlte Spion, oft selbst ein Dieb, der mit und von seinen Spießgesellen 
lebt, um sie hinterher zu verraten. Diese Polizeispitzel sind zwar nicht amt- 
lich anerkannt, werden aber bei der Entdeckung von Verbrechen als wich- 
tige Helfer betrachtet. Während meines Aufenthalts im Grünen Laubengang 
empfand ich, daß, so gemein und grausam diese Leute auch sind, doch noch 
in den meisten von ihnen ein Funken von Menschlichkeit schlummert, und 
ich kann nicht glauben, daß sie völlig verloren sein soUten. Wenn man einen 
Weg fände, sich ihnen in friedlicher Weise zu nähern, so glaube ich, daß zum 
mindesten die Kinder zu retten und zu einer ordentlichen Lebensführung zu 
erziehen wären. Durch die H.-Soldaten wird manches junge Leben vom 
Pfade des Verbrechens abgebracht. Aber es genügt nicht, daß hier und da 
eine H.-Schwester mit der Fackel der Zivilisation und Christlichkeit in diese 
Finsternis hineinleuchtet. Die ganze Gesellschaft sollte sich zu ihrem eigenen 
Schutz zusammentun und auf bessere Wohnungsverhältnisse und auf Ge- 
sundheitsgesetze dringen und sollte kräftige Männer gegen auskömmlichen 
Lohn zur Arbeit zwingen. Außerdem Rat in Zeiten der Not, ärztliche 
Hufe organisierte Armenpflege, zwangsweise Durchführung der Gesundheits- 
gesetze ! 

,,Kap. Molly pflegte sich häufig in der Dämmerung am Ende des Hofes vor 
der Schenkwirtschaft aufzustehen und mit gen Himmel gewandtem Gesicht 
heilige Lieder zu singen, welche die verpestete Luft zu reinigen schienen. Ein- 
mal kam ein Mädchen vorüber und warf, einem rohen Instinkt folgend, mit 
einer verfaulten Apfelsine nach der H.-Schwester. Kap. Molly wandte sich nur 
um und sagte : ,, Armes Kind !" Das Mädchen schrie : „O Gott, verdamm sie !" 
und lief die Straße hinunter. Kap. Molly führte die Andacht unbeirrt zu Ende 
und redete wundervolle Worte zu der halb entmenschten Menge, die sie um- 
gab. Gegen Mittemacht wurde an unsere Türe geklopft. Kap. Molly brachte 
jenes Mädchen mit herein, das zitterte und weinte. Ihre Kleider wiesen Blut- 
spuren auf. Ihr Schatz hatte sie öffentlich durchgeprügelt, weil sie mit ihren 
Taschendiebstählen auf dem Bahnhofe keinen Erfolg gehabt hatte, und die 
Polizei hatte ihn verhaftet. Dabei hatte er einem der PoHzisten eine Kopf- 
verletzung beigebracht und werde unvermeidlich eine schwere Freiheits- 
strafe verbüßen müssen. Die „rote Mag" kam deshalb in ihrer Verzweiflung 
zu Kap. MoUy. Diese half auch. Das letzte, was ich von dem Mädchen gehört 
habe, ist, daß sie in einem Schuhwarengeschäft auf dem Lande als Verkäufe- 
rin angestellt war und von ihrem Geschäf tsherm als tüchtige Kraft geschätzt 
wurde. Sie wartete und betete, daß ihr Schatz sich bekehren möge, und teilte 
ihre Ersparnisse zwischen der Gefängnismission der Heilsarmee und den 
kleinen Betrag, den sie zur Gründung eines Hausstandes ansammelte, wenn 

292 



ihr Schatz wieder freikommen würde. Kap. Molly wird dafür sorgen, daß er 
aus dem Gefängnis abgeholt und ihm zum Wiederbeginn eines neuen Lebens 
geholfen wird, falls er gewillt ist, sich zu bessern. 

So wirken in vielen unserer geräuschvollen Großstädte die Slumschwe- 
stern mitten in den verrufensten Gegenden. Wir anderen Menschen werden 
niemals viel von ihren segensreichen Werken erfahren ; aber in Gottes Lebens- 
buch sollte ihr Name mit goldenen Lettern eingetragen sein ; denn sie haben 
seinem Königreiche manche Seele zugeführt" {177, 193 ff.). 

Einige Beispiele aus den ersten Jahren der Slumarbeit 1886— 1890: 
W., Haggerston Slumrevier. Starke Trinkerin. Zu Hause alles zertrüm- 
mert; auch der Mann ein Säufer. Die Behausung schmutzig und unflätig. 
Fürchterliche Armut. Seit zwei Jahren gerettet, nun auch der Mann. 

T., Rotherhithe Slumrevier, War ein großer Trinker, Zimmermann von Be- 
ruf, neun Monate gerettet. Er hatte Beschäftigung in einer Wirtschaft, gab 
sie aber auf. Kann seinem Beruf nicht nachgehen. Wir besorgten ihm Stuhl- 
sitze zum Flechten. 

R., Marylebone Slumrevier. Trank gewöhnlich. Wohnte in einem elenden 
Loch in der berüchtigten Charles Street; beschäftigte sich, als er ge- 
rettet wurde, mit dem Vertrieb von Spirituosen. Verdiente 10 Mark die 
Woche, wovon er mit Frau und vier Kindern leben mußte. Gab das Geschäft 
aus Gewissensbedenken auf, war einige Zeit arbeitslos, verdient aber jetzt 
22 Mark die Woche und ist in ein anständiges Viertel gezogen (vgl. 27, 167). 

Slumwerk in Großbritannien vom Beginn der Arbeit bis i. September 1912. 
Familienbesuche . . i 279 892 Wohnungsbesuche ... 31 939 
Krankenbesuche . . 158 051 Religiöse Versammlungen 
Wirtschaftsbesuche . 720 137 in Wohnhäusern ... 12 050 

Die Slumschwestern erhalten eine vortreffliche und vollständige Ausbil- 
dung für ihren Beruf, und es gibt auch approbierte Hebammen unter 
ihnen, welche sich unter den Armen derWochenpflege widmen . Doch hat dieser 
Sonderzweig nicht den Umfang wie die Wochenpflege in den von der Armee 
dazu unterhaltenen Heimen, die sich als notwendig herausstellten, als man 
sich der Prostituierten und Gefährdeten annahm. Wo das Werk größer ist, 
wie z. B. in London, bestehen daneben auch noch eigene Mütterheime. Darin 
bleiben die Mädchen dann vor und nach der Entbindung. Mit diesen beiden 
Einrichtungen war wieder eine dritte gegeben, das ..Affiliation" Werk, d. h. 

293 



die organisierte Herbeizieliung säumiger nährpflichtiger Väter. In diesem 
Zweige sind nur männliche Offiziere beschäftigt. Es gibt ja heute in allen 
Großstädten (nicht nur, wo der Code Napoleon^ oder das Bürgerliche Gesetz- 
buch^ herrscht) eine bestimmte Klasse jüngerer und älterer Männer, die ge- 
wohnheitsmäßig, vielleicht in einer Art psychopathischer Veranlagung, darauf 
ausgehen, unschuldige Mädchen zu verführen, und dann, wenn die Folgen 
sich einstellen, spurlos zu verschwinden, um anderswo dasselbe grausame 
Spiel von neuem zu beginnen. Es ist wiederum das Verdienst der H., hier- 
gegen zuerst plan- und berufsmäßig vorgegangen zu sein. In England wurden 
allein 1909 auf diese Weise 24 340 M flüssig gemacht und 13 420 M für den 
Unterhalt verlassener Mütter kollektiert. 

Einige Beispiele noch aus der Zeit der unorganisierten Arbeit : 

H., ein junges, hübsches Mädchen, von einem gutgestellten Mann verführt 
und kürzlich von einem Kinde entbunden. Der Verführer heß zuvor das Mäd- 
chen bei seinem Anwalt schwören, daß er nicht der Vater des zu erwartenden 
Kindes sei, und fand sie mit ein paar Pfund ab. Die H. legte sich ins Mittel 
und zwang ihn, für das Kind zu sorgen. 

A., Kindererzieherin bei Herrn G., einem Witwer, der sehr gütig und her- 
ablassend zu ihr ist und sie eines Tags zu ihrer großen Freude mit nach Lon- 
don nimmt. Dort verführt er sie, und ihrer überdrüssig, sagt er, ,,sie solle 
ihren Lebensunterhalt wie andere Frauen verdienen." Sie arbeitet und er- 
nährt sich und ihr Kind auf ehrliche Weise. Herr G. holt sie nach einiger Zeit 
wieder zu sich, macht sie zum zweiten Male zur Mutter und weist sie zum 
zweiten Male auf die Straße. Die H. nahm sich ihrer an, drohte Herrn G. m.it 
öffentlicher Bloßstellung, zwang ihn, seinem Opfer 1200 M auszuzahlen, sie 
mit wöchentlich 20 M zu unterhalten und eine Lebensversicherung von 
9000 M. für sie sicherzustellen. 

C, verführt durch einen jungen Itahener, der ihr die Heirat versprach, 
aber am Vorabend der Hochzeit unter dem Vorwande unaufschiebbarer Ge- 
schäfte mit dem Versprechen der Rückkehr abreiste. Der Italiener schrieb 
zuv.-eilen und sandte schließlich die Nachricht, daß er sich anderwärtig ver- 
heirate; bot ihr aber an, für das inzwischen geborene Kind aufzukommen; 
sie solle Magd bei seiner Frau werden. C. und ihre Mutter schlugen sich mit 
dem Kinde ehrlich durch. Als die Mutter nicht mehr helfen konnte, kam das 
Mädchen verzweifelt zur H., die sich mit dem Vater des jungen Mannes in 
Verbindung setzte, mit Bloßstellung drohte und für das Kind 1200 M er- 

^ Der verbietet, nach dem Vater zu forschen. 

* § X589, wonach zwischen dem unehelichen Kinde und seinem Vater keine Ver- 
wandtschaft besteht. 

294 



wirkte. Das Mädchen ist im Dienst und führt sich gut (27,222; s. auch Kolde 
174, 97, der meint, nach deutschen[? !] Begriffen sei dies Verfahren einfach 
Erpressung. Der Verfasser, auch ein Deutscher, meint, daß es eine natür- 
liche Pflicht sei, daß ein Vater auch für Mutter und Kind sorge und ein 
natürliches Recht, daß man ihn dazu anhalte). 

Auch Waisenhäuser hat die Armee, aber sie nennt sie nicht gerne bei die- 
sem Namen. In London, Clapton, besuchte ich das „Nest" und sah die Nest- 
linge, etwa 70 kleine Mädchen, zum Takt der Musik rhythmische Bewegun- 
gen machen. Für verwahrloste Knaben hat man in der Bow Read ein Heim, 
ähnlich demjenigen des Dr. Barnardo, dem es auch früher gehörte. Im eng- 
lischen Kriegsruf erscheint von Zeit zu Zeit die Anzeige: ,,Rat und Hilfe für 
die heranwachsende Jugend ! Wer irgendeine Schwierigkeit, sei es auf dem 
Gebiete der persönlichen Erfahrung, der Arbeit, des Gesundheitszustandes, 
der Kameradschaft usw. hat, wolle sich mit rückhaltlosem Vertrauen an uns 
wenden." In England sind Beratungsstellen, eine für Knaben und eine für 
Mädchen, eingerichtet, und ich brauche wohl nicht auszuführen, um was es 
sich handelt. Wer kann überhaupt all die verschiedenen, bald mehr geist- 
lichen, bald mehr sozialen Einrichtungen der H. für Jugendliche kennen! Da 
gibt es noch Genesungsheime, Ferienkolonien und Sommerzeltlager für Kin- 
der (und ihre Mütter), Sommerfrischen für Arbeiterinnen, Kinderauswande- 
rung, die sogenannte Jungvolk-Legion, aus der 70% der Offizierskandidaten 
hervorgehen und für die in jedem Lande ein besonderer Sekretär die Ver- 
antv,'ortung trägt. Elementar-, Missions- und gewerbliche Schulen, Fürsorge- 
erziehung, Studentenheime usw. Die Jugendlichen hatte der General ins 
Herz geschlossen, und er wußte wohl, daß, wer die Kinder besitzt, HeiT der 
Zukunft ist. 

,,Mit allem Nachdruck, der mir zur Verfügung steht," schrieb er an seinem 
achtzigsten Geburtstage an seine Offiziere, , .bitte ich Sie, Ihre Pflicht in der 
Errettung der Jugend zu erfüllen. Ich kann mich des Glaubens nicht er- 
wehren, daß jede Engelschar, wenn ihr vom Himmel aus unsere Aufgabe 
übertragen würde, bei der Jugend begänne. Sie würden an den herangereif- 
ten, verhärteten und grauköpfigen Sklaven des Lasters, der Sünde und des 
Verbrechens vorübergehen und sich zu den Kindern wenden und sagen : Das 
ist der kürzeste, sicherste und einfachste Weg, die Welt zu retten!" 

Vor allem aber ist sein ältester Sohn, der hochverehrte jetzige General der H., 
Brmnwell Booth, ein Kinderfreund, so daß man eine Lebensbeschreibung von 
ihm mit dem Leitsatze beginnen müßte: , .Lasset die Kindlein zu mir kom- 
men!" Er hat sich zuerst der Arbeit unter den Kindern besonders angenom- 
men. Wie seine Mutter, scheute auch er öffentliches Auftreten, und so sammelte 



er, nachdem man im April 1869 die erste Kinderversammlung gehalten 
(200, 125) in den 70 er Jahren in einem Keller zu Bethnal Green eine stetig 
anwachsende Zahl von kleinen Lumpenkerlen um sich, die sich allmählich 
zu einer Kinder-H. auswuchs. Um recht lange unter seinen Kindern bleiben 
zu können und nicht vor die Öffentlichkeit zu müssen, verschanzte er sich 
hinter seiner schwachen Gesundheit, er war nämlich von 13—16 Jahren so 
krank, daß er das Zimmer hüten mußte. 

Hier sind wohl ein paar Worte zu seiner Charakterisierung angebracht. 
Viel zu sagen ist nicht nötig, da er im Charakter ganz seiner Mutter gleicht. 
Neben dem alten General ist er etwa, was Moltke neben Bismarck gewesen 
ist: der Schlachtendenker. Als Kind, und vor seiner Bekehrung, etwas zu 
Eigenwillen geneigt, dann ein gedankenvoller, warmherziger Jüngling mit 
versöhnlicher Gesinnung, und jetzt ein weitschauender, tiefdenkender Mann, 
ausgezeichnet durch eine hohe Gestalt, mit weißem Haar, klar und bestimmt 
in allem, was er will und sagt, eine ganz ausgeglichene, harmonische, unge- 
mein anziehende Persönlichkeit. Wie W. B. mit Railton und Booth-Tucker, 
so bildet er mit Howard, dem Yi.-Roon d. i. Schlachtenlenker, und MacÄlonan 
eine Gruppe für sich. In stiller, ausdauernder Arbeit, rastlos wie sein Vater, 
aber mit der Note der Ruhe, nicht der Unruhe, ist er 40 Jahre in der H. tätig. 
Seine Kenntnis von allem ist fast wunderbar. Wie seine Arbeit, so trägt auch 
sein Altruismus für den feineren Beobachter noch eine besondere Note. 
William B. liebte die ,, Menschheit", Bramwell B. die ,, Menschenkinder", 
und es ist nicht von ungefähr, daß er eine Gattin hat, die weder an Seele, noch 
an Körper zu altern scheint und die schönste Verwirklichung ewiger Jugend 
darstellt. Um der Kinder willen, d. h. als Liebhaber der Unschuld, haben 
wir ihn als Dreißigjährigen vor Gericht stehen sehen, ohne daß er aber des- 
halb aufhörte, Anwalt der Kleinen und Hilflosen zu sein. Der organisatorische 
Ausbau vieler Zweige, vor allem aber des Werkes unter der Jugend, ist ihm 
zuzuschreiben. Auf sein Betreiben brachte die H. durch das Parlament 1908 
eine Novelle zur Industrial Schools Act ein, die am i. April 1909 in Kraft 
trat und ein hohes soziales Interesse erweckt. 

Die Industrial Schools Act, die 1866 im ersten und 1880 im zweiten Ent- 
wurf angenommen wurde, bezweckt die Unterbringung von obdachlosen, 
umherstreifenden Kindern schulpflichtigen Alters in ,, gewerblichen Schulen", 
wo sie ausgebildet und zu einem ehrlichen Gewerbe erzogen werden sollen. 
An diesem Gesetz bemängelt die H. zwei Punkte, die in der Schrift ,,Das ver- 
wahrloste Kind", herausgegeben von Bramwell B. {= Nr. 17) niedergelegt 
sind. (Um Weitläufigkeiten zu vermeiden, schreibe ich sie ganz Br. B. zu, 
obwohl für den letzten Teil ein gewisser M. H. zeichnet) : 

296 



/. Das Gesetz wird auf Grund seiner Fassung zu lässig angewandt und 
ist darum nichts als ein totes Papier. 

//. Es muß ausgedehnt werden auf alle hilfs- und rettungsbedürftigen 
Kinder. 

Das Gesetz in seiner früheren Fassung bestimmte, daß jeder Beliebige ein 
Kind unter 14 Jahren, das sich umhertreibe, ohne Schutz und verwahrlost, 
oder das bettelnd in Gesellschaft von Dirnen, Dieben aufgefunden würde, 
oder dessen Eltern im Gefängnis wären, vor den Friedensrichter bringen 
könne. Aus dem ,, jeder Beliebige" wurde in der Praxis erklärlicherweise „nie- 
mand". Darum fordert Br. B. in der Novelle, die Unterbringung verwahr- 
loster Kinder — der Begriff wird später genau umschrieben — ganz bestimm- 
ten Behörden, nämlich den Erziehungsbehörden und der Polizei zur Pflicht 
zu machen. Er beklagt es, daß von dem Gesetze jene Kinder völlig unberührt 
blieben, die, ohne in Bordells sich aufzuhalten, auf Grund des großstädti- 
schen Wohnungselends oder der Trunksucht, oder sittlicher Verkommenheit 
der Eltern und Geschwister unsittlichen Handlungen beiwohnen müssen und 
selbst schon im Kindesalter der Unzucht preisgegeben und damit gewaltsam 
dem physischen und moralischen Elend in die Arme getrieben werden. 
30 000 Kinder hätten 1908 nach seiner Ansicht in gewerblichen Schulen un- 
tergebracht werden müssen, wenn die Schulen vorhanden wären. Bei Kin- 
dervernachlässigung werden die Eltern bestraft und ihre Kinder ihnen nur 
für die Zeit der Strafe entzogen. Er fordert dauernde Entziehung. Dann wer- 
den gerade die Mädchen, die in unmoralischer Umgebung am meisten leiden, 
am wenigsten in gewerblichen Schulen untergebracht, jährlich etwa nur 200. 
Zahlreiche Beispiele der schrecklichsten sittlichen Verderbnis und Verwahr- 
losung werden beigebracht : — Ein Polizist traf am hellen Tage ein umher- 
streifendes Weib neben dem Wege in flagranti. Ihre zwei kleinen Mädchen 
schauten zu. — Ein anderer H. -Offizier versichert, er kenne in einer Stadt 
an 70 Mädchen, die, wenn man nicht einschreite, bald den Fußstapfen ihrer 
Mütter und Schwestern folgen müßten. Er berichtet von armen 14jährigen 
Geschöpfen, die man zwingt, sich dem öffenthchen Laster zu ergeben. — In 
einem Raum traf man 4 Familienmütter, alle betrunken, und auf einem 
Tisch in der Mitte den Mann von einer entblößt. Die Kinder verkauften auf 
der Straße Kleinigkeiten. Hatten sie einige Kupfermünzen, so mußten sie 
diese bringen und Bier dafür holen. — Zu X. wohnt ein Elternpaar mit 
14 Kindern in einem Raum. — Zu Y. fand man Vater, Mutter, 7 Kinder und 
den Geliebten von einem der altern Mädchen alle schlafend in demselben 
Raum. — In einer Stadt Mittelenglands fand man 4 Familien in einem Raum, 
18 Männer, Weiber und Kinder; jede Familie hatte eine Zimmerecke inne. 

297 



Die Arbeit der Behörde ist zu kleinlich und zu sehr an Paragraphen ge- 
bunden. Zwei Fragen entscheiden gewöhnlich: i. kostet es etwas? und 2. sind 
wir verpflichtet? „Ohne Zweifel," sagte ein Erziehungsbeamter, , .könnten 
viele gerettet werden ; aber es ist nicht unsere Sache. Wir geben uns nur mit 
Fällen ab, die durch die Polizei zu unserer Kenntnis gelangen." ,,Wir kön- 
nen keine Rettungsarbeit leisten," sagte ein anderer, ,, unsere Beamten 
haben keine Zeit. Wenn wir auf Fälle stoßen, berichten wir sie der 
Polizei." , »Natürlich sehen wir nicht auf solche Fälle, "sagte einDritter, ,,weil 
es schließlich nur unsere Aufgabe ist, daß die Kinder zum Schulbesuch an- 
gehalten werden." ,,Wenn wir ein Bordell säuberten," sagte ein Polizeihaupt- 
mann, „und wir stießen auf Kinder, so müßten die ins Arbeitshaus und wür- 
den den Eltern nach verbüßter Strafe wiedergegeben." ,,Ich tue gerne etwas 
für die bemitleidenswerten Geschöpfe," sagte ein anderer, ,,aber wir sind an- 
gewiesen, nichts zu unternehmen, was die Eltern ihrer Verantwortlichkeit 
enthebt. Neuerungsstichtige Beamte steigen nicht." 

Bfatnwell Booth weist mit beweglichen Worten auf die 30 000 Kinder hin, 
die in England verwahrlosen, und bittet die Regierung, doch lieber diese 
30 000 Kinder zu retten, als in einigen Jahren 30 000 Verbrecher zu unter- 
halten. 

Über die Krankendienste der H. in den Missionsgebieten, ihre Bemühungen 
um die Aussätzigen in Java, die Taubstummen in Schweden, die Alters- 
schwachen in Australien usw. habe ich schon an verschiedenen Stellen be- 
richtet. Auch das Wanderhospital, das der General im , .Darkest England" for- 
dert, ist wenigstens in einem Lande, nämlich in Japan, eingerichtet, wofür 
1907 eine Dame 200 000 M. schenkte. Doch habe ich nichts Näheres darüber 
erfahren. In den zivilisierten Ländern hat die H. die Krankenpflege den ver- 
schiedenen protestantischen und katholischen Organisationen überlassen, 
welche auf diesem Gebiete Mustergültiges und selbst von der H. nicht zu 
Übertreffendes leisten. So können wir gleich dazu übergehen, die Fürsorge 
der H, für Gefangene und Stellenlose zu betrachten. 

Ihre sozialen Anschauungen über Strafe, Gefängniswesen usw. sind nieder- 
gelegt in ,,Darkest England" (27, 173), in einem Aufsatze von Bramwell B., 
..Recht für Rechtsbrecher" (16, 46), und ausführlich in den Regeln für Sozial- 
offiziere (iio, 375—416). Die Hauptgedanken finden sich zusammengefaßt 
in einer Unterredung, welche W. B. igii mit Stead hatte (vgl. 1911, 27,7). 
,.Ich habe," sagte der General, ,,in letzter Zeit eine größere Anzahl von Ge- 
fängnissen besucht, und mehr als je habe ich eingesehen, daß man in dieser 
Sache viel mehr tun könnte, wenn man einsehen würde, daß der Verbrecher 

298 



ein menschliches Wesen ist, und man ihn als ein solches behandelte. Ein Mann 
hat weder das Herz, noch die Seele verloren, wenn er ein Verbrechen be- 
gangen hat. Jede Behandlung, die nicht von dieser Voraussetzung ausgeht, 
ist ein Fehlschlag. Behandeln Sie den Verbrecher als menschhches Wesen. 
Geben Sie ihm eine passende Gelegenheit, ein Mann 7a\ werden, bevor Sie 
daran zweifeln, ihn zu einem solchen machen zu können. Ich würde zu der 
in ihrer Länge bestimmten Haft noch eine zweite von unbestimmter Dauer 
fügen, die ihm die Möglichkeit bieten sollte, sich zu einem ehrlichen Leben 
draußen in der Welt vorzubereiten." 

,,Was sagen Sie zu Minister W. Churchills Reformen?" fragte Stead. 

,,Sie sind gut, soweit sie reichen. Aber sie sind eher eine Grundlage, auf 
der weitergebaut werden muß, als ein vollständiges Reformwerk. Beschränkte 
Interessen und geistliche Vorurteile sind noch ein großes Hindernis auf die- 
sem Wege. Ich habe W. Churchill, E. Rugglos-Brise und E. Troup gespro- 
chen und glaube, daß sie sich mit dem größten Ernst bemühen, die Lage zu 
verbessern. Nach mehreren Unterredungen haben sie eingewilligt, uns den 
Versuch machen zu lassen iind zu sehen, wieweit wir mit meinen drei Refor- 
men kommen werden. Diese sind: i. unsere Mission in jedem Gefängnis des 
Landes. Jeden fünften Tag eine besondere Versammlung. Katholiken und 
Juden brauchen natürlich, wenn sie nicht wollen, nicht zugegen zu sein. Die 
Mission wird durch Heilssoldaten zu dem Zwecke ausgeführt, die Herzen der 
A'erbrecher zu rühren und ihre Seelen zu retten; 2. alle Vierteljahre eine 
musikalische Festlichkeit von einer Stunde Dauer; 3. daß unseren Offizieren 
jegliche Gelegenheit gewährt wird, diejenigen Gefangenen zu besuchen und 
zu vernehmen, die wünschen, daß sich die H. ihrer nach Entlassung an- 
nimmt. Auf diese Weise würden sie für ihr zukünftiges Leben vorbereitet 
und fänden sich nach ihrer Freilassung unter alten Freunden." 

,,Und Sie sagen, daß die Herren all dies eingeräumt haben, und wollen wh-k- 
lich alle Vierteljahre den Gefangenen ein Konzert geben ?" wandte Stead ein. 

,,Ganz gewiß," sagte der General, ,,wir halten viel von Musik . . . Erst 
hatte ich Mühe, mit diesem Vorschlag bei den Herren durchzudringen. Sie 
dachten stets an weltliche Musik. Was wir mit Musik einzig und allein be- 
zwecken, das ist, das Herz der Gefangenen zu rühren und ihr besseres 
Selbst aufzuwecken." 

,,Aber glauben Sie wirklich, daß alle Gefangenen zurückgewonnen werden 
können?" 

,,Ich denke, niemand ist berechtigt, zu behaupten, daß irgendein Mensch 
außer dem Bereich der Gnade Gottes sei." — Das Verhältnis des Staates zur 
H. \\äinscht der General folgendermaßen geregelt: 

299 



„Bezahlung, Prämiierung nach Resultaten (dieses Prinzip würde wohl man- 
chen Gefängnisgeistlichen brotlos machen ! — Der Verf.), bei beständiger Ein- 
sichtnahme, die aber nicht zur Beaufsichtigung werden soU. Wir haben eine 
Organisation geschaffen, die imstande ist, das Werk zu tun. Laßt den Staat 
an uns für jeden Trinker, Verbrecher und jede Prostituierte, die wir zu einem 
ordentlichen Bürger machen, der sich selbst zu erhalten weiß, eine gewisse 
Summe zahlen." 

,,Eine Vergütung, — aber kein Gehalt," warf Stead dazwischen, ,,so wie 
der Sachsenkönig die Wölfe in seinem Lande ausrottete, indem er auf jeden 
Wolfskopf eine Prämie setzte, so wollen Sie vom Staate eine gewisse Ver- 
gütung für jeden Wolf, den Sie in ein wolltragendes Schaf umwandeln!" 

,,Ganz gewiß, und warum nicht? Da ist Bill Jones, der jede Nacht betrun- 
ken ist, der die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbringt, dessen Weib 
und Kinder vom Staate versorgt werden müssen. Alles einbegriffen kostet 
er und seine Familie dem Staate wenigstens 40 M die Woche. Das macht 
2000 M im Jahre. Wenn ich mir diesen Mann ausbitte und einen Heilssol- 
daten aus ihm mache, so erspare ich dem Staate jährlich 2000 M. Warum 
soll ich mich da schämen, sagen wir 5% von dieser Summe zu beanspruchen, 
die Kosten der Heilung zu decken ? Falls die Heilung ausbleibt, verlangen 
wir auch keine Bezahlung. Dabei würden die Prämien nur einmal ausge- 
geben, während die Ersparnis fortdauernd wäre . . . Wir sind die einzigen, 
die unter den bescheidensten Bedingungen gerne an dieses Werk herangehen. 
Daß die H. es tun kann, wird bezeugt durch die Regierungen Kanadas, Süd- 
afrikas, Australiens und auch Indiens . . . endlich auch durch die holländische 
Regierung und die von Britisch-Guayana." 

Soweit der General. Der Justizminister von Kanada sagte in einem Blau- 
buche: ,,Der Erfolg des H. -Werkes unter den entlassenen Gefangenen in den 
letzten 4 Jahren ist ein Beweis von der Weisheit des Planes, den Verbrechern 
nach der Entlassung zu helfen. Es ist keine bloße Theorie mehr, es ist ein 
praktischer Erfolg, gut bekannt und anerkannt" (1905, 12, 7). — Herbert 
Gladstone, Generalgouverneur von Südafrika: ,,Ich sage es ausdrücklich; es 
gibt keine Gesellschaft oder Körperschaft im Lande, die ein mehr schätzens- 
wertes Werk in Verbindung mit Gefängnisangelegenheiten sowie für die Ret- 
tung von Verbrechern getan hat wie die H." (vgl. 160, 8). — A. Fischer, 
erster Minister von Australien: ,,Wir als Regierung werden stets froh sein, 
Ihnen (der H.) jede Unterstützung zu gewähren, die Ihrem Werke vorwärts 
helfen kann" (ebd.). 

Werfen wir nun gemäß unserm, in den letzten Kapiteln befolgten Grund- 
satze ,,ex uno disce omnes" einen Blick auf die praktische Arbeit der H., vmd 

^,00 



zwar in der Union, worüber mir gerade ein Bericht von Frau Smith zur 
Hand ist, deren Gatte 9 Jahre unter den Gefangenen wirkte (1910, 50, 3). 
Kurz vor oder nach dem Jahre 1910 wurde den Offizierinnen der H. ge- 
stattet, in den Gefängnissen von Kahfornien zu arbeiten. Sie halten monat- 
lich eine gottesdienstliche Versammlung mit den 50 weiblichen Gefangenen. 
Unter den männlichen, 1500—1600 Personen, arbeitete der Gatte der Bericht- 
erstatterin, der ein fest eingerichtetes Korps^) in den Gefängnissen zu San 
Quentin hat. Der Sergeant, seit 10 Jahren bekehrt, hat viele Mitgefangene 
gerettet. Er ist zweimal zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. In 
Verbindung mit der H. -Arbeit dort in den Gefängnissen steht der ,,Bund zum 
schöneren Leben". In Amerika ist es eine ganz gewöhnliche Erscheinung, 
daß Männer und Frauen, die sich gegen das Gesetz vergangen haben, anstatt 
den Gefängnissen, der H. überwiesen werden. Die meisten Gerichtspräsiden- 
ten sind mit der Methode und den Zielen der H. vertraut. Es ist unnötig, 
hier hinzuzufügen, daß diese Herren nicht nur H. -Freunde, sondern auch 
warme Fürsprecher ihres Wirkens sind. Die Offiziere werden nicht selten ge- 
beten, als Schöffen zu wirken. In dem Korps Milwaukee III ist eine Brigade 
von nur weiblichen Salutisten. Sie besuchen die Gefängnisse, sind auf dem 
Polizeiamt anwesend und übernehmen die Überwachung der entlassenen Ge- 
fangenen. In Kansas City setzt eine H. -Offizierin ihre erfolgreiche Arbeit 
unter den Gefangenen fort. Sie wird sehr geliebt und geschätzt. Fast in jeder 
Stadt der Weststaaten sind Gefängnisbrigaden tätig. Zusammenkünfte wer- 
den regelmäßig abgehalten und Kriegsrufe verteilt. 

Am ausgebildetsten ist diese H. -Arbeit in Kanada. Danach mag Austra- 
lien und Südafrika kommen. In England sind es hauptsächlich die Gefäng- 
nisse in Glasgow, wo die Armee tätig ist. In Norwegen gestattete die Regie- 
rung der H. 1901, die Gefangenen kurz vor ihrer Entlassung zu besuchen, 
unter der Bedingung, daß sie den Leuten helfen sollte, Arbeit zu bekommen, 
und ihnen mit Rat und Tat beistände. In Deutschland besuchte früher eine 
Offizierin das Gefängnis in Bochum und fand Vertrauen selbst da, wo prote- 
stantische und katholische Geistliche und Schwestern nichts ausrichteten. 
November 1912 wurde der H. zum erstenmal erlaubt, in einem Berliner Ge- 
fängnis vor 500 Gefangenen zu musizieren. Im Männerheim Köniz, Schweiz, 
arbeitet ein bekehrter Mörder. Er wurde unter der Bedingung freigespro- 
chen, daß er sein ganzes Leben bei der H. in einem Heim zubringen soll. 
Anderswo in der H. traf ich zwei Mörder beschäftigt, den Boden in einem 
Heim zu putzen; man bat mich, den Ort zu verschweigen. In England be- 

1 Das, wie ich dem amerikanischen Kriegsruf vom 4. Jan. 19 13 entnehme, in hoher 
Blüte steht, jetzt aber geleitet wird von Brig. Wood. 

301 



sitzt die H. kein Häftlingsheim mehr, dagegen in Kanada allein 8. Über den 
Grund, weshalb man im Mutterlande die Anstaltsbehandlung hat eingehen 
lassen, vermag ich mit Sicherheit nichts anzugeben. Ich denke mir, daß man 
es in England vorgezogen hat, die Leute in den andern Sozialanstalten unter- 
zubringen und sie persönlich und gesondert einer Lebensemeuerung ent- 
gegenzuführen ; denn das kann ich bestimmt versichern, daß in England die 
Arbeit unter den Gefangenen große Fortschritte gemacht hat, wenn man 
auch kein Heim mehr unterhält, und ich glaube überhaupt, daß gerade auf 
diesem Gebiet die Armee noch ausgezeichnete Erfolge haben wird. 

Einige Beispiele von früheren Erfolgen : 

A. S. = Archibald (Dad) Sloss, geb. in Glasgow 1825, gerettet in Clerken- 
well, London, 19. Mai 1889. Von armen Eltern geboren und auf die Straße 
gesetzt, beginnt er mit 7 Jahren seine Laufbahn und entwickelt sich zu einem 
der waghalsigsten und beharrlichsten Verbrecher. Berühmt durch seinen 
Hoteldiebstahl in Glasgow und den versuchten Bankraub in Neuyork, wo 
er als Bauunternehmer nüt seinen Gesellen am hellen Tage, einem katholi- 
schen Feiertage, den Bürgersteig abzäunte und sich nachmittags schon durch 
die dicke Mauer gearbeitet hatte, als zufällig ein Direktor der Bank kam. 
Einzig als Geldschrankknacker, 2 mal deportiert, einmal nach den Bermudas 
und einmal nach Australien, 8 mal mit je 50 Hieben gepeitscht, 17 mal be- 
straft. Immer wieder entflohen. Zusammen 40 Jahre Gefängnis verbüßt. 
Lebte 10 Jahre als Salutist und bekehrte andere Verbrecher. Starb Ende 
1899 (27, 100 und 1900, 34, i). 

W. M., Spitzname „Buff", geb. in Deptford 1864, gerettet in Clerkenweli 
31. März 1889. Vater ein ehrbarer und fleißiger Schiffer. Mutter eine trunk- 
süchtige Schlampe, ein Kreuz für Mann und Familie. Der Haushalt wird auf- 
gelöst, und der kleine Buff kommt ganz unter den Einfluß seiner entarteten 
Mutter. Einige Erziehung genießt er in einer Verbrecherspelunke. Mit 9 Jah- 
ren auf Diebstahl ertappt. Bildet sich in Arbeitshäusern und Stadtgefäng- 
nissen weiter aus. Wird Rädelsführer einer Londoner Bande, und als er ge- 
rettet wurde, kam die ganze Sippe nach und nach zur Bußbank. Er wurde 
ein braver Junge (27, 100). 

C. W., geb. in San Franzisko 1862, gerettet 24. April 1889, kommt mit 
8 Jahren von Hause nach Texas, wird Rinderhirt und macht Seereisen. 2 Jahre 
Gefängnis für Meuterei, 4 Jahre für Mauleseldiebstahl, 5 Jahre für Rinder- 
diebstahl, zusammen 13 Jahre 11 Monate. Kommt auch in England verschie- 
dentlich ins Gefängnis. Durch den ebenerwähnten W. M. gerettet (27, loi). 

J. S., wurde 1896 von den schottischen Behörden zur H. geschickt. 33 Jahre 
Gefängnis verbüßt. 183 Streiche mit der „neunschwänzigen Katze". Speziali- 

302 



tat : Taschendiebstahl. Bekehrte sich 1898, starb 1901 als vollständig geänder- 
ter Mann. 8 ehemalige Gefangene mit zusammen 166 Jahren Gefängnis trugen 
den Sarg, den 220 ehemalige Verbrecher begleiteten (1900, 35, 4; 1902, 42, 5), 

G. D., Spitzname „Känguruh". 44 Jahre Gefängnis in verschiedenen Län- 
dern verbüßt. Spezialität: Straßenraub und Einbruch in Privathäuser. 
Gründlich gerettet (1900, 35, 4). 

Noch einen Fall aus neuerer Zeit, erzählt von St. 0. Linacre: 

H., zuerst 1871 verurteilt zu 14 Tagen, dann zu 30 Tagen Zwangsarbeit, 
6 Jahren Zwangsarbeit, 9 und 18 Monaten wegen Diebstahl, 7 Jahren wegen 
Einbruch, 5 Jahren wegen Schaf diebstahl, 5 Jahren wegen Einbruch, 12 und 
3 Monaten wegen Diebstahl. Die Polizeibehörde in Dumfries sandte ihn zur 
H. in Glasgow, er wurde bekehrt, und nach längerer Zeit der Bewährung ver- 
schaffte man ihm auswärts Arbeit. Er führt ein ehrbares und gutes Leben 
(181, 44). 

Eine Hauptschwierigkeit in der Gefangenenfürsorge ist die Frage: Wie 
kann man dem entlassenen Sträfling Arbeit verschaffen ? Für die H. ist die 
Schwierigkeit dadurch gelöst, daß sie die Leute in ihren Papiersortierereien, 
Kolzhöfen und Nachtherbergen selber beschäftigt. Unterdes sucht sie Ein- 
fluß auf sie zu gewinnen und sie zu „retten". Erweist der Gerettete sich nach- 
her als ,, neuer Mensch", so ist es verhältnismäßig leicht, ihn irgendeinem 
Arbeitgeber zu empfehlen. 

Arbeit, so haben wir gesehen, ist das Evangelium, woran die Sozialtätig- 
keit der H. hängt. So ist denn auch die ganze H. gewissermaßen eine Ver- 
mittlungsstelle für Arbeit. Insbesondere ist mit jeder Nachtherberge eine 
solche eingerichtet. Doch unterhält sie auch schon seit 25 Jahren eigentliche 
Arbeitsnachweise, zu deren Einrichtung unsere Städte seit einigen Jahrzehn- 
ten mehr und mehr übergehen. Die Vermittlung der H, ist natürlich viel 
persönhcher, als eine städtische es sein kann. Die Fragebogen enthalten Ein- 
zelheiten, die jede andere Einrichtung weder stellen dürfte, noch beantwortet 
erhielte. Arbeit für Brauereien, Wirtschaften, Theater, Konzerthallen u. ä. 
wird nicht vermittelt (iio, 215). 

Gef angenenf ürsorge^ in Großbritannien für Männer : 

Es wurden aufgenommen in die H. -Heime .... 10 405 
Sonstwie untergebracht 10 053 

Arbeitsnachweise^ in Großbritannien: 

Arbeitsgesuche 327 239 

Davon befriedigt 293 724 

Und zwar durch H.-Arbeitsheime 92 049 

1 vou Beginn der Arbeit bis September 19 12. 



Verhältnismäßig früh hat die H. sich um die Auffindung Verschollener be- 
müht ; denn es kam unter den Schichten, wo sie arbeitete, häufig vor, daß 
eine Familie sich um den Vater, die Mutter, den Sohn oder die Tochter sorgte, 
der oder die seit Jahren vielleicht verschwunden waren. In dem Kriegsruf, 
der gerade in den Spelunken einen bedeutenden Absatz hatte und noch hat, 
ließ man die Personalbeschreibung des Vermißten erscheinen und hatte da- 
mit ein Hilfsmittel, das den H. -Bemühungen vor allen anderen den Erfolg 
sicherte; denn die Detektivs brauchte man ja nicht erst zu schicken. Mehr 
und mehr breitete sich der Salutismus aus und gerade an den Sammelplätzen 
menschlichen Elends und heruntergekommenen Volks am ehesten. Man 
brauchte also nur an den mutmaßlichen Aufenthaltsort des Gesuchten zu 
Händen des dort tätigen Offiziers ein Schreiben zu senden. All das verur- 
sachte wenig Kosten, gab aber eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. So 
haben sich allmählich in allen H.-Ländern Nachforschungsämter entwickelt, 
die mit oft staunenswerten Ergebnissen arbeiten. Die anscheinend hoff- 
nungslosesten Fälle sind zuweilen im Handumdrehen erledigt, und für die 
Auffindung der alleruntersten Klasse von Leuten kann man sich kaum ein 
besseres Werkzeug denken. In Deutschland hat die H. besonders mit Nach- 
forschungen nach Dänen zu tun, während sie die meisten Anfragen nach 
Amerika richten muß. So meldete sich kürzlich eine Frau, die seit Jahr und 
Tag von ihrem Sohne nichts mehr gehört hatte. Eine Anzeige im amerikani- 
schen Kriegsruf erschien, und 6 Wochen darauf hatte sie einen Brief von 
ihm in Händen. Sehr oft ereignet es sich, daß ein Landmädchen bei einer 
Herrschaft in der Stadt als Dienstmädchen eintritt ; die erste Zeit kommen 
Briefe von ihr nach Hause ; allmählich oder plötzlich hören die Eltern nichts 
mehr von ihr; briefliche Anfragen gelangen als unbestellbar oder mit voll- 
ständig unbefriedigender Antwort zurück, und auch eine Reise von Vater oder 
Mutter bringt kein Licht in die Sache. Wie manches unschuldige Ding mag 
die H. unter den Töchtern der Schande wieder entdeckt haben, wie viele 
mögen alljährlich an der Bußbank sich erst wieder ihrer Familie erinnern! 
Jeder H. -Offizier weiß nicht von i oder 2 Fällen, sondern von Dutzenden 
zu berichten. 

Die letzte größere Sensation auf sozialem Gebiete ist aber die Ende 1906 
bis Anfang 1907 errichtete Beratungsstelle für Lebensmüde = A^iti suicide 
bureau^ in London, der bald andere folgten. Die Öffentlichkeit war damals 
ebensosehr von dem Gedanken überrascht, als er den Salutisten und ihrem 
alten General etwas ganz Natürliches war; denn sie hatten ja an der Buß- 

1 Der Bastard von Griechisch -Deutsch -Französisch: ,,Antiselbstmordbureau" wird 
hoffentlich kein Bürgerrecht in der H. -Literatur bekommen. 



bank immer wieder mit Leuten zu tun, die fest entschlossen gewesen waren, 
ihrem Leben ein Ziel zu setzen. 

Davon Berichte oft im Kriegsruf: z. B. : ,,Ein Werkmeister einer großen 
Fabrik, gebunden durch Trunksucht, konnte während der Abendversamm- 
lung begnadigt die Stätte verlassen. 5 mal hatte er bereits Selbstmord ver- 
sucht. — Noch waren die Spuren der Revolverkugeln am Kopfe, die Spuren 
vom Rasiermesser am Pulse deutlich sichtbar. Er kniete an der Bußbank 
als ein reumütiger Sohn" (1906, 48, 3). 

Es handelte sich also für die Armee um nichts Neues, sondern nur um die 
Organisierung und Zentralisiening der Bestrebungen. ,,Kann denn nichts ge- 
tan werden," fragte W. B. (1907, 4, 7), ,, damit die Zahl der Selbstmörder 
nicht fortwährend steigt ? Ich denke, wir können etwas tun, wenn wir denen, 
die keine Freunde haben, ein Freund sind; wenn wir die gebrochenen Herzen 
trösten, den Irrenden zurechthelfen und den Schwermütigen neue Gedanken 
und Hoffnungen einflößen und vor allen Dingen sie hinführen zu dem, der 
gesagt hat: ,, Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich 
will euch erquicken." Wie bei jedem menschlichen Schmerz, so muß auch 
hier das Heilmittel mit dem Mitleide beginnen. Es ist wahr, Selbstmord ist 
Sünde. Aber er ist nur um einige Grad ärger als manche andere, verkehrte 
Dinge, durch die sich die Menschen ebenso den Tod zuziehen, wie der Mann 
es tut, der sich in einem Anfall von Geistesstörung vor die Räder des heran- 
brausenden Zuges wirft." 

,,Vor einigen Wochen beschloß ein Mann, der durch Sorgen und Fehl- 
schläge zuletzt seine ganze Widerstandskraft verloren hatte, seinem Leben 
ein Ende zu machen. Auf dem Wege nach dem Ort, wo er die Tat ausführen 
wollte, kam er an einem Saal vorbei, in dem ich Versammlung hielt, und er 
ging auch hinein. Gott sprach zu ihm, und er kam zur Bußbank. Als er auf- 
stand, gab er jemand den Abschiedsbrief, den er an seine Frau geschrieben 
hatte. Jetzt sah er, daß seine Verkehrtheit die Ursache seines Elendes war. 
Des Abends brachte er seine Frau mit zur Versammlung. Zusammen weihten 
sie sich Gott und gingen mit dankbarem Herzen nach Hause." 

,,Das ist der Plan ! Volle Erlösung schließt auch die Erlösung von der Ver- 
suchung zum Selbstmord mit ein. Ich habe nun zwei Offiziere bestimmt 
(Oberst Unsworth und Frau Oberst Barker), die denen, die sich mit Selbst- 
mordgedanken tragen, Rat geben und sie vor dem verkehrten Weg zurück- 
halten sollen. Natürlich bin ich mir bewußt, daß manche Gefahren mit einem 
solchen Plan verbunden sind ; aber ich denke, daß die festen Regeln, die ich 
für diese Offiziere aufgestellt habe, genügend sein werden. Sie werden keine 
Geldunterstützung geben, um Betrügereien vorzubeugen; ebenso werden alle 

20 Cl äsen, Der Salutismus 3^5 



Mitteilungen als streng vertraulich behandelt werden ; auch wird nach dem 
Vorleben und den Verhältnissen des Ratsuchenden nicht unnötig gefragt 
werden. Die strengste Verschwiegenheit wird über alles bewahrt, und ohne 
ausdrückliche Genehmigung der Betreffenden wird nichts aufgeschrieben." 

Zur großen Freude des Generals und zur großen Verwunderung der Welt 
wurde die Beratungsstelle stark in Anspruch genommen. 600 Fälle zählte 
man in den ersten zwei Monaten, 1124 im ersten Jahre. Noch im Januar 1907 
folgten Zweigstellen in Bristol, Leeds und Manchester, und noch im selbigen 
Jahr in Neuyork, Toronto, Kopenhagen, Sydney, Melbourne, Brisbane, Ade- 
laide, Perth und in Japan, wo der General bei seinem Besuche die Mittel er- 
wog, der eigentümlichen Sitte des Harakiri entgegenzuarbeiten. Von Haag 
kamen Anfragen; in Wien schuf man nach dem Vorbilde der H. eine ähn- 
liche Einrichtung; ebenso in Dresden durch die Innere Mission mitten im 
Heimatlande der Selbstmorde ; in Budapest wollte man der H. bei Eröffnung 
einer Beratungsstelle auf alle Art entgegenkommen, und Graf Tolstoi interes- 
sierte sich für das Unternehmen sehr. Es wird jetzt außer in den genannten 
Städten noch durch die H. vertreten in Kapstadt, Bombay, Colombo, Tokio, 
Seoul, Paris, Mailand, Bern, Berlin, Amsterdam, Brüssel, Stockholm, Chri- 
stiania, Helsingfors, Buenos Aires, Kingston und Bandoeng, d. i. von allen 
Territorial-H . - Q. 

In London werden jetzt jährlich über 1500 Fälle behandelt, wovon ein 
gutes Dutzend etwa damit endigt, daß die Offiziere trotz heißen Bemühens 
nichts ausrichten und anderen Tags den Selbstmord in den Zeitungen finden. 
Aus der amtlichen Statistik über den Selbstmord in England und Wales 
lassen sich keine zwingenden Schlüsse ziehen; doch spricht sie auf keinen 
Fall gegen, sondern eher für den Erfolg der H. Die Ziffer sinkt im Jahre 1906 
von 3545 im Vorjahre auf 3452 und steigt seitdem wieder gleichmäßig. 
Manchmal ist der Selbstmordkandidat offenbar nicht ernst zu nehmen. Er 
droht der H., sich das Leben zu nehmen, wenn er kein Geld bekomme, und 
einer ging soweit, Gift zu trinken vor den Augen des Offiziers, der sich trotz- 
dem, wenn auch mit bangem Herzen weigerte. Nach einigen Minuten erklärte 
der angebliche Selbstmörder dann, er wolle der H. keine Last mit seinem 
Leichnam machen, und schritt, weil alles vergebens war, mißmutig von dan- 
nen. Aber sagen wir, es seien nicht 1000, sondern nur 500, sagen wir, es seien 
nur 250 oder halbieren wir diese Summe sogar noch einmal und nehmen an, es 
seien nur 125, die allein in London alljährlich durch die H. vor Selbstver- 
nichtung bewahrt bleiben— welch ein gewaltiges Ergebnis bleibt dann immer 
noch übrig, wieviele Tränen bleiben ungeweint, wieviel Leid ungehtten! 
Und das alles mit dem kleinen Aufwand von 6000 M. jährlich! 

306 



\A^as sind nun die Gründe, die nach Erfahrung der H. ganz besonders zum 
Selbstmord führen? Es sind i. die immer größeren Anforderungen unserer 
Zeit an Gesundheit von Nerven und Geist, an die mens sana in corpore sano; 
2. f atahstische ; 3. materiahstische Ideen und der allgemeine Abfall von dem 
Glauben an eine wirkliche Vergeltung; 4. das Zurücksinken in jene heidnische 
Anschauung, die in dem Selbstmörder einen Helden verehrte; 5. die Liebe 
(bei der bemitleidenswertesten Klasse von Selbstmördern) zur Familie, die 
von ihrem Tode Vorteil hat, z. B. durch Auszahlung einer Lebensversiche- 
rung oder Bewahrung vor Schande; 6. die öffentliche Achtlosigkeit gegen- 
über der Zunahme des Selbstmordes ; 7. Trunksucht, Vereinsamung und Ver- 
anlagung, erbliche Belastung usw. Die Psychiater, welche die Zunahme der 
Selbstmorde in den Sommermonaten auf die Steigerung der Lebensfunktio- 
nen und erhöhten Anforderungen zurückführen, und die Soziologen, welche 
diese Erscheinung mit der längeren Dauer des Tages und den dadurch ver- 
mehrten Gelegenheiten zur sozialen Reibung erklären, haben also an der H. 
gerade keinen besonderen Anwalt. 

Die Arbeitsmethode der Beratungsstellen ist einfach und vor allem indivi- 
duell. Die Klienten setzen sich zusammen aus: Geistlichen, Missionaren, Mili- 
täroffizieren, Doktoren, Anwälten, Polizeibeamten, Seekapitänen, Journa- 
listen, Architekten, Inspektoren, Direktoren, Bauführern, Bauunterneh- 
mern, Apothekern, Schauspielern, Lehrern, Kaufleuten, Bankbeamten, 
Hotelbesitzern, Wirten und Handwerkern, also fast ausnahmslos aus Ange- 
hörigen der besseren Stände. Sie alle kommen — persönlich, brieflich, tele- 
phonisch und telegraphisch — und sagen, sie fänden keinen Ausweg mehr. 
Der Offizier zeigt dem einen in mehr, dem anderen in weniger behutsamer 
Form, daß es noch tausend Wege gibt. 

Sie, A., haben sich mit Ihrem Weibe entzweit. Gut, ich werde mich mit ihr 
ins Einvernehmen setzen, und die Geschichte ist bald geregelt. — Sie, B., 
haben Ihren Arbeitgeber betrogen. Gut, auch ein Arbeitgeber ist noch zu er- 
weichen. Ich werde diesen Abend die Sache mit ihm ins reine bringen. — Sie, 
C, sind hoffnungslos in Schulden durch Ihre Pferdewetten; gut, ordnen Sie 
die Sache gerichtlich, beginnen Sie Ihr Geschäft von neuem und lassen Sie 
dabei das Wetten sein. — Sie, D., haben ein Verbrechen begangen. Gut, seien 
Sie ein Mann, stellen Sie sich zur Verurteilung und tragen Sie Ihre Strafe. 
So bekommen Sie die Last von der Seele, und wir werden im Gefängnis und 
bei Entlassung nach Ihnen sehen. — Sie, E., sind durch dieses und jenes 
Laster so weit gekommen ? Was hindert Sie , dem Laster Lebewohl zu 
sagen und ein neues Leben zu beginnen? — Sie, F., sind in großer Sorge, 
und wirklich, das hat etwas zu besagen, aber kommt Zeit, kommt Rat. 

307 



Ich denke, wir schlafen einmal drüber und besprechen uns morgen noch 
einmal, usw. 

Einige Fälle! Nr. i, ein Kaufmann, beschäftigt sich mit agnostischer Lite- 
ratur, überwirft sich mit seiner Frau, kommt mit einer Flasche Sulfonal — 
was ich keinem für diesen Zweck empfehle ! — nach London, nahm 75 Tablet- 
ten, die aber eine andere Wirkung als die erhoffte hervorbrachten. Er fuhr 
mit dem Taxameter so schnell als es ging zur Beratungsstelle. Ein Doktor 
und 14 Tage Krankenhaus stellten ihn vollständig wieder her. Er und seine 
Frau sind jetzt glückhch als Salutisten. — Nr. 2, ein Mann mit allerlei Be- 
sonderheiten, heiratete eine Frau, die ihn darin noch übertraf. Sie fanden, 
was auch das Sprichwort sagen mag, daß man sich zu zweien schlechter durch 
die Welt schlägt als allein. Als er eines Abends eben überlegte, ob er sich er- 
tränken oder erschießen solle, kam die H. -Musik vorbei, was ihn an die Be- 
ratungsstelle erinnerte. Er setzte also vorläufig mit den Erwägungen über 
die beste Selbstmordmethode aus und besprach mit dem Offizier die Sache 
noch einmal von vom an. Z\vischen ihm und seiner Frau ist nun ganz klare 
Bahn geschaffen. — Nr. 3, ein stets übellauniger Mensch, kam mit dem Ra- 
siermesser in der Tasche, weil er daran verzweifelte, auf einer Stelle zu hal- 
ten. Er ist nun in einer Einzelstellung, wo er mit niemand zu tun hat, und 
kommt gut voran. — Nr. 4, eine Frau, gesteht ihrem Manne einen Jugend- 
fehler und bekommt ihn immer wieder vorgehalten ; es gelang, sie vor Selbst- 
mord zurückzuhalten und den ehelichen Frieden von jetzt an zu sichern usw. 
ad indefinitum! (vgl. 240, 6iff. ; 88, 157). 

Worin liegt nun der Erfolg dieser Einrichtung begründet? Nun, die H. 
faßt das Übel an der Wurzel. Das Ergreifendste bei jedem Selbstmord 
scheint mir der Umstand zu sein, daß die nächsten Angehörigen des Unglück- 
lichen plötzlich gewahren, wie sie dem, welchem sie so nahe zu stehen mein- 
ten, innerlich so unendlich fern gestanden haben. Er hat es deshalb nicht 
über sich gewonnen, in seinem tiefen Schmerz und Zweifel, in seinem er- 
schütternden Schuldbewußtsein oder tödlich verwundeten Ehrgefühl sich 
ihnen anzuvertrauen. Vielleicht zu keiner Zeit sind sich die nächsten Ver- 
wandten gerade in dem Wichtigsten, nämlich in dem eigentlichen seelischen 
Erleben so fremd gewesen wie heutzutage. Die hinterlassenen Briefe von 
Selbstmördern bezeugen es fast einstimmig. So pilgern sie durch die Wüste 
des Lebens mit verblutendem Herzen, Schritt um Schritt näher zum Ab- 
grund. Wenn sie nur ein Wort sagen wollten, oder besser könnten, so wäre 
alles gut. Wie gerne wollten sie leben, wenn irgendein Schimmer von Hoff- 
nung bestände, das zu erreichen, was sie so heiß ersehnen und dessen Verlust 
sie so tief beklagen. Ihnen allen ruft W. B. zu: ,,Ehe ihr euch ins Wasser 

308 



stürzt oder sonstwie umbringt, kommt zu uns, so unerträglich eure Leiden 
auch sein mögen, und seht erst, ob die H. nichts für euch tun kann. Ehe ihr 
das Letzte tut, versuchet das Letzte!" 

Oberst Unsworth hat ein kleines Museum angelegt von Giften, Messern, 
Revolvern usw., alles Mittel, die bestimmt waren, den Gordischen Knoten 
des Lebens gewaltsam zu lösen. Wen es reizt oder wer besonders ungläubig 
ist, der kann auch ganze Stöße von Briefen einsehen, worin Menschen, die 
alles verloren glaubten, bezeugen, alles gewonnen zu haben, und in herz- 
ergreifender Weise ihre tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck bringen gegen die H. 
und ihren Gründer, ,,den Beichtvater der Menschheit," wie man mit dem- 
selben Rechte von ihm sagen kann, wie jener französische General ihm gegen- 
über meinte: „General, Sie gehören nicht einer Nation an, sondern der gan- 
zen Welt." W. B. ist einer von den Männern, von denen nicht jedes Jahr- 
hundert einen hervorbringt und jedenfalls ein ganz typischer Vertreter 
und Nachfolger jenes Christus, der am Kreuze für seine Brüder starb und 
von dem es heißt, daß er derselbe ist ,, gestern, heute und in Ewigkeit" (Hebr. 
13, 8). 

Nachforschung nach Vermißten 
in England und Schottland bis i. September 1912 von Beginn der Arbeit: 

Gesuche 49 659 

Davon erfolgreich durchgeführt 14 861 

Beratungsstelle für Lehensmüde 
in England, Tätigkeit vom i. Januar 1907 bis i. Januar 1913. Ursache der 
Selbstmordgedanken : 

Finanzielle Schwierigkeiten und hoffnungslose 

Armut 4389 = 55% 

Geistesstönmg u. dgl 788 = 10% 

Trübsinn durch Vereinsamung u. dgl 735 = 9% 

Unterschlagung, Fälschung u. dgl 386 = 5% 

Krankheit, Unglück u. dgl 1740 = 21% 

Summa der Fälle 8038 = 100% 



309. 



SCHLUSSWORT, ZAHLENBILDER 
UND SACHREGISTER 



SCHLUSSWORT 

Und jetzt, Kameraden und Freunde, muß ich sagen ,,Gott befohlen!" Ich gehe 
nun ins Dock, um repariert zu werden; aber die Armee darf durch meine Ab- 
wesenheit nichts einbüßen, weder Geld, noch Geist, noch sonst etwas. Und in 
später Zukunft, denk' ich, wird man sehen, — ich werde es nicht erleben, aber ihr, 
— daß die Armee jeden Zweifel lösen, jede Befürchtung bannen, jede Verleum- 
dung niederkämpfen und durch ihren wunderbaren Fortgang der Welt beweisen 
wird, daß sie das Werk Gottes und der General gewesen ist — sein Diener. 

W. Booth bei seiner letzten öffentlichen Geburtstagsfeier 1912 

Öuae volumus, libenier credimus," sagten die alten Römer, und wenn man 
unserer Redensart ,,der Wunsch ist gar oft der Vater des Gedankens" 
trauen darf, hat sich daran in den 2000 Jahren nichts geändert. So kann man 
denn auch z. B. in einem Kirchenlexikon unter „Heilsarmee" lesen, daß sie 
,, erfreulicherweise unverkennbare Keime der Zerklüftung, des Verfalles und 
der Auflösung" in sich trage. Ich kann diesen Eindruck wirklich nicht ge- 
winnen und fürchte sehr, daß die Freude jenes Herrn Professors verfrüht ist. 
Wenn ich für meine Person unter die Propheten gehen sollte, möchte ich 
tausendmal eher das Gegenteil vertreten. W. B. jedenfalls, der doch auch 
einigen Einblick in seine H. hatte, ist der Ansicht und vertraut, ,,daß die H., 
solange Sonne und Mond bestehen, auf dem Wege gefunden wird, den sie zu 
Anfang betreten und bis jetzt immer eingehalten hat" (57, 353). Aber wir 
wollen kein Wolkenkuckucksheim bauen und lieber in die Vergangenheit 
gehen, wo man bei jeder geschichtlichen Bewegung die Anker einer hoff- 
nungsvollen Zukunft zu suchen hat; denn 

... da sich die neuen Tage 
Aus dem Schutt der alten bauen, 
Kann ein ungetrübtes Auge 
Rückwärts blickend vorwärts schauen. 

Fr. W. Weber. 

,,Die H. ist wie ihr Meister in der Dunkelheit geboren, gleich ihrem Meister 
lag sie in der Wiege der Verfolgungen, der Verachtung und der Armut, und 
wie ihr Meister konnte sie sagen: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel 
haben Nester ; aber die H. hat nichts, wo sie ihr Haupt hinlege ; — trotz alle- 
dem ist das Kind gewachsen, und zwar wunderbar gewachsen, und ich darf 
wohl sagen zum Erstaunen der ganzen Welt, und sie ist noch am Wachsen" 
(W. B. 1907, 30, 6). Wie hier der Vergleich mit Christus, so wird noch öfterer 



der Vergleich zwischen dem Salutismus und dem Urchristentum gezogen. 
Ich muß es den Theologen überlassen, das Passende oder auch Unpassende 
dieses Vergleichs nachzuprüfen; jedenfalls, die Vorwürfe, die man gegen 
beide Bewegungen erhoben hat, gleichen sich aufs Haar. 

Wie der Salutismus als englische, so erschien das Christentum als ,, jüdi- 
sche Sekte", und Celsus sagte um i8o nach Christus von der christlichen 
Lehre, daß es ein barbarisches Machwerk sei, nur für dumme Menschen taug- 
lich ; das Wahre darin sei längst bekannt, und die Christen selber gehörten 
der Hefe des Volkes an. Auch die Vaterlandsliebe der ersten Anhänger Jesvi 
mußte herhalten, und wie ihn selber, so beschuldigte man sie, daß sie die 
Menge aufwiegelten. Ebenso in die Augen fallend ist die Übereinstimmung 
Zwischen manchen Gründen, die zur Ausbreitung beider Bewegungen führ- 
ten. Was den Salutismus angeht, so habe ich eine große Anzahl davon an den 
verschiedensten Stellen dieses Buches dargelegt: Die Organisation, die jedem, 
auch dem allerletzten Mitglied, vor allem aber den Frauen, ein weites Feld 
der Tätigkeit eröffnet und Aussichten zum Weiterkommen bietet ; die streng 
kaufmännischen Grundsätze, wonach in der H. alles Geschäftliche geregelt 
ist ; der Grundsatz der Internationalität und Interkonfessionalität und die 
in weiten Kreisen begrüßte Gegnerschaft gegen alle berauschenden Mittel; 
die konfessionelle Zersplitterung und die Freiheit von polizeilicher Bevor- 
mundung in England ; der sich bis zum Heroismus erhebende Opfermut der 
H. -Gründer und -Offiziere; der militärische Geist; ,,die alles diirchdringende 
Lauterkeit" [Hilty); die fast in jedem Lande einsetzenden Verfolgungen, 
welche die Salutisten zu erdulden hatten ; die fürchterliche religiöse Verwahr- 
losung breiter Volksschichten, welche durch die Ohnmacht oder Nachlässig- 
keit der großen Konfessionen nicht mehr erreicht werden ; das Eintreten der 
H. für die von der Gesellschaft Ausgestoßenen und Unterdrückten ; der psy- 
chologische Instinkt, womit sie die Massen anzuziehen und zu packen weiß, 
und überhaupt und vor allem ihre wesentlich religiössoziale Tätigkeit, wo- 
bei die religiöse der sozialen und die soziale der religiösen den Erfolg sichert 
und ein Erfolg immer wieder die Stufe zu einem neuen ist. Mit dieser Tätig- 
keit mündet sie ein und wird getragen von der großen, religiössozialen Strö- 
mung, die unsere Zeit durchflutet. 

Zwei Gründe verdienen noch eine besondere Erwähnung, der erste — ein 
innerer — ist das freudige Gewand, worin die H. -Religion sich darbietet. Wo 
sie den Fuß hinsetzt, weicht Nacht und Not ; Sonnenschein und Lebenslust 
folgen ihren Spuren. Dem Brachlande, auf dem sie arbeitet, bringt sie den 
Frühling der Hoffnung. So mag sie gerade den Allerärmsten erscheinen, wie 
die Weihnachtsengel den Hirten. Der Salutismus verpflichtet seine Anhänger 



zu hoher Tugendübung, und aus dieser entspringt wiederum ein alles ver- 
klärender Frohsinn, eine gewisse kindliche Heiterkeit, welche aus jeder 
Miene, jeder Gebärde und jedem Worte hervorleuchtet und die erst das 
Evangelium zum ,, Evangelium" (= Freudenbotschaft) macht. Die suggestive, 
ansteckende und heilende Wirkung, welche die H. damit auf ihre elende, ver- 
schüchterte und verzweifelte Zuhörerschaft ausübt und so ihren Weg mitten 
durch die Slums nimmt, scheint mir bisher durchaus ungenügend hervorge- 
hoben worden zu sein. Kommen wir zum zweiten Grund ! Es ist ein äußerer. 
Der Anglisierungsprozeß der Welt schreitet nach allen Seiten hin ungehin- 
dert fort. Das Englische wird mehr und mehr zur Weltsprache. Wie das eng- 
lische Pfund Sterling die Einheitsmünze im internationalen Verkehr ist, so 
empfangen englische Laute den Reisenden, wo er auch immer seinen Fuß ans 
Land setzt. Ja, ,,the worldisrapidlybecomingenglish!" 1665 gab es nur 5 und 
1800 kaum 9, heute gibt es aber schon 134 Millionen englisch sprechender Men- 
schen, abgesehen von den unzähligen, radebrechenden Vertretern der farbi- 
gen Bevölkerung. Das englische Imperium erstreckt sich über Hunderte von 
Staatsgebilden (z. B. allein schon über 600 indische Vasallenstaaten) mit 
450 Millionen Menschen, davon 45 in Europa und 7^2 allein in London. Der 
Atlantische Ozean wird von Jahr zu Jahr ausgesprochener ein englisch-ame- 
rikanisches Meer ; der Indische ist fast schon ein britisches Binnenmeer. Und 
durch all dies ist dem Salutismus, wie einst dem Christentum durch das 
römische Imperium, das Feld gebahnt, und er hat noch den Vorzug, daß ihm 
statt Schnellposten der Telegraph, statt gepflegter Heeresstraßen die eiser- 
nen Schienenwege und statt der mit Segeln bewehrten Ruderschiffe die 
Ozeanschnelldampfer zur Verfügung stehen. — Die Zukunft des Salutismus 
ist nun ziemlich einfach vorauszusagen. Er wird solange fortbestehen, als 
diese Gründe lebendig bleiben. Und wie lange ist das? Man erwäge sie der 
Reihe nach ! 

Aus dieser Ei-v^^ägung mag dann auch eine Antwort auf die Frage hervor- 
gehen, die in theologischen Werken über die H. gewöhnlich am Schluß be- 
handelt wird und die auch wohl manchem meiner Leser still \m Herzen 
brennt, die Frage: Wie ist der Salutismus zu bekämpfen? Nun, wenn schon 
gekämpft werden muß, dann jedenfalls nicht mit Feder und Tinte. Dagegeti 
ist die H. immun; sie wäre sonst schon tausendmal tot. Jenen, die auf diese 
Art etwas auszurichten denken, wäre ich versucht, mitGamaliel zu sagen: 
Stehet ab von diesen Menschen und lasset sie ; denn wenn das Werk von Men- 
schen ist, so wird es zunichte werden, wenn es aber von Gott ist, so werdet ihr 
nicht vermögen, es zunichte zu machen , ihr möchtet sonst etwa als Widersacher 
Gottes erfunden werden! (act.ap. 5,38 — 39). Bekämpfung und Verfolgung 

3^5 



haben dem Salutismus sogar in einem solchen Maße zur Ausbreitung verhel- 
fen, daß man ernstlich die Frage erörtern könnte, ob es nicht für den Salutis- 
mus ein Unglück wäre, wenn der Widerspruch aussetzte. Eins kann ich be- 
stimmt versichern und auch wohl verraten, die Angriffsfläche bietet sich an- 
derswo: Die H. wird in demselben Augenblicke aufhören zu bestehen, wo sie 
mit ihrer Arbeit überflüssig ist. Also nicht im Worte ,, Kampf", sondern 
im ,, Wettkampf" liegt das Geheimnis. Wer unter euch der erste sein will, der 
sei des andern Knecht! (Matth. 20, 27). Nicht nur der Verfasser, sondern, 
wie ich denke, auch die H. und ihre obersten Leiter werden mit Freuden 
dieses Ringen um die Palme sehen. 

IK ber das ist im Zeitalter der Resolutionen statt Taten wohl in die vier 
x~\ Winde hinein gesprochen. Wer sich in der Literatur über die H. etwas 
umgesehen hat, kennt die Predigt schon auswendig. Lassen wir also die 
Zahlen reden! 

Tafel I bringt die versprochene Übersicht über die Reisen des H. -Grün- 
ders in seinen letzten Lebensjahren. Die leeren Felder bedeuten keineswegs 
Ruhe, sondern wären mit kleineren Reisen in England auszufüllen gewesen. 

Tafel II gibt einen aUgemeinen Überblick über die organische Entwick- 
lung der H., die natürlich bei den kleinen Zahlen der ersten Jahre prozentual 
mehr in die Erscheinung tritt. Um Zufälligkeiten auszuschalten, habe ich 
Stufen von je drei Jahren genommen. Es scheint, daß man vor 1905 eine 
Reihe nicht lebenskräftiger Korps hat eingehen lassen (vgl. Nr. 2, 3 und 6). 
Die Zahlen zu Nr. 8 sind zu halbieren, weil die H. ihre Anstalten für Männer 
und Frauen, die miteinander verbunden sind, getrennt zählt. Sehr belehrend 
sind die Zahlen von Nr. 9 und 10. Aus dem gleichmäßigen Ansteigen auf 
3 1/2 Millionen M und 223 M auf den Kopf des Offiziers darf man wohl 
schließen, daß der Opfersinn in der Armee sehr wahrscheinlich noch zuge- 
nommen hat und auch, daß sie in der Achtung der Welt sehr gewonnen 
haben muß. Auch in Nr. 11 — 17 zeigt sich eine ganz organische und stetige 
Zunahme. Die Sozialarbeit zwingt ja auch zur Kapitalinvestition und des- 
halb zur Vorsicht, während man in der geistlichen es sehr oft auf einen reinen 
Versuch ankommen läßt. Deshalb dort Rückschläge, hier keine. Darum muß 
man aber auch in der Beurteilung von den Zahlen in 

Tafel III recht vorsichtig sein. Im allgemeinen zeigt sie ein ständiges Vor- 
wärtsdringen des Salutismus. Zurückgegangen ist die Anzahl der Korps in Eng- 
land, Australien, Frankreich und Dänemark (vergleiche aber die Bemerkungen 
n dem Kapitel: Geschichte der Heilsarmee, oben Seite 55— 121), die Anzahl 
der Offiziere in Australien, Frankreich und Westindien (wahrscheinlich noch 

316 



eine Folgeerscheinung der großen Reinigung vor 1905). Unter Korps sind hier 
auch Vorposten zu verstehen; unter Offizieren auch Kadetten. Die H.-Ange- 
stellten aber sind nicht in die Zahl einbegriffen. Da sie hauptsächlich in 
dem geschäftlichen und sozialen Zweige tätig sind, würde das hier ein ver- 
schrobenes Bild ergeben. Ordnet man die Länder nach der Anzahl ihrer Korps, 
so erhält man folgende Reihe : i. Ostindien, 2. Australien, 3. England, 4, Union, 

5. Schweden, 6. Kanada, 7. Schweiz, 8. Norwegen, 9. Deutschland, 10. Däne- 
mark, II. Südafrika, 12. Westindien, 13. Finland, 14. Holland, 15. Frank- 
reich, 16. Korea, 17. Japan, 18. Java, 19. Südamerika, 20. Belgien, 21. Italien ; 
nach Offizieren: i. England, 2, Union, 3. Ostindien, 4. Australien, 5. Kanada, 

6. Schweden, 7. Deutschland, 8. Schweiz, 9. Norwegen, 10. Holland, 11. Süd- 
afrika, 12. Dänemark, 13. Finland, 14. Japan, 15. Westindien, 16. Frank- 
reich, 17. Südamerika, 18. Java, 19. Italien, 20. Korea, 21. Belgien. Ganz 
anders würde die Reihe werden, wenn man die prozentuale Zu- bzw. Ab- 
nahme zugrunde legte. England und Australien z.B. rückten dann ans Ende. 
Doch wäre das schon mehr Zahlenspielerei. 

Tafel IV. Die Nummern unten auf der Seite verweisen wie die auf Tafel III 
links am- Rande auf den betreffenden Abschnitt in dem Hauptstücke: Ge- 
schichte der H. Schweden, Dänemark, Norwegen und Finland sind deshalb 
als Einheit genommen ; der Eröffnung nach hätten die drei letzten Länder 
anders eingeordnet werden müssen. Im übrigen sprechen die Zahlen für sich 
selber. 

Mit Absicht unterlasse ich es, weitere Folgerungen aus den Zahlen zu 
ziehen. Zahlen sind ein sehr wertvolles, aber auch sehr gefährliches Hilfs- 
mittel. Die H. besteht nicht lange genug, als daß viel damit anzufangen wäre. 
Wer die H. kennt, mag allerdings manches herauslesen können ; wer sie aber 
nicht kennt, der kann aber auch ebenso gewiß gar kein Bild daraus gewinnen. 
Am wenigsten ist noch die Tafel IV Mißdeutungen ausgesetzt, und gerade 
auf diese Tafel kommt es ja in diesem Zusammenhange und in diesem Buche 
an. Vorläufig läßt sich, wie ich schon einmal sagte, die geschichtliche und 
kulturelle Bedeutung der H. noch gar nicht ermessen. Nur eines steht fest: 
ihre Bedeutung ist groß und gewaltig, von welcher Seite man sie auch be- 
trachten mag. 

Fassen wir endlich noch die gewonnene Erkenntnis in einigen Leitsätzen 
zusammen : 
Die Heilsarmee, wie sie heute erscheint, ist eine militärisch organisierte, 
aus der Not moderner Verhältnisse heraus in England entstandene und auf 
den Methodismus sich aufbauende religiössoziale Gemeinschaft von grund- 



sätzlich internationalem, christlich - synkretistischem Charakter, bestimmt 
zur Rettung der geistig und leiblich verwahrlosten Schichten der mensch- 
lichen Gesellschaft. 

Sie ist nicht als Religionsgemeinschaft {gleichwertig mit Protestanten, Ka- 
tholiken usw.), sondern als religiöse Gemeinschaft für soziale Betätigung an- 
zusehen, wie etwa die protestantischen und katholischen caritativen Institu- 
tionen, z. B. die Krankenpflegeorden. 

Als solche hat sie Anspruch auf dieselbe Unterstützung und dasselbe Wohl- 
wollen, wie diese es bei Kommunen und Behörden finden. 

Ja, sie verdient das, sozialpolitisch betrachtet, in besonderem Maße, 1. weil 
schon durch ihren synkretistischen Charakter jede Gewähr geboten ist, daß keine 
parteireligiösen Ziele verfolgt werden, 2. weil sie mit Opfermut und Ausdauer 
sich gerade den am tiefsten Gesunkenen widmet, 3. weil sie auf diesem Ge- 
biete alles überragende Erfolge aufzuweisen hat. 

Damit wären wir am Schlüsse angekommen ; es war ein langer Weg bis zu 
dieser Erkenntnis. Organisation, Religion mid Geschichte der H. habe ich, 
so gut wie es mir nach der vorhandenen Literatur und meiner persönlichen 
Erfahrung möglich war, dargelegt; ich habe die H. einzureihen versucht in 
die großen religiösen Bewegungen unserer Zeit und habe ihre Anfänge zu- 
rückverfolgt bis in das Dunkel englischer Sekten ; ich habe das Lebensbild 
ihrer Gründer gezeichnet, umleuchtet von dem schreckhaften Zwielicht sozia- 
ler Not; ich habe das, was der H. eigentümlich ist, entstehungsgeschichtlich 
und kulturpsychologisch erforscht; ich habe endlich ihre sozialpolitischen 
Theorien kurz umrissen und das ganze, weite Feld ihrer sozialen Tätigkeit 
nach allen Seiten durchkreuzt. So habe ich mein Wort gehalten und dem 
Leser alles an die Hand gegeben, um nun von seinem Standpunkte aus ein 
klares Werturteil über die H. zu gewinnen. Tout comprendre c'est tout par- 
donner, alles verstehen, heißt alles verzeihen. An diesem Sprichwort mag 
man viel herumphilosophieren können und wie bei allen Sprichwörtern den 
Nachweis erbringen, daß es irreführend ist. Aber das stößt die Tatsache nicht 
um, daß es bei der H. den Nagel auf den Kopf trifft. Mehr noch! Bei ihr heißt 
alles verstehen, vieles bewundem. 

Das vaterländische und religiöse Gefühl gehört zum Heiligsten, was der 
Mensch hat. Ich hoffe, daß der Leser die ehrfürchtige Scheu herausgefühlt 
haben wird, womit ich alles, was Nationen und Konfessionen betraf, behau- 



delt habe. Überhaupt habe ich mich jedes Werturteils, wo es nicht gerade 
widerspruchslos feststeht, enthalten und mich streng wissenschaftlich auf 
die Feststellung des Wahren und Tatsächlichen beschränkt. Auch zu natio^ 
nal- und sozialökonomischen Fragen habe ich bis auf eine Ausnahme keine 
Stellung genommen. Diese eine Ausnahme aber mußte ich machen, wenn ich 
überhaupt diese Arbeit schreiben wollte, und so wird mich der feinere Be- 
obachter in der Wertschätzung des Altruismus neben dem Egoismus sowohl 
bei der Methodologie, als noch mehr bei Erklärung des realen Lebens auf 
selten der ,, Historiker" gefunden haben, die seit langem auf dem Gebiete 
der Nationalökonomie einen erbitterten und siegreichen Kampf gegen die 
, .Abstrakten" führen. Doch hoffe ich, daß die Arbeit selbst bei Gegnern 
durch diese Stellungnahme nur gewinnt. Ein Buch ohne Grundanschauung 
wäre wie ein Mensch ohne Rückgrat. Ich halte es mit denen, die lieber den 
Widerspruch herausfordern als den Überdruß. 

Kritisieren ist eine sehr wohlfeile Art der Schrifts teilerei. Ich überlasse es 
meinen Lesern, bei der H. nun damit zu beginnen. Sie werden den Salutisten 
selber nicht viel Neues sagen können, die erklären, ,,sich niemals eingebildet 
zu haben, daß ihre Organisation oder Methode irgend etwas Vollkommenes 
sei." „Nichtsdestoweniger ist das Werk der H.," sagt der jetzige General 
(142, Vorwort), ,,eine großartige Tatsache und ist daran, eine große Macht 
in der Welt zu werden." Wenn ich also über den Wert der H. zu schreiben 
hätte, so würde ich nicht mit der leichten Art des Kritisierens, sondern mit 
der schweren des Anerkennens beginnen, obschon ,,die H. keiner Zeugnisse 
bedarf; ihr Werk ist Zeugnis genug" (Prof. Dr. A. Harnack). 

Die Zivilisation ist von Gefahren umringt, so schwer, wie jene, die sie in 
ihrer ersten Zeit zu bestehen hatte. Damals war sie von der Barbarei außer- 
halb ihrer Wälle bedroht; heute ist sie durch die Unkultur innerhalb ihrer 
Tore gefährdet. Heil allen, die sich dagegen mit Gut und Blut zur Wehr 
setzen, während Millionen sorglos in den Tag hineinleben, ohne zu ahnen, 
wie vulkanisch der Boden ist, auf dem sie gehen und stehen. Der Theologe 
mag ja zögern; der Sozial Wissenschaftler aber hat in diesem Falle nichts zu 
wagen oder zu bedenken, und so lege ich für meinen Teil nieder vor General 
W. Booth, seinem Nachfolger und seinen Offizieren, männlichen und nicht 
zuletzt auch weiblichen, den wohlverdienten Lorbeer der Anerkennung, der 
Ehre und des Ruhmes. 



319 



I. Reisen von General W. Booth im letzten Jahrzehnt vor seinem Todi 



1902 



Holland, 
Schweiz, 
Paris, 
Dover, 
London 



10. — ig. 
Holland 



30. März an 
London 



1904 



1905 



1906 



1907 



I. — 24. in 
Berlin 



6. 
Schwed., 
Norweg., 
Amster- 
dam 

\ 
London 



4. Okt. 
1902 bis 
18. Febr. 
1903 in 40 
Städten 

der 

Union. 

4. Okt. an 

Neuyork 



21. Schweiz 



3. Süd- 
deutschland, 
England 

35. Hamburg 

Stockholm, 

Christiania, 

London 



12. Köln, 13. 

Braunschweig 

14. Berlin, 
16. Stockholm 
Norwegen, 
Dänemark, 
27. London 



10. Zürich 



27. ab 
London 

2. ab Mar- 
seille, 7. an 

Port Said, 

8. an Jaffa, 
10. Jerusalem 
und über Port 

Said nach 
Ceylon und 



Tasmanien, 



Neuseeland, 
Australien 



Amsterdam 



15. Essen, 
Barmen, Ber- 
lin, Königs- 
berg, Elbing, 
Leipzig, 
Hannover 



9. August bis 
16. September 

L 
Kraftwagen- 
feldzug in 
England 



Paris, 
Rotter- 
dam, 
London 



26. Berlin 



16. Juli 

bis 

16. August 

IV. 

landet am Kraft- 

I. August in wagen- 

Dover und feldzug in 

unternimmt |28. August' England 



29. Januar! 
ab nach - 

Hamburg,' 
Kopenh., ; 
Norweg., j 
Schweden 
u. am 15 

n. London 



\'on dort 

nach 

Kanada 

und über 

Seattle 

nach 

Japan 



12. Holland 



I. April 
[Berlin, dann 
16. April in d. SchweizI 
bis 24. Mai und zurück 
Tokio, nach London 
Osai, Osa- 
ka, Kobe, 

Kyoto, 
Okayama 



Zurück 
ü. Seattle, 

Quebec 

nach 

London an 

24. Juni 



2.Dänem., 
Norweg., 
Schwed., 
Finnland, 
Petersbg. 



5. London 



27. Febr. bis 
o. März 

Essen, Düssel- 
dorf, Dortm., 
Bochiim, Biele- 
feld, Hannover, 

Solingen, Bonn,! 

Wiesbad., Hei-, 

delberg, Karls-. 

ruhe 



24. 
Koblenz, 

dann 
Zürich, 
Rom, 
Florenz, 
Neapel, 
Venedig, 
Mailand, 
London 



sofort den 

IL 
Kraftwagen- 
feldzug in 
England, 
10. London 



bis 
24. Sept. 
III. 
Kraft- 
wagen- 
feldzug in 
England 



Rotterdam 



16. — 23. 15.— 29. Köln, 

Berlin, Stettin, Soün«-. Essen 

Kassel, Frank-!^^i''°''-S"i-.! 

f t -Kt I Bremen, Hanj-i 

luri a.Jtt. rnyrg^ Düsseid 



Mülhaasen jq Berlin 

s 

Schweiz, 
London 



13. ab n. 
Kanada u 
der Union 



27. Pitts- 
burg 



18. Berlin, 
20. Lon- 
don 



20. Juni bis 
2o. Juli 
V. 
Kraftwagen- 
feldzug in 
England 



Irland, 
Schott- 
land 



8. ab London 

nach 

Südafrika 

25. Kapstadt 



Si.Londonan 



17. — 26. 
BerUn, Bres- 
lau, Chem- 
nitz, Dresden, 
Leipzig, 
Hamburg 



24. Juli 

VI. 
Kraft- 
wagen- 
feldzug in 
England 



brechen 
am 

16. August 



7. Schweiz 



Schott- 
land 



Reisen in 
England 



Dänem., 
Schwed., 
Norwegen 



21. August 

bis 
14. Sept. 
VII. 
Kraft- 
wagen- 
feldzug in ' 
England 



16. Berlin, 
Dänemark, 
27. Hamburg, 

Potsdam, 
Magdeburg, 
Halle, Cassel, 
Erfurt, Frank- 
furt a. M. 

London 



Stettin, 

Berlin, 

Dänemark 



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III. Zahlonbild über die Entwicklung der mehr geistlichen 
Arbeit der HeilSvirnuv in den verschiedene!! Ländern. 



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PERSONEN- UND SACHVERZEICHNIS 

Heilsarmee-Offiziere sind mit einem * versehen und die Hauptfundorte durch fetten 
Druck der Ziffer hervorgehoben. Man vergleiche auch das Literaturverzeichnis! 

* Bramwell Booth 9, 57, 61, 
70, 97, 162, 295 — 296. 

* Frau Br. B. = Florence 
Soper 16, 61, 79, 162, 207, 
283, 287, 296. 

Charles Booth 175, 236. 

* Eva Booth 63, 67, Ti, 75, 
83, 162, 178, 207. 

(*) Herbert Booth 67, 78, 
162. 

* Maria Booth 162. 

* WilUam Booth 
als Sozialreformer 2. 
seine Vielseitigkeit 3. 
als Schriftsteller 9. 
und John Wesley 15. 
als Gesundheitsreformer 

38. 
Ehrungen 68. 
Reisen 66, 317. 
Tod 69. 
, Wichern und Fliedner 

133- 
und Bodelschwingh 

136—137- 
, Kingsi °y u. Maurice 140. 
Wichetu dnd Vinzenz von 

Paul 142. 
, Carlyle und Ruskin 142, 

233- 
, Fox und Wesley 147, 152. 
Kinderjahre 154. 
Bekehrung 157. 
als Wanderprediger 171. 
beginnt in London 176. 
, Railton u. Booth Tucker 

181, 296. 
Charakteristik 183ii. 
als Optimist 184, 237,256. 

* Frau W. B. = Catherine 
Mumford. 
bei Kolde 6. 
als Schriftstellerin 9. 
als Theologin 3 1 . 
Tod 63. 

Kinderjahre 162. 
und Tierschutz 163. 
Bekehrung 165. 



Abendmahl 51. 
Adiaphofa 43. 
Adjutant 19. 
Dr. Adler 69. 
Affiliation Work 293. 
Aggressives Christentum 

171, 218. 
Alaska 84. 
Maria Alberti 204. 
Jak. Albrecht 150. 
Alexanderpalast 59. 
Alkoholismus in England 

198 ff., 275 ff. 

* Allen 8. 
All night 45. 
Allowance 154. 
All the World 62. 
American Army 72. 
Amerikanismus y^. 
Fort Amity 74, 271. 
Andrae 10. 

* Andrews 16, 88. 

Anerkennungen von Behör- 
den 58, 59, 78, 79, 110, 
116, 300. 

Anglikanismus 138. 
Annihilationstheorie 3^. 
Anthropologie 32. 
,,Antiselbstmordbureau" 

304- 
Arbeit als Sozialfaktor 234. 
Archenholtz 224. 
Herzog von Argyll 273. 
Aristoteles i. 
Fall Armstrong 62. 
Ashley 139, 167, 209. 

* Aspinall 260. 
Auer IG, 96. 
Aufklärungszeit 131. 
Augustinerorden 125. 
Aussätzigenfürsorge 116. 
Austritt aus der H. 24. 
Auswanderung 272. 
Autokratie 56, 211. 
Auxiliary League 27. 

Babu Keshub Shunder Sen 



Bairstow 217. 
Baltimore 148. 
Bank der H. 28 — 29. 
Baptismus 145. 
Baracke 26. 

* Barker 77, 305. 
Barnardo 236. 
Barnett 142. 

BarmherzigeSchwestern 1 27 
Julia von Barolo 125. 
Barth 134. 

* Bätes 8. 

* Becquet 91. 

Begbie 10, 84, 176, 273. 
Begräbnis 53. 
Bekehrung 32. 
Belgien 82. 

* Bell 17, 193. 
Benediktinerorden 125. 
Bentham 140, 153. 
Bergunion 127. 
Bermuda 83. 

Prinz Bernadotte 99. 
Berthold von Regensburg 

177. 
Bervanger 127. 
Bilanz 28. 

Bill, der Verbrecher 17. 
Billups 97, 178. 
Björnson 1 1. 
Mrs. Bird 16. 
Bismarck 15, 203, 235. 
Blackfriars 259. 
Blechbüchsenfabrik 264. 
Blumenthal 208. 
Blumhardt 38. 
Bob, der Verbrecher 17. 

* Bobzin 109, 193. 
Bodelschwingh 136, 204. 
Böhler 149. 

Böhmert 140. 

* Boillat 91. 
Bonifatiusverein 129. 

(*) BaUington Booth 67, 72, 

77) 162. 
(*) Frau Ball. B. = Maud 

Charlesworth 16, 80, 98, 

193. 



324 



*Frau W. B. 

Kränklichkeit 164, 165, 

166. 
und Frauenfrage 169, 207. 
und Alkoholfrage 169, 

275- 

(*) Korn. Booth-aibborn67, 
80 — 81, 90, 113, 162, 164, 
193, 227. 

(*) Frau B.-Clibborn = Ca- 
therine B. 162, 207. 

* Korn. Booth-Hellberg 67, 

81, 96, 9S. 

* Frau B. -Hellberg == Lucy 
B. 162, 178, 207. 

* Kom. Booth-Tucker 9, 67, 
74, 85, 162, 269, 296. 

* Frau B. Tucker == Emma 

B. 74, 162, 164, 207. 
Boothismus 23. 
Borromäusverein 129. 
Boxted Small Holdings 270. 
Brahma Samadsch 86. 
Breitkirchliche Richtung 

144. 

* Brengle 8, 223. 
Brigadier 19. 
Bright 157. 
Brown 145. 
Brückner 7. 
Brückner 137. 
Brüdergemeinde 149. 
Bucher 185. 
Budget 27. 
Bürger 132. 

Busch 132. 

* Bullard 118. 
Bum-Bum-Religion 104. 
Bußbank 41, 50. 

Butler 61, 91, 93, 196, 209. 

C siehe auch K. 

* Kom. Cadman 17 — 18, 23, 

56. 
Cahensly 180. 
Caritas und Humanität 132. 

Sozialpolitik 2. 

Caritasverband 131. 

* Carlson 99. 

Carlyle i, 56, 138, 139—140, 
154, 167, 204, 214, 222, 
233, 235. 



Castagna 75. 

Caughey 158. 

Ceylon 84. 

Chalmers 145, 206. 

Chamberlain 167, 203, 236. 

Chartismus 139, 156. 

Chefsekretär 23. 

Chiliasmus 33. 

China 75, 120. 

Christian Endeavor 203. 

Christian Mission 55, 179. 

Christologie 32. 

Church Army 60, 215. 

Churchill 203, 299. 

Clark 203. 

*Clarke 79, 95. 

Coates IG. 

Cobden 157. 

Cockburn 273. 

Bischof Coke 150. 

Colze 10, 192. 

Comte 139. 

O'Connel 159. 

O'Connor 156. 

Dr. Cooke 170. 

* James Cooke 114. 

* Kom. Coombs 67, 79, 83. 
Cooper 156. 

Corbridge 217. 
Cory 62. 

* Kom. Cosandey 80, 115. 
Cottolengo 125. 

High Council 22. 
Covenants 52. 

* Kom. A. Cox 16, 79, 207. 

* B. Cox 16. 

Criminal Law Amendment 

Act 62. 
Cronemeyer 136. 
Cromwell 163, 204. 

Dänemark 100. 
Danksagungsbüchse 27. 
Dames du Calvaire 127. 
Darby 79, 146. 
Darkest England 10, 64, 

233- 
Darwinismus 42. 
Daudet 11, 80. 
Deakin 273. 
Dehmel 1 1. 
Deismus 203. 



Dennison 142. 
Denny 79. 

Deutschland 75, 105. 
Dienstbotenfrage 39. 
Direktor 19. 
Disraeli 68, 154. 
Dissenters 145. 
Division 23. 
DöUinger 129. 
Dogmatik der H. 3 1 ff. 

* E. Douglas 8, 20. 
J. Douglas 152. 

* Kom. Dowdle 57, 180. 
Dowie 38, 113. 

Droste Vischering 127, 204. 
Druckerei 8. 
Dühren 223 — 224. 

* Dürr 76. 

* Duff 8, 16, 207. 

* Kom. Eadie 105. 
Eddy 38, 113. 
Eduard VH. 68. 
Egidy 205. 

Ehe und Ehelosigkeit 39. 

Ekklesiologie 33. 

Elberfelder System 145, 222. 

Elevator 264. 

Königin Elisabeth 153. 

Elisabethenverein 128. 

Engels I, 167. 

England 58. 

Ensign 19. 

Entlassungsverfahren 24. 

Entstehung der H. 55. 

Eppinger 130. 

Erfolge der H. Sozialarbeit 
26s, 279, 286, 293, 294, 
302—303, 305, 309. 

* Eriksen loi. 
Erntedankfest 27, 51. 
Eschatologie 33. 

* Kom. Estin 75. 
Eucken 204. 
Eudämonismus 131. 

,, Extravaganzen" 45. 

Falk 132, 133. 

Farmkolonie 243 ff., 266 ff. 

Farrar 66. 

Fassbender 10, 128, 203,215. 

Fehr 7, 11. 

Feldoffizier 19, 23 ff. 



325 



Fenelon 164. 
Feste der H. 50. 
Fichte 204, 235. 
Finanzwesen 26 — 27. 
Finland 102. 
Fletcher 207. 
Fliedner 133 — 134, 209. 
Florentini 126. 
Foerster 3, 10. 

* Fornachon 81, 96. 
Fox 147. 
Francke 131. 
Frankreich 79, 125. 
Frauenfrage 206 ff. 
Free and Easy 45. 

* French 113. 
Friederichs 10, 17. 

* Friedrich 84. 
Friedrich VIII. 100. 
Friedrich Wilhelm III. 205. 
IV. 134. 

Fry 134, 148, 205, 207, 209. 

Fuchs II. 

Fulton 225. 

Funcke 7, iio, 199,210,217, 

220, 226, 228. 
Fysh 273. 

*Galt 16. 

Gasparin 7, 11, 92. 

Gassenhauer 226. 

Gebet 39. 

Gebets- und Hilfsbund 27. 

Gefangenenfürsorge 298. 

Gehalt der Offiziere 20. 

Gelübde 52. 

General 22. 

,, Generalin" 170. 

Lloyd George 185. 

Gerhard 6, 34. 

Gesellschaften für ethische 

Kultur 203. 
Gesundbeter 113. 
Giffen 236. 

Gladstone 68, 199, 203. 
Glaubensquellen 32. 
,,Glaube-nur-Theorie" 32. 
Gnauck-Kühne 137. 
Goede 223, 224. 
Goethe 132, 139, 185. 

* Gore 76. 
Gossner 134. 



Gothenburger System 99. 
G. J. Govaars 9, iii, 116. 
Gustav V. 42, 99. 
de la Guyon 164, 207. 
Grecian Theatre 45, 58. 
Grey 273. 

Grundstücksgesellschaft 22. 
Gründungsakte 22, 66. 

Haartmann 16, 207. 

Hadleigh 266. 

Härter 134. 

Haggard 7, 17, 271, 280. 

Half-night 45. 

„Halle" 26. 

Hanbury Street 64, 264. 

Handelsabteilung 29. 

Haokon VII. 102. 

* Happy Eliza 208. 
Harnack 214, 319. 

* Bessie Harries 83. 
Harvest Thanksgiving 51. 
Hauptquartier 20, 23. 

* Kom. Hay 79. 
Hebammendienst 293. 
Hegel 204. 
Heichert 263. 
Heidenmission 83, 85 ff., 

102, 104, 115. 
Heiligungslehre 32, 172. 
Heilsarmee 

und Theologie 2, 7. 

Sozialer Charakter 5, 7, 
35, 180, 188. 

— Zeitschriften 8 ff. 

— Jahrbuch 9. 

und Sozialismus 11, 42, 

109. 
und Methodismus 31, 152, 

161. 
und Konfession 31, 40, 

234- 
und Bibel 32. 
und Alkoholfrage 35 — 36, 

163, 169, 275, 
und Katholizismus 41,81, 

287. 
und Judentum 41, 69. 
und Kunst 43. 
und Wissenschaft 43. 
Entstehung 55. 
Namengebung 56. 



Heilsarmee 

Verfolgungen 89, 107. 

Religiöser Charakter 188. 

und Musik 222 ff., 299. 

und Gesang 225 ff. 

und Predigt 228 ff. 

und Gewerkschaften 264. 

Zukunft 3i3ff. 

und Urchristentum 314. 

Wesen 317. 

Soziale Bedeutung 318. 
Heinicke 132. 
Heirat 52. 
Heiding 204. 
,,Miss Helyett" 11. 
Hensel 130. 

Fort Herrik 74, 271, 280. 
Herring 69, 270. 
Hilty IG, 96, 97, 185, 208, 

314- 
Hochkirchliche Richtung 

144. 
Hochzeit 52. 

* Kom. Hodder 82, 113,120. 
Hoffmann 1 1 . 

* Hoggard 120. 
Holitscher 201. 
Holland in. 
Hollosond 142. 

* Holz 76. 
How 22. 

* Kom. Howard 8, 23, 77, 
78, 296. 

John Howard 132. 
Hüttner 223. 
Hughes 139 — 140. 
Humanität 131. 
Humbert 96. 
Huntingdon 150. 
Huxley 11, 65, 215. 
Hygiene 38. 

* Jaeger 76. 
Jahrbuch 9. 
Jamaika 1 14. 
Japan 117. 

* Jarret 61. 
Java 116. 

* Jeanmonod 97. 
Jesuitismus 36 — 38. 
Independenten 145. 
Indianermission 83. 



326 



Indien 84. 
Indoor-meeting 44. 
Industrial Schools Act 296. 
Inspiration 32. 
Intemationalität 42. 

* Johns 80. 
Jugendfürsorge 295 ff. 
Juniorarbeit 19. 

* Junker 108, 1 17. 
Irland 58, 125. 
Irving 146. 
Island loi. 
Italien 75, 125. 

K siehe auch C. 
Kadett ig. 
Kalb 7. 

Kant 204, 235. 
Kapf 134. 
Kapitän 19. 
Kappstein 26. 
Katholikentag 130. 
Katholizismus 124. 
Katholizität der H. 55. 
Kartäuser 125. 
Kasper 130. 
Kaufmann 143. 
Keer 86. 
Kensit 215. 

* Kemp 71. 
Bischof Ketteier 131. 
Kiessling 133. 

* Kom. Kilbey 105. 
Kinderdarstellung 52. 
Kindererziehung 39. 
Kingsley 138, 140, 204. 
Kipling 273. 

* Kitching 51. 
Klarissen 125. 

Kleine Armenschwestern 

126. 
Knee-Drill 45. 
Kneipp 38. 
Knox 145. 
Knudsen loi. 
Bischof Koch loi. 
Kolde 5 ff., 26, 37, 55, 85, 

194, 200, 207, 213. 
(*) Kohler 278. 
Kolping 129. 
Kolonisation 235. 
Kolumbien 83. 



Konfessionslosigkeit der H. 

31, 40, 234. 

Kongregationalisten 145, 
169. 

Kommandeur 19, 23. 

Konsulin 79. 

Korea 120. 

Korps 19, 24. 

Korybantisches Christen- 
tum 215. 

Krankenfürsorge 298. 

Kriegsgericht 23. 

Kriegsruf 9, 58. 

Lacordaire 184. 

* Kom. Lamb 272. 
Lappländer 102. 
Laserre 201. 
Laurier 273. 
Lazaristen 127. 
Leclerc 131. 
Lebensversicherung 30. 
Leibniz 204. 

Leo XIII. 131. 

* Lady St. Leonard 16. 
Lessing 132. 

Letzte Ölung 52. 
Leutnant 19, 24. 
Liese 10. 
Liga der H. 266. 
Ligue du droit 7. 
Limehouse 63. 
Liturgik 44—55- 
Loch 65. 
Locke 204. 
Lohe 134, 204. 
Lokaloffizier 19, 24. 
Lovett 156. 
Lowder 141, 214. 
Ludlow 139. 
Lüring 107. 

* Luppens 112. 
Luther 39, 225. 

* Kom. MacAlonan 67, 96, 
98, 110, 191, 206, 277,296. 

* Macdonald 16. 
Maeterlinck 3. 
Magdalenenheime 285. 
Majetti 97. 

Major 19. 
Maignen 127. 



* Malan 96. 
Mallinckrodt 130. 
Malthus 153. 
Malvery 10, 288. 
Manson 1 1 . 

Kardinal Manning 2. 61, 65, 
144, 194. 

* Mapp 115. 
Marienverehrung 34. 
Marschallin 79. 
Marsden 157. 
Marsh 207. 

Marx I. 

Mathew 125, 214. 
Maurice 139 — 140, 142, 204. 
Prinz Max von Sachsen 51. 

* Maxwell 88. 
McBride 273. 
McKenzie 273. 

* Kom. McKie 79, 98, 106, 

107. 

* Meidinger 109. 

* Mellema 112. 
Mercy-Seat 50. 
Merkert 130. 
Methodismus 148. 
Methodus dir. intentionis37. 
Michaelis 275. 
Militarismus 211. 

Mill 209, 233, 235. 
Miller 146. 
Milton 204. 
Mitternachtsvers. 283. 
Monita secreta 92. 
Monnier 94. 
Monroedoktrin 7^. 
(*) Moore 71. 

Lordbischof Moorhouse 15. 
,, Morgenstern" 179. 
Morley 178, 236. 
Mormonen 146. 

* Dr. med. Mumford 16, 88. 

* Murray 16, 103, 207. 
Musiker 19. 
Musikinstrumentenfabrik 

29. 

Nachforschungsämter 304. 
Napoleon I. 124, 164. 
Nast 1 50. 
Nathan 97. 
Nationaler Aufruf 27. 



327 



Naumann 192. 
Neale 139 — 140. 
Neitzke 11. 

Neuer Meth. Bund 150, 170. 
Neuropathie 21, 263, 285. 
Neuseeland 78. 
Kardinal Neumann 144. 
Niederkirchliche Richtung 

144. 
Nielsen 256. 
„Niemals" 172. 
Nietzsche 3, 11, 194, 217, 

222, 263. 
Nightingale 205, 209. 

* van Norden 16. 
Norwegen loi. 

* Nurani 207. 

Oberlin 31, 132, 204. 
Oberst 19. 
Obst II. 

* Kom. Oegrim 98. 
Offiziere 

Herkunft 3. 

Einteilung und Rang 19. 

Gehalt 20. 

* Ogilvie-Grant 16. 
Okuma 120, 186. 

* Kom. Oliphant 7, 8, 42,43, 
96, 98, 109, 113, 207. 

* Onslow 16. 
Open-air-meeting 44. 
Otterbein 1 50. 

* Ouchterlony 97, loi, 207. 

* Ouchtomsky 16. 
Out of Love Fund 287. 
Overberg 204. 

* Ovesen 10 1. 
Owen 140, 222, 235. 
Oyama 120. 
Ozanam 127. 

Page 10. 

Fall Mall Gazette 61. 

* Palstra 112. 
Palmer 172. 
Panama 1 14. 
Parker 66. 

* Patrik 94. 
Patriotismus 42. 
Patronengeld 26. 
St. Paulus 177. 



Pazifizismus 43. 
Pelletier 125. 
Penitent-Form 50. 
Penn 148. 
Pennebrüdergottesdienst 

260. 
Pennefather 205. 
Pensionsfonds 30. 
Percy 223. 
Perthes 136, 204. 
J. Pestalozzi 7, 11, 31, 194. 
Peters 10, 210. 
Pfeil 133- 
Pflichtbegriff 35. 
Phrenesie 21. 
Pietismus 131, 149. 
Pius X. 131. 
Piusverein 129. 
Plymouthbrüder 146. 
Pneumatologie 32. 
Polenz 193. 
Popert 1 1 . 

Practical Religion 34. 
Prevost 131. 
Probabihsmus 36. 
Proselyten 41, 234. 
Prostituiertenfürsorge 60, 

118, 196 ff., 281 ff. 
Protestantismus 131. 
Provinz 23. 
Puritaner 145. 
Puseyismus 139, 141. 

Quäker 147 — 148. 

Raabe 11. 
Rabbits 168. 

* Kom. Railton 8, 9, 10, 20, 
26, 56, 71, 81, 105, 106, 
108, 120, 181, 221, 296. 

Ranger 70. 
Rangliste 19. 
Raphaelsverein 130. 
Rapport 24, 27. 
Ratzinger 210. 
Rautenberg 132. 
Rechnungsprüfung 28. 
von der Recke 132, 133. 
von Redern 10. 
Reed 178, 186. 

* Kom. Rees 67, 83, 98. 
Reformer 150, 166, 168. 



Regeln und Verordnungen 
vom Jahre 1878 92, 213. 

* Rehkugel 76. 
Reichensperger 129. 

* Reid 88. 
Reinhardt 205. 
Rekrutierungswesen 24. 
Reliance Bank Ltd. 28. 
Religionsbegriff 34—35- 
Reservatio mentalis 37. 
Restaurationszeit 124. 
Rettungsboot loi. 
Ricardo 153. 

* Kom. Richards 67, 78. 

* Kom. Ridsdel 113. 
Ritschi 204. 
Rhodes 267. 
Rodbertus 211. 
Rollier 2, 10, 94. 
Fort Romie 74, 271. 
Roosevelt i, 186, 227, 272. 
Röscher 191. 
Rosenberg 223. 

* van Rossum 112, 116. 
Rothschild 41. 

* Rothstein 109, 193. 
Rousseau 204, 235. 

* Roussel 90. 
Abbe Roussel 129. 
Ruchonnet 96. 
Ruheheime 30. 
Rumford 235. 

Ruskin 2, 1 39, 142, 167, 233, 

235- 
Rüssel 156. 
Rutari 10. 



Sakramente 5 1 . 
Salesianer 126. 
Salis-Sewis 184. 
Salutistinnen 207. 
Salvation 33. 

* ,, Salvation Smith" 51. 
Sandwich 48. 

Sapini 126. 
Sarsay 1 1 . 
Savonarola 43. 

* Sounders y/. 

(*) Schaaff 75, 100, 105 ff. 
Schamanismus 21. 
Scharnhorst 212. 



328 



* Schaff er 112. 
Schervier 130. 
Schiller 31, 132, 184. 
Schindler 6, 10, 26, 84, 123. 

* Schoch 16, 82, 111, 162. 
Schopenhauer 204. 
Schottland 58, 144. 
Schmidtz-Hoffmann 10. 
Schulbrüder 125. 
Schultz 10. 

Schulze-Gävernitz 175. 
Schramm 7, 138, 226. 
Schreinerei 264. 
Schweden 97. 

Schweiz 89. 

* Seafield 16. 
Seeberg 31. 

Selbstmörderfürsorge 304 ff. 
Selbstverleugnungswoche 

27, 51- 
Sergeant 24. 
Serviten 125. 
Shakespeare 224. 
Shaw II, 227, 263, 
Sheffield 59. 

* Shepherd 207. 
*Shirley 70. 
Sieveking 134. 
Fakir Singh 86. 
Skandinavien 75. 
Skelettarmee 59. 

* Sladen 16. 
Slumfieber 141, 142. 
Slumwerk 247, 288 ff. 
Adam Smith 139, 153, 

* J. A. Smith 104. 

* Chinee Smith 208. 

(*) Frank Smith 71 — 72. 

Jos. Smith jun. 146. 

Pearsall Smith 151. 

Soeurs de Notre Dame, de 
St. Elisabeth, du Bon 
Pasteur 125; des Pauvres 
126. 

Soldateneinreihung 52. 

Dr. Sonnenschein 130. 

Königin Sophie 99. 

Soteriologie 32. 

Soup and Salvation 194. 

* Sowton 67. 
Sozialarbeit 21, 64, 

256—316. 



Soziale Lage von 

England 158 ff. 

Nottingham 160 ff. 

London 173 ff. 
Sozialschule 26. 
Spa Road 264. 
Spener 131. 
Spangenberg 149. 
Spinoza 5, 204. 
Spittler 133. 
Spurgeon 145. 
Stigmatinnen 126. 
Südafrika 103. 
Südamerika 115. 
Superintendent 268. 

* Sutherland jj. 

* Swift 16, 62. 
Swoboda 35. 
Synkretismus 31, 201 ff. 
Szientisten 113 — 114. 
Stabschef 19, 23. 
Stabskapitän 19. 
Stabsschule 26. 
Stadtkolonie 240 ff., 257 ff. 
Stahlberg 205. 

Stanley 236. 

Stead 10, 57, 186, 207, 236, 

298. 
Steffens 10, 11. 
Steinkopf 132. 
Stephonson 156. 
Stevens y6. 

* Stirling 95. 
Stoecker 137, 215. 

* Stoker 276. 
Straßenpredigt 229. 

* Koni. Sturgess 193, 259. 

Tabakgenuß 35 — 36. 
Erzbischof Tait 2. 
Taufe 51, 87. 

Taubstummenfürsorge 99. 
Tavel-Haartmann 16, 102, 

207. 
Tersteegen 34. 
TertuUian 97. 
Testimonies 48. 
♦Thorkildsen 83 — 84, 
Thursday-Perlenfischer 78. 
Tille 65. 
Theologie der H. 32. 

* Thomas 11 c. 



Thomas von Kempen 34, 
205. 

* Tonning loi, 207. 
Töchter Mariae 126. 
Tolstoj 3, 186, 200, 306. 
Tomioka 10. 
Torquay 63. 
Toynbee 142, 205. 
Trappisten 125. 

* Treite 107. 
Treubank 28. 
Trinkerfürsorge 248, 275ii. 

* Turner 16, 88. 
Twain 1 1. 

* Tyler iii, 113. 

Uniform 19, 212. 
Union 70. 

„Universität der Mensch- 
lichkeit" 25. 

* Unsworth 68, 305, 309. 
Urlsperger 132. 

Vandeleur 236. 

* De Vas 112. 
Vater Unser 39. 
Vaughan 144. 
Bekehrte Verbrecher 17, 

302. 
Verlobung 23. 
Versammlungen 44, 46 ff., 

260, 283. 
Viebig 1 1 . 

* Vinot 91. 

* Vint 97. 
Vinzentinerinnen ; Vinzenz 

von Paul; Vinzenzverein 

127. 
Voght 132. 
Volksverein 130. 

* Volten 112. 
Volunteers of America y^. 

Waisenhäuser 295. 
Wappen 19. 
War cry 8, 58. 

* Wass 82. 
Watch-night 45. 
Weber, M. -Gladbach 137. 
C. M. Weber 223. 
Wedekind 187. 
Welhngton 68, 1 56. 



329 



Werthmann 131. 
Charles Wesley 149, 150. 
John Wesley 15, 32, 

149—152, 163, 164, 225. 
Westindien 114. 
White 10. 
WTiitefield 149. 
Whiteman 207. 
Whitney 273. 

Wichern 132, 134 — 136,204. 
Königin Wilhelmine 112. 

* Wille 16, 116. 

* Wilson 16. 
Windthorst 130. 



* Wirasuriya 87, 117. 
Wochenpflege 293. 
Wolseley 57, 243, 252. 

* Wolters 112. 
Wolzogen 195. 

* Wright 78, 117. 

* Wynhold 113. 

* Yamamuro 117. 
Yoschiwara 118. 

Young People's Legion 295. 

Zehnt 26 — 27. 
Das versunkene Zehntel 175, 
195- 



Zeitungslektüre 43. 
Zeller 132, 204. 
Zeugnisse 48, 228. 
Ziel 27. 
Zimmer 134. 

Zimmermann 10, 151, 193. 
Zinzendorf 149. 
Zionisten 113. 
Zisterzienser 125. 
Zitadelle 26. 
* Zitzer 91. 
Zöckler 7, 35. 
Zündhölzerfabrik 264. 
Zwickau 28. 



DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG 



EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA 

SCHRIFTEN ZUR 
SOZIOLOGIE DER KULTUR 

HERAUSGEGEBEN VON 

ALFRED WEBER / HEIDELBERG 

Die heutigen Kulturinteressen gehen nach zwei Seiten ; neben dem Drang, 
innerhch aus neuen Tiefen aufzubauen, steht das Gefühl, daß alles 
Innere vom äußeren Leben mitbestimmt wird, in äußeren Formen wächst 
und äußeren Ausdruck sucht. Wir fühlen das Äußere als die Summe der 
Bedingungen und als den Komplex der Folgen unseres seelisch-kulturellen 
Seins. Daher zu allen religiösen, philosophischen und psychologischen Inter- 
essen das starke dauernde Interesse für soziale Gestaltungen und Fragen. 

Wir haben nun eine glänzende theoretische Soziologie, auch eine wachsende 
Literatur über die Massenerscheinungen und allgemeinen Gesetzmäßigkeiten 
des sozialen Lebens; auf der anderen Seite ausgedehnte literarische Mittel 
für das Hinabsteigen in uns selbst, die Vertiefung unserer geistigen An- 
schauungen und Interessen. Wir haben aber bisher keine Möglichkeit, 
diese geistigen Strömungen mit den realen Lebensvorgängen, die sie mit 
bedingen, zu verbinden, sie in die konkreten Erscheinungen hineinzustellen, 
aus denen sie herauswachsen und auf die sie wieder formend und ge- 
staltend wirken sollen. 

Wie hängen soziale Formen und Kultur, Daseinsgestaltung und Kultur- 
gestaltung, vitaler Inhalt und Kulturtendenz zusammen? Wie bauen sich 
auf den Lebensformen die Gehäuse und Medien auf, in denen sich das 
Geistige auswirkt? Welche Schichten tragen die verschiedenen geistigen 
Tendenzen, und mit welchem Lebenseingestelltsein hängt dies dann zu- 
sammen? Was ist die Kulturbedeutung dieser oder jener Lösung, Bindung, 
inneren oder äußeren Gestaltung der großen lebentragenden Kräfte? 

Es soll versucht werden, zu diesen Fragen, zu den Problemen der Sozio- 
logie der Kultur also, hier irgendwelche beinahe zufällige empirische Bei- 
träge zu liefern. Es handelt sich um Monographien, die diese oder jene 
sichtbare und faßbare Seite der angedeuteten Zusammenhänge heraus- 
greifen und beleuchten, unsystematisch, da immer dort zugegriffen wird, 
wo irgendein Zusammenhang wirklich faßbar erscheint. Es ist daher nicht 
möglich, einen eigentlichen Publikationsplan zu entwickeln; doch wird 
naturgemäß im wesentlichen an drei Tatsachenkomplexe anzuknüpfen sein : 



1. DIE KULTURORGANISATION, d. h. der Aufbau und das Wesen 
der äußeren Formationen, in denen sich Kulturbewegung abspielt. 

2. DIE KULTURINTERESSEN UND KULTURPRODUKTIVITÄT 
DER SOZIALEN SCHICHTEN, d.h. die verschiedene wirklich leben- 
dige Geistigkeit der verschiedenen Bevölkerungsteile. 

3. DIE LEBENSSTRÖMUNGEN, d. h. die Tendenzen in Wirtschaft, 
Technik, Politik, religiöser Organisation usw., die unmittelbar faß- 
bare Kulturbedeutung haben. 

Überall sind Urteile und Stellungnahme uneingeschränkt die Sache der 
Verfasser, während der Herausgeber die Verantwortung übernimmt für die 
prinzipielle Art der Fragestellung, die Methode der Durchführung und die 
Wahl der Themen. 

Es stehen Arbeiten in Aussicht u. a. über: Die moderne Theater- 
krise. Die bildende Kunst in einer modernen Industriestadt. Das 
Feuilleton der großen Presse. Die Soziologie des Witzblattes. Die 
Arbeiterintellektuellen einer deutschen Industriestadt. Die soziale 
Herkunft der geistigen Führer. Das Streikrecht der Beamten tisw. 

Zuerst erscheint: 

Bd.I: HANS STAUDINGER, INDIVIDUUM UND GE- 
MEINSCHAFT IN DER KULTURORGANISATION DES 
VEREINS. Br. M 3.50; geb. M 4.50 

INHALT: 7. Formen und Schichten, dargestellt am Werdegang der musikalisch-geselligen 
Organisation: Mittelalterliche Bildungen — Reformatorische Neubildungen — Die 
neuen Kulturbeziehungen — Die ,, Gesellschaft" der rationalen Zeit — Die roman- 
tische Zeit — Die Kultur der Persönlichkeit — Die musikalisch-geselhgen Organi- 
sationen unserer Zeit. — II. Schichten und Welten heutiger Zeit: Die bürgerliche 
Welt — Die Arbeiter-Welt — Individuum und Gemeinschaft. 

Bd. II: P. A. GLASEN, DER SALUTISMUS. Eine sozialwissen- 
schaflliche Monographie über General Booth und seine Heils- 
armee. Br. M 4.50; geb. M 5.50 

AUS DEM INHALT: Organisation, Religion und Geschichte der Heilsarmee — 
Sozialreligiöse Vorbedingungen — Der Lebensgang von William Booth und seiner Frau 
und die Eigentümhchkeiten ihres Lebenswerkes — Die grundlegenden Gedanken der 
sozialen Betätigung der Heilsarmee: Sozialplan. Reformvorschläge. Stadtkolonie. 
Farmkolonie. Uberseekolonie. Aggressive Tätigkeit. Präventive Tätigkeit. 

Bd. III: EMILIE ALTENLOH, ZUR SOZIOLOGIE DER 
KINOS. 

AUS DEM INHALT: Die Entwicklung — Die wirtschaftliche Organisation — Das 
Produkt — Der gesetzliche Rahmen — Der Kino und die sonstigen Unterhaltungs- 
möglichkeiten — Das Publikum und der Kino. 



EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA 

POLITISCHE BIBLIOTHEK 

Aus einem Briefe von Hermann Bahr: 

Es ist ein durchaus unerträglicher und uns vor allen anderen Nationen 
beschämender Zustand, daß sich die deutschen „Intellektuellen" für poli- 
tische Fragen, die Fragen also, die über unsere ganze geistige Zukunft 
entscheiden, zu gut dünken. In allen großen Zeiten der Nation sind unsere 
Denker und Dichter stets in allen politischen Diskussionen gestanden: 
Kant, Fichte, Schelling, Schleiermacher und Hegel so gut wie Goethe, 
Schiller und die ganze Romantik, von den Grimms, Uhland, dem jungen 
Deutschland und gar Richard Wagner zu schweigen. Viele Zeichen geben 
mir auch den Mut, vorauszusagen, daß unsere Literatur unmittelbar vor 
einer Wendung zum Politischen steht. Alle Lebensfragen unserer geistigen, 
sittlichen und wirtschaftlichen Existenz zu ignorieren, wird nicht länger 
für vornehm und gebildet gelten. In solchen Augenblicken kommt Ihr 
Unternehmen gerade recht. Sie haben schon durch die vortreffliche Samm- 
lung Ihrer ,, Erzieher zu deutscher Bildung", ebenso durch Ihre klug aus- 
gewählten Schriften zur religiösen Kultur eine stille, sozusagen unterirdische, 
doch längst überall in unserem Geistesleben vernehmliche Wirkung ge- 
zeitigt. Ganz folgerichtig schließt sich nun Ihr neues Unternehmen an, es 
gibt heute einen europäischen Geheimbund von Männern, die einer den andern 
nicht kennen, einer vom andern nichts wissen, jeder den Namen einer 
andern Partei führen, aber dies eine miteinander gemein haben, daß sie 
bereit sind, endlich mit den Wirklichkeiten ihrer Nation ernst zu machen. 



Jeder Band: 

Pappbd. 

Ms— 

Lwd. 

M4.— 



Bisher sind erschienen: 

Gustaf F. Steffen, Die Demokratie in England 

H. G. Wells, Die Zukunft in Amerika 

Lloyd George, Bessere Zeiten 

Graham Wallas, Politik und menschliche Natur 

Gustaf F. Steffen, Der Weg zu sozialer Erkenntnis 

J. Ramsay MacDonald, Sozialismus und Regierung 

Heinz Potthoff, Probleme des Arbeitsrechtes. Rechtspolitische Be- 
trachtungen eines Volkswirtes. Pappbd. M4. — , Lwd. geb. M5. — 

David Koigen, Die Kultur der Demokratie. Vom Geiste des volks- 

tüml. Humanismus und vom Geiste der Zeit. Pappb. M5. — , Lwd. M6. — 

Gustaf F. Steffen, Die Irrwege sozialer Erkenntnis. Pappbd. M 5.—, 
Lwd. M 6.— 

Franz Staudinger, Die Kulturaufgaben der Politik. 2 Bände. In 

Pappbd. ca. ä M4. — , Lwd. geb. ca. ä M 5. — 

Man verlange einen Sonderprospekt 



EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA 



ALFRED WEBER, RELIGION UND KULTUR. M -.80 

Die Christliche Welt: Dieser Broschüre kann man die Bedeutung eines historischen 
Dokuments zusprechen; sie erscheint, in den Grundgedanken wenigstens, kaum noch 
als Meinungsäußerung eines Individuums, so sehr ist der Verfasser Repräsentant 
einer Generation, so sehr steht er im Zentrum der Kämpfe, die wir alle kämpfen, 
so sehr ist seine Seele eins mit der seines Volkes und seiner Zeit. Er hat einer ge- 
meinsamen Not Worte geliehen. 

THOMAS G. M AS ARY K, RUSSLAND UND EUROPA. Sozio- 
logische Skizzen zur russischen Geschichts- und Religionsphilo- 
sophie. 2 Bände, br. M 24.—; geb. M 28.— 

Maximilian Harden in der ,, Zukunft": Es handelt sich hier um wichtige 
Dinge, um solche, deren Kenntnis für die Beurteilung des unserem Erdteil nahenden 
Schicksals unentbehrüch ist. Der Verfasser, Professor Masaryk, der im Wiener Reichs- 
rat und in Böhmen, als Vertreter der ,, Rechtspartei", die einen alle gerechten 
Wünsche beider Nationen erfüllenden deutsch -tschechischen Frieden zu erwirken 
trachtet, eine nicht durch die Kopfzahl seines Heeres, sondern durch die geachtete 
Intelligenz des Führers starke strategische Stellung hat, spricht in diesem Buch 
auch über Gegenstände, die wir allzuoft nur aus deutschen Augen sehen, nur von 
Deutschen erörtert hören : über die orthodoxe Theokratie und den besonderen Messianis- 
mus des Russentums, über die völkischen und seelischen Ursprünge der slawophilen 
Bewegung und deren Wandlung in den Panslawismus, der heute fast alle Slawen- 
hirne als herrschende Vorstellung bestimmt. Ihn nun von einem Slawen, der nicht 
nur Wissenschaft, sondern auch den Willen zu Gerechtigkeit hat, dargestellt zu 
sehen, wird gewiß lehrreich sein. 

ROBERT WILBRANDT, ALS NATIONALÖKONOM UM 
DIE WELT. In Pappbd. M 2.— 

C. Jentsch in der ,,Zeit": Die anschaulichen Bilder der wichtigsten und in ihrem 
Wesenskern erfaßten Erscheinungen des nordamerikanischen, japanischen und chinesi- 
schen Wirtschaftslebens in Wilbrandts Bericht an sich vorüberziehen zu sehen, ist 
ein Genuß, und die daran geknüpften erläuternden Betrachtungen machen uns die 
Bedeutung, die die Vorgänge dieses ^Virtschaftslebens für die gesamte Menschheit, 
insbesondere auch für uns haben, erst vollkommen klar. 

SIDNEY UND BEATRICE WEBB, DAS PROBLExM DER 
ARMUT. Br. M 6.— Lwd. geb. M 7.20. 

Das Buch des bewährten Ehepaares ist ein Muster jener Denk- und Arbeitsweise, 
die die Fabians in England leisten ; ist es doch eine der wissenschaftlichen Grund- 
lagen zur sozialen Reformtätigkeit Lloyd Georges. Nicht eine Reform der Armen- 
gesetzgebung erstrebt es, sondern eine Revolution, d.h. vöUige Aufhebung der 
Armengesetzgebung und Ersatz der Funktionen der Armenbehörde durch andere 
staatliche Organe. ,,Die Forderungen sind so gewaltig," urteilt die ,, Zeitschrift 
für das Armenwesen", ,,daß der Bau der deutschen Arbeiterversicherung daneben 
als unbedeutendes FUckwerk zur Erhaltung eines Gerüstes erscheint." Die prak- 
tischen Vorschläge zur Neuorganisation der Fürsorge werden ergänzt durch den Moral- 
faktor. Es sprüht hier ein sozialer Idealismus, der mit voller Bewußtheit sich vom 
älteren Sozialismus lossagt und jenes neue Reformwerk der Gesellschaft ankündigt, 
das im Rahmen der heutigen Gesellschaftsordnung an der Höherbildung des mensch- 
lichen Typus zu arbeiten berufen ist. 



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